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Zu Joan Didions Essays in “Im Land Gottes”


Joan Didion, die grande dame der amerikanischen Essayistik, begegnet einem in dieser Sammlung von sieben Essays als ein Teppichmesser, das den Vorhang vor politischen Persönlichkeiten und Ereignissen zertrennt und sie nicht als Schattenspiele, sondern als reale Vorgänge beleuchtet.

“Sie widersetzte sich diesem Impuls der Öffentlichkeit, Unzusammenhängendes zusammenzubringen, der Beruhigung wegen, der Zuflucht zur einfachen Lösung. Zur kollektiven Phantasie, in der sich Ereignisse verflüchtigen. The insistent sentimentalization of experience, die hartnäckige Sentimentalisierung von Erfahrung, wie Didion sagen würde. Die Reduktion von Ereignissen zu Erzähltem. Denn dieses Denken hat etwas Wesentliches verloren: die eigene Bedeutung.” (Aus dem Vorwort von Antje Rávic Strubel)

Vier der Essays sind allerdings sehr auf amerikanisch-innerländische Politikverhältnisse zentriert und nur für die zu empfehlen, die zu dieser Thematik einen Bezug wollen oder glauben, leicht einen aufbauen zu können. Diese Essays beschäftigen sich mit der Lewinsky-Affäre, Patricia Campell Hearst, Nancy Reagan, der religiösen Färbung der Bush-Rhetorik und Regierung und dem republikanischen Politiker Newt Gingrich.

Die anderen zwei Essays wiederum lassen sich sehr leicht in Bezug auf die Gegenwart lesen und viele Gedanken darin sind immer noch hochaktuell. In einer Zeit, in der die USA anfangen sich aus dem Nahen Osten zurückzuziehen und nach über 10 Jahren intensivster Einmischungen ein Trümmerfeld zurückzulassen, lohnt es sich, Didion Essay über den 11. September und die darauffolgende Stimmung im Land zu lesen, ebenso wie den kurzen Text über “Shoorters Inc” und den Aufenthalt von Georg Bush sen. im mittleren Osten.

In dem Essay über 9/11 wird nämlich sehr gut auf eine Problematik hingewiesen, die lange Zeit nicht genug in den Fokus gerückt wurde, aber endlich mal zur Sprache kommen müsste: dass die Anschläge auch eine Gelegenheit gewesen wären die amerikanische Nah-Ost Politik (oder direkt die ganze Außenpolitik) einmal zu hinterfragen, statt in einen kriegs- und racheversessenen Hurrapatriotismus zu verfallen. Didion weist wunderbar nach, dass hier eine Chance vertan wurde.

“Sie geht nicht davon aus, dass etwas ist, wie es scheint. Sie fragt danach, wie es ist. Wie es wurde, was es ist. […] Didion interessiert das Zustandekommen und Verblassen der Muster, in denen sich Menschen bewegen.” (Aus dem Vorwort von Antje Rávic Strubel)

Überhaupt beschäftigt sich ihr Schreiben viel mit vertanen Chancen, mit repressiven, alogischen und unnötigen Mechanismen und der Scheinheiligkeit von Taktiken und Präsentationsverfahren. Ihre Essays erwehren sich nicht der zahlreichen von ihr bemerkten himmelschreienden Verführungen, Entstellungen, Verfremdungen, Vereinfachungen und Dummheiten, sondern stellen sie nüchtern dar und schälen sie mit rationalsten Argumenten solange, bis sie nackt dastehen, ohne Mythos, Erzählhaltung und Glaubenshauch. Es ist immer wieder beeindruckend wie unverfänglich sie dem Leser auf diese Weise etwas “klarmachen” kann. Diese Unpersönlichkeit führt leider dann und wann auch zu einer übergroßen Distanz zwischen Leser und Geschriebenem, aber im Großen und Ganzen liegt eine Akkuratesse darin, die besonders und sehr lehrreich ist.

Zu Paulus Hochgatterers “Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen”


In den frühen Morgenstunden des 11. September begeben sich drei Männer, alle Psychoanalytiker, auf einen Trip zum Fliegenfischen. Es gibt einen Hünen mit schlagfertig-trockener Souveränität, einen Ich-Erzähler, der uns seine Wahrnehmungswelt ungefiltert aufdrückt und einen neurotischen “Besserwisserlangweiler”. Ein Hauptteil der Handlung ist die Autofahrt und das Gespräch währenddessen, der andere das Fliegenfischen und die Ereignisse und Gespräche währenddessen, alles auf 112 in großer Schrift bedruckten Seiten.

Hochgatterer arbeitet vor allem mit zwei Motiven: Gesprächskultur unter Männern und den Wahrnehmungsabdrücken seines Protagonisten. Ersteres trägt das Buch ganz gut. Die Figuren haben schnell eine eingespielte Gesprächsdynamik, man kommt im Rahmen von Lebenswelt und Berufsfeld von Hölzchen auf Stöckchen, es werden Behauptungen aufgestellt, die mit Mixturen aus fabulierenden Irrwitz und metaphysischer Aufwertung eingefärbt werden; es gibt subtile Anklänge ans Innenleben und kleinen Fetzen von Alltag schieben sich zwischen die losgelöste Stimmung des Ausflugs. Zwar wirkt das Personalsetting mit den drei Psychoanalytikern ein wenig aufgesetzt, aber letztlich greift dank der Unaufgeregtheit, mit der die Konstellation interagiert und ihre Themen findet, eine geradezu natürliche Authentizität. Die Figuren fangen an zu einem freieren Wesen zu finden, nicht nur eine Konstruktion des Autors zum Zweck einer Geschichte zu sein.

Die Wahrnehmungsabdrücke des Ich-Erzählers stellen sich wiederum als sehr problematisch dar. Während sie als Kommentar und weiterentwickelte Gedanken zu den Gesprächen noch funktionieren können, aber auch oftmals plump eine Tiefe in der Figur wachzurufen versuchen, so sind seine Eindrücke während des zweiten Fliegenfischen-Teils nicht nur sonderbar und schwer einzuordnen, sondern vor allem so gut wie überflüssig. Da wird Obsession gespielt, mit verborgenen Sehnsüchten, aber so asthmatisch, einförmig, direkt, dass bei mir keinerlei Zugang entstehen konnte.

Insgesamt ist die unterschwellige Bedeutungsebene in Hochgatterers Buch mir ein kleines Rätsel geblieben. Man vermutet eine solche Ebene, immerhin haben wir hier Psychoanalytiker, wir haben ein bedeutsames Datum, wir haben existenzialistische Backcovertexte am Buch und geradezu archaische Anknüpfungen darin, aber das alles geht für mich nicht ganz auf, der Unterbau wird nicht sichtbar. Richtig gut ist die Erzählung an den Stellen, wo die drei Figuren in einer nicht unweigerlich zu transzendierende Situation miteinander reden. Dann gelingt vor dem Hintergrund eines Konfliktes, einer Aussage, der Blick in die Fassadenwelt des Menschen und seinen Wunsch, weite Wege darin zu finden, die man problemlos gehen kann. Mehr hätte dieses Buch nicht gebraucht, um gut zu sein. Die verschiedenen sonstigen Ansätze drängen das Buch in die Kategorie der gebärdigen, auf Bedeutsamkeit pochenden Bachmannpreisprosa-Attitüde, die oftmals nur manierlich wirkt und nicht elementar oder gelungen. Vielleicht müsste man die Geschichte mehrmals lesen um auf den bedeutungsschwangeren Kern zu stoßen. Aber Lust auf diese Arbeit macht einem die Auswärtigkeit dieses möglichen Kerns nicht.