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Zu “Stromern” von Andor Endre Gelléri


Stromern Andor Endre Gelléri starb im Mai 1945, kurz nach der Befreiung seines KZs durch amerikanische Truppen, und wurde nur 39 Jahre alt. In diesem Lebenszeitraum verdingte er sich in zahlreichen Berufen: als Erzieher und Sekretär, aber auch als Fuhrmann, Wäschereiarbeiter und vieles andere – und schrieb nebenbei an die 100 Prosastücke, Novellen und Erzählungen, von denen 31 hier in dieser Ausgabe beim Guggolz Verlag erschienen sind (der mit diesem Buch wieder einmal zur Wiederentdeckung eines vergessenen Autors der Moderne einlädt).

Die meisten der Texte spielen in den 20er und 30er Jahren in Ungarn. Es ist die Zeit der ersten globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, jeder ist folglich auf der Suche nach Arbeit und wer eine hat, der muss sich an ihr festhalten, sich an sie klammern. Gelléris Protagonist*innen sind Arbeiter*innen, Angestellte, Rädchen im Getriebe, aber auch ein Fötus oder ein armer Künstler; meist meint es das Schicksal nicht gut mit ihnen, öfters auch die Menschen in ihrer Umgebung nicht. Durchaus virtuos beschreibt Gelléri das fragile Dasein dieser Zeit aus den unterschiedlichsten Perspektiven; manche davon haben etwas dezent Magisches, andere bestechen durch atemberaubende Profanität.

Am beeindruckendsten ist wohl der schmale Witz, die feine Rasanz hier und da. Gelléri war weder ein offener Sozialkritiker, noch ein kalter Geschichtenerzähler, sondern ein Beobachter mit Feinsinn. Seine Figuren gegenüber scheint er eine seltsame, aber doch klare Art von Sympathie empfunden zu haben, die die meisten Texte unterschwellig trägt. Zu entdecken gibt es hier besondere Mikrokosmen aus einer fast vergessenen Zeit, spielerisch und kühn und doch mit jenem menschlichen Nachdruck, den Literatur haben muss, um zeitlos zu sein.

Ein bisschen was zu John Fante und seinem Roman “Warten auf Wunder”


John Fante, neben Hemingway und und Dashiell Hammett sicherlich einer der Könige des kurzen, äußerlich unspektakulären Stils, ist wohl hauptsächlich dafür bekannt, dass er einer der erklärten Lieblingsschriftsteller von Charles Bukowski war. Nun sollte man nicht falsche Rückschlüsse ziehen und annehmen, dass Fante ein Vorreiter Bukowskis ist, auch wenn die beiden nicht so weit voneinander entfernt stehen – es gibt auch einige Gemeinsamkeiten. Beide haben z.B. eine etwas absurde Heiterkeit inne, beiden liegt eine Leichtigkeit zu Grunde – der Unterschied: bei Fante sticht dies alles ins Träumerische, Zaghafte, bei Bukowski ist alles von einem abfälligen Realismus und einer ungenierten Rohheit geprägt. Soviel die beiden also verbindet, soviel trennt sie auch. (Bukowski ist auch bei aller Kürze und Präzision, aller Schnörkellosigkeit in seiner Sprache, immer noch zu schnoddrig, um wirklich zu den filigranen Minimalisten (zu den “Weglassern”) der amerikanischen Literatur zu gehören, wie Hemingway, Hammett oder Carver. Fante passt hier schon eher, wenn auch nicht ganz, ins Bild.

Dennoch sind solche Verbindungen unter Schriftstellern kein Zufall und die Literatur lebt auch von solchen Relationen und Kontemplationen und Fante kann weiterhin ohne Probleme mit Bukowski in Verbindung gebracht werden.

“Warten auf Wunder” war der letzte Roman Fantes, diktiert nachdem er bereits erblindet war. Im Prinzip ist es eine kleine Odyssee, ein Reigen, in dem sich Verlorenheit, Verheißung und Idylle des amerikanischen Traums verbinden; ein Reigen von einigen Charakteren, Jobs, Wohnungen, Frauen, Hoffnungen und Niederlagen. Für manche mag das nach einer etwas zu einfachen Beschreibung klingen, aber wesentlich mehr hat Fante in diesem Buch nicht versammelt.

Doch innerhalb dieser simplen Takte wird jeder Abschnitt sehr gut zu seinem Sinnbild von amerikanischer Wirklichkeit in den 30er/40er Jahren. Es herrscht eine ganz famose und doch irgendwie irrige Freiheit und Leichtlebigkeit, in der alles möglich und doch nichts erfüllt zu sein scheint. Geld, Macht, Erfolg, sind die Schlagworte, auf die alle eindreschen, woraus aber auch keine Musik entsteht – allerhöchstens Krach. Mit all dem ändert sich, zeigt Fante auf, auch nur die Ausstattung und nicht die Perspektive.

Die knappen Romane Fantes seien vor allem denen ans Herz gelegt, die ein Buch wegen seines einfachen, teilweise versteckten Gehalts schätzen, wegen seiner schlichten Präsenz und Erzählerart. Große Erhebungen oder fesselnde große Geschichten darf man nicht erwarten. Fante war eher ein oberflächlicher Chronist, der seine Figur Bandini durch ein klassisches, gut gebautes und irgendwie unbeteiligtes (oberflächliches) Amerika schickt. Ein Amerika wie es gerade heute, 80 Jahre später, seine späten Ruinen offenbart.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen