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Zu “Skandalös” von Christina de Stefano


Skandalös Unter „Skandalös“ darf man sich keine zusammenhängende Erzählung über außergewöhnliche Frauen im 20. Jahrhundert vorstellen. Vielmehr enthält dieser Band zwanzig sechs- bis achtseitige Portraits, in denen die Leben von Künstlerinnen, Schauspielerinnen und anderen Frauen-Persönlichkeiten des frühen bis mittleren 20. Jahrhunderts knapp und rasant geschildert werden.

Verbinden tut diese Frauen, dass sie sich zumeist den gängigen Vorstellungen ihrer Zeit und ihres Umfelds widersetzten, herausragende (und oftmals im Nachhinein viel zu wenig gewürdigte/bekannte) Leistungen in ihren Betätigungsfeldern vollbrachten und nicht selten mit ihrem exzentrischen Verhalten in die Geschichte eingingen – auf die Beschreibung der Vorlieben und exzentrischen Züge legt De Stefano bei den meisten ihrer Portraits besonderen Wert, wohl auch, um den Untertitel zu rechtfertigen.

Die Portraits bekommen dadurch (und durch ein manchmal etwas ausuferndes Name-dropping) etwas sehr Anekdotisches, was zwar Bewunderung und Staunen hervorruft, auch Begeisterung, aber hier und da ein bisschen zu wenig Raum für die inneren Züge der jeweiligen Persönlichkeiten lässt, die zwar gut umrissen werden, teilweise auch gekonnt, aber manchmal auf einen Konflikt, ein Problem heruntergebrochen werden, was ein bisschen nach mustergültiger Tragik schmeckt.

Dennoch: es sind durchweg spannende Persönlichkeiten, die geschildert werden. Natürlich kannte ich die weitgereiste, frühverstorbene Autorin Annemarie Schwarzenbach, die Romane von Marguerite Duras, die einzigartige Geschichte von Nina Simone, die unnachahmlich-unterschätze Clarice Lispector, die tragische Geschichte von Else Lasker-Schüler, aber viele der anderen Namen und Biografien waren mir fast oder gänzlich unbekannt.

Gleich zu Anfang geht es um Mina Loy, eine besonders provokante Dichterin, dann um Lydia Cabrera, die unermüdlich die Religionen und Riten der Afroamerikaner*innen erforschte, Niki de Saint Phalle, die bekannt wird, weil sie auf ihre eigenen Gemälde mit einem Gewehr schießt und später mit ihren Nanas berühmt wird, Toto Koopman, exotische Schönheit & Model, aber auch Kriegsgefangene, Galeristin, Kunstsammlerin, dann die permanent ihre Persönlichkeiten wechselnde Claude Cahun, Fotographie-Pionierin, die im zweiten Weltkrieg mit ihrer Geliebten die deutschen Besatzer auf Jersey narrte, die schlagfertige Tallulah Bankhead, Theaterkoryphäe, bekannt für ihre Sprüche, ihre Drogen und ihre vielen Liebhaber*innen, die Autorin Pearl S. Buck, Nobelpreis- und Pulitzer-Preis-Trägerin, China-Kennerin und Amerikahasserin, fast vergessen, Nahui Ollin, die sich selbst zur Kunstfigur stilisierte und immer jeder Emotion nachgab, gleichzeitig malte und dichtete, Grace Metalious, Autorin des Skandalromans und Mega-Bestsellers „Die Leute von Peyton-Place“, Louise Bourgeois, die auf dem Gebiet der Kunst-Installation Vorreiterin war und in ihrem Werk weibliche und männliche Geschlechtlichkeit verschmolz, Albertine Sarrazin, eine Art weibliches Pendant zu Jean Genet, Tove Jansson, Schöpferin der Mumins, Jean Rhys, die ein Leben lang ihrer ersten Liebe nachtrauert, Violet Trefusis, Geliebte von Vita Sackville-West und Vorbild für Virginia Woolfs Orlando und Elsa von Freytag-Loringhoven, die viele Kunstformen und Moden lange vor ihrer Etablierung prägte.

„Skandalös“ ist zwar kein revolutionäres Werk, aber doch eine lohnende und dennoch angenehm kurzweilige Lektüre, die viel Bemerkenswertes bereithält und oft zur weitergehenden Auseinandersetzung mit der ein oder anderen „freien“ Frau anregt.

Zu “Stark und leise” von Ursula Krechel


Stark und leise Essays, Portraits, Studien, Untersuchungen, Empfehlungen? Es ist schwer die Texte in „Stark und leise“ einem Genre zuzuordnen. Manche entstanden, so geben die Nachweise hinten im Buch Aufschluss, auf der Grundlage von Zeitungsartikeln oder Anthologie-Beiträgen, aber es sind teilweise auch Reden und Vorträge oder auch Texte, die in Kombination oder in Verweis auf andere Kunstprojekte entstanden sind. Sie in diesem Band unter dem Titel „Pionierinnen“ zu vereinen ist einerseits zwar nicht aus der Luft gegriffen, geht aber andererseits nicht zur Gänze auf, dafür bemerkt man nur allzu gut, dass die Texte unterschiedliche Gewichtungen haben und sich mit unterschiedlichen Aspekten beschäftigen.

Unterteilt sind die Texte in drei größere Abschnitte. Im ersten finden sich die vormodernen (nicht auf ihren Charakter oder ihr Werk bezogen, sondern lediglich historisch gemeint) Gestalten, namentlich Christine de Pizan, Anna Louisa Karsch, Karoline von Günderrode, Bettina (und Achim) von Arnim und Annette von Droste-Hülshoff. Im zweiten Frauen aus der frühen Moderne, namentlich Vicki Baum, Emmy Ball-Hennings, Hannah Höch, Charlotte Wolff, Elisabeth Langgässer, Ruth Landshoff-Yorck, Irene Brin, Irmgard Keun u.a., die erwähnt, am Rande gestreift werden, wie etwa Annemarie Schwarzenbach. Im letzten Abschnitt geht es um Ingeborg Bachmann, Elisabeth Borchers, Christa Reinig, Friederike Mayröcker und Elke Erb.

Man merkt, dass sobald Krechel sich mit einer dieser Personen beschäftigte, sie schnell eine große Vertrautheit gegenüber ihrer Geschichte, ihrem Narrative entwickelte, zumindest lassen die Texte immer wieder diese Art von Vertrautheit oder auch Nähe hervorblitzen. Manchmal scheint sie sogar zu vergessen, dass andere nicht so versiert im Thema und nah dran am Stoff sind, was zumindest mich als Lesenden manchmal etwas außen vor ließ. Dennoch macht gerade diese Neigung die Texte auch lesenswert. Krechel seziert nicht einfach nur Lebensläufe und Geschichte, sie gibt anschauliche und seltene Einsichten, lässt vieles an Werk und Leben lebendig werden.

Auch wenn die Texte sehr unterschiedliche Qualitäten haben, verlässt man wohl kaum einen von ihnen ohne Gewinn. Ein vielschichtiges Buch also, in dem man manchen Text vielleicht überspringen kann, dafür von anderen unverhofft und schnell gefesselt wird.

Zu “Orientreisen” von Annemarie Schwarzenbach


Annemarie Schwarzenbach Die Griechen haben das Wort erfunden, schwer und volltönend wie eine farbige Abendstunde vor dem Erlöschen: Melancholie. Der Balkan war voll davon – nur eine Ahnung ließ uns die flüchtige Durchfahrt von Ländern, Grenzen, Gebirgen und Hauptstädten – aber welche unerlöste Folge von Stunden, welch langsamer Abend, welches Einschlafen unter dem Druck dieser grauen Berge und bräunlicher Ebenen.

Annemarie Schwarzenbach ist eine Schriftstellerin, die es wiederzuentdecken gilt. Nicht nur ihre Erzählungen wie bspw. „Eine Frau zu sehen“ oder ihre lyrische Novelle, sondern auch ihre Reiseberichte 1939/1940 aus Turkmenistan, der Türkei, Iran und Irak sind heute immer noch lesenswert. Mit überbordender Behutsamkeit beschreibt die frühverstorbene Kosmopolitin Landschaft, Leute und Atmosphären einer Welt, vor der für die meisten Leute heute der Schleier von Krieg und Terror hängt, die aber mit einer großen Schönheit und einer unermesslichen Fülle an Kulturgut gesegnet war und ist.

Einige der Texte sind vor Ort und während der Reise verfasst, andere in den USA, im Rückblick. Nach 1940 sollte Annemarie Schwarzenbach zwar noch nach Afrika, aber nie mehr in den Orient fahren.

Könnte ich doch den Hergang und Fortgang dieser nun beendeten Reise erzählen! Mit allen überstandenen Prüfungen, Gefahren, Magien. Unvergeßlichkeiten, – und noch einmal in der sanft geschwungenen Buch von Bandra liegen, die Augen ausruhen lassen im Pastell von Himmel und Meer, dem versinkenden Horizont.

Es liegt etwas Haltloses in ihrer stürmischen, aber keineswegs manieristischen Prosa; das Narrativ bleibt immer die Sehnsucht, egal ob sie gerade erfüllt wird oder nicht mehr erfüllt werden kann oder sich gerade aufbaut, türmt in der Erwartung.

Da die Texte vor Ort sich mit den Rückblicken immer ein bisschen abwechseln, wirkt der Verlauf wie ein gut inszenierter Film auf zwei Ebenen: Annemarie Schwarzenbach im Orient, Annemarie Schwarzenbach in den USA. Zweimal dieselbe Person, aber mit ganz anderen Umgebungen, die sich deutlich in ihrer Wahrnehmung und Verfassung niederschlagen.

Die Berichte (den Berichte sind es eher als Reportagen), sind sehr angenehm zu lesen und man lässt sich leicht von dem Zauber des zu Entdeckenden und von dem Nimbus der Freiheit darin anstecken. Ein schönes Buch, mit dem der Verlag ebersbach & simon (nach dem wunderbaren Buch Fast eine Liebe über Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach und zahlreichen anderen) mal wieder beweist, wie nachhaltig und qualitativ hochwertig er sich für die weibliche Literatur einsetzt!

“Fast eine Liebe” von Alexandra Lavizzari, über Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach


fast-eine-liebe  Zwei Wunderkinder und zwei Welten. Anhand des biographischen Werks von Alexandra Lavizzari – das weniger eine Liebesgeschichte erzählt, sondern vielmehr eine Odyssee des Scheiterns und Hoffens in den Lebensgeschichten zweier Menschen, die in einer Begegnung miteinander dem am nächsten kommen, was man eine Erfüllung dieser Wünsche nennen könnte – könnte man breite Überlegungen anstellen über die Idee des Genies und die Beschaffenheit literarischer Zirkel. Aber es geht ja um die Geschichte einer Liebe (und eben nicht um eine Liebesgeschichte), um das Wenige, was zwei (nun zufällig berühmt-berüchtigte) Personen miteinander teilten.

Und das war nicht viel, woraus die Autorin (im Gegensatz zum Klappentext) keinen Hehl macht und das Buch, ganz unironisch und unschwärmerisch, „Fast eine Liebe“ nannte. Ein stimmiger Titel, wenn man glaubt und berücksichtigt, dass er nicht heischen, sondern von vorneherein einen klaren Rahmen setzen will. Diese Liebe, wie die Autorin sie darstellt, war etwas sehr Wirkliches und gleichzeitig etwas nicht wirklich Stattfindendes. Man könnte jetzt lange darüber reden was denn „eine Liebe“ ist. Beginnt eine Liebe erst da wo man physischen Kontakt aufnimmt oder auf der geistigen Ebene, bei gegenseitiger, tiefer Sympathie, ein dauernder Austausch stattfindet? Kann man sagen, wann und wo eine Liebe beginnt oder endet? Gerade diese Dimension ist vielleicht die interessanteste im ganzen Buch: Die Art, wie Liebe in unserem Leben immer wieder andere Vorstellungen an sich reißt, aber alte Vorstellungen deswegen nicht verlässt und sich plötzlich zwischen allen Dinge bewegt, aber auch dazwischen verschwindet, Nähebeweis und doch unantastbar.

Klar ist jedenfalls, dass die Liebe in diesem Buch Anlass und Zentrum zugleich ist. Sie ist Anlass, um über die beiden Protagonistinnen zu schreiben, über Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers, ihr Schreiben, ihr Leben, ihr Schicksal. Vor allem ersteres und letzteres, die, zusammen, mittleres zu jeder Zeit bedingt haben. Beiden waren mehr oder minder seit der Kindheit dazu verdammt, sich immer wieder mit existenzdeterminierenden Bedingungen auseinanderzusetzen, seien es bei Annemarie das reiche, konservative Elternhaus und die jungenhafte Erscheinung, oder bei Carson McCullers die nie richtig behandelte Krankheit, die sie frühzeitig kränklich und anfällig machte. Für beide war ein wichtiger Ausweg das Schreiben, aber – und hier kommen wir zum Zentrum – sie waren beide auch auf der Suche nach einer weiteren Möglichkeit von Heimat, einem Gegenüber, einer Art von Verständnis, nach einer Liebe, die eine bessere Form der Existenz verspricht.

Eine Suche, die vielleicht ihr Ende hätte finden können, wenn zwischen ihnen beiden etwas möglich gewesen wäre. Woran es scheitert (wenn man überhaupt von einem Scheitern sprechen kann, wie schrieb Hans-Ulrich Treichel: „Wir sollten es dabei belassen/ ein Hauch ist fast wie ein Kuss./ Sich lieben heißt auch sich verpassen.“) will ich gar nicht vorwegnehmen. Stark ist, wie es der Autorin gelingt, den Leser in die Lebensgeschichten der beiden Autorinnen hineinzuziehen. Es gibt ein paar zu viele Wiederholungen, aber alles in allem gelingt es Alexandra Lavizzari, eine sehr dichte Geschichte aus dem rar gesäten Material zu weben.

Zwei Autorinnen sind dies, die man unbedingt wieder lesen sollte (im Fall von Annemarie Schwarzenbach sogar: überhaupt einmal lesen sollte). Carson McCullers gehört in meinem Empfinden nach wie vor zu den großen Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts und wir verdanken ihr einige der sensibelsten zwischenmenschlichen Szenen und Schilderungen überhaupt.

Das letzte Wort lasse ich dennoch Annemarie Schwarzenbach und dem Auszug eines Briefs, den sie an Carson schrieb:

„Carson, erinnere Dich an die Momente, da wir uns verstanden, und daran, wie sehr ich Dich geliebt habe. Vergiss nicht die ungeheure Verpflichtung auf die Arbeit, lass Dich nie verführen, schreibe, und, Liebes, pass auf Dich auf, wie auch ich es tun werde und bitte, vergiss nie, was uns zutiefst berührt hat.“