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Zu Jonathan Franzens “Das Ende vom Ende der Welt”


Das Ende vom Ende Jonathan Franzen ist das, was man einen streitbaren Intellektuellen nennt. So zumindest präsentierte er sich in seiner ersten Essaysammlung „Anleitung zum Alleinsein“, wo er sich gegen die große Vielzahl der Sexratgeberbücher aussprach und auch ansonsten eine ganze Reihe von entwicklungsskeptischen Texten vom Stapel ließ, die meisten getragen von einem Verlangen nach mehr kritischem Bewusstsein und vielperspektivsicher Wahrnehmung.

Im zweiten Essayband „Weiter weg“ wendete er sich mehr der Beziehung zwischen Leben und Literatur zu, allerdings waren auch hier noch die kritischen Ideale des Vorgängerbandes vertreten – und es finden sich dort bereits ein-zwei Texte über die Thematik, die in „Das Ende vom Ende der Welt“ zum Kernthema avanciert: Umwelt und Natur in hyper-kapitalistischen Zeiten und im Bann der Klimakrise (oder allgemein der menschlich verursachten Ungleichgewichte und Zerstörungen in allen Ökosystemen).

Franzen nimmt dieses Sujet von einer ganz eigenen Warte unter die Lupe: schon seit längerem ist er passionierter Vogelbeobachter und diese Leidenschaft hat ihn rund um den Globus geführt: nach Mittel- und Südamerika, in die Karibik, nach Albanien, Nord- und Südafrika, und sogar in die Antarktis. In etwa 50-60% der Texte in „Das Ende vom Ende der Welt“ berichtet er von diesen Reisen/Expeditionen, wobei er eine gute Balance wahrt zwischen den Schilderungen der Vogelbeobachtungen und den Berichten über die lokalen Gegebenheiten, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge, unter denen die lokale Vogelpopulation leidet oder die Projekte, durch die sie geschützt wird.

Den Rest der Texte (bspw. ein Essay über das Werk von Edith Wharton, 10 Regeln für Romanautor*innen oder ein kurzes Dokument aus den Tagen nach 9/11) kann man getrost als Gelegenheitsarbeiten bezeichnen. Sie sind allesamt nicht schlecht oder überflüssig, wirken aber zwischen den anderen Texten eher wie Fremdkörper, bleiben ohne Anknüpfungspunkte und entfalten somit nicht ihr volles Potenzial.

Nun klingt ein Buch, in dem es hauptsächlich um Vögel, um die Beobachtung und die Darstellung ihres Überlebenskampfes in einer von Menschen dominierten Welt geht, erstmal nicht nach der spannendsten oder dringlichsten Lektüre, das ist mir bewusst. Dennoch würde ich sehr dazu raten, den Band zur Hand zu nehmen. Denn eben dieser Überlebenskampf und seine Umstände, die Franzen an verschiedenen Orten rund um den Globus schildert, und die Vögel selbst, mit ihrer Vielfalt und Schönheit, sind ein exemplarisches Beispiel für die Natur, die unseren Planeten so reichhaltig werden ließ, wie wir ihn vorfanden, und für die Arten und Weisen und kurzsichtigen Praktiken, mit denen wir diese Natur langsam aber sicher zerstören und uns selbst letztlich die Lebensgrundlagen entziehen.

Franzen zeigt dabei sehr schön auf, dass der Klimawandel hier nicht die einzige Bedrohung ist, sondern lediglich die umfassendste. Das Artensterben (und damit gleichzeitig das Sterben der Ökosysteme) – sei es nun bei Fischen oder Vögeln, Säugetieren oder Insekten – hat vielfältige Ursachen. Oft sind es Praktiken, zu denen schon Alternativen existieren, die sich nur endlich durchsetzen und/oder die gesetzlich verankert werden müssten.

Und lesenswert ist das Buch auch deshalb, weil Franzen es schafft, die Umweltthematiken nicht selten mit menschlichen Geschichten zu verbinden, ganz gleich ob es dabei um ein Ehepaar geht, das ganz allein einen großen Naturschutzpark aufbaut, um Menschen in den nordafrikanischen Ländern, die nicht verstehen, warum man Zugvögel nicht tonnenweise vom Himmel schießen sollte oder um seinen verstorbenen Patenonkel und die Geschichte, wie er dank ihm und einer heimlichen Liebe zu einer Reise in die Antarktis kam.

Nicht jede/r Leser*in wird etwas mit Franzens Vogelenthusiasmus anfangen können und das erschwert natürlich hier und da die Lektüre, auch ich tat mich teilweise schwer. Doch ich muss zugeben, dass ich seit der Lektüre einen frischen Blick auf mein natürliches Umfeld (soweit es in der Stadt existiert) gewonnen habe. Ich sehe wieder genau hin, wenn da etwas (abgesehen von den Menschen, die ich sofort als Personen wahrnehme) in meiner Nähe lebt, sich bewegt und an diesem unglaublichen Schauspiel teilhat, das den ganzen Planeten umspannt (es auf kleinstem Raum verkörpert). Oder besser gesagt: mehreren Schauspielen: Natur allgemein, heimisches Ökosystem, Evolution.

Franzens liebevolle Art, Vögel zu beobachten, zu unterscheiden und zu beschreiben, hat dieses neue Bewusstsein in mir angestoßen und ich glaube, dass es ihm darum auch geht: um mehr Empathie für die Natur, nicht nur aufgrund von wissenschaftlichen Fakten, sondern aufgrund konkreter Schönheit und Lebendigkeit. Die Menschheit muss diese Erde wieder als Ort vielgestaltigen Lebens begreifen, denn ohne dieses Bewusstsein, werden wir nie begreifen, was wir im Begriff sind zu verlieren, bevor es zu spät ist – für die Vögel und für uns.

Zu Toni Morrisons “Die Herkunft der anderen”


Die Herkunft der anderen besprochen auf fixpoetry.com

Kurz zur Verfilmung von John Le Carrés “Der ewige Gärtner.”


“Wer dem Kapital im Weg ist, der kann nicht gewinnen”. Diese zynische Wahrheit über die moderne, globalisiert-kapitalistische Gesellschaft, dringt durch Artikel, Bücher und viele andere Medien immer mehr in unser Bewusstsein. Das Geschäft mit dem Öl, mit Rohstoffen, mit Menchen und Organen, Pharmaartikeln und Fleisch etc. etc. ist eine längst bekannt gewordene Realität, die nur deswegen nicht als fesselndes Netz erkannt wahrgenommen und erkannt wird, weil seine Maschen sich bereits über die ganze Welt erstrecken, von den Großstädten bis zur Tiefsee, von den Citys bis in die entlegendsten Gegenden , so weit und groß, dass man keine Stelle findet, an der man es zu fassen kriegt oder beiseite ziehen kann – zerschneidet man einen Faden, gibt es trotzdem keinen Weg, aus dem Netz an sich zu entkommen.

Afrika ist neben Südostasien seit vielen Jahren der ausgebeutete Arbeiter dieses Systems. Gleichsam Versuchslabor, Schuttabladeplatz und Rohstoffquelle, ist der ganze Kontinent seit seiner Kolonisation durch die Europäer nahezu unwiderruflich vereinahmt und entstellt worden.

In John Le Carres Buch und in dem gleichnamigen Film geht es um eine besondere Form des Missbrauchs: das Teste von Medikamenten an Menschen …

Justin (Ralph Fiennes) ist Mitarbeiter im diplomatischen Dienst des vereinigten Königreiches in Kenia. Er ist ein unauffälliger, stiller, zurückhaltender Mensch, der seinen Blumen und seinem Garten eine höhere Aufmerksamkeit zugesteht als den verwickelten politischen Krisen und Problemen in dem Land, in dem er lebt. In England lernt er bei einem Vortrag die Aktivistin Tess (Rachel Weisz, Oscar und Golden Globe für die Rolle) kennen, die ihn mit ihrem Enthausiasmus und ihrer Forschheit überrumpelt. Mit einer unaufdringlichen Direktheit entwickelt sich ihr erstes Treffen schnell zu einer Liebesgeschichte hin, sie heiraten und er nimmt sie bald darauf mit nach Afrika.

Dort setzt sich Tess in ihrer gewohnten Art für die Armen ein und legt sich mit den Behörden an; bald ist sie einer Sache auf der Spur, doch ihren Mann bindet sie nicht mit ein, stattdessen hilft ihr ein befreundeter Arzt  aus der Gegend. Ahnungslos erfährt der “ewige Gärtner” kurz darauf von der Ermordung seiner Frau und er verliert den Boden unter den Füßen. Doch dann versucht er mit aller Macht herauszufinden, warum sie sterben musste; kamen die Drahtzieher aus seiner eigenen Regierung? Hat sie ihn am Ende doch nicht geliebt, sondern nur für ihre Zwecke eingesponnen? Waren sie weiter von einander entfernt als er gedacht hatte?

Am Ende ist der Film dann nicht nur die Aufdeckung eines politische Skandals, sondern, in viel schönerer, unnachahmlicher Weise, auch die leise Erweckung eines eher passiven Geistes, und von einer Liebesgeschichte, in der es die Beteiligten sehr unterschiedlich wahren und sich doch nahe standen, bei denen es am Ende um die unerklärliche Wahrhaftigkeit in der Liebe zwischen zwei Menschen geht …

Der Film geht einem (ohne ein Melodram oder eine Schnulze zu sein) oft an Herz und Nieren, wie auch an die Wut. Fast während des ganzen zweiten Teils ist es brillant gelungen, die Machtlosigkeit von Justin in die Atmosphäre einfließen zu lassen; ebenso gut ist die Erzählung der Handlung verschachtelt: beginnend bei der Identifizierung von Tess im Leichenschauhaus, ist der ganze restliche Film ein Auf und Ab zwischen den Erinnerungen von Justin an die gemeinsame Zeit, die verschiedenen Abschnitte in ihrer Beziehung, vom Kennenlernen über das gemeinsame Leben bis zu dieser Leichenhalle und Justins Rekonstruktion von Tess Entdeckungen und seinem Versuch, in der Gegenwart dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, dass sie aufgedeckt hatte. Dies alles gruppiert sich um diese erste Szene, den Einschnitt ihres Todes und erst ganz am Ende, nachdem sie immer wieder lebendig in den Rückblicken auftaucht und das Verlorene in Justins Gegenwart ist, schließt sich der Kreis. Es ist ein beeindruckender, perfekt inszenierter Kreis, spannend, folgerichtig und doch mit einer Spur Idealismus, genau im rechten Maß.

Es gäbe noch viel was man zu den Symbolen und den Ideen dieses Films anmerken könnte, angefangen bei der Figur des Gärtners Justin, der mit hochgiftigen Pflanzenschutzmitteln seine Blumen vor Insekten und sonstigem Befall schützt, um dadurch das Leben in seinem Garten blühen zu lassen, während außen dieselbe Firma, die das Gift herstellt, Medikamente an die ahnungslosen Bewohner verteilt.

Das Spiel von Rachel Weisz ist einfach nur brillant. Von lasziv verführerisch, bis natürlich lebensfroh, von traurig-bewegt bis idealistisch frech, beherrscht sie nahezu jede Mimik und Haltung. Sie legt viel emotionales Gewicht in ihre Rolle und schafft es trotzdem, dass dies den Charakter nicht unglaubwürdig macht, stattdessen unverwechselbar und dynamisch, ein Charakter für die Ewigkeit.

Der ganze Film hält die Waage zwischen Anspruch und Spannung, Inszenierung und Story, wie ich es noch nie so harmonisch und ausgewogen gesehen habe. Es fehlt ihm hier und da an Tempo, aber das macht er durch eine wunderbare Komposition wett. Die Afrikateile wurden tatsächlich in Afrika gedreht, meist in den Gegenden wo sie spielen (Sudan hauptsächlich).

Töten um zu vertuschen – wir begegnen diesem Phänomen in Krimis, aber leider auch allzu oft in der Tagespolitik – diese Verfilmung zeigt barr und unverstellt wie Lobbyismus und Engagement so etwas zur Folge haben. Es ist am Ende mehr ein Film fürs Herz als für den Verstand. Aber vor allem: Großes Kino.