Category Archives: Klassische Lyrik

Zu Mascha Kalékos Gedichtband “Verse für Zeitgenossen”, neu aufgelegt bei dtv


Verse für Zeitgenossen besprochen beim Signaturen-Magazin.de

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Eine CD mit Gedichten von Mascha Kaléko, gesprochen von Katharina Thalbach


Solo für eine Frauenstimme Als ich heute wieder Mahlers „Dritte“ hörte,
Umfingen mich die Schatten alter Zeit,
Und auf den Schwingen der Unendlichkeit
Entfloh ich dieser Stadt und dem Getriebe,
In das Gewoge der Vergangenheit,
In das Vineta unsrer ersten Liebe.

Melancholie und sehnsüchtige Hoffnung und gleichzeitig ein Reden wie einem „die Schnauze (und das Herz) gewachsen ist“: Mascha Kalékos Gedichte sind Kur und Kür für jedes gebrochene Herz, jede Einsamkeit, das Fernweh und die Angst vor dem Verlust. Katharina Thalbach betont als Sprecherin dieser Edition vor allem das Sanfte ihrer Verse, das Langende – worunter Witz und Ironie erstaunlicherweise nicht leiden: sie blühen, natürlich ungleich zarter, weniger scharf, in ihrer Stimme geradezu auf.

Auch die Auswahl der Gedichte ist sehr gut (wobei einiges, wie etwa das wundervolle “An mein Kind” und einige spitzere Epigramme, mir persönlich zwar fehlen, aber das hat mit Vorlieben zu tun), die Essenz von Kalékos Themen, Tönen und Facetten wird durch die Auswahl ohne Frage stimmig repräsentiert. Auch die Dramaturgie, mit den Liebesgedichten am Anfang, gefolgt von des Exilgedichten und abgerundet von den Lebensgedichten, ist gelungen.

Es freut ungemein, diese CD im Schrank und auf dem Rechner zu haben, um dann und wann das ein oder andere Gedicht nicht nur zu lesen, sondern von ihm durch das Lebendige der menschlichen Stimme berührt zu werden.

Ein Gedicht trieb mir geradezu Tränen in die Augen; eines der wenigen von Mascha Kaléko, das keinen durchgängigen Reim verwendet, nichts Spitzes hat, sondern sich auf geradezu haltlose Weise einem Moment des Herzens, einem Moment jenseits des Geregelten verpflichtet; Katharina Thalbach gelingt eine über die Maßen wunderbare Interpretation dieses “Post Scriptum”, von dem das Gedicht erzählt: Das lyrische Ich, das einen Geschäfts-Brief seines Verlegers überfliegt, übersieht dies Post Scriptum fast. Es lautet:

Nun, da mein Leben sich dem Abend zuneigt
und jenes dunklen Engels Flügelschlagen
schon manche Nacht den Herzschlag übertönt,
will ich, Verehrteste, es ein Mal sagen:
Ich habe dreißig Jahre Sie geliebt.

Nun liegt ein Weltmeer zwischen mir und Ihnen.
Und immer warte ich, dass noch ein Brief,
kein Liebesbrief und doch ein Schmetterling,
in mein mit Akten tapeziertes Leben
flattert.

In diesem Sinne: Mascha Kaléko hören und lesen. Für und gegen das Herzweh, für und gegen des Engels Flügelschlag.

Die Gedichte von Erich Kästner


I – Herz auf Taille

“Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
anstatt mit Puppen zu spielen.
Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
soweit wir vor Ypern nicht fielen.”

Wir schreiben das Jahr 1928. Die Weimarer Republik hat ihre beste Zeit; die anfänglichen Probleme scheinen überwunden und noch sind der schwarze Freitag und die darauffolgende Wirtschaftskrise nicht in Sicht, um der ersten deutschen Demokratie den Todesstoß zu versetzen. In Berlin, das große Zentrum des Kulturlebens der Republik, blüht die Kaffeehausliteratur; Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler, Joachim Ringelnatz, Hermann Kesten und viele andere Geistesgrößen der Zeit schreiben und diskutieren in den beliebtesten Etablissement über Politik, Kunst, Theater und Moral.
Einer, der, gerade angekommen, in diesen Kreisen überraschend schnell Anschluss findet, ist ein junger Mann von gerade 29 Jahren. Soeben hat er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, mit Gedichten die mehrfach noch in der Zeit des Studiums in Leipzig entstanden sind. Die anschließenden 5 kurzen Jahre, die ihm noch zum produktiven Publizieren bleiben, wird er hauptsächlich in den Cafés verbringen, in denen auch weitere kritisch-bissig-geradeherausgesagte Gedichte entstehen werden. Die Rede ist von Erich Kästners, vielfach bekannt für seine wunderbaren Kinderbücher, doch nichtsdestotrotz auch einer der wichtigsten und unterhaltsamsten Dichter in deutscher Sprache.

“Du darfst dich nicht zu oft bewegen lassen,
den anderen Menschen ins Gesicht zu spein.
Meist lohnt es nicht, sich damit zu befassen.
Sie sind nicht böse. Sie sind nur gemein.”

Herz auf Taille besitzt den Schwung und manchmal auch den Unschliff erster Dichtungen, ohne deswegen je ganz zu misslingen. Ein Lyrik-Debüt, das nicht im Alter von über 35 Jahren publiziert wird, ist in der Regel immer auf die ein oder andere Art extrem und/oder in seiner Schlagrichtung überspitzt, allerdings im besten Fall auch hier und da mit einem Hang zu einer übermütigen Brillanz gesegnet. So finden sich auch in diesem Werk einige eher saloppe Gedichte, in denen die Intention hinter den manchmal bemühten Reimen etwas zurückbleibt, jedoch – es sind auffällig wenige, für ein Debüt. Dagegen findet sich so mancher Vers, der sprichwörtlich ist oder zumindest mit einer wunderbar gereimten Pointe oder Wendung daherkommt.

“Macht einen Buckel, denn die Welt ist rund.
Wir wollen leise miteinander sprechen:
Das Beste ist totaler Knochenschwund.
Das Rückgrat gilt moralisch als Verbrechen.”

Wie bereits erwähnt ist der Anteil an Dichtungen aus der Leipziger Zeit noch sehr hoch, was aber nicht besonders auffällt. Beinahe alle Gedichte haben einen kritischen, bezeichnenden Hintergrund, sind aber oft auch so etwas wie erzählte Gesellschaftsmomente. Die Mutter, die ihrem Sohn einen Brief schreibt, das Gespräch des Mannes mit der Geliebten an der Tür, das junge Liebespaar, das sich im Regen für immer verabschiedet, die Bardame, die ihre Sorgen wechselnden Zuhörern mitteilt.
Im anderen Teil der Texte wendet sich Kästner, meist nicht mehr so leichthändig, sondern mit großem Biss, direkt an den Leser (siehe Zeile über diesem Abschnitt), meist in Liedern und chansonsähnlichen Texten.

Die großen Themen der Weimarer Gesellschaft hat Kästner schon früh und vielfältig erkannt. Er, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky dürfen bis heute als die einzigen deutschen Dichter gelten, die die Instabilität der neuen Demokratie und die Gefahr, der sie sich durch äußeren Einfluss und (mehrfach) durch inneren Zerfall aussetzte, frühzeitig und umfassend erkannt und, auf ihre eigene Art, davor gewarnt zu haben. Kästner war nicht wie Brecht, der den Menschen die Wahrheit/Angst anklagend oder drohend und nach Art von Propaganda um die Ohren hauen wollte; auch Tucholskys Methode, der giftenden, meist satirischen Publizistik war nicht die seine, auch wenn er manchmal am Rande zu ihr tendierte. Nein, Kästner vertraute, auch wenn er anderes schrieb, noch so weit auf den Menschen, dass er hoffte, ihm mit Geschichten und Fingerzeigen einen Spiegel vorhalten zu können; zwar hielt er sich, was die Spiegelungen anging, mit der Wahrheit kein bisschen zurück, doch oft genug merkt man, wie er in manchen eher ruhigen und unscheinbaren Gedichtmomenten versucht, subtil ein Gefühl oder eine Beobachtung in seine Reime einzubinden, die man auch wieder herauslesen kann, um somit ein besserer, gescheiterer Mensch (oder zumindest Bürger) zu werden.

“Ich möcht es einmal nicht eilig haben.
Und morgen nicht zur Bö… zur Börse gehn.
Ich möchte wie ganz … wie ganz kleine Knaben
ganz ohne Geld vor einem Laden stehn.”

„Trefflich“ bezeichnet viele seiner Reime am besten, meisterhaft sind sie bis heute in ihrer saloppen und unterhaltsamen Lesbarkeit, die nichts Abstraktes und Geschnürtes hat.
Und: Wenn es um die (tiefgehende) Aktualität von Kästnergedichten angeht – wer daran noch zweifelt, der bekommt zuletzt noch ein vollständiges kleines Gedicht:

-Die Zeit fährt Auto-

“Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen.
Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit.
Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen.
Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken.
Der Globus dreht sich. Und wir drehen uns mit.

Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken.
Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei.
Minister sprechen oft vom Steuersenken.
Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken ?
Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.

Die Käufer kaufen. Und die Händler werben.
Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht.
Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben.
Was gestern war, geht heute schon in Scherben.
Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht.”

II – Lärm im Spiegel

“War dein Plan nicht: irgendwie
alle Menschen gut zu machen?
Morgen wirst Du drüber lachen.
Aber, bessern kann man sie.”

Unter diesem Motto hat Kästner sich lyrisch betätigt und das in einer Zeit, in der es bitter nötig war. Als Lärm im Spiegel 1929 herauskommt, kritteln bereits Wirtschaft und die gesellschaftliche Basis der Weimarer Republik und auch die politische Stabilität ist in Gefahr, extreme Gruppierungen haben großen Zulauf. Vielleicht deswegen kommt Kästners zweiter Lyrikband manchmal ein wenig überzynisch daher. Ein Jahr nach der erfolgreichen Publikation von Herz auf Taille, in dem Kästner noch klare, hellere Töne anschlug, ist er in seiner Lyrik etwas melancholischer geworden, viele seiner Figuren wirken sehr verloren, viele seiner Themen bleiben auf der ernsten Seite, jonglieren nur mit Spott. Auch sein Bild von der Rolle des Dichters hat sich nach einem Jahr im Caféhausleben von Berlin gewandelt.

“Wir spielen Harfe auf den eigenen Nerven.
Und wenn wir stöhnen, reimt sich das auch schon.
Wir lassen gern mit Steinen nach uns werfen.
Das klingt so schön. Denn Dichter sind aus Ton.”

Das Verlorensein, das Kästner zelebriert – trotz aller zynischen Heiterkeit und aller melancholischen Bedenklichkeit, wird es einem lyrisch einwandfrei serviert. Man wird von den Reimen eingefangen und gehoben und geworfen und gefangen, sie sind einfach, sachlich, aber doch immer wieder, meistens in der Endzeile, mit vielen kleinen Funken an Genialität geladen.

“Vom Fenster aus konnte man Schiffe winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.”

Es gibt die Dichter, für die ist Sprache ein Werkzeug der universellen Kreativität und bloßer Ausgangspunkt ihrer Dichtungen, nur Spielball ihrer Kräfte. Und es gibt Dichter, die sich in ihrer Sprache hervortun, weil sie einen bestimmten Aspekt dieser Sprache auf das Schönste, Genauste, Vortrefflichste für ihre Dichtung eingenommen haben; sie haben sozusagen die natürlichen Anlagen der Sprache vollendet (Schließlich ist ja auch jede Sprache eine Art Kunstwerk). Im deutschen sind Hölderlin oder Heine gute Beispiel für solche Dichter, oder auch der späte Gottfried Benn. Die Schönheit und Einzigartigkeit ihrer Dichtungen liegt in der Tiefe und/oder der Art der Möglichkeiten der deutschen Sprache selbst; sie wird bei ihnen nicht instrumentalisiert, sie wird in ihren ureigenen Möglichkeiten ausgelotet.

Auch Erich Kästner gehört zu den Dichtern, die der deutschen Sprache eine ihrer klarsten Formen und Ausprägungen geschenkt haben. Die Sachlichkeit, dem Deutschen genauso eigen wie die leichte oder schwere Musikalität, hat in der Lyrik nie eine so hohe und vollendete Spielart erreicht wie in Kästners Versen. Und natürlich ist auch die vollendete Sachlichkeit, wie alles Vollendete, nur Form, um viele verschieden Dinge zu kleiden: Wut, Trauer, Kritik, aber auch Liebe, Hoffnung und Humanität.
Zum Schluss: Auch die Poesie kommt in diesem Band nicht zu kurz und eine der Schlusszeilen die mich doch sehr angerührt hat, soll hier am Ende stehen.

“Ich hab von ihm noch ein paar Kinderschuhe.
Nun ist er groß und lässt mich so allein.
Ich sitze still und habe keine Ruhe.
Am besten wär’s, die Kinder blieben klein.”

III – Ein Mann gibt Auskunft

“Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
Herr Kästner, wo bleibt das Positive?
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.”

Misanthrop, Menschenfreund, Aufrüttler, Resignierter, Melancholiker, kritischer Zeitgenosse und guter Beobachter – all diese Titel und vielleicht noch einige mehr könnte man Erich Kästner nach der Lektüre von “Ein Mann gibt Auskunft” umhängen; doch so klar und trefflich wie hier ist er in kaum einem seiner anderen frühen Gedichtbände aufgetreten und ich halte diesen Band für seinen Besten (gleichauf mit den genialen Epigrammen aus „Kurz und bündig“). Und das nicht nur weil viele der bekanntesten Gedichten hier versammelt sind, sondern auch weil keins unter den Durchschnitt fällt und jedes auf seine Weise ein lesenswertes, eingängiges Werk ist.

“Ich setzte mich sehr gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.”

Natürlich ist Kästners sog. Gebrauchslyrik keine Luftdarbietung, aber akrobatisch kann man sie schon nennen, es sind nicht einfach nur geklopfte Reime, aus Engagement, Kritik und Skepsis gegossen. Sie haben schon ihre eigene – eine sehr unverwüstliche – Klasse und auch in manchen Versen gekonnte Genialität. Und bei aller Kritik hat Kästner doch eigentlich Worte für Vieles:

“Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschem
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr…”

Ich empfehle diesen Gedichtband allein schon deswegen, weil es ein wunderbarer Spaß ist ihn zu lesen, weil er erheitert, unterhält und es immer wieder schön ist, interessante Themen in Reimform präsentiert zu bekommen – das hat einfach einen ganz speziellen ästethischen Genußfaktor, den man nicht auf andere Weise beschwören kann. Egal ob es dabei jetzt um die Reize der Frauen, die Dummheit der Reichen, die Spiele der Kinder, die Fragen der Gesellschaft geht. Nicht zuletzt stimmt Kästner uns natürlich auch nachdenklich, oder zumindest haut er uns das noch positiv zu machende nicht leichtfertig um die Ohren.

Man sollte Kästners Lyrik wieder lesen, allein weil seine schön gereimten Kolportagen eine wahre Freude für alle sind, die den Ton des Gereimten lieben, wenn dazu noch Pointe, Wortspiel und Trefflichkeit kommen. Auch die wunderbare Einfachheit von Kästners Ansichten und Aussichten zur Weimarer Gesellschaft und dem Leben im Allgemeinen, tut der Qualität und sich aufschwingenden Ironie dabei keinen Abbruch. Und ist das nicht eine Art von vollendeter Kunst: Die einfachste und doch virtuoseste Dichtung zu schreiben, die einem Erfreuliches, Skepsis und Herzblut serviert?

“Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln.
Ihr seid nicht gut. Auch sie sind’s nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!”

IV – Gesang zwischen den Stühlen

“Die kunstvolle Machart dieser melodischen Verse ist nie recht anerkannt worden.“
Marcel Reich-Ranicki

Das Buch Gesang zwischen den Stühlen war Kästners größter finanzieller Erfolg in der Weimarer Republik und zugleich sein letzter. Kästner selbst scherzte bitter, das Buch sei gerade Recht zur Bücherverbrennung erschienen, die sechs Monate später, im Frühling 1933 stattfand; und auch Kästners sämtliche Werke wurden verbrannt. Doch vorher gingen noch ca. 12.000 Stück des Bandes über den Tisch. Viel für einen Gedichtband und doch kein Wunder, hatte Kästner doch schon mit den drei vorherigen Gedichtwerken ins Herz der Weimarer Republik gezielt und den Nerv der Zeit getroffen.

Dem letzten “sachlichen” Gedichtband Kästners merkt man schon stark die Resignation an, die von den dunklen Wolken herrühren mag, die bereits in den Jahren 1931 und -32 in Form von Naziaufmärschen und Bankenkrisen aufzuziehen begannen. Vielleicht deshalb ist es der gleichsam kopfloseste Band der vier, was ihn nicht schlechter, aber etwas ungenießbarer macht. Hier und da wird der Fingerzeig des Zynismus auch schon mal faustgroß.

“Der eine nickt und sagt: So ist das Leben.
Der andere schüttelt seinen Kopf und weint.
Wer traurig ist, sei’s ohne Widerstreben!
Soll das ein Trost sein? So war’s nicht gemeint.”

Nichtsdestotrotz sind einige der bekanntesten Gedichte Kästners, so das Eisenbahngleichnis oder auch das Gedicht “Eine Animierdame stößt Bescheid” in diesem Band enthalten. Man sollte vielleicht nicht mit ihm beginnen, wenn man Kästner als Lyriker kennenlernen will, da sollte man eher mit „Herz auf Taille“ beginnen.
Ansonsten empfehle ich Kästner uneingeschränkt!

“Auf den Schlachtfeldern von Verdun
wachsen Leichen als Vermächtnis.
Täglich sagt der Chor der Toten:
Habt ein besseres Gedächtnis!”

V – Kurz und bündig

Wenige Bücher haben mich so durchs Leben begleitet wie dieser Band mit Aphorismen und immer wieder, seit Jahren, liegt mir dieser Spruch, fast tagtäglich, auf den Lippen:

„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich
Leben ist immer
lebensgefährlich.“

Bis heute kann ich einen Großteil der 100 Epigramme aus diesem Band in-! und auswendig. Ihre Weisheit hat etwas Universelles und doch Spezielles und vor allem sehr Reales, nicht bloß Geistiges.

Seit der Lektüre halte ich Kästner für einen unterschätzten Dichter – was er hier lieferte, war ein wunderbarer, damals hochaktueller, scharfzüngiger, philosophischer und erheiternder Gedichtband.
Immer mit einer Endzeile, die quer im Hirn stecken blieb und interessante Gedanken miteinander verdrahtete, allegorisch und gleichsam reflektiert, genial gereimt, mit viel Moral, viel Humanität.

„Der Hinz und der Kunz
sind rechte Toren
lauschen offenen Munds
statt mit offenen Ohren.“

Diese beiden zitierten und 98 weiter Epigramme sind hier versammelt. Ein Band, denn man immer wieder gerne aus dem Regal zieht.

P.S.: Und nicht vergessen!

„Was auch geschieht
nie dürft ihr so tief sinken
von dem Kakao, durch den man euch zieht
auch noch zu trinken!“

VI – Die dreizehn Monate

“Die hier gesammelten Gedichte schrieb ein Großstädter für Großstädter. Er versuchte sich zu besinnen. Denn man kann die Besinnung verlieren, aber man muss sie wieder finden. Man müsste wieder spüren: Die Zeit vergeht, und sie dauert, und beides geschieht im gleichen Atemzug. Der Flieder verwelkt um zu blühen. Und er blüht, weil er welken wird. Der Sinn der Jahreszeiten übertrifft den Sinn der Jahrhunderte.”

Erich Kästners letzter Gedichtband ist ein kurzes, aber nichtsdestotrotz wunderschönes Zeugnis seines dichterischen Könnens; eine der schönsten Poesien, die ich kenne. Und vor allem ist es ein Buch, das man immer wieder lesen kann, entweder den Text passend zur Jahreszeit, oder das ganze Büchlein, auch wenn man sich mal unglücklich oder fern jeder Magie und Lebendigkeit fühlt. Es gibt nur wenige Bücher, die einem in solch einer Situation neue Flügelschläge verleihen, neue Aufwärtswinde – “Die dreizehn Monate” sind eines dieser seltenen, ausgewogenen, Lebenskraft spendenden Werke.

“Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.

Es wird, es war. Es war, es wird.
Aus Kälbern werden Rinder
und, weil’s zur Jahreszeit gehört,
aus Küssen kleine Kinder.”
-Aus dem Gedicht ‘Der Juni’-

Man mag es bedauern und ich bedaure es sehr, dass Kästner nach 1945 nur noch zwei Gedichtbände veröffentlicht hat. Aber bedauern sollte man es ja gerade nicht, denn gerade diese zwei sind mir unersetzlich geworden, die Epigramme und die dreizehn Monate, jedes einzelne Gedicht in diesen beiden Bänden.

Ich kann also jedem nur empfehlen Kästner als Dichter zu entdecken, sowohl in diesen beiden Spätwerken, als auch in den kritischen Weimarer Republik-Bänden. Nicht nur besitzt seine Lyrik eine ganz eigene Art der Genialität, sie ist auch geradeheraus, munter und trotzdem filigran. Ein lyrischer Genuss!

“Nun hebt das Jahr die Sense hoch
und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muss mähen
und wer mäht, muss säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Doch was, nun gar,
könnten ein paar
Verse vermögen, zu sehn?
Es hatte, wieder mal und wie so oft,
das letzte Wort – ganz unverhofft
jenes kleine Wort: Trotzdem.”

Walt Whitmans großartige Grashalme


“Bleibe nur diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du
sollst den Ursprung aller Gedichte erfassen!
Du sollst das Gut der Erde und der Sonne haben (Millionen
von Sonnen sind noch übrig),
du sollst die Dinge nicht mehr aus zweiter oder dritter
Hand nehmen, auch nicht durch die Augen der
Toten sehen und dich nicht nähren von den
Gespenstern in Büchern;
Du sollst auch nicht mit meinen Augen sehen, noch die
Dinge von mir empfangen,
Du sollst Horchen nach allen Seiten und sie alle durch dich selbst filtrieren!”

Ein Freund von mir (danke Holger!) brachte mich dazu noch einmal nach langer Zeit zu diesem Werk zu greifen.

Borges meinte einmal, dass jeder große Schriftsteller ein Symbol geprägt habe und auch prägen müsse, weil es ansonsten ganz unerheblich sei, ob er gut schriebe oder nicht, er würde dann die Zeit nicht überdauern: Kafkas Labyrinthe; Cervantes Gestalt Don Quijote, mitsamt Gefährte Sancho Pansa und den Windmühlen; Melvilles weißer Wal Moby Dick. Doch Borges nennt stets auch ein Ausnahme: Wald Whitman, der kein Symbol geprägt habe (außer vielleicht das Bild der Grashalme), sondern selbst zu einem geworden sei.

“Ochsen, die ihr mit dem Joch und der Kette rasselt oder
unter schattigem Blätterdach haltet, was ist es, das
ihr in euren Augen ausdrückt?
Es scheint mir weit mehr als alles Gedruckte, das ich in
meinem Leben gelesen.”

Whitman ist ein Rufer des Lebens. Dies, was uns durchpulst, unser Maß, doch aus der Aufmerksamkeit geputzt, oft verbannt aus unserer Mitte, benutzt, analysiert, systematisiert und verbogen, will er uns wieder nahebringen. “Das Alles” ruft er uns aus seinen Zeilen zu, ist das Leben, alles was an Wunderbarem zu greifen ist, in unser Nähe geschieht, jedes noch so kleine Wunder, das uns kurz umgibt, jede noch so einfache oder schwierige Tätigkeit, jeder Name, jede Periode unseres Lebens und der Ewigkeit. Whitman steht außerhalb jeder literarischen Tradition, weil er in der Tradition des Lebens wandelt.

“Alle Wahrheiten harren in allen Dingen,
sie haben’s nicht eilig mit ihrer Befreiung, noch
widerstehen sie ihr,
Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtenhelfers.
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendetwas.
(Was ist weniger oder was ist mehr als eine Berührung?)”

Die Grashalme sind Musik, sind Hymne, aber auch philosophischer Sturm, in dessen Wind das Flüstern der kleinen Wahrheiten und die große Potenz der Wirklichkeit an unser Ohr schwebt: “Die Uhr zeigt die Minute – aber was zeigt die Ewigkeit?”
Pathos ist bei solchen Gesängen ja eigentlich schwer zu umgehen; aber, o Wunder, gerade das würde man nie über die Grashalme sagen, dass sie pathetisch seien, zu sehr erkennt man sich selbst in der einen oder anderen Liebe, in dem ein oder anderen Halm. Es bleibt das Gefühl einer natürlichen, nie zu schnellen, nie zu langsamen Bewegung, die immer in die eigene Erweckung schreitet, hierhin zeigt, dies aufdeckt, jenes nacherzählt.

“Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?
Erregt denn das Tageslicht Erstaunen? Oder der
frühmuntere Rotschwanz, der durch die Wälder
zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als diese?”

Die von mir zuletzt gelesene Ausgabe beim Anaconda Verlag umfasst einige Gedichte aus den “Trommelschlägen” (dies Impressionen aus den Jahren des Bürgerkriegs, z.B. ein in Worten gemaltes Bild von Kavallerie, die ein Furt durchquert); dann, über 60 Seiten, also ein Drittel des Buches, einen Ausschnitt aus dem gewaltigen “Gesang von mir”, einem Text, halb Gesang, halb Erzählung, voller Ansichten und Verherrlichungen, voller Schönheit und immer wieder sinnlich-geistreich; des Weiteren noch viele andere, auch kleine Gedichte, meist ein-zwei Seiten lang, aus dem Spätwerk, die meist neben dem “Gesang von mir” entstanden.

“Hier oder fortan, mir ist es gleich, ich vertraue der Zeit unbedingt.
Sie allein ist ohne Unterbrechung, sie allein rundet und
vollendet alles,
Dies Mystisch verwirrende Wunder allein vollendet alles.”

Vielleicht ist dies die letzte Botschaft Whitmans: Alles vollendet sich von selbst, es hat keinen Sinn Krieg zu führen, zu hetzten, sich von irgendetwas auffressen zu lassen. Letztendlich geht das Leben seine Wege und man sollte ihnen folgen, man sollte sein Glück machen, die Augenblicke haben – seine Stimme flüstert: Das Leben ist dies alles, was versuchte außerhalb zu sein, sich davor zu retten, sich darin zu verstecken, es gibt nur dies und das ist das Großartige! Es gibt die Welt, die Welt als das Ding, dass sie ist, Geheimnis ist sie und doch so wach, so wach ist das Geheimnis, das sollten wir erkennen: und wir gehören dazu.

“Seht ihr, o meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos oder Tod, es ist Form, Einheit,
Bestimmung, ist ewiges Leben – ist Glückseligkeit.”

Anna Achmatowa – Gedichte aus “Im Spiegelland”


spiegelland   “Wie tief im Brunnen weiße Steine liegen,
Liegt ein Erinnern tief in meinem Herzen.
Ich kann nicht und ich will es nicht bekriegen:
Es bringt mir Freude und es bringt mir Schmerzen.”

Die russische Dichtung des 20. Jahrhunderts kennt viele große Namen, von denen sich viele auch untereinander kannten und gegenseitig inspiriert haben und selbst ihre Schicksale weisen ähnliche Komponenten auf, darunter oftmals Exil, Lagerhaft, Bespitzlung, Schreibverbot und sogar Ermordung. Die Grande Dame dieser verlorenen Generation russischer Dichter (das als silbernes Zeitalter gilt – das goldene war die Zeit von Puschkin) war ohne Zweifel die Dichterin Anna Achmatowa, deren Schicksal es war, die meisten ihrer Freunde und Zeitgenossen um manchmal viele Jahre zu überleben. So Mandelstam und Zwetajewa, aber auch Pasternak und Alexander Blok.

“Die einen Scherzen in der Nacht und küssen,
Die andern trinken, bis der Tag anbricht.
Mit mir verhandelt nächtens mein Gewissen,
Das klar und unerbittlich zu mir spricht.

Ich sag zu ihm: Wie lang soll ich noch tragen
Die Last von dem, was längst Vergangenheit?
Doch es erwidert: So darfst du nicht fragen,
Denn weder Raum gibt es für mich noch Zeit.”

Nachdem sie vor der Revolution (1912-1917) bereits einige Bände mit Liebes- und anderen Gedichten veröffentlicht hatte, wurde sie in Sowjetrussland schnell mit einem Publikationsverbot belegt (1923). Ihre bereits geschriebenen Verse überlebten die lange Zeit des auferlegten Schweigegebots – das, bis auf winzige Ausnahmen, bis zu Stalins Tod (1953) gelten sollte – vor allem dank ihrer Eingängigkeit und Lebensnähe in den Köpfen der Menschen; ihre Gedichte erreichten teilweise eine große Sprichwörtlichkeit.

Dieser Traum eines jeden Dichters, er war für Achmatowa gleichsam ein Alptraum, aus der düsteren Quelle der Umstände gespeist. Dieser Zwiespalt überschattete ihr ganzes Leben, auch nachdem sie wieder publizieren konnte und findet sich auch als wiederkehrendes, unterschwelliges Motiv, als eine Stimmung von Grau, in ihren späten Versen wieder.

“Verließ’ uns schlichtes Fühlen, frisches Wort –
Wär’s nicht als nähm’ dem Maler man das Sehen,
Dem Schauspieler das Sprechen und das Gehen,
Und einer schönen Frau die Schönheit fort?

Doch such nicht zu behalten deinerseits
Die Gaben, die der Himmel dir verliehen:
Wir sind verdammt – wir wissen es – zum Blühen
Und zur Verschwendung – nicht zum Geiz.”

Schlicht, bisweilen mit einem Anflug Spott, und auch manchmal nahe am Schmachten, Verzieren und Verzehren, doch eigentlich immer nur leicht bewegt, nur träumend oder weisend, kommen ihre Verse daher; ihr lyrisches Credo ist eine dünner Frist, die auf alle Worte gestrichen ist. Spürbar, unter der Oberfläche, liegen darin Sehnsucht, Abneigung, Angst und Furcht: glattgestrichen; weder Feuer, noch Eis, sondern eher Rauch, Brunnenplätschern, Schifffahrtswellen, die ungefähren Wesenheiten ihrer Dichtung. Blinzelnd vor dem Aufragen und Verschwinden betonen sie das Flüchtige, aber auch das Bleibende, das Matt-werdende.

Ihre Liebesgedichte sind heute noch lesenswert; im Spätwerk sind es jene Verse, die sich um das Schicksal drehen, ihre eigenen Händel mit dem Staat (ihr Sohn saß über 15 Jahre in einem Lager, manchmal drohte ihm sogar die Exekution) und die Portraits der Personen, Dichter und Denker, die sie schätzte, dazu die Gedicht-Zyklen und die vielen, meist unbetitelten, nach innen gekehrten Beobachtungen und Betrachtungen; letztere schwanken oft zwischen vollendeter und angeknackster Beherrschung.

“Aus Stein scheint des Himmels Bogen,
Verwundet von gelbem Glühn.
Oh, sei mir endlich gewogen,
Send ein einziges Wort über ihn.

Der mit Tau Du benetzest die Triebe,
Beleb mit der Kunde mein Herz –
Nicht für Leidenschaften und Scherz,
Für die große irdische Liebe.”

Liebe, Liebe, als ein Ding, so groß wie eine Welt, aber so abgewandt und versunken wie deren tiefste Schluchten und entlegenste Gegenden – und doch auch wieder schön; ein magischer, unfehlbarer Fall. Kaum ein Dichter hat die Liebe in so ambivalente, entsprechende und gleichsam schlichte, in so tiefe und doch so unbewegte Verse gekleidet, wie Anna Achmatowa. Jedes der Gedichte über diese Thema hat seinen eigenen Herzschlag, seine eigene Vorstellung von der Liebe, aus der Momentaufnahme der damaligen Empfindung entsprungen und wie darin gefangen; die Atmosphären in diesen Zeilen können sanft wie Wasser oder schwer wie Brokat sein, aber immer sind sie Oberfläche und Inhalt zugleich – ein schwieriger Balanceakt und ein sehr kontrastiertes Leseerlebnis.

“O zerknülle nicht, Liebster, mein Schreiben.
Nein, mein Freund, ließ es bis zum Schluss.
Ich bin’s Leid, dass ich unbekannt bleiben,
Stets die Fremde dir bleiben muss.
[…]
Dieses Lächeln schenk bewahr ich mir,
Das die Lippen kaum sichtbar bewegt;
Liebe selbst hat es in mich gelegt,
Und ich schenke es keinem als dir.”

Wenig Licht herrscht in diesen Gedichten, viel Dunkelheit, aber eine Dunkelheit, die wiederum viele ferne Lichtquellen auf sich zieht wie Sterne; als wäre sie Wein, auf den man blickt, während die Lichter eines Saales sich auf Glas und Flüssigkeit brechen und spiegeln.

“Unausgesprochene Sätze
Und Worte, nie gesagt.
Die Blicke, die sich nicht trafen,
Wissen nicht wohin.”

Man kann es heikel nennen, Gedichte aus einer Sprache (und dann noch aus der russischen Sprache, die sehr viel mehr natürliche Reime und vielfältigere Kadenzen kennt als die deutsche) in eine andere zu übertragen und dabei den Reim halten zu wollen. Immerhin hat diese Ausgabe insofern einen interessanten Mittelweg gefunden, dass sie ab und an mehrere (von 2 bis manchmal 4) Varianten einer Übersetzungen anbietet (jedoch alle gereimt).

Ansonsten ist es, im Falle von Anna Achmatowa, auf jeden Fall das kleinere Übel, denn ihre Lyrik lebt elementar von Reimen, von dem Kranz- und Kreischarakter des Verses, der sich in seinen Windungen immer wieder mit dem Ursprung verbindet. Das mag im Deutschen manchmal etwas herunterkonstruiert wirken, hat aber auch den Vorteil, dass man, trotz der Komplexität, die manchmal in der Einfachheit von ihren Zeilen liegt, über den Rhythmus und Klang doch leichter Zugang zu ihren Werken erhält.

“Weil er den Rauch Laokoon verglichen,
Die Distel an der Friedhofswand besang,
Weil alles seinem neuen Klang gewichen,
Mit dem er einen neuen Raum errang,

Ward er belohnt mit kindlichem Erfassen,
Mit der Gestirne weitem, scharfem Blick,
Die Erde ward als Erbteil im gelassen,
Doch er gab allen andern sie zurück.”
(Aus einem Gedicht über Pasternak)

Anna Achmatowa zu lesen hat viel mit Wiederlesen, mit Genaulesen und auch mit Empathie zu tun. Doch es steckt einfach auch eine Größe in ihr, unübersehbar, gleich einem riesigen Schiff, welches glatt, schwarz und langsam durch eine Landschaft in einen Hafen einfährt, vielleicht umjubelt, aber selber still, bis auf das leise Rauschen der Schiffsschraube. Innerliche und doch auch nach außen getragene Größe und aufrechte Haltung, hinter der die zarte Sehnsucht schlägt wie das Herz eines Wurmes im Kerngehäuse des Apfels. Man spürt den Herzschlag in den Zeilen.

“Man gräme sich nicht so unendlich
Und sei nicht so verschlossen, o nein! –
Um denen, die leben, verständlich
Und angelweit offen zu sein.
[…]
Das wenige, was uns gegeben,
Ist eng von der Zeit umzäunt,
Doch er wird unwandelbar leben,
Des Dichters verborgener Freund.”
(Aus einem Gedicht über den Leser)