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Zu “Der Prozess” von Gisela Friedrichsen


Der Prozess „Die Erwartungen waren übergroß. Es sollte ein historischer Prozess werden, einer von außergewöhnlicher Dimension, ein Mahnmal. Denn erstmals seit dem Ende des NS-Regimes standen wieder Nazis vor Gericht unter dem Vorwurf, allein aus rassistischen Gründen gemordet zu haben oder in solche Mordtaten verwickelt gewesen zu sein. Die Abgründe und das Ausmaß der modernen Hitlerei sollten nun endlich ans Licht der Öffentlichkeit kommen.“

So beschreibt Gisela Friedrichsen im Vorwort die Erwartungen der Medien und gibt gleichsam die (überzogene) Vorstellung der Mehrheit der Bevölkerung, den Prozess betreffend, wieder.

Natürlich will auch sie die Symbolkraft und Bedeutung des Prozesses und seiner Thematik nicht kleinreden, aber ihrer Darstellung ist von Anfang an klar anzumerken, dass sie, als erfahrene Berichterstatterin, schon weiß, dass ein Prozess in manchen Momenten zwar einem Schauspiel gleichen mag, bei dem viel offenbart wird, nicht bloß im Bereich des Verhandelten, aber dennoch ein Gericht kein Verhandlungsort der moralischen oder gesellschaftlichen Debatte ist, sondern der Ort, an dem Beweisführung und Rechtsauslegung stattfinden, mit dem Ziel, einige klar umrissene Anklagen zu be- oder zu widerlegen.

Dies führt sie in ihrem Vorwort aus und schließt nüchtern und bestimmt mit der ebenso klar umrissenen Absicht des Buches:

„Es soll gezeigt werden, anhand welcher Indizien und Aussagen das Gericht zu der Überzeugung gelangte, der Kern des NSU habe aus nicht mehr als drei Personen bestanden, die, zwar nicht ohne Mithilfe, aber doch ohne konkretes Mitwissen anderer, die Verbrechen begingen.“

Nach Eva Menasses Bericht über den Prozess David Irving gegen Deborah Lipstadt (dem sogenannten Holocaust-Prozess), war dies erst meine zweite Lektüre eines Gerichtsprotokolls. Wobei die Bezeichnung Protokoll irreführend ist – wäre das Buch ein Protokoll des Prozesses im engeren Sinne, hätte es wohl nie in Buchform erscheinen können; allein Friedrichsen hatte am Ende der 5 Prozessjahre 80 DinA4 Hefte mit Notizen vollgeschrieben.

Auf den dreihundert Seiten von „Der Prozess“ findet sich mehr so etwas wie die Quintessenz, ein geschilderter Ablauf des Verfahrens, gegliedert nach Jahren und untergliedert in einzelne zentrale Verfahrenspunkte. Zeug*innenaussagen, Stellungnahmen, Einwürfe und Plädoyers werden zwar durchaus wörtlich zitiert, oft werden Aussagen aber subsummiert, Entwicklungen zusammengefasst.

Friedrichsen gelingt ein durchaus anschauliches Portrait des Prozesses und seiner Charaktere, angefangen beim Vorsitzenden Manfred Götzl, den sie vielleicht einmal zu oft lobt und in Szene setzt (der aber wohl ein dankbarer Kandidat für derlei ist), über die Ankläger*innen und Verteidiger*innen bis zu den Zeug*innen. Auch die wichtigen Momente, Umbrüche und Wendungen, hebt sie gut hervor, wobei sie manchen, teils aberwitzigen, aber auch sehr bedenklichen Zeug*innenaussagen vielleicht etwas viel Raum einräumt (wobei gerade derlei natürlich Unterhaltungswert hat).

Auch die Beschreibungen der Schwierigkeiten des Verfahrens – Zschäpes Zerwürfnis mit ihren Verteidiger*innen, die Befangenheitsanträge en masse, die vielen Anträge der Anwält*innen der Nebenkläger*innen – kommen nicht zu kurz. Zusätzlich übernimmt Friedrichsen noch eine reflektierende Funktion, in dem sie immer wieder Fragen zu den gerade gemachten Aussagen aufwirft und auch auf die unbeantworteten von ihnen hinweist.

Wer sich mit dem NSU auseinandersetzen will, den Verbrechen und den Hintergründen, der Entstehung und dem Umfeld, für den wird das Buch wohl eher nicht genug bereithalten, wobei durchaus einiges zutage tritt, vieles kann aber im Prozess nicht genug verfolgt werden. Wer sich aber tatsächlich über den Prozess und seine Hintergründe, seine Ausläufer und die darin angestellten Überlegungen und festgestellten Tatsachen gesammelt informieren will, der wird wohl kein besseres Buch als dieses finden.

Open Mike 2019 & Anthologie


Open Mike Ich war live beim Open Mike 2019 in Berlin dabei, habe alle Texte gehört und zu jedem ein kurzes Eindrucks-Fazit verfasst. Die Texte findet man hier auf Fixpoetry:

Zu Samstag

Zu Sonntag

Es lohnt sich dieses Jahr, die Anthologie zu kaufen, denn es waren viele starke Beiträge am Start.

George Orwells Bericht “Mein Katalonien”


“Ich war nach Spanien gekommen, um Zeitungsartikel zu schreiben. Aber ich war fast sofort in die Miliz eingetreten, denn bei der damaligen Lage schien es das einzig Denkbare zu sein, was man tun konnte. […] Man hatte den Japanern erlaubt, in der Mandschurei zu tun, was sie wollten. Hitler war zur Macht gekommen und fuhr fort, die politischen Gegner aller Schattierungen zu massakrieren. Mussolini hatte die Abessinier bombardiert, während dreiundfünfzig Nationen abseits standen und fromme Sprüche von sich gaben. Aber als Franco versuchte, eine gemäßigt links orientierte Regierung zu stürzen, lehnten sich entgegen allen Erwartungen die spanischen Menschen gegen ihn auf. Es schien die Wende der Flut.”

Fast vier Monate lang blieb George Orwell in der katalonischen Miliz, bei einer Abteilung der anarchistisch-sozialistischen Arbeiterbewegung, erlebte die Front, das Lazarett und zuletzt die Straßenkämpfe, politischen Verwicklungen und Propagandaschlachten in Barcelona. Seine Schilderungen und Analysen zu letzterem bilden das wirkliche Kernstück dieses Buches und sind sein großer Verdienst, bis heute.

“Es war nämlich vor allen Dingen ein politischer Krieg. Kein Ereignis, besonders aus den ersten Jahren, ist verständlich, ohne eine Gewisse Kenntnis von dem Kampf zwischen den Parteien, der sich hinter der Frontlinie der Regierungsseite abspielte.”

Der spanische Bürgerkrieg wird in der historischen Betrachtung meist leichtfertig zusammengefasst als Kampf von Demokratie gegen Faschismus, als ein Aufbegehren von liberalen, kommunistischen, sozialistischen, demokratischen Elementen gegen die Flut des Totalitarismus. Aber gerade der ideologische Kampf auf Seiten der republikanischen Seite, der (zumindest in Katalonien) einen Bürgerkrieg in sich darstellt, wird dabei gerne verschwiegen; es wird gerne ausgespart, dass im republikanischen Spanien der Jahre 1937-38 eine der größten kommunistischen Säuberungsaktionen des 20. Jahrhunderts stattfand und einige anarchistische Arbeiterschaft-Verbände mit Terror und Willkür unterdrückt wurden.

Orwell kam im Dezember 1936 nach Barcelona, das Buch erschien 1938, noch bevor der Krieg beendet war. Es ist daher kein umfangreicher Bericht über den Bürgerkrieg selbst und auch keine Analyse des Kriegsverlaufes. Es ist ein persönlicher Erlebnisbericht aus dem Räderwerk des Bürgerkriegs, nicht nur des Fronteinsatzes, sondern vor allen Dingen der politischen Prozesse, die währenddessen abliefen.

Als Orwell nach Barcelona kommt, hat die Arbeiterschaft dort eine fast perfekte sozialistische Utopie umgesetzt. Es gibt keine Unterschiede in Sold und Gehalt mehr, alles liegt in den Händen der Arbeiter. Er tritt der anarchistischen Arbeitermiliz P.O.U.M. bei und geht an die Front. Als er ein paar Monate später zurückkehrt, haben sich sowohl die realpolitischen Verhältnisse geändert, wie auch die gesellschaftlichen. Alles war wieder zum bourgeoisen Standard zurückgekehrt. Orwell zog die richtigen Schlüsse und erkannte früh, was ein Problem des 20. Jahrhunderts war und ein Erbe geworden ist, das das 21. Jahrhundert weiterhin mitträgt:

“Im Namen der Demokratie gegen den Faschismus zu kämpfen, heißt, im Namen einer Form des Kapitalismus gegen eine andere zu kämpfen, die sich zu jeder Zeit in die erste verwandeln kann. Die einzig wirkliche Alternative zum Faschismus ist die Kontrolle durch die Arbeiter. Wer sich irgendein kleineres Ziel als dieses setzt, wird entweder Franco den Sieg aushändigen oder im besten Falle den Faschismus durch die Hintertür hereinlassen.”

Der Kapitalismus und die staatliche Gewalt sind, wie Orwell aufzeigt, die wesentlichen Probleme und die wesentliche Unterdrückung der menschlichen Gesellschaft. Später wurden die Arbeiterverbände nicht nur aus der Regierung gedrängt, sondern vollständig aufgerieben, verhaftet, in Kerkern zum dahinvegetieren verdammt oder insgeheim erschossen. Die linke Presse in aller Welt druckte damals munter die kommunistische Propagandalüge, dass alle Mitglieder der Anarchisten geheime Handlanger Francos sein – eine Behauptung die nicht falscher sein konnte, lagen doch zum größten Teil Mitglieder der anarchistischen Miliz zu der Zeit an der Front und hielten sie.

“Als eine der traurigsten Wirkungen dieses Krieges erkannte ich, dass die Presse der Linken bis ins kleinste genauso falsch und unehrlich ist wie die der Rechten. […] Das ist in allen Kriegen immer dasselbe. Die Soldaten kämpfen, die Journalisten schreiben. […] In Wirklichkeit unterliegt jeder Krieg mit jedem Monat, den er länger dauert, einer gewissen sich steigernden Entartung. Begriffe wie individuelle Freiheit und wahrhaftige Presse können einfach nicht mit dem militärischen Nutzeffekt konkurrieren.”

Orwells Buch ist ein verdammt wichtiges Dokument und eine Lektion in Antipropaganda und wider der historischen Geschichtsschreibung, die sich der Wirkungen verpflichtet sieht und nicht der Ursprünge und der Schicksale, Tatsachen und Ideen, die auf der Strecke bleiben. Es ist kein besonders spannendes Werk, teilweise auch nicht gerade großartig geschrieben, aber in seiner unaufgeregten und völlig unheischenden Dimension gewinnt es einen Grad an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit für sich, der mich sehr beeindruckt hat. Orwell schreibt am Ende, dass man seine Ausführungen kritisch hinterfragen soll und er meint es völlig Ernst. Und doch öffnet er einem mit dem Buch eine Sicht auf ein völlig verstelltes Kapitel des spanischen Bürgerkriegs und des zivilen und gesellschaftlichen Kampfes im 20. Jahrhundert. Und legt den Finger auf eine Frage, dessen Antwort weiterhin auf sich warten lässt: Wie kann man gewährleisten, dass die Interessen von allen in einem staatlichen Konzept gehört und bedacht werden?