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It ain’t work, ain’t no good literature


Omama

„Es bleibt dem Leser überlassen, ob er diese Biographie als Hommage oder als Rufmord betrachtet.“

Über Humor lässt sich nicht streiten, sagt man bekanntlich. Das dergleichen schlicht (und weniger ergreifend) nicht wahr ist, beweist (u.a.) der Fall Lisa Eckhart. Denn um ihren Humor hat sich ein ganzer Streitfall zugetragen. Und selbst wenn man ihre Stand-Up-Auftritte und die damit verbundenen Kontroversen mal kurz hintenanstellt: ihr Debütroman „Omama“ liefert genug Stoff für weitere Kontroversen und, vor allem, weitere Fallbeispiele streitbaren Humors. Darüber haben viele Leute viel Kluges (und weniger Kluges) geschrieben. Das steht auf einem anderen Blatt (Blättern, Websiten, etc.)

Verlassen wir (für die Dauer dieser Rezension) das Politische, betreten wir das Literarische. Ich bin der Überzeugung, dass jedes Werk ganz unabhängig von der Person, die es geschrieben hat, betrachtet werden kann; diese Überzeugung stellt im Fall dieses Buches zunächst kein Problem dar, wenn es um die Person Lisa Eckhart (und ihre Ansichten) geht. Wenn man allerdings die Kunstfigur Lisa Eckhart hinzuzieht, puh, dann wird es schwierig.

Denn wer diese Kunstfigur einmal erlebt hat, auf der Bühne, per Youtube, wie auch immer, der wird deren Stimme, deren Gehabe kaum ausblenden können, während er dieses Buch liest. Fans dieser Figur werden damit möglicherweise nicht einmal Probleme haben – wer aber (ganz abgesehen vom Humor der Bühnenauftritte, den ich, wie gesagt, hier nicht thematisieren will, ohne zu sagen, dass er nicht thematisiert gehört) Schwierigkeiten mit dem Stil, dem Habitus dieser Figur hat, dem wird es womöglich nicht möglich sein, es ohne Zähneknirschen zu lesen.

Denn was bei einer Bühnenfigur vielleicht noch charmant ist – dass sie sich selbst gern reden hört, dass sie sich in ihre Extravaganzen verstrickt, dass sie kalauert und Gefallen daran findet über die Stränge zu schlagen, unzuverlässig zu sein, selbstverliebt ironisch, etc. – wirkt bei einer Erzählerin in einem Roman mitunter einfach nur konfus, ja, geht sogar so weit, dass man als Leser das Gefühl hat, die Autorin habe ihn aus den Augen verloren, während sie Worte hinklatscht und Sätze Loopings schlagen lässt. Es geht mir nicht darum, Lisa Eckhart eins auszuwischen, aber es muss gesagt werden: die Umsattlung von Kabarett auf Literatur ist in meinen Augen nicht geglückt, eher halbgar geraten.

Das zeigt sich auch in der Art und Weise, wie das Buch aufgebaut ist. Da wird die Geschichte einer Oma erzählt, auf eine Art, die wohl biographische Ernsthaftigkeit persiflieren soll. Tatsächlich erscheinen aber eher die essayistischen Passagen, die Eckhart immer wieder großzügig einwebt, wie Persiflagen, wie Satiren auf die geistreiche Abschweifung im Roman. Durchaus ein würdiges Objekt für eine Satire, doch ich wurde das Gefühl nicht los, dass Eckhart sich darin mitunter schon ganz geistreich vorkommt, gern als Küchenphilosophin auftritt, wenn auch eingehüllt in ein gutgeschnittenes Ironie-Kostüm.

Die Passagen der Erzählung von der Großmutter und diese Abschweifungen (die in Teilen manchmal sogar etwas Erhellendes haben, diesen Glanz aber fast immer durch Übersteigerung und Veralberung auf halben Weg verlieren) wechseln sich ständig ab, eine Verfahrensweise, die die Konsistenz des Buches auf Dauer zersetzt und einen roten Faden gar nicht aufkommen lässt. Ein irritierendes Chaos ist die Folge, dass das Lesen mitunter ziemlich anstrengend macht.

Jetzt könnte man zweierlei einwenden: Zum einen, dass dieses Chaos nun mal das Konzept des Buches ist und zum anderen, dass Eckhart halt sowohl eine Geschichte erzählen, als auch ihre Fangemeinde bedienen wollte. Das mag beides sein und gelten. In meinen Augen ist aber zum einen Chaos nur dann ein gutes literarisches Konzept, wenn es nicht nur irritiert, sondern innerhalb dieser Irritation auch ein Mehrwert entsteht, sich etwas offenbart. Zum anderen finde ich, dass das was auf einer Bühne in einem Comedy-Programm gemacht wird, nicht als Literatur funktionieren kann (wie viele Bühnenautor*innen hätten sonst schon längst ihre Programme in Sammelbänden rausgebracht). Es gibt vielleicht Ausnahmen, wie etwa Volker Pispers Radio-Kolumnen (aber die haben in gewissem Sinne schon ein literarisches Format), aber Acting/Performing und Telling sind nun mal zwei unterschiedliche Vermittlungsformen. Gerade Eckharts exentrischer Stil, der auf der Bühne erlesen wirkt, verliert auf Papier an Wucht und ist teilweise enervierend.

Statt dasselbe Publikum zu bedienen, nur diesmal mit einem Buch, hätte Lisa Eckhart in der Literatur etwas leicht (oder auch ganz) anderes machen können, viele Möglichkeiten standen ihr offen. Sie hätte die Idee der persiflierten Abschweifung ausbauen und ernster nehmen, einen neuen Tristram Shandy schreiben können. Sie hätte ein flottes Buch über ihre Oma schreiben können, in dem sie Ernst und Witz aneinanderlegt und nicht permanent auseinandertreibt.

Geworden ist es ein Hybrid aus biographischer Persiflage und Kabarettreden, der der Komik auch dann den Vorzug vor der Signifikanz gibt, wenn es komplett unnötig ist. Auf der Bühne ist das komisch, im Buch kann es auch funktionieren, aber es braucht dazu zumindest ein bisschen echtes Fleisch um all die klappernd-komischen Knochen. Das liefert Lisa Eckhart nicht und so bleibt „Omama“ eines unter vielen Unterhaltungsbüchern, das durch nichts besonders hervorsticht, außer durch den Namen auf dem Titelblatt.

(Ja, ich weiß, Kritiker*innen, die sich andere Bücher wünschen, als sie bekamen, sollten sich an die eigene Nase fassen: vielleicht sind sie viel eher vor dem Buch gescheitert als das Buch vor ihnen? Ich habe meine Argumente und sie reichen mir; wem sie nicht einleuchten, den kann ich nicht daran hindern, sie zu übersehen.)

Zu den Känguru-Apokryphen von Marc-Uwe Kling


Känguru Apokryphen

Ich sitze am Computer und verbessere den Wikipedia-Artikel über Ambivalenz. Der ist mir zu eindeutig. Währenddessen textet mich das Känguru zu: »Also, ich stand da so auf der Demo und hab versucht, diesem Polizisten Empedokles‘ Philosophie verständlich zu machen, du weißt schon ,Ordnung gleich Abstoßung gleich Hass‘ beziehungsweise ‚Chaos gleich Anziehung gleich Liebe‘, da kam tatsächlich Dings vorbei.«

Da ist es nun, das Restebuch, der letzte Remix, auf den wir alle schon gewartet haben – und schön ist er geworden, geht sofort ins Ohr. Denn die Känguru-Apokryphen enthalten keineswegs Unfertiges oder Unlustiges, sondern jonglieren leichthändig mit einigen Themen und Ideen aus der Trilogie, vertiefen zwar nichts, aber sorgen für jede Menge Witz, der wie immer eine zart-zynische Geschmacksnote enthält und gleichermaßen als Posse und als Gesellschaftskritik durchgeht.

Wer alles über Open-Schnick, das jüngste Gedicht, den kategorischen Aperitif und das Wesen der Handwerkerrhetorik hören, sowie neue krude Geschäftsideen, neuen Todessterntalk und neue Nazibegegnungen (und warum jeder Praktikant*innen haben sollte und nur so die Weltherrschaft erlangt werden kann) erleben will, der greife zu diesem Buch (und das war nur eine Aufzählungen der praxisnahen Themen!)

Vielleicht gibt es ja auch ein Happy End für die Mutter Gottes und den Kleinkünstler, wer weiß? Dings ist jedenfalls sowas wie der rote Faden … wie hieß er noch gleich? Na, egal: Beuteltier ahoi!

»Aber nun, wo du das alles weißt«, sage ich »wie findest du jetzt den Titel?«
»Ich finde Apokryphen immer noch kacke.«
»Na toll.«
»Aber …«
»Aber was?«
»Der Titel ist trotzdem okay, weil er von diesem anderen ganz hervorragenden Wort getragen wird.«

Zu “Träume von Babylon”, einer Detektiv- und Träumerfarce von Richard Brautigan


Träume von Babylon
Eigentlich läuft alles gut für C. Card – zumindest wenn er in seiner Fantasiewelt abdriftet, nach Babylon, wo er berühmt ist, General oder Bandleader und natürlich stets ein Frauenheld; leider versäumt er dank Babylon oft die richtigen Haltestellen und andere Dinge. Abseits von Babylon läuft eigentlich nichts wirklich gut. Card ist überall verschuldet: bei Geschäften, bei Freunden (sogar bei seiner Mutter hat er horrende Schulden) und ist trotzdem mit seiner Miete im Rückstand. Auch mit Klienten ist seit fast einem Jahr Essig; keine Spesen, keine Sekretärin, kein Büro, selbst Kugeln für die Waffe kann er sich nicht mehr leisten. Gerade jetzt braucht er aber welche, wo es wieder bergauf gehen könnte – ein Klient hat Interesse an seinen Diensten. Und Card, der dank seiner Babylon-Aussetzer eine Polizei- und eine Baseballkarriere in den Sand gesetzt hat, hofft auf einen Zipfel von besseren Zeiten. Doch was soll er überhaupt für den mysteriösen Klienten tun …

Brautigans wie immer nah an der banalen Einlage gebaute und gleichsam mit eigenwilliger Tragik und Komik gewürzte Farce ist mitnichten ein Detektivroman, vielmehr ein gekonntes, mitunter elegant-albernes Spiel mit Gangster-, Detektiv-, Antiheld-, Screwball- und Slapstikelementen, die wie Motive auftreten, sich aber letztlich als Masken entpuppen, als unterhaltsame Auftritte und Tricks. Denn der Roman führt wie vieles, was Brautigam schrieb, nirgendwohin – was die existenziell-krude Misere seiner skurrilen Charaktere nur noch verdeutlicht. Die Absurdität ihres Daseins und ihre eigene Schrulligkeit wirken zunächst wie glatte Comedy, aber letztlich sind es anschauliche Geschichten über die Ratlosigkeit, die Unsicherheit und Fragwürdigkeit des Lebens und Strebens.

Das Leben könnte so einfach sein: was zu essen, was zu reden, jemanden zum vögeln und die ausgebreitete Welt mit all ihren Wundern und Möglichkeiten vor dem Fenster. Aber Beziehungen sind brüchig, Geld regiert die Welt und jeder Mensch spielt sein eigenes Spiel, in dem anderen Regeln gelten.

Träume von Babylon macht Spaß; besonders die Schnoddrigkeit und die Genre-Anspielungen. Brautigans unauffällige, beiläufige Poesie macht Spaß. Aber es bleibt dabei: es ist eine Farce, eine schöne, einzigartige, aber eine Farce, die man wegliest, freudig und frei. Tiefer sinkt nur die verhaltene Tragik, die in dem Protagonisten und seinen Träumereien von Babylon steckt.

Zu der Anthologie “Querulantinnen” mit siebenundzwanzig weiblichen Kabarettistinnen im Reclam Verlag


Querulantinnen „Wenn das Scheitern nicht wär,
wo wären wir da –
Du würdest mich nicht fragen müssen
wo ich gestern war, weil –
Ich wär dir überhaupt niemals
begegnet mon cher.

Wenn das Scheitern nicht wär,
wo wären wir da –
und wär ich jetzt gescheiter
oder nicht, oder blabla
Und wo nähme ich denn
meine ganze Kraft her,
wenn das Scheitern nicht wär.“

So singt die wunderbare Uta Köbernick. Es ist eigentlich schon ein Versäumnis, dass dieser ambitionierten Anthologie mit von Frauen gemachtem Kabarett, mit weiblicher Poesie und Liedkunst, keine CD oder sogar DVD beigelegt wurde. Denn so stark viele Texte sind, gerade die Poetry-Slam- und Liedtext leben nun mal von der Lakonie/dem Drive/den Nuancen des Vortrags und erscheinen auf dem Papier in manchen Momenten etwas eindimensional.

Aber auch ohne audiovisuelle Aufbereitung kann man sich an den Texten der 27 Kabarettistinnen und Poetinnen dieser Anthologie größtenteils erfreuen, sich von ihnen erheitern und vor den Kopf stoßen lassen, sich mit ihnen und gegen sie empören.

Ein häufig auftauchendes, allzeit präsentes Thema ist natürlich die Frage nach dem feministischen Aspekt von weiblichem Kabarett: sollte man Klischeethemen bewusst vermeiden oder gerade diese Themen angehen? Muss sich weibliches Kabarett irgendwie besonders positionieren oder sollte es sich gerade gegen dieses mögliche Stigmata wehren. Im Vorwort schreibt die Herausgeberin Daniela Mayer:

„Denn heute gilt mehr denn je: die Erwartungen vor allem an Frauen sind auch in der Kleinkunst besonders hoch. Und werden sie nicht erfüllt, wird eben das Ticket der weniger ambitionierten Konkurrentin gekauft.“

Es ist interessant zu beobachten, wie diese Diskussion oft mitschwingt in den Texten und einem dadurch auch einfällt, wenn ein Text nicht in irgendeiner Weise daran anknüpft. Es ist bedenklich, dass es anscheinend einen weitverbreiteten Reflex gibt, der weiblichem Kabarett den Stempel „Frau wehrt sich, Frau schießt zurück“ aufdrücken will – und es dadurch nur zum bloßen Widersacher, zum Antagonisten männlichen Kabaretts macht, zu einer Kunst, die nur reagiert und nicht für sich selbst steht, die sich permanent behaupten muss und nicht einfach sein kann. Die meisten Kabarettistinnen in diesem Buch gehen diesem Label nicht auf den Leim, aber nicht alle finden einen Weg drumherum.

„Zwischen Männern und Frauen gibt es viele unausrottbare Missverständnisse. Und viele Klischees. Eines davon ist das Klischee, dass Männer nicht gerne reden. Dieses Vorurteil kann ich in der Form eher nicht bestätigen. Mag sein, dass Männer über manche THEMEN nicht so gerne reden, aber will ich als Frau einen Mann in ein Gespräch verwickeln, so brauche ich nur die richtigen Themen auszuwählen und schon bin ich bei Männern auf der ganz, ganz sicheren Seite. Wenn ich einen Mann dazu auffordere, darüber zu erzählen, wie schlecht und/oder hinterhältig seine Ex(en) ihn behandelt hat (haben), dann geht’s los.“ (Aus einem Text von Lioba Albus)

Der Diskurs, der sich an solchen Fragen entzündet, ist sicher wichtig und die Selbstkritik und die mannigfaltige Reflexion, die die Querulantinnen an den Tag legen, sind bewundernswert. Aber man wünscht ihnen, dass daraus kein Teufelskreis wird, dass die Leute sie aufgrund ihres Humors, ihrer Intelligenz und ihrer auf den Punkt gebrachten, entlarvenden Pointen feiern und nicht, weil sie sich gekonnt innerhalb dieses Diskurses positioniert haben. Emanzipation soll doch heißen: Unabhängig sein von seinem Geschlecht und seiner Rolle im Diskurs, oder nicht? Wohl auch wieder eine Frage, die einen Diskurs entzündet.

„Was wir Frauen im Kabarett an veralteten Rollenklischees zelebrieren, da kriegen Islamisten einen Ständer. […] Interessant ist aber, dass es immer die Humorlosen sind, die über Humor urteilen. […] Darum: mehr Humor und mehr Spott den Idioten. Weil es sie herunterschrumpft, auf das richtige Maß. Oder wie man jetzt in Amerika sagt: Make assholes small again.“ (Aus einem Text von Lisa Catena)

Es geht ja vor allem um Humor, um Satire, um die Kunst, die Dinge verquer auf den Punkt zu bringen – auch weil das, was sehr ernst ist, nicht am Schlechtesten in einem klugen Scherz aufgehoben ist, in einem trefflichen Spruch. Und Humor sollte kein Geschlecht haben müssen, zumindest nicht aufgrund seines Geschlechts beurteilt werden. Sondern aufgrund seiner Cleverness, seiner Qualität. Und Qualität findet man hier überall: in den Tweets von Lea Streisand:

„Sorgen sind wie Nudeln: man macht sich immer zu viel davon.“

Den Miniaturen von Uta Köbernick:

„Angst
ist der rote Teppich
für den Mut.“

und den Liedern von bspw. „Suchtpotenzial“:

„VIELEN DANK DISNEY – (danke Disney)
Für die scheiß Illusionen und die Herbstdepressionen
DANKE DISNEY – (Vielen Dank Disney)
Hätt ich damals mal lieber Pornos geguckt
und früher gemerkt, dass ihr lügt wie gedruckt
VIELEN DANK DISNEY – (danke für nichts)

Er ruft nicht: Rapunzel lass dein Haar herunter
sondern nur: Ey Mädschen! Was trägstn du drunter?“

In Querulantinnen gibt es eigentlich kein Thema, das nicht gestreift wird: Politik, Alltag, Klima, Religion, Liebeskummer, Sex und kaum eine Form, die nicht wenigstens einmal vorkommt: Geschichte, Aphorismus, Lied, Gedicht, Anekdote, Comedy, Poetry-Slam, Satire, Apell, Rede, etc. Manchmal geht es sehr munter zu, dann wieder bissig, dann nachdenklich, dann und wann auch albern, wie bei Maria Vollmers Version der zehn kleinen Zinnsoldaten, äh, Eizellen

„Fünf kleine Eizellen riefen ganz laut: „Hier!“
Doch Horst hat ihn nicht hochgekriegt, da war’n es nur noch vier.

Vier kleine Eizellen rollten flink herbei,
die Wodkaparty ging zu lang, da warn es nur noch drei.

Drei kleine Eizellen, die gingen jetzt aufs Ganze,
am Ende war’n es nur noch zwei, das Date das hieß Konstanze.“

Alles in allem: eine tolle Anthologie, wichtig für den Diskurs, noch wichtiger fürs Zwerchfell, das Hirn, Youtubenächte und das Herz. Ein Buch, über das man nicht einfach sagen sollte: es zeigt, dass auch Frauen großartiges Kabarett machen. Es geht schließlich nicht bloß um das Aufheben einer Negation. Es ist schlicht zu sagen: hier kann man ein Buch voller Beiträge von großartigen Künstlerinnen erwerben, gut ausbalanciert zwischen Kritischem, Spaßigem, Nachdenklichem und Banalem.

Natürlich will ich nicht falsch verstanden werden: die emanzipatorische Dimension des Buches will ich keinesfalls kleinreden (und es ist ja auch erfreulich, dass der Reclam-Verlag ein solches Buch rausgebracht hat, Daumen hoch). Kabarettistinnen gehören gesehen und gehört. Und natürlich ist es wichtig, dass wir uns in unseren Gesellschaften für die Menschen einsetzen, die es nachweislich schwerer haben, gehört und gesehen zu werden. Zum Schluss, ein letztes Mal zitiert, ein Satz von Uta Köbernick:

„Wegschauen hilft leider nicht,
Da siehts nämlich auch nicht besser aus.“

 

Zu “Empirisch belegte Brötchen” von Marco Tschirpke


Empirisch belegte Brötchen „Auf einer Bogenlampe,
Vertieft in ihr Gefieder,
saß gurrend eine Taube
Und schiss auf dich hernieder.“

Am Anfang war ich schlicht unterwältigt. Ein paar Schenkelklopfer, ein paar Schmunzeleien. Aber Marco Tschirpke vermochte nicht, mich wirklich in Erstaunen zu versetzen, mit seinen Geschichten und gereimten Pointen. Das wirkte doch alles sehr brav, sehr glatt und wenig hintersinnig. Nett, aber nicht spaßig.

Wäre es dabei geblieben, hätte ich sagen können: gut, ist halt nicht mein Humor, funktioniert vielleicht auf der Bühne irgendwie besser und man sollte ja auch bedenken: dem Kleinkünstler Tschirpke dürfte der Erfolg seines letzten Buches im Nacken gesessen haben (und der Verlag war sicher auch an einer schnell folgenden Publikation interessiert). Und immerhin: einige Einzeiler und Kürzestgeschichten schloss ich dann doch ins Herz. Wie etwa eine kurze Geschichte der 68er Bewegung, die noch auf eine angenehme Weise respektlos und hämisch daherkommt.

„Sie wollten die Vereinigung aller Proletarier. Sie erreichten die Mülltrennung.“

Bereits zu Anfang ging mir allerdings Tschirpkes immer wieder eingestreute, geradezu aufgesetzte Selbstironie auf den Senkel. Die sollte zwar erste Wahl des Kabarettisten und Spaßmachers sein, sonst kann man ihn irgendwann nicht mehr ernst nehmen, aber bei Tschirpke wirkt sie manchmal dermaßen aufgesetzt und fadenscheinig, dass man nur die Augenbraue hebt und nicht die Mundwinkel.

Groteske Züge nimmt dieses Thema in einem, im Buch abgedruckten, Briefwechsel an, bei der die Direktorin des August Macke Hauses Bonn ein in der ZEIT veröffentlichtes Gedicht von Tschirpke wegen des laschen und fahrlässigen Umgangs mit historischen Fakten, betreffend die Person August Mackes, kritisiert (völlig zurecht, meiner Meinung nach).

Es ist schon sehr frech, wie Tschirpke darauf reagiert und z.B. als einzige Quelle Wikipedia nennt. Bei einem schon ziemlich diffamierenden Gedicht ist so ein laxes Vorgehen einfach nur daneben. Aber dass er diesen Briefwechsel hier abdrucken lässt, als wäre er eine Geste der Selbstironie oder als hätte das Ganze Unterhaltungscharakter, das schmeckt schon sehr nach übereifriger Selbstinszenierung. Nach schlechter, heuchlerischer.

„Heute an einem Spiegel vorbeigelaufen und festgestellt, dass ich überhaupt nicht meinem Schönheitsideal entspreche.“

Es ist leicht zu verurteilen und gerade über Humor lässt sich streiten: Was ist Anecken, was Beleidigen? Was ist Satire, was Schmiererei? Was ist unbequeme Parodie mit Entlarvungscharakter und was ist plakative Tumbheit? Das sieht sicher jeder anders. Und eigentlich darf die Komik ja vieles, fast alles – sie ist das anarchische Ventil einer Gesellschaft.

Was mich bei Tschirpke aber aufregt, ist, dass seine (nicht unbedingt zahlreichen, aber dennoch vorhandenen) Geschmacklosigkeiten eben nicht anecken oder entlarven, sondern es sich schlicht und einfach: einfach machen. Und oft sind sie darüber hinaus unnötig. Wie zum Beispiel das Gedicht „Im Eifer des Geschlechts“:

„Goethe hatte Mitarbeiter:
Männer gut und ganz bei Sinnen.

Brecht, als Liebhaber gescheiter,
Hatte Mitarbeiterinnen.“

Das ist, pardon, einfach nur chauvinistisch. Ein Schnellschuss mit einem ungelenken Reim, der wirklich wehtut. Schenkelklopfer finde ich okay, sogar Groschenhumor mag noch angehen und so mancher Witz über Männer und Frauen gehört nun mal dazu (ich mag sie nicht, aber ich will auch nicht von der Moral zum Moralisieren übergehen, wenn es um ein Späßchen geht). Aber so ein Gedicht, das ist schlicht sexistisch und unnötig.

Genauso daneben und billig, auch nach dem Motto „leicht gemacht“, dieses Gedicht:

„Heute fielen von den Bäumen
Lolitas ohne Zahl.
Jetzt lümmeln sie im Rasen
Und stecken ihre Nasen
In Bücher ihrer Wahl.

Die eine liest Nabokov,
Die andere Christoph Hein,
Die dritte Grass-Gedichte.
Ach, guck ma, jetzt erbricht se
Sich in das Buch hinein.“

Es ist fraglich, ob Herr Tschirpke viele Grass-Gedichte gelesen hat. Es gibt da sicher einige problematische, aber auch einige sehr schöne. Pauschalurteile sind hier in jedem Fall fehl am Platze.
An dieser Stelle muss ich mir natürlich an die eigene Nase fassen: Warum reite ich auf diesen wenigen Beispielen so herum, wo doch ein ganzes Buch mit teilweise ganz netten Texten vor mir liegt?

Ganz klar: meine vernichtend anmutende Kritik an diesem Buch ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich habe meinen Fokus auf das Problematische gelegt und bin diesem Ansatz gefolgt. Es wird ohnehin genug (berechtigte) Lobeshymnen geben.

Humor hat meiner Meinung nach, gerade weil er eigentlich alles darf und weil Witze eben nicht nur mit Unerwartetem, sondern auch mit Bekanntem, mit Vorurteilen etc. arbeiten, eine moralische Verantwortung. Nicht in dem Sinne, dass er nicht anecken darf. Er darf sogar politisch unkorrekt sein, wenn er diese Position reflektiert, wenn er um den doppelten Boden weiß – man lacht manchmal, weil ein Reflex bedient wird und manchmal, weil man Zusammenhänge erkennt. Diesen doppelten Boden vermisse ich bei Tschirpke. Seine Texte wirken zumeist eindimensional.

Es gibt einiges in diesem Buch, das dennoch gelungen ist, keine Frage; einer meiner Lieblingstexte ist zum Beispiel ein kurzer Essay über Techno; dessen süffisant-kritische Einstellung fand ich sehr erfrischend. Und auch die einfache Häme kann, wenn man ihrer Meinung ist, ja durchaus anziehend sein, wie ich bei diesem Gedicht feststellen musste:

„Ihr, die ihr Revolverblätter
Herstellt: Lob will ich euch singen
Wollte ihr vom Springer-Hochhaus
Endlich auch mal runterspringen.“

Ich habe das Meinige gesagt; es ist nicht das Alleinige, was es hier zu sagen gäbe. Ich hoffe, diese Kritik wird als das wahrgenommen, was sie ist: eine Kritik und nicht der Wunsch, sich auf dem Rücken eines Werkes moralisch zu profilieren.