Category Archives: Zeitgenössiche Lyrik

Zu Durs Grünbeins Gedichtband “Zündkerzen”


besprochen beim Signaturen-Magazin.de.

Backlink (http://www.suhrkamp.de/buecher/zuendkerzen-durs_gruenbein_42753.html).

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Zu den Gedichten von Reinhard Lechner in “Erzähl mir vom Mistral”


„Eichen stellen ihre Nahrung um
auf ein leichteres Licht,

der Mensch am Meer entwirft sich in Wellen,
brandet gegen den anderen, entwirft sich wieder,

verkörpert ein Ganzes, das sich hinnimmt ins Kleine“

Der Mistral ist ein häufig auftretender Wind in Frankreichs Provence, der von Nordwest kommt, kühle Luft mit sich bringt und erstaunliche Geschwindigkeiten entwickeln kann. Er bedingt auch ein tiefes Dunkelblau am Tag und einen klaren Sternenhimmel in der Nacht.

So hat die Aufforderung „Erzähl mir vom Mistral“, die den Titel von Reinhard Lechners neustem Band bildet, eine magische Note, die etwas Drückendes, Drohendes und doch auch etwas Leuchtendes mit sich führt. Die Gedichte selbst sind ein bisschen auf dieses Magische ausgerichtet, greifen es auf, wo sie es finden können.

„Der Wagen läuft warm unter Sternen.“

Den Inhalt des Bandes bilden eine Frankreichreise und die daraus resultierenden, illuminierten Eindrücke. Schon das erste Gedicht, das früh das Stern-Motiv aufgreift, stellt den Aufbruch dar, im Folgenden werden dann häufig Orte (beispielsweise Cannes oder Nizza) zu Titeln und Motiven der Gedichte werden.

Was sich schnell bemerkbar macht ist ein gewisses Fernhalten, ein Rahmen der Momente, das oft sehr klar das Objekt vom Betrachter trennt, bevor sie ineinander fallen, und zwischen der reinen Beobachtung & Darstellung und den Momenten der Verschmelzung changiert. Der beschwörende, aber auch mit allen Erscheinungen kommunizierende Tonfall skizziert mit schneller und doch bedächtiger Hand den Anschein hinter dem Erblickten, entfremdet es aber auch unerwartet.

„kommen und gehen Tage, da ist die Welt, wie man sie sieht:

es regnet, oder die Villen haben geweint
(ihr Make-up ist verwischt), einige Balkone sind zu Boden gefallen;
nachts tritt jemand hinaus, raucht, hegt Groll auf die Sterne.“

Doch in diesem Streifen und Zuspitzen werden sehr genau die Szenerien aufgetrennt, manchmal präziser als man zunächst denkt. Der Ton setzt hoch an, geht aber dann nicht noch höher, hält vielmehr das Geschehen mit seinen Gesten in seinem Bann.

Rastlos und doch verweilend, die Zeilen; dieses Verweilen in der Hand wiegend und dann auf etwas kommend, dann bis zum Kern vordringend, aber ohne den Gegenstand zu entblättern, ihm bleibt seine Untiefe. Erfahrungen dieser Art machte ich oft beim Lesen. Und dann der Moment, wenn wirklich Landschaft und Ich, Seele und Sicht ineinander gleiten:

„Du kannst langsam auf dich zusinken, in der präzisen
lila Landschaft
findest du zurück in deine Hülle,
Bäume wachsen aus dem Gras, minutiös wachsen Pfirsiche,
Ziegen dechiffrieren die Welt mit einem Laut
und fern der Quellcodes weißt du es:

du wirst wieder Milch trinken“

Ein kurzer, aber sich einprägender Lyrikband, dessen Gedichte zu einer wiederholten Lektüre, zu einer wiederholten Erfahrung einladen. Das Verhältnis von Ich und Welt wird hier auf eine spannende Weise erforscht und fokussiert, dann wieder zerfasert, dann wieder herangeholt. Sollte man lesen!

 

Zu den Slam-Texten von David Friedrich in “Solange es draussen brennt”


„Das Leben ist doch ein Marionettentheater
Mit den Typen, die im Hintergrund die Fäden ziehen
Läuft dann doch alles wie am Schnürchen“

Der Satyr Verlag war mir lange kein Begriff, bis ich bei meinen Recherchen zu Lyrik-Verlagen auf ihn stieß. Ein Verlag für Slam-Texte? Zumindest scheint es dort ein wichtiger Programmpunkt zu sein. Und Poetry-Slam-Texte gehören ja auch unter die Leute; vor allem seit die politische Lyrik mehr oder minder tot ist, werden sie als starke, kritische Stimme gebraucht.

Auf dem Buchdeckel werden David Friedrichs Texte als „emotionsgeladene Lyrik voll Sarkasmus und Bildgewalt, skurril-witzige, aber niemals kritiklose Texte“ beschrieben. Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen, denn all die genannten Eigenschaften sind in erstaunlicher Fülle vorhanden. Das Emotionsgeladene lässt sich allerdings dann und wann auch überartikuliert an, der Sarkasmus kann schon mal nach Häme schmecken.

„Optisch ist sie wie von Picasso gemalt, diese Frau
Kein Kubismuswitz, wartet nicht drauf
Denn vom Ehemann geschlagen ist ihr Auge
Auch phasenweise blau“

Natürlich ist gerade bei Bühnentexten des Slams diese Überzeichnung ein probates Stilmittel, ein fast schon geforderter Unterhaltungsaspekt. Was die Bildgewalt angeht, werde ich bei aller Sympathie das Gefühl nicht los, dass die Erwartungshaltung des Publikums in Bezug auf die Pointen (sie sollen besonders pittoresk und eindrücklich, möglichst sprachverspielt und innovativ sein) zu sehr bedient wird und sich selbst permanent hervorstechen lässt, was mitunter etwas enervierend ist (und vor allem nicht immer die Botschaft transportiert). Dabei hat David Friedrich viel zu sagen und ist eben nicht nur ein Spaßmacher oder ein cleverer Wortkünstler und manchmal gelingt ihm ja auch die Verbindung zwischen Kritik und Slapstick, zwischen Revue und Biss.

„Und während der Nachrichtensprecher den Anschlag erwähnt
Wird nebenan schon der nächste Brandsatz gelegt
Im Kopf der jungen Janina, 13 Jahre, Einzelkind
Papa erklärt, wer heutzutage unsere Feinde sind
Auf dem Schulfest, der süße Junge, mit dem sie tanzte
Nein, das mit Serhad wird wohl keine Teenieromanze“

Manchmal wiederum kommt man sich vor wie an der Leine durchs Witzekabinett geführt, in dem angeblich auch die Idee der Dinge beleuchtet wird. Gerade wenn Gesellschaftskritik in den Mittelpunkt (von lyrischen Texten) gerückt wird, glaube ich, dass Subtilität das A und O ist, sonst tauscht man die eine Vereinfachung gegen die andere aus. Vielleicht stelle ich da viel zu hohe Ansprüche, aber ich vermute eben, dass David Friedrich durchaus auch hohe Ansprüche mit seinen Texten verbindet.

„Ab und zu ein Stück Fleisch – natürlich nur wenn das Rind
alt und schwach war und nach drei Jahren im Krankenhaus
gesagt hat: Bitte, zieht den Stecker, bitte, ach was, ich ziehe
ihn selber! Aber dann richtig mit Röstzwiebeln und Kräu-
terbutter. Gönn dir, Gutmensch! Nimm doch dazu Senf! Den
gibst du doch sonst auch so gern dazu. […]
Der Vanillesirup riecht sehr streng in deiner Sojalatte
Erklärst mir die Echtheit der Welt und bist selbst eine Attrappe“

Ein bisschen ändert sich dieser Eindruck, wenn man sich mithilfe der mitabgedruckten QR-Codes die Texte von David Friedrich vortragen lässt. Die feinen Stufungen der Selbstironie, der punktgenaue Einsatz der Pointe, die Dynamik des Sprechvorgangs – das alle lässt die Texte lebendiger und damit auch weniger problematisch erscheinen; halt aus dem Leben gegriffen, mittendrin, und nicht nur aus der Ferne Position beziehend.

Trotzdem: ein vielschichtiger Schreibender, ein Dichter wie David Friedrich, der für unsere Existenz die schöne Wendung „Wir sind Schiffschrauben in der Wüste“ findet, setzt zumindest seine Poetik dann und wann herab, wenn er doch mal eben zu einer schnellentzündlichen, aber auch schnell verrauchten Wendung greift. Ich weiß, man brauch so etwas auf Bühnen und ich verstehe, dass er damit ins Leben will, die Dinge frontal angehen will und das Hintergründige dem Vordergründigen schon mal weichen muss. So entstehen nette Zweizeiler zum Zeitgeist:

„Du wolltest immer dein eigener Chef sein
Doch was heißt Chef sein? Der Chef ist die Deadline“

Oder scheinbar klar-kritische Bilder:

„In den Ruinen suchen Trümmerkinder
Nach den Resten ihrer Kinderzimmer“

In der Unbedingtheit dieser Wendungen liegt eine große Kraft, aber oft auch eine leicht abzuschüttelnde Atmosphäre, die so momentgebunden daherkommt, so fidel an einem vorbeihüpft, dass sie nicht unbedingt nachhaltig beeindruckt, obwohl sie doch Gesellschaftsrelevantes aufgreift und nicht selten gut verpackt.

„Und ich freu mich
Denn ich merke deutlich
Dass diese Situation scheußlich ist
‚Rumhängen‘, das ist wie die AfD
Da macht mein Kreuz nicht mit“