Tag Archives: Amerikanischer Bürgerkrieg

Zu Sebastian Barrys “Tage ohne Ende”


Tage ohne Ende “Noch während wir den Pfad entlangreiten, können wir sehen, wie übel Lige dran ist. Ein wunderschöner Bach, der wie ein endlos bereifter Bart verläuft. Feld um Feld besorgt aussehnenden Landes. Hohes geschwärztes Unkraut, und halb geerntete, verfaulende Nutzpflanzen. Dieses vergilbte Land und dann der erschrocken wirkende Himmel, der sich bis zum Himmelreich erstreckt, und überall am Horizont die Stümpfe und Stacheln unbekannter Bäume.”

Mit diesem Roman stand der Ire Sebastian Barry 2017 auf der Longlist für den Man Booker Prize, dem wichtigsten Literaturpreis für britische Prosa. Schon vorher hat er sich mit einem Roman über den ersten Weltkrieg und anderen über die Auseinandersetzungen im Irland des frühen 20. Jahrhunderts hervorgetan. In “Tage ohne Ende” hat er sich einer neuen Region zugewandt: dem nordamerikanischen Kontinent zur Zeit des Wilden Westens und des US-amerikanischen Bürgerkrieges.

Protagonist und Ich-Erzähler ist ein Ire, Thomas McNulty, der als Jugendlicher vor den großen Hungersnöten in die neue Welt geflüchtet ist und dort auf seinen Freund und seine große Liebe John Cole trifft. Mit ihm tanzt er zunächst, als Frauen verkleidet, im Saloon einer Bergarbeiterstadt, bevor sich beide zur Armee verpflichten und nach Westen ziehen, gegen die Indianer und bald in den Krieg…

“Wie ein irischer Simplicissimus stolpert er durch das Grauen der Feldzüge gegen die Indianer und des amerikanischen Bürgerkriegs – davon und von seiner großen Liebe erzählt er mit unerhörter Selbstverständlichkeit und berührender Offenheit.” So heißt es im Klappentext. In der Tat ist der Vergleich mit Grimmelshausens bitterbösbrachialem Roman über den 30jährigen Krieg nicht unangebracht: hier wie dort beherrscht eine rücksichtslose, unabwendbare Rohheit alle Lande, es findet sich kaum ein Schrei nach irgendeiner Form von Zivilisiertem, Überleben und Ertragen sind das tägliche Handwerk, das nicht stilisiert, sondern schlicht vorgeführt wird; die Offenheit ist zwar nicht direkt berührend, aber besticht durchaus.

Das Genre des Wild-West-Romans ist, würde ich behaupten, eng mit Groschenheften verknüpft; Barrys literarischer Ansatz leistet hier Pionierarbeit und sein Buch ist ein bemerkenswerter Versuch, in einem von Klischees und Heroismus, Mythen und Stilisierung beherrschten Themenfeld eine eigene Geschichte zu entwickeln, die realistische Maßstäbe an den Tag legt. Ihm gelingen beeindruckende Darstellungen, sein Timing für kleine Momente abseits der düsteren Grunderzählung ist tadellos.

Ich glaube dennoch nicht, dass dies ein Buch ist, das viele Leser*innen überzeugen wird. Ähnlich wie Kazuo Ishiguros großartiger Sagenroman “Der begrabene Riese” (Ishiguro hat sich sehr anerkennt zu diesem Roman von Barry geäußert), ist „Tage ohne Ende“ in seiner Komposition zu eigenwillig, um ein breites Lesepublikum für sich zu gewinnen. Er hat keine epischen Tendenzen, keine epische Grundstimmung, ist rustikal und direkt, mitunter poetisch – und viele Leser*innen werden diesen Mix für einen Mangel halten, obgleich gerade darin die Kraft seiner Darstellung liegt.

Vielleicht irre ich ja, ich hoffe es. Denn obgleich mich der Roman nicht begeistert hat (über Geschmack lässt sich nicht streiten), ist er große Literatur, eine bestechende Erzählung und ein wichtiges Dokument.

Zu Ta-Nehisi Coates “We were eight years in power – Eine amerikanische Tragödie”


Eine amerikanische Tragödie besprochen bei Fixpoetry

So weit die Füße tragen. Eine Rezension zu “Unterwegs nach Cold Mountain”


“Ein Krieg reißt mehr Glück in Stücke als die Namen seiner Toten sagen könnten. Alles was nicht überlebt, geht verloren.”
André Gide

Dieser, nicht nur in seinen malerischen Landschaftsansichten und seiner Dramatik an ein Wildwestepos erinnernde Film, dürfte vielen Zuschauern eine gute, zwei Stunden lange Filmerfahrung verschaffen. Manche werden ihn überragend finden, manche eher durchwachsen, manche zu hart oder zu brutal.

Ich persönlich habe diesen Film als ein sehr intensives Erlebnis empfunden; nicht nur die Schlachtszene am Anfang, die eine der blutigsten Kämpfe des Civil War nachstellt, hat mich aufgerüttelt, sondern vor allem die Kompromisslosigkeit mit der der Film die Hysterie und Zerstörung in den Herzen und der Moral der Menschen zeigt.

Während sich der ‘Konföderation unabhängiger Staaten'(CSA) – eine Anzahl amerikanischer Bundesstaaten, die sich 1860 von den Nordstaaten unter Präsident Lincoln losgesagt haben, als die Sklavenfrage und andere interne politische Zerwürfnisse das Land zu spalten drohten – immer mehr Mitglieder anschließen, wächst bei der Jugend im Dorf Cold Mountain in North Carolina die romantische Vorstellung vom Krieg heran. Als sich der Staat als allerletzter den Südstaaten im nun beginnenden Sezessionskrieg anschließt, gehen alle jungen Männer mit wehenden Fahnen und voller Siegeszuversicht (wie 50 Jahre später ihre europäischen Leidensgenossen im ersten Weltkrieg) an die Front – auch der schweigsame W. P. Inman (Jude Law), der eigentlich einen Grund hätte zu bleiben: Denn erst vor kurzem haben sich er und die Pfarrerstochter Ada (Nicole Kidman) ineinander verliebt. Doch er ist überzeugt seine Pflicht wie jeder andere erfüllen zu müssen. So bleibt Ada zurück, allein, dem einzigen Kuss zwischen ihnen gedenkend und in der Hoffnung auf seine baldige Rückkehr. Bald schon verkommt das Dorf zusehens. Man leidet unter den Entbehrungen des Krieges, der Knappheit an Hilfskräften, Lebensmitteln und Nachrichten von der Front oder dem Rest der Welt. Zusätzlich terrorisiert auch noch die Heimatfrontmiliz mit ihrer Suche nach Deserteuren und Drückebergern Land und Leute willkürlich.

Inman erlebt derweil an der Front die Grausamkeit des ersten modernen Krieges – und nur der Gedanke an Ada hält ihn aufrecht. Als schließlich alle Freunde gefallen sind, macht er sich als Deserteur auf den Weg nach Hause; ein langer, gefahrvoller Weg durch Wildnis, entlang an den Linien des Krieges… wird Ada noch auf ihn warten? Wie wird es sein, nach so langer Zeit, zwischen ihnen? Hat der Krieg ihn emotional entstellt, kann er noch lieben?

Es gibt nur wenige wirkliche Filmepen, also Filme, mit einer Länge von mehr als 2 Stunden, mit Handlungen über Krieg, Liebe, Verrat und Schicksal, die einen berühren, erschrecken und zugleich mit ihrer Spannung fesseln können. Ich bin immer froh, wenn ich mal wieder so ein Epos sehen darf, vor allem da ich es sehr schätze, wenn sich Charaktere entwicklen und viele unterschiedliche Figuren auftreten können, wenn man also das Ganze über eine längere Handlungszeit begleitet und die Facetten und die Art der Epoche und der Zerwürfnisse kennenlernt; vielleicht weil es einem die kleine Illusion gibt, einen Roman zu “sehen”.

Cold Mountain war, trotz seiner realistischen Härte, ein Epos nach meinem Geschmack, nie trivial, nie kriegsverherrlichend und sehr vielschichtig. Nur in wenigen Szenen habe ich nicht das Gefühl gehabt, einen wirklich guten Film zu sehen.

Fazit: “Unterwegs nach Cold Mountain” ist sicherlich nicht der beste Kriegs- oder Lovefilm made ever. Aber er hat doch eine so schonungslose und gleichzeitig berührende Intensität in seiner Komposition inne, sodass es schwerfällt, nicht der menschlichen Schicksale zu gedenken, die er darstellt und nicht die Absurdität, Brutalität und Tiefe zu empfinden, die er mancherorts aufzeigt. Es ist ein guter Film – ein Werk, mit dem man als Fan von epischen Geschichten wenig falsch machen kann.

Link zum Film: http://www.amazon.de/Unterwegs-nach-Cold-Mountain-Jude/dp/B0054U0TZ2/ref=cm_cr_pr_product_top

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.