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Poet*innen-Demo für Menschenrechte in München


Am Mittwoch las & demonstrierte ich mit zahlreichen anderen Dichter*innen und Mitarbeiter*innen von Amnesty International auf dem Münchener Marienplatz für die Menschenrechte. Ein Bericht dazu findet sich auf dasgedichtblog.de.

Zum 22. Band von “DAS Gedicht” mit dem Swing vom Ding


“Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.”
Joseph Freiherr von Eichendorff

“Die Dinge sind die Antwort der Schönheit auf das Sein.” Francis Ponge

Auf Dinge zu kommen ist nicht schwer, denn wenn man von dem nicht geringen, aber doch sehr kleinen Wunder absieht, dass die Oberfläche dieses Planeten mit Leben bevölkert hat, so ist alles im Universum ein Ding, ein Gegenstand, eine Sache. Der Dichter Lars Gustafsson (der für diese Ausgabe von der GEDICHT-Redaktion kurz interviewt wurde und dessen Person und neuster Lyrikband dabei kurz vorgestellt werden) schrieb einmal (zu finden ist das Zitat in einem älteren Band, Jahrhunderte und Minuten, im Gedicht “Lebende und Tote”):

“All das, was Leben nachahmt, scheitert
und täuscht uns nicht.

Doch um diese Dinge, Kristalle,
Spielsachen und Trompeter

steht ein Ausdruck von Trauer, von Wehmut.
Und -der- ist nicht nachgeahmt.

Wir erkennen ihn sofort.
Und erinnern uns an uns selbst.”

Gegenstände, Dinge, sind Oberflächen, die, wenn sie zu unser Dasein ausmachen, Anteil daran nehmen, für uns etwas an sich haben, das über sie selbst hinausweist, ungeahnte Tiefen in sich selbst zu tragen beginnen, offenbaren, in die wir oft unsere Vorstellungen von Leben und Erinnerung, von Bleiben und Verstehen füllen. Sie sind uns im Grunde nicht fremd, weil wir doch Beziehungen mit ihnen eingehen, Symbiosen und Leidenschaften. Lebendiges, das ist Beschleunigung, jedes Ding dagegen ist ein Ruhepunkt, gibt Möglichkeit für eine ganz bestimmte Entfaltung; sie haben alle einen Umkreis mit ganz einzigartiger, vielfältiger Wirkung, in seiner Identität und Integrität so unangreifbar und doch können wir ihn ganz für uns einnehmen.

Bei der Begegnung mit Dingen gibt es viele Möglichkeiten: Anrufung und Betrachtung, Einschätzung und Verfremdung, Bestimmungen und Ungewissheiten, das alles ist hier zu finden, ein einziger Swing, Blues, Walzer und Punk, der die Seiten zum Orchester jedes Dinglieds macht.

Da gibt es Liebeserklärungen:

“Für dich du verkannter
missratene Verse fressender Freund
echter Dichter:

für dich mein geliebter
Aktenvernichter.”

und ebenso der Blick auf das Unscheinbare, das niemals abhanden gekommene, aber auch nie ganz entdeckte. Wie jener Poller am Hafen, ein Ding von jener Art, die uns allen immer wieder begegnet, schütterstahlgrauklatschnass, der “auf dem Kai/ der stille Star” ist, wie er all die schweren Ketten und Taue festhält.

Wenn Gedichte gelingen, erwecken sie etwas zum (ins) Leben und es ist ganz gleich, was es ist, es kann noch so abstrakt sein, Gefühl, Bewegung, Person oder eben ein Ding. Sehr oft gelingt dies hier, es genügt schon die sparsamste Erwähnung und schon befinden wir uns, allein durch die wortreich hervorgehobene Beschwörung der Dinge, in einer verlassenen Werkstatt:

“Sägen rosten unschlüssig dahin.
Der Stiel des Hammers liegt gebrochen am Boden.
Apathisch blinzeln Schrauben und Nägel
aus vermoderten Kisten […]

Hier findet man sie nicht, die Bewegung der Zeit.

Nur wenn ein Stück Putz von der Decke fällt,
setzt sie sich, mühsam ächzend,
für einen Augenblick in Bewegung.”

Dinge haben Atmosphäre und das ist ihre Magie, ihr Leben, mehr brauchen sie kaum, um uns für immer in ihren Bann zu ziehen, unsere Welt an ein paar Rändern, in ein paar Rädern, auszumachen. Ganz egal, ob sie die Idee eines Dings sind, das durch viele einzelne Dinge verkörpert wird (wie Zigaretten, Kaugummiautomaten) oder wirklich ein einzelner fester Gegenstand sind, der uns begleitet, mit unserer eigenen Sympathie immer wieder konfrontiert wird oder uns irgendwann entfällt und fehlt. Letzteres geschieht, gehört dazu, weil Dinge auch immer im Gebrauch sind, was manche mehr und manche weniger verändert. Was wir mit Dingen erleben, erleben wir auch mit uns, es kettet uns an sie, aber manches Ding harrt lange verlässlich aus und wird erst ganz am Ende wertgeschätzt.

Andere sind nicht nur Dinge, sondern Welten. Spielzeuge, die “die Male/ kindlicher Liebe tragen”, das ist fast schon eine Idee für die Ewigkeit. Solange es Kinder gibt und Dinge, die für Kinder zum Zweck des Spielens gemacht werden und mit denen Kinder dann auch spielen, kann man diese Male, dieses Spielzeug, überall, auf dem Dachboden jedes menschlichen Herzens finden, ewige Entdeckung und ewiges Erbe, wie das Schlaflied, das Lullabye, über das der amerikanische Rockmusiker Billy Joel einst sang: “Someday we’ll all be gone/ But lullabies go on and on./ They never die/ That’s how you and I/ will be.”

“Wieviel Dinge,
Feilen, Schwellen, Atlanten, Becher, Schlüssel,
die uns als stumme Sklaven dienen, die

blind sind und dazu sonderbar verschwiegen.
Wenn wir vergessen sind, werden sie dauern
und nie wissen, dass wir gegangen sind.”
(Aus einem Gedicht von Jorge Luis Borges)

Profan scheinen die Dinge, aber wie schmal der Grat zwischen profan und heilig ist, das kann man mit einem Blick in jedes menschliche Leben erfahren, denn in jedem einzelnen ist diese Grenze von Bedeutung. Was uns begleitet, das mögen wir teilweise für selbstverständlich nehmen, aber da ist oft etwas, zu dem wir eine besondere Beziehung pflegen, weil Dauer und Zeit uns vielerlei an Eindrücken, Gefühlsregungen und Gedanken entreißen, aber was wir über einige Zeit an Erlebnissen mit einigen Dingen anhäufen, es ist wie darin bewahrt; sie sind ein Behältnis für das sonst sehr leicht verstreute; ein Spiegel für das, was wir gerne an uns und von uns sehen oder was uns zumindest einen sehr wahren Blick auf uns erhaschen lässt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Prokurist in einem der Gedichte auf die Frage, was er jetzt, mit der Pensionierung, in Zukunft vermissen werde, weder “Erfolge/ noch Ehrungen” angibt, “nicht Kollegen oder Kunden./ Er nannte einzig/ den Gullideckelschlitz.” Was sich hinter diesem Ding für eine Geschichte verbirgt, will ich nicht vorwegnehmen. Sie ist nicht spektakulär, aber schön und nicht ohne ein Ahnung von Gewicht, wie die meisten Dinge; über viele von ihnen kann man abschließend sagen:

„was wichtig ist:
das hier ist wahr
ein winziges Denkmal
gegen die große Demenz”

Ein paar Fokussierungen zum 21. Band von “Das Gedicht” mit dem Themenschwerpunkt “Reisen”


“wie nun die deutsche Bundeskanzlerin
mit vertretern der Rüstungsindustrie
nach china und saudi-arabien
aufbricht zieht es den Wirtschaftsminister
nach griechenland im gefolge einer
gruppe solaranlagenhersteller
keine beachtung in den medien
findet claudias reise nach budapest
gerd fliegt zum vögeln nach georgien”
(Aus dem Gedicht “Konstellationen” von Manfred Chobot)

Reise – dieses Wort vermag sehr viel zu bedeuten; es ist ein Wort mit einem freien Kern und vielen Neigungen, sowohl zum Spirituellen hin, als auch zum Literarischen; in seiner kleinen typographischen Fläche birgt es viele große Räume.

Es vermittelt Bewegung, aber auch Erfahrung; es enthält den Aspekt des Erlangens, Erschließens, aber auch den des Verlassens – des nicht Verweilenden; es hat tonale Kammern des Flüchtigen, wie auch des Bleibenden und es ist stets umgeben von den Ideen der Entfernung.
Was ist Reisen letztlich anderes, als etwas, das wir alle tun, in jeder Bewegung? Valerys Gedicht “Bewegung”, mit den Zeilen: “Räume in Räumen/träumen/von der Zeit”… – ist Reisen nicht wirklich vielmehr Vorstellung als Tun, eine bestimmte Idee der Bewegung, des Daseins an sich?
Ist nicht schon der Weg von einem Gedanken zum anderen eine Reise – von einer Assoziation zur anderen, wie es oft im Gedicht geschieht?

Würde man ein Buch suchen, das die Substanzen der Reise einfängt, könnte man sicherlich viele Reiseberichte wälzen und darin das ein oder andere Kleinod finden. Wenn es darum geht, das Reisen als ein Wort mit vielen Richtungen und Wirklichkeiten zu begreifen, ist wohl kein Buch so empfehlenswert, wie die 21 Ausgabe von “Das Gedicht”, mit dem Themenschwerpunkt “Reisen”.

Im Reisen liegt auch heute noch eine Wehmut, eine sehr unschuldige (auch wenn einige der Gedichte dieses Bandes zeigen, dass sie gar nicht so unschuldig ist). Man nehme, um die Macht dieser Unschuld und Magie zu demonstrieren, z.B. Ende des Gedichtes von Annette Hagemann “Privilegien der Jugend”:

“der liebe vertrauen dem zugrattern den rhythmisch klopfenden sprüchen
der clique und erst viel später begreifen dass das fangnetz für all diese salti
gewebt ist aus reiner imagination aus bloßem wollen so wie alle im leben”

“Ein Gegenstand ist nicht das Wort, das man an ihn richtet, sondern die Summe seiner Möglichkeiten, denen nur die Vorstellung Grenzen zu setzen vermag.” (Paul Groussac)

“Das Gedicht” bleibt sich auch in dieser Aufgabe treu und erweitert die Idee des gewählten Themas und dessen Perspektive mit einer Vielzahl von Gedichten, in verschiedenen Sprechweisen, Längen und Formen. Obwohl viele Gedichte nur am Rande vom Reisen handeln und vielmehr vom Verweilen an Punkten innerhalb der Reise, von den Zielen (die natürlich etwas über die Reise aussagen), kommt dabei ein sehr stimmiges Bild von Entfernungen, Globalität und Reiseerkenntnis zum Vorschein.

Gedichte haben letztendlich die Aufgabe unseren Horizont zu erweitern, wie es das Reisen ja ebenfalls tut; zunächst sprachlich, aber auch mit dem Potential, der Gelegenheit, uns zu zeigen, dass Worte durchaus als Landkarte für das Sein eingesetzt werden können – dass ihnen nicht fremd ist, was tattäglich passiert, was wir erfahren und erleben und bedenken.

“Der Herbst hat ein neues Album draußen
[…]
die Nadel setzt auf
in den knisternden Rillen des Morgens

und schon vom ersten Akkord an
das alte Lied: die hingetrüffelten Hotels
[…]
die Refrains der Pärchen auf den Piers
und was nicht fehlen darf: das Solo

einer Silbermöwe überm Rauschen
dem Synthesizer der Gezeiten
[…]
der Blues dichtgemachter Imbissbuden
[…]
jedes Jahr um es nochmal zu hören

wie er die Buchen vom Blatt spielt,
die EverGreens EverYellows EverFalls.”
(Aus dem Beitragsgedicht von Hellmuth Opitz)

Reisen heißt an verschiedenen Orten sein und doch am immer gleichen: dem eigenen, mit der eigenen Erfahrung, der eigenen Idee von allem was einem umgibt. Man kann sich selbst nicht entkommen: auch diese Bestimmung scheint durch viele Gedichte durch.
Aber wenn man die Umgebung ändert, kann man sich auch zu kleinen Teilen selbst verändert, weil jede Umgebung ein Teil von einem wird. So geschehen in Reisegedichten natürlich auch viele Reflexionen über die eigene Position, den eigenen Willen, die eigene Wahrnehmung.

“Der Wald gerinnt, die Kämme funkeln
Von oben her, von unten rauf; –
Die Sonne spinnt, die Kähne schunkeln,
Die Villen gehn wie Sterne auf.

Der See liegt Grün, ein dunkles Wesen
Aus Schönheit und Verlassenheit:
Wir sprechen noch vom Blick-Genesen,
Jedoch schon in Vergangenheit.”
(Aus dem Gedicht “Cadenabbia” von André Schinkel)

Reisen heißt auch Innehalten. Wir reisen nicht nur zielstrebig, wir reisen auch nebenbei. Dieses “nebenbei” zu bemerken, seine Präsenz und seinen speziellen, tiefen Klang, der sich an das Sein selbst anlehnt, ist eine der wertvollen Erfahrungen, die die Kunst widerspiegeln kann. Kunst, die sowohl einen eigenen Blick konstruieren, als auch den unseren nur modifizieren, mit einem Updaten versehen kann. Letzteres ist ein besonders interessanter Vorgang, der eine alte Wahrnehmung von einem ganz anderen Ort (in unserer Vergangenheit) hervorholen kann (mit Vorstellungen mischt) und sie uns plötzlich wieder nahbringt.

“Portrait des Dichters als
Smartphone-User am steinernen

Strand ganz ohne Kieselstein
im Mund und dennoch vom

Rauschen des Meeres zum
Schreien gezwungen
[…]
gegen die Strahlen

der Abendsonne gelehnt,
die der Touchscreen blendend

spiegelt”
(Jürgen Bulla)

Reisen haben meist einen Anfang und ein Ende und doch wiederstreben dem Wesen dieses Wortes, seiner Idee, gerade diese beiden Worte, weil es in allem existieren kann, nur nicht in diesen beiden Begriffen, die es begrenzen. Auch darum geht es, ganz zuletzt, in Gedichten (und in vielen anderen Künsten): die Darstellung von der lineraren Erfahrung von Zeit und des Raums zu lösen; in Worten und Gedichten sind die Bedingungen nicht zeitlich und nicht räumlich, sie sind wesentlich. Und deswegen sollte man Gedichte lesen – Lesen als eine Chance, Momente als Raum wahrzunehmen und gleichsam Wahrnehmung als etwas zeitlich Unbegrenztes, Dichtes.

Kurzum: Gedichte als Abbildung einer Lebenswirklichkeit, der wir alle angehören und die es wirklich lohnt, das wir sie von außen, durch die Worte, betrachten.

Link zum Buch

(*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.)