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Zu “Die Stille von Chagos” von Shenaz Patel


Die Stille von Chagos Bis heute leben die etwa 6000 Nachfahr*innen der Chagossianer*innen im Exil, denn ihre Heimat, das Archipel Chagos, wurde 1971 von der britischen Regierung an das Militär der Vereinigten Staaten verpachtet und zwischen 1969-73 wurden die Chagossianer deportiert und umgesiedelt. Das US-Militär errichtete auf dem Archipel eine Basis, um ungestört im indischen Ozean operieren zu können und später wurde diese Basis sogar noch wichtiger, denn von dort aus konnten und können Bomber und Drohnen Afghanistan (und generell den Nahen Osten) erreichen.

Shenaz Patel, eine Autorin und Journalistin aus Mauritius – wo ein Großteil der Nachfahren der Chagossianer*innen unterkam und heute noch lebt –, hat einen Roman geschrieben, in dem das Schicksal der vertriebenen Chagossianer*innen-Generation auf einfache und doch ergreifende Weise dargestellt wird. Aus drei Perspektiven erzählt sie von der fast widersinnigen Sehnsucht nach einer Heimat, die einem unter den Füßen weggerissen wurde; von der niemand glaubt, dass man sie verlieren kann und die auf einmal unerreichbar ist, willkürlich, gewaltsam.

Wie soll man die so plötzlich herausgerissenen Wurzeln in unbekannter Erde wieder einpflanzen? Soll man sich einrichten oder soll man lieber hoffen, dass der Alptraum doch ein Ende findet? Umsiedlung und Exil, beide Aspekte werden in Facetten aufgefächert und, was besonders gut gelungen ist, die Figuren, die sie durchleben, werden auf sehr behutsame, aber dennoch nachdrückliche Weise gezeichnet, was sie zu authentischen Gestalten macht. Das Buch, obgleich ein Roman, hat so streckenweise beides: die Qualitäten eines Roman und die Qualitäten einer auf Tatsachen basierenden Story.

Das Schicksal der Chagossianer*innen, die nach wie vor für eine Rückkehr kämpfen (verschiedene internationale und britische Instanzen haben Ihnen dieses Recht in den Jahren zwischen 1980-2016 immer wieder zu- und abgesprochen; mittlerweile wurde der Pachtvertrag verlängert und den Chagossianer wurde lediglich die Möglichkeit gegeben, ihre Heimat auf Kosten der britischen Regierung zu “besuchen”), mag nur ein kleines sein, in einer Welt voller Unrecht und Verbrechen gegen Völker und Individuen. Aber es ist ein symptomatisches, ein beispielhaftes. Und als solches sensibilisiert es für das allgemeine Unrecht, das im Namen der US-amerikanischen oder europäischen Vormachtstellung in vielen Ländern Afrikas, Süd- und Mittelamerikas und in anderen Regionen begangen wurde und weiterhin begangen wird. Und deshalb lohnt allein schon die Lektüre.

Zu Roberto Bolaños frühem Roman(fragment) “Der Geist der Science-Fiction”


Der Geist der Science-Fiction Robert Bolaños Ruhm, der ja posthum kam und mit „2666“ und „Die wilden Detektive“ seinen Höhepunkt erreichte, drohte, in meinen Augen, etwas unter der Veröffentlichungswut zu leiden, die in den darauffolgenden Jahren einsetzte und auch noch die frühsten Erzählungen, Romanfragmente, etc. hervorkramte. Anfangs war Großartiges darunter, aber speziell die letzten beiden Veröffentlichungen – die Erzählungen in „Mörderische Huren“ und das Romanfragment „Die Nöte des wahren Polizisten“ – waren, obgleich interessant, qualitativ eher ein Abstieg.

Natürlich ist es auf der anderen Seite toll, dass die Verlage Hanser und S. Fischer sich bemühen, eine lückenlose Ausgabe von Bolaños Werken auf Deutsch anzubieten – im Zuge dessen sind, wie gesagt, auch viele meisterliche Arbeiten wiederaufgelegt worden oder dies wird noch geschehen (so werden beispielsweise auch die großartigen Erzählungen in dem Band „Telefongespräche“ im nächsten Jahr bei S. Fischer neu aufgelegt).
Ich verstehe es ja: Bolaño-Fans wollen natürlich auch noch die letzte Zeile ihres Idols lesen und die Verlage liefern selbstverständlich. Aber es darf wohl die Frage gestellt werden: inwieweit sollte beim Veröffentlichen die Veränderung mitbedacht werden, die jede zusätzliche Publikation am Bild des Werkes und seines Autors vornimmt?

„Der Geist der Science-Fiction“ ist ein früher Roman (und wirkt sehr wie ein Fragment), der aber, laut Angabe im Buch, erst 2016 im Original veröffentlicht wurde. Bolaño arbeitete 1984 daran und verwendete einige Teile wohl für das 1993 erschienene „Fragmentos de la universidad desconocida“.
Der Roman spielt in den 70er Jahren in Mexiko-Stadt und besteht im Wesentlichen aus drei Strängen, die sich abwechseln. Zwei dieser Stränge sind verknüpft mit den beiden jungen Männern Remo und Jan, die sich ein Zimmer in der Metropole teilen. Während Remo versucht, Anschluss an die literarischen Institutionen zu bekommen und für verschiedene Magazine Artikel schreibt, liest Jan hauptsächlich nordamerikanische und europäische Science-Fiction-Romane und schreibt Briefe an die Autor*innen, in denen er sie, mit etwas wirren Erläuterungen und Abschweifungen, dazu anleiten will, sich für die Länder der Dritten Welt einzusetzen, ein Komitee für diese Angelegenheit zu bilden.

Die Briefe sind ein Strang, die Geschichte von Remos Erkundungen, die über ein paar Umwege in eine Liebesgeschichte münden, der andere. Der dritte Strang ist das Interview/Gespräch eines unbekannten jungen Science-Fiction-Autors, der anscheinend gerade einen bedeutenden Preis gewonnen hat, und einer ebenfalls unbekannten fragenden Instanz/Person.
Dieser dritte Teil fällt ziemlich heraus, bleibt bis zum Ende für sich und wirkt ein wenig deplatziert. Auch die Briefe sind, obgleich sie für sich genommen ein interessantes Narrativ darstellen, nur sehr lose mit der Haupthandlung verbunden und Jan tritt in ihnen ganz anders auf als in den Abschnitten mit Remo. Bis zum Ende greifen die Stränge nicht wirklich ineinander, das Konzept dahinter (wenn es denn eines gibt) geht für mich nicht auf.

Bewährte Motive Bolaños tauchen natürlich auch in „Der Geist der Science-Fiction“ auf: Nazis, leise Phantastik, Boheme, Vagabuntentum und Außenseiterphantasien, literarische Anspielungen und Referenzen in Hülle und Fülle. Immer wieder gibt es Passagen mit großartigen Einzelbeschreibungen, die eindringlich sind, Spaß machen.
Aber das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Buch kein fertiger Roman, sondern ein liegengelassenes Projekt ist. Es sollte nicht als abgeschlossener Roman verkauft oder gelesen werden.

Spannend ist sicherlich, wie man in diesem Buch Bolaño bei Fingerübungen zusehen kann und wie stark hier teilweise, vor allem in den Briefen, nicht nur seine gewohnt satirische, sondern auch seine kritische Ader zum Vorschein kommt. Die Science-Fiction wird zum Sinnbild für die Utopie, zur Metapher für das Neu- und Besserdenken der Welt, der Verhältnisse. In der Hoffnung, welche Jan in seine Briefe an die Autor*innen legt, setzt Bolaño ein altes Dilemma, die Diskrepanz zwischen literarischer Vision und tatsächlichem Engagement, innovativ in Szene. Die Briefe sind somit Kabinettstücke mit einem gut gezimmerten doppelten Boden.

Lässt man die Einschränkungen (von denen aber jeder Kenntnis haben sollte, bevor er zu dem Buch greift) beiseite, ist diese frühe Prosa durchaus lesenswert. Ich mag, wie sich die Liebesgeschichte entfaltet. Die Beschreibung der Annäherung zwischen Remo und einer Frau namens Laura, erinnert an ein paar Glanzstücke von Bolaño Erzähltalent, seine Sprache wirkt auch in diesem frühen Werk nicht ungeschliffen, sondern schon sehr präzise; vielleicht sogar ein bisschen weniger verkopft und verstiegen als in den späteren, furioseren Werken.
Mit dem Interview konnte ich nicht viel anfangen und ich glaube, hier wären ein paar Backgroundinformationen wichtig oder interessant gewesen.

Überhaupt: es gibt zwar einen Abschnitt mit einigen schönen Originalnotizen aus der Entstehungszeit des Buches, aber keinen Anhang, kein Nachwort (allerdings ein kurzes Vorwort). Gerade wenn man ein Werk wie das von Bolaño zur Gänze herausgibt, sollte man editorisch ein bisschen mehr tun, ein bisschen mehr Beiwerk liefern. Und sei es nur ein Essay oder eine kleine Zusammenfassung, die vielleicht schon an anderer Stelle zu diesem Projekt oder dieser Zeit in Bolaños Leben veröffentlicht wurde. Fakt ist: Meine anfangs geäußerten Bedenken zur Veröffentlichungspolitik kann dieses Buch nicht zur Gänze eliminieren, aber es zerstreut sie erfolgreich. Mehr Bolaño bitte! Mehr Original und ein bisschen mehr Sekundäres.

 

Zu Lisa Hallidays “Asymmetrie”


Asymmetrie, Halliday Es ist symptomatisch, veranschaulicht zusätzlich die im Rahmen dieses Buch angelegte Diskrepanz (oder Asymmetrie): der Fokus der meisten angloamerikanischen Besprechungen zu Lisa Hallidays Debüt lag beinahe ausnahmslos auf dem ersten Abschnitt des Buches, seinen Hintergründen und Umständen. Immer wieder wurden diese Hintergründe und Zusammenhänge heruntergerattert (und auf gewisse Weise schließe ich micht mit meiner Kritik daran diesem Trend leider an): Der erste Abschnitt beschreibt die romantische Affäre zwischen einem alten jüdischen Schriftsteller, der alle höchsten literarischen Ehrungen erhalten hat (außer dem Nobelpreis), und einer jungen Verlagslektorin in New York; man weiß: Halliday und der amerikanische Autor Philipp Roth hatten eine Beziehung miteinander als sie jünger war; Roth gefiel das Buch, er lobte es; Halliday betont, dass der größte Teil Fiktion sei. Ring frei für wilde Spekulationen oder ebenmäßige Erläuterungen. Schon konnte man meinen, das Buch enthalte nur diese Geschichte.
Das deutsche Cover präsentiert uns dementsprechend eine Skyline und auf dem Umschlagrücken steht:

Es beginnt mit einer Eiswaffel, auf einer Bank im Central Park.

Zwar wird weiter unten auch auf den zweiten Teil des Buches hingewiesen, der am Londoner Flughafen Heathrow und, in Rückblenden, im Irak und in Kalifornien spielt, aber ein flüchtiger Blick könnte den Eindruck vermitteln, hier handle es sich um eine New York-Geschichte, einen von der anderen Seite erzählten Philipp Roth-Plot. Da ich aber diesen ersten Teil tatsächlich für weniger gelungen halte – sowohl was die Figuren als auch was die Inszenierung angeht – wende ich mich zunächst dem zweiten Teil zu.

Amar wurde in einem Flugzeug, das gerade die USA überquerte, als Kind irakischer Eltern geboren. Wegen diese besonderen (und symbolträchtigen) Umstände, hat er beide Staatsbürgerschaften, die irakische und die amerikanische. Für ihn bleiben die Vereinigten Staaten das Land der Wahl, obgleich er wegen seiner Familie, vor allem wegen seines dort lebenden Bruders, nie den Kontakt zu dem Land seiner Abstammung verliert. Doch die Geschichte der irakisch-amerikanischen Beziehung im späten 20. Jahrhunderts ist, wie alle wissen, eine wechselhafte, letztlich desaströse. Am Anfang noch wird Saddam Hussein von den Amerikanern als Gegenpol zu der iranischen Revolution aufgerüstet, doch mit seinem Einmarsch in Kuwait und mit dem ersten Golfkrieg ändern sich die Gegebenheiten; und sie ändern sich wiederum als Saddam Hussein stürzt und mit ihm das Land, nämlich in noch größeres Chaos.

Als wir Amar begegnen, wird er gerade am Flughafen Heathrow festgehalten, ohne greifbaren Grund, vermutlich schlicht, weil er aus den USA kommt, Amerikaner ist, aber zwei Pässe hat, und gerade über die Türkei in den Irak einreisen will. Ein langes Warten beginnt, in dessen Verlauf Amar – angeregt durch die aktuellen Ereignisse, den Punkt an dem er jetzt in seinem Leben steht – an die Stationen seiner Lebensgeschichte zurückdenkt und in welcher Beziehung sie zu seiner doppelten Nationalität standen. Lisa Halliday gelingt (obgleich ich bei den vielen Zeitsprüngen nicht ganz mitgekommen bin und eine genaue Chronologie nicht nachzeichnen könnte) ein gut aufgefächertes Panorama, in dem sich unwillkürlich die vielen Facetten der US-amerikanischen Mentalität und der Unterschiede zur Mentalität im Nahen Osten auftun.

Auch sehr zugute halten muss man Halliday, dass sie aus Amar keinen Amboss macht, auf dem sie eine große Theorie über den Irakkrieg, die US-amerikanische Außen- und Einmischungspolitik und die Gefahren des 21. Jahrhunderts schmiedet. Die Figur und ihre begrenzte Perspektive, Amars ganz eigene Erfahrungen, stehen im Mittelpunkt; in dieser Perspektive, diesen Erfahrungen, spiegeln sich natürlich allerlei Ansätze von größeren Themen und Realitäten, die von einem Bild des modernen Irak bis zu den Wurzeln von Donald Trumps Repressionen gegen muslimische Bürger*innen reichen. Amars Lebensweg erscheint authentisch, mit allen Wendungen; die Geschichte seiner Familie, das darin schwingende Pendel zwischen USA und Nahost, wirkt gleichsam exemplarisch und individuell. Auch an der Art, wie Halliday Rückblenden und Gedankengänge sprachlich inszeniert, ist wenig auszusetzen – klug lässt sie die Unsicherheit und die Anspannung von Amar einfließen in die Struktur und den Verlauf seiner Überlegungen, seiner Erzählung.

Kurzum: Würde in diesem Buch nur diese Geschichte erzählt, es wäre nur 110 Seiten lang, aber es wäre eine beeindruckende menschliche Studie, ein gelungenes Porträt. Aber alles beginnt ja auf einer Parkbank im Zentralpark.

Während ich die Beschaffenheit der asymmetrischen Komponente im zweiten Teil für sehr vielschichtig und komplex halte, wirkt sie im ersten Teil geradezu plump: hier wirkt nichts wirklich asymmetrisch. Was trennt die beiden „ungleichen“ Liebenden, den Starschriftsteller Ezra Blazer und die Juniorlektorin Alice, anderes als das Alter? Nun will ich keineswegs behaupten, dass eine Geschichte über Liebende grundverschiedenen Alters nicht interessant sein kann oder ein alter Hut ist. Nichts Menschliches ist ein alter Hut und wenn jemand (oder eine ganze Gesellschaft) von etwas übersättig ist, dann hat das ebenso viel mit der Nachfrage zu tun wie mit dem Angebot.

Mir geht es also in Bezug auf diesen ersten Abschnitt nicht nur um die mangelnde Innovation. Er wirkt einfach trocken und nicht gut inszeniert, uninspiriert, scheint sich von einer Szene zur nächsten zu hangeln, als müsste die Autorin die 150 Seiten-Marke erreichen. Als Einwand könnte geltend gemacht werden: aber vielleicht geht es ja genau darum, um eine ungeschönte Darstellung, das Unaufgeregte, den Alltag eines Paares, dessen Alter weit auseinander liegt. Mag sein. Aber ich möchte dann schon verstehen, wie dieses Paar emotional ineinander verwickelt ist. Ich möchte die Figuren im Spiegel ihres Umgangs kennenlernen. Beides passiert nicht. Stattdessen laviert das Buch vor sich hin, in Sätzen und Szenen, die wohl Symptomatisches, Doppelbödiges enthalten und Zwischenräume lassen sollen, aber einfach nur wie zu dünn aufgetragen, zu baufällig gezimmert wirken. Dialoge wie dieser sollen vielleicht knapp und gleichsam hintergründig wirken, sparsam und feingliedrig:

Als sie den Kühlschrank öffnete, schlug die goldene Medaille vom Weißen Haus, die er an den Griff gebunden hatte, laut klappernd gegen die Tür. Alice ging wieder zum Bett.
„Liebling“, sagte er. „Ich kann kein Kondom tragen. Niemand kann das.“
„Okay.“
„Was machen wir dann wegen Krankheiten?“
„Na ja, also ich vertraue dir, wenn du …“
„Du solltest niemandem vertrauen. Was, wenn du schwanger wirst?“
„Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich würde abtreiben.“
Als sie sich später im Bad wusch, reichte er ihr ein Glas Weißwein durch die Tür.

 

Aber sie wirken stattdessen unausgereift, apathisch manchmal, wie ohne Hintergrund und Inhalt, wie eine Hülle. Ich erfahre zwar alles Mögliche über die beiden Figuren und was sie miteinander machen, wie sie leben – aber ich erfahre nichts über sie; es gibt keinen Moment, wo sie heraustreten aus ihren Beschreibungen, dreidimensional werden.

Ist das die Asymmetrie? Hier die Oberfläche einer Liebesgeschichte, die Neurose der amerikanischen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts adaptierend und glättend, und auf der anderen Seite die Tiefe einer menschlichen Psyche, zerrissen zwischen der Dominanz der US-amerikanischen Lebensweise auf der einen und den Auswirkungen dieser Dominanz auf der anderen Seite? Gut, das taugt was, als großes Bild, aber es macht diese erste Geschichte nicht besser, nicht lesenswerter. Vor allem nicht als Fiktion. Als autobiographischer Bericht (wie einst die Geschichte von Joyce Maynard über ihre Zeit mit J. D. Salinger) würde diese Story vielleicht noch etwas hergeben. So wirkt sie zahm, lahm, allzu glatt, ohne wirkliche Einfühlungsmöglichkeiten, ohne Reiz.

Auch als Liebeserklärung an den Autor Philipp Roth oder sein Schreiben, kann man diesen ersten Abschnitt nicht gelten lassen – diese Absicht ließe sich am ehesten im dritten, kürzesten Teil finden. Dieser dritte Abschnitt ist ein Interview mit Ezra Blazer, bei dem er über seine Lieblingsmusik sprechen soll, wie sie seine Biographie begleitet und geprägt hat. Dieser dritte Teil ist gelungen und obgleich Blazer auch hier ein bisschen wie ein Platzhalter wirkt und ganz klar als Figur auftritt, ist doch sehr viel mehr Leben in diesem kurzen Abschnitt als auf den ganzen ersten 150 Seiten.

Fazit: Ja, Lisa Halliday ist eine gute Autorin, aber die ersten Seiten ihres Debüts wirken bemüht und etwas einfallslos; sie wagt viel zu wenig. Die Chance, die in der Darstellung einer solchen Beziehung aus weiblicher Perspektive liegt, lässt sie ungenutzt verstreichen und bringt fahrlässig wenig von den Emotionen und der Persönlichkeit ihrer Protagonistin ein. Der zweite Teil ist wie gesagt beeindruckend, bestechend. Der dritte ein schöner Schluss, elegant. Hätte man den ersten Teil um 100 Seiten gekürzt oder anders inszeniert, wäre es ein tolles Buch geworden. Wobei der Titel „Asymmetrie“ immer noch ein wenig hochgegriffen wirken würde, den dafür kommunizieren Teil 1 und 2 einfach zu wenig und selbst die oben angesprochene Idee stellt die Teile zwar einander gegenüber, aber verknüpft sie nicht wirklich miteinander. Das Ungleichgewicht ist ein ästhetisches, kein konzeptionelles.

Zu “Ich und Earl und das (sterbende) Mädchen”


Ich und Earl und das Mädchen Jesse Andrews Jugend-/Krebsbuch kommt in einer netten, farbenfrohen Verpackung, der Name (im Englischen heißt das Buch “Me and Earl and the dying girl”, im Deutschen wurde das “sterbende” aus dem Titel des Films und der dazugehörigen Buchversion entfernt) und der Klappentext versprechen scheinbar mainstreamig-anrührendes (und doch bestimmt coming-of-age-Herzkammerflimmern!) und es gibt sogar einen Film. Diese Aspekte könnten viele Leser*innen dazu verleiten, ein anrührendes und lebensbejahendes, emotionales und tiefgründiges Buch zu erwarten. Ein Buch mit nahegehender Botschaft, mit atemloser und eindringlicher Kraft, der dünnen Haut der Jugend.

Doch gleich zu Beginn schlägt das Buch einen ganz anderen Weg ein (ob deswegen die Wirkung eine komplett andere ist, dazu später mehr). Der erste Satz (“Ich habe keine Ahnung wie ich dieses bescheuerte Buch schreiben soll”) ist schon in vielen Rezensionen zitiert worden und er kann durchaus als Ansage verstanden werden. Viele Rezensionen unterstellen ihm zusätzlich, dass er eine vorweggenommene Entschuldigung sein soll. Diesen Strick kann man drehen. Ich glaube aber, dass er die Lesenden vorbereiten und sie nicht vertrösten oder den Autor gegen Angriffe abschirmen soll. Das Buch sagt direkt: ich bin nicht so, wie du vielleicht erwartest. Denn die Dinge sind eigentlich nie so, wie man sie erwartet, wie sie kommen sollen, auch wenn Hollywood das Glauben macht.

Der Protagonist Greg ist siebzehn, sein bester Freund heißt Earl und gemeinsam machen sie Filme, inspiriert u.a. von Werner Herzog und Jean-Luc Godard, ambitioniert, aber letztendlich sind es minimalistisch-dilettantische Home-Videos, was die beiden bei aller Begeisterung auch wissen.
Gregs Familie ist ein Ausbund an Schrullen und Gewöhnlichkeiten (ein übliches coming-of-age-Rezept). An der Highschool fährt Greg eine eigene Taktik: er stellt sich mit allen gut, aber mit niemandem zu gut, was sich tatsächlich als clevere Variante erweist, diesen Hort der Cliquen und Ressentiments unbeschadet zu überstehen. So lebt er wenig besonderes, geradezu unspezifisches, auf wenige Dinge fixiertes Leben, bis dann seine Mutter eine völlig fremde Katastrophe in sein Leben trägt: die Krebskrankheit seiner Kindheitsfreundin Rachel…

Über Krebs bei Kindern/Jugendlichen gibt es schon viele Bücher & Filme. Ich behaupte dennoch, dass dieses Buch auf besondere Art und Weise damit umgeht. Von Anfang an schildert das Buch keine Geschichte von Liebe (wie John Greens “The fault in our stars”) oder die Geschichte eines Kampfes gegen die Krankheit. Überhaupt muss man sich am Ende die Frage stellen, was für eine Geschichte man da überhaupt gelesen hat, denn weder steht Rachel besonders im Mittelpunkt, noch steht es Gregs Entwicklung, noch Earls problematische Familiensituation, etc. – eine Unentschlossenheit beherrscht das Buch und seine Figuren, die natürlich frustrierend sein kann und wer mit dem etwas unorgansierten Erzählverlauf, der die Gewichtung der Themen immer wieder verschiebt, nicht klarkommt, den wird das Buch vermutlich eher aufregen als berühren.

Mich hat das Buch jedoch berührt. Vermutlich weil es nie vorgibt etwas anderes zu sein als die Geschichte eines durchschnittlichen Jungen, ohne Verlagerung auf Highschool-Kitsch, protzige Love-und-Sex-Aufputschungen, ohne Erhebung/Heldwerdung des Protagonisten, ohne fight gegen das Schicksal. Greg und Earl gewinnen (ebenso wie Rachel) schnell menschliche Dimensionen, gerade weil sie unspektakulär sind und ihre Geschichte an der Oberfläche unspektakulär verläuft. Berührend und im gewissen Sinne spektakulär werden dadurch nicht die Aufmachung, nicht der große Bogen, sondern die kleinen Momente, die erst richtig zur Geltung kommen und aus dem kleinen Raum der plötzlichen Erkenntnisse, der peinlichen Ereignisse, der scheinbar unausweichlichen Gewohnheiten entspringen.

“Ich und Earl und das (sterbende) Mädchen” ist nicht immer ein Lesevergnügen. Es hat seine Albernheiten, seine annoying Eigenheiten, stilistisch wie konzeptuell, und es wirkt irgendwie unfertig. Aber genauso ist das Leben, sind unsere Gefühle, unsere Vorstellungen oft, zumindest mit siebzehn: unfertig, fragil. Dieses Unfertige würde ich in diesem Fall nicht als Fehler, sondern als feature bezeichnen. Wir kommen nun mal oft nicht über das hinaus, was wir sind, das ist eine traurige, aber oft zu beobachtende Tatsache. Aber wir versuchen es und es ist der Verdienst von Andrews Buch, dass es, bei all seinen Mängeln, genau dieses Versuchen so gut darstellt. Nicht immer ist es das Widrigste, was wir überwinden müssen, es ist sogar selten das Widrigste. Meist ist es schlicht die Gewohnheit oder unsere eigene Komfortzone, unsere liebgewonnene Vermeidungstaktik, das gepflegte Nichteinmischen/-einsehen, etc.

Zu Eudora Weltys “Die Tochter des Optimisten”


Die Tochter des OptimistenHauptsächlich wegen ihrer Kurzgeschichten (aber auch wegen diesem, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman) gilt Eudora Welty als eine der wichtigsten US-Amerikanischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, als Chronistin der Südstaaten und als weibliches Pendant zu William Faulkner. Zeit ihres Lebens wurde sie mit vielen Ehrungen bedacht und ihre Geschichten sind in manchen Südstaaten sogar Schullektüre.

Ihr letzter Roman (sie brachte danach nur noch Kurzgeschichten heraus) „Die Tochter des Optimisten“ spielt in Mississippi. Darin reist die Tochter des über 70jährigen Richters Judge McKelva, Laurel, aus Chicago an, um ihren Vater und dessen stets semi-hysterische, junge Gattin (sie ist wenige Jahre jünger als die Mitte 40jährige Tochter) zu einem Arzttermin zu begleiten. Es stellt sich heraus, dass die Netzhaut auf dem einen Auge eingerissen ist. Der Arzt führt eine Operation durch, nach der sich das Auge lange erholen muss, während der Patient ebenfalls ruhen und möglichst durchgehend stillliegen soll. Man richtet sich also im Krankenhaus ein.

Zwischen der Frau Fay und der Tochter Laurel geht es von Anfang an nicht heiter zu – Fay empfindet die Behandlung ihres Mannes und die Auflagen des Arztes als eine Zumutung und hat immer und überall etwas zu meckern, gleichzeitig ist sie ausgenommen weinerlich und neigt zu Ausfällen jeglicher Art. Laurel versucht die Verbindung zu ihrem Vater zu stärken, liest ihm vor und versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass sie einen kleineren Kulturschock durchmacht. Stoisch erträgt der Richter, seit jeher ein stichelnder Optimist, seine Genesungsauflagen. Doch allmählich scheint er auf dem Krankenbett in sich zusammenzufallen, in seinem Schweigen und Ruhen zu versinken …

Welty zeichnet in dem Buch ein minimalistisches, aber dennoch bestechendes Bild einer Südstaatengesellschaft, die sich in mitgehörten Gesprächen ausbreitet und die auch sonst überall subtil mitschwingt, ohne genau umrissen zu werden; wie bei William Faulkner ist ihre Darstellung dabei ungeschönt, aber auch ohne jede hinzugemischte Kritik. Sie lässt die Leute sprechen und man selbst denkt sich seinen Teil.

„Die Tochter des Optimisten“ ist ein langsames, sehr unspektakulär verfahrendes Buch, das vor allem in seinen Beobachtungen, seiner Präzision in den Dialogen glänzt. Für europäische Leser*innen erscheint es möglicherweise etwas weltfremd. Doch wer gerne Zwischentöne heraushört und bei einem Buch die unaufdringliche und unspektakuläre Entfaltung schätzt, der wird wohl kein besseres Buch finden als Weltys Roman.

NACHTRAG: Der Roman gehört zur rowohlt repertoire-Reihe, im Zuge derer der Verlag viele alte & vergriffene Titel neu auflegt. Darunter auch viele Titel von Autorinnen wie Susan George, Daniela Dahn, Ann Fairbairn, Ricarda Huch u.v.a.

Zu Philip Roth


 

Seine großen Themen waren Sex und Tod. Das in manchen seiner Romane nicht ganz unproblematische und nicht selten einseitig gewichtete Frauenbild, dürfte manchen Leser*innen schon einmal sauer aufgestoßen sein. Seine Frauenfiguren, oft nur Spiegel für die Vergänglichkeit und Konflikte der männlichen Protagonisten, blieben seine Achillesverse.

In den USA sorgten einige seiner Plots für Furore – schon sein Erstling „Portnoys Beschwerden“ wurde begrüßt und gleichsam verdammt, aber auch sein in Europa kaum bekannter Satireroman über Richard Nixon, seine Zuckermann-Quadrologie und nicht zuletzt sein Buch „Der menschliche Makel“, erhitzten die Gemüter und sorgten für einige Kontroversen. Nun ist der Autor Philip Roth gestern im Alter von 85 Jahren gestorben.

Immer wieder thematisierte er das Neurotische im und am Triebhaften, die Fallhöhen der kreativen und erotischen Existenz – und schon früh, und am Ende immer häufiger, die Qualen des Alters, die Furcht vor dem Tod. Eine Furcht, der seine Protagonisten anscheinend nur durch eine Flucht ins Brodelnde oder Ebenmäßige der wiedergefundenen Jugend beikommen konnten, im Wiederaufleben der Pubertät, einer letzten Erregung.

Ich schätze vor allem seine unkonventionelleren Werke: das anarchische Baseball-Opus „The great american Novel“, halb Parodie, halb Mythos, eigentlich ein wahnsinniger Witz und streckenweise eigenwilligste Unterhaltung. Das schmale Buch „Mein Leben als Sohn“, eine Auseinandersetzung mit dem Vater. Und jene beiden ersten Bände seiner letzten Kurzromanserie „Jedermann“ und „Empörung“.

Ersteres: eine rücksichtslose, hoffnungsangekratzte Bilanz einer (männlichen) Existenz, ein Endpunktspektakel, das berührt, weil es alle Kraft der Beschreibung in die Aussichtlosigkeit investiert. Ein Konzentrat der Endlichkeit.
„Empörung“: Das Gegenstück. Eine Geschichte von Jugend, Aufbruch und Ungeduld. Ein Konzentrat der Unendlichkeit. Und beide Bücher haben ihre ganz eigene Antipointe.

Viele können sicher viel mehr über das Werk Philip Roths, seine Größe, seine Problematiken, berichten. Aber für diese vier Bücher will ich ihm einfach danken. Mir werden sie bleiben. Ruhe sanft.