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Zu Virginie Despentes “King-Kong-Theorie”


King Kong Theorie Virginie Despentes war schon 2006, als dieser Essayband zum ersten Mal erschien, kein unbeschriebenes Blatt. Sie hatte mit „Baise-Moi“ einen Bestselleroman (und Film) vorgelegt, in dem es u.a. um sexuelle Gewalt, abnorme Gelüste und brutale Rache ging und galt auch ansonsten als skandalumwobene Figur. „King-Kong Theorie“ schlug noch einmal in diese Kerbe, bevor es still um Despentes wurde, was sich erst nach der Veröffentlichung der großartigen Roman-Trilogie über Vernon Subutex, die ihr Preise und viel Anerkennung einbrachte, wieder änderte.

Schon die ersten Seiten dieser manifestartigen Essayaneinanderreihung haben es in sich. Despenstes nimmt von Anfang an kein Blatt vor den Mund und sagt, dass sie für die Hässlichen, die Ungeliebten, die Uninteressanten, die Durchgeknallten und Hysterischen sprechen wird. Vor allem geht es ihr aber darum, einer an den Rockzipfeln verquerer sexueller Vorstellungen hängenden Gesellschaft mal kräftig die Leviten zu lesen. Die erste Salve richtet sich gegen die Festlegung der Frau als universelles Objekt der Begierde.

es macht mich rasend, wenn man mir ständig zu verstehen gibt, dass ich als Frau, die die Männer kaum interessiert, gar nicht da sein sollte. […] Sogar heute, wo viele Romane von Frauen geschrieben werden, triffst du darin nur selten Frauenfiguren, die unscheinbar oder durchschnittlich aussehen und nicht imstande sind, die Männer zu lieben oder sich von ihnen lieben zu lassen. […] Es ist mir Wurst, ob ich Männer geil mache, die mich nicht zum Träumen bringen. […] Ich bin zufrieden mit mir, wie ich bin, eher begehrlich als begehrenswert.

Um Weiblichkeit geht es dann im Weiteren und warum diese immer noch ein Korsett ist, das (auch „ausgelebt“) so sehr mit Vorstellungen und Erwartungen zugepflastert ist, dass man darin keine echten eigenen Wege gehen kann. Weiblich sein, das wird heute zwar gerühmt, aber noch im Rühmen ist es eine Fessel, mit der nur fröhlicher gerasselt wird. Despentes sieht im Weiblichen das ewige Ausbleiben von echtem Selbstbewusstsein auf Seiten der Frauen, die mit einem falschen, als dynamisch dargestellten, weiblichen Selbstbewusstsein abgespeist werden, das mehr ein Selbstbild denn ein Selbstbewusstsein ist.

Denn um zu kämpfen und in der Politik Erfolg zu haben, müssen wir tatsächlich bereit sein, unsere Weiblichkeit zu opfern, weil wir bereit sein müssen, uns zu schlagen, zu triumphieren, unsere Macht auszuspielen. Wir müssen aufhören sanft, freundlich, diensteifrig zu sein, wir müssen uns erlauben, den anderen öffentlich zu dominieren.

Die anderen, das sind die Männer, die partout selbst die schönsten, besten, progressivsten Diskurse und Ideen an sich reißen, einfach weil sie andere dominieren, wenn es ihnen in den Kram passt, wenn sie es können. Bei Frauen dagegen wird solches Verhalten als hysterisch, hyperbolisch, keifend, kalt, unverhältnismäßig etc. wahrgenommen.

Frauen genießen sozusagen den Vorzug, edle Wesen zu sein, nur, dass dieser Titel keine echten und jede Menge Scheinvorteile bietet. Frauen werden idealisiert (die schönsten, mächtigsten, intelligentesten von ihnen, die Schatten auf alle anderen werfen) und sie werden mit lauter Zuschreibungen versehen und davon abweichendes Streben wird entweder verharmlost oder verurteilt. Die hohen Ansprüche, die an Frauen in der Gesellschaft gelegt werden, lassen jeden Fehltritt oder jede Eigenheit zu einem Fehler, einer „Sünde“ werden. Die „edlen Wesen“ sind nicht ausgezeichnet durch, sondern gefangen, gebannt in den hohen Standards, die ihnen als Identität verkauft werden.

Männer verurteilen die Vergewaltigung. Deswegen ist das, was sie tun, immer etwas anderes. […] Hört endlich auf, uns einzureden, die sexuelle Gewalt gegen Frauen sei ein neues oder irgendeiner bestimmten Gruppe eigenes Phänomen.

Im nächsten Kapitel geht es um noch härteren Tobak. Hier spricht Despentes, teilweise aufbauend auf dem ersten Teil, über Vergewaltigungen: warum man nicht darüber spricht, warum sie ein Tabu sind, warum Frauen bis heute größtenteils damit alleingelassen werden – und schildert dann eine Vergewaltigung, die sie selbst erlebt hat. Schildert, warum sie sich nicht wehrte, und wie sie in diesem Moment Teil eines gesellschaftlichen Konstruktes, einer gesellschaftlichen Gewalt wurde, die sie, zusätzlich zu den Ereignissen, überwältigte.

Von dem Augenblick an, da ich kapierte, was uns geschah, war ich überzeugt, dass sie die Stärkeren waren. Eine mentale Sache. Inzwischen bin ich überzeugt, dass ich anders reagiert hätte, wenn sie uns unsere Jacken hätten klauen wollen. Ich war nicht tollkühn, aber oft leichtsinnig. Doch in dem Moment fühlte ich mich als Frau, widerwärtig als Frau, wie ich mich nie gefühlt hatte, wie ich mich nie mehr gefühlt habe. […] Ich bin wütend auf eine Gesellschaft, die mich erzogen hat, ohne mir je beizubringen, einen Mann zu verletzen, der mir mit Gewalt die Beine spreizt, während die gleiche Gesellschaft mir eingetrichtert hat, dass es sein Verbrechen sei, von dem ich mich nie wieder erholen dürfe.

Despentes beschreibt die Vergewaltigung als beides: als furchtbare Erfahrung, aber auch als eine, über die sie hinwegkommt; die sie zwar immer wieder einholt, die aber nie bestimmt, wie sie mit Sexualität und Macht und Ängsten umgeht. Sie verharmlost das Erlebnis nicht, fädelt es minutiös auf – und gerade dadurch bekommt es etwas gleichsam Gewöhnliches UND Schreckliches. Was genau die Dimension ist, die Vergewaltigungen in den meisten Gesellschaften immer noch haben. Sie geschehen nämlich täglich, in jedem Krieg, in der Ehe, unter Bekanntschaften, unter Liebenden, in Arbeits- und Geschäftsverhältnissen. Und sind doch eine der schlimmsten Gewalttaten, die man sich vorstellen kann. Weswegen sie ja auch verurteilt werden. Nur reden sich Männer halt sehr viel zurecht, wenn es um den Willen oder die Wünsche der Frau zum/beim Sex geht.

Kurz überlegt Despentes, warum es nicht schon längst ein Gerät gibt, das eine Frau sich in die Vagina einsetzen kann und das jeden unerlaubt eindringen Penis zerfetzt.

Aber vielleicht ist es ja gar nicht wünschenswert, das weibliche Geschlecht für gewaltsames Eindringen unerreichbar zu machen. Eine Frau muss offen bleiben und ängstlich. Wie sonst sollte sich Männlichkeit definieren? […] Die Vergewaltigung, diese verdammte Tat, von der niemand sprechen darf, vereint in sich eine ganze Reihe grundlegender Glaubenssätze über die Männlichkeit.

Am schlimmsten, so sagt sie, ist, dass sie manchmal Vergewaltigungsphantasieren hat, für die sie sich schämt, die sie aber verfolgen. Sie sieht darin keinen wirklichen Wunsch nach dem Akt der Vergewaltigung, sondern einen gesteigerten Ausdruck ihres Wunsches nach Dominanz, den ihr die Gesellschaft, die sexuellen Normen, eingetrichtert haben; ihre Lust muss immer in der Ohnmacht, im Genommenwerden, im passiven Aufnehmen liegen.

Auch in den folgenden Kapiteln tut sich Despentes weiter in brisanten und heiklen Themen um. Oft sind ihre Thesen steil, aber nie ohne Biss, voller Ecken und Kanten, an denen man sich stößt. Zur Sex-Arbeit, die sie eine ganze Weile ausgeübt hat, berichtet sie vor allem Positives und spricht über die Faszination, sich selbst und seinen Körper als Objekt zu begreifen – also nicht objektifiziert zu werden, sondern diesem Prozess sozusagen zuvorzukommen, selbstbestimmt.

Ich war die Hüterin eines wild begehrten Schatzes […] der Zugang zu meinem Körper erhielt eine extreme Bedeutung […] Mein Körper war ein riesiges Spielzeug geworden.

Despentes macht klar, dass sie nicht versteht, warum Frauen nach wie vor stigmatisiert werden, wenn sie ihren Körper verkaufen, während Männer, die Körper kaufen, kein bisschen stigmatisiert werden. Sex soll also etwas sein, dass Männer wollen, Frauen aber ungern geben, oder nur aus Liebe, nicht gegen so etwas Niederes wie Geld (das erst wieder zu einem hohen Gut wird, wenn der Mann es nach Hause bringt)?

Keine Frau darf aus sexuellen Diensten außerhalb der Ehe Gewinn ziehen. Sie ist keinesfalls erwachsen genug für die Entscheidung, ihre Reize feilzubieten. […] Sie sind immer Opfer.

Auch auf Pornographie kommt sie zu sprechen und bietet hier ebenfalls einen eigenwilligen Blickwinkel. Pornographie ist für sie einerseits ein wichtiges Ventil für unsere Phantasien, andererseits liegt in ihr dasselbe Problem, wie in allen Fiktionen: wenn man anfängt, sie eins zu eins für voll zu nehmen, auf die Wirklichkeit zu übertragen (vor allem die Fiktionen, die unterhalten wollen), dann werden daraus Illusionen, falsche Vorstellungen, gefährliche und hartnäckige.

Man verlangt zu oft vom Porno, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein. Als wäre er kein Kino mehr. Man wirft zum Beispiel den Schauspielerinnen vor, ihre Lust nur zu spielen. Aber gerade dafür sind sie da, dafür werden sie bezahlt, das haben sie gelernt.

Natürlich ist Pornographie ein sehr heikles Thema und die teilweise horriblen Arbeitsbedingungen hat Despentes etwas zu wenig im Blick. Despentes plädiert für einen aufgeklärten Umgang mit Pornographie wie auch schon vorher mit Sexarbeit und Vergewaltigung. Die Stigmatisierung und das Tabu sind ihrer Ansicht nach dafür verantwortlich, dass es bei diesen Themen zu wenig Bewegung gibt, sich zu wenig ändert, zu wenig debattiert und gefordert wird, zu viel Misstrauen und Vorurteile herrschen.

Sex, Sex, Sex. In Despentes Buch geht es viel darum und doch ist kaum ein Deut davon erfreulich und damit stellt sie sich, sehr erfolgreich und bemerkenswert, wie ich finde, gegen den ewigen Strom der positivistischen Sexualbücher, Filme, und sonstigen sexualisierten Medien. Natürlich ist Sexualität, einvernehmlich und mit entsprechender Rücksichtnahme und Vorsicht gelebt, etwas sehr Schönes. Aber es wird zu wenig gesprochen über die Versäumnisse und Tabus, die es hier immer noch gibt. Und das sind eben nicht Analsex oder Fisting, Gang-Bangs, etc.

Nein, vielmehr wird zu wenig darüber gesprochen, dass Sexualität noch immer und oft viel mit Gewalt zu tun haben kann. Dass Sexualität immer noch ein Machtinstrument ist, nach dem Geld sicher das Einflussreichste. Und dass die Darstellung von Sexualität bei aller Aufgeklärtheit noch immer fadenscheinig und sehr monokulturistisch sein kann.

Despentes, um nur ein Beispiel zu nennen, spricht zum Beispiel über den weiblichen Orgasmus, der als Errungenschaft gepriesen, aber längst nicht so gelebt wird, werden kann. Denn:

Von einer Möglichkeit wurde der [weibliche] Orgasmus in einen Imperativ verkehrt.

Für eine Frau muss der Orgasmus plötzlich ein Ziel sein und sie muss zum Orgasmus kommen können, muss sich auf den Mann soweit einlassen, damit er sie zum Orgasmus bringen kann. Zwang statt Freiheit.

Despentes Buch ist ein Sammelsurium, ein Schwall, eine Tirade voller Traktate; eine vielleicht nicht immer ausgewogene, aber dennoch großartige Auseinandersetzung mit den blinden Flecken des sexualisierten Zeitalters. Wen einige der angedeuteten Themen interessieren, dem kann ich nur empfehlen, sich mit Virginie Despentes Essays auseinanderzusetzen und sich geistig mit ihnen zu messen; sie vermag es, einiges vom Kopf auf die Füße zu stellen. Sie hat sicher nicht immer Recht, aber sie zwingt die Leser*innen unerbittlich, sich mit der Fragilität von Sexualität auseinanderzusetzen. Denn das ist Sexualität auch: nicht nur kraftstrotzend, vital, hedonistisch, glänzend und eruptiv, sondern auch fragil, widersprüchlich, hässlich, schwierig, eigensinnig. Davor die Augen zu verschließen bringt nichts. Wir müssen miteinander darüber reden, egal wie sehr versucht wird, Normen wie Gräben zwischen uns zu ziehen.

Traditionell sollen sich Frauen und Männer nicht verstehen, verständigen und miteinander aufrichtig sein. Diese Möglichkeit ist offenbar beängstigend.

Zu Jessa Crispins “Warum ich keine Feministin bin”


warum ich keine feministin bin „Ich kann mich keinem Feminismus verbunden fühlen, der sich gedankenlos auf »Selbstermächtigung« fixiert, ohne die Unternehmenskultur restlos zerstören zu wollen, einem Feminismus, dem es genügt, für einen hohen Prozentsatz an weiblichen Vorstandsvorsitzenden und Militäroffizieren zu sorgen, aber weder intensives Nachdenken noch Unannehmlichkeiten oder echte Veränderungen verlangt. […] Wenn ich mich nicht als Feministin bezeichnen darf, ohne versichern zu müssen, dass ich weder wütend bin noch eine Bedrohung darstelle, dann ist dieser Feminismus ganz bestimmt nichts für mich.“

Jessa Crispins Buch wartet schon im Titel mit einem Widerspruch auf: „Warum ich keine Feministin bin – ein feministisches Manifest“. Dieser Widerspruch ist natürlich ein kalkulierter, der signalisieren soll: ich kritisiere zwar die Bewegung, aber ich bin keine Nestbeschmutzerin, keine Abweichlerin, mir liegt die Sache an sich schon am Herzen. Der Titel suggeriert außerdem, dass Crispin es u.a. auf Begrifflichkeiten abgesehen hat, vor allem den Begriffskomplex „Feminismus/Feministin“.

Gibt es den „einen“ Feminismus? Selbstverständlich nicht. Das ist einer von Crispings Hauptkritikpunkten: dass ihrer Ansicht nach viel zu viel Zeit damit vergeudet wird, die Grenzen dessen zu definieren, was feministisch ist, wer sich als Feministin bezeichnen darf und wer nicht. Gleichzeitig sieht sie den Feminismus als unbequeme, konstruktive, progressive Bewegung bedroht. Er wird ihrer Meinung nach aufgeweicht von allzu hipp-braven Vorstellungen, teilweise entkernt durch eine Kommerzialisierung, die ihn letztlich entradikalisiert.

Die Gefahr, so meint sie, ist, dass eine Welt entsteht, in der das Patriachat nicht abgeschafft, sondern lediglich infiltriert wird. Es wird nicht mehr das System dekonstruiert und attakiert, stattdessen werden lediglich Freiräume innerhalb des Systems geschaffen. So entsteht ihrer Meinung nach eine Welt

in der das Konzept der persönlichen Entscheidungsfreiheit den Versuch ersetzt, begreifen zu wollen, unter welchem Druck Frauen politisch und sozial stehen. […] wir müssen aufhören, Wertschätzung seitens des Patriachats zu erwarten. Wir müssen uns vielmehr eingestehen, dass Erfolge innerhalb dieses Systems verdächtig sind.

Crispin will ein Ende des Systems. Die große Schwäche ihres Buches ist, dass sie neben vielen Kritikpunkten an einigen derzeitigen feministischen Debatten und Weltanschauungen (und den Atmosphären in diesen), kaum Möglichkeiten präsentiert, wie solch ein Ende vonstattengehen soll. Ihr Buch diagnostiziert aggressiv – teilweise, finde ich, mit schiefen Vergleichen und etwas vereinfachten, teilweise pauschalen Urteilen – aber sobald es um Mittel und Wege geht, gleicht ihr Schreiben plötzlich einem pathetischen Aufruf, einem nebulösen Appell an Altruismus und Gemeinsamkeiten.

Der Fokus verschiebt sich weg von der Gesellschaft hin zum Individuum […] Ich glaube, dass das Ziel der meisten immer schon die Teilhabe am System war, nicht dessen Zerstörung.

Wobei sie ja nicht ganz Unrecht hat: das Individuum wird in den westlichen Gesellschaften derzeit so hoch im Kurs geführt, dass manche gesellschaftlichen Gefüge dadurch einer Zerreisprobe nah sind; ob das gut oder schlecht, wichtig und notwendig oder übertrieben und vermeidbar ist, kann man diskutieren. Aber es ist definitiv kein Problem, dass man einfach dem Feminismus überstreifen kann.

Generell scheint Crispin den Feminismus einerseits an seine Wurzeln erinnern zu wollen (sie kritisiert u.a. die häufig in feministischen Diskursen der dritten Welle auftretende Verdammung radikaler Autorinnen und Aktivistinnen, wie bspw. Andrea Dworkin oder Kate Millett, von deren Werken man sich distanziert oder die man für fehlgeleitet erklärt), andererseits will sie ihn zu einer universellen Bewegung machen, an deren Ende eine bessere Gesellschaft steht. Beide Ansätze haben Potenzial und könnten in einer umfassenden Studie vielleicht sogar verknüpft werden. Hier stehen sie etwas disparat.

Das Zeitalter der Dominanz muss durch ein Zeitalter der Kooperation, nicht der Spaltung abgelöst werden. Das ist nur möglich, wenn wir mit einem Gespür für die uns gemeinsamen Verpflichtungen aufeinander zugehen, nicht mit überzogenen Vorstellungen davon, was uns zusteht.

Gemeinsam und tatkräftig – so könnte man Crispins Vision zusammenfassen. Sie will keine Etappensiege, bei denen auf der einen Seite ein Sexist im Licht der Öffentlichkeit deklassiert oder auf der anderen Seite eine Frau Präsidentin wird, sie will keinen Wettkampf, sondern ein Ende des Wettkampfs. Eine Revolution, nach der alle zusammenfinden und nicht einfach nur neue Anführer*innen gewählt werden.

Während diese Vision universell ist, hatte ich zumindest den Eindruck, dass einige ihrer Kritikpunkte nicht auf der Höhe der Zeit sind (zumindest nicht in Europa, vielleicht ist der amerikanische Diskurs ein bisschen anders). Bspw. wenn sie schreibt:

Nie war der Druck so groß, ein ganzes Leben sexuell verfügbar zu bleiben. Weibliche Prominente, die ihr Figur halten und nach vielen Jahren immer noch heiß aussehen, werden als feministische Role Models gepriesen.

Ich maße mir nicht an zu glauben, dass ich weiß, wie sehr ein solcher Druck auf Frauen in heutigen europäischen Gesellschaften lastet und sicher sind Body-Shaming, Körperkult und die als Obsession suggerierte und als großer Glückshort verehrte unbedingte Fixierung auf Sexualität weiterhin problematische Züge in unseren gesellschaftlichen und kulturellen System und Konstrukten.

Aber ich habe bei den Begegnungen und Diskussionen in meinem Freund*innenkreis (und darüber hinaus) schon das Gefühl, dass viele dieser Mechanismen zwar längst nicht überwunden sind, aber durchaus durchschaut werden von vielen Menschen, auch denen, die nicht mit beiden Beinen auf feministischen (oder feministisch inspirierten) Standpunkten stehen. Bei einigen Punkten bin ich dagegen sicher, dass die meisten Feminist*innen sich dieser Problematiken durchaus bewusst sind. Beispiel:

Will man eine geeinigte feministische Front aufbauen, ist auch Folgendes Teil des Problems: Im Allgemeinen ist die Durchschnittsfeministin eine gebildete weiße Frau aus der Mittelschicht.

Ich glaube nicht, dass sich die Problematiken, die Crispin anspricht, eins zu eins auf europäische Verhältnisse übertragen lassen; andererseits kann ihr Buch nicht ganz als „amerikanisches Problem“ abgestempelt werden. Mit einigen Kritikpunkten stellt sie sich klar gegen – von ihr als virulent empfundene – Phänomene und Erscheinungen in vielen feministischen Bewegungen, zum Beispiel gegen das Gerede über alte weiße Männer:

Wenn wir jemanden abqualifizieren, weil er ein weißer alter Mann ist, sinken wir auf das Niveau von Ideologen. Wenn dieser weiße männliche Sündenbock gleichbedeutend wird mit langweilig, privilegiert und mittelmäßig, denken wir nicht mehr nach, sondern wiederholen nur noch Stereotype.

Ein Denken, das sich langsam aber sicher Scheuklappen überstülpt, so charakterisiert Crispin die Dynamiken in derzeitigen feministischen Diskursen und Zielen. Sie macht es sich an vielen Stellen etwas zu einfach und hüpft manchmal von einem Thema ins andere, argumentiert nicht immer schlüssig und stringent. Ihre Ansprüche sind groß, ihre Beobachtungen teilweise unpopulär und interessant, teilweise vorschnell und bedenklich. Und manchmal alles auf einmal:

Mit den Behinderungen, Diskriminierungen und Diffamierungen, der Gewalt und dem Schmerz, den wir erfahren haben, rechtfertigen wir, dass wir uns jetzt nehmen, was wir wollen, ohne je zu hinterfragen, warum wir es wollen.

Als kritischer Kommentar zu feministischen Diskursen ist dieses Buch sicherlich keine schlechte Lektüre, sofern man die Thesen nicht einfach schluckt, sondern hinterfragt, ja sogar dekonstruiert und/oder auf die Füße stellt. Crispins Kritik an der Kommerzialisierung, Verharmlosung und Vereinfachung feministischer Ziele ist nicht ganz unberechtigt (wobei nicht der Feminismus an sich, sondern lediglich einige Feminist*innen von dieser Kritik betroffen sind).

Vieles andere biegt sie sich zurecht. Ihr Buch ist eben kein Manifest, sondern ein Sammelsurium, eine Polemik, ein Katalog von Sachen, die sie immer schon mal sagen/kommentieren wollte, egal, ob das nun unter einen Hut passt oder nicht. Das nervt teilweise.

Es sollte noch erwähnt werden, dass sich ihr Buch vor allem an Frauen richtet. Männer, so meint sie, sollten sich um ihre eigenen Probleme kümmern und Frauen sollten sich nicht den Kopf über Männer zerbrechen, sich an ihnen abarbeiten, sondern ihre einzigartige Position und Rolle nutzen.

Heute befinden sich Frauen in einer einzigartigen Position. Wir sind halb drin. Wir befinden uns auf beiden Seiten der Dynamik zwischen Mächtigen und Machtlosen. Eigentlich müsste es ganz einfach sein, dieses Mistding zu zerstören, wenn wir nur an beiden Seiten kräftig ziehen.

Zu den Reden von Michael Köhlmeier


erwarten sie nicht

Es war eines der wenigen Ereignisse, die mir in den letzten Jahren wirklich Mut gemacht haben: Michael Köhlmeiers Rede in der Wiener Hofburg am 04. Mai 2018. Da sprach ein Schriftsteller – kein/e politische/r Kabarettist/in im Gewand der Ironie, kein/e NGO-Vertreter/in aus der Opposition, sondern ein Künstler aus der Mitte der Gesellschaft – offen gegen die Verhältnisse, gegen die politische – und indirekt auch gegen deren Verlängerungen in der gesellschaftlichen – Kultur. Und fast noch wichtiger als das Thema seiner Rede (die Geschichtsvergessenheit der aktuellen österreichischen Regierung, ihre fragwürdigen Verlautbarungen und jüngsten Maßnahmen) war ein Satz, der nun dieser Sammlung mit neun Reden als Titel dient.

„Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“, sagt Köhlmeier in der Rede. Dieser Satz war an die Regierenden gerichtet, aber er ist deswegen so schneidend, weil er sich darüber hinaus auch an die Regierten richten konnte. Dummstellen (auch als Synonym für Wegschauen) hat in unserem Informationszeitalter und in unseren Wohlstandsgesellschaften Hochkonjunktur – oft ist der Grund Ignoranz, manchmal auch Überforderung, Kapitulation. Wer sich dumm gibt, seine Dummheit schützt und pflegt, der kommt mit bestimmten Debatten nicht in Berührung und kann glauben, er hätte mit vielen Dingen nichts zu tun. Kenntnis zieht die Frage des Verhaltens, der Position nach sich, keiner kann sich dieser Konsequenz entziehen (und es wird oft versucht, meist durch Leugnung oder Verdrehung der Kenntnis).

Köhlmeier ergriff die Gelegenheit zu zeigen, wie das ist, wenn man sich in der Öffentlichkeit, bei einem offiziellen Anlass, nicht dumm stellt, sich nicht servil gibt. Es war Stefan Zweig, der einmal gesagt hat: „Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“ Ob er damit nun recht hatte oder nicht, Köhlmeiers Rede entsprang eben nicht der Geltungssucht, sondern der Gelegenheit. Er nutzte sie und mahnte.

„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“

Seine Rede war dennoch keine Kampfansage und auch die übrigen Reden sind es nicht. Es sind Lektionen in Aufmerksamkeit, Menschlichkeit, Lehrstücke gegen das Vergessen, Elegien der Dialektik – und natürlich ein Stück weit das, was gute Literatur immer ist: Mittel gegen die Scheuklappen und die Ausreden der Ignoranz, gegen die Einseitigkeit.

Zum Beispiel jene Rede, die er 2014 bei der Verleihung des Humanismus-Preis hielt. Eine eher kurze Rede, in der er nach der Grundlage für humanistisches Verhalten fragt und auf den letzten Gesang der Ilias von Homer zu sprechen kommt. Dort schleicht sich Priamos, der König von Troja, in das Lager der Griechen, ins Zelt des Achilles, um ihn um den Leichnam seines Sohnes Hector zu bitten, den Achilles vor kurzem erschlagen hat. Der trauert noch um seinen Freund Patroklos, der wiederum von Hector erschlagen wurde. Als sie sich begegnen, erkennen sie, dass gerade sie den Schmerz des jeweils anderen am besten verstehen können.

„Sich des anderen zu erbarmen heißt, das gemeinsame Los aller Sterblichen an sich selbst zu erfahren“

Auch als Redner hält Köhlmeier an den Werten und der Aufgabe des Schriftstellers, des Erzählers fest. Was u.a. heißt: nicht nur den Spiegel vorhalten, sondern auch in ihn hineinschauen; den Spiegel nicht aus Eitelkeit ergreifen, sondern weil er etwas birgt, was wir normalerweise nicht zu Gesicht bekommen, mit dem wir selten konfrontiert werden. In einigen Reden spricht Köhlmeier über das Erbe des 20. Jahrhunderts, darüber wie sich Apathie und Schrecken angenähert haben, verschmolzen sind – so fest mittlerweile, dass sie kaum noch zu trennen sind.

„Wir sind begriffslos, seit wir das Böse nicht mehr von dem unterscheiden können, das uns ansieht, wenn wir in den Spiegel schauen.“

Köhlmeier erzählt von seiner Mutter und von dem Gegensatzpaar Leben und Historie. Er spricht über Toleranz und Individualität, über Empathie und Verdrängung. Er redet über Verbrechen und er redet über die Schönheit. Und alle seine Reden weisen uns, unter der Hand, an, uns nicht nur unserer Feinde zu vergewissern, sondern vor allem dem, was wir bewahren und bewirken wollen. Thomas de Quincey schrieb: „Feinde glauben, einander zu kennen. Es besteht die Gefahr, dass sie diesen Kenntnissen irgendwann mehr Bedeutung beimessen als den eigenen Erfahrungen.“ Sich nicht dummstellen will gelernt sein, aber ebenso, zu erkennen, dass die Wirklichkeit komplexer ist als der eigene Einblick in den Verlauf der Dinge.

Und gegen wen wir kämpfen darf nie verdrängen wofür wir kämpfen. Hier hat Köhlmeier in einer Rede eine schöne Anekdote parat:

„Mitten im Krieg gegen Hitler wurde im britischen Unterhaus der Antrag gestellt, das Kulturbudget zu kürzen. Churchill, Premierminister und Verteidigungsminister, empörte sich dagegen: „Wofür kämpfen wir denn?“, soll er ausgerufen haben. Und der Antrag war vom Tisch.“

Zu Ralf Georg Reuths “Kurze Geschichte des Zweiten Weltkriegs”


kurze geschichte des 2. weltkrieges Ralf Georg Reuth hat eine “Kurze Geschichte des Zweiten Weltkriegs” verfasst. Ist aber nicht schon wirklich genug über diese sechs Jahre geschrieben worden? Es gibt riesige Wälzer über Stalin und Hitler, es gibt andere Wälzer mit detaillierten Analysen der einzelnen Feldzüge, Analysen und Beweise der Kriegs- und Zivilverbrechen, Guido Knopp und andere haben Zeitzeugen befragt, Historiker haben über den großen Rahmen, den Krieg der Ideologien, geschrieben. Und wer will, der kann sich tagelang Fernseh-Produktion zum Dritten Reich und dem Krieg anschauen. Was bleibt da noch zu tun?

Nun, viele der erwähnten Publikationen sind selbst (freiwillig oder unfreiwillig) Teilnehmer an einem Konflikt, einem Kampf um die Deutungshoheit –s denn bei kaum einem historischen Ereignis gibt es so viele unterschiedliche Ansätze, so viele Fokusse vor allem. In welchem Licht soll man den Zweiten Weltkrieg und seine Akteure betrachten, vor allem was die größeren Zusammenhänge und die Absichten angeht?

Ralf Georg Reuth wirft dieses Licht in seiner Zusammenfassung vor allem auf Adolf Hitler, er ist für ihn die Schlüsselfigur, und sein Buch ist eine Analyse von Hitlers Entscheidungen und in vielen Teilen eine subtile Dekonstruktion von dessen Nimbus. Er stellt ihn nämlich nicht mit jener Ehrfurcht dar, die selbst die kritischen Biographien lange Zeit irgendwie mitgetragen haben, die in jedem Spiegel-Sonderheft-Artikel immer noch mitschwingt und die hinter den tausenden Einzelpublikationen Pate stand. Vielmehr zeigt er Hitler als einen Mann, der permanent in Illusionen gefangen war und der nicht von ihnen lassen konnte – und dessen militärische Erfolge zumeist Glückstreffer waren.

Reuth verharmlost den Diktator keinesfalls, auch seine Talente beim Reden und die bezwingende Energie seiner Präsenz, seine Wirkung auf die Massen, stellt er nicht in Abrede. Nur schreibt er dies alles ganz klar dem Wahnhaften seines Wesens zu und nicht irgendeiner Form von Größe oder Finesse.

Mit Hitler im Mittelpunkt, der lange seiner Vorstellung von einem Bündnis mit Großbritannien alles unterordnete und auch ansonsten völlig unrealistische Bündnisse zustande bringen wollte, führt uns Reuth durch die militärischen Ereignisse des 2. Weltkriegs. Er fasst das meiste gut zusammen und bringt viele kleinere Randnotizen zur Geltung (bspw. mit wem Hitler sich bzgl. seiner meist scheiternden Bündnis- und Kriegspläne trifft), die neue Einblicke erlauben, führt ebenso ohne Scheu den Irrsinn und die Absurdität vieler Aspekte vor Augen. Manchmal gefällt er sich, so kommt es mir vor, ein bisschen zu sehr in seiner Rolle als Zusammenfasser und Aufdecker. Aber dies sei ihm verziehen.

Diese neuste, zusammenfassende Publikation zum 2. Weltkrieg ersetzt natürlich nicht die vielen breiteren Werke und Analysen, aber ergänzt sie wunderbar und kann gut für sich stehen. Wer eine kluge, undramatische und nicht allzu aufs Militärische versessene Geschichte des 2. Weltkriegs sucht: Voila.

Zu Florian Hartlebs “Einsame Wölfe”


Einsame Wölfe “Einem Einzeltäter traut man es scheinbar [anscheinend! – Anmerkung des Rezensenten] nicht zu, sich ohne direkte Anbindung an eine Gruppe zu radikalisieren und danach unter dem Denkmantel von politischem Fanatismus in Eigenregie loszuschlagen – als Ultima Ratio. […] Die Bezeichnung ‘Einzeltäter’ steht in diesen Fällen lediglich für die konkrete Tatplanung. Sie verneint nicht, dass die einschlägige Gewalt- und Ideologiefixierung der Täter Ursachen hat, dass ihre Taten Folge von Kommunikation und Interaktion mit Gleichgesinnten sein können und dass die Akteure sich angesichts von zunehmender Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft und des damit einhergehenden Diskurses motiviert fühlen. […] Sie wollen in erster Linie eine ethnische Minderheit im eigenen Land ins Mark treffen und stellvertretend die Gesellschaft als Ganzes. Gerade die Opferwahl unterscheidet den Rechtsterrorismus von anderen Varianten des Terrors – vom Linksterrorismus, der sich gegen Symbole des Kapitalismus richtet, und vom islamistischen Fundamentalismus, der den Westen und ‘Andersgläubige’ ins Visier nimmt. […] Dieses Buch will die längst notwendige Auseinandersetzung mit dem neuen rechten Terrorismus anstoßen, der gerade nicht importiert ist, sondern mitten unter uns entsteht.”

Einer der schlimmsten Terrorakte des 21. Jahrhundert wurde von einem rechtextremistischen Täter verübt: am 22. Juli 2011 zündete Anders Breivik im Regierungsviertel von Oslo eine Bombe und erschoss anschließend 67 Menschen auf der Insel Utøya. Obwohl er zu einigen rechtsextremen Gruppen Kontakt hatte, plante er die Tat allein und führte sie auch allein aus. Genau fünf Jahre später erschoss der 18 jährige David Sonboly neun Menschen (die meisten mit Migrationshintergrund) im Olympia-Einkaufszentrum in München; auch er war ein Einzeltäter, der fast ausschließlich via Internet seine rechtsextremen Kontakte pflegte.

U.a. diese beiden miteinander verwobenen Terrorakte nimmt Florian Hartleb zum Anlass, in seinem Buch von einem Terrorismus der „einsamen Wölfe“ (von rechts) zu sprechen und ihn als eine der großen Gefahren unserer Zeit zu bezeichnen. Die Figuren, auf die er sich im Folgenden konzentriert (es sind etwa ein Dutzend konkrete Fälle) haben allesamt rassistisch oder ideologisch motivierte Straftaten begangen – von Amokläufern unterscheidet sie, dass nicht die persönliche Kränkung, sondern eine rechtsextreme Gesinnung, ein Weltbild oder ideologische Überzeugungen der Antrieb für die Taten waren; im einen Fall haben die Täter eine Sendungsauftrag, im anderen geht es ihnen nur um die Aufhebung ihrer Kränkung.

“Während bei islamistischen Tätern die Ideologie als zentraler Erklärungsansatz gilt, wird bei rechten Tätern die rassistische Gesinnung oft als Nebenaspekt abgetan.”

Hartleb durchleuchtet auch, in aller Kürze, die Ursprünge des rassistisch motivierten Terrors, die Standardwerke und Leitmotive dieser Szene, kommt auf den NSU und andere Formen des Terrors zu sprechen. Sein Buch ist ohne Frage ein wichtiger Beitrag und es weiß über weite Strecken mit seiner These zu überzeugen. Schwieriger wird es, wenn Hartleb die Psyche der einzelnen Täter zu analysieren beginnt – dabei häuft er teilweise zu viele Details an, manche davon werden einfach mal so in den Raum gestellt, manche genauestens hinterfragt; mitunter verirrt man sich in diesen Details und auch wenn Hartleb durch seine Darstellungsweise einen vielschichtigen Eindruck gewährt, wäre es doch besser gewesen, wenn er manchen Passagen ein einheitlicheres Narrativ gegeben hätte oder sie klarer sturkturiert hätte.

“Einsame Wölfe sind Teil eines globalisierten Rechtsterrorismus, eines virtuellen Netzwerks, in dem potenzielle Täter miteinander verbunden sind.”

Hartleb deckt einige klare Versäumnisse der Behörden auf und fördert Erschreckendes über die Vernetzung von Extremisten untereinander zutage. Sein Buch ist erfreulicherweise selbst kaum ideologisch aufgeladen, ihm geht es um die fehlende Auseinandersetzung und die Wichtigkeit seines Themas, nicht um die Einrichtung einer Front im Bedeutungskampf Rechtsterrorismus vs. islamistischer Terror (Julia Ebner hat in ihrem Buch „Wut“ eh schon gezeigt, wie wesensgleich diese beiden Extremismen sind).

Als Schlaglicht und übersichtlicher Einstieg taugt dieses Buch ganz wunderbar, zum Standardwerk dagegen nicht, dafür deckt es nicht genug ab, lässt einige Wege unbeschritten. An seinem Umfang gemessen ist es dennoch ausgesprochen informativ.

Die Spaltungen in der Gesellschaft (und generell unser Zeitalter) bringen eine höhere Anzahl radikalisierter Individuen hervor und darauf müssen Staat und Behörden vorbereitet sein, sie müssen möglichst früh eingreifen und bekannte Radikalisierungsprozesse irgendwie unterbinden. Hartleb nennt am Ende seines Buches ein paar gute Ansätze. Allein deswegen ist es lesenswert.

Zu Margarete Stokowskis “Die letzten Tage des Patriachats”


Die letzten Tage des Patriachats Man muss schon den Hut ziehen vor Margarete Stokowski, wenn man diese gesammelten Kolumnen liest. Wie viele zentrale Themen unserer heutigen Gesellschaft und ihrer Verhältnismäßigkeiten darin aufgegriffen und angeschnitten, wie viele wichtige Anmerkungen zu Umgang, Perspektiven und Scheuklappen gemacht werden, wow. Und dann muss man noch einmal den Hut ziehen, wenn Stokowski hier und da durchblicken lässt, mit welcher Engstirnigkeit sie sich oft konfrontiert sieht, in Kommentaren, Zuschriften, etc., weil sie als Verfasserin dieser Kolumnen in Erscheinung tritt.

Der Band sammelt 75 von Stokowski ausgewählte Kolumnen aus den Jahren 2011-2018, die in zehn Themenkapiteln jeweils chronologisch angeordnet sind; viele von ihnen hat sie ergänzt durch Nachsätze, in denen sie Kommentare und Folgen zu den einzelnen Kolumnen schildert. Übergreifend kann man sagen, dass sie (bei Kolumnen nicht überraschend) oft einen Bezug zum Tagesgeschehen haben – aber Stokowski gelingt es fast immer, jenseits (oder eher diesseits) des Anlasses generelle Feststellungen anzubringen, Schlüsse zu ziehen, Symptome freizulegen und zu isolieren, Strukturen zu zeigen und eingespielte Problematiken zu benennen.

Ein zentrales Thema, das viele Kolumnen durchzieht, ist die Rolle von Frauen (und Minderheiten) in der Gesellschaft und ihre Stigmatisierung, die leider immer noch viele (sehr viele) Facetten und Gesichter hat.

Frauen haben immer noch weniger Geld als Männer, sie arbeiten seltener in Führungspositionen, sie erledigen die meiste Familienarbeit, und nicht wenige erleben sexualisierte Gewalt. Im Deutschen Bundestag sind im Jahr 2018 nicht mal ein Drittel der Abgeordneten Frauen. Frauen müssen in vielen Ländern für grundlegende Rechte kämpfen, und selbst dort, wo sie das nicht müssen, hören sie in den verrücktesten Situationen dämliche Kommentare über ihren Körper.

Es sollte jedoch niemand den Fehler machen, Stokowski deswegen für eine Agitatorin mit begrenzter Motivation und begrenzter Perspektive zu halten. Eins beweist sie in ihren Kolumnen mehr als einmal und ich bewundere sie enorm dafür: dass sie immer wieder gegen vereinfachte und festgesetzte, eingespielte und klischeegesteuerte Vorstellungen anschreibt und dass es ihr gelingt ihren Kolumnen (und hier setzt die Bewunderung ein) fast immer einen widerständigen, schlagfertigen Zug zu geben, eine Argumentation und Intonation aufzubauen, die sich auf knappem Raum wirkungsvoll und klug behaupten kann.
Stokowskis Texte zeigen: die Welt mag komplex sein, unübersichtlich vielleicht, aber es gibt doch sehr viel, das wir klar feststellen können, sowohl bei den Sachen, die im Argen liegen, als auch bei den Sachen, die gute Entwicklungen sind und jeden Unkenrufen trotzen können.

Bei Stokowski kann man außerdem lernen (nicht nur bei ihr, aber auch bei ihr), dass Feminismus eben nicht ein Versuch ist, Männer zu dämonisieren, unterzukriegen oder für ihr Mann-sein zu verdammen, sondern die generelle Emanzipation von Macht- und Diktionsstrukturen, sowie die längst fällige Aufhebung von zu enggezogenen Geschlechterbegriffen und Rollenbildern betreibt, zum letztendlichen Vorteil beider Geschlechter. Wie Stokowski in ihrem Buch „Untenrum frei“ schrieb:

Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen wirkt manchmal so, als wolle man die Gräben zwischen ihnen vertiefen, obwohl man sie auf Dauer abschaffen will: Ein nerviges Dilemma, aus dem man nicht rauskommt, solange man Probleme beheben will.
Wir müssen zeigen, nach welchen Kriterien sich Reichtum und Erfolg, Gesundheit und Lebensdauer, Gewalt und Leid verteilen, wenn wir wollen, dass alle dieselben Chancen auf ein glückliches Leben haben – auch wenn oder gerade weil diese Kriterien das sind, was wir auf Dauer abzuschaffen versuchen.

Ungleichheit und Stigmatisierung haben, wie gesagt, noch immer viele Facetten. Großteils sind es eingefahrene, überholte, falsche Vorstellungen, gegen die sich der Versuch der Veränderung von Verhältnissen und Umgangsformen behaupten muss. Das fängt an bei der von vielen Medien geschürten und überall halbgar servierten „Angst“ (in diesem Kontext wirklich das falsche Wort), dass die Anprangerung von sexuellen Übergriffen und Sexismus, am Arbeitsplatz und anderswo, einem Verbot von Flirten und Begehren gleichkommt. Stokowski bringt die Fadenscheinigkeit dieser (und anderer) Panikmacherei auf den Punkt und schreibt am Ende:

Es gibt eine feministische Flirtregel, die man sich im Übrigen sehr leicht merken kann und die lautet [#wheaton’slaw]: Sei kein Arschloch. Fertig. That’s it. Unisex übrigens.

und an anderer Stelle:

Es ist mir ein Rätsel, wie man denken kann, irgendwas würde der Menschheit fehlen, wenn Sexismus, Belästigung und Missbrauch wegfallen.

Aber Stokowski lässt es nicht bei diesen Themen bewenden, sondern äußert sich ebenso pointiert, gewandt, kritisch und klug zu angrenzenden und anders gearteten Themenbereichen. Großartig ist ihre Kolumne zu „Germany’s next Topmodel“, die mir aus der Seele spricht; am liebsten würde ich das folgende Zitat bei ProSieben einblenden, während die Show läuft:

Die Sendung ist eine perverse, niederträchtige, menschenverachtende Geldmaschine, die kapitalistische Krönung von Sexismus und Neoliberalismus in Form von Frauendressur mit Product Placement, und eine überraschungsarme Aneinanderreihung von Erniedrigungen, bei der junge Menschen dafür ausgezeichnet werden, dass sie geile Gene haben und sich den Regeln der Jury unterwerfen, weil man als Model halt einfach auch mal machen muss, was der Kunde will.

Und sie spricht mir ebenso aus der Seele, wenn sie über die Verbindung von Sexualität und Werbung schreibt – eine Erscheinung, welche, so glaube ich, das Verhältnis zum eigenen Körper in den letzten Generationen mitunter schwer belastet hat, vom Frauenbild ganz zu schweigen und vom Männerbild, das auf dieses Frauenbild ständig anspringen soll, erst recht.

Wenn wir aber die nackten Körper oder Körperteile von Frauen nicht mehr trennen können von Sex oder Erotik, dann haben wir ein Problem. Und zwar ein tief sitzendes. Wenn wir denken, dass wir nicht frei sind, weil nicht überall Brüste hängen oder Frauen halbnackt über Mietwagen robben, dann ist das ein schlechtes Zeichen für unser Frauenbild.

Auch auf die feinsprachliche Ebene geht Stokowski immer wieder – bspw. in einer Kolumne über die häufige Verwendung der Wörter „Krieg“, „Kamp“, „Frontlinie“ bei der Beschreibung von Diskussionen und Auseinandersetzungen zum Thema Gender und Feminismus. Die Kolumne trägt den rotzigen Titel „Hamse jedient im Genderkrieg?“ Stokowski klagt darin die fast schon brutale, zumindest zynische Gedankenlosigkeit bei der Verwendung dieser Worte an, die für eine gewaltsame und leidvolle, verheerende Erscheinung steht und schreibt u.a.:

Sagt mal: Frontlinie, Barrikaden, Krieg – haben die alle zu viel »Star Wars« geguckt. […] Es ist nur eine Metapher, sagt ihr. Nein, es ist unbedachtes Wörterkotzen. Metaphern haben einen Sinn, sie sollen etwas klarer oder schöner sagen. Wer aber von Krieg spricht, macht es weder klarer noch schöner, der sagt nur: Guck, wie sie sich prügeln. […] Hier meine These dazu: Das ist schlecht. Es klingt nach Eskalation, aber da eskaliert nichts. Da reden Leute. […] Krieg! Und dann bringt ein Mann eine Frau um, und was wird daraus? Ein »Beziehungsdrama«. […] So viel Feinfühligkeit darf man erwarten, nicht von Krieg zu sprechen, wo kein Krieg ist, und von Mord, wo Mord ist.

Und so geht es weiter – dreihundert Seiten Schlagfertigkeit, widerständiges und reflektiertes Denken, manchmal nonchalant serviert, manchmal um die Ohren pfeifend, mal von beißendem Spott, mal von klarer Anteilnahme begleitet. Ich erwische mich beim Lesen oft dabei, dass ich mir wünsche, dass Stokowskis Artikel die durchschlagende Wirkung erzielen, die sie für mich haben; dass Germany’s Next Topmodel dichtgemacht wird und Jens Spahns himmelschreiende Aussage zu Hartz IV als der politische Selbstmord gewertet wird, als der er hätte wahrgenommen werden müssen.

Wenn es wäre, wie Spahn sagt, und man hätte mit Hartz IV wirklich alles zum Leben, dann wären die Leute, denen das Geld nicht reicht, entweder unfähig oder gierig. […] Der Witz an Privilegien ist, dass man sie nicht die ganze Zeit fühlt, sondern dass sie Voreinstellungen der Macht sind, die einigen Menschen Dinge ermöglichen, die für andere wesentlich schwieriger oder unmöglich wären. Aber daraus ergibt sich Verantwortung.

Und für Verantwortung wirbt und kämpf Margarete Stokowski in diesen Texten. Für Verantwortung und Verständnis, fürs Hinterfragen und Empathisieren, sie wirbt darum und sie verlangt danach. Sie bricht Lanzen für Menschlichkeit und Zwischenmenschlichkeit, sie zerrt Hass und Rücksichtslosigkeit, Kurzsichtigkeit und Bequemlichkeit hervor und stellt sie bloß. Nach dreihundert Seiten kann ich nur noch sagen: Wir können froh sein, eine Stimme und eine Essayistin wie Margarete Stokowski zu haben. Sie hat zumindest mir dabei geholfen weiter zu denken als bisher, vielschichtiger mitzuempfinden, genauer hinzusehen. Wenn ein Buch das leistet, dann ist es ein verdammt gutes Buch.

Zu Alessandro Bariccos “Die Barbaren”


Die BarbarenOhne Mutation kein Leben, ohne Mutation kein Überleben, Binsenweisheit ahoi. Das gilt nicht nur für organische Strukturen, sondern auch für kulturelle. Hier entsteht die Mutation meist aus dem Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt, Bewahrten & Bewährtem und neuen Entdeckungen. Auf der einen Seite also die institutionalisierte Einrichtung der Gesellschaft, auf der anderen Seite „Die Barbaren“ – ein uralter Topos, der schon im Gilgamesch-Epos verhandelt wird und seitdem oft bemüht wurde.

Alessandro Baricco hat in seinem Buch „Die Barbaren“ (ein in der Zeitung publizierter Fortsetzungstext, im Original bereits 2006 erschienen) die letzten Jahrzehnte in Augenschein genommen und sie nach Anzeichen für Mutationen durchsucht. Die Thesen, die er dabei herausarbeitet, sind nicht übermäßig spektakulär, aber doch bedenkenswert und mitunter durchaus offenbarend.

(Von hier an: SPOILER-Gefahr)

Im Kern kann diese Erkenntnisse folgendermaßen zusammenfassen: wir haben (längst) ein neues Zeitalter betreten, das viele Vorstellungen, die wir noch hegen und pflegen, abbaut und manchmal schon durch Attrappen ersetzt hat. Das letzte Zeitalter war eines des Buches, des bürgerlichen Aufbruchs, der Verfeinerung und Vertiefung vieler Künste, der großen Ehrfurcht und sein Ende/seine Transformation hat spätestens mit der Erfindung des Internets eingesetzt, vermutlich aber schon mit dem Privatfernsehen, dem Fastfood, der Globalisierung.

Das ist nicht unbedingt eine bahnbrechende Erkenntnis, die auch schon an anderen Stellen anders formuliert wurde. Bemerkenswert ist aber, mit welch unterhaltsamer und leichtfüßiger Raffinesse Baricco den Prozess und seine Indizien freilegt. Er beginnt mit einigen Rückblicken und versucht das Ende des letzten Zeitalters festzustellen; dabei stößt er auf die Reaktionen und Kritiken, die kurz nach der Uraufführung von Beethovens neunter Symphonie erschienen. Vielen Traditionalisten galt sie damals als ungeheuerliches, fremdes und wenig fruchtbares Machwerk, beeindruckend zwar in seiner Schierheit, aber hauptsächlich eigenwillig, irritierend.

Diese Musik ist Flagge, Hymne, erhabenes Festungswerk geworden. Sie ist unsere Kultur. Nun, es hat eine Zeit gegeben, in der die Neunte das Banner der Barbaren war!

Auch Romane galten bei ihrem Aufkommen als eine Art Angriff auf die damalige Kulturlandschaft – heute gilt (ob nun zurecht oder nicht) der- oder diejenige als Barbar*in, der/die keine Romane liest. Oder besser: galt. Denn eben diese Einteilungen verschieben sich wieder und unaufhaltsam, selbst wenn viele noch an ihnen festhalten. Mutation ist ein schleichender Prozess, der aber letztlich alles umkrempelt und eine neue Ebene einführt, auf alles andere draufsetzt.

Dabei werden Traditionen ausgehöht und gekapert, transformiert. Baricco bringt drei Beispiele jüngster Zeit: Wein, Fußball und Bücher. Anhand ihrer Geschichte und der Veränderung der Dynamiken in ihrem Bereich, zeigt er wie sich vor allem unser Verständnis von der Erfahrung (unbewusst) gewandelt hat. Steckte sie im nun ausklingenden Zeitalter in der Tiefe, im Vertiefen, verteilt sie das neue Zeitalter auf der Oberfläche, springt von einer Erfahrung, von einem Reiz zum nächsten, anstatt einen voll auszuloten.

Es ist faszinierend, spannend und, wie gesagt, sehr unterhaltsam, mit Baricco eine Reise durch diese Aspekte kultureller Veränderungen zu unternehmen und dabei die eigene Wahrnehmung ein bisschen aufzuspalten, zu reflektieren. Baricco plaudert oft bescheiden vor sich hin, um dann doch wieder, mit Wucht, zum Kern seiner Überlegungen vorzustoßen.

Es gibt interessante Anekdoten in diesem Buch, tolle Formulierungen. Einige Abschnitte beschäftigen sich mit Walter Benjamin und Baricco gelingt, nebenbei, ein tolles Portrait dieses bahnbrechenden und unverzichtbaren Denkers.

Was ihn an der Gegenwart faszinierte, waren die Anzeichen für Mutationen, die diese Gegenwart auflösen würden. Ihn interessierten Verwandlungsprozesse; Zeiten, in denen die Welt in sich selbst ruhte, waren ihm völlig egal. Von Baudelaire bis zur Reklame – alles, worüber er sich beugte, wurde zur Prophezeiung einer zukünftigen Welt und zur Ankündigung einer neuen Kultur. […] Verstehen bedeutet für ihn nicht, den Untersuchungsgegenstand durch eine Definition auf der bekannten Landkarte der Wirklichkeit unterzubringen, sondern zu erahnen, wodurch dieser Gegenstand die Landkarte so verändern würde, dass sie nicht wiederzuerkennen ist.

„Die Barbaren“ kann einem vieles vor Augen führen, u.a. dass unsere Wahrnehmung von Geschichte, von Verlauf, meist stark gefärbt ist durch die Umstände und Einrichtung unserer derzeitigen Lebenswelt und den darin propagierten Vorstellungen der Vergangenheit; wir nehmen sie durch das Okular unseres Erfahrungsstandes wahr. Kultur ist nichts Starres, sondern immer im Fluss, und auch wenn hier und da Dämme gebaut werden, groß wie die chinesische Mauer – sie können nur die Illusion von Kontrolle erzeugen und auf die Dauer die Mutation der Kultur nicht aufhalten, ihre flüssige Konsistenz nicht leugnen. Mit ihr lässt sich nichts in Stein meißeln, nur manches über lange Strecken dahintragen.

In jedem Fall: ein tolles, fesselndes, kluges Buch, dabei selten schwerfällig oder verkopft, sondern immer auch ein bisschen leichtsinnig, fröhlich, Haken schlagend. Wer ein bisschen fasziniert werden will, der greife zu.