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Zu “Fremd in ihrem Land – Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten” von Arlie Russell Hochschild


Fremd in ihrem Land “»Als ich ein kleiner Junge war, hielt man am Straßenrand den Daumen raus und wurde mitgenommen. Hatte man einen Wagen, nahm man Anhalter mit. Wenn jemand Hunger hatte, gabst du ihm zu essen. Es existierte eine Gemeinschaft. Wissen Sie, was das alles untergraben hat?« Er machte eine Pause. »Der Staat«”

Der Feind des Mitte-West-US-Amerikaners ist der Staat. Die Argumentation: Wer sollte besser wissen, wie man das Land bewirtschaftet, die Gesellschaft aufbaut, als die Leute vor Ort – und die Leute vor Ort sind zwangsläufig an verschiedenen Orten unterschiedlich, vor allem in einem so großen Land. Wie sollte also eine Regierung alle verstehen und bei ihren Entscheidungen alle Bedürfnisse berücksichtigen können? Diese Argumentation rührt an einem tatsächliches Problem innerhalb der Strukturen der Supermacht – doch konstruktive Ideen zur Lösung oder Überwindung finden sich nirgends. Stattdessen führen die Reibungen zu immer größeren Spannungen.

Das ferne Regierungsvolk in Washington ist in den letzten Jahren zum fixen Feindbild vieler US-Amerikaner geworden. Dieser Hass ging sogar soweit, dass sie einen unfähigen Mann zum Präsidenten wählten, der sich gegen das herrschende Establishment zu stellen schien, sich zumindest so inszenierte. Donald Trump kommt zwar nicht aus den elitären Kreisen der Washingtoner Politikerkaste, aber er kommt dafür aus einer anderen Kaste: der Kaste der Reichen und Mächtigen – und diese Kaste ist, polemisch runtergebrochen, das wahre Problem. Warum das niemand erkennt, warum sich Menschen bei politischen Fragen gegen ihre eigenen Interessen entscheiden?

Arlie Russell Hochschild ließ die Frage nicht los, wie ein so großer Unterschied zwischen ihren Ansichten und den Ansichten rechts-konservativer Amerikaner bestehen konnte, wo sie doch alle Zugang zu denselben Fakten hatten, zumindest theoretisch. Es musste da etwas geben, was diese Menschen davon abhielt, einige elementare Wahrheiten zu begreifen, mit ihrer eigenen Lebenssituation in Verbindung zu bringen.

“Unsere Polarisierung und die Tatsache, dass wir uns zunehmend schlicht nicht kennen, macht es allzu einfach, uns mit Abneigung und Verachtung zufriedenzugeben.”

Also reiste sie nach Louisiana und traf die Leute von dort, hörte sich ihre Sorgen und Meinungen an, versuchte die Gefühle hinter den politischen Entscheidungen zu verstehen. Denn letztendlich geht es immer darum: um Gefühle. Der Mensch ist kein rein rationales Wesen, ansonsten würden wir längst in der besten und emotionslosesten aller Welten leben. “Das Rationale am Menschen sind seine Einsichten, das Irrationale, dass er nicht danach handelt”, schrieb Friedrich Dürrenmatt.

Was fand Hochschild in Louisiana vor? Kein Volk von kruden Verschwörungstheoretikern, keinen überbordenden Hass, sondern vor allem: Wut, Armut, Perspektivlosigkeit. Hier regiert nicht Washington, hier regiert, wie mittlerweile an fast allen Orten des Planeten, der Kapitalismus. Chemiefabriken verseuchen das Wasser, es gibt kaum Arbeit, das Konkurrenz- und Klassendenken entfremdet die Leute einander. Wenn es keine Perspektiven gibt, sind Menschen für vieles empfänglich, was nach einer neuen Perspektive aussieht oder zumindest nach einer besseren innerhalb der alten. Bauernfänger haben leichtes Spiel – nicht weil die Bauern dumm sind, sondern verzweifelt und aus einem System ausgeschlossen, das nicht mit Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit arbeitet, sondern in dem Gier und Überfluss als Strom die Rädchen antreiben. Einen System das viel verspricht und dafür unter der Hand Dinge braucht und einfordert, die es wohlweislich verschweigt. Die Bauernfänger kommen und verbinden clever nostalgische Ideen mit großen Anklagen, leeren Beistandsheucheleien – und festigen dadurch den Einfluss, die Position ihres Systems, ihre eigene Stellung darin.

“Eine Wirtschaftsagenda für Reiche wird mit sozialen Fragen als Köder verbunden. Die Forderung nach Abtreibungsverbot, Recht auf Waffenbesitz und Schulgebet bringt Mike und seine gleichgesinnten Freunde dazu, eine Wirtschaftspolitik zu unterstützen, die ihnen schadet. […] Sie stimmen dafür, dass der Staat sie in Ruhe lässt – was sie kriegen, sind allgegenwärtige Kartelle und Monopole, von den Medien bis zur Fleischindustrie.”

Privilegien. Albert Camus hat einmal richtig angemerkt, dass es nie um etwas anderes geht oder ging. Das Problem Privileg lässt sich in den einfachsten und komplexesten Problemen verorten. Wir teilen uns diesen Planeten. Wer darf Welches Stück davon haben; Wer darf Was tun? Sollte? Kann?

Privilegien müssen, einmal gesichert oder bekommen, verteidigt werden. Um jeden Preis. Am besten in dem man die restlichen Anwärter gegeneinander ausspielt. Die armen Leute in den USA werden schon sehr lange gegeneinander ausgespielt, mit immer neuen Finten. Das hat zu dramatischen Verwerfungen geführt, die dieses Buch wie rote Fäden durchziehen. Ein Buch, das mit einigen Klischees aufräumt, auf eine nicht zwingende, aber anschauliche Weise, nah am menschlichen Aspekt und Faktor.

Kapitalismus in dem Stil, wie er heutzutage betrieben wird, bedeutet genau das: Entfremdung. Geld mag in rauen Mengen Sicherheit geben, mag im Überfluss ein Vertrauen verströmen: Ich und viele andere Menschen werden das nie erleben – wir werden nie dieses rauen Mengen besitzen. Und in dem derzeitigen System ist immer weniger Platz für Menschen, die es dahin schaffen, zu dem großen Geld. Der Platz an der Sonne ist schmal und auch mit ehrlicher Arbeit längst nicht mehr annähernd zu erreichen. Ein System, das so wenig Sicherheit für nur so wenige verspricht, das soll das beste System sein? Ich denke nicht.

“Fremd in ihrem Land” ist ein sehr empfehlenswertes Buch, weil es am kleinsten Beispiel eine exemplarische Situation unserer Zeit untersucht. Einiges hätte in der Ausführung etwas deutlicher sein können, aber Hochschild hat klugerweise (im Gegensatz zu mir) auf eine zu starke Politisierung und Positionierung verzichtet; sie hält sich nicht ganz raus, aber balanciert gut aus, was sie zu hören bekommt und was sie selbst noch ergänzt. Alles in allem: ein Lichtblick in der Welt des tagtäglichen Gegeneinander, der tiefe Schluchten offenbart – über die Brücken führen, die man wohl derzeit nur einzeln, mit viel Empathie bewaffnet, überqueren kann.

Zu Ulrich Schneiders aufrüttelndem Buch “Kein Wohlstand für alle!?”


  “Solange sich Regierungspolitiker wie unsere Bundeskanzlerin in die Fernsehstudios setzen und vor einem Millionenpublikum erklären, sie würden das Problem verstehen, dass sich immer mehr Menschen „abgehängt fühlen“, offenbaren sie lediglich, dass sie nur sehr wenig verstanden haben. Die Menschen „fühlen“ sich nicht abgehängt, sie sind abgehängt.”

Deutschland geht es nicht gut. Wer das behauptet, dem mag es selbst gutgehen und er mag scheinheilig auf das große BIP, die großen Exportgewinne oder unsere Reputation und Größe auf den Parkettböden der Weltpolitik hinweisen und daraus den Schluss ziehen, dass es in einem Land mit solcher Wirtschaftsleistung niemandem schlechtgehen kann. Und eigentlich könnte er sogar recht damit haben – aber sein Fehlschluss ist der geradezu pathologische Fehlschluss unserer Zeit und die, geradezu ignorante, Ausgeburt des neoliberalen Klimas in unseren Vorstellungen.

Fakt ist: die Faktoren für den „Gesundheitsstatus“ eines Landes sind vielfältiger und komplexer. Wie gut funktionieren die Sozialsysteme, wie viel wird in Bildung und Inklusions- und Integrationsprogramme investiert, wie stark ist die Demokratie, wie sensibel wird mit Minderheiten umgegangen und wie wird Toleranz propagiert/kommuniziert, wie gerecht geht es bei Löhnen und Steuern zu – das sind (u.a.) die Fragen, die den Befund über die Gesundheit eines Landes entscheiden. Und wenn man ganz ehrlich ist: Deutschland geht es nicht gut, Deutschland geht es zunehmend schlechter.

Es drohen nicht nur tiefgehende, gesellschaftliche Verwerfungen, die längerfristigen Schaden an unserem Verständnis von Demokratie anrichten könnten, sondern, in Folge dessen, auch eine Entladung dieser Ungerechtigkeit auf den Ebenen neuer rechter Politik und Fremdenfeindlichkeit, mündend in Forderungen nach autoritären Gesellschaftsmodellen. Aber um zum Befund zurückzukommen: woran zeigt sich denn, dass es Deutschland schlecht geht?

“12,9 Millionen Menschen [in Deutschland] müssen heute, gemessen an ihrem Einkommen, zu den Armen gerechnet werden. Das heißt zum Glück nicht, dass 12,9 Millionen Menschen nach Pfandflaschen suchen, unter Brücken schlafen, betteln müssen oder nicht zu essen oder zum Anziehen haben. Solch extreme Armut, solches Elend, geht in die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes nicht einmal ein, da nur Personen mit eigenem Haushalt erfasst werden. Obdachlose werden in diesen Statistiken genauso wenig mitgezählt wie Geflüchtete in Sammelunterkünften, Strafgefangene oder Pflegebedürftige in Einrichtungen, von denen mittlerweile auch etwa die Hälfte von Sozialhilfe leben muss. Bei den hier genannten 12,9 Millionen armen geht es um Menschen, die zu wenig Geld haben, um am gewöhnlichen Leben und Alltag dieser Gesellschaft noch teilhaben zu können.”

Solche Zahlen können nur zu einer Schlussfolgerung führen:

“Von gleichwertigen Lebensverhältnissen, wie sie unser Grundgesetz vorsieht, kann längst keine Rede mehr sein.”

Diese Verhältnisse sind Zustände, nicht nur Umstände von Einzelfällen. Diese Verhältnisse sind das Resultat einer jahrelangen Wirtschaftspolitik und Umverteilung, die fast immer auf die Stärkung der Arbeitgeber und der reicheren Teile der Bevölkerung abzielte. Und von diesen Verhältnissen, sowie den Entwicklungen, die dort hinführen und denen, die wieder hinausführen könnten, handelt dieses Buch von Ulrich Schneider, das das 50 Jahre alter Versprechen Ludwig Erhardts in seinem Titel abwandelt zu einer Frage – einer Frage, die man der Gegenwart wirklich mal mit aller Kraft um die Ohren schlagen und entgegenschleudern sollte: kein Wohlstand für alle!?

Ein Weg, der die Versäumnisse und Fehler der letzten Jahre abschreiten will, kommt am Neoliberalismus und seinen Zuarbeitern aus Lobby, Wirtschaftsweisen und Presse (und Politiker*innen) nicht vorbei.

“Eigentlich ist es schon ein ziemlich starkes Stück, was uns da an Irrationalität, an blindem und aller Vernunft widersprechendem Aberglauben in die heilenden Kräfte des Marktes abverlangt wird. Denn lassen wir die letzten Jahrzehnte noch einmal mit unverstelltem Blick Revue passieren und betrachten ganz nüchtern die Fakten, müssen wir feststellen, dass es trotz des einen oder anderen Regierungswechsels in den letzten dreißig Jahren stets die gleiche Leier war, die gespielt wurde, und zwar mit immer gleichem Ergebnis. Seit Anfang der 1980er Jahre ging es im Grunde immer nur weiter in eine Richtung – und die hieß Neoliberalismus.”

Es ist auch dieser Neoliberalismus, mit dem Schneider gehörig abrechnet. Nicht nur zeigt er auf, dass es keine Möglichkeit gibt, ihn gerecht oder auch nur fair zu nennen – seine ideologischen Strukturen, die quasi eine Oligarchie innerhalb unserer Demokratie etabliert haben, werden mit all ihren absurden Rechtfertigungen und ihrer Scheinheiligkeit für abrissreif oder zumindest für baufällig erklärt.

Auch sein Abriss der Bundespolitik der letzten Jahre kommt zu dem Ergebnis, dass die Politik längst nicht mehr abwägt, inwieweit sie dies oder jenes neoliberal sehen kann oder sollte – es wird von allen großen Parteien (ausgenommen „Die Linke“) stets neoliberale Wirtschaftspolitik gemacht, so konsequent, dass man teilweise, wenn man es ein wenig überspitzen würde, von Marionettenregierungen reden könnte (als Beispiel sei hier die causa „Schröder und Maschmeyer“ genannt).
Beispiele für Kürzungen und sonstige Umverteilungen von unten nach oben sind in diesem Buch en masse vorhanden und werden gewissenhaft erläutert. Ein Beispiel:

“Das Elterngeld [eingeführt 2007] beträgt im Prinzip 65% des letzten Monatsnettoeinkommens. Maximal werden 1.800 € ausgezahlt. Gutverdiener profitieren von dieser Umstellung ganz beträchtlich. Für den jedoch, der vor der Geburt seines Kindes nur wenig Geld nach Hause brachte oder sogar arbeitslos war, ist es eine schmerzhafte Verschlechterung. […] Doch damit nicht genug: Seit 2011 wird das Elterngeld voll auf Hartz IV angerechnet. Sprich: die Ärmsten gehen nun völlig leer aus. Das ist familienpolitische Umverteilung von unten nach oben.”

Man kann vor Herrn Schneider wirklich nur den Hut ziehen. In einer Gesellschaft, die so eingeschworen ist auf ihre wirtschaftlichen Überzeugungen, muss er sich mit seinen Ansichten oftmals sehr allein fühlen. Seine sorgsam unterfütterte, auf den politischen Gegner durchaus eingehende Studie, muss einen hohen Aufwand an Recherche und Datenverarbeitung bedeutet haben. Was alles den Lesenden zugutekommt: Das Buch liest sich klar und an fast keiner Stelle kann man größere, faktisch begründete Zweifel an seinen Argumenten oder seinen Schlussfolgerungen anmelden.

Sehr gut gefallen hat mir die Deutlichkeit, mit der in diesem Buch gesprochen wird und die nie (wie ich in diesem Text es doch dann und wann bin) polemisch wird, sondern mit Vernunft, Verstand und allerhöchstens mit leichten Anwandlungen von Fassungslosigkeit arbeitet. Auch vorbildlich: die Gründlichkeit. Schneider antizipiert und demontiert die liturgischen und phrasierten Argumente, die man seinen Thesen, Befürchtungen und Analysen entgegenhalten könnte und stellt fast immer die Frage: ist das wirklich so? Die Zahlen und die Erfahrungen sprechen dann meist von selbst eine andere Sprache und widerlegen oft problemlos die gehegten und gepflegten Dogmen der letzten Jahrzehnte, lassen sie in jedem Fall zweifelhaft erscheinen. Sie sprechen vor allem eine eigene, deutliche Sprache. Eine Sprache, die Dimensionen aufmacht, der wir uns als Solidar- und Sozialgemeinschaft nicht verschließen können.

“Die unteren 40% hatten 2012 sogar weniger Kaufkraft in der Tasche als 2002. […] Es geht beileibe nicht mehr nur um 15% Arme. Es geht um 40% unserer Bevölkerung, die von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt sind. Es geht um weite Teile unserer (ehemaligen) Mittelschicht. […] so stark, dass sich selbst OECD und Weltbank schon mahnend zu Wort melden: Die Einkommensungleichheit nehme bei uns stärker zu als in den USA.
Tatsächlich verhält es sich so, dass die reichsten 10% im Schnitt rund 1,2 Millionen € haben. Sie teilen fast 2/3 des gesamten Privatvermögens in Deutschland (63%) unter sich auf – mindestens.”

Genau das ist am Ende dieser zweihundert Seiten die Frage: wollen wir eine soziale Gesellschaft, in der alle vom Wohlstand profitieren? Und warum nicht, was spricht denn dagegen – außer der Angst vor dem Verlust von nicht gerechtfertigten Privilegien?

Es wird natürlich immer jemanden geben, der mehr hat und dieses Mehr muss ihm auch gestattet werden, Neid hilft niemandem. Aber Gier auch nicht und deswegen muss, wer mehr innerhalb einer Gesellschaft erwirtschaftet, auch mehr an sie geben, den er verdankt sein Mehr nicht nur seiner Arbeit, sondern auch den gesellschaftlichen Grundlagen, die ihm seine Geschäfte ermöglichen.
Wichtig ist, die Verfahrensweisen zu hinterfragen. Schneider schreibt über die neoliberalen Wirtschaftsmodelle:

“Es sind Wirklichkeitskonstrukte, mit deren Hilfe wir denken, über die wir aber niemals nachdenken.”

Genau dieses Nachdenken muss endlich beginnen. Wenn man ehrlich und gerecht folgert, dann steht am Ende (behaupte ich) die Überzeugung, dass unsere derzeitigen Systeme mit großen Teilen der arbeitenden und nichtarbeitenden Bevölkerung nicht gerecht umgehen. Kein Wunder, denn diese Systeme orientieren sich allein an Zahlen. Wenn jemand ernsthaft fragt, was denn eine Altenpflegerin erwirtschaftet und warum sie denn eine vernünftige Bezahlung bekommen sollte, wenn kein Mehrwert aus ihrem Tun entsteht, dem steht seine neoliberale Einstellung auf die Stirn tätowiert. Ob so jemand seinen gesunden Menschenverstand abgegeben hat, um sich diese Tätowierung leisten zu können oder es vorzieht, ihn zum Wohl seines mit Lobbygeld gefüllten Geldbeutels ein wenig auf Eis zu legen, sei dahingestellt. Fest steht:

“Wir können diese Gesellschaft nicht berechnen. Wir können sie nur gestalten.”

Und „Wir“ meint Sie, liebe Leser*innen. Nur Sie. Ich habe in meinem Leben keine Spur von Armut erfahren und Ihnen wird es zumeist ähnlich gehen. Woher ich das weiß? Diesen Text werden schon deshalb wenige Betroffene zu lesen bekommen, weil sie vom gesellschaftlichen Austausch größtenteils ausgeschlossen sind. Sie können sich keine Zeitungen leisten und lesen sich sicherlich auch keine Besprechungen zu Büchern durch, die sie sich nicht leisten können.

Deswegen ist es wichtig, dass wir nicht wegsehen. Klar, man kann sich immer irgendwie durchmogeln und viele werden sich denken: bei 40% Armen und 10% Superreichen, da bleibt doch noch die Hälfte an Platz für meine eigene Existenz, wieso sollte ich mich also beschweren?

Ich gebe zu, dass dieses Wieso für mich außerfrage steht. Und ich kann nur – schlicht und ergreifend – auf Artikel 1 + 2 des Grundgesetztes verweisen:

“(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.”

Ich lehne mich damit aus dem Fenster, aber ich behaupte: Menschenrechte werden in Deutschland zwar nicht offensichtlich mit Füßen getreten, aber ihnen wird das Wasser abgegraben. Wenn Menschen, die Vollzeit arbeiten, von ihrem Job kaum leben und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, dann sehe ich Würde und Menschenrecht nicht mehr gewahrt. Damit will ich keinesfalls die Begriffe Menschrecht und Menschenwürde überstrapazieren – mir ist bekannt, dass ihnen an vielen anderen Orten der Welt noch Schlimmeres widerfährt. Aber das kann und darf kein Argument sein, um unsere gesellschaftlichen Klüfte und Verwerfungen herunterzuspielen und nicht anzupacken.

Schwieriger sieht es natürlich bei der Frage aus: was kann man tun. Wenn man nicht zufällig Politiker*in oder Firmenchef*in ist, hat man nicht gerade großen Einfluss auf die politischen Entscheidungen in diesem Land. Dennoch gibt es Möglichkeiten. Man kann aufhören, die Lügen und Vereinfachungen neoliberaler Propaganda zu reproduzieren und anfangen, ihre Botschaften nicht mehr als Gegebenheiten wahrzunehmen; man kann sich informieren und aufgrund der Informationen neue Überlegungen anstellen, was die eigene politische Einstellung und das eigene sozial-solidarische Gewissen betrifft.

Vielleicht wählt man dann sogar anders. Ich höre immer wieder, dass manche Leute aus Protest die AfD wählen. Warum nicht mal aus Protest Die Linke wählen? Ich bin auch nicht davon überzeugt, dass diese Partei es besser machen wird als alle anderen und ob sie ihre Versprechen bei aktiver Regierungsbeteiligung einlöst, steht natürlich auch in den Sternen. Dennoch waren sie in den letzten Jahren im Parlament die einzige Opposition gegen die bestehende Wirtschaftspolitik und haben auch ansonsten Vorschläge angebracht, die einem Großteil der Bevölkerung zugutekommen würden.

Ob man nun moderat oder engagiert sein will: die Lage ist ernst. Ernster als viele Leute es sich derzeit eingestehen müssen und wollen. Die Räder drehen sich weiter, Donald Trump ist in den USA Präsident geworden, die AfD knabberte eine Zeit lang an der 20%-Marke. Das sind Anzeichen sich entladener Unzufriedenheit, die kanalisiert wird, in dem man Arme gegen Minderheiten hetzt, Angst und Frustration ausnutzt. Am Ende geht es immer um Privilegien. Wer wirklich glaubt, dass er seine Privilegien gegen die Privilegien von Geflüchteten verteidigen muss, der hat nicht verstanden, was in den letzten dreißig Jahren an Wirtschaftspolitik in Deutschland gelaufen ist und von welcher Seite seine Privilegien wirklich angegriffen wurden und werden.

Zu Josef Winklers (Un!-)Stillleben in seinem Buch “Natura morta”


Alle Wahrnehmungen ausdrücken, das kann nur die Wahrnehmung selbst, kann nur das Auge. Ein Wort kann Wahrnehmung komprimieren, von einem Wort kann eine größre Wahrnehmung sich ausdehnen, ausgehen, ein Wort kann eine Erfahrung an die Stelle einer Wahrnehmung setzen. Ein Wort schreibt sich auf die Flächen der Wahrnehmung und richtet all ihre feinsten Reflexe und Schnitte, magnetisch nach sich aus und prägt so das Muster und verfasst den Kern der Erfahrung.

Eine besondere, eigenwillige Ausformung von Wahrnehmung als Sprache (und Sprache als Wahrnehmung) begegnet einem in Josef Winklers Natura morta. Hier gehen einem nicht die Augen, hier geht einem die Sprache über. Unter filigranen und zugleich ausufernden Bögen – gebaut, gemauert, aus Naturalien und Adjektiven – schwenkt uns Winkler in einer Schüssel aus Schweiß, Verlangen, Reliquien, aus Mode, Marter und Müll, macht uns zum Inhalt eines direkten und abschweifenden Blicks, der durch römische Märkte und menschliche Niederungen kreuzt.

Kaum ein Moment dieses großen Schweifens, gelegentlichen Schöpfens und dann wieder Wegdriftens, lässt sich wirklich im Leser nieder. Wie ein Fremder und nur brüchig Eingeweihter halten wir uns die Linse der Erzählung vor das Auge, erfassen immer wieder Personen, Szenen, finden unsern Abstand verringert und vergrößert, verweilen fast bei einem Moment, dann wird uns wiederum der Kopf verdreht, in eine andere Richtung, in eine andere Geschichte hinein, die sich nie ganz erzählen wird, aber an diesem Punkt, in diesem Moment, in eine große Wirklichkeit gehört. Informationen und Andeutungen mischen sich und werden aufgetragen auf das Gesicht der Stadt, des kleinen Marktviertels, des vatikanischen und elendigen Alltags.

Winklers Buch ist, wie schon oft betont, ein sinnliches Erlebnis, aus einer Sprache steigend, die halb Rhetorik, halb Unnachgiebigkeit ist. In einem Vorbeirauschen und doch Mosaikwerden, werden wir auf eine Gedulds- und Faszinationsprobe gestellt. Wer eine klassische Geschichte sucht, ist in diesem Buch so verloren, wie einer, der in einer Stadt wie Rom das Antike in den Elendsvierteln sucht. Und doch hat dieses Buch eine ganze Reihe von Geschichten zu bieten, nur eben nicht wohlsortiert, sondern in die Eindrucksschneisen eingesät, aufblitzend und in der Erde strampelnd.

Es wäre zu viel des Guten wollte man Winklers Buch ganz hoch in den Himmel loben. Aber es hat etwas Elementares, etwas Lebensgerechtes, das man nicht alle Tage lesen kann und aus dem das Anrecht auf das Wort Literatur nicht wegzudiskutieren ist. Alles in allem wälzt sich das Buch ab und zu nur so vor sich hin, aber immer wieder geht dann ein Reiz von ihm aus, eine Geschichte kündigt sich an, verschwindet im Gedränge der Wahrnehmungen und lässt einen neue Untiefe zurück.