Category Archives: Romane

Zu “Reibungsverluste” von Mascha Dabic


besprochen auf fixpoetry

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Zu Christian Moser-Sollmanns Debüt(und Wien-)roman “Tito, die Piaffe und das Einhorn”


Alle Gäste im Einhorn teilen eine Gemeinsamkeit: Die Leute, die dort hingehen, sind schon angekommen. Sie erwarten sich von einer typischen Freitagnacht nichts.

Älter werden macht keinen Spaß. Vor allem nicht, wenn einen die Jahre weiser machen (oder einfach erfahrener) und man sieht, in was für einem ach so tollen, vielmehr nervigen Schlamassel wir sitzen, hier auf diesem Planeten, hier unter anderen Menschen – das kann nur in Zynismus enden. Und erst recht macht älter werden keinen Spaß, wenn man in einer Stadt wie Wien lebt.

In Wien ist alles anders. Da trifft der Kellner auf den arbeitslosen Diplomsoziologen, der gerade auf Kletterlehrer umsattelt. Gestelzte, verschachtelte Dialoge sind völlig fehl am Platz. Hier passieren die Dinge nachher nicht vorher. Subtilität ist keine Wiener Sprachtugend.

Sudern ist, im Gegensatz zur Subtilität, bekanntlich eine Wiener Sprachtugend und gesudert wird in Moser-Sollmanns Debütroman nicht zu knapp. Aber was soll Christoph, alias Tito, Politikberater und Mit- bis Enddreißiger auch anderes tun? Was soll irgendein Mensch anderes tun, der unten Bekloppten lebt, seinen Job nicht mag und in den breiten Möglichkeiten seiner Zeit die Agonie erkennt?

Wien, da ist sich Tito sicher, ist ein wahrer Pfuhl der Oberflächlichkeit, ein Kabinett des schönen Scheins, der nicht mal schön wirkt. Mit dieser Einstellung, gelegentlichen Besuchen im Einhorn und hier und da einer halbwegs interessanten Begegnung, könnte sich Tito wohl weiter durchs Dasein wursteln, seine Kommentare abgeben und die bittere Hoheit eines Einäugigen unter Blinden auskosten; ein bisschen leben, so viel halt geht.

Politik funktioniert wie Hollywood, nur sehen die Darsteller weniger gut aus.

Dann wäre ein Buch in bester Wiener Tradition entstanden: retardierend, klagend, bitterböse. Aber das Schöne und Stimmige an Moser-Sollmanns Roman ist, dass er das Element des Zivilisationsüberdrusses, der Zeitkritik und des Berufsstänkerns, konterkariert durch eine Liebesgeschichte – eine sehr gelungen temperierte, sensible Liebesgeschichte, der es von Anfang bis Ende nicht an Facetten und Untiefen, kurzum: an Glaubwürdigkeit und Authentizität mangelt.

Dieses Nebeneinander verleiht dem Roman eine leichthändige, aber irgendwie auch bezwingende Ehrlichkeit, die ich persönlich sehr sympathisch fand. Auch der Stil ist angenehm, lässt die Lesenden nie auflaufen und die darin eingeflochtenen Spitzen und Kleinode funkeln unaufgeregt und bestechend hervor.

Ein gelungenes Buch, ein gelungener Wienroman (der es sich nicht nehmen lässt, einem durchaus einiges an Lokalkolorit an die Hand zu geben), eine gelungene Geschichte mitten aus dem gegriffen, was so gern als Leben bezeichnet wird, unter dem wir uns immer so viel vorstellen, das aber eigentlich aus einigen wenigen Bausteinen besteht, die wir immer wieder neu zusammensetzen. Wie einfach, und gleichermaßen großartig, sich die Muster dieser Bausteine und das Spielen damit gestalten, kann man unter anderem in Moser-Sollmanns Debüt nachlesen. Was ich empfehlen würde!

Zu Brautigans “Sombrero vom Himmel” über das Schlachtfeld der Liebe


Mit Langsamkeit und Zärtlichkeit und Bissigkeit, schildert Richard Brautigan in seinem Buch “Sombrero vom Himmel” den Abend eines von seiner japanischen Freundin verlassenen Schriftstellers. Er rekapituliert ihr Kennenlernen und ihre gemeinsame Zeit und die kleinsten profanen Details seiner Gedanken werden ausgebreitet: er stellt sich ihr langes, schwarzes Haar vor, hat Angst davor, dass sie bereits einen anderen hat, er hat Hunger, er denkt daran sich abzulenken und kann den Zustand des Trauerns um sie nicht verlassen.

Der zweite Erzählstrang beschreibt die Geschehnisse in einer Stadt in den USA (der Schriftsteller wollte dort eine Geschichte spielen lassen, dann zerriss er aber den Entwurf und warf ihn in den Papierkorb, doch die Papierschnipsel spinnen die Geschichte trotzdem fort), in der auf einmal wegen eines vom Himmel fallenden Sombreros zunächst Krawalle und dann Straßenkämpfe ausbrechen, bevor sich die Gewalt schließlich mit voller Härte gegen die anrückenden Nationalgarde und Armee richtet.

Das Nebeneinanderstellen der beiden Strenge – hier die Agonie, dort das blutrünstige Aufschaukeln – wirkt zunächst wie eine Verlegenheitslösung. Doch letztendlich spiegelt sich in diesem Wechsel, den krassen Gegensätzen, die Zerrissenheit der Liebe wieder. Sie zwingt einen in die Knie, in die Enge und doch fühlen die Verliebten das Unbändige, der Ruf der vom Schlachtfeld der Liebe herüberweht und kein Nein akzeptiert. Man will und will, kopflos und mutlos.

Sombrero vom Himmel ist ein traurig-schöner, ein seltsamer, ein leicht aberwitziger Roman.

Zu Richard Brautigans “Forellenfischen in Amerika”


Im Sommer 1942.
Der alte Säufer hat mir vom Forellenfischen erzählt. Wenn er imstande war zu reden, dann beschrieb er Forellen so, als seien sie eine Art kluges, vernunftbegabtes Edelmetall.
Silbrig ist kein gutes Adjektiv, wenn ich beschreiben sollte, was ich in mir spürte, als er mir vom Forellenfischen erzählte.
Ich möchte es ganz genau ausdrücken.
Vielleicht Forellenstahl. Stahl, der aus Forellen gewonnen wird. Und der klare Fluß mit seinem Schmelzwasser dient als Gießerei und Schmelzofen.
Denken sie an Pittsburgh.”

Ich bin ein großer Fan des amerikanischen Autors Richard Brautigan; ich mag die Unbekümmertheit seiner kurzen Kapitel und der legeren Handlungsführung, gleichzeitig die feine Tragik, die er in allem ausstreut, was in das helle Licht seiner Prosa getaucht wird. Seine Narrative beinhalten sehr viel Glück und sehr viel Trauer, ohne hohe Töne anzuschlagen, sie sprudeln ganz still aus seinen Geschichten hervor. Die Narrative wiederum schwirren herum, sind sprunghaft, aber in all dieser Ungenauigkeiten bearbeiten sie ein paar größere Gewissheiten. Und immer wieder sind die Texte auf wunderbare Weise komisch:

“Der Abwasch kann warten”, sagte er zu mir. Betrand Russell hätte es nicht besser sagen können.

und unerhört poetisch, mit ungewöhnlichen, geradezu funkensprühenden Bildern, Schilderungen, Vergleichen:

und wir fuhren wieder aus der Schafherde hinaus, so wie ein Flugzeugt aus den Wolken fliegt.

Forellenfischen in Amerika ist so etwas wie eine lose Chronik. In zahlreichen kurzen Kapiteln umkreist der Erzähler die Erinnerungen, die irgendwie mit Forellen oder Forellenfischen zu tun haben. Es gibt ein-zwei stärkere Stränge, die sich irgendwann herauskristallisieren und immer wieder Bezüge, aber eine feste narrative Grundordnung gibt es nicht.

In den Erlebnissen und Figuren wird immer wieder das Streben nach paradiesischen Umständen thematisiert; der Versuch einfach die Schönheit und Glückseligkeit aufzugreifen, die in den Dingen liegt und in jedem Schicksal zu finden ist. In Brautigans Büchern fühlt man sich dann und wann wie in einem profanen, liebenswerten Paradies, wird an die Großartigkeit des Daseins, wie es sich einfach vor uns auftut erinnert – und doch: der Boden ist sehr dünn. Brautigan weiß um die Hässlichkeit und Monstrosität, die hinter den menschlichen Horizonten, den menschlichen Momenten liegt und sehr viel größer ist als alles, was wir einander reichen können. Einmal heißt es:

und er machte sich auf nach Amerika, das oft ein Ort ist, der nur im Kopf existiert.

Amerika als Imagination, als Fata Morgana der unbegrenzten Freiheit, ein weiteres Thema des Buches.

Es lohnt sich Brautigan zu lesen, allein schon wegen der Poesie, die in seinen Romanen liegt und dem Witz, dem Kult. Forellenfischen in Amerika ist ein guter Start, aber sehr empfehlen kann ich auch den Tokio-Montana-Express und die wunderbare, parabelhafte Erzählung In Wassermelonen Zucker.

Zu Lindsey Lee Johnsons gut komponiertem Debüt “Der gefährlichste Ort der Welt”


Weil der Boden unter ihren Füßen sich täglich, stündlich verschob. Weil sich alle an ihren Platz in der sozialen Ordnung klammerten. Es gab die Tänzerin, den Schönling, den Spezialisten, das reiche Mädchen, die beste Freundin des reichen Mädchens. Es gab die Grüppchen, die sich in der Vormittags- und Mittagspause bildeten, und das Wissen darum, dass man im Handumdrehen von diesen Gruppen ausgeschlossen werden konnte. Jeder Einzelne von ihnen. Sie taten, was sie konnten, um zu überleben.

Mill Valley ist ein (real existierender) kleiner Ort in der San Francisco Bay Area, nicht weit entfernt von der Golden Gate Bridge. Es gibt eine Middle-School und eine High-School, die Familien sind zum größten Teil wohlhabend und das überschaubare Stadtbild, die umliegenden Berge, das Meer und riesige Mammutbäume lassen den Gedanken an eine Oase aufkommen, einen Platz vor der Welt, in dem wenig oder gar nichts Prekäres passiert. Somit bietet der Ort die perfekte Kulisse, um in bester amerikanischer Literaturtradition Fassaden aufzuwerfen und einzureißen.

In „Der gefährlichste Ort der Welt“ geht das allerdings mit einer großen Sensibilität vonstatten. Lindsey Lee Johnson setzt in ihrem Debüt bei dem fragilsten und unsichersten Teil der Gesellschaft an: den Jugendlichen. Den Menschen, die noch dabei sind herauszufinden, was sie wollen, denken, was ihre Handlungen für Folgen haben, was sie brauchen oder worauf sie verzichten können; die sich fast ununterbrochen in einem angespannten Verhältnis zu sich selbst und ihrem Umfeld befinden. Die selbst in einer Oase wie Mill Valley am gefährlichsten Ort der Welt leben.

Sie war ruhelos und hätte ihr Leben gern zurückgedreht oder in ein paar großen Sätzen vorangebracht.

Das Buch ist in einen Prolog und drei weitere Teile gegliedert, wobei der mittlere den längsten Abschnitt bildet. Im ersten Teil sind die Jugendlichen, die zur gleichen Zeit – wenn auch mit ganz unterschiedlichen Beziehungen untereinander, die einen der zentralen Schwerpunkte des Romans bilden – an die Middle School und danach an die Highschool gehen, gerade Vierzehn, im zweiten Teil dann Siebzehn, im letzten Achtzehn. So gut wie jedes Mitglied der zentralen Gruppe ist einmal Protagonist*in in einem eigenen Kapitel, die aneinander anknüpfen, sehr geschickt ineinandergreifen, sich ergänzen und, in ihrer Kürze, tief in die Welt und den Charakter der jeweiligen Figur hineinführen.

Erstaunlich sind hierbei das Einfühlungsvermögen und die kluge Balance, mit der Johnson ihre Figuren zwischen individuellem Angesicht und archetypischer Rolle ansiedelt, die Problematik von Schein und Sein immer wieder neu aufwirft und sich dabei nicht scheut, bei ihren Figuren ein sehr eigenständiges Erleben, mit Zweifeln und Unsicherheiten, zu zeichnen, aber auch auf sehr gewöhnliche Motivationen und simple Handlungsmuster zurückzugreifen.

Aber seine Eltern wussten bestimmt, was richtig war. Mit dem Leben musste es irgendwas auf sich haben, was er noch nicht ganz verstand; es musste irgendeinen Grund geben, warum das unscheinbare Leben, das er sich vorstellte, nicht in Ordnung war.

Entstanden ist so ein beeindruckendes Panorama der digitalisierten First-World-Problems-Generation, in deren Dasein sich jedoch ein paar entscheidende Fragen des Menschlichen finden lassen: wohin, um zu sein, wer man ist? Was sollte man, was muss man tun und wieso fühlt sich vieles so falsch an, was vorgegeben ist? Können wir die Angst vor der Einsamkeit oder die Angst vor der Unberechenbarkeit der anderen überwinden? In diesen und anderen Fragen verfangen sich die Protagonist*innen unentwegt, suchen sie zu bewältigen mit ihrer jeweiligen Mentalität, vertrauen und hadern. Der Roman beginnt wie eine unaufdringliche Coming-of-Age-Geschichte und steigert sich zu einem Figurenreigen, bei dem man mit jeder neuen Perspektive mitfiebert.

Sowohl sprachlich als auch thematisch ist “Der Gefährlichste Ort der Welt” kein bahnbrechendes Werk – seine Stärke ist, wie bereits erwähnt, die Darstellung der einzelnen Figuren, die Komposition und Verschränkung ihrer Geschichten. Ich schrieb vor kurzem (beim Onlinemedium Signaturen-Magazin) einen Essay über das Werk des diesjährigen Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro und attestierte seinen Romanen ungeheure menschliche Dimensionen. Auch bei Lee Johnson sind es die menschlichen Dimensionen, die mich beeindruckt haben; wie die Autorin sich auf jede einzelne Figur einlässt, ihre Züge fein und grob zugleich herausarbeitet.

Wer einen Roman lesen will, der langsam beginnt und sich Stück für Stück zu einem umfassenden und nachdrücklichen Erlebnis steigert und schließlich über das eigene Sujet hinauszuwachsen scheint, dem kann ich Johnson Debüt nur empfehlen. Ein wirklich tolles Buch!

Zu Julie Estèves “Lola”


„So wie andere Leute sich mit der Rasierklinge ritzen, spreizt Lola die Beine. Denn sie findet beim Sex, das verstehe, wer will, ein Stück weit ihre Unschuld wieder.“

Im Einbandtext dieser Ausgabe steht, dass Julie Estève sich mit ihrem Debütroman in eine „feministische Tradition“ einreiht, die auf Virginie Despentes und Elfriede Jelinek zurückgeht. Das ist für ein Debüt zunächst einmal sehr hoch gegriffen und lässt bei Lesenden wie mir eine Erwartung entstehen, die zersetzend wirken kann, weil selbst das an sich Gelungene im Lichte einer zu großen Erwartung auf einmal unpassend wirkt, enttäuschend.

Im selben Absatz des Einbandtextes wird davon gesprochen, dass es in Lola um weibliche Lust geht. Auch hier wird dem Buch Unrecht getan – es wird auf einen Aspekt, ein Motiv verengt Denn ebenso wenig wie es in Gustave Flauberts Buch Madame Bovary allein um Ehebruch geht oder in Melvilles Moby Dick allein um Rache an einem weißen Wal, ist Lola die Geschichte einer Frau, die sich mit ihrer Lust auseinandersetzt; wäre es ein Buch, das von einer nymphomanischen Betätigung handelt und nichts weiter, eine Geschichte über sexuelle Eskapaden, müsste man nur wenige Worte darüber verlieren.

Aber es geht in diesem Buch vielmehr um Einsamkeit, um die Einsamkeit inmitten des Rausches, der das Leben ist; um die Unmöglichkeit sich beieinander zu finden, sich durch den anderen zu ergänzen. Die Protagonistin Lola, aus deren Sicht ein Großteil der Handlung geschildert wird, ist eine unsichere, diese Unsicherheit mit offensiven Zügen kaschierende, vom Verlust ihrer Mutter und dem Scheitern einer jungen Liebe gezeichnete, verzweifelte Frau, die den Lesenden allerdings als ein wandelndes Klischeepaket, eine Kreuzung aus Femme-Fatale und todessehnsüchtiger Nymphomanin, vor den Latz geknallt wird. (Im Einbandtext wird behauptet, die Autorin arbeite mit Ironie und schwarzem Humor – zu einer Humoreske taugt dieses Buch allerdings ganz und gar nicht.)

Überhaupt hätte ich mir, obgleich es ein Debüt ist, eine bessere, gründlichere Ausarbeitung gewünscht. An manchen Stellen fehlen Feinschliff und Balance. Man kommt sich, vor allem zu Anfang, ständig bevormundet vor; Estève schildert nicht bloß, sie haut ihren Leser*innen die Eigenschaften ihrer Figuren geradezu um die Ohren, nimmt ständig unnötig malerische Charakterisierungen vor (z.B.: „Sie bekommt Hunger. Hunger wie ein streunender Hund.“) und setzt alles daran, die Dimensionen der Figuren auf ein kontrolliertes Maß herunter zu brechen.

Nun könnte man meinen: das ist nun mal ihr Schreibstil. Aber ich sehe einfach keinen Mehrwert in dieser Art, die die meisten möglichen Untiefen abtötet, den Roman zu einer Einbahnstraße macht. Die mangelnde Bereitschaft, den Figuren nicht nur eine Gestalt angedeihen zu lassen, sondern auch Räume um diese Gestalt herum, wird durch zahlreiche Erklärungen kompensiert und das Umsichwerfen mit Sinnlichkeiten.

Dabei könnte Lola eigentlich eine Figur sein, mit der einer großen Verzweiflung ein Angesicht verliehen wird. Sie ist eine legitime Nachfahrin von Emma Bovary, ihrer Sehnsucht nach einem anderen Leben, ihrer Furcht vor der Gewöhnlichkeit, der sie doch nicht entkommen kann, denn sie herrscht auch dort, wo vermeintlich etwas Schöneres, Bedeutsameres lauert. „Es gibt kein wahres Leben im falschen“ – die Brutalität, die in diesem abgegriffenen Zitat liegt, sie wird hier angesprochen, umkreist.

Aber die Aufmachung, das leicht Unausgegorene des Buches, lassen seinen Fokus etwas zu reißerisch wirken, verstellen den Blick auf Lolas wirklichen Schmerz. Dieses Buch würde in Teilen eine sehr gelungene Novelle abgeben; es gibt Aspekte wie die Vater-Tochter-Beziehung, der Muttertod, der Frust des Begehrens und des Nicht-Begehrens, die gelungene Ansätze offenbaren, aber auch zahlreiche unnötige Abschnitte und immer wieder ärgerliche Verflachungen.

Lola ist die Geschichte einer Suche nach Ertragen – im Dreck, im Wunder, im Schund, im Scheitern des Lebens. Mit einer Protagonistin, die mal leuchtet, mal einfach nur wie ein Mittel zum Zweck wirkt. Beim Buch ist es ähnlich: manchmal leuchtet es, manchmal wirkt es einfach nur grell, unordentlich. Es wäre mehr drin gewesen, wie manche Passagen anzukündigen scheinen.

„Sie stellt sich die jungen Leute vor, die schüchtern zum ersten Mal ‚Ich liebe dich‘ sagen, mit schamgerötetem Gesicht. Die jugendliche Liebe ist die reinste, die gewaltigste. Lola ballt die Fäuste, bis die Fingernägel sich in ihre Handflächen bohren. Von draußen dringt der gewohnte Lärm herein, und drinnen, in der Wohnung mit den vielen Teppichen, ist ihr gleichmäßiger Atem das einzige Geräusch.
Lola macht sich einen starken Kaffee, ihr Blick ist leer. Sie versucht, mit den Fingern die Knoten in ihrem Haar zu entwirren. Früher hat das ihre Mutter getan, beim Frühstück, während Lola ihre Schale heiße Schokolade trank. […] Doch eines Tages war die Hand, die die schwarze Bürste umfasste, verschwunden. Zurück blieben nur der Nesquick-Dampf und die Tränen eines Kindes, das nie so recht verstanden hat, was mit Trauern eigentlich gemeint war.“