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Zu Bukowskis “Der Mann mit der Ledertasche”


Das Schlimmste kommt noch verschlag ich im Teenageralter und ja, es war halt ein Buch, das in diese Zeit passte, eine prägende Erfahrung, ein unvollkommener Fänger im Roggen, ein Flachhalten des Balls, keine große Kunst, aber straighte Unterhaltung – das Buch schleifte einen einfach mit, wie einen ein Freund in eine Bar oder zu einer Party mitschleift. Und entwickelte dabei einen Sog, der angenehm war, stechend, kratzend bisweilen, aber angenehm und aufregend. Dieses Gefühl fing gut das nicht wirklich besondere, aber doch einzigartige Gefühl der Pubertät ein.

Ein paar Jahre später: Das Liebesleben der Hyäne pfeffere ich nach ein paar Seiten in die Ecke. Das soll von Charles Bukowski sein, dem Dichter, dessen Lyrik ich über hunderte Seiten gefressen und geliebt habe? Ich war enttäuscht. Und nicht mehr wirklich willig, mich je wieder an einen Bukowskiroman zu wagen. Vermutlich war das, was auf kurzen Strecken Melancholie, Chuzpe und lebendig sein konnte, auf langen Strecken schlicht eine Tristesse ohne Boden oder Botschaft, Alltag meinetwegen, ein kesses Leben vielleicht – aber warum so einen Roman lesen, man weiß, wie es gehen wird …

Jemand empfahl mir “Der Mann mit der Ledertasche” und ich nahm das Buch mit auf eine Zugfahrt. Und, was soll ich sagen: es stellte sich wieder dieses angenehme Gefühl ein, leicht berieselnd, leicht erquickend. Mit der Wucht und der Größe von Das Schlimmste kommt noch konnte es das Buch nicht aufnehmen und es wäre gelogen, würde irgendjemand behaupten, in diesem Buch würde irgendetwas Spektakuläres oder Dolles passieren. Nein, es ist einfach die Schilderung eines Postbotendaseins + Bukowski-Schnodder, Bukowski-Weibergeschichten, Bukowski-Lonely Wolf-Kommentaren und skurrilen bis radikalen Bukowski-Erlebnissen. Der Typ schabt halt seine Plots von der Straße und vom Wohnzimmerboden.

Wer einfach ruhig einem Dasein folgen will, dem sei das Buch empfohlen. Es wird ihn nicht umhauen, es wird ihn nicht erleuchten. Aber vielleicht wird es ihn erstaunen, in seiner Schlichtheit, seiner Kompromisslosigkeit, die nichts Überstrapazierendes oder Episches hat, sondern ganz bei sich bleibt, sich mit einer Mischung aus Fatalität und Knurren hineinsetzt. Sie zieht halt, diese Masche, dieser Stil – man kann aber auch einfach die Finger davon lassen, es führen durchaus Wege dran vorbei.

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Zu Sam Shepards Prosa und Lyrik in “Habichtsmond”


habichtsmond_sam-shepard „Ein Geisterwohnwagen rollt durch Gärten hinter der Stadt. Er ist von schwulen Lederfetischisten gekapert worden, von mexikanischen Huren und Hunden.“

In den Kurzprosastücken und Gedichten von Sam Shepard heult der Wilde Westen, scheppern die alten Karren über Highways, stolpern betrunkene Möchtegerncowboys von einem Suff in den nächsten Exzess, feiern die Gewalt und das Ausreißertum immer neue Feste.

Die Texte erzählen von Versagern, Einzelgängern, komischen Gangs und von Morden, Schrecken und bizarren Erfahrungen. Eine furchterregende amerikanische Gesellschaft blitzt auf, die sich mit dem Verlöschen ihres Mythos nicht abfinden kann, dessen selbstzerstörerische und lebenszerstörende Dimensionen in fast jedem der Text deutlich hervortreten, ungeschminkt und nicht durch das Narrativ geglättet, das sich vielmehr diesem Mythos, seiner Rohheit und seinen Ecken und Katen unterwirft.

Auf alle Fans der eher deftigeren Prosa, des expressiven Gedichts, die sich schon bei mancher Geschichte von Bukowski amüsiert haben, dürfte hier eine ungleich düstere, aber dennoch ähnliche Erfahrung warten.

Zu Bukowskis Storys in “Pittsburgh Phil & Co”


Die meist zwischen 5-7 Seiten langen Storys dieses Bandes haben es in sich. Es kommen darin vor: Vergewaltigung, Mord, Verzweiflung, Schläge ins Gesicht, Elend, Alkohol, Sex, Kannibalen, Nazis, Misogynie etc.

Hätte mir jemand diese Liste vorgelegt und gesagt, ich würde so etwas gern lesen, ich hätte nie und nimmer dran geglaubt.
Dann kam Bukowski. Zunächst mit vielen Gedichten, hunderten Seiten voller Gedichte (ich halte Charles Bukowski für einen der besten Dichter überhaupt). Ich hatte lange sehr große Bedenken mich von diesem Genre wegzubewegen und mir seine Prosa anzusehen. Zunächst schien diese Angst vor Enttäuschung sogar berechtigt: der erste Roman, den ich von ihm las, “Das Liebesleben der Hyäne”, gefiel mir nicht besonders gut.
Trotzdem gab ich den Stories noch eine Chance. Und sie haben mich umgehauen.

Man kann viel über die Zärtlichkeit sprechen, die in den Storys von “Pittsburgh Phil & Co” liegt und man hätte wohl oft recht damit; doch hat es keinen Sinn zu verschweigen, dass diese Erzählungen teilweise furchtbare Sachen schildern. Schauderhaftes. Gräuel. Gewalt und Sinnlichkeit, die ganz dicht beieinander liegen. Geradezu Ungeheuerliches also. Und das alles prägnant und mit meisterlicher Direktheit.

Wie diese Geschichten es schaffen den Leser – selbst wenn er sich überhaupt nicht mit den Taten der Protagonisten identifizieren kann – mit ihren Themen in den Bann zu ziehen, kann ich nicht genau sagen. Oder vielleicht habe ich es schon gesagt. Es hat sicherlich etwas mit der Prägnanz und der Direktheit zu tun. Mit der Art wie vieles in den Storys als unausweichlich dargestellt wird. Es sind Schauder und Voyeurismus, die hier eine Rolle spielen.
Aber ich behaupte, das ist nicht alles. Man bleibt auch dran, liest weiter, weil man spürt, wie sich in all diesen Figuren etwas quält und regt, dass, egal wie sehr es pervertiert ist, doch seinen Ursprung in etwas zutiefst Menschlichem hat. Dass darin Zärtlichkeit und Grauen des Menschen liegen, in den Dingen, die wir miteinander tun wollen und uns dann teilweise gegenseitig antun, das hat Bukowski großartig im Hintergrund seiner Texte aufgespannt.

Von harten Männern und von Elend handeln diese Storys. Teilweise ist Henry Chinanski, Bukowskis alter Ego, der Protagonist, teilweise haben die Erzählungen aber auch andere Figuren und völlig chinanski-fremde Schauplätze und Themen – wie etwa Cowboys, Schaufensterpuppenliebe oder Einbrecher. Was sie alle vereint sind vielleicht the dark side of the american dream und die ebenso dunkle Seite des amerikanisch-männlichen Selbstverständnisses.

Es gibt sicher viele Leute, die moralisch etwas gegen Bukowskis Storys haben und auch meinen, man könnte moralische Einwände und Argumente gegen sie vorbringen. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich bin gegen jede Verherrlichung von Gewalt, vor allem Gewalt gegen Frauen.
Doch ich finde in diesen Storys nichts, was mich glauben lässt, dass auch nur ein einziger Mann wegen ihnen rechtfertigen könnte, seine Frau zu schlagen. Ganz, ganz, ganz im Gegenteil.
Diese Erzählungen handeln vom “verschütteten Leben”, vom Absturz, vom Elend. Es gibt darin keinen Platz für Glorie, nie den Ansatz einer Rechtfertigung oder kruden Ideologie. Keine Bösewichte treten hier auf, sondern die Pein als vielfältig operierendes Gemeinsames, dass die Verlorenen unter den Menschen alle teilen.

Zu Bukowskis Gedichten, speziell zu denen aus: “Gedichte, die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang”


“nicht als Ketchup und Windhunde
und Krankheit
und Frauen, manche davon
für Augenblicke so schön wie
eine dieser Kathedralen,
und jetzt spielen sie Bartok,
der wusste was er tat,
was bedeutet: er wusste nicht was er tat,
und morgen werde ich vermutlich wieder zurück
zu diesem Scheißjob gehen
wie zu einer Frau mit 4 Kindern”

Charles Bukowskis Gedichte sind Geschichten und Tiraden; Blitzlichter – der Auslöser ist das Leben; frankiertes Elend, dass sich in Nullkommanichts weglesen lässt und doch in seinen Kanten und Rillen viele kleine Offenbarungen versteckt und damit oft auch gar nicht hinterm Berg hält, sondern frontal darauf zusteuert.

Gerade die freie Form der Gedichte macht sie zwingend, lässt sie zusammen dem lapidaren Ton zu einer Beschwörung werden, die das faserige Leben aus dem Fleisch des bloßen Benennens, Erzählens, Dokumentierens schneidet. Bukowski-Gedichte, das sind die unanmaßendsten Anmaßungen der Lyrikgeschichte.

“kann sein, dass Eiswürfel aus der Schale brechen
etwas bedeuten kann,
oder eine Maus die an einer leeren Bierflasche schnuppert;
zwei leere Räume, die ineinander hineinsehen,
oder die nächtliche See, bestückt mit schmierigen Schiffen
die dir ins Hirn dringen mit ihren Lichtern,
diesen salzigen Lichtern
die dich streifen und wieder verlassen
für die konkretere Liebe irgendeines Indien;”

Die Gedichte im Band “Gedichte, die einer schrieb” sind nicht ganz so ausbalanciert wie jene in “Western Avenue” oder “Kamikazeträume”, aber dennoch haben sie bei aller Zurückgelehntheit oder Heftigkeit denselben schalen Glanz, der so hell und großflächig reflektieren kann, von dem so mancher Wahnwitz und Verdruss und so viel Tiefe zurückbleibt.

Ausholen tun seine Gedichte, aber sie verstehen es auch eine ganz spezielle Besinnlichkeit hervorzurufen, einzigartig, fast kämen die Texte einem wie Prosa vor, in Verse gepresst, aber sie sind etwas Subtileres: Gerede, das am Rande des Lyrischen streift und es immer wieder betritt. Gerede, das kein Gelaber ist, sondern eine Stimme, die den Leser nicht in eine flüchtige Metapher presst, sondern mitten in einen großen Raum schmeißt, einem Raum voll von Willen zu etwas, dem Versagen daran, voller Anekdoten, dem Staub, der wir werden & Bewegungen, die wir sind, im Versuch, noch anders zu sein als das Nichts.

Das Sensible in den Gedichten entdeckt man schnell selbst, am eigenen Leib könnte man fast sagen. Was will man mehr von nem Gedicht?

“Es kommt die Zeit wo man tiefer
in sich reingehen muss
und es kommt die Zeit
wo sichs unschuldiger
und leichter stirbt
wie bei nem Bombenangriff
auf Santa Monica”

Ein bisschen was zu John Fante und seinem Roman “Warten auf Wunder”


John Fante, neben Hemingway und und Dashiell Hammett sicherlich einer der Könige des kurzen, äußerlich unspektakulären Stils, ist wohl hauptsächlich dafür bekannt, dass er einer der erklärten Lieblingsschriftsteller von Charles Bukowski war. Nun sollte man nicht falsche Rückschlüsse ziehen und annehmen, dass Fante ein Vorreiter Bukowskis ist, auch wenn die beiden nicht so weit voneinander entfernt stehen – es gibt auch einige Gemeinsamkeiten. Beide haben z.B. eine etwas absurde Heiterkeit inne, beiden liegt eine Leichtigkeit zu Grunde – der Unterschied: bei Fante sticht dies alles ins Träumerische, Zaghafte, bei Bukowski ist alles von einem abfälligen Realismus und einer ungenierten Rohheit geprägt. Soviel die beiden also verbindet, soviel trennt sie auch. (Bukowski ist auch bei aller Kürze und Präzision, aller Schnörkellosigkeit in seiner Sprache, immer noch zu schnoddrig, um wirklich zu den filigranen Minimalisten (zu den “Weglassern”) der amerikanischen Literatur zu gehören, wie Hemingway, Hammett oder Carver. Fante passt hier schon eher, wenn auch nicht ganz, ins Bild.

Dennoch sind solche Verbindungen unter Schriftstellern kein Zufall und die Literatur lebt auch von solchen Relationen und Kontemplationen und Fante kann weiterhin ohne Probleme mit Bukowski in Verbindung gebracht werden.

“Warten auf Wunder” war der letzte Roman Fantes, diktiert nachdem er bereits erblindet war. Im Prinzip ist es eine kleine Odyssee, ein Reigen, in dem sich Verlorenheit, Verheißung und Idylle des amerikanischen Traums verbinden; ein Reigen von einigen Charakteren, Jobs, Wohnungen, Frauen, Hoffnungen und Niederlagen. Für manche mag das nach einer etwas zu einfachen Beschreibung klingen, aber wesentlich mehr hat Fante in diesem Buch nicht versammelt.

Doch innerhalb dieser simplen Takte wird jeder Abschnitt sehr gut zu seinem Sinnbild von amerikanischer Wirklichkeit in den 30er/40er Jahren. Es herrscht eine ganz famose und doch irgendwie irrige Freiheit und Leichtlebigkeit, in der alles möglich und doch nichts erfüllt zu sein scheint. Geld, Macht, Erfolg, sind die Schlagworte, auf die alle eindreschen, woraus aber auch keine Musik entsteht – allerhöchstens Krach. Mit all dem ändert sich, zeigt Fante auf, auch nur die Ausstattung und nicht die Perspektive.

Die knappen Romane Fantes seien vor allem denen ans Herz gelegt, die ein Buch wegen seines einfachen, teilweise versteckten Gehalts schätzen, wegen seiner schlichten Präsenz und Erzählerart. Große Erhebungen oder fesselnde große Geschichten darf man nicht erwarten. Fante war eher ein oberflächlicher Chronist, der seine Figur Bandini durch ein klassisches, gut gebautes und irgendwie unbeteiligtes (oberflächliches) Amerika schickt. Ein Amerika wie es gerade heute, 80 Jahre später, seine späten Ruinen offenbart.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen