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Zu “Die ersten Amerikaner” von Thomas Jeier


Die ersten Amerikaner „Es galt, in diesem Buch vor allem mit in vielen Jahrzehnten manifestierten Klischees aufzuräumen, neueste Wissenschaftserkenntnisse aufzugreifen und so dem Leser ein möglichst umfassendes Bild indianischer Vergangenheit und Gegenwart zu vermitteln.“

Dies Buch ist ein kniffliger Fall. Sein Verfasser ist ein durchaus renommierter Autor, in dessen (sehr langer) Werkliste jedoch auch zahlreiche Groschen- und Abenteuerromane auftauchen. Natürlich sehe ich dieses Sachbuch nicht allein deswegen kritisch und solange ich keinen seiner Romane – von denen einige auch im historischen und gegenwärtigen Milieu der amerikanischen Ureinwohner spielen – gelesen habe, werde ich sie nicht vorverurteilen. Aber sowohl das, was in den Klappentexten dieser Romane steht (das klingt schon hier und da sehr nach heischendem Kitsch), als auch einige Bemerkungen in „Die ersten Amerikaner“, haben mich etwas stutzig gemacht.

Es gibt da zum Beispiel dann und wann Widersprüche in den Aussagen. Ein Beispiel: Zuerst weist der Autor die Marterpfähle als regionale Eigenheiten einer bestimmten Stammeskultur aus, einige Seiten später spricht er dann aber davon, dass jede/r weiße Siedelnde im mittleren Westen am Marterpfahl landen konnte, wenn die Ureinwohner*innen seine Farm überfielen.

Auch schwankt immer wieder das Ausmaß der Darstellung: manchmal spricht Jeier klug und kundig über die verschiedenen Stämme, bevor er sich dann in anderen Abschnitten in bestimmte Beispiele hineinsteigert, den Leser*innen einen beispielhaften, schmalen Eindruck von bestimmten Phänomenen gibt. Gegen diese Sprunghaftigkeit, den Wechsel zwischen Weitläufigkeit und Konkretion, ist eigentlich nichts einzuwenden, das Ganze wirkt aber hier und da ein wenig unübersichtlich und führt außerdem dazu, dass manche Abschnitte extrem informativ und spannend, andere voller Wiederholungen und ermüdender Kleinstdarstellungen sind. Beides zu haben ist sicher gut, aber es macht das Buch etwas unrund.

„Jedes Jahr halte ich mich mehrere Wochen oder Monate in den USA auf und verbringe einen großen Teil meiner Zeit im amerikanischen Westen und in Reservaten.“

Man kann festhalten: das Standardwerk zum Thema amerikanische Ureinwohner*innen hat Jeier mit diesem Buch nicht vorgelegt. Trotzdem kann er mit sehr viel Insiderwissen aufwarten und hat meist einen klaren Blick, der die native americans nicht verklärt oder als bloße Opfer stilisiert, sondern das an ihnen begangene (und in einzelnen Geschichten von ihnen begangene) Unrecht und die verheerende Geschichte ihrer Dezimierung durch die europäischen Kolonialmächte in vielen Einzelheiten und Facetten schildert.

„Der Krieg gegen die Indianer, von Regierung und Kirche gleichermaßen vorangetrieben, wurde zu einem Genozid gigantischen Ausmaßes, der durch grausame Massaker und Massentötungen gekennzeichnet war. Die Angaben der zwischen 1492 und 1900 getöteten Indianer schwanken zwischen zwei und zehn Millionen Menschen. Die Ermordung von unbewaffneten und hilflosen Männern, Frauen und Kindern und die systematische Ausrottung ganzer Dörfer durch heimtückische Überfälle und der Ausbruch ansteckender Krankheiten gehörten zum Alltag der 300 Jahre dauernden Indianerkriege.“

„Die ersten Amerikaner“ ist vor allem ein Buch, das mitunter gekonnt den Spagat zwischen populärwissenschaftlicher Darstellung und tiefergehenden Ambitionen meistert, manchmal bei diesem Spagat aber auch etwas ungeschickt aussieht. Es werden sehr viele Geschichten erzählt und Wissen wird hier und da großzügig gestreut. Einige Abschnitte haben es mir sehr angetan, wie etwa die Schilderungen der von den mittelamerikanischen Einflüssen geprägten Hochkulturen im Süden der heutigen USA und einige Schilderungen zur heutigen Lage der natives sind Meisterstücke.

Dennoch kommt sich das Buch mit seiner akribischen Verbrechensverfolgung und -auflistung ein wenig selbst in die Quere. Gewiss, diese seitenlangen Nacherzählungen von konkreten Verbrechen sind wichtig und erfüllen die dokumentarische Ambition. Die Schilderung von Lebensweisen, Vorstellungen und dergleichen, die die Ureinwohner Amerikas pflegten, wird dabei auch nicht vergessen, sondern gewissenhaft und regelmäßig eingeflochten. Aber letztlich konkurrieren beide Aspekte ein wenig miteinander und die Darstellungen des Lebens fallen in meiner Leseerfahrung hinter die Darstellung des Sterbens und Unterdrücktseins zurück.

Das ist vielleicht folgerichtig, immerhin ist genau das mit den Ureinwohnern Amerikas passiert: ihre Kultur, ihre Lebensgewohnheiten und, in vielen Fällen, ihre Existenz, wurden ausgelöscht, es blieb ihre blutrünstige Statist*innenrolle in Westernfilmen. Vielleicht muss ein Buch diesem Narrativ, so zwingend es zu sein scheint und so gut es auch das Schicksal der natives widergibt, nicht folgen. Denn es ist ja nicht ihre ganze Geschichte (und Jeier schildert auch die Zeit vor der Begegnung mit Europa, aber eben nur in 2. Kapiteln).

Letztlich ist Jeiers Buch immer noch eine beeindruckende Arbeit, sicherlich die Arbeit vieler Jahre, die ich weder ihm noch allen potenziellen Leser*innen madig machen will. Meine Bedenken habe ich vorgebracht, jetzt bleibt nur noch, hervorzuheben, dass ich einige spannende Erkenntnisse und manch prägenden Eindruck aus diesem Buch erhalten habe. Es ist in jedem Fall ein lesenswertes Werk und vielleicht verfehlen meine Kritikpunkte letztlich auch die Idee dieses Buches, lassen sie außer Acht. Ich hätte mir wohl eine Geschichte der amerikanischen Ur-Einwohner gewünscht, in der nicht der Hauptaspekt auf den Verbrechen liegt, die sie erlitten (nicht um das Auszublenden, sondern weil ich mich für ihre Kultur und nicht primär für deren Untergang interessiere). Aber vielleicht ist das einfach nicht möglich. Vielleicht ist das die schlimmste Erkenntnis.

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Zu “Tagebuch eines frischvermählten Dichters” von Juan Ramón Jiménez


Tagebuch eines frischvermählten Dichters besprochen beim Signaturen-Magazin.de

Zu “Fremd in ihrem Land – Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten” von Arlie Russell Hochschild


Fremd in ihrem Land “»Als ich ein kleiner Junge war, hielt man am Straßenrand den Daumen raus und wurde mitgenommen. Hatte man einen Wagen, nahm man Anhalter mit. Wenn jemand Hunger hatte, gabst du ihm zu essen. Es existierte eine Gemeinschaft. Wissen Sie, was das alles untergraben hat?« Er machte eine Pause. »Der Staat«”

Der Feind des Mitte-West-US-Amerikaners ist der Staat. Die Argumentation: Wer sollte besser wissen, wie man das Land bewirtschaftet, die Gesellschaft aufbaut, als die Leute vor Ort – und die Leute vor Ort sind zwangsläufig an verschiedenen Orten unterschiedlich, vor allem in einem so großen Land. Wie sollte also eine Regierung alle verstehen und bei ihren Entscheidungen alle Bedürfnisse berücksichtigen können? Diese Argumentation rührt an einem tatsächliches Problem innerhalb der Strukturen der Supermacht – doch konstruktive Ideen zur Lösung oder Überwindung finden sich nirgends. Stattdessen führen die Reibungen zu immer größeren Spannungen.

Das ferne Regierungsvolk in Washington ist in den letzten Jahren zum fixen Feindbild vieler US-Amerikaner geworden. Dieser Hass ging sogar soweit, dass sie einen unfähigen Mann zum Präsidenten wählten, der sich gegen das herrschende Establishment zu stellen schien, sich zumindest so inszenierte. Donald Trump kommt zwar nicht aus den elitären Kreisen der Washingtoner Politikerkaste, aber er kommt dafür aus einer anderen Kaste: der Kaste der Reichen und Mächtigen – und diese Kaste ist, polemisch runtergebrochen, das wahre Problem. Warum das niemand erkennt, warum sich Menschen bei politischen Fragen gegen ihre eigenen Interessen entscheiden?

Arlie Russell Hochschild ließ die Frage nicht los, wie ein so großer Unterschied zwischen ihren Ansichten und den Ansichten rechts-konservativer Amerikaner bestehen konnte, wo sie doch alle Zugang zu denselben Fakten hatten, zumindest theoretisch. Es musste da etwas geben, was diese Menschen davon abhielt, einige elementare Wahrheiten zu begreifen, mit ihrer eigenen Lebenssituation in Verbindung zu bringen.

“Unsere Polarisierung und die Tatsache, dass wir uns zunehmend schlicht nicht kennen, macht es allzu einfach, uns mit Abneigung und Verachtung zufriedenzugeben.”

Also reiste sie nach Louisiana und traf die Leute von dort, hörte sich ihre Sorgen und Meinungen an, versuchte die Gefühle hinter den politischen Entscheidungen zu verstehen. Denn letztendlich geht es immer darum: um Gefühle. Der Mensch ist kein rein rationales Wesen, ansonsten würden wir längst in der besten und emotionslosesten aller Welten leben. “Das Rationale am Menschen sind seine Einsichten, das Irrationale, dass er nicht danach handelt”, schrieb Friedrich Dürrenmatt.

Was fand Hochschild in Louisiana vor? Kein Volk von kruden Verschwörungstheoretikern, keinen überbordenden Hass, sondern vor allem: Wut, Armut, Perspektivlosigkeit. Hier regiert nicht Washington, hier regiert, wie mittlerweile an fast allen Orten des Planeten, der Kapitalismus. Chemiefabriken verseuchen das Wasser, es gibt kaum Arbeit, das Konkurrenz- und Klassendenken entfremdet die Leute einander. Wenn es keine Perspektiven gibt, sind Menschen für vieles empfänglich, was nach einer neuen Perspektive aussieht oder zumindest nach einer besseren innerhalb der alten. Bauernfänger haben leichtes Spiel – nicht weil die Bauern dumm sind, sondern verzweifelt und aus einem System ausgeschlossen, das nicht mit Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit arbeitet, sondern in dem Gier und Überfluss als Strom die Rädchen antreiben. Einen System das viel verspricht und dafür unter der Hand Dinge braucht und einfordert, die es wohlweislich verschweigt. Die Bauernfänger kommen und verbinden clever nostalgische Ideen mit großen Anklagen, leeren Beistandsheucheleien – und festigen dadurch den Einfluss, die Position ihres Systems, ihre eigene Stellung darin.

“Eine Wirtschaftsagenda für Reiche wird mit sozialen Fragen als Köder verbunden. Die Forderung nach Abtreibungsverbot, Recht auf Waffenbesitz und Schulgebet bringt Mike und seine gleichgesinnten Freunde dazu, eine Wirtschaftspolitik zu unterstützen, die ihnen schadet. […] Sie stimmen dafür, dass der Staat sie in Ruhe lässt – was sie kriegen, sind allgegenwärtige Kartelle und Monopole, von den Medien bis zur Fleischindustrie.”

Privilegien. Albert Camus hat einmal richtig angemerkt, dass es nie um etwas anderes geht oder ging. Das Problem Privileg lässt sich in den einfachsten und komplexesten Problemen verorten. Wir teilen uns diesen Planeten. Wer darf Welches Stück davon haben; Wer darf Was tun? Sollte? Kann?

Privilegien müssen, einmal gesichert oder bekommen, verteidigt werden. Um jeden Preis. Am besten in dem man die restlichen Anwärter gegeneinander ausspielt. Die armen Leute in den USA werden schon sehr lange gegeneinander ausgespielt, mit immer neuen Finten. Das hat zu dramatischen Verwerfungen geführt, die dieses Buch wie rote Fäden durchziehen. Ein Buch, das mit einigen Klischees aufräumt, auf eine nicht zwingende, aber anschauliche Weise, nah am menschlichen Aspekt und Faktor.

Kapitalismus in dem Stil, wie er heutzutage betrieben wird, bedeutet genau das: Entfremdung. Geld mag in rauen Mengen Sicherheit geben, mag im Überfluss ein Vertrauen verströmen: Ich und viele andere Menschen werden das nie erleben – wir werden nie dieses rauen Mengen besitzen. Und in dem derzeitigen System ist immer weniger Platz für Menschen, die es dahin schaffen, zu dem großen Geld. Der Platz an der Sonne ist schmal und auch mit ehrlicher Arbeit längst nicht mehr annähernd zu erreichen. Ein System, das so wenig Sicherheit für nur so wenige verspricht, das soll das beste System sein? Ich denke nicht.

“Fremd in ihrem Land” ist ein sehr empfehlenswertes Buch, weil es am kleinsten Beispiel eine exemplarische Situation unserer Zeit untersucht. Einiges hätte in der Ausführung etwas deutlicher sein können, aber Hochschild hat klugerweise (im Gegensatz zu mir) auf eine zu starke Politisierung und Positionierung verzichtet; sie hält sich nicht ganz raus, aber balanciert gut aus, was sie zu hören bekommt und was sie selbst noch ergänzt. Alles in allem: ein Lichtblick in der Welt des tagtäglichen Gegeneinander, der tiefe Schluchten offenbart – über die Brücken führen, die man wohl derzeit nur einzeln, mit viel Empathie bewaffnet, überqueren kann.

Zu Joachim Kalkas kleiner Hommage “Peanuts – auf 100 Seiten”


100 Seiten Peanuts “Der folgende Versuch, wesentliche Elemente des Peanuts-Strips zusammenzustellen, bedient sich in etwa des Verfahrens, das in der Ethnologie als thick description bekannt ist – nicht durch eine abstrakt-theoretische Organisation des Materials, sondern durch die “dichte Beschreibung”, eine Akkumulation von Details kommen Aussagen zustande. Während bestimmte Entwicklungen und Veränderungen skizziert werden, wird der Strip in der Hauptsache als eine konstante “mythologische” Narration aufgefasst, eine stabile, ja: in ihrem letzten Grunde unveränderliche Welt.”

Kann man dem Phänomen Peanuts auf nur hundert Seiten gerecht werden? Joachim Kalka beweist, dass das nicht nur möglich ist, sondern Spaß macht und nostalgische und begehrliche Gefühle hervorbringt. Begehrlich im Sinne von: wieviel kostet denn eine Gesamtausgabe von den Peanuts, lass doch mal schauen…

Natürlich ersetzt dieses Buch keine umfassende Biographie des Zeichners Charles M. Schulz oder eine Enzyklopädie seines Werkes. Aber auf seinem begrenzten Raum leistet es Erstaunliches, auf beiden Gebieten.

Wie in der Vorrede angekündigt, wirft der Autor Schlag- und Streiflichter auf die Welt von Charlie Brown, Snoopy und Co. Phänomene wie Snoopys Tagträume, Running-Gags und die Jahreszeitenorientierung, eine Handvoll wiederkehrender Situationen und Aufhänger, die Beziehungen der Figuren untereinander, werden in kleinen Beispielen (auf Englisch und zusätzlich übersetzt) zitiert und aufbereitet und auch kurz interpretiert und die größeren Kontexte inner- und außerhalb der Comicwelt eingebunden; mit Esprit und nicht erschöpfend.

So entsteht ein Buch, das die Essenz der Peanuts-Strips auf wunderbare Weise einfängt, ohne große Lobeshymnen anzustimmen – der Kosmos bekommt die Gelegenheit, mit all seinen Finessen für sich selbst zu sprechen. Wer nach diesem Buch keine Lust hat Peanuts zu lesen, der kann getrost die Zukunft seiner Lektüre ohne sie planen. Alle Fans von Comic-Strips wie den Peanuts, Garfield, Calvin & Hobbes etc. sollten das Büchlein lesen: hier wird dieses Genre und unsere Freude daran auf schöne Art gewürdigt.