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Zu “Dichter und Denker der Antike und ihre bedeutendsten Werke”


Dichter und Denker der Antike Es mutet natürlich kühn an, die wichtigsten Werke der Dichter und Denker der Antike in einem Band mit gerade einmal 700 Seiten vorstellen zu wollen. Diese Edition von Erich Ackermann kann sich allerdings durchaus sehen lassen und es ist ein bisschen ärgerlich, dass gerade in einem solch guten Kompendium/Lesebuch ein vernünftiges Stichwortverzeichnis fehlt.

Aber der Reihe nach. Das Buch beginnt mit einem kurzen, sehr übersichtlichen Vorwort und die folgende Werkschau ist in zwei Teile unterteilt: Griechenland und Rom. Griechenland wiederum ist unterteilt in: Das Epos, Asöp und die Fabel, Frühe griech. Lyrik, Griechische Philosophie, Drama (Tragödie und Komödie), Die Geschichtsschreibung, Rhetorik, Hellenistische Philosophen und hellenistische Dichtung.

Der Abschnitt des Epos widmet sich Homer und seine beiden Epen, sowie den Werken Hesiods. Es werden (wie auch in den folgenden Kapiteln) Ausschnitte aus den (rechtfreien Übersetzungen der) Werke zitiert, jeweils versehen mit kurzen Einleitungen, die die zitierten Stellen im Kontext der Geschichte verorten. Bei der Ilias werden bspw. u.a. die Klage des Achills gegenüber seiner Mutter und die Beschreibung von Achills Schleifen von Hektors Leiche vorgestellt.

Fabelfreunde kommen auf ihre Kosten, da rund zwanzig Texte zitiert werden. Bei den frühen griech. Lyriker*innen gibt es Texte von: Archilochos, Alkman, Sappho, Alkaios, Solon, Simonides, Ibykos, Theognis, Anakreon und Anakrontea, Bakchylides, Pindar, was eine maßgebliche Auswahl darstellt, obgleich von den meisten nur Fragmente und/oder sehr wenige Texte überliefert sind.

Bei der Philosophie sind neben den drei großen – Sokrates (wobei dieser nichts Schriftliches hinterließ), Platon (u.a. Höhlengleichnis) und Aristoteles (u.a. Ursprung und Wesen des Staates) – auch die Vorsokratiker (Texte von Anaximander, Xenophanes, Empedokles, Heraklit, Parmenides und Demokrit, nebst Erwähnungen von Thales, Pythagoras, Anaximenes und Leukipp) und die Sophisten (zitiert nur indirekt durch Platon) vertreten.

Das Drama-Kapitel besteht aus Texten von Aischylos, Sophokles und Euripides (Tragödie), sowie Aristophanes (Komödie), mit Ausschnitten aus den Stücken „Agamemnon“ und „Choephoren“ (Aischylos), „Antigone“ (Sophokles), „Medea“ (Euripides) und „Lysistrate“ (Aristophanes). Bei der Geschichtsschreibung wird aus den Werken von Herodot, Thukydides und Xenophon zitiert, außerdem ist der Eid des Hippokrates vertreten. Bei der Rhetorik sind es Demosthenes und Isokrates. Die hellenistischen Philosophien werden indirekt durch Cicero beleuchtet. Bei den hellenistischen Dichtungen gibt es Ausschnitte aus den Werken des Kallimachos und des Theokrit.

Der Abschnitt Rom eröffnet – nach einer sehr kurzen Einführung den Übergang vom Hellenismus zur römischen Kulturdominanz betreffend – mit Sallust als Vertreter der frühen römischen Geschichtsschreibung und Lukrez mit Ausschnitten aus „De rerum natura/Über die Natur der Dinge“. Danach folgen Cäsar („De bello gallico“) und Cicero (sowohl Schriften als Philosoph als auch als Redner), denen beiden viel Platz eingeräumt wird.

Danach folgt Catull und im Anschluss eine Auswahl der Vertreter der augusteischen Dichtung, namentlich Vergil (vertreten mit Ausschnitten aus „Bucolica“, „Georgica“ und „Aeneis“), Horaz (Epoden und Oden) und Ovid („Metamorphosen“ und „Amoris), nebst einem besonderen Abschnitt über die Liebeselegie, wodurch noch Texte von Tibull und Properz hinzukommen.

Den Abschluss bilden Texte von Livius und Tacitus (kaiserliche Geschichtsschreibung) und Seneca, Epiktet und Marc Aurel als Vertreter der Stoa in der Kaiserzeit, sowie Briefe von Plinius dem Jüngeren. Dann folgt noch eine Art Epilog über Augustinus.

Es fehlen:

Der Abschnitt über Griechenland kann durchaus eine gewisse Vollständigkeit für sich beanspruchen, zumindest was die Namen und deren wichtigste Werke angeht. Der Teil über Rom ist allerdings unvollständig, vor allem was das römische Drama (Plautus und Terenz) und die Lyrik (als wichtigster fehlt hier Martial) angeht.

Dennoch ist dieses Kompendium empfehlenswert, der größte Makel bleibt das fehlende Stichwortverzeichnis oder zumindest ein genaueres Inhaltsverzeichnis, in dem man nicht nur die Autoren, sondern auch Werke und zitierte Passagen auf einen Blick finden kann. Wer mit diesem Makel leben kann, der bekommt hier ein schönes Lesebuch, mit dem man einen umfassenden Eindruck von den unterschiedlichsten Werken der Antike erhalten kann.

 

Zu Michael Zeuskes Werk über “Sklaverei” als Phänomen und Fakt


Sklaverei „Sklaverei bedeutet Gewalt von Menschen über den Körper anderer Menschen, es bedeutet in den allermeisten Fällen körperlichen Zwang zu schwersten und schmutzigsten Arbeiten oder zu Dienstleistungen sowie Mobilitätsbeschränkung. Dazu kommen alle Formen und Folgen von Statusdegradierung“

Begegnet man dem Wort Sklaverei, fallen den meisten Menschen wohl zunächst zwei Standorte der Geschichte ein: die klassischen antiken Staaten (Ägypten, Griechenland, Rom) und der europäische Kolonial- und Imperialismus. Natürlich hatten auch die Inkas und Azteken, die Mongolen, die Araber und die Perser Sklaven. Aber wenn man von historisch von Sklaverei redet, wird zumeist davon ausgegangen, dass die Verschleppung und Ausbeutung der afrikanischen Bevölkerung (vor allem in den USA und den Inseln der Karibik) gemeint ist – oder eben ein Aspekt des antiken römisch-griechischen Staats- und Ständewesens.

Dieser historische Fokus könnte leicht darüber hinwegtäuschen, dass Sklaverei kein begrenztes und an bestimmte historische Perioden und System geknüpftes, sondern ein allgemeines Phänomen ist. Allein wenn man sich Zeuskes Ansatz einer Definition (siehe Zitat oben) ansieht, fallen einem hoffentlich zahlreiche Beispiele ein, die zumeist nicht mit dem Begriff Sklaverei zusammengebracht werden: Zwangsheirat, Marginalisierung & Stigmatisierung. Das alles sind (bspw.) Wege in und Formen von Sklaverei.

Der große Verdienst dieses Buches, das manchmal etwas umständlich formuliert ist (wobei das natürlich Gründe hat, die mit Seriosität und Umsicht zu tun haben – ich will Herrn Zeuske keinen schlechten Stil unterstellen), ist dann auch die Tatsache, dass es Sklaverei als allgegenwärtiges Phänomen, historisch und aktuell, begreift und darstellt.

Dabei wirft es einen Blick weit zurück, in die Anfänge der menschlichen Sozialsysteme noch vor dem Auftreten erster großer »Zivilisationen« und ebenso Blicke in die Realitäten vieler unterschiedlichster Ausprägungen von Sklaverei und Versklavung, bekanntere und unbekanntere. Zeuske arbeitet viel mit Zahlen, seine Stärke sind aber vor allem die umfassend-knappe, präzise Darstellung von Entwicklungen und die Vielfalt seiner Beispiele.

Kurzum: ein wichtiges Buch, das letztlich brandaktuell ist. Noch immer ist Sklaverei ein großes Thema; es hat nie aufgehört eines zu sein. Europas Reichtum der letzten Jahrzehnte stützt sich auf Arbeits- und Lohnumstände in vielen anderen Erdteilen, die nur durch spitzfinge Definitionsheuchelei von dem Wort Sklaverei getrennt sind. Und selbst in Europa wird Arbeit derzeit stark entwertet. Wo beginnt Sklaverei – nicht schon dort, wo man keine Wahl hat, obgleich man nicht direkt in Ketten liegt? Wo man niederste Tätigkeiten ausführen muss, weil es keine anderen Perspektiven gibt oder wo einem alle anderen Perspektiven verstellt werden?

„Sklaverei ist nur scheinbar tot. Bei näherem Hinsehen wird schnell klar, dass die großen und klar erkennbaren Sklavereien sich zu illegalen, meist kleinen und getarnten Sklavereien gewandelt haben. In diesem Wechsel des Aggregatszustandes der Sklaverei von groß und fest zu eher flüssig und klein sowie oft opportunistisch liegt der Bruch, den ihre formalen Abschaffungen im »Westen« oder auf seinen Druck hin 1792-1970 weltweit langfristig bewirkt haben.“

Zu “50 Klassiker Römische Antike”, einem gelungenen Who is Who des antiken Rom


“Sogar in der Tagespolitik spielt das antike Rom noch immer eine Rolle. So wird häufig die Frage diskutiert, ob die Weltmacht USA eine ähnliche Entwicklung durchläuft wie seinerseits das römische Imperiums: Ist damit zu rechnen, dass auch das amerikanische Weltreich mit einer demokratischen Staatsform nicht dauerhaft und effizient zu regieren ist, und wird sich aus der amerikanischen Demokratie möglicherweise, wie damals in Rom, allmählich eine Aristokratie, also die Herrschaft nur weniger Dynastien und Familien, oder gar eine Monarchie entwickeln?”

ACHTUNG: SPOILER!

Hätten Sie gewusst, dass Aeneas nur die zweite Wahl beim Herkunftsmythos der Römer war? Dass Ovids Flirtratgeber “ars amatoria” auch heute noch eine verlockende Lektüre ist? Dass der erste Film von Terence Hill und Bud Spencer “Hannibal” hieß? Dass viele der uns bekannten Komödien, die Shakespeare, Moliere und Kleist schrieben, auf Werke des Stückeschreibers Plautus zurückgehen? Dass wir dem literarischen Erfindungsgeist des Cicero Worte wie “moralisch” oder “Qualität” verdanken? Dass eines der frühsten Gedichte von Vergil eine Schnacke besingt, die einen Hirten sticht, um ihn vor einer Schlange zu warnen, der dann aber reflexartig die Schnacke erschlägt, sodass sie ihm später in der Nacht erscheint und ihn tadelt?

Als ich mich in meiner Schulzeit für Geschichte begeisterte (vor allem für die Geschichte der Antike), lieferten die meisten Schulbücher bald nicht mehr genug Stoff – vor allem, weil die faszinierenden Randfiguren des Geschehens oft mit ein paar Sätzen abgekanzelt wurden; außer Caesar, Marcus Antonius und Augustus war da nicht viel. Aber auch die populären Buchreihen wie “Was ist Was” oder die vielen historischen Zeitschriften kauten meist nur dieselben Informationen wieder oder verloren sich in uninteressanten Details. Dementsprechend war ich sehr skeptisch, ob sich dieses Trauma meiner Jugend mit “50 Klassiker Römische Antike” nicht wiederholen würde.

Aber: ganz im Gegenteil. Das Buch ist nicht nur durchweg unterhaltsam und hält eine Fülle an anschaulichen Darstellungen und Informationen bereit, es betrachtet auch jeden der angeführten Charaktere unter eigenen Gesichtspunkten, weist die Verknüpfungen untereinander aus, berichtet im Rahmen seiner Möglichkeiten genauestens von den besonderen Ausprägungen, die gerade diese Person so wichtig für die römische Geschichte machen.

Architekten, Feldherren, Philosophen, Dichter, Kaisergattinen, Kaiser, Senatoren, Redner, Propheten, sie alle werden auf 3-4 Seiten essayistisch vorgestellt, dann folgt noch ein biographischer Abriss und eine Werkbeschreibung oder eine Trivia + Tipps für zusätzliche Lektüren und andere Informationsquellen zu der betreffenden Person. Sollte in keinem Bücherschrank fehlen; so kompakt und gut wird man Rom und seine Sternstunden wohl nirgends erleben können.

Weisheit, Eros und Hellenismus – “Das schöne Leben war nur kurz bemessen”. Zum lyrischen Werk des griech. Dichters Konstantin Kavafis.


I

“Das Werk der Götter stören wir,
des Augenblickes ungestüme, unerfahrene Geschöpfe.”

In einem Essay von Joseph Brodsky über das Werk von Kavafis, beschreibt er Kavafis verlorenes Alexandria. Kavafis lebte in dieser Stadt, allerdings hunderte von Jahren nach dessen Blüte, als es Kulturzentrum und Symbol des Hellenismus war, dieses goldenen Zeitalters griechischer Kunst und griechischen Einflusses, in Splittern noch weitergeführt im Byzantinischen, dann irgendwann verschwunden, verraucht, verglommen. Noch ganz leicht im modernen Griechisch an den Rändern präsent, ein Phantom in Kultur und Geschichte. Brodsky vermutet in diesem ehemaligen Alexandria so etwas wie eine Metapher auf die Jugend, die Kavafis ebenfalls in seinen Gedichten nur aus der Ferne, rückwirkend, schildert; Alexandria und die Jugend, zwei ferne Orte, mythisch fast und in ihrer Lebendigkeit, ihrem Überreichtum und ihrer Größe, Weite, für den heutigen Betrachter ein nie mehr zu erreichender Zenit.

Die Betrachtung von Brodsky hat viele Aspekte und wer genaueres wissen will, kann hierzu den Essayband Flucht aus Byzanz konsultieren – im Wesentlichen ist sie hilfreich, um eine wesentliche Einteilung von Kavafis Werk vorzunehmen, die beinahe ohne Ausnahmen funktioniert und nur zwei Kategorien hat.

Auf der einen Seite sind da die persönlichen Gedichte, die vom Verrinnen der Zeit (das bekanntest Gedicht von ihm ist hierbei “Kerzen”, das überall im Netz zu finden ist) und von Homosexualität, der Begegnung junger Männer oder ihren Liebschaften handeln. Viele von diesen Liebesgedichten sind szenisch gehalten, versetzen den Leser z.B. in einen jungen Mann, der in einem Cafe wartet, stundenlang, und hofft, dass der eine bestimme Gast hereinkommt, den er einmal hier gesehen hat (das Geschlecht der Person war bei den ursprünglichen Veröffentlichungen unbestimmt, da zu Kavafis Zeiten Homosexualität noch strafbar war). Viele dieser unaufgeregten, zögerlichen Liebesgedichte gehören zu den Höhepunkten in Kavafis Werk – so wie jenes Gedicht “Er fragte nach der Qualität der Tücher”, in dem ein Mann in ein Tuch-Geschäft geht, nur weil er das schöne Gesicht eines dort arbeitenden Verkäufers gesehen hat:

“Sie sprachen ohne Unterlass über den Handel – doch
nur mit einem Ziel: dass sich ihre Hände
über den Tüchern berühren; dass ihre Gesichter,
die Lippen sich wie zufällig nähern;
die Begegnung ihrer Glieder für einen Augenblick.

Schnell und heimlich, dass es der Geschäftsinhaber
nicht bemerkte, der im Hintergrunde saß.”

Dieses Spiel, die Anziehung, auf die es in diesen Momenten ankommt, hat Kavafis fein und unverstellt in solchen kurzen Passagen eingefangen – es ist ein übergreifendes Bildnis von dem Wagnis und dem verwirrend schönen Zug der Liebe selbst.

In seiner Homosexualität war Kavafis ein unbeflissener und doch natürlichste Dichter, ohne über die Strenge zu schlagen, oder provozieren zu wollen; es ist vielmehr die scheue und zugleich die animalisch-berauschte Intonation der Liebe und des Eros, die er immer wieder anstimmt, vom Ursprung her und nicht in ihren Ausprägungen und Praktiken, die er wohlweislich in sanften Andeutungen dem jeweils möglichen Bedeutungs- und Phantasiespielraum überlässt. Viele Jünglinge gehen über seine Seiten, vor allem im zweiten Teil seines Werk, zu dem ich weiter unten kommen werde; früher Tod und Verfall ist diesen Jünglingen nicht selten beschieden, ein Sinnbild für das, was mit jeder Jugend geschieht, ob abrupt oder schleichend. … und doch: In der letzten Sehnsucht seiner Gesten betont Kavafis auch die Ewigkeit der Schönheit, die diese Jünglinge, der spontane Eros, letztlich beweisen und die ihnen innewohnt, auch, weil die Sehnsucht und die Erinnerung sie immer wieder gemeinsam hervorarbeiten …

“Die Schönheit habe ich so unverwandt betrachtet,
dass sie ganz mein Sehen füllt.”

In manchen seiner persönlichen Gedichte begegnen wir dem Dichter Kavafis selbst, dem alternden, der nun Gedichte schreibt. Vergangenheit ist hier die einzige Richtung des Denkens, das Heiligtum – reiches und trübes Schwelgen darin, sind seine Beschäftigungen. Das Vergangene und doch nie ganz Vergehende zieht immer wieder ein in seinen Texte – das Phänomen der Zeit, gegen das der Mensch die Erinnerung stellt und doch oft Erkennen muss, dass erstere Recht behält und die Zeit den Erinnerungen das entzieht, was sie einst erinnerungswürdig machte; dass alles Morgen irgendwann einem Gestern unterliegt, alles Dasein irgendwann dem Vergehen; dass das Werden uns alle zu einem Ende führt.

“Ein Monat zieht vorbei, wird anderen Monat leiten.
Was kommt dringt unschwer in dein Ahnen ein;
es sind die gestrigen, die nämlichen Beschwerlichkeiten.
Und das Morgen endet dahin, gleich Morgen nicht zu sein.”

Doch nicht immer … manchmal langt noch etwas hinüber aus alten Zeiten – das sind Momente, die Kavafis in ihrer Gänze festzuhalten versucht, Momente, zwischen Trost und Trauer verkeilt, plötzlich wieder frohlockend und ganz nah am Auge, an der Haut, dann nur mehr wieder ein Gegenstand entzogener Erfahrung. Das Nachtrauern des Altgewordenen wird hier subtil vermittelt in einem Anklingen von früherer, unbeschwerter Gedankenlosigkeit, von einer Zeit als man noch im Geschehen stand und nicht jetzt, in Gedanken, darüber – von wo man sehr viel mehr sehen kann, aber dafür weniger fühlen. Man ist dieser Haut entwachsen und nur sehr selten, als Ahnung, flüchtig, kommt sie wieder.

“Immer wieder kehr zurück und nimm mich auf,
geliebte Empfindung, kehr zurück und nimm mich auf –
wenn meines Körpers Gedächtnis erwacht
und alte Begierde von Neuem ins Blut dringt,
wenn die Lippen sich erinnern und die Haut
und wenn die Hände fühlten, als berührten sie noch einmal”

Viele Dichter haben über Vergänglichkeit geschrieben. Bei Kavafis ist diese Vergänglichkeit unmittelbar an das Erleben gebunden; sie ist nicht übergreifend, nein, sie ist an das Eigene gebunden, an die menschliche Existenz, die man besitzt und die einem doch entrinnt und weniger wird, egal wie sehr man sie zu füllen zu versucht und vermag. Seine Art ist indirekt und unepisch, sie hat etwas Leises, wie ein Gebrechen, eine Sorge, die diese Dinge mit sich selbst ausmacht. Sichtbar wird dies noch einmal in der Figur des Greise, den er in einigen seiner Gedichte auftreten lässt, ein junger Versäumer, nun betagter Bereuer.

“Er erinnert sich der Stürme, die er unterdrückt. Und wie viel
Freuden er geopfert hat. Seinen törichten Bedenken
spottet nunmehr eine jede der verpassten Chancen.”

Kaum ein anderer Dichter hat mir wie Kavafis klargemacht, wie viel (vergebliche) Hoffnung wir eigentlich in die Erinnerung stecken, wie sehr wir uns daran klammern, wieviel Sehnsucht wir noch auf diese Dinge anwenden, die längst vergangen sind.

“Es ist halb eins. Schnell verstrichen die Stunden
seit neun, als ich das Licht entzündete
und mich niedersetzt. Ich saß da und las nicht,
sprach auch nicht. Mit wem denn sollt’ ich sprechen,
ganz allein in diesem Haus.
[…]
Das Trugbild meines jugendlichen Körpers
kam und brachte auch die Kümmernisse mit;
Totentrauern der Familie, Trennungen,
die Gefühle derer, die mir nahe standen, der Gestorbenen
Gefühle, die so wenig Achtung fanden.

Es ist halb eins. Wie verstrichen die Stunden.
Es ist halb eins. Wie verstrichen die Jahre.”

II

Der zweite Teil von Kavafis Werk hat seine Ursprünge in einigen Tatsachen: der, das Kavafis Zeit seines Lebens (bis auf ein paar Jahre in England und eine Zeit in Athen) in Alexandria lebte; dann dass er viele griechisch-antike und byzantinische Autoren und Chroniken las und außerdem seine große Affinität zu dem Sagenumwobenen, Lebendigen und Idealen in der antiken Welt. Der zweite Teil seines Werk setzt sich daher aus Werken zusammen, die (fiktive oder echte) antike Personen und Ereignisse darstellen, nachvollziehen, betrachten. Durch all diese Gedichte entsteht ein kleines Panorama von Kavafis Bildung und Interessen; die Darstellung der jeweiligen Szene, ihrer kleinsten Komponenten und Erwähnungen, gedachte er große Sorgfalt an. In seinen Ausschmückungen, seinem dann und wann lieblich wie Wein hineinrauschenden Hedonismus, spürt man eine Verbundenheit, eine gewisse Freude am Erfinden und Malen dieser Szenerien. Im Ende des Gedichts “In der Kirche” beschreibt Kavafis selbst welche Vorstellungen/Sympathien diesem alten griechischen Wesen, fortgeführt im Byzantinischen, bei ihm auslösen, in ihm entfachen:

“Wenn ich eintret’, in der Griechen Kirche;
mit des Weihrauchs Wohlgerüchen,
den liturgischen Gesängen, Psalmenklängen,
mit der Priester prangender Erscheinung
und dem feierlichen Gleichmaß jeder ihrer Gesten –
von größter Pracht im Schmuck der Meßgewänder –
wendet sich mein Geist der Macht und Größe unserer R asse zu,
unserem Ruhm: dem Wesen von Byzanz.”

Zwischen Geschichtenerzähler und anmerkendem Betrachter, steht Kavafis in diesen “hellenischen” Gedichten und es sind wahrscheinlich die kunstvollsten Texte seines Werkes – dabei aber auch die für den deutschen Leser am schwierigsten nachzuvollziehenden. Selbst mit einem Anmerkungsverzeichnis (wie hier in der Sammlung “Brichst du auf gen Ithaka …” enthalten) tut man sich schwer damit in die einzelnen historischen Bildnisse, ihre Umgebung und Bedingung einzusteigen. Nachvollziehbarer ist es dann schon, wenn Kavafis sich nicht etwas Historisches zum Vorbild nimmt, sondern selbst ein (meist unbedeutendes) Ereignis als kleine Begebenheit der damaligen Zeit erfindet, oder eine unbekannte Person eines bestimmten Zeitalters einen kurzen Monolog halten lässt. Sowie jene Geschichte eines Jünglings, der, auf der Überfahrt schwer erkrankt, in einem Hafen Syriens ankommt, wo er eigentlich ein Gewerbe lernen und sein Leben richtig beginnen wollte und:

“Wenige Stunden nur, bevor er starb, flüsterte
er von -Haus-, von -sehr betagten Eltern-.
Doch es wusste niemand, wer sie waren,
niemand wusste, was sein Vaterland im großen Kreis der Griechenwelt sei.
Besser ist’s. Da so, derweil
im Tode er in diesem Hafenorte ruht,
ihn die Eltern stets am Leben hoffen werden.”

Eine letzte Unterkategorie gibt es noch in jener zweiten Kategorie, und es ist wiederum eine, die ein paar der besten Gedichte von Kavafis enthält. Das beste Beispiel für diese Unterkategorie ist wahrscheinlich das Gedicht “Thermopylen” (Der Ort an dem die allseists bekannten 300 Spartaner die Perser aufhalten wollten; Ephialtes war der Verräter, der die Perser auf einem Pfad um die Thermopylen herumführte und so den Untergang dieser Verteidigungsstellung herbeiführte; Meder ist eine andere Bezeichnung für Perser.)

“Ehre denen, die in ihrem Leben Thermopylen
je bestimmten und bewachen.
Die nie aus der Verpflichtung weichen;
gerecht und unbeirrt ihren Taten,
doch dabei voll Mitleid und Erbarmen;
großherzig, wenn sie reich, und wenn
sie arm sind, dennoch freigebig im kleinen Maß,
dennoch Hilfe stellend so viel sie vermögen;
die immerfort die Wahrheit sprechen,
jedoch ohne Hass auf die, die lügen.

Und um so mehr gebührt dann Ehre ihnen,
wenn sie voraussehen (und viele sehen voraus),
dass am Ende Ephialtes erscheinen wird
und am Ende die Meder durchmarschieren.”

Hier, in diesen Gedichten, regiert das Symbolische Hand in Hand mit der leisen Beschwörung und Erhebung; in sehr schlichter Weise transferiert Kavafis Gleichnisse und übergreifende Ideen aus der griechischen Geschichte und Mythologie heraus in die Gegenwart – Botschaften, eindringlich und umfassend, und doch im gewissen Sinne geradezu klassisch. Allegorien, die fast ausnahmslos auf das Wesentliche weisen, unbrachial, geradezu mild, auf (un)bedeutsame Weise berührend. Eine Operation der Allegorie, die nicht nur Erinnerung beschwört sondern in der Erinnerung die Gegenwart heraufbeschwört und sie sichtbar macht .

Es gibt einige wenige Gedicht von diesem Schlag, aber sie sind alle grandios; vielleicht weil in ihnen die Möglichkeiten von Kavafis Stil und die Möglichkeiten des Gedichts, unmittelbar zusammen kommen; dieses Verbinden von Botschaft, historischem Bezug, ideeller Verdichtung und einer kurzen, wesentlichen Betrachtung, mit formelhafter Beschreibung.

Konstantin Kavafis war ein Dichter einiger weniger zentraler Ideen: Vergänglichkeit, Eros, Hellenismus und flüchtiger Schönheit, die sich in allen drei anderen Ideen auf bestimmte Weise bricht. Pathos und Übertretung, Metaphern und experimentelle oder sprachliche Innovativität lässt er fast gänzlich vermissen; seine Sprache ist ungefilterte Mitteilung, die tieferes Verständnis, das schon vorhanden ist, anzusprechen versucht. Diese schlichte Weisheit, ein beinahe lakonisches und doch gefestigtes Interesse an der Wahrheit und der Gewissheit, der Erkenntnis, dass bestimmte Dinge weder schlecht noch gut betrachtet werden müssen, weil sie jenseits dieser Einteilungen sind, was sie sind und wir sie darin auch nicht verdrehen können, weil alle Bezeichnungen auf uns zurückfallen, ohne diese Wesenheiten zu verändern oder auch nur zu erreichen, anzurühren. Diese Klarheit und dieses Verständnis sind am Ende das größte Geschenk, das Kavafis uns macht. Ein Geschenk für die Ewigkeit.

“Immer halte Ithaka im Sinn.
Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.
Doch beeile nur nicht deine Reise.
Besser ist, sie dauere viele Jahre;
und alt geworden lege auf der Insel an,
reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,
und hoffe nicht, das Ithaka
dir solchen Reichtum geben kann.

Ithaka gab dir die schöne Reise.
Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen.
Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.
So weise wie du wurdest und in solchem Maß erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.”

 

Zur Übersetzung:

Der Autor der Rezension bekennt betrübt, dass er kein Griechisch spricht. Alles was er folgend zu der Übersetzung zu sagen hat, geht also von folgendem Gesichtspunkt aus: Wenn etwas ankommt, wenn die Gedichte also im Deutschen vielfältig erfahrbar sind, kann die Übersetzung nicht so schlecht nicht sein. Was Getreulichkeit, Adäquatheit und Rhythmus angeht, kann keine fachlich-nachvollziehbare, sondern lediglich jene Auskunft gegeben werden, die aus den Erfahrungen/ und dem Erlebnis mit den Übersetzungen bezogen werden kann.

Man lässt sich, wenn man die deutschen Übertragungen zuerst liest, vielleicht allzu schnell täuschen von einer gewissen Manieriertheit, einer abgerundeten Glätte, die Form und Syntax der Verse bestimmen – aber in seiner bedächtigen Langsamkeit erreicht Kavafis eben genau das, was er wollte: das tiefere Verständnis der Bewandtnisse, das sich über den flüchtigen Blick, den flüchtigen Gedanken hinwegsetzen und die Dinge einmal ganz einfach und wahrhaftig betrachten will. Seinen Sentenzen zu folgen hat etwas Meditatives und Ruhiges – man hat Zeit für jede Zeile, jede Weiterführung, jeden neuen Aspekt des Gedankens. Gleichzeitig ist die Übersetzung, im (bewussten) Verzicht auf Nachdichtungen (mit einigen wenigen Ausnahmen, wo die Übersetzer  es für machbar hielten), doch immer erstaunlich melodisch und unterstützt die langsame, aber bestimmte Windung, die Kavafis Formulierungen nehmen.

 

Zu den verschiedenen Ausgaben

1. Brichst du auf gen Ithaka … (ISBN 3923728034)

Dieser Band enthält alle zu Lebzeiten von Kavafis autorisierten Gedichte (153), zuzüglich eines Gedichtes aus dem Nachlass – alle auf Deutsch, bei einigen wenigen ist eine Version des Originals daneben abgedruckt. Zu jedem Gedicht liegen gute, fürs Verständnis meist ausreichende Anmerkungen vor. Namen und sonstige unbekannten Bezeichnungen werden ebenso wie einige sonstige Informationen zu dem Gedicht darin aufgeführt. Ein Vorwort, das die Übersetzungsart erklärt und allgemein ein bisschen zu diesem Thema sagt, sowie ein Nachwort als Skizze zu Leben und Werk von Kavafis sind auch enthalten.

Die Übertragungen dieses Bandes wurden von Wolfgang Josing, unter Mitarbeit von Doris Gundert besorgt. Der Schwerpunkt wurde auf Textgenauigkeit gelegt; Kavafis “Vorlagen” wurde Rechenschaft getragen, in dem man versuchte Klang, Art und Wortwahl des gesprochenen Wortes, der gewöhnlichen Rede, zu treffen, wie Kavafis es im Griechischen Original tat. Alle Textbeispiele, die ich oben anführe, sind diesem Band entnommen, weil mir seine Übersetzungen am meisten gefallen haben; so bezieht sich auch der Abschnitt “zur Übersetzung” zentral auf die Übertragungen dieser Ausgabe.

2. Das Gesamtwerk (ISBN 3596142733)

Die Übersetzungen in “Das Gesamtwerk” wurden von Robert Elsie besorgt, den einleitenden Essay schrieb Marguerite Yourcenar. Das Buch fasst alle autorisierten 154 Gedichte von Kavafis ebenso wie 77 unveröffentlichte, sowie Prosa und Notizen, sowie unvollendete Gedichte (gesamte Übersicht unter http://www.elsie.de/de/buecher/b17.html), womit es die umfangreichste deutsche Kavafis-Ausgabe ist; im Anhang befinden sich umfangreiche Anmerkungen, eine Zeittafel und ein Nachwort des Übersetzers.

3. Gedichte: Das Hauptwerk, griechisch und deutsch (ISBN 3825352129)

Der Übersetzer dieses Bandes, Jörg Schäfer, wurde vom griechischen Kulturministerium 2005 mit einem Preis für die beste Übertragung eines neugriechischen Werkes ausgezeichnet. Diese Ausgabe des Winterverlags  enthält 159 Gedichte und ist damit die umfangreichste griech./deut. Ausgabe, die von Kavafis vorliegt.)

4. Gefärbtes Glas – Historische Gedichte (ISBN 3518223372)

Übertragen und mit einem Nachwort von Michael Schroeder. Ratsam für die, die sich weniger für die persönlichen und mehr für die alexandrinischen Gedichte von Kavafis interessieren. Historisch heißt hier allerdings nicht immer “historisch verbürgt”, sondern meist “aufs Historische ausgerichtet/das Historische nachahmend.

5. Um zu bleiben – Liebesgedichte (ISBN 978-3-518-22020-7 )

Ebenfalls von Michael Schroeder übersetzt. Dazu mit 13 sehr gelungenen Radierungen von David Hockney. Ratsam für jene, die sich mehr für die persönlichen und homoerotischen Gedichte von Kavafis interessieren.

“Alexander oder Was ist Wahrheit?” – Eine kleine Erinnerung an die Reminiszenzprosa von Arno Schmidt. Oder: W.ie I.ch e.uch h.asse


Es gibt drei zentrale Schriftsteller in der modernen deutschsprachigen Literatur, die nicht nur Außenseiter waren und ihre speziellen Stile und Charakteristika ihrer Prosa pflegten, sondern die auch (mit unterschiedlicher Vehemenz) konkret anders sein wollten, auf der Suche nach neuer sprachlicher Dichte in der Prosa.

Diese drei Schriftsteller sind der Österreicher Thomas Bernhard (Als Beispiel: Watten), der Hamburger Hans Henry Jahnn (bekannt durch Fluß ohne Ufer) und eben Arno Schmidt..

Von all diesen dreien ist Schmidt wohl der sprachoperativste, der eigene Typographien erfand und sein Schriftbild seiner eigenen Empfindung von sprachlicher Dichte anpasste – er war aber auch thematisch auf sehr abwegigem Terrain unterwegs. Vielen dürfte er am Rande nur aufgrund seines Machwerks Zettels Traum bekannt sein. Dabei war Schmidt nicht nur ein radikaler und vielschichtiger, sondern vor allem ein einzigartiger Erzähler, von überragender Substanz. Einer der nicht nur unglaublich kompliziert Bücher, sondern auch großartige Erzählungen schrieb.

In diesem Band sind drei sehr frühe Texte versammelt.. Alle sind mehr oder weniger in der Antike angesiedelt und alle zeichnen sich durch eine geradezu frontale Bildsprache, Interpunktion und Poesie aus. Es sind eigentlich keine Erzählungen, sondern wandelnde Eingebungsüberblendungen, die Eindrücke, Bewusstsein, Ideen und Welterfahrung in einem einzigen Prosagemisch vermitteln.

“Goldmond brennt auf am Festungsturm; in Märchenfernen reist ein Sturm, zaust und zaubert. Ich trage Krüge weinbelaubt; der Wein schwatzt innen laut. Mond reitet an mit Söldnerstern; das rasche Heer versteckt sich gern hoch in den Wolken. Die wilde Wolkeninsel steht mit Pässen, die kein Mensch begeht und schroffen Silberklippen. Mond landet im Wacholdermeer; die kleine Stadt schläft hell und leer hoch im Bergland. Ich steige leicht wie Wind empor, zum Wolkenwald, zum Wolkentor; weiß nicht, wie meine Spur verlor. Ich wandere mit der Wolke. – -“

Neben den stark expressiven Beschreibungen, sind Schmidts zweiter Angelpunkt seine exzentrischen Figuren, die vor allem als eine Synthese aus Gedanken und Meinungen, die sie laufend von sich geben, auftreten. Schmidt führt diese, obgleich sie alle in antiken Zeiten leben, nicht historisch, sondern alltäglich an uns heran; dabei geht es ihm, so scheint es, vor allem um die Aufhebung der Distanz, denn er lotet clever die Möglichkeiten von Unverblümtheit und Arroganz aus und so erscheinen einem die Personen bald nicht als verblasste geschichtliche Vorgänger unseres Geschlechts, sondern als Charaktere ihrer Zeit wie wir in der unseren, mit ganz eigenen und ebenso breiten Spektren an Annahmen, an Wissen, Illusionen, Interessen und gesellschaftlichen und intellektuellen Problemen.

In “Alexander oder Was ist Wahrheit” um noch einmal etwas konkreter zu werden, geht es zum Beispiel um die Wahrheit über Alexander den Großen: War er tatsächlich ein Held und weiser Mann, oder ein mordender, macht- und besitzhungriger, hitziger Jüngling, ohne auch nur einen der ihm zugeschriebenen Vorzüge (es historisch zu akzeptieren ist ja das eine, aber es zu seinen Lebzeiten zu erleben eine ganz andere)? Der Erzähler, ein Verehrer Alexanders, der diesem auch nun bald zum ersten Mal persönlich begegnen soll, glaubt einem großen, übermenschlichen Mann zu begegnen, doch schon auf der Fahrt zum Lager Alexanders wird ihm von Mitreisenden die ganze Idiotie und der Wahnsinn des Heroen, an historisch belegten und von Schmidt interpretierten Beispielen, süffisant und ironisch unter die Nase gerieben. “Kein Platz für Heldentum, nur Größenwahn, in der Welt”, wie eine der Figuren sagt.

Warum Schmidt lesen? Nun, er ist ungeheuer (im wahrsten Sinne des Wortes) poetisch und kann einem eine ganz neue Erfahrung von Sprache und Erleben in Prosa bieten. Seine eigenwillige Art der Erzählens, die zwischen sprachlich-vollkommener, beklemmender Eleganz und undurchsichtigen Prosaströmen hin und her tendiert, ist vielleicht nicht so leicht zu lesen, bringt einem dafür aber eine Fülle an Ideen dar und übermittelt einem mehr als einmal eine völlig neue Vorstellung des “Lesens” an sich.

“Kühler Wind ging nah vorbei, wie ein schlanker Knabe mit Sternen in den Händen;”

“Himmel mit weißen Wolkennelken bedruckt. … der Wind riss aus wie ein Hengst.”

“Keuchend hoch: der Mond schwamm, schon halb aufgelöst, in gelben Lichtbrühen. Ein Trupp besoffener Nachtwinde randalierte drüben im Obstgarten, hieb sich mit Zweigen und pfiff zuhältrig: hoffentlich bleibt’s schön morgen! “

“Ein alter Bauer mit Fuchspelzmütze, ganz langlebiger Thrakier, zeigte uns eine getötete Schlange: aus der aufgeschnitten kroch eben eine Kröte hervor: die Hinterbeine bereits vollständig verdaut!!! >>(Und siehe, es war alles gut)<< : oh derLuderlump ! ! !”

Walter Jens schrieb in einem Feuilleton des Jahres 1950, er habe Schmidts Schreibstil zunächst für “Blödsinn” gehalten und sich darüber geärgert, dann aber Entzücken über Schmidts Bilder, seinen Snobismus und seinen lebendigen Expressionismus empfunden.
Genauso ging es mir und deshalb muss man am Ende sagen: Wer wirklich, unter Anstrengung und Genuss, mal etwas ganz anderes, fast rätselhaft Bedeutendes und gleichsam Anregendes lesen will, der sollte sich an Arno Schmidt einmal versuchen – vielleicht mit diesen ersten Erzählungen. Wer in irgendeiner Weise eine unterhaltsame, geradlinige Form der Prosa sucht, dem ist natürlich abzuraten. Denn Schmidt zu lesen ist eine, ich betone es noch mal, weil es essentiell ist, einzigartige, aber sehr abnormale Erfahrung.

Inhalt:

1. Enthymesis oder W.I.E.H. (Erzählung über eine Weltvermessung zu Fuß, von jemandem, der nicht glaubt, dass die Erde rund sein kann – um 200 v.Chr.)
2. Gadir oder Erkenne dich selbst (Erzählung eines 95-jährigen Gefangenen, der seine Flucht plant und, schon halb Irre geworden, in seinen Gedanken die Welt und ihre Irrsinnigkeiten aufzudecken meint)
3. Alexander oder Was ist Wahrheit

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Alexander-oder-Was-ist-Wahrheit/dp/3596291119/ref=cm_rdp_product

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

Der Scheideweg zwischen christlicher und hellenistischer Welt – oder: Was Kepler noch nicht wusste… – Zum Film “Agora – Die Säulen des Himmels”


“Philosophie ist die Kunst, den Dingen auf den Grund zu gehen, die keinen Grund haben.” Dahár

Es ist eine interessante Epoche, die in diesem Film beleuchtet wird: Seit 60 Jahren ist das Christentum offiziell Staatsreligion, die Teilung des römischen Imperiums in einen östlichen und einen westlichen Teil stet kurz bevor und die Schwierigkeiten, sowohl der politischen, als auch der religiösen Verhältnisse spitzen sich zu. Es ist eine Zeit des Umbruchs, des Konflikts zwischen griechisch-hellenistischer Wissenschaft und Philosophie und der neuen christlichen Glaubenswelt, die ihre schnelle Ausbreitung eisern vor allem auf ihre Dogmas stützt.

In dieser Zeit ist Alexandria bereits mehr als 300 Jahre lang in römischem Besitz. Hier lebt die Philosophin Hypatia. Obwohl sie eine Frau ist, darf sie unterrichten und ihre Meinung ist geachtet und gefragt; vielen ihrer Schüler steht nach ihrer Ausbildung ein großer Karriereweg offen. In der Bibliothek von Alexandria lehrt sie sie das ptolemäische Weltbild und die konischen Formen (Kreis, Ellipse, Parabel und Hyperbel); ihre Forschung gilt vor allem der kosmischen Gesamtheit, den Bewegungen der Himmelskörper, dem Zusammenspiel der Erscheinungen und der Kraft, die alles zusammenhält – sind es wirklich Kreisbewegungen, auf denen die Planeten ihre Bahnen um die Erde ziehen? Ziehen sie überhaupt um die Erde?

Während Hypatia diesen Fragen und ihrer Liebe zur Philosophie ihr Leben widmet, muss sie bald schon miterleben, wie der Rest von Alexandria sich bald einem Kräftemessen der Glaubenswelten hingibt und die Seelen der Menschen sich mehr zu strengen Fronten verhärten; für Hypatia, die an die Vernunft und die Diplomatie glaubt, bricht sie dabei Stück für Stück auseinander…

Der Film steckt vielerlei zusammen – was an sich als Gewinn und nicht als Verlust zu betrachten ist, weil er sich so nicht auf eine Darstellung (oder ein Thema) versteift, sondern hier und da das herauskehrt, was interessant und glaubwürdig um dadurch die beiden Hauptstränge, die Geschichte der Hypatia und die Christianisierung einer hellenistischen Stadt, den Umsturz einer langen Tradition, darzustellen. Auch wenn er stets bei einer begrenzten Anzahl handelnder Personen bleibt, schafft er es doch einen kaleidoskopartigen Blick in das Wesen dieses wichtigen Momentes der Geschichte zu ermöglichen und dabei nicht die Ausreizung der Figuren zu vernachlässigen und Themen wie Sklaverei, Liebe oder Geisteswelt komplett zu unterschlagen (aber auch nicht übermäßig das Thema überlagern zu lassen).

Wer philosophisch und historisch interessiert ist, wird hier einen umfassenden Film erleben, der durch seine gut ausbalancierte Handlung und seine Ausstattung besticht. Wie ein guter historischer Roman, vereint er faszinierende historische Aspekte mit menschlichen Figuren, die sie erleben.

Zusätzlich: Ich denke, dass dieser Film keine direkte (anti-christliche) Aussage hat, wie viele es ihm oft anlasten wollen. Wenn man tatsächliche Ereignisse verfilmt und dabei eine Geschichte erzählt, folgt alles einem inneren Faden, der grundsätzlich ist (weil an die Geschichte geknüpft) und nicht einer Meinung nachgebildet. Der Zuschauer muss immer selbst entscheiden, welche Schlüsse er aus der Geschichte zieht – das ist der Vorteil der Kunst, die im Gegensatz zur Meinung, eine Ausdeutung offen lässt. Kunst verbreitet im besten Falle nicht – sie vermittelt.

Link zum Film: http://www.amazon.de/Agora-S%C3%A4ulen-Himmels-Rachel-Weisz/dp/B003BY0S8G/ref=cm_cr_pr_pb_i

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.