Category Archives: Romane

Übermütig und schlitzohrig: Charles Simmons “Das Venus-Spiel”


“Ich habe eine Frage”, sagte ich. “Was ist der Unterschied zwischen Sex und Liebe?”
Sie versuchte, meine Zehen mit ihren Zehen zu packen.
“Wenn es Sex ist, schert es dich nicht, was der andere denkt. Bei der Liebe ist das anders. Du möchtest im Inneren des anderen sein. Was denkst du gerade, beispielsweise?”
(Zitat, Seite 46)

Das Venus-Spiel war das letzte Buch des Autors Charles Simmons, das mir noch fehlte. Geständnisse eines ungeübten Sünders las ich als erstes – ein kleiner Bruder vom Fänger im Roggen, der mich sehr begeisterte. Es folgte Salzwasser, sein Triumph, ein Meisterwerk. Sein Buch Belles Lettres über die Redaktion einer Literaturzeitschrift war für einen Literaturgeek wie mich natürlich ein gefundenes Fressen und ich bin bis heute ein bisschen verknallt in diesen kleinen, aber feinen Streich. Lebensfalten musste im Vergleich mit den Dreien fast zwangsläufig etwas zurückfallen, war aber formal eine spannendes Erlebnis.

Und nun also ein federleichter Roman über eine Sex-Droge. Aufgeführt von einem Figurenkabinett, heiter bis albern bis idiotisch. Wie war das mit der Liebe? Ah, stimmt: sie stößt an ihre Grenzen. Und wenn die Lust grenzenlos wäre, wär dann auch die Liebe ohne Ende? Doch so banal ist die zentrale Frage natürlich nicht, auch wenn es einem manchmal so vorkommt, als sollte tatsächlich über diese Frage sinniert werden. Venus-Spiel ist vor allem, und daran sollte man sich besser früh bei der Lektüre gewöhnen, eine Farce, ein Drama mit viel Setting, aber ohne Hintergrund, ähnlich den Komödien von Oscar Wilde, nicht ganz so scharfzüngig, dafür mit etwas mehr Aberwitz.

Eine Wunderdroge namens Venus soll getestet werden – allerdings ohne Genehmigung, unter der Hand, mithilfe eines Arztes und einiger unabhängiger “Spieler”. Ben, 28 Jahre alt, ist einer von ihnen – und, oh Wunder, sein erotisches Leben wird sofort noch ein bisschen interessanter, nachdem er die Pille geschluckt hat. Aber das Spiel und die Erwartungen der Firma sind undurchsichtig und seine frisch mithilfe der Droge begonnene Liebschaft droht ins Blickfeld der Pharma-Interessen zu geraten, derweil ihr gemeinsames, fröhliches, fast schon aristokratische Leben erblüht und skurrile Früchte trägt. Ben versucht mehr über die anderen Spieler herauszufinden und gleichzeitig seine Geliebte aus dem Umfeld von Venus herauszuhalten, doch langsam aber sicher wachsen im die Dinge und die Fähigkeiten seines neuen Körpers über den Kopf…

Die Formen der Liebe, die Formen der Unschuld, der Schemen der Lust – sie sind die Triebfedern hinter Simmons stets augenzwinkerndem, illustren Reigen. Manchmal kommt einem die ganze Geschichte doch ein bisschen zu sehr wie auf einem einzelnen Finger balanciert vor, dann greifen die Motive aber wieder ineinander oder scheinen ineinander zu greifen. Ton und Esprit des Textes sind dermaßen beschwingt, dass die Story durchaus auf einem Finger herumgewirbelt werden kann. Viele treffsichere Spitzen, wie nebenbei untergebracht, verstärken den Eindruck, es mit einem sehr findigen Werk zu tun zu haben, bei dem man stets auf die Zwischentöne hören sollte. Und doch wirkt alles auch wie Show. Man könnte meinen, das ganze Buch hänge irgendwie in der Luft.

Zur Top 3 wird auch “Das Venus-Spiel” nicht aufschließen können. Aber es fällt auch nicht besonders ab, weiß meist eher zu unterhalten, als zu erstaunen oder zu fesseln. Ein famoses, manchmal zu leichtes Werk.

Zu Bukowskis “Der Mann mit der Ledertasche”


Das Schlimmste kommt noch verschlag ich im Teenageralter und ja, es war halt ein Buch, das in diese Zeit passte, eine prägende Erfahrung, ein unvollkommener Fänger im Roggen, ein Flachhalten des Balls, keine große Kunst, aber straighte Unterhaltung – das Buch schleifte einen einfach mit, wie einen ein Freund in eine Bar oder zu einer Party mitschleift. Und entwickelte dabei einen Sog, der angenehm war, stechend, kratzend bisweilen, aber angenehm und aufregend. Dieses Gefühl fing gut das nicht wirklich besondere, aber doch einzigartige Gefühl der Pubertät ein.

Ein paar Jahre später: Das Liebesleben der Hyäne pfeffere ich nach ein paar Seiten in die Ecke. Das soll von Charles Bukowski sein, dem Dichter, dessen Lyrik ich über hunderte Seiten gefressen und geliebt habe? Ich war enttäuscht. Und nicht mehr wirklich willig, mich je wieder an einen Bukowskiroman zu wagen. Vermutlich war das, was auf kurzen Strecken Melancholie, Chuzpe und lebendig sein konnte, auf langen Strecken schlicht eine Tristesse ohne Boden oder Botschaft, Alltag meinetwegen, ein kesses Leben vielleicht – aber warum so einen Roman lesen, man weiß, wie es gehen wird …

Jemand empfahl mir “Der Mann mit der Ledertasche” und ich nahm das Buch mit auf eine Zugfahrt. Und, was soll ich sagen: es stellte sich wieder dieses angenehme Gefühl ein, leicht berieselnd, leicht erquickend. Mit der Wucht und der Größe von Das Schlimmste kommt noch konnte es das Buch nicht aufnehmen und es wäre gelogen, würde irgendjemand behaupten, in diesem Buch würde irgendetwas Spektakuläres oder Dolles passieren. Nein, es ist einfach die Schilderung eines Postbotendaseins + Bukowski-Schnodder, Bukowski-Weibergeschichten, Bukowski-Lonely Wolf-Kommentaren und skurrilen bis radikalen Bukowski-Erlebnissen. Der Typ schabt halt seine Plots von der Straße und vom Wohnzimmerboden.

Wer einfach ruhig einem Dasein folgen will, dem sei das Buch empfohlen. Es wird ihn nicht umhauen, es wird ihn nicht erleuchten. Aber vielleicht wird es ihn erstaunen, in seiner Schlichtheit, seiner Kompromisslosigkeit, die nichts Überstrapazierendes oder Episches hat, sondern ganz bei sich bleibt, sich mit einer Mischung aus Fatalität und Knurren hineinsetzt. Sie zieht halt, diese Masche, dieser Stil – man kann aber auch einfach die Finger davon lassen, es führen durchaus Wege dran vorbei.

Zu Sylvia Plaths: Die Glasglocke


  „Ich schloß die Augen.
Es trat eine kurze Stille ein, wie ein Atemanhalten.
Dann kam etwas über mich, packe und schüttelte mich, als ginge die Welt unter. Wii-ii-ii-ii-ii schrillte es durch blau flackerndes Licht, und bei jedem Blitz durchfuhr mich ein gewaltiger Ruck, bis ich glaubte, mir würden die Knochen brechen und das Mark würde mir herausgequetscht wie aus einer zerfaserten Pflanze.
Ich fragte mich, was ich Schreckliches getan hatte.“

So erlebt Sylvia Plaths Protagonistin Esther Greenwood ihre erste Elektroschocktherapie in einer besseren Irrenanstalt. Sie ist vom Leben abgeschnitten und war es schon vorher, als sie noch im Getümmel von New York als Stipendiatin lebte. Schon dort fühlt sie sich wie unter einer Glasglocke gefangen, die in einem eintönigen Leben vor sich hin schaukelt, ohne einen echten, tiefen Ton hervorzubringen. Ehe oder Karriere als Dichterin? Esther ist begabt, sie ist klug und eigentlich auch rebellisch. Aber sie leidet unter den Verunsicherungen, die die moderne Welt für uns alle bereithält, sie leidet an den Fragen und Meinungen, zwischen denen sie aufgerieben wird; sie ist wie der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er vor dem Fressen herausfinden will, unter welchem Haufen jenes Ding namens Glück liegt.

Sylvia Plaths einziger Roman ist die Geschichte einer fortschreitenden Entfremdung, eines Gefangenseins und des Kampfes dagegen. Die Protagonistin ahnt, dass sie in der Welt und den gesellschaftlichen Konventionen gefangen ist, aber sie ist sich nicht ganz sicher, ob sie nicht doch in ihrer Persönlichkeit, ihrem Körper gefangen ist. Befreiung? Kommt die mit der Liebe, dem Sex, der Selbstverantwortung, dem Zerschlagen der Illusionen, der zynischen Weltsicht, dem Verweigern, dem erhaben sein über die Dinge und Menschen? Esther probiert alles aus, halbherzig meist. Die Rückschläge verstärken die Entfremdung. Es ist, als wäre die Welt nicht für sie gebaut. Oder sie nicht für die Welt. Wo liegt die Dysfunktion: im Apparat oder in dem, der ihn bedient?

„Ich wusste genau, dass die Autos Geräusche machten, auch die Menschen in ihnen und hinter den erleuchteten Fenstern in den Häusern machten Geräusche, und der Fluß machte Geräusche, aber ich konnte nichts hören. Flach wie ein Plakat hing die Welt in meinem Fenster, glitzernd und funkelnd, aber was ihren Nutzen für mich anging, so hätte sie nicht da zu sein brauchen.“

Plaths Roman ist eine schwer zu verdauende Wucht; sprachlich kann er immer wieder mit sehr gelungenen Bildern aufwarten, die oft einen bestimmten Moment (und die Schatten, Gedanken, die er aufwirft) perfekt einfangen. Als Lesende/r ist man wie gefangen in Esthers Gedanken und Versuchen, man wird Teil der um sich kreisenden Psyche.

Und doch: streng genommen fehlt dem Roman etwas: eine Story. Schnell merkt man beim Lesen, dass es der Autorin um die Auslotung und Vervollständigung von Esthers Unsicherheit, ihres Lebensleides, ihres euphorischen Überdrusses ging und nicht darum, eine Geschichte über sie zu erzählen. Das macht das Buch sprachlich nicht weniger eindrucksvoll und die Erfahrungen darin nicht weniger zwingend und in ihren Zuspitzungen epiphanisch und erschreckend. Esther kreist um sich selbst, sie kann gar nichts anderes sein als eine Protagonistin ihres eigenen Kummers, ihrer eigenen Weltgeworfenheit. Denn diese Weltgeworfenheit ist das Thema des Buches und sie ist kaum irgendwo so deutlich geschildert und verdichtet worden.

Obwohl ich selten ein Buch so bewerben würde, es ist tatsächlich die beste Art, seine Bedeutung hervorzuheben: es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte. Um Gefühlswelten besser zu verstehen. Um zu begreifen, dass Enge vorherrscht, wo man sie nicht vermutet. Dass Wahnsinn nicht unbedingt im Geist des einen, sondern im Leben der vielen liegen kann. Und Angst zwar etwas Irrationales ist, aber wie einen Unterschied machen, wenn auch die Welt – und was sie für einen bereithält – einem irrational erscheint?

„Mir fiel auch ein, wie Buddy Willard einmal in düster wissendem Ton gesagt hatte, wenn ich erst Kinder hätte, würde ich anders denken, dann würde ich keine Gedichte mehr schreiben wollen. Deshalb überlegte ich mir, dass es vielleicht wahr sei, dass Heiraten und Kinderkriegen wie eine Gehirnwäsche war und dass man nachher nur noch benebelt herumlief, wie ein Sklave in einem totalitären Privatstaat.“

Zu Vincent Overeem und seinem Buch “Misfit”


  “Und als wir ausstiegen, sagte ich zu Kaat, tagsüber würden die Vögel durch die Luft fliegen und nachts die Fledermäuse und niemand nehme Notiz davon. Wir suchten den dunklen Himmel ab und sahen schließlich ein paar. Kaat stieß einen Schrei aus, umarmte mich uns sagte, wir seien auf der Welt, um auf solche kleinen Dinge zu achten. Und ich müsste dafür sorgen, dass das so bleibe. Das sagte sie, ehrlich wahr. Und zu Hause fickten wir die Sterne vom Himmel.”

„Misfit“ ist eins dieser Bücher, die man entweder in einem bestimmten Alter lesen muss oder sofort mit Nostalgie liest. Da ist ein 18jähriger Ich-Erzähler in einer mittelgroßen Stadt. In seiner eigenen Bude (eine baufällige, ranzige Angelegenheit) liegt nur eine Matratze auf dem Boden und er arbeitet mit seinem Nachbarn hier und da an einem Handwerks-Job; ansonsten verbringt er seine Zeit mit Kaat. Kaat, die großartige, die schöne, die aufbrausende, die selbstsichere, die freche, die nachdenkliche, die unausstehliche, die geliebte.

Kaat, das Mädchen, das sich wohl ein Großteil der 18jährigen, heterosexuellen Jungs aus Spielfilmvorlagen, Schulschwarms und eigenen ideelen Vorstellungen zusammenphantasiert; nicht nur eine Freundin, sondern eine Gefährtin durch dick und dünn. Die eines Tages einfach in der Tür steht. Und mit ihr beginnt die schwüle Zeit, die Zeit von häufigem Sex, von privaten Ritualen, kleinen (aber in der eigenen Prägung riesigen) Geschichten. Bis aus der Schwüle eine Hitze wird, die über der Stadt liegt und alles zu erdrücken scheint. Aber es ist nicht nur die Hitze, die drückt, sondern die unausgesprochene Vergangenheit des Protagonisten (aufgerollt in einer zweiten Geschichte, die sich Stück für Stück erschließt) und die geheimniskrämerische Seite von Kaat.

„Misfit“, das Buch eines Sommer, ein Buch voller schmerzlicher und schöner Emotionsanwandlungen (hinter denen aber auch dichtere Gefühle stehen), mit einem Auge für das – mal schmale und mal weite – Unbegreifliche, das oft zwischen Menschen steht, zwischen Freunden, Fremden, Liebenden und Familienangehörigen. Ein Buch über das Ende des Aufwachsens, den Übergang, in dem sich wie in einer Rinne zwischen Kindheit und Erwachsensein die Sehnsüchte ansammeln, vorwärts und rückwärts gerichtet.

Ja, das alles steckt in diesem Buch und ich bin selbst verblüfft darüber, denn seine Geschichte, die sich in zwei Geschichten aufteilt, ist geradezu simple und könnte Stoff für einen gewöhnlichen Teenie-Roman sein. Was „Misfit“ von einem solchen unterscheidet ist nicht nur das sich langsam in Bild schiebende ernste Thema im Hintergrund, sondern die ungefilterte und dennoch nie voyeuristische oder provokante Art der Darstellung, die ehrliche Form, die das Buch sich bewahrt. Die Nähe zum Geschehen quasi, die sich in ihrer Deutlichkeit und Schlussendlichkeit jedes Klischees entledigt.

Ein Buch des Sommers, ein Buch der Bewältigung, ein Buch der Schönheit im Jungsein. Nostalgie pur mit Genuss- und Anspruchsfaktor und dem gewissen, großartigen Etwas.

Zu Zoran Ferićs “In der Einsamkeit nahe dem Meer”


„Die letzte Nacht fühlte er sich weich wie Holundermark. Wie dicke Milch mit Sägespänen. Er fühlte seine Bewegungen zerfallen, er war immer weniger er, und nahm immer mehr die Elemente des Raums an: kinetischer Chamäleonismus. Er umarmte Constanze mit ihren Bewegungen, schob ihr auf ihre Weise die Zunge in den Mund, es musste ihr vorkommen, als küsse sie sich selbst. Er fühlte sich wie ein Dieb, der Bewegungen stiehlt, ein Krimineller, eine moralische Sülze. Sie waren in ihrem Zelt, Vera schlief bei Udo im Wohnwagen zusammen mit anderen Deutschen. Er versuchte nicht einmal, zum Wichtigsten zu kommen.“

Die Insel Rab in der nördlichen Adria vor der Küste Kroatiens; die 70er Jahre und 80er Jahre, kommunistische Zeiten, aber es regiert ja Tito, der große Antistalinist, autoritärer Liberalist und Propagierer einer blockfreien Welt, über den im Krankenhaus, in dem er den Tod fand, geschrieben steht: „Der Kampf für die Befreiung der Menschheit wird ein langer sein, aber er wäre länger, hätte Tito nicht gelebt”. Dank dieser halbwegs freien Umstände kommen jedes Jahr im Sommer Besucher aus den westlichen Industrieländern hierher, Rucksacktouristen, ältere Wohlhabende, Student*innen.

Die Touristinnen sind jede Saison das Ziel der Obsessionen und Bemühungen der auf der Insel lebenden Jungen. In einigen Fälle könnte man von umgekehrtem Sextourismus sprechen. Im trüb-schwül-wilden Kolorit der Insel wird hier gejagt, geliebt, gehofft und die kleinen Elemente des Versagens kommen ebenso zur Geltung wie die Großen Themen, die bahnbrechenden Gefühle. In den Touristinnen schlummert der Zugang zu einer aufregenderen, sonst unerreichbaren Welt, so glauben anscheinend die Jungen, die so etwas wie Transzendenz und Erhöhung zwischen den Schenkeln einer jungen westlichen Frau suchen. Auch umgekehrt hat man den Eindruck: die Touristinnen fahren her, um sich zu transzendieren, im Urlaub, im Flair des fremden Landes, in den Augen und Händen der fremden Jungen und Männer.

Doch dieses Aufeinandertreffen, obgleich voller brodelnder Wirklichkeit, ist doch eine große Unwirklichkeit. Zoran Ferić gelingt es gut, das herauszustreichen, es immer wieder zu formulieren, wortmächtig, schummrig und doch scheinend. Ein bisschen zu hoch ist die Sprache fast, denn ihre Ausführungen schieben sich hier und da zu ausgreifend zwischen den Lesenden und die Sicht auf die Figuren, erzeugen eine gewisse Ferne, führen ausschweifende Beschreibungen an, die sich etwas in selbst verlieren. Das schafft eine starke, unverwechselbare Präsenz des Autors im Text, die aber zulasten der Unwillkürlichkeit, des ganz und gar Lebendigen geht, das Ferić oft in den Mittelpunkt seiner Prosa stellt. Diese Sucht nach Bildern treibt den Text voran, aber durchsetzt ihn auch.

Damit geht einher, dass auch die Erzählinstanz nicht ganz klar ist, die Sprache windet sich um die Figuren, lässt sie sprechen, spricht aber auch ein bisschen über sie hinweg. Und in all den unterschiedlichen Geschichten, die in jeweils eigenen Kapiteln erzählt werden und die gemeinsam ein gekonntes Panorama ergeben, wechselt diese Stimme minimal, aber nicht entscheidend.

Dennoch oder gerade deswegen: ein beeindruckendes Buch, in dem auf sehr komplexe Weise alltäglichste und elementarste Gefühlsuntiefen ausgelotet und beschrieben werden. Die Unbedingtheit, die die Sprache dabei an den Tag legt (sehr selten gibt es etwas schwammigere Passagen) macht keinen Bogen um die unangenehmen Schritte, setzt sie in vollem Bewusstsein. Das hinterlässt sehr oft starke Eindrücke bei mir und das Buch im Ganzen ebenso.

 

Spanisch-Mexikanisches Generationenpanorama bei Antonio Ortuño in “Madrid, Mexiko”


   Spanien und Südamerika, eine geschichtsträchtige, schwierige Beziehung. Unter anderem geht es in Antonio Ortuños virtuos erzählter Familiengeschichte um die Differenz, die zwischen diesen beiden Weltgegenden, trotz ihrer unauslöschlichen Verbindung, liegt.

Aber eigentlich geht es um eine Familie und die einzelnen Geschichten, die die Generationen dieser Familie prägten; Geschichten voller Entschlossenheit und Ideale, aber auch voller Elend und Rache.

Da ist der jüngste Spross der Familie, der 1997 in Guadalajara vor einem Racheakt türmt, da sind seine Vorfahren, die in den Wirren der linken Fraktionskämpfe im spanischen Bürgerkrieg zu überleben versuchen und auch später in Mexiko die Ereignisse nicht hinter sich lassen können. Ums Überleben, darum geht es eigentlich die ganze Zeit, denn in beiden Strängen ist die Gefahr fast immer präsent, das Überleben nicht gesichert, so gut wie verspielt. Die guten Zeiten, von denen erzählt dieses Buch nicht, es erzählt von den Brennpunkten, den Katastrophen, den Kämpfen.

Gekonnt springt der Autor zwischen den Jahrhunderten und Jahrzehnten hin und her und steigert konsequent die Spannung und Dichte in jeder Geschichte. Seine Figuren sind plastisch, wirken hier und dort etwas heruntergebrochen, aber sie spiegeln auch nie vor mehr zu sein als sie sind. Das Buch besticht durch seine kompromisslose und einfache Darlegung, seine Hitze und seine Bedrohlichkeit, durch den Sog der Ereignisse und jeder Moment der Ruhe ist meist ein Moment der Ruhe vor dem Sturm.

In Teilen habe ich Ortuños Buch geradezu atemlos gelesen. Die Geschichte bannte mich, ich bangte, wann die Konflikte unausweichlich werden und wie alles ausgehen würde. Die Sprache bot sich mir die ganze Zeit über mit Bestimmtheit dar, ohne falsche Scheu, ohne große Gesten.

Man könnte also am Ende schlicht sagen: ein lesenswertes Buch. Keine metaphysischen Höhenflüge, dafür ein-zwei großartige Figuren, eine schnörkellose Schilderung, eine spannende Schilderung über Generationen hinweg, gekonnt zum Knäul verwoben, welches mit jedem neuen Sprung enger gezogen wird und ganz am Ende erst zerschlagen. Erzählt wird von Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, die irgendwie überlebt haben.

Schön nur in den Zwischentönen – zu Jan Schomburgs “Das Licht und die Geräusche”


     Ich habe eine Schwäche für Literatur, deren Protagonist*innen Jugendliche sind. Nicht unbedingt, weil ich mich in diese Episode meines Lebens zurücksehne, sondern weil diese Zeit so viele Schwellensituationen bereithält und damit auch jede Menge natürliches Konfliktpotenzial bietet. Die/der Autor*in muss sich wenig aus den Fingern saugen, muss keine großen Geschichten auftürmen – es gibt grundlegende Erfahrungen und Entwicklungen, die immer schon in diese Zeit gehörten und auf die jeder Schreibende zurückgreifen kann.

Natürlich gibt es auch jede Menge Bücher über diese Zeit, die nicht gut sind, gerade weil sie sich zu sehr auf diese Grundlagen verlassen und nicht genug das Eigene suchen. Nach der Lektüre von „Das Licht und die Geräusche“ bin ich geneigt, zu behaupten, dass dies einer der Fehler dieses Buches ist. Womit ich schon früh beim Urteil angelangt bin, dass natürlich differenzierter ausfällt und dargestellt werden will. Denn dieses Buch hat auch Vorzüge, aber es gibt einige Probleme und Handikaps, die sich meiner Meinung nach auch nicht allein auf Geschmacksfragen erstrecken, sondern schlichtweg in den Bereich der Mängel fallen. Das ist hart formuliert und letztlich vermessen, aber es geht ja darum, wie ein Buch zu einem spricht und in der Kommunikation zwischen mir und „Das Licht und die Geräusch“ gab einige Verständigungsschwierigkeiten.

Wir betreten den Roman und erleben die Geschichte durch die Augen von Johanna. Sie hat eine Schwäche für ihren besten Freund Boris, mit dem sie eine geradezu symbiotische Nähe verbindet, aber aus unerklärlichen Gründen ist er mit Ana-Clara zusammen, einer mehr oder weniger völlig regungslosen Portugiesin, mit der er eine Fernbeziehung führt. Natürlich wird die Geschichte nicht nur um das Dreiecksverhältnis aufgebaut, sondern beinhaltet auch eine Klassenfahrt und einige Nebengeschichten, die gekonnt um den Hauptstrang herum gewoben werden, stilsicher wie bei einem Nabokov-Roman. So weit, so verlockend.

So, what’s the problem? Nun, Nummer Eins: Die Konzeption der Figuren. Ich habe kein Problem damit, wenn Personen durch ihre Handlungen beschrieben werden und auch nicht, wenn ich Einblick in die Gedanken der Protagonist*innen habe. Aber wenn beides sich zum permanenten Irritationsfaktor auswächst, habe ich irgendwann keine Lust mehr, mir die Handlungen selbst zu erklären und mir die Gedanken anzuhören. Figuren in einem Roman sind Resonanzkörper, die auf jedes Wort und jede Beschreibung reagieren und durch jede beschriebene Aktion in Schwingungen versetzt werden. Irgendwann kennt man ihren Klang, dann werden sie von der Gestalt zur Persönlichkeit. Dies geschieht auch teilweise in Schomburgs Werk, allerdings gibt es immer wieder Dissonanzen und Rückkopplungen, Verzerrungen und simplifizierte Melodien, sodass einem dann und wann die Haare zu Berge stehen.

Und ich war wirklich bemüht, die Figuren zu begreifen oder zumindest der Raum, in dem sie verortet sind. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass dieser Raum nicht existiert, dass er leer ist bis auf das, was im Roman beschrieben wird; irgendwann kam mir die Charakterzeichnung dermaßen bemüht vor, gleichzeitig zu rabiat und zu behutsam, und das Ganze hat mich wirklich genervt.

Vor allem die Hauptfigur. Womit wir bei Punkt Nummer Zwei wären: den überdetaillierten Beschreibungen. An denen hat der Autor einen Narren gefressen. Keine einzige Handlung, kein Gefühl, kein einziger Eindruck der Protagonistin wird nicht zum Fallbeispiel, zur Reflexionsschleife, zur Aspektdurchdenkung schlechthin, zu einem Anlass die Prosa zu strecken. Zu Anfang hat man noch das Gefühl, diese Art charakterisiert ihre Person und soll Johanna Tiefe verleihen, ihre Zerrissenheit abbilden. Ja, das funktioniert auch. Aber irgendwann schlägt das um und diese Art der Darstellung hemmt jede Natürlichkeit des Erzählflusses und ermüdet die eigenen Vorstellung. Dank dieses ständigen Eingriffs ins Geschehen ist man sich die ganze Zeit einer erzählenden Instanz bewusst und hat außerdem das ungute Gefühl, der Autor wolle mit dieser Masche seiner Geschichte einer künstliche Breite verschaffen, ständig das Schreiben selbst ausschmücken.

Damit sind wir bei Punkt Drei angekommen: der Story. Die liegt irgendwo zwischen eigenwillig schön und hanebüchen. Wie bereits erwähnt: das Ineinandergreifen der Kapitel ist virtuos, da gibt es nichts zu meckern und man liest das Buch dadurch trotz aller Mängel mit Spannung und es gibt auch einige Momente, in denen die Leseerfahrung sich auflädt und einen kalt erwischt. Aber das ist das Problem: ein Roman ist (für mich) keine Szenenfolge mit möglichst hohem Spannungsfaktor und möglichst unerwarteten, kurz schockenden Wendungen. Aber genauso arbeitet „Das Licht und die Geräusche“. Mit Cliffhangern am Ende der Kapitel und einigen bemerkenswerten Twists und Sprüngen, die den Erwartungen der Leser*innen zuwider laufen. Mit kammerspielartigen Auslotungen und aufgeladenen Szenen, die arrangiert wirken. Nicht überall und immer, aber kontinuierlich.

Was Punkt Zwei und Drei angeht, die muss ein gute/r Lektor*in (auch wenn der/die Autor*in noch so darauf beharrt) angehen, finde ich. Da lehn ich mich weit aus dem Fenster und ich gestehe ein, dass ich vielleicht übers Ziel hinausschieße, aber ganz von der Hand weisen kann man diese Kritikpunkte meiner Ansicht nach nicht.

Natürlich habe ich Gewissensbisse, wenn ich das Buch in einigen Punkten so deutlich verurteile. Es hat auch seine Vorzüge, das weiß ich und in anderen Besprechungen werden sie sicherlich hervorleuchten, zurecht. Aber unausgesprochen sollte nicht bleiben, dass dieser Roman auf unsicheren Beinen steht; er täuscht Souveränität vor und verrät damit seine Makel, die einem so auch nicht sympathisch oder eingebettet vorkommen, die, im Gegenteil, hervorstechen. In der Handlung bleibt vieles unerklärlich und verlässt sich so deutlich auf diese Unerklärlichkeit, dass kaum etwas davon geheimnisvoll wirkt, sondern eher blutarm, willkürlich. Und letztlich verspricht es auch mehr, als es einhält. Auf einer Mikroebene arbeitet es sich an den großen Themen ab, aber so dezent, dass es immer wieder intensiv wird, aber diese Intensität springt nicht auf das große Ganze über.

Nun aber genug. Ich bin der Erste, der zugibt, dass dies eine einseitige Rezension ist. Ein Verriss, der immer auch ein bisschen zu leicht von der Hand geht. Ich bin sonst zimperlich mit solchen Dingen – und hoffe, dass zumindest klar wird, woran ich mich stoße.