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Zu Eudora Weltys “Die Tochter des Optimisten”


Die Tochter des OptimistenHauptsächlich wegen ihrer Kurzgeschichten (aber auch wegen diesem, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman) gilt Eudora Welty als eine der wichtigsten US-Amerikanischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, als Chronistin der Südstaaten und als weibliches Pendant zu William Faulkner. Zeit ihres Lebens wurde sie mit vielen Ehrungen bedacht und ihre Geschichten sind in manchen Südstaaten sogar Schullektüre.

Ihr letzter Roman (sie brachte danach nur noch Kurzgeschichten heraus) „Die Tochter des Optimisten“ spielt in Mississippi. Darin reist die Tochter des über 70jährigen Richters Judge McKelva, Laurel, aus Chicago an, um ihren Vater und dessen stets semi-hysterische, junge Gattin (sie ist wenige Jahre jünger als die Mitte 40jährige Tochter) zu einem Arzttermin zu begleiten. Es stellt sich heraus, dass die Netzhaut auf dem einen Auge eingerissen ist. Der Arzt führt eine Operation durch, nach der sich das Auge lange erholen muss, während der Patient ebenfalls ruhen und möglichst durchgehend stillliegen soll. Man richtet sich also im Krankenhaus ein.

Zwischen der Frau Fay und der Tochter Laurel geht es von Anfang an nicht heiter zu – Fay empfindet die Behandlung ihres Mannes und die Auflagen des Arztes als eine Zumutung und hat immer und überall etwas zu meckern, gleichzeitig ist sie ausgenommen weinerlich und neigt zu Ausfällen jeglicher Art. Laurel versucht die Verbindung zu ihrem Vater zu stärken, liest ihm vor und versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass sie einen kleineren Kulturschock durchmacht. Stoisch erträgt der Richter, seit jeher ein stichelnder Optimist, seine Genesungsauflagen. Doch allmählich scheint er auf dem Krankenbett in sich zusammenzufallen, in seinem Schweigen und Ruhen zu versinken …

Welty zeichnet in dem Buch ein minimalistisches, aber dennoch bestechendes Bild einer Südstaatengesellschaft, die sich in mitgehörten Gesprächen ausbreitet und die auch sonst überall subtil mitschwingt, ohne genau umrissen zu werden; wie bei William Faulkner ist ihre Darstellung dabei ungeschönt, aber auch ohne jede hinzugemischte Kritik. Sie lässt die Leute sprechen und man selbst denkt sich seinen Teil.

„Die Tochter des Optimisten“ ist ein langsames, sehr unspektakulär verfahrendes Buch, das vor allem in seinen Beobachtungen, seiner Präzision in den Dialogen glänzt. Für europäische Leser*innen erscheint es möglicherweise etwas weltfremd. Doch wer gerne Zwischentöne heraushört und bei einem Buch die unaufdringliche und unspektakuläre Entfaltung schätzt, der wird wohl kein besseres Buch finden als Weltys Roman.

NACHTRAG: Der Roman gehört zur rowohlt repertoire-Reihe, im Zuge derer der Verlag viele alte & vergriffene Titel neu auflegt. Darunter auch viele Titel von Autorinnen wie Susan George, Daniela Dahn, Ann Fairbairn, Ricarda Huch u.v.a.

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Zu Philip Roth


 

Seine großen Themen waren Sex und Tod. Das in manchen seiner Romane nicht ganz unproblematische und nicht selten einseitig gewichtete Frauenbild, dürfte manchen Leser*innen schon einmal sauer aufgestoßen sein. Seine Frauenfiguren, oft nur Spiegel für die Vergänglichkeit und Konflikte der männlichen Protagonisten, blieben seine Achillesverse.

In den USA sorgten einige seiner Plots für Furore – schon sein Erstling „Portnoys Beschwerden“ wurde begrüßt und gleichsam verdammt, aber auch sein in Europa kaum bekannter Satireroman über Richard Nixon, seine Zuckermann-Quadrologie und nicht zuletzt sein Buch „Der menschliche Makel“, erhitzten die Gemüter und sorgten für einige Kontroversen. Nun ist der Autor Philip Roth gestern im Alter von 85 Jahren gestorben.

Immer wieder thematisierte er das Neurotische im und am Triebhaften, die Fallhöhen der kreativen und erotischen Existenz – und schon früh, und am Ende immer häufiger, die Qualen des Alters, die Furcht vor dem Tod. Eine Furcht, der seine Protagonisten anscheinend nur durch eine Flucht ins Brodelnde oder Ebenmäßige der wiedergefundenen Jugend beikommen konnten, im Wiederaufleben der Pubertät, einer letzten Erregung.

Ich schätze vor allem seine unkonventionelleren Werke: das anarchische Baseball-Opus „The great american Novel“, halb Parodie, halb Mythos, eigentlich ein wahnsinniger Witz und streckenweise eigenwilligste Unterhaltung. Das schmale Buch „Mein Leben als Sohn“, eine Auseinandersetzung mit dem Vater. Und jene beiden ersten Bände seiner letzten Kurzromanserie „Jedermann“ und „Empörung“.

Ersteres: eine rücksichtslose, hoffnungsangekratzte Bilanz einer (männlichen) Existenz, ein Endpunktspektakel, das berührt, weil es alle Kraft der Beschreibung in die Aussichtlosigkeit investiert. Ein Konzentrat der Endlichkeit.
„Empörung“: Das Gegenstück. Eine Geschichte von Jugend, Aufbruch und Ungeduld. Ein Konzentrat der Unendlichkeit. Und beide Bücher haben ihre ganz eigene Antipointe.

Viele können sicher viel mehr über das Werk Philip Roths, seine Größe, seine Problematiken, berichten. Aber für diese vier Bücher will ich ihm einfach danken. Mir werden sie bleiben. Ruhe sanft.

Zu Kazuo Ishiguros “The buried giant”


The buried giant Raymond Queneau hat einmal angemerkt, dass jedes Buch letztlich eine Ilias oder eine Odyssee sei – die Geschichte eines Konflikts oder die Geschichte einer Reise. Man sollte solche Verallgemeinerungen natürlich nicht unhinterfragt übernehmen, sonst fängt man bald an, alle Realien so zu verdrehen, dass sie zu diesen Verallgemeinerungen passen; was auf einem Gebiet wie der Literatur meist auf Polemiken und vereinfachte Darstellungen hinauslaufen würde.

Trotzdem entsann ich mich dieses Ausspruchs von Queneau, als ich nach der Lektüre von „The buried giant“ darüber nachdachte, wie ich die Struktur des Buches veranschaulichen könnte. Denn letztlich hat Kazuo Ishiguro hier ein Buch geschrieben, das ganz und gar eine Odyssee ist. Nicht nur, weil eine Reise im Zentrum steht, sondern weil dahinter der Schatten einer Ilias lauert; einer Ilias, deren Auflösung erst in dieser Odyssee erzählt wird (was viele nicht wissen: das trojanische Pferd kommt in der Ilias nicht vor, sondern erst in einer in die Odyssee eingeflochtenen Rückschau). Auch in der Verquickung von phantastischen, metaphysischen, mythischen und realistischen Vorgängen und Ereignissen, gleichen sich die Odyssee und „The buried giant“.

Das Buch spielt in den Dark Ages der Britischen Insel, als mehrere Volksstämme nach dem Abzug der Römer und in Zeiten der Völkerwanderungen um die Vorherrschaft und die Siedlungsräume auf der Inseln konkurrierten. Bevor Angeln und Sachsen schließlich fast die ganze Region des heutigen „England“ eroberten, leisteten die ansässigen Britannier wohl eine Weile ernsthaft Widerstand – in diesem Konflikt liegen auch die Wurzeln der Sagengestalt König Artus, der in den frühsten Geschichten ein britannischer König ist, der den Angelsachsen die Stirn bietet.
Es gibt keine Chroniken und nur wenige gesicherte Fakten und Aufzeichnungen über diese Zeit, die dem groben Rahmen der Völkerkonflikte klarere Dimensionen verleihen könnten. Hier setzt Ishigruo mit seinem Mix aus Imagination, historischem Anstrich und Mythenkosmos an.

Im Zentrum steht das Ehepaar Axl und Beatrice, Britannier, die aus ihrem Heimatdort aufbrechen, um ihren vor langer Zeit verlorenen Sohn zu besuchen. Oder zu finden. Haben sie überhaupt einen Sohn? Warum fällt es ihnen so schwer sich an einfachste Dinge zu erinnern? Was ist damals geschehen, in dieser Zeit, an die niemand sicher erinnern kann.

Von Anfang an liegt ein undurchdringlicher, unbehaglicher Nebel auf dem Geschehen und man ist als Leser*in fast versucht, verärgert zu sein über die Unklarheiten in den Gedanken der Protagonist*innen, ihre scheinbare Einfalt, ihre vagen Aussagen und Erinnerungen.

Mit der Zeit begreift man (oder: muss akzeptieren), dass das Ganze Methode hat. Es kann einen natürlich immer noch nerven, in dieser Hinsicht lässt sich nichts beschönigen: Ishiguros Roman verlangt von seinen Leser*innen, dass sie dranbleiben, dass sie sich in denselben Nebel und dieselbe Unklarheit wie seine Figuren hüllen, nur langsam vorankommen und den (fast immer ungemein höflichen) Gesprächen lauschen, um hier und dort einen Blick auf eine mögliche, vielleicht auch vermeintliche Erkenntnis zu erhaschen, Stück für Stück in die Hintergründe vordringend, die sich nicht mit einem mal, sondern mit vollendeter Behutsamkeit entfalten. Diese Behutsamkeit und ihre letztendliche Entfaltung erinnern am Ende an die unterschwellig elektrisierende Behutsamkeit der Geschichte von „Never let me go“, die sich ebenso langsam offenbart, allerdings weniger mühsam voranschreitet, weniger mühsam zu lesen ist.

Axl und Beatrices Reise führt sie mit einigen wenigen Gestalten zusammen, die meist dem festen Figurenensemble angehören, in dem sich alle Konflikte abspielen und das die Reise, mal getrennt, mal vereint, bestreitet. Gemeinsam und jeder für sich werden sie, scheinbar in Bestimmungen verwoben, immer wieder neu zueinander positioniert. In einer Welt, die voller übernatürlicher Gefahren ist, Menschenfresser, Kobolde und Drachen, deren essentiellste Bedrohung aber trotz allen mystischen Schrecken immer noch von der menschlichen Verworfenheit ausgeht.

Daniel Kehlmann hat in seiner Rezension in der FAZ darauf hingewiesen, dass Ishiguros Buch letztlich ein Roman über das Vergessen ist, für und wider abwägend. Ich behaupte (ohne Kehlmann, dessen Rezension ich für gelungen und kompakt halte und deren Eingangspassage ich nachdrücklich unterstreichen will, zu widersprechen), dass es ein Roman über sehr viel ist, Unzähliges. Gerade weil dieser Roman so langsam voranschreitet und so wenig Zeit und Raum auf offensichtliche Handlungen, Aussagen und Ansichten verwendet, dahinfließt in fast schon unverfänglich anmutenden, mitunter leicht willkürlich erscheinenden Episoden, gelingt es ihm, so viele Motive unterzubringen, die sonst nicht gleichberechtigt nebeneinander existieren könnten, weil sie nach einer Forcierung verlangen oder um Aufmerksamkeit und ihren Platz als Spannungselement konkurrieren würden.

Es geht um Katastrophen, es geht um das Alter, es geht um die Gewissheit der Liebe, es geht um Rache, es geht um das Elend, es geht um das Schicksal, um die Frage nach Gut und Böse, um neuerzählte/-gedeutete Mythen, um Gerechtigkeit und Willkür. Und immer mehr Worte will ich anreihen, belasse es aber bei diesen, die mir zuerst eingefallen sind. Und habe schon Angst, zu große Erwartungen zu wecken, die ja der Feind jeder unverstellten Lektüre sind.

Also: warum ist dieses Buch so lesenswert?

Die einfache und für manche (ganz gleich, ob sie es (an)gelesen haben oder noch nicht gelesen haben) wohl unbefriedigende Antwort ist: Weil es großartige, feinmaschige Literatur ist. Ich behaupte, dass es keine einzige überflüssige Szene, keinen einzigen überflüssigen Dialog gibt; ja, dass, sobald man eine Szene streichen wollen würde, erkennen würde, wie viel die karge Handlung, die jovialen und sich dann doch zuspitzenden Gespräche, über die Figuren und die Themen, um die alles kreist, aussagen – vor allem, wenn man sie im Zusammenhang betrachtet, als Teil des Kosmos, den das ganze Buch webt. Diese Bedeutungsebenen nimmt man zunächst nicht wahr, während man – auf einen deutlichen Fingerzeig, das Eintreten einer klar ausgerichteten Narration wartend – die Szenen an sich vorbeiziehen lässt. Aber im Nachhinein fällt einem auf, wie noch in der kleinsten Szene vieles nachhallt und aufblitzt, das Große und das Kleine, die Weltgeschicke und das Individuum betreffend.

Diese Erfahrung macht man nicht häufig, behaupte ich. Natürlich wird es deswegen nicht zum Buch für jede/n Leser*in. Wem also schön (und darin manchmal auch umständlich) arrangierte und sich nur langsam offenbarende Prosa eher nicht zusagt, der sollte vielleicht die Finger von diesem Buch lassen. Er bringt sich aber, dies auch als Warnung, letztlich um eine Erfahrung, die an der Oberfläche nicht immer bestechen mag, letztlich aber unverhältnismäßig tiefe Abdrücke in einem zurücklässt, ohne dass man sagen kann, wann sie Gelegenheit hatte, in diesen Winkeln der eigenen Seele herumzuwandern.

Liebesgeschichten, Geschichten von Krieg und Schuld, von Mythen und Monstern, sie sind oft episch, lodernd, heischend. Ishiguro gelingt mit „The buried giant“ das Kunststück, all dies zu vermeiden und trotzdem über jedes dieser Themen zu schreiben, leibhaftig, innig, und ihre Dimensionen anzudeuten, aufzurufen. Der anfängliche Vergleich mit Homers großer Dichtung mag vermessen sein und letztlich greift er auch im Detail nicht. Denn Ishiguros Roman ist vielleicht eine Saga, die ihre stärksten Momente aber nicht in großen Geschichten und Ereignissen bündelt, sondern in Gesten, Erwähnungen und Unwägbarkeiten aufbewahrt. Dort also, wo alles Menschliche und Zwischenmenschliche letztendlich sitzt und entspringt – auch wenn es oft von dort aufbricht, um Weltgeschichte zu schreiben, zu errichten und vernichten. Letztlich liegt es dort und nirgendwo anders.

 

Zu Kazuo Ishiguros “Never Let Me Go”


Never let me go Der amerikanische Autor Ford Maddox Ford schrieb einst ein Buch mit dem Titel „Die allertraurigste Geschichte“. Kazuo Ishiguros 2005 erschienener Roman „Never let go/Alles, was wir geben mussten“ hätte ebenfalls gute Chancen, diesem Titel gerecht zu werden. Und doch wiederum nicht, denn es ist eines der schönsten, bejahendsten, ehrlichsten Bücher, die ich kenne.

Vermutlich fallen diese Qualitäten aus gutem Grund zusammen und Ishiguros Geschichte ist letztlich eine innovative und fein ausgearbeitete Variation jener uralten Geschichte von der menschlichen Seele, die ein Inbegriff des Tragischen war, ist und wohl auch immer sein wird. Weil, wann und wo immer Menschen etwas wichtig ist, es ihnen entrissen werden kann. Und entrissen wird, denn, wie Emily Dickinson schrieb: „Time stops for no one“. Oder wie eine Freundin von mir einmal sagte: Wir erzählen uns Geschichten, weil wir wissen, dass wir alle eines Tages sterben werden. Das ist natürlich nicht die Absicht, der Antrieb hinter dem Erzählen, da gibt es viele, vielleicht nur individuelle. Aber irgendwo wissen wir, dass wir beim Erzählen die Dinge überwinden, die wir sonst nicht überwinden können: Raum und Zeit.

Diese Vorrede greift vielleicht schon zu viel vorweg und könnte falsche Vorstellungen erzeugen, vielleicht sogar die irrige Idee, bei diesem Buch handle es sich um eine Schmonzette oder etwas übertrieben Rührseliges. Aber eigentlich geht es mir um das genaue Gegenteil: ich will möglichst wenig vorwegnehmen (vor allem will ich den Leuten nicht meine Lesart aufzwingen) und doch will ich mit allem Nachdruck sagen: lest es! Und bin überzeugt: Es wird euch berühren, wenn ihr es zulasst, es nah an euch heranlasst und ihm ein bisschen Zeit gebt.

Philipp Djian schrieb einmal, dass er, wenn Leute ihn fragen, was sie von Faulkner lesen sollen, diese Frage immer als große Herausforderung empfindet. Weil es ihm wichtig sei, so schrieb er, dass sich die Leute, die Faulkner lesen, „nie mehr ganz davon erholen“ und schon beim ersten Buch begreifen, was für ein wichtiger Autor er ist. Ich hoffe immer, dass die Leute sich nie ganz von der Lektüre von Ishiguros Roman „erholen“. Dass sie begreifen, wie sehr dieses Buch in der Lage ist uns etwas über unsere Existenz, unsere Sehnsüchte und die Gewalt in uns zu sagen.

Kommt das Feuilleton auf Ishiguros Schreiben zu sprechen, taucht immer wieder die Wendung „betörend und verstörend“ auf. Das klingt eigentlich zu harsch, zu heischend, aber letztlich trifft diese Bezeichnung zu. Seine Bücher sind auf sehr unterschiedliche Weise betörend und verstörend, nicht hauptsächlich, aber in einem Maß, das sie ausmacht.

„Never let me go“ ist ein Buch der kleinen, aufgeladenen Gesten und Ereignisse. Es ist außerdem ein Buch der Erinnerung, des Rückblicks, hat aber nichts von der üblichen Zwischenbilanz vieler Romannarrative, was an der besonderen Lage liegt, in der sich die Protagonist*innen von Anfang an befinden. Diese besondere Ausgangslage, die nicht versteckte, aber auch nicht offensichtliche, Stück für Stück offenbarte Prämisse des Romans, will ich hier nicht ausführen – Ishiguro versteht es meisterhaft, die Lesenden von Anfang an behutsam und geschickt in die Atmosphäre dieser besondere Lage einzuführen, ohne Hast, aber auch ohne, dass man sich verloren fühlt.

Am Anfang fühlt man sich in dem Buch geradezu geborgen. Diese Geborgenheit wird im weiteren Verlauf auf eine harte Probe gestellt, aber sie verschwindet nie ganz. Das hat mit Ishiguros Sprache zu tun, der Aufmerksamkeit, die stets darin mitschwingt und ein Auge für die Momente hat, in denen Menschen etwas verbindet, ihr Streben danach und ebenso ein Auge für das Sanfte und Unerbittliche, das in jedem Erleben liegt.
Letztlich bildet diese Geborgenheit den Grundzustand der Existenz ab. Wir glauben wohl solange, dass wir unsterblich sind, bis sich erste Anzeichen und erstes Wissen einstellen, die darauf hindeuten, dass dem nicht so ist. Dass Dinge ein Ende haben, Lebensphasen, und letztlich unser eigenes Dasein, was sich ebenso klar abzeichnet wie es unbegreiflich bleibt.

Um das Tatsächliche und zugleich Unbegreifliche kreist auch Ishiguros Schreiben. Er findet es am Grund seiner Figuren, im Zwiespalt, der in ihrer Auseinandersetzung mit der Welt liegt; ihren aufgewühlten und doch wie ein Spiegel ausgebreiteten Seelen. Er verleiht diesen seinen Figuren nicht unbedingt ein großes, individuelles Angesicht, aber er versteht es, ganz ohne auktoriale Charakterisierung (wie auch „Was vom Tage übrigblieb“ ist „Never let me go“ ein Roman, der nur aus der Ich-Erzähler Perspektive erzählt wird), ihnen eine natürliche Präsenz zu geben, die sie nicht unverwechselbar macht, aber sehr lebendig werden lässt.

Die Figuren wachsen einem ans Herz, aber noch mehr wächst einem eigentlich das Leben ans Herz, die kleinen Momente, die großen Erinnerungen, die wiederholte und neuentdeckte Schönheit und natürlich die nachwirkenden, unsere Vorstellungen für immer beeinflussenden Erlebnisse, die uns mit Menschen verbinden oder nur ganz allein uns gehören. Ishiguro rückt sie ohne großes Aufhebens immer wieder in den Mittelpunkt. Und dringt damit, mühelos, zum Kern vieler zwischenmenschlicher Beziehungen und den tiefsten Hoffnungen vor, in die wir uns versenken.

Ja, ich glaube wirklich, dass dieses Buch sehr viel aussagt, verhandelt. Aber das tut es so unaufdringlich, en passant und ambivalent, dass ich zögere, genauer zu destillieren, was es im Einzelnen vielleicht mitteilt, andeutet, einzurahmen vermag – mitreißend und ungeheuer sanft.
In jedem Fall: es ist eines der wenigen Bücher, von denen ich überzeugt bin, dass man sie lesen sollte, immer wieder. Es ist kein Buch, das einen für ein bestimmtes Thema sensibilisiert, es ist keine epische Geschichte, keine zwingende Gesellschaftsdurchleuchtung.

Es ist eines dieser Bücher, die man nach dem Lesen an die Brust presst. Die an der Seele klopfen und nicht weggehen, bis man ihnen mit Tränen in den Augen öffnet und sie hereinlässt.

Zu Vladimir Nabokovs Debüt “Maschenka”


Maschenka

Und über diese Straßen, die jetzt so breit sind wie glänzende schwarze Meere, zu dieser späten Stunde, da die letzte Kneipe längst zugemacht hat, läuft ein Mann aus Russland, bar der Fesseln des Schlafs, in hellseherischer Versunkenheit umher; zu dieser späten Stunde über diese breiten Straßen Welten, die einander vollkommen fremd waren; kein Passant, sondern jeder eine völlig abgeschlossene Welt, jeder eine Ganzheit aus Wundersamem und Bösem. […] In Augenblicken wie diesen geschieht es, dass alles mythenhaft und unauslotbar tiefgründig wird und das Leben schrecklich und der Tod noch viel schrecklicher erscheint. Und dann, während man schnellen Schrittes durch die nächtliche Stadt dahineilt, durch Tränen nach den Lichtern blickt und in ihnen eine herrliche, blendende Erinnerung an vergangenes Glück sucht – etwas, das nach vielen Jahren öden Vergessenseins wieder emportaucht –, wird man plötzlich in seinem wilden Voranjagen höflich von einem Fußgänger angehalten und gefragt, wie er wohl in die und die Straße gelangen könne, gefragt in einem ganz alltäglichen Ton, aber in einem Ton, den man niemals wieder hören wird.

Debüts sind zumeist entweder sehr unbeschwert/einfach oder sehr ambitioniert (oft sind die Autor*innen des ambitionierten Debüts gezwungen, danach immer und immer wieder gegen dieses Debüt anzutreten, sie versuchen sich davon abzugrenzen, versuchen daran anzuknüpfen, führen die Grundmotive endlos fort, etc., während die Autor*innen der unbeschwerten Debüts meist mehr Entfaltungsspielraum haben und eine deutliche Entwicklung durchlaufen.) Autoren wie Virginia Woolf, Albert Camus oder Kazuo Ishiguro starteten ihre Karriere mit eher unbeschwerten Büchern – so auch Vladimir Nabokov, mit seinem Emigranten- und Jugendlieberoman „Maschenka“.

Inhaltlich dreht sich der Roman um zweierlei: er wirft zum einen Schlaglichter auf die Schicksale einiger Menschen, die gemeinsam in einer deutschen Pension in Berlin wohnen; ein großer Teil von ihnen russische Emigranten, die vor den Revolutionswirren geflohen sind. Darunter ein alter Dichter, der hofft nach Paris weiterreisen zu können, was sich wegen seiner Passsituation als schwierig erweist, zwei Tänzer und ein schwatzender Wichtigtuer, der sehnsüchtig auf seine Frau wartet, die ihm demnächst folgen soll.

Gleichzeitig schildert das Buch in Rückblenden Episoden aus dem Leben des Protagonisten Ganin, der ebenfalls in der Pension wohnt. Durch einen Zufall wird er mit einem Bild seiner ersten Liebe Maschenka konfrontiert und mit ihr kehrt nicht nur die Erinnerung an seine Heimat Russland, sondern auch der ganze Mythos einer Reihe von Tagen in seiner späten Jugend, eine Zeit voller erster Reize und Entdeckungen, Umbrüche und Hoffnungen, zurück. Der derzeit in Berlin gestrandete, unschlüssige und perspektivlose Ganin verliert sich in diesen Erinnerungen, die von Zeiten künden, in denen zumindest die Jagd nach Gewissheiten, nach der Erfüllung von Sehnsüchten, ihn immer begleitete, noch in ihm brannte. Das alles ist mit Maschenka verbunden, sie steht wie eine Ikone im Zentrum dieser Zeit.

Sie benutzte ein billiges, süßliches Parfum, das «Tagore» hieß. Diesen Duft, vermischt mit den frischen Gerüchen des herbstlichen Parks, versuchte Ganin jetzt noch einmal einzufangen; aber wir wissen ja, unser Gedächtnis kann fast alles wiedererstehen lassen, nur Gerüche nicht, obwohl die Vergangenheit durch nichts so vollkommen wieder auflebt wie durch einen Geruch, der einst mit ihr verbunden war.

Von allen Romanen Vladimir Nabokovs war mir „Maschenka“ am wenigsten und zugleich am ahnungsvollsten im Gedächtnis geblieben; vielleicht weil er einen recht simplen Topos hat. Jetzt, beim Wiederlesen, überraschte es mich, wie sehr mich die Intensität der ersten Lektüre wieder einholte und für wie gelungen ich diesen Roman mehr denn je halte. Natürlich hält er einem Vergleich mit den ambitionierteren Werken Nabokovs insofern nicht stand, als spätere Romane vielfach existenzielle Dilemmata und Situationen verhandeln, während es in „Maschenka“ hauptsächlich um relativ unspektakuläre Emigrantenschicksale und einige Gefühlswelten geht.

Auf der anderen Seite tritt in der Ausformung dieser Gefühlswelten und in der Schilderung einiger Szenen bereits jene Kunst Nabokovs zutage, die in meiner Ansicht nach von vielen anderen Autor*innen unterscheidet: die Kunst, die emotionalen Auswüchse, die gefühlsbedingten Tendenzen, und die damit einhergehenden Gedanken und Empfindungsräume seiner Figuren malerisch und gleichsam prägnant und nachvollziehbar darzustellen. Diese Verdichtungen, die Sensibilität mit Anschaulichkeit verbinden, werden mich immer zu Nabokovs Werken hinziehen, ebenso wie die Bravour mit der Figuren entwirft, die zumeist nur wenig illustriert werden, aber gerade deswegen authentisch wirken, weil Emotionen und Handlungen, und die Art wie andere auf sie reagieren und sie sehen, ihre Gestalt vor dem Leser entstehen lassen.

Obgleich es vielerlei verhandelt, ist „Maschenka“ ein unscheinbares Werk. Mancher Nebenfigur mangelt es trotz geschickter Pinselführung an wirklicher Tiefe, hier und da wirkt manches Plot-Element etwas forciert, aber das alles tritt zurück hinter ein paar innige und unnachahmlich präzise Schilderungen, in denen Nabokov die Andeutung und Auslotung komplexer und langwidriger Gefühlszustände gelingt. Allein für diese Passagen lohnt es sich, „Maschenka“ zu lesen. Und sei es nur, um wie Ganin eine Reise in die Ferne (und Nähe) der ersten Liebe, der eigenen Biographie anzutreten.

Zu Richard Brautigans “In Wassermelonen Zucker”


In Wassermelonzen Zucker

Ich glaube, Sie sind neugierig darauf, zu erfahren, wer ich bin, aber ich bin keiner von denen, die einen richtigen Namen haben. Mein Name hängt von Ihnen ab.
Vielleicht war es ein Spiel, das sie als Kind gespielt haben, oder etwas, das ihnen einfach so und ohne jeden Grund eingefallen ist, als Sie alt waren und in einem Sessel am Fenster saßen.
Das ist mein Name.
Vielleicht haben sie lange in einen Fluß geschaut. Neben ihnen war jemand, der Sie liebte. Er wollte Sie berühren. Sie spürten es, bevor es passierte. Dann passierte es.
Das ist mein Name.
Oder sie hörten jemand aus großer Entfernung rufen. Seine Stimme war fast ein Echo.
Das ist mein Name.
Vielleicht war es um Mitternacht, und das Feuer schlug wie eine Glocke im Ofen.
Das ist mein Name.

Richard Brautigans dritter Roman war noch eine Spur phantastischer als seine ersten beiden, leicht hippiesken und anarchischen Werke „Forellenfischen in Amerika“ und „Ein konföderierter General uns Big Sur“. Vor allem allegorischer.

Im Prinzip hat “In Wassermelonen Zucker” etwas Märchenhaftes. Eine sehr einfache, ins Poetische sich verzweigende Sprache, ein ganz schlichter und doch individueller Ton, Brautigans erquicklich-sanfte Poesie, trägt das Buch. Die Handlung ist in sehr kleine Kapitel aufgeteilt, meist nur eine oder zwei Seiten lang.

Passieren tut eigentlich nicht viel. Man begleitet den Hauptcharakter, der keinen Namen hat (siehe Zitat oben) durch die Welt von „iDEATH“ und „Wassermelonen Zucker“, einem scheinbar paradiesischen Ort voller kleiner Flüsschen, in dem eine kleine Gemeinschaft lebt und es ein paar angenehme Beschäftigungen gibt. Eine ganzheitliche Harmonie scheint den Ort auszumachen, zu umgeben und zu durchdringen und doch ist diese Harmonie auch auf das Wesentliche reduziert. Da sin aber auch die vergessenen Dinge, Margaret und die Tiger …

Eigenbrötlerisch, utopisch, zynisch: alles Elemente dieser heiteren Idylle. Nie wieder ist Brautigan ein so leichtes Stück Prosa geglückt, außer vielleicht in manchen Geschichten aus dem „Tokio-Montana-Express“.

Die langen Spaziergänge, die ich nachts mache. Manchmal stehe ich stundenlang an einer Stelle und rühre mich so gut wie gar nicht (ich habe es schon erlebt, dass sich der Wind in meiner Hand niederließ).

Was bleibt ist eine Erzählung mit der Essenz eines tiefschürfenden, aber zarten Gedichts, eine magische Geste ist dieses Buch und doch scheitert jede Beschreibung vor der Eleganz und Unwirklichkeit dieses kleinen Juwels. Da es vor allem durch seine Unwillkürlichkeit funktioniert, ist es sicher nicht für jeden geeignet. Wer eine klare Handlung, ein klares Narrativ braucht, für den ist dieses Buch nicht das richtige (und Brautigan nicht der richtige Autor). Denn es hält sich mit Details und Spielereien, Flüchtigkeiten und Ideen auf und wenn die Handlung dann doch vorangeht, geschieht dies meist ganz unspektakulär.

Wer sich für eine kurze Weile auf einen poetischen Ort zwischen zwei Buchdeckeln einlassen will, der greife ohne Bedenken zu.