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Zu “Alle Zeit der Welt” von Thomas Girst


Thomas Girst

Kann der Mensch neben Kriegen, Zerstörung, Wut, bösen Worten, Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung, kann der Mensch inmitten des Gifts von Nationalismus, Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit und Populismus, das ganze Gesellschaften zersetzt, nicht doch auch Wunderbares schaffen?

Eine berechtigte Frage. Je nachdem, ob man die Menschheit an der Gesamtheit der entstandenen Kunstwerke oder der Gesamtheit der begangenen Verbrechen beurteilt, ihr Wesen danach skizziert, entstehen sehr unterschiedliche Bilder unserer Spezies. Wir haben erstaunliche Dimensionen an Verständnis und Reflexions- sowie Vorstellungsvermögen entwickelt, sind aber andererseits kaum in der Lage, die Zerstörung unserer Lebensräume und die Auswirkungen unserer diversen technologischen Errungenschaften zu begreifen, geschweige denn zu kontrollieren.

Selbst in der Kardinalsfrage, der Frage nach dem Glück, sind wir, so scheint es, nach Jahrtausenden und Jahrhunderten immer noch gleichermaßen nah dran und weit entfernt von irgendwelchen Rezepten, selbst in unserer hypermedialen und selbstoptimierten Wohlstandsgesellschaft. Virginie Despentes schrieb in ihrem Essayband „King Kong Theorie“:

Alles in unserer Gesellschaft ist auf das kurze Sofortglück angelegt, Espresso, Zucker, Facebook-Likes, Porno, Drogen, Alkohol – immer geht es um Instantbefriedigung. Alle Hormone aber, die für echte Zufriedenheits- oder Glücksgefühle zuständig sind, werden bei diesem Verhalten eher heruntergefahren als angeregt. Die Sofortbefriedigung hindert uns an tieferem Wohlbefinden.

Schnelligkeit, Druck, Optimierung, das sind ein paar zentrale Schlagwörter unserer Zeit – eine Zeit, in der kaum noch jemand Zeit hat. Nicht nur keine Zeit zum Pause machen, Ausruhen, sondern auch kaum Zeit, um in sich zu gehen oder (und damit sind wir bei dem Buch von Thomas Girst angelangt) Zeit, um sich längerfristig und ohne klares Ziel mit etwas zu beschäftigen.

Letztlich sind es aber gerade die langwierigen Prozesse, die Bleibendes oder Beachtliches hervorbringen. Die ganze Geschichte der Naturwissenschaften, immer noch nicht abgeschlossen (und wohl nie zu Ende gehend), ist eine Geschichte der unermüdlichen Beschäftigung mit den immer gleichen Dingen, aus der ständig neue Erkenntnisse und auch neue technologische oder sonstige Erfindungen hervorgingen und -gehen. Gerade in unseren rasanten, von Schlagzeilen überschütteten Zeiten ist es wichtig, derlei zu bedenken

und nicht müde zu werden auf den Unterschied von Information und Wissen hinzuweisen. Erstere steht uns im Technologiezeitalter immer und überall zur Verfügung, Letzteres gilt es sich zu erarbeiten.

In etlichen kurzen Kapiteln nimmt uns Girst mit auf eine Reise zu den Errungenschaften und Entdeckungen, die sich stetigen und langen Prozessen verdanken. Da sind zum einen kuriose bis beeindruckende Kunstwerke, sei es nun der Palais idéal des Briefträgers Ferdinand Cheval, den er über 33 Jahre nur aus den aufgeklaubten Steinen und Muscheln auf seinem Berufsweg baute oder die langen Klang- und Kunstinstallationen in zahlreichen Museen der Welt, und zum anderen historische und wissenschaftliche Beispiele oder jene von Menschen und Einrichtungen, die sich den langsamen Prozessen verschrieben haben.

Girst trägt sehr viel zusammen und reiht es gekonnt aneinander, türmt es begeistert auf. Mitunter ist es vielleicht ein bisschen viel, was da an Kunst und Wissenschaft, Vergangenheit und Zukunft geballt beachtet und bedacht werden soll, aber diese Fülle macht das Buch andererseits sicher zur einer noch oft zur Hand genommenen Lektüre.

Auf Raumschiff Erde gibt es keine Passagiere. Wir sind alle Teil der Crew.

Die Fülle der Beispiele weiß jedenfalls zu überzeugen und ebenso die Botschaft. Ich habe mich beim Lesen öfters an Alessandro Bariccos „Die Barbaren“ erinnert gefühlt, in dem er von einem Paradigmenwechsel in der Moderne berichtet, während dem die Epoche der sich vergewissernden, sich versenkenden Erfahrung, sich zeitnehmenden Beschäftigung, durch die Epoche des Spektakels abgelöst wurde.

Girst versöhnt in seinen kurzen Geschichten und Essays beide Epochen ein wenig miteinander, plädiert für ihrer beider Errungenschaften, beschwört die Lesenden aber, aufmerksam zu sein für die Schönheit und allgemein die Idee langer Prozesse, sich nicht nur auf schnelle Erfolge und nahe Ziele einzuschießen, sondern zu lernen vom Gang der Dinge, von den Mühen und Freuden unserer Vorgänger*innen, von den Perspektiven, die sich uns bieten, wenn wir nicht nur auf uns und unsere naheliegenden Wünsche schauen, sondern den Blick heben und uns selbst dabei zurücklehnen, einmal einkehren in die Zeit, die wir haben, die uns bleibt, die uns niemand nehmen kann, außer wir selbst.

Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.

Zu “Schreiben für ewige Anfänger” von Andreas Thalmayr


Schreiben für Anfänger Nach „Das Wasserzeichen der Poesie“ (darf in keinem Lyrik-Bücherschrank fehlen) und „Lyrik nervt!“ hat Andreas Thalmayr (alias HME) wieder zugeschlagen, diesmal mit einem handlichen Büchlein, das schon im Titel den gewohnten Schalk des Verfassers anklingen lässt und ansonsten etwas Ähnliches wie Mario Vargas Llosas „Briefe an einen jungen Schriftsteller“ erwarten lässt, nur pointierter.

In der Tat ist dieses Buch vor allem mit dem Amüsement liiert und wer einen Schreibratgeber oder ein Rekapitulieren des Schriftsteller*innenalltags erhofft, der sollte lieber zur Llosas Buch oder Sol Steins „Über das Schreiben“ greifen oder nach einem anderen Werk dieses Kalibers schauen.

In „Schreiben für ewige Anfänger“ wird nämlich vor allem – in 27 fiktiven Briefen von Thalmayr an einen zunächst ganz am Anfang stehenden und dann im Verlauf mit einem Debüt aufwartenden Autor – anekdotisch parliert; die Leser*innen kennen nur Thalmayrs-Briefe, die des Autors sind nicht enthalten, es wird nur auf sie angespielt, Bezug genommen.

Bonmots und Randbemerkungen, sowie literarische Anspielungen, sind die Hauptzutaten. Darüber hinaus wird hauptsächlich auf hohem Niveau (und hintersinnig) gejammert und ausschweifend gewarnt: Der fiktive Autor soll sich ja nicht vereinnahmen lassen, man wird einiges von ihm erwarten, was er nie wollte, es eröffnen sich viele Abgründe im Betrieb und in der Medienlandschaft, die Thalmayr leichtfüßig und streifend durchexerziert.

Thalmayrs Hinweise lesen sich wie ein Abschreckungskatalog, wobei der beschriebene Umfang der Belastung und all die Fragen nach Do’s und Dont’s eher nur Schriftsteller*innen höheren Kalibers betreffen werden, die aber durch all das (und das leere weiße Blatt) wohl tatsächlich ewige Anfänger*innen sind.

Fazit: ein amüsantes Büchlein, das zwar hier und dort zu denken gibt, aber von Anfang wenig Ernsthaftigkeit verströmt, sodass es eher eine kurzweilige Lektüre bleibt, ein kleines Insight mit viel Vergnügen und wenig Lehrreichem.

Im Anhang befinden sich noch drei Supplements: Christoph Martin Wielands „Über das Urheberrecht“, ein Auszug aus dem genannten Buch von Llosa und „Ratschläge für einen jungen Schriftsteller“ von Danilo Kiš.

Zu Judith Kellers “Die Fragwürdigen”


Die Fragwürdigen „Sie verstehen sich nicht ganz“, heißt es am Ende von einem der vielen kurzen Prosastücke von Judith Keller. Dieser Satz vermag auch ganz gut in Worte zu fassen, worum es in diesen Geschichten oftmals geht: um Menschen die einander und die sich selbst nicht ganz verstehen.

Aus vielen Gründen: Zwischenmenschliches und Ichbeschränktes erweisen sich als ineinander verstrickte Wesenheiten, ganz gleich ob man sich auf den anderen oder auf sich selbst besinnt; die Sprache ist dem Denken ein Haus, aber nicht dem Reden, dem Leben; und wohin kann man sich unauffällig stellen, wenn sich die Welt mit einen Mal als bodenlos erweist?

Die Frau, die in der dritten Etage wohnt, in der die Freunde um den Tisch sitzen, bemerkt manchmal, dass sie viel geschehen lässt, mit ihr aber nichts geschieht. Die Menschen, die immer kommen wollen, sind ihre Freunde geworden.

Judith Keller, Nepomuk

Im Kern geht es dementsprechend oft um einen Moment oder die Geschichte einer Irritation. Etwas nimmt einen bestimmten Lauf und manchmal zeigt Keller ihre Protagonist*innen als Mitgezogene, manchmal krabbeln sie auch ans Ufer und starren auf den Fluss, ihre Situation wird analysiert, und irgendwo zwischen Dilemma und Epiphanie fallen die Geschichten in sich zusammen oder weisen ins Offene, enden so unentschlossen wie begannen. Jedoch: ein unsicheres Verständnis verdichtet sich in mir als Lesendem.

Judith Keller, Nepomuk

Auf eine diffuse, leicht entrückte Art und Weise bilden Kellers Geschichten unendlich feine Zwiste und Gefühlsstrukturen ab. Zusätzliche Ebenen, wie intelligente Hinterfragungen von Redewendungen, von Sprache allgemein (die bei Keller immer unter Beobachtung steht und gleichzeitig das Werkzeug ist) oder kritische, politische Ansätze, sorgen für Vielfalt und oft führt die Lektüre in einen Zustand zwischen Schmunzeln, Staunen und nachhaltiger Nachdenklichkeit.

Judith Keller, Brauchbarkeit

Ich kann „Die Fragwürdigen“ nur wärmstens empfehlen (an dieser Stelle vielen Dank an M. G. für den Hinweis!). Auf der Rückseite dieses Buches steht, dass „mit den Leuten in diesem Buch etwas nicht stimmt. Lernen Sie sie kennen.“ In der Tat, das sollte man tun, es wird einen bereichern. Denn vielleicht stimmt ja auch etwas mit der Welt nicht. Und wenn etwas nicht stimmt mit diesen Leuten, vielleicht stimmt es trotzdem nicht, dass etwas stimmen müsste. Und vielleicht geht es mehr um Stimmen als ums Stimmen. Wie auch immer: sehr lesenswert!

32 (1) Judith Keller, Kunst [06.06.2018, 08.14]

Zu Eduardo Galeanos Vermächtnis: “Geschichtenjäger”. Großartig!


Geschichtenjäger „Die Erde segelt dahin.
Sie trägt mehr Schiffbrüchige als Passagiere.“

Eduardo Galeano war einer der umtriebigsten linken Autoren des 20. Jahrhunderts. Fußballfan und Feminist, anprangernder Journalist und Geschichtenerzähler, Mythensammler, Aktivist und Herausgeber – die Breite seiner Interessen, die Größe seines Augenmerks und seines Bewusstseins für Ungerechtigkeiten, Verschüttetes und Tröstendes war enorm.

Diesem besonderen Gespür bot sich in Südamerika und seinem Heimatland Uruguay genügend Stoff dar. In einem seiner bekanntesten Bücher, „Die offenen Adern Lateinamerikas“ (das in vielen der südamerikanischen Militärdiktaturen verboten war), zeichnete Galeano minutiös und akribisch die einstigen und derzeitigen Ausbeutungen und Zerstörungen des Kontinents und seiner indigenen und derzeitigen Bevölkerung nach. Auch in vielen seiner anderen Bücher war ihm vor allem daran gelegen, den Reichtum und die Grausamkeit des Daseins nebeneinander zu stellen und auch aus der kleinsten Perspektive heraus sichtbar zu machen.

Eduard Galeano, Ausländer (Lutz Kliche)

„Geschichtenjäger“ ist das letzte von Galeano noch abgeschlossene Buch (in der deutschen Ausgabe befinden sich aber auch noch einige Stücke aus seinem vor dem Tod begonnenen Buch „Kritzeleien“). Es ist, dies will ich direkt sagen, eines der schönsten, mannigfaltigsten, reichsten, aufrechtesten Bücher, die ich in meinem Leben gelesen habe. Es ist ein Schatz, ein Buch für alle Zeiten und Tage.

Wie soll man die zumeist nur eine Seite langen Kurzprosastücke dieses Büchleins beschreiben? Begebenheiten? Erinnerungen aus der Unzahl der Leben und Tode? Spuren der Ungerechtigkeit und der Schönheit? Verbrechen und Wunder? Phänomene? Nadelstiche, stechend und gleichsam ein großes Panorama nähend? Anekdoten und Fabeln? Zerschlagenes und Utopisches? Berichte von Courage und Ignoranz?

Eduard Galeano, Yucatan (Lutz Kliche)

Das alles deckt einen Teil der Texte ab und vernachlässigt manch anderes, eigensinniges oder plötzlich aus einer ganz anderen Richtung herbeiwanderndes Kleinod. Über Galeanos Buch kann man sagen, was man über die Erzählbände Julio Cortázars oft sagt: es sind keine Bücher, es sind Welten.

Bei Galeano bestehen diese Welten zu gleichen Teilen aus scheinender Transzendenz und harter Realität. Die Adjektive sind wichtig. Denn auf der einen Seite breitet er Mythenkosmen und Sagenstoffe aus, spielt sie an wie Melodien und es scheint daraus ein Glaube an den ewigen Kreislauf von Überwindung und Fehlschlag hervor, an die Kraft der Ideen und gleichzeitig Zerrissenheit der Existenz.

Eduard Galeano, Sonne und Mond (Lutz Kliche)

Auf der anderen Seite legt er ohne Ende die Verfehlungen, die ganze Ignoranz der menschlichen (und vor allem männlich dominierten) Gesellschaften bloß: Prüderie und Körperfeindlichkeit, Bigotterie und mangelnde Vorstellungskraft, Rassismus und Unterdrückung, Misogynie und Vorurteil – seine Geschichten aus der Realität handeln von all diesen Verbrechen und wie Menschen und Völker ihnen erliegen, sie verfechten und wie einzelne und viele sich ihnen entgegenstellen.

Eduard Galeano, Kleine Gaucho Gil (Lutz Kliche)

Ca. 250 dieser anekdotischen Fundstücke, erjagten und erinnerten Geschichten sind hier versammelt. Sie machen Mut, berühren, erschüttern, faszinieren und stimmen nachdenklich. Galeano liefert ein Panorama der Niedertracht und erzählt dazwischen von den Momenten des unbeirrbaren Widerstands, Fortschritts und von kleinen leuchtenden Beispielen, die sich wie Wunder aus dem Getümmel der sonstigen harten Fakten emporheben, die über den Globus wuseln, zusammenstoßen und sich vermehren, sodass man gar nicht glauben mag, dass ihnen jemand entgehen kann.

Hier und dort kann man dieser Härte entgehen, wenn man sich dem Ewigen zuwendet oder gegen den Sog der Härte ankämpft, für und für andere einen kleinen Flecken erstreitet, auf dem Ideen des Guten und des Wandels gedeihen können. Galeano erzählt von diesen Versuchen, vom Scheitern, vom Untergang und schafft es, dass man als Lesende/r, in diesen Darstellungen nicht bloß Ereignisse sieht, sondern Lektionen fürs Leben, Flammen, die bewahrt werden sollten, weil noch viel in ihrem Schein bewerkstelligt werden kann.

Ich kann wirklich nur jedem empfehlen, sich dieses Buch zuzulegen. Es ist ein Schatz fürs Leben. Ein Vermächtnis, ein glühendes, funkenschlagendes, strahlendes. Danke Eduardo Galeano. Für so vieles.

Eduard Galeano, Neugier (Lutz Kliche)

Und dank auch an den Peter Hammer Verlag, dafür, dass er seit vielen Jahren die Werke von wichtigen südamerikanischen Autor*innen wie Eduardo Galeano oder auch Ernesto Cardenal herausgibt.

Zu Bukowskis Gedichten, speziell zu denen aus: “Gedichte, die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang”


“nicht als Ketchup und Windhunde
und Krankheit
und Frauen, manche davon
für Augenblicke so schön wie
eine dieser Kathedralen,
und jetzt spielen sie Bartok,
der wusste was er tat,
was bedeutet: er wusste nicht was er tat,
und morgen werde ich vermutlich wieder zurück
zu diesem Scheißjob gehen
wie zu einer Frau mit 4 Kindern”

Charles Bukowskis Gedichte sind Geschichten und Tiraden; Blitzlichter – der Auslöser ist das Leben; frankiertes Elend, dass sich in Nullkommanichts weglesen lässt und doch in seinen Kanten und Rillen viele kleine Offenbarungen versteckt und damit oft auch gar nicht hinterm Berg hält, sondern frontal darauf zusteuert.

Gerade die freie Form der Gedichte macht sie zwingend, lässt sie zusammen dem lapidaren Ton zu einer Beschwörung werden, die das faserige Leben aus dem Fleisch des bloßen Benennens, Erzählens, Dokumentierens schneidet. Bukowski-Gedichte, das sind die unanmaßendsten Anmaßungen der Lyrikgeschichte.

“kann sein, dass Eiswürfel aus der Schale brechen
etwas bedeuten kann,
oder eine Maus die an einer leeren Bierflasche schnuppert;
zwei leere Räume, die ineinander hineinsehen,
oder die nächtliche See, bestückt mit schmierigen Schiffen
die dir ins Hirn dringen mit ihren Lichtern,
diesen salzigen Lichtern
die dich streifen und wieder verlassen
für die konkretere Liebe irgendeines Indien;”

Die Gedichte im Band “Gedichte, die einer schrieb” sind nicht ganz so ausbalanciert wie jene in “Western Avenue” oder “Kamikazeträume”, aber dennoch haben sie bei aller Zurückgelehntheit oder Heftigkeit denselben schalen Glanz, der so hell und großflächig reflektieren kann, von dem so mancher Wahnwitz und Verdruss und so viel Tiefe zurückbleibt.

Ausholen tun seine Gedichte, aber sie verstehen es auch eine ganz spezielle Besinnlichkeit hervorzurufen, einzigartig, fast kämen die Texte einem wie Prosa vor, in Verse gepresst, aber sie sind etwas Subtileres: Gerede, das am Rande des Lyrischen streift und es immer wieder betritt. Gerede, das kein Gelaber ist, sondern eine Stimme, die den Leser nicht in eine flüchtige Metapher presst, sondern mitten in einen großen Raum schmeißt, einem Raum voll von Willen zu etwas, dem Versagen daran, voller Anekdoten, dem Staub, der wir werden & Bewegungen, die wir sind, im Versuch, noch anders zu sein als das Nichts.

Das Sensible in den Gedichten entdeckt man schnell selbst, am eigenen Leib könnte man fast sagen. Was will man mehr von nem Gedicht?

“Es kommt die Zeit wo man tiefer
in sich reingehen muss
und es kommt die Zeit
wo sichs unschuldiger
und leichter stirbt
wie bei nem Bombenangriff
auf Santa Monica”

Über Matthias Engels neusten Roman “Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun”


“Der November verstrich. Um den Jahreswechsel herum fragte der ungeduldige Verleger noch einmal nach und forderte einen Umfang von mindestens 100.000 Wörtern. Wilde antwortete in einem knappen Telegramm, die englische Sprache habe aber keine 100.000 schönen Wörter.”
Seite 226

Sie nebeneinanderzustellen wirkt, als würde man einen willkürlichen Eingriff in die Struktur der literarischen Übersichtlichkeit machen und zwei Fäden aneinanderhalten, die sonst fern voneinander, in unterschiedlichen Diskursen, Welten und Ansichten, verlaufen: Oscar Wilde und Knut Hamsun, beide Schriftsteller, beide mit ihren Namenszügen in den Rang eines Klassikers aufgestiegen, beide … ja enden denn da schon die Parallelen??

Nein, meint Matthias Engels, der in seinem neusten Roman die Lebensläufe von Wilde und Hamsun schildert, am Anfang dünn verknüpft durch einen gleichzeitigen Amerikaaufenthalt im Jahre 1882. Im Folgenden werden Lebensstationen der beiden Schriftsteller beleuchtet: in wohlausgesuchten Szenen und Dokumenten (hauptsächlich bei Wilde), aber auch längeren Beschreibungen, mit Innenansichten der Figuren (hauptsächlich Hamsun).

Diese Gewichtung in der Art der Annäherung hat eine gewisse, den beiden Figuren innewohnende Anlage und Schlüssigkeit; sie erfordern jeweils eine andere Herangehensweise, weil ihre Lebensumstände mehr in die eine oder andere Richtung tendierten. Trotzdem verlagert dies, zusammen mit dem restlichen Aufbau, die Aufmerksamkeit des Lesers ein wenig zu sehr auf Oscar Wilde – das spricht natürlich für das Einfühlungsvermögen des Autors beim Wesen seiner Charaktere. Wilde hätte immer mehr Aufmerksamkeit erreicht als Hamsun. Dennoch ist es fast ein bisschen unfair, dass Wilde so Großes zu bieten hat, und Hamsun nur so Karges. Daraus entspinnt sich mehr eine einseitige Bedeutsamkeit, als eine schöne Spannung.

Es bleibt die Frage, warum sie nebeneinander gestellt wurden. Soll hier, im Vergleich dieser beiden großen Köpfe, auch eine größere Darstellung gemacht, eine tiefere Konfrontation abgebildet werden? Zwischen einem Menschen, dessen Leben Kunst war und einem Menschen, der alles für die Kunst tun wollte, dessen Leben aber nie Kunst wurde? Im Nachdenken über den Roman ergeben sich einige Aspekte, die in dem Neben/Gegeneinander von Wilde und Hamsun interessant hervortreten; aber vieles davon erscheint fast zu sehr vom spekulativen Akt hervorgebracht und nicht im Text verankert, nicht intendiert zu sein.

Nach Amerika enden die Überschneidungen, es gibt noch ein-zwei ganz profane Parallelen – bis zum Ende, wo beide dann fallen, beide ihrer Neigungen wegen geächtet und verurteilt werden: bei Wilde ist es ein Liebesverhältnis mit einem schönen jungen Mann, bei Hamsun die Nähe zum Verbrecherregime der Nazis. So unterschiedlich sie auch sind, Porzellan und Metall, am Ende sind sie zerbrochen und verbogen.

Stilistisch ist das Buch ein wenig durchwachsen, oft sehr flott und gut geschrieben, stellenweise dann wieder etwas gezwungen. Manchmal fallen zu genau fixierte, zu breite Beschreibungen auf; andere Wendungen werden übertrieben oft verwendet. Bei all seiner Unterhaltsamkeit und guten Komposition -was man ihm beides nicht absprechen kann und was ihn sehr lesenswert macht – ist der Roman auch etwas zu oberflächlich geraten. Es saust alles ein bisschen vorbei, selten bemerkt man eine Tiefe, die über die Situation, die Schilderung hinausweist. Für Wildes Niedergang lässt Engels sich Zeit und gut gewagt und sehr gelungen sind seine Introspektiven von Hamsun, mit das Beste im ganzen Werk. Manchmal gefällt sich das Buch dann wieder zu sehr in von Quellen belegten Anekdoten und dankbaren Aufhängern – kein großer Kritikpunkt, der aber das Buch stellenweise verwässert und zu glatt werden lässt für einen Roman.

Wieso sind die Herren wundersam? Der Titel ist letztlich das Schlechteste an dem Werk: viel zu heischend (mit zwei ebensolchen Adjektiven), umständlich und eher die sporadisch-anekdotische Seite des Buches einfangend und nicht seine Glanzleistungen. Aber Gott sei Dank hat Engels seine Figuren eben nicht wundersam, sondern dezent-authentisch und mit einem feinen Gefühl für die Facetten, in denen sie sich am besten spiegeln, auftreten lassen. Er gibt Wilde sein Verhängnis und Hamsun sein Alleinsein und um diese Pole kreist ihr Leben, schimmernd und scheinend, bis es hineinstürzt.

Es bleiben Schmökergeist und Wissen, jedoch ein bisschen zu wenig Faszination, die meist unaufgeblüht im Wind des Erzählens schwingt. Sie ist vorhanden, als eine Ahnung hinter Wort und Eindruck, die sich zwischen den Seiten wenden ließ, aber nie ganz greifen. Bei Wilde breitet sich das Wesen aus, wirft sich in Schale; bei Hamsun liegt es im tiefen Blick, den er uns aus den Sätzen entgegenwirft. Zwischen diesen beiden Welten liegen Räume der Literatur, der Existenz, der Überzeugung. Und auch diese Räume kann man, neben vielen anderen, von Matthias Engels neuem Roman gut erreichen – doch sie liegen manches Mal noch etwas zu weit abseits der Wege, die ein Roman für uns, zum Schlendern, Wandern, Laufen, auftut und bestimmt.