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Zu “Ungestraft unter Palmen” von Hans Christoph Buch


„Sich vom Eurozentrismus zu distanzieren, gehört fast schon zum guten Ton, aber ein Rückblick auf die Agenda des Jahres 2014 zeigt, wie selektiv unser kulturelles Gedächtnis war und ist. Zwar wurde bis zum Überdruss an 1914 erinnert, doch die Schlacht von Dien Bien Puh 1954, die Frankreichs Präsenz in Asien beendete, fiel ebenso unter den Tisch wie die 1884 von Bismarck einberufene Kongo-Konferenz, auf der Europas Großmächte Afrika wie eine Schokoladentorte aufteilten – die Sprach- und Siedlungsräume durchschneidenden Grenzen haben bis heute Bestand.“

Um es von vornherein auf den Punkt zu bringen: dieses Buch ist eine Fundgrube, eine literarisch-essayistische vielfältige Show, die großes Lesevergnügen bietet. Ich mag die feine Selbstverständlichkeit, mit der Buch sich durch die Weltliteratur bewegt, und ganz gleich, ob er bei den Klassikern verweilt oder Entlegenes und Unbekanntes einer Betrachtung, Ausschöpfung und Skizzierung unterzieht – seine beschwingte Begeisterung garantiert lesenswerte, inspirierende Exkursionen.

„Ungestraft unter Palmen“ ist aber auch ein breites Sammelsurium und die einzelnen Texte stammen aus vielen unterschiedlichen Zusammenhängen. Interviews, Biographisches, Rezensionen, Studien, Essays, Mischformen bilden einen gemeinsamen Inhalt, der durch nichts konsequent zusammengehalten wird (wenn auch Ober-Kapitel ein paar lose Einteilungen abstecken).

Dies sollte man dem Buch nicht zum Vorwurf machen: In dieser, ins Thema preschenden, formalen Freiheit, die schnelles Aufziehen und Verknüpfen einschließt, ist Buch schließlich in seinem Element, hier gelingen ihm Illumination und kurzweilige Tiefe. Da seine Begeisterung und sein großes Register an Anekdoten und Verweisen ungeheuer ziehen, vermisst man den Rahmen eher selten.

Nur am Ende, habe zumindest ich ihn vermisst, weil sein Fehlen es schwerer macht, die Lektüre als Gesamtes zu rekapitulieren; der Text strömte beim Lesen vorbei und ergriff mich mit diesen Strömungen, aber ich schwamm selten selbst, wurde mitgezogen, mitgerissen, in Bann geschlagen, aber selten meinen eignen Gedanken überlassen; Buch leiert vieles gut an, weil er es aber nicht unbedingt konsequent selbst verfolgt, bleibt es ein Funke, der in den Lesenden nicht unbedingt zur Flamme reift.

Trotzdem ist „Ungestraft unter Palmen“ sehr lesenswert, vor allem weil es tatsächlich vielerlei Wege in die Welt der Literatur bahnt, Trampelpfade und Alleen, und dabei nicht nur gegen eurozentristische Klischees vorgeht, sondern allgemein eine diverse Perspektive forciert und erschafft – etwas, dass es dringend braucht. Denn, wie Buch Alexander von Humboldt zitiert:

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“

Und nicht differenziert genug angesehen haben. Literatur ist im besten Fall die differenzierte Weltbetrachtungsschule par excellence. Das zeigt Buch wunderbar auf und sein Buch zählt selber zu jenen, die Bewusstseinsgrenzen erweiternden Werken.

Zu Alberto Manguels Essays und Betrachtungen in “Im Spiegelreich”


Indem wir Wörter mit Erfahrungen paaren und Erfahrungen mit Wörtern, durchforschen wir Leser die Geschichten, in denen etwas nachhallt, die uns auf eine Erfahrung vorbereiten oder uns von packenden Abenteuern erzählen, die wir niemals anders erleben werden (wie wir nur zu gut wissen) als auf dem Papier. Dementsprechend ändert sich mit jeder Lektüre unsere Vorstellung von dem Buch, das wir uns vorgenommen haben.

Seit ungefähr zwei Jahren zähle ich den Literaturliebhaber und vielseitigen Essayisten Alberto Manguel zu meinen Lieblingsautoren; für mich stehen seine Bücher gleichberechtigt neben den (natürlich umfassenderen, universelleren) Essay-Werk von Jorge Luis Borges (Borges verliebt sein ist einer der Essays in diesem Band gewidmet). Ich kann nur jedem empfehlen “Die Bibliothek bei Nacht”, “Eine Geschichte des Lesens” und, allen voran, das Büchlein “Eine Stadt aus Worten” zu lesen. Viel Feinsinn und viel Anregung erwarten alle Lesenden.

„Im Spiegelreich“ habe ich in den letzten beiden Jahren immer wieder gelesen, mal einen Text, mal hundert Seiten am Stück, mal nur eine Passage; das Buch blieb eine Fundgrube, eine immer wieder gern zur Hand genommene Beschäftigung und ich habe mich auf sehr unterschiedliche Weise mit den Texten auseinandergesetzt.

Ich möchte nicht die ganze Geschichte dieser Auseinandersetzungen hier auswälzen. Fest steht, dass in diesem Buch eine Sammlung von Artikeln, Betrachtungen, Portraits, Rezensionen und Essays zusammenkommt, die eine beachtliche Anzahl von Ideen & Ansätzen zur Literatur und ihrer Umgebung ausarbeitet, bedenkt und widerspiegelt; mannigfaltiger als bei jedem anderen Band, den ich kenne. Letzteres ist nicht nur ein Qualitätsmerkmal, denn mancher Gesichtspunkt ist weniger gut ausformuliert, mancher Text hat eher den Charakter eines Einwurfs, einer Anmerkung oder verliert sich in seiner Agitation.

Nichtsdestotrotz: ein paar dieser Texte sind Gold wert. Sie umkreisen politische, ästhetische, gesellschaftliche, historische und biographische Dimensionen, fesseln manchmal durch das Beziehen einer klaren Position, oft aber auch durch das feine und nicht abschließend wertende Ausloten und -balancieren einer Idee. In jedem Fall enthalten Manguels Exkurse und Meditationen die eine oder andere Epiphanie. Denn Literatur, das ist der Gang ins Spiegelreich. Und wie verblüfft sind wir, wenn sich ein solcher Spiegel manchmal als Fenster mit einer wunderbaren Aussicht und manchmal als Mikroskop, dann wieder als gebogene Linse erweist, mit deren Hilfe wir alles ein bisschen klarer sehen können.

Wahres Erleben und wahre Kunst (mag dieses Adjektiv auch noch so unbequem geworden sein) haben eines gemeinsam: Sie umfassen immer mehr, als wir begreifen, mehr sogar als unsere Begriffsfähigkeit. Ihre Dimensionen liegen immer ein wenig außerhalb unserer Reichweite, wie es die argentinische Dichterin Alejandra Pizarnik einmal beschrieb:

Und wenn die Seele fragen würde, um wieviel weiter? Müsstest du antworten: Bis zum anderen Ufer des Flusses, aber nicht dieses Flusses, sondern des Flusses danach.

Don Paterson und sein Band “Weiß wie der Mond”


“Gedichte übersetzen das Schweigen und finden Worte, wofür es keine Worte gibt. Sie füllen Lücken mit… Liedern, die wir eigentlich nicht hören dürfen.”
Don Paterson

“Remember, brother soul, that day spent cleaving,
nothing from nothing, like a thrown knife?
Then there was no arriving and no leaving,
just a dream of a disintricated life –
crucified and free, the still man moving,
the balancing his work, the wind his wife.”
(Aus: Schlittschuhlaufen auf Loch Ogil)

Ausgerechnet der vielleicht größte amerikanische Dichter unserer Zeit, Charles Simic, sagte über dieses Buch: “Wenn sie mich fragen, ob große Gedichte überhaupt noch geschrieben werden, dann müssen sie nur die Gedichte von Don Paterson lesen.”
Denn eine so vielgestaltige und vielschichtige, in gleichen Teilen klassische, antagonistische und moderne Dichtung, die sich wegen ihrer Bandbreite allein schon dem Begriff der Größe nähert, gibt es in diesen Zeiten selten – eine Dichtung, die Wahrheit nicht zwanghaft mit Schönheit verbindet (aber sie doch oft zusammenbringt und wieder auseinandersprengt), nicht Reim mit Gesang, sondern ganz eigen und auf virtuose Weise radikal, stets ihren eigenen Diktionen folgt.

“Die Gegenwart ist eine Scheibe,
an die ihr die Stirn lehnt, wobei ihr heimlich
das Wörtchen >jetzt< schreit. Vielleicht
ist die Gegenwart eine Zimmerwand,
durch die ihr die Geister stoßt, die ihr sofort
wieder zu euch zurückholt. Die Gegenwart
ist eine Wand, vor der ihr zwischen Nichts
und Etwas patrouilliert. Sie hält nicht dicht.
Die Gegenwart ist eine Wand, die sich
vor euch aufbaut, während ihr euch bemüht,
sie zu erklimmen, bis ihr abrutscht und stürzt.
[…]
There is no wall. Pick your bed. Walk through it.
Last chance friend. So do it or don’t do it.”

Verse der Analyse, des Bohrenden und Offenbarenden, in endlosen Gedichtverquerungen, wird man hier finden, genauso wie kleine, sich in Reimen die Hände reichende Lyrik. Paterson wendet die Metapher und sogar die Metaphorik als ganzes Gedicht an, aber weiß auch in ganz einfachen Worten das Orchester der Welt einen Bogenstrich lang auf einen einzelnen Ton zu minimieren.

“Stehe ich zwischen der Sonne selbst,
gesegnete Mutter, und dem, was sie erhellt,
dann verwandele mich in Glas.”

Ein solches, immer wieder seine Ausrichtungen änderndes Werk, ist natürlich kein homogenes Lesevergnügen. Es sind z.B. auch zwei Rilke-Übersetzungen enthalten, die ich ziemlich schlecht finde und auch das sehr lange, in seinen scheinbar erderschütternden Parabeln des Worte-auf-den-Kopfstellens und -ausschüttens gefangene Gedicht-Black-Box, welches sicherlich Hochphilosophisches enthält, mir war es eher ein Gräuel. Aber was man eben anerkennen muss ist, dass Paterson einfach dichten/schreiben kann und das dabei immer auch etwas Tiefes zustande kommt, etwas Magisches.

Don Paterson ist ein starker Dichter, der sowohl Moll als auch Dur, sowohl Angriff als auch Beobachtung beherrscht. Dieses kleine Büchlein wird, denke ich, für jeden eine andere Erfahrung sein; es ist ein Kaleidoskop von “Weiß wie der Mond” bis zu “black box”, darin viele Stufen von hell und dunkel, Kontraste einer Welterfahrung, fein definiert. Aber jeder wird von seiner Position aus ein paar für ihn vortreffliche Verse entdecken, denn hier wurde nichts ausgespart, vom Prosagedicht bis zur lyrischen Einfassung.

“Was ich euch nun überbringe,
ist das Geheimnis der Bruderschaft der Dinge,
und nur der Dinge, die es lang schon bewahren.”

“Kein Sänger von Nacht- und Tageszeit
ist glücklicher als ich,
denn mein Schallraum ist die Dunkelheit,
mein Vortragssaal das Licht.”

Zum 22. Band von “DAS Gedicht” mit dem Swing vom Ding


“Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.”
Joseph Freiherr von Eichendorff

“Die Dinge sind die Antwort der Schönheit auf das Sein.” Francis Ponge

Auf Dinge zu kommen ist nicht schwer, denn wenn man von dem nicht geringen, aber doch sehr kleinen Wunder absieht, dass die Oberfläche dieses Planeten mit Leben bevölkert hat, so ist alles im Universum ein Ding, ein Gegenstand, eine Sache. Der Dichter Lars Gustafsson (der für diese Ausgabe von der GEDICHT-Redaktion kurz interviewt wurde und dessen Person und neuster Lyrikband dabei kurz vorgestellt werden) schrieb einmal (zu finden ist das Zitat in einem älteren Band, Jahrhunderte und Minuten, im Gedicht “Lebende und Tote”):

“All das, was Leben nachahmt, scheitert
und täuscht uns nicht.

Doch um diese Dinge, Kristalle,
Spielsachen und Trompeter

steht ein Ausdruck von Trauer, von Wehmut.
Und -der- ist nicht nachgeahmt.

Wir erkennen ihn sofort.
Und erinnern uns an uns selbst.”

Gegenstände, Dinge, sind Oberflächen, die, wenn sie zu unser Dasein ausmachen, Anteil daran nehmen, für uns etwas an sich haben, das über sie selbst hinausweist, ungeahnte Tiefen in sich selbst zu tragen beginnen, offenbaren, in die wir oft unsere Vorstellungen von Leben und Erinnerung, von Bleiben und Verstehen füllen. Sie sind uns im Grunde nicht fremd, weil wir doch Beziehungen mit ihnen eingehen, Symbiosen und Leidenschaften. Lebendiges, das ist Beschleunigung, jedes Ding dagegen ist ein Ruhepunkt, gibt Möglichkeit für eine ganz bestimmte Entfaltung; sie haben alle einen Umkreis mit ganz einzigartiger, vielfältiger Wirkung, in seiner Identität und Integrität so unangreifbar und doch können wir ihn ganz für uns einnehmen.

Bei der Begegnung mit Dingen gibt es viele Möglichkeiten: Anrufung und Betrachtung, Einschätzung und Verfremdung, Bestimmungen und Ungewissheiten, das alles ist hier zu finden, ein einziger Swing, Blues, Walzer und Punk, der die Seiten zum Orchester jedes Dinglieds macht.

Da gibt es Liebeserklärungen:

“Für dich du verkannter
missratene Verse fressender Freund
echter Dichter:

für dich mein geliebter
Aktenvernichter.”

und ebenso der Blick auf das Unscheinbare, das niemals abhanden gekommene, aber auch nie ganz entdeckte. Wie jener Poller am Hafen, ein Ding von jener Art, die uns allen immer wieder begegnet, schütterstahlgrauklatschnass, der “auf dem Kai/ der stille Star” ist, wie er all die schweren Ketten und Taue festhält.

Wenn Gedichte gelingen, erwecken sie etwas zum (ins) Leben und es ist ganz gleich, was es ist, es kann noch so abstrakt sein, Gefühl, Bewegung, Person oder eben ein Ding. Sehr oft gelingt dies hier, es genügt schon die sparsamste Erwähnung und schon befinden wir uns, allein durch die wortreich hervorgehobene Beschwörung der Dinge, in einer verlassenen Werkstatt:

“Sägen rosten unschlüssig dahin.
Der Stiel des Hammers liegt gebrochen am Boden.
Apathisch blinzeln Schrauben und Nägel
aus vermoderten Kisten […]

Hier findet man sie nicht, die Bewegung der Zeit.

Nur wenn ein Stück Putz von der Decke fällt,
setzt sie sich, mühsam ächzend,
für einen Augenblick in Bewegung.”

Dinge haben Atmosphäre und das ist ihre Magie, ihr Leben, mehr brauchen sie kaum, um uns für immer in ihren Bann zu ziehen, unsere Welt an ein paar Rändern, in ein paar Rädern, auszumachen. Ganz egal, ob sie die Idee eines Dings sind, das durch viele einzelne Dinge verkörpert wird (wie Zigaretten, Kaugummiautomaten) oder wirklich ein einzelner fester Gegenstand sind, der uns begleitet, mit unserer eigenen Sympathie immer wieder konfrontiert wird oder uns irgendwann entfällt und fehlt. Letzteres geschieht, gehört dazu, weil Dinge auch immer im Gebrauch sind, was manche mehr und manche weniger verändert. Was wir mit Dingen erleben, erleben wir auch mit uns, es kettet uns an sie, aber manches Ding harrt lange verlässlich aus und wird erst ganz am Ende wertgeschätzt.

Andere sind nicht nur Dinge, sondern Welten. Spielzeuge, die “die Male/ kindlicher Liebe tragen”, das ist fast schon eine Idee für die Ewigkeit. Solange es Kinder gibt und Dinge, die für Kinder zum Zweck des Spielens gemacht werden und mit denen Kinder dann auch spielen, kann man diese Male, dieses Spielzeug, überall, auf dem Dachboden jedes menschlichen Herzens finden, ewige Entdeckung und ewiges Erbe, wie das Schlaflied, das Lullabye, über das der amerikanische Rockmusiker Billy Joel einst sang: “Someday we’ll all be gone/ But lullabies go on and on./ They never die/ That’s how you and I/ will be.”

“Wieviel Dinge,
Feilen, Schwellen, Atlanten, Becher, Schlüssel,
die uns als stumme Sklaven dienen, die

blind sind und dazu sonderbar verschwiegen.
Wenn wir vergessen sind, werden sie dauern
und nie wissen, dass wir gegangen sind.”
(Aus einem Gedicht von Jorge Luis Borges)

Profan scheinen die Dinge, aber wie schmal der Grat zwischen profan und heilig ist, das kann man mit einem Blick in jedes menschliche Leben erfahren, denn in jedem einzelnen ist diese Grenze von Bedeutung. Was uns begleitet, das mögen wir teilweise für selbstverständlich nehmen, aber da ist oft etwas, zu dem wir eine besondere Beziehung pflegen, weil Dauer und Zeit uns vielerlei an Eindrücken, Gefühlsregungen und Gedanken entreißen, aber was wir über einige Zeit an Erlebnissen mit einigen Dingen anhäufen, es ist wie darin bewahrt; sie sind ein Behältnis für das sonst sehr leicht verstreute; ein Spiegel für das, was wir gerne an uns und von uns sehen oder was uns zumindest einen sehr wahren Blick auf uns erhaschen lässt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Prokurist in einem der Gedichte auf die Frage, was er jetzt, mit der Pensionierung, in Zukunft vermissen werde, weder “Erfolge/ noch Ehrungen” angibt, “nicht Kollegen oder Kunden./ Er nannte einzig/ den Gullideckelschlitz.” Was sich hinter diesem Ding für eine Geschichte verbirgt, will ich nicht vorwegnehmen. Sie ist nicht spektakulär, aber schön und nicht ohne ein Ahnung von Gewicht, wie die meisten Dinge; über viele von ihnen kann man abschließend sagen:

„was wichtig ist:
das hier ist wahr
ein winziges Denkmal
gegen die große Demenz”

Zu Lars Reyers Gedichtband “Magische Maschinen”


“Auf der Hügelkette summt
das Trafohäuschen seine elektrische
Kantate. Es kommen
keine Engel. Kröten
schnarren durch die Nacht, vom Dorf
herauf, wo die letzten Bierstubengänger
miteinander tuscheln, die fahlen Birken
klappern-”

Es ist sicher kein Zufall, dass vorne auf dem Cover von “Magische Maschinen” eine Kassette abgebildet ist. Beinahe alle Gedichte in diesem Band haben einen gewissen “Tape”-Charakter, einen Anfang, der unvermittelt kommt und ein Ende, das sich selbst ausschaltet; man hört förmlich das Klacken zwischen den einzelnen Seiten, dieses Geräusch, welches der Recorder macht, wenn man die Kassette stoppt und das leisere Knistern, gefolgt von einem aufgescheuchten Surren, wenn man sie wieder in Gang setzt.

Und auch interessant ist, dass aus der Kassette auf dem Cover ein Teil des Bandes herausgezogen wurde – ein vertrautes Bild, ein vertrautes Gefühl. Es stellt sich sofort die Idee ein, das dünne Material zu berühren, daran entlang zu streichen, während man es doch eigentlich aufrollen und sollte. Ist dieses Knäuel aus Kassettenband nicht eine treffliche Metapher für das Leben? Für die Faszination? Und wollen wir nicht manchmal auch alles raffen, in der Hand halten – hoffnungslos und damit das Ganze vielleicht zerstörend – wo es doch eigentlich auch gar nicht uns gehört, sondern dem jeweiligen Moment?

“wir standen
uns immer selbst auf den Füßen & pissten
an den Elektro-Weidezaun, wir lagen
mit dem Ohr am Puls
des anderen & horchten
auf die Strömung, die noch kommen sollte.”

Grob, fast ohne Punkte ziehen sich die Textflüsse Lars Reyers über die Seite, wie der Bach aus der Kindheit unter der porösen, verwitterten und doch (vielleicht gerade wegen dieser Eigenschaften) immer gleichen, immer dagewesenen, quasi in einem Zustand des Zerfalls eingefrorenen Brücke, dahin floss – über dem man als Kind stand und über den man hinwegpubertierte, ohne das sich etwas änderte und es änderte sich doch alles.

Fein sind diese Ahnungen, gesponnen, betrachtet durch das filternde Gefühl des Erinnerten; das geradezu dinglich Präzise in der bis ins Kleinste an dir teilhaftigen Erinnerung. Reyers Gedichte kommen genau von daher und sind genau dort schon fast nicht mehr zu sehen, nur noch zu spüren, festzumachen an dem einen oder anderen, was nie verlorenging, was heute noch hinter uns herzieht und, wenn wir verharren, plötzlich in unsere Erinnerung schießt, durch den ganzen Spiegelpalast des Kopfes. Diese Erinnerungen, wie eine leise Didaktik der Jugend und Kindheit und welche Vorstellung von Lebendigkeit daraus erwächst.

“Ich lese nicht, ich schreibe nicht, ich schweiße nur.”

Dann wäre da noch das Kapitel “Magische Maschinen”, eine flüssig-verzahnte Lang-OP, um den Schwanz der Worte wieder an den Korpus des Lebens zu nähen. Eine wortreiche, virtuose Metamorphose, ein bisschen ohne Hand und Fuß, aber mit Schweiß und einer fühlbaren Lust am Rotieren der Sprache und dem unstillbaren Hand in Hand gehen ihrer Auswüchse, dabei aber auch erfreulicherweise nie zu überbordend oder außerordentlich hermetisch, mit einem kleinen Funkenschlag Mythos.

Insgesamt ein vor allem in seiner eigenwilligen und doch luziden Art beeindruckender Gedichtband. Man kann jedes Stück darin (ausgenommen die beiden Zyklen “Magische Maschinen” und das für mich etwas zu spezielle “Tracks von Jenseits der Auslaufrille”) lesen und ist sofort in einem Erinnerungsflash gefangen, der einen beinahe auf allen sinnlichen Ebenen anzusprechen versucht (und dem das meistens auch gelingt); dabei bewahrt der Autor eine bemerkenswerte Kontrolle. Selten habe ich Gedichte gesehen, die sich bei so freien Formen doch so sehr im Griff haben, die so unterkühlt sind und gleichsam so “lebensnah”.

“Aus dem abgeklemmten Kühlschrank neben der Werkbank
holt er sich den Klaren, die Flasche hat kein Etikett,
früher brannte er noch selbst, Holunderbeeren, weißen Klee –
er wusste wie man destilliert, die Kolben hielten länger
als sein schwarzes Haar.”

Ich würde mich schwertun damit, ein Gefühl in diesen Texten in den Vordergrund zu stellen. Melancholie? Sardonische Gleichgültigkeit? Eine Contraepiphanie des Vergänglichen?
Das alles wäre nur Treibgut auf dem Fluss, der diesen Gedichtband durchzieht. Es ist ein unauffällig dunkler, von Lichtschotter übersäter Fluß, eine aus Worten wie “Harn” und “Brackwasser” gemischte Maße, den man aber auch mit Wörtern wie “Nachtigall” und “Tuschen” beschreiben kann. Zwischen solchen Wortdivergenzen bewegt sich Lars Reyer, ohne dass man merkt, dass er sich bewegt. Er schwebt viel mehr, er teleportiert sich hin und her; nimmt das eine, taucht es ins andere; modelliert dies und versinkt danach in jenem. Daraus wird mit der Zeit eine kontrastreiche und doch einförmige Gestalt, vielleicht ein Abstrich des Lebens, vielleicht der Sprache, wer könnte das so ganz genau sagen … manchmal siehst es einfach nach etwas bestimmtem aus, wenn man es liest …

“stumm
lagen die Makrelen auf dem Papier, dem Schlafe nah,
so sah das aus”

Zu Stefan Zweigs “Joseph Fouché”


“Die Geschichte ist ein Seil, in das die Mächtigen der Welt ihre scheinbar endgültigen Knoten knüpfen; weben tut dies Seil indes stets ein anderer – weiter und weiter.”
Edward Gibbon

“Joseph Fouché, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, einer der merkwürdigsten aller Zeiten, hat wenig Liebe gefunden bei seiner Mitwelt und noch weniger Gerechtigkeit bei der Nachwelt.”
Anfang des Buches, Seite 9

Wenn es Joseph Fouché und seine Rolle in den umstürzlerischen Zeiten zwischen 1789 und 1815 nicht gegeben hätte, hätte sie wohl auch niemand erfinden können; zu filigran und vielschichtig sind Aufstieg, Sturz, Wiederaufstieg, Glanz und Niedertracht, Wendung und Schicksal miteinander verwoben, diese Kräfte, die ihre Günstlinge fallen lassen und die verschonen, die sie zu brechen und zu überwinden versuchten; trifft ein solches Zeitalter auf eine wandlerische Gestalt wie Fouché, steht ein neuer Roman der Weltgeschichte im Raum; ein Autor, der, wie man weiß, sich sowohl auf Figuren, als auch auf spannende Ereignisse gut versteht.

Zweig, der einige sehr populäre und gute Kunstbiographien verfasst hat (auch z.B.: “Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” und das große Fragment “Balzac”, sowie die bis heute sehr lesenswerten und besonders vielschichtigen Bücher über Marie Antoinette und Maria Stuart), war einer der letzten Autoren einer vergehenden literarischen Periode, die durch das Feuer des Ersten Weltkriegs ins Wanken geriet und dann kulturell in den Feuern von Auschwitz unterging – bevor es in der Umstrukturierung Europas nach dem zweiten Weltkrieg endgültig aus dem Bewusstsein der Menschheit verschwand.

Zweig schreibt mit Pathos, mit Begeisterung und Faszination. Sein Enthusiasmus, gepaart mit einer teilweise lyrischen, immer sehr akkuraten, dabei sehr leicht lesbaren Sprache, ist seine große Stärke, auch wenn er ihn manchmal zu Wiederholungen verleitet, oder besser gesagt Halbwiederholungen – er verwendet viel darauf, den Menschen Fouché und sein Wesen stets neu zu beleuchten, zu definieren, zu interpretieren und seine Beweggründe, aber auch seine tieferen Gefühle zu deuten und dabei das Wesentliche immer wieder herauszukehren.

Gleichsam ist dieses Buch eines der besten Werke – ohne tausend Seiten zu wälzen – über die Wege und Ausmaße der französische Revolution, mit ihrem Vierteljahrhundert, das unsere Welt so geprägt hat. Denn mit Fouché, einem Akteur im Geschehen, kriegen die Abläufe einen anschaulichen Sinn – im Bezug zu ihm, lernt man ein wenig die Dynamik der Ereignisse in den Jahre von 1789-1799 und danach kennen. Auch über Napoleon kann man in dem Buch einiges erfahren.

“Das ist das letzte Machtgeheimnis Joseph Fouchés, dass er immer die Macht will, ja sogar das höchste an Macht, dass ihm aber, im Gegensatz zu den meisten, das Bewusstsein der Macht selbst genügt: er braucht nicht ihre Abzeichen und ihr Gewand.”

Revolutionär, Opportunist, Intrigant, Beobachter, Polizeiminister, gerissener Machtmensch oder weiser Poltiker, Akteur und Zuschauer – man mag zur Person Fouchés am Ende stehen wie man will, aber seine Figur hat, auch dank Zweig, eine eigentümliche, unweigerliche Faszination. Es lohnt sich, diese Biographie, die gleichsam der Spiegel einer wichtigen Epoche ist, zu lesen; und sei es nur, damit man sagen kann: Fouché, ich weiß wer du warst.

Link zum Buch