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Zu den Gedichten Jean Genets


Jean Genet Gedichte
“Der Zufall – der größte! der Zufälle ließ zu oft
Aus meiner Feder ins Herz meiner Gedichte
Die Rose fließen mit dem Wort Tod, das aus ihren weißen Armbinden”
Gestickt die schwarzen Krieger tragen, die ich liebe.”

Im Prinzip sind die Gedichte Jean Genet Gesänge, ausschweifende Balladen, die gleichsam einzigartig sind und doch an die französischen Lyrik-Traditionen von Comte de Lautréamont (Gesänge des Maldoror) über Charles Baudelaire bis zu Arthur Rimbaud anknüpfen. Wer dieser Tradition und ihre Erzeugnisse schätzt, der kann bedenkenlos zugreifen. Leuten, die Genets Romane mit all ihrer Wucht, Kasteiung und Abgründigkeit, all ihrer Poesie schätzen, werden die Gedichte wie Liedpassagen aus diesen Romanen vorkommen, wie Ergänzungen, Overtüren und Vertonungen.

Rimbaud steht Genet vielleicht noch am nächsten, mit ihm hat er die schwelgerische Dichte gemeinsam und ebenso wie bei Rimbaud steht bei Genet das Außenseitertum, das Ausgestoßensein, allerdings noch einmal extremer, im Zentrum. Seine lyrischen Ichs erzählen von Qualen und Schmerzen, Schönheit und Begehren. Gefängnisse und Gefangene, der Liebe oder der Justiz, sind hier keine Seltenheit.

“Das Wasser der Einsamkeit
hält mich reglos und füllt das Gefängnis.”

Auch Sünde und Heiligkeit, Homosexualität und Körper in Lust und Gewalt, sind feste Motive in Genets (lyrischer Welt). Wer drastische und kühne, dabei durchaus mitunter blumige, Lyrik mag, der wird voll auf seine Kosten kommen. Genets Poesie zieht nicht einfach vorbei, sie fordert, rückt vor und stößt an, sprudelt über, glänzt dunkel. Mitunter ist sie unglaublich schön, dann wieder verwegen, auch dann und wann etwas überbordend. Ein besonderes literarisches Erlebnis zweifelsohne.

“Schwarzer Granitfels auf dem Wollteppich,
Eine Hand auf seiner Hüfte, höre ihn gehen.
Gehe zu der Sonne seines sündelosen Körpers,
Und streck dich ruhig aus am Rand seiner Fontäne.”

Inhalt:

Zweisprachig enthalten sind die sieben Zyklen:

La condamné à mort / DER ZUM TODE VERURTEILTE
Marche Funèbre / TRAUERMARSCH
La galère / DIE GALEERE
La parade / DIE PARADE
Un chant d’amour / EIN LIEBESGESANG
Le pêcheur du Suquet / DER FISCHER VON SUQUET
Le funambule / DER SEILTÄNZER

Ich empfehle außer Genets eigenen Werken sehr die Lektüre von Josef Winklers “Das Zöglingsheft des Jean Genet”

Zu den Essays und Kritiken zur frz. Literatur in Hanns Grössels “Im Labyrinth der Welt”.


Im Labyrinth der Welt Die meisten werden Hanns Grössel als Übersetzer kennen, vor allem als Übersetzer der Werke des schwedischen Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer; sehr verdient machte er sich, auf dem Gebiet der Übersetzungen, auch noch um Inger Christensen und Raymond Roussel. Neben dieser Übersetzungs-Tätigkeit hat er auch in zahlreichen Artikeln und Essays die Klassiker und Neuerscheinungen der französischen und skandinavischen Literatur besprochen. Er verstarb 2012. „Im Labyrinth der Welt“ versammelt die Texte zur frz. Literatur, ein Band mit Texten zur skandinavischen Literatur folgt im September 2018, ebenfalls beim Lilienfeld Verlag.

Für mich war schon dieser Band eine hellleuchtende Freude. Nicht nur, weil hier einige Autor*innen besprochen werden, zu denen man sonst wenige Besprechungen und essayistische Texte in die Finger bekommt (wie etwa Georges Perec, Michel Leiris, Marguerite Yourcenar oder Raymond Queneau), sondern auch weil mir Grössels Art zu Rezensieren sofort sympathisch war. Er liefert genau jenen Mix aus Hintergrundinformation und Aspektaufgreifen, der einen Sekundärtext anregend macht und ansatzweise eine Vorstellung des Leseerlebnisses transportiert, eine Idee von dem Kosmos vermittelt, in dem sich diese Literatur bewegt.

Viele der Texte sind Rezensionen und meist nicht länger als 3-5 Seiten. Es gibt aber auch einige umfangreichere Texte, von denen der stärkste wohl ein längerer Essay zu der Person und dem Werk von Louis-Ferdinand Céline ist, einem bis heute ja sehr umstrittenen Autor, auf den man gut Marcel Reich-Ranickis Satz über Ernst Jünger („Dass der Mann schreiben kann, macht die Sache nicht einfacher“) anwenden könnte – vielleicht trifft er auf Céline sogar mehr zu, denn auf Jünger. Grössel gelingt es in seinem Text, die Problematiken von Célines Person aufzugreifen und in allen Facetten abzubilden – und trotzdem eine Faszination für das Werk und den Autor zu wecken.

Neben Iris Radischs jüngst erschienenem Buch („Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben“) über die Bücher und Autor*innen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, ist dies hier sicherlich die beste Sammlung mit Texten zur französischen Literatur. Die beiden Bücher ergänzen sich sogar fabelhaft, denn wo Grössel ein Auge für die Außenseiter*innen hat, die Spezialist*innen (und außerdem bereist das 19. Jahrhundert mitabdeckt), hat Radisch eher die akkreditierten Literat*innen porträtiert.

Ich kann diese Sammlung zur jedem ans Herz legen, der sich mit den vielen Gesichtern der frz. Avantgarde und den Entwicklungen der französischen Literatur auseinandersetzen will. Es sind natürlich Streiflichter, die hier geboten werden, keine formvollendete Literaturgeschichte. Aber das Labyrinth der Welt lässt sich wohl auch schwerlich als Ganzes abbilden.

 

Zu Baudelaires “fleurs du mal”


“Mir ist, als hätte ein Jahrtausend ich geschaut.
Nie barg ein Schrank, darin der Akten Flut gestaut,
Wo Liebesbriefe sich, Urkunden, Blätter schichten,
Mit Haaren, die verpackt in Scheine, mit Gedichten,
Mehr Heimlichkeiten als mein Hirn, mein müdes, kennt.
Es ist ein Königsgrab, ein Riesenmonument;
Nicht eine Massengruft bedeckt so viele Leichen.”

Die Blumen des Bösen, die “les fleurs du mal”, werden, übergreifend, von nahezu allen westlich-europäischen Ländern als einer der wichtigsten Eckpfeiler (wenn nicht sogar der Beginn) der modernen Dichtung angesehen; von Arthur Rimbaud bis Paul Celan reicht die Spanne der von diesem Werk inspirierten und beeinflussten Autoren; Gedichte wie “Der Albatros” und “Die Katze”, “Das schöne Schiff” oder “An eine rothaarige Bettlerin” gehören zum Kanon des Allgemeinwissens in puncto Lyrik und die kunstvoll finstren, ornamentenen Wendungen und Reime des Werkes haben inhärent Worte wie “Kunstvoll” und “Lyrisch” auf ewig für sich eingenommen und geprägt.  Und bei aller Kritik, die sich mit der Zeit gegen jedes Werk aufbaut – die Blumen des Bösen werden bleiben. Denn sie waren mehr als nur der erste Schritt in eine neue Richtung. Sie waren auch ein bedeutender Versuch mit intellektueller Durchdringung weltlichen Fragen in Reimen nahe zu kommen – eine Tradition unter der die moderne Dichtung sich zu großen Teilen heute eingefunden hat.

“Zwei Krieger stürzen aufeinander; ihre Klingen
Durchstieben rings die Luft mit Funken und mit Blut.
Dies Spiel, dies Klirren ist das lärmerfüllte Ringen
Der Jugend, die verzehrt von wilder Liebesglut.”

Wenn man heute davon spricht, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, bedeutet das meistens, dass man nicht bei Gelegenheit kein Blatt vor dem Mund nimmt, sondern immer und prinzipiell.
Charles Baudelaire, Dandy und Dichter, opiumsüchtig und in Frankreich neben eigenen Werken auch berühmt für die Entdeckung und Übertragung der Werke Edgar Allen Poes, lehrt einem in diesem Werk hier, was es wirklich heißt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen – es heißt nämlich die Akzente richtig zu setzten, das Gefühl der Offenheit zu vertiefen und zu verschleiern, es nicht bloß auszunutzen, sondern zu zelebrieren und trotzdem subtil, allumfassend aufzutun, in seiner Nacktheit, seiner Dunkelheit, seiner Boshaftigkeit und seiner Schönheit. Denn der Reiz aller Dinge, das weiß Baudelaire, ist oft zwischen den Krallen des Seins und den Händen des Scheins in einer Art von Vermeintlichkeit gefangen, aus der man es entreißen muss – am besten mit Versen.

“Denn klarer kann sich, Herr, kein Zeugnis offenbaren,
Das unserm innern Wert je eine Stimme leiht,
Als dieser glühnde Schrei, der rollt von Jahr zu Jahren
Und sterbend untergeht am Rand der Ewigkeit.”

Das Leben, für beinahe jeden Dichter heute der Dreh- und Angelpunkt seines Werkes, das Ding für das es Metaphern, Bilder und Sinn zu finden gilt, für das Gebilde selbst und für all seine Stellvertreter, durch die hindurch man das Leben aus dem Augenwinkel oder exemplarisch wahrnehmen und spüren kann – Baudelaire besingt es hier in vier Zeilen, er wirft es hin und her zwischen Eindrücken und Feststellungen.

“Unendlichkeit seh fahl ich durch die Fenster strahlen,
Und meine Seele, die es schwindelt, füllt mit Neid
Das wesenlose Nichts in seiner Einsamkeit.
O! niemals mehr sein als Geschöpfe und als Zahlen.”

Die Blumen des Bösen mögen oft als Gesänge des Unmuts, der Lüsternheit und der Verkommenheit angesehen werden. Doch das erklärt nur den einen Teil ihres Welt. Auf der anderen Seite steht die tiefe Versponnenheit, die nachdrückliche Sehnsucht und Malerei, die bis zur Zärtlichkeit reicht – wer sich in die erst wirr und trunken anmutenden Verse einliest, wird schnell herausfinden, dass sich im Zentrum des Sturmes eigentlich jene kleinen Geschehnisse von Schicksal und Schönheit befinden, nicht Wollust und Prunk.

Klagen, Sehnsucht und Angst: oft treten sie in einem Fell von Wut und Begierde, Hass und Flucht den Sturm nach vorne an. Baudelaire versteht es, diesen schwierigen, psychologischen Erbe eine Bühne zu bieten – natürlich mit Vorliebe auch für das Erotische, so in diesen Zeilen, in denen er auf die Zweischneidigkeit der Weiblichkeit hinweist:

“Ihr magres Schlüsselbein umschmiegen leichte Spitzen,
Gleich einem üppigen Bach, der sich am Felsen reibt,
Und sittsam bergen sie vor possenhaften Witzen
Den unheilvollen Reiz, der tief verborgen bleibt.”

Die Blumen des Bösen sind ein Gedichtband, der wegweisend war und auch heute noch wunderschöne Wendungen an Reimen und Eindrücken zu bieten hat, und auch lehrreich ist für die Begegnung mit der psychologischen Tiefe vom Leben und vom Bösen. Zweifelsohne ist es schwierig in diesem dunklen Meer zu baden, ohne sich zu fragen, warum es immer wieder ins Abgründige umschlägt. Aber dass ist die Eigenschaft des Meeres: Es ist weit, groß, schön und immer abgründig, je mehr, desto weiter man sich hinauswagt; und darin schwimmen heißt stets bis zum Hals über dem Abgrund zu schweben.

“Und es erschrak mein Herz, manch Armen zu beneiden,
der glühnden Eifers stürzt zum Abgrund des Gerichts,
Und der, von seinem Blut berauscht, die grimmsten Leiden
dem Tode vorzieht und die Hölle selbst dem Nichts.”

Nachtrag, zur Problematik der Übersetzungen:

Für meine Lektüre griff ich auf die Anaconda-Version des Werks zurück (die übrigens nur 100 der Gedichte enthält), die die allerersten Übersetzungen von Wolf Graf von Kalckreuth enthält. Diese sind, zugegeben, etwas schwerer zugänglich als alle anderen (und, und darüber möchte ich nicht urteilen, möglicherweise auch nicht ganz astrein übersetzt – wer also unbeding genau das Lesen will, was Baudelaire geschrieben hat, möge sich noch gedulden bis er wieder aufersteht, Deutsch lernt und es selber übersetzt), jedoch gefällt sie mir, weil ich das Gefühl habe, dass die Ambivalente Stimmung von Baudelaires Gedichten in dieser Übertragung sehr gut eingefangen scheint.

Aber trotzdem möchte ich hier gerne jedem die Chance geben, selber zu vergleichen:
Die letzte Strophe aus “Don Juans Fahrt in die Hölle/Unterwelt” gilt als besonders schwierig zu übersetzende Stelle; hier das frz. Original + die 4 Lösungen, die ich bisher dazu lesen durfte:

“Tout droit dans son armure, un grand homme de pierre
Se tenait à la barre et coupait le flot noir ;
Mais le calme héros, courbé sur sa rapière,
Regardait le sillage et ne daignait rien voir.”
-Original-

Ein großer Mann von Stein, sein voll Gewaffen zeigend,
Stand an dem Steuer, das die schwarze Flut durchquert;
Jedoch der stille Held, auf sein Rapier sich neigend,
Sah in den Strom und hielt nichts seines Blickes wert.
(Kalkreuth, 1907 – vollständig nachzulesen: http://ngiyaw-ebooks.org/ngiyaw/baudelaire/blumen/blumen.pdf)

Ein grosser fremder Mann, in Stahl die Glieder,
Lenkte das Steuer, steinernen Gesichts.
Der bleiche Held beugte aufs Schwert sich nieder,
Betrachtete die Flut und weiter nichts.
(Terese Robinson, 1925 – vollständig nachzulesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/1363/1)

Ein mann aus stein in voller rüstung lenkte
Das steuer und durchschnitt die schwarze flut –
Der stille held jedoch aufs schwert sich senkte ·
Er hat dies alles nicht zu sehn geruht.
(George, Umdichtung 1930 –
vollständig nachzulesen: http://www.zeno.org/Literatur/M/George,+Stefan/Gesamtausgabe+der+Werke/Baudelaire.+Die+Blumen+des+B%C3%B6sen/Tr%C3%BCbsinn+und+Vergeistigung/XV+Don+Juan+in+der+H%C3%B6lle)

Aufrecht in seiner Rüstung stand gewaltig ein Mann aus
Stein am Steuer, das die schwarze Flut durchschnitt, doch
unbewegt der Held, auf sein Rapier gestützt, sah auf die
Spur im Strome und geruhte anders nichts zu sehn.
(1966, Friedhelm Kemp, Fischer Bücherei Prosaübersetzung)

Wenn jemand noch eine Übersetzung beisteuern will, kann er mir gerne schreiben.

Weitere Baudelaire-Übersetzungen:

Nachdichtung von Stefan Zweig in Rhythmen: Nachdichtungen ausgewählter Lyrik
http://www.lyrik.ch/lyrik/spur3/baudelai/baudel2.htm
http://www.cool-artists.de/madonnaweiss/uebersetzungen/spleen2_baudelaire.htm
http://home.arcor.de/berick/illeguan/baude1.htm