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Ein offener Brief an Herrn Gauland


Zitat Alexander Gauland: “haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.” (In einer Rede am 02.09.2017, Videolink)

Lieber Herr Gauland,

da Sie so dreist sind, kurz vor der Wahl (und überhaupt!) solche Aussagen zu tätigen, wird es Sie sicher nicht stören, wenn ich kurz dazu Stellung beziehe.

Sie verweisen in Ihrer Rede darauf, dass ja auch die Briten und die Franzosen stolz auf ihre Anführer, ihre Soldaten seien – warum also nicht wir Deutschen!? Vergessen wir einmal ganz kurz (obwohl Sie es anscheinend wirklich vergessen haben oder komplett vergessen wollen), dass viele Soldaten der deutschen Wehrmacht an zahlreichen Massenerschießungen und anderen Kriegsgräueln beteiligt waren und einem Regime gefolgt sind, welches grundlos Nachbarländer überfallen, besetzt und teilweise auch ausgeplündert hat – das allein sollte schon ausreichen, ein Wort wie Stolz erst gar nicht in den Mund zu nehmen; vor allem im Nachhinein.

Niemand, der auch nur einen Funken Verstand hat, ist stolz darauf zu töten – wahrscheinlich verdienen manche Soldaten unser Mitleid und unseren Beistand, weil sie Dinge erleben mussten, denen sie psychisch nicht gewachsen waren. Aber worauf sollte jemand stolz sein, der andere Menschen über den Haufen schießt? Was hat er vollbracht? Im besten [sic!] Fall war er gezwungen, so zu handeln (oder glaubte es, denn auch darüber lässt sich streiten).

Es soll hier nicht unter den Tisch gekehrt werden, dass die Verbrechen, die britische Soldaten z.B. in Teilen Afrikas oder die französischen Soldaten z.B. in Algerien begangen haben, ebenfalls abscheulich waren. Aber wenn die französische oder britische Bevölkerung/Nation auf diese Momente ihrer Geschichte stolz ist, ist das kein Grund, zu sagen: dann dürfen wir ja auch! Dann ist es viel, viel wichtiger zu sagen: ich falle auf diese Glorifizierung nicht mehr herein. Für mich gibt es nichts, was an den brutalen Episoden der Vergangenheit herrlich ist oder ein Gefühl wie „Stolz“ rechtfertigen kann.

Wie viele andere Menschen haben Sie, Herr Gauland, anscheinend die Zäsuren nicht begriffen, die Ausschwitz, die Gulags und die zwei Weltkriege (und Vietnam etc.) darstellen. Es hat sich ein Bewusstsein entwickelt, dahingehend, dass Krieg im Zeitalter unserer technischen Mittel endgültig ein Wahnsinn geworden ist, der auf jeden Fall und zu jederzeit verhindert werden muss. Und das Soldat*innen, die sich an Angriffskriegen beteiligen (müssen), keine Helden*innen sind (und es, rückblickend betrachtet, nie waren), sondern Schlachtvieh oder Mörder*innen – eine andere Möglichkeit gibt es nicht. (Man könnte höchstens darüber diskutieren, inwiefern Krisensicherungen und Friedenprozesse durch Militärpräsenz unterstützt werden können, etc.). Es geht mir nicht darum, irgendeinen Soldaten oder eine Soldatin zu verurteilen – es geht um die Realität, an der Sie sich offenbar vorbeiflüchten wollen in einen sinnlosen Kampf um die Deutung der Vergangenheit, die bitte schön anders in die Gegenwart hineinstrahlen soll. Eine solche Umdeutung würde an den gegenwärtigen Gegebenheiten derweil auch nichts ändern, da muss ich Sie enttäuschen.

Ich betrachte die heutige, aufgeklärte Position gegenüber der deutschen Vergangenheit (auch gegenüber den Taten der deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg) nicht als Stillstand oder Rückentwicklung, sondern als Evolution. Als einen Schritt hin zu einer Welt, in der wir vor jedem bewaffneten Konflikt zurückschrecken, weil wir wissen, welch grauenhafte Dynamiken und Auswüchse er mit sich bringt; kein menschliches Wesen, das aktiv an einem Krieg teilnimmt, hat irgendetwas davon. Die Protagonist*innen von Kriegen zu verherrlichen, führt weg von der zukunftsweisenden Idee, das Krieg keine Option mehr sein darf.

Sie sagen, wir müssten mit unser falschen Vergangenheit aufräumen – nein, das Gegenteil ist der Fall: die deutschen Nachkriegsgenerationen haben ihre Vergangenheit angenommen (und es hat lange gedauert) und das ist wichtig – die Franzosen und die Briten sollten dies im Übrigen auch tun, mit klarem Blick auf die Verbrechen, die im Namen ihrer Nationen verübt wurden. Womit ich nicht sagen will, dass die deutsche Gesellschaft weiter oder besser ist. Was ich meine: es ist wichtig, sogar unabdinglich, dass wir die Vergangenheit weiterhin in dem Licht sehen, das Sie so unbedingt verrücken möchten. Denn dieses Licht weist einen Weg (wenn auch noch lange nicht den besten oder klarsten) in ein weniger konfliktorientiertes, demütigeres Miteinander.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sind Sie stolz darauf, dass junge Menschen ausgeschickt wurden, um zu töten. Dann sage ich Ihnen: ich werde mich nicht von einem alten Idioten wie Ihnen irgendwo hinschicken lassen und zusehen, wie Sie die mühsame Aufarbeitungsarbeit von Friedensaktivist*innen zerstören. Und ich hoffe, dass viele Leute vor der Wahl noch begreifen, dass jemand, der ernsthaft propagiert, dass man auf Leute, die zum Töten entsandt wurden, stolz sein soll, nicht für irgendetwas steht, dass man im 21. Jahrhundert – in dem genug schwere Aufgaben auf uns zukommen (Klimawandel, Digitalisierung, neue Definition der Arbeit, Kolonialismus-Aufarbeitung, Globalisierte Gesellschaften) – noch vertreten kann.

Wenn Sie unbedingt auf jemanden stolz sein wollen, dann seien Sie es auf die Menschen, die in Deutschland jeden Tag für kleine Löhne alte Menschen betreuen, auf Kinder aufpassen oder diese unterrichten, die Integrationsprogramme leiten oder sich ehrenamtlich für Kultur, für Minderheiten und Bildung und gegen Hass und Diskriminierung engagieren (etc.); auf die Migrant*innen, die unser Wirtschaftswunder mit ermöglicht haben und lange wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden (und es teilweise noch werden) und die trotzdem geblieben sind; seien Sie stolz auf die freiwilligen Helfer*innen, die in den Geflüchteten-Unterkünften helfen; seien Sie, meinetwegen, stolz auf die Soldat*innen, die von der UNO auf Friedenmissionen geschickt werden (wobei auch darüber äußerst kritisch zu reden wäre, da auch diese Einsätze viele Übergriffe und viel Gewalt mit sich brachten). Ob Soldat*in sein eine Sache ist, für die man sich irgendwie rechtfertigen muss, ist etwas, das zu diskutieren wäre und vieles mehr zu diesem Thema wäre zu erörtern.

Aber eins weiß ich: stolz zu sein auf irgendetwas, das Soldaten an Kriegshandlungen je auf diesem Planteten begangen haben, zeugt von Narrheit, Dummheit, Stumpfsinn. Und wenn Ihre Partei dafür steht, mit Ihnen als Spitzenkandidat, dann, entschuldigen Sie vielmals, halte ich sie für unwählbar. Bedenken Sie vielleicht, was Heinrich Heine – den Sie (wiederum dreist) in Ihrer Rede erwähnen, ohne sich anscheinend je mit seiner zwiespältigen Position zur deutschen Kultur auseinandergesetzt zu haben – sagte, hier leicht abgewandelt wiedergegeben: „Eine Kultur, die sich auf Kriege und Gewalt beruft, wie kann sie je etwas anderes hervorbringen als Krieg und Gewalt.“

Sie haben es soweit gebracht mit Ihrer Partei, Herr Gauland, dass man Ihnen zurufen kann, was Thomas Mann an den Dekan der Universität Bonn – und das Naziregime, das ihn protegierte – schrieb (Link): “Deutschland, soll ich beschimpft haben, indem ich mich gegen sie bekannte! Sie haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln! Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volke das Letzte daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden.” Ich dachte, dieser Tag sei längst gekommen und hoffentlich ist er nicht mehr fern.

 

Don Paterson und sein Band “Weiß wie der Mond”


“Gedichte übersetzen das Schweigen und finden Worte, wofür es keine Worte gibt. Sie füllen Lücken mit… Liedern, die wir eigentlich nicht hören dürfen.”
Don Paterson

“Remember, brother soul, that day spent cleaving,
nothing from nothing, like a thrown knife?
Then there was no arriving and no leaving,
just a dream of a disintricated life –
crucified and free, the still man moving,
the balancing his work, the wind his wife.”
(Aus: Schlittschuhlaufen auf Loch Ogil)

Ausgerechnet der vielleicht größte amerikanische Dichter unserer Zeit, Charles Simic, sagte über dieses Buch: “Wenn sie mich fragen, ob große Gedichte überhaupt noch geschrieben werden, dann müssen sie nur die Gedichte von Don Paterson lesen.”
Denn eine so vielgestaltige und vielschichtige, in gleichen Teilen klassische, antagonistische und moderne Dichtung, die sich wegen ihrer Bandbreite allein schon dem Begriff der Größe nähert, gibt es in diesen Zeiten selten – eine Dichtung, die Wahrheit nicht zwanghaft mit Schönheit verbindet (aber sie doch oft zusammenbringt und wieder auseinandersprengt), nicht Reim mit Gesang, sondern ganz eigen und auf virtuose Weise radikal, stets ihren eigenen Diktionen folgt.

“Die Gegenwart ist eine Scheibe,
an die ihr die Stirn lehnt, wobei ihr heimlich
das Wörtchen >jetzt< schreit. Vielleicht
ist die Gegenwart eine Zimmerwand,
durch die ihr die Geister stoßt, die ihr sofort
wieder zu euch zurückholt. Die Gegenwart
ist eine Wand, vor der ihr zwischen Nichts
und Etwas patrouilliert. Sie hält nicht dicht.
Die Gegenwart ist eine Wand, die sich
vor euch aufbaut, während ihr euch bemüht,
sie zu erklimmen, bis ihr abrutscht und stürzt.
[…]
There is no wall. Pick your bed. Walk through it.
Last chance friend. So do it or don’t do it.”

Verse der Analyse, des Bohrenden und Offenbarenden, in endlosen Gedichtverquerungen, wird man hier finden, genauso wie kleine, sich in Reimen die Hände reichende Lyrik. Paterson wendet die Metapher und sogar die Metaphorik als ganzes Gedicht an, aber weiß auch in ganz einfachen Worten das Orchester der Welt einen Bogenstrich lang auf einen einzelnen Ton zu minimieren.

“Stehe ich zwischen der Sonne selbst,
gesegnete Mutter, und dem, was sie erhellt,
dann verwandele mich in Glas.”

Ein solches, immer wieder seine Ausrichtungen änderndes Werk, ist natürlich kein homogenes Lesevergnügen. Es sind z.B. auch zwei Rilke-Übersetzungen enthalten, die ich ziemlich schlecht finde und auch das sehr lange, in seinen scheinbar erderschütternden Parabeln des Worte-auf-den-Kopfstellens und -ausschüttens gefangene Gedicht-Black-Box, welches sicherlich Hochphilosophisches enthält, mir war es eher ein Gräuel. Aber was man eben anerkennen muss ist, dass Paterson einfach dichten/schreiben kann und das dabei immer auch etwas Tiefes zustande kommt, etwas Magisches.

Don Paterson ist ein starker Dichter, der sowohl Moll als auch Dur, sowohl Angriff als auch Beobachtung beherrscht. Dieses kleine Büchlein wird, denke ich, für jeden eine andere Erfahrung sein; es ist ein Kaleidoskop von “Weiß wie der Mond” bis zu “black box”, darin viele Stufen von hell und dunkel, Kontraste einer Welterfahrung, fein definiert. Aber jeder wird von seiner Position aus ein paar für ihn vortreffliche Verse entdecken, denn hier wurde nichts ausgespart, vom Prosagedicht bis zur lyrischen Einfassung.

“Was ich euch nun überbringe,
ist das Geheimnis der Bruderschaft der Dinge,
und nur der Dinge, die es lang schon bewahren.”

“Kein Sänger von Nacht- und Tageszeit
ist glücklicher als ich,
denn mein Schallraum ist die Dunkelheit,
mein Vortragssaal das Licht.”