Category Archives: Zeitgenössiche Lyrik

Rezension zu “Ab hier nur Schriften” auf dasgedichtblog.de (von Hellmuth Opitz)


ab hier nur schriften

Link zur Besprechung

Mit bestem Dank an Hellmuth Opitz!

Besprechung von “Ab hier nur Schriften” in der Zeitschrift “Zwischenwelt”


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Vielen Dank an Monika Vasik!

(aus “Zwischenwelt”, 36. Jg., Nr. 1-2, Juli 2019)

Zu der Anthologie “Grand Tour”


Grand Tour

Grand Tour, das ist ein etwas altbackener Titel für eine doch sehr beachtliche Anthologie, die uns mitnimmt auf eine Reise (oder sieben Reisen, denn als solche werden die Kapitel bezeichnet) in 49 europäische Länder und eine Vielzahl Mentalitäten, Sprachen, Stimmen und Lebenswelten, ins Deutsche übertragen von einer Gruppe engagierter Übersetzer*innen (und das Original ist immer neben den Übersetzungen abgedruckt).

Laut dem Verlagstext knüpft die von Jan Wagner und Federico Italiano betreute Sammlung an Projekte wie das „Museum der modernen Poesie“ von Enzensberger und Joachim Sartorius „Atlas der neuen Poesie“ an – vom Museumsstaub über die Reiseplanung zur Grand Tour, sozusagen.

Dezidiert wird die Anthologie im Untertitel als Reise durch die „junge Lyrik Europas“ bezeichnet. Nun ist das Adjektiv „jung“, gerade im Literaturbetrieb, keine klare Zuschreibung und die Bandbreite der als Jungautor*innen bezeichneten Personen erstreckt sich, meiner Erfahrung nach, von Teenagern bis zu Leuten Anfang Vierzig.

Mit jung ist wohl auch eher nicht das Alter der Autor*innen gemeint (es gibt, glaube ich, kein Geburtsdatum nach 1986, die meisten Autor*innen sind in den 70er geboren), sondern der (jüngste erschlossene) Zeitraum (allerdings ist die abgedruckte Lyrik, ganz unabhängig vom Geburtsdatum der Autor*innen, nicht selten erst „jüngst“ entstanden).

Wir haben es also größtenteils mit einer Schau bereits etablierter Poet*innen zu tun, die allerdings wohl zu großen Teilen über ihre Sprach- und Ländergrenzen hinaus noch relativ unbekannt sind. Trotzdem: hier wird ein Zeitalter besichtigt und nicht nach den neusten Strömungen und jüngsten Publikationen und Talenten gesucht, was selbstverständlich kein Makel ist, den ich der Anthologie groß ankreiden will, aber potenzielle Leser*innen sollten sich dessen bewusst sein.

Kaum überraschen wird, dass es einen gewissen Gap zwischen der Anzahl der Gedichte, die pro Land abgedruckt sind, gibt. Manche Länder (bspw. Armenien, Zypern) sind nur mit ein oder zwei Dichter*innen vertreten, bei anderen (bspw. England, Spanien, Deutschland) wird eine ganze Riege von Autor*innen aufgefahren. Auch dies will ich nicht über die Maßen kritisieren, schließlich sollte man vor jedem Tadel die Leistung bedenken, und würde mir denn ein/e armenische/r Lyriker/in einfallen, die/der fehlt? Immerhin sind diese Länder (und auch Sprachen wie das Rätoromanische) enthalten.

Es wird eine ungeheure Arbeit gewesen sein, diese Dichter*innen zu versammeln und diese Leistung will ich, wie gesagt, nicht schmälern. Aber bei der Auswahl für Österreich habe ich doch einige Namen schmerzlich vermisst (gerade, wenn man bedenkt, dass es in Österreich eine vielseitige Lyrik-Szene gibt, mit vielen Literaturzeitschriften, Verlagen, etc. und erst jüngst ist im Limbus Verlag eine von Robert Prosser und Christoph Szalay betreute, gute Anthologie zur jungen österreichischen Gegenwartslyrik erschienen: „wo warn wir? ach ja“) und auch bei Deutschland fehlen, wie ich finde, wichtige Stimmen, obwohl hier natürlich die wichtigsten schon enthalten sind. Soweit die Länder, zu denen ich mich etwas zu sagen traue.

Natürlich kann man einwenden: Anthologien sind immer zugleich repräsentativ und nicht repräsentativ, denn sie sind immer begrenzt, irgendwer ist immer nicht drin, irgendwas wird übersehen oder passt nicht rein; eine Auswahl ist nun mal eine Auswahl. Da ist es schon schön und erfreulich, dass die Anthologie zumindest in Sachen Geschlechtergerechtigkeit punktet: der Anteil an Frauen und Männern dürfte etwa 50/50 sein, mit leichtem Männerüberhang in einigen Ländern, mit Frauenüberhang in anderen.

„Grand Tour“ wirft wie jede große Anthologie viele Fragen nach Auswahl, Bedeutung und Klassifizierung auf. Doch sie vermag es, in vielerlei Hinsicht, auch, zu begeistern. Denn ihr gelingt tatsächlich ein lebendiges Portrait der verschiedenen Wirklichkeiten, die nebeneinander in Europa existieren, nebst der poetischen Positionen und Sujets, die damit einhergehen. Während auf dem Balkan noch einige Texte um die Bürgerkriege, die Staatsgründungen und allgemein die postsowjetische Realitäten kreisen, sind in Skandinavien spielerische Ansätze auf dem Vormarsch, derweil in Spanien eine Art Raum zwischen Tradition und Innovation entsteht, usw. usf.

Wer sich poetisch mit den Mentalitäten Europas auseinandersetzen will, mit den gesellschaftlichen und politischen Themen, den aktuellen und den zeitlosen, dem kann man trotz aller Vorbehalte „Grand Tour“ empfehlen. Wer diesen Sommer nicht weit reisen konnte, der kann es mit diesem Buch noch weit bringen.

 

Billy Joel zum 70. Geburtstag


 

“I think music in itself is healing. It’s an explosive expression of humanity. It’s something we are all touched by. No matter what culture we’re from, everyone loves music.”

Meine erste Begegnung mit der Musik von Billy Joel war eine rote CD-Hülle im Regal mit der Musik meiner Eltern, kyrillische Buchstaben auf dem Frontcover. Ich weiß nicht mehr genau, warum ich der festen Überzeugung war, dass es sich um klassische Musik handeln müsse; vermutlich das übermäßige Selbstbewusstsein des Teenagers. Aber da ich damals (bevor ich mich wirklich in einige Werke klassischer Musik verliebte, allen voran in die von Johann Sebastian Bach) dachte, ich sollte mich mit solchen Dingen auseinandersetzen, quasi als notwendige Bildung (geheimer Wunsch nach gerechtfertigtem Snobismus inklusive), schob ich die CD in den Spieler und drückte auf Play.

Die ersten 1:18 Minuten schienen zunächst meine Vorstellung zu bestätigen: Gesang in a cappella-Manier. Dann aber das Klavier, schnell, rasant, die Gitarre einsetzend – der Beginn von “Prelude/Angry young man”, das Joel bis heute am Anfang von fast jedem seiner Konzerte spielt.

Das war auch der Anfang einer großen Begeisterung und anhaltenden Liebe zu den Alben und den vielen unterschiedlichen Stilen des “Piano Man”, von den mitreißenden Radiohits bis zu den fast unbekannten Balladen. KOHЦEPT, 1987 aufgenommen in Leningrad, war der Türöffner. Vor dem letzten Track des Albums spricht Joel zum Publikum und sagt, dass er glaubt, dass die Stimmung in ihrem Land viel gemein hat mit den Umbrüchen in den USA in den späten 60er Jahren. Folgerichtig spielt er für sie als letztes die Hymne dieser Zeit: Bob Dylans “The times they are a-changin” – Gänsehaut (wie sonst nur beim Prolog zum Film “Watchmen”).

Ich hätte nicht übel Lust hier noch stundenlang über meine Lieblingssongs zu schreiben, aber werde mich kurz fassen.

Eine der schönsten Balladen (neben “Vienna”, ist ja klar) ist das auf dem 1976er Album “Turnstiles” enthaltende Lied “Summer, Highland Falls”, eine Meditation zu rauschendem Klavier, eine Utopie, eine Sehnsucht nach Besinnung und eine Hymne auf die Erbarmungswürdigkeit.

Ein großartiges Beispiel für Song-Storytelling ist nach wie vor “Scenes from an italian restaurant” von dem 1977er Erfolgsalbum “The Stranger” (von dem auch der damalige “Skandalhit” “Only the good die young” stammt, in dem ein junger Mann seine katholische Freundin zu überreden versucht, mit dem Sex nicht bis zur Ehe zu warten).

Manches von dem 1989er Album “Stormfront” ist mir zu pompös (auch wenn ich immer noch versuche den Text von “We didn’t start the fire” auswendig zu lernen und “Downeaster Alexa” mit seiner schunkelnden Melodik und seiner Zeile “there is no island left for islanders like me” irgendwie einen Nerv bei mir trifft). Aber tief berührend ist die wunderbare Geschichte von dem Clown in “Leningrad”, mustheard!

Ebenso berührend und eines der schönsten Liebeslieder, die man bedenkenlos an geliebte Menschen richten kann, ist “You’re my home”. Ursprünglich vom 1973er Album “Piano Man”, mag ich doch die Version auf “Songs in the attic”, dem ersten offiziellen Live-Album von Joel, am liebsten. Dort heißt es:

“Home could be the Pennsylvania turnpike
Indiana’s early morning dew
High up in the hills of California
Home is just another word for you”

“River of dreams” vom letzten Album mit gleichem Namen (1993, bevor Joel verkündete, er wolle keine Popmusik-Alben mehr machen (er veröffentlichte danach noch einige klassische Instrumentalstücke)), ist wiederum eine wunderbare Meditation, der Song “Piano Man” natürlich ein Klassiker, ein schönes Panorama amerikanischer Wirklichkeiten, ebenso wie “Allentown” von dem 1982er Album “The nylon curtain”, wo es um eine Bergarbeiterstadt geht.

Aber ich fühle mich mehr zu dem Album “An innocent man” von 1983 hingezogen, mit dem wunderbaren a cappella-Stück “Longest time” (Gänsehaut, again!), den fast schon swingähnlichen Rhythmen, dem wunderbar rasanten “Tell her about it” und dem lässigen “Keeping the faith”.

Fehlt noch etwas? Da wäre noch das wunderbare “Lullabye”, geschrieben für die Tochter, das davon singt, dass wir alle sterben, aber niemals stirbt, was wir weitereichen. Das rotzige “My life”. Und das selbstironische “Everybody loves you know”, das Joel schon auf seiner ersten CD 1971 veröffentlichte. Die Ballade von altgewordener Liebe: “This is the time”. Und “Matter of Trust”, ein Stück, das ich als Live-Version sehr schätze und das davon erzählt, dass Vertrauen letztlich das Wichtigste in einer Beziehung ist, egal was sonst passiert. “Captain Jack”, der einmal als “deprimierendster Song aller Zeiten” bezeichnet wurde. “And so it goes”, Gesang eines gebrochenen Herzens, das trotzdem loslässt.

In einem Teeniefilm, dessen Name mir entfallen ist, gibt es eine Szene, in der die Protagonistin mit ihrem Vater im Auto unterwegs ist. Aus dem Radio kommen die ersten Töne von “You may be right”. Der Vater dreht lauter. “Weißt du wer das ist?”, fragt er. Sie schüttelt den Kopf. “Das ist Billy Joel! Billy Joel muss man lauter drehen und mitsingen, wenn er im Radio kommt.” Na ja, nicht alles. Aber, verdammt, das meiste schon.

Zu “ein tag mit chiligeschmack” von Hans Gysi


Ein Tag mit Chiligeschmack “eine büchse öffnen
auf der nichts
draufsteht ausser
poesie”

Mit dem ersten Gedicht in Hans Gysis “ein tag mit chiligeschmack” öffnen die Lesenden also quasi eine Büchse der Poesie – und eine Büchse der Pandora, denn zu etwa gleichen Teilen ist Geniales und Peinliches, Erwartbares und Originelles hier zu finden, verteilt auf 8 Kapitel.

Peinlich ist vielleicht ein zu starkes Wort, aber es gibt einige Gedichte, die mehr Manie als Poesie sind, die auf Wiederholungen oder einer einfachen fixen Idee aufbauen – die sie sprachlich konsequent durchziehen, aber mit wenig Dynamik – und folglich bewegen sie auch wenig bei den Lesenden. Zu oft scheint sich Gysi in der Pose des fabulierenden Erklärers zu gefallen – ein Gedicht, das aber einfach nur herabruft, deklamiert, verschenkt viel Potenzial.

Aber es gibt eben auch diese Texte, die schön hintergründig sind und eine Spannung aufrechterhalten, von der jedes gute Gedicht lebt. Diese Texte sind eher weiter hinten im Band zu finden, wo es auch nette “Songtexte” und ein paar schöne Spracheskapaden a la Kurz Schwitters und Co. gibt.

Alles in allem hinterlässt das Buch einen etwas faden Nachgeschmack, zu selbstsicher wirkt die Schreibe, zu wenig sind für mich Zwischenräume, Zweifel und wirkliche Überlegungen und Durchdringungen erkennbar (durchaus vorhanden, aber nur wie Inseln hier und da). Wer aber eine Poesie schätzt, die sich Wirklichkeit und Sprache gleichsam spielerisch nähert und doch stets den Kern der eigenen Ausführungen sucht, könnte mit diesem Buch einen Volltreffer landen.

“die inneren bilder aufsteigen lassen
warten bis sie an die oberfläche schwimmen
bis sie sich lösen aus den alltagsbrocken
aus dem geschiebe der dringlichkeit
bis sie sich zu einem ganzen zusammensetzen
aus den verborgenen höhlen des untergrunds”