Tag Archives: Denkmal

Zu “Die Stille von Chagos” von Shenaz Patel


Die Stille von Chagos Bis heute leben die etwa 6000 Nachfahr*innen der Chagossianer*innen im Exil, denn ihre Heimat, das Archipel Chagos, wurde 1971 von der britischen Regierung an das Militär der Vereinigten Staaten verpachtet und zwischen 1969-73 wurden die Chagossianer deportiert und umgesiedelt. Das US-Militär errichtete auf dem Archipel eine Basis, um ungestört im indischen Ozean operieren zu können und später wurde diese Basis sogar noch wichtiger, denn von dort aus konnten und können Bomber und Drohnen Afghanistan (und generell den Nahen Osten) erreichen.

Shenaz Patel, eine Autorin und Journalistin aus Mauritius – wo ein Großteil der Nachfahren der Chagossianer*innen unterkam und heute noch lebt –, hat einen Roman geschrieben, in dem das Schicksal der vertriebenen Chagossianer*innen-Generation auf einfache und doch ergreifende Weise dargestellt wird. Aus drei Perspektiven erzählt sie von der fast widersinnigen Sehnsucht nach einer Heimat, die einem unter den Füßen weggerissen wurde; von der niemand glaubt, dass man sie verlieren kann und die auf einmal unerreichbar ist, willkürlich, gewaltsam.

Wie soll man die so plötzlich herausgerissenen Wurzeln in unbekannter Erde wieder einpflanzen? Soll man sich einrichten oder soll man lieber hoffen, dass der Alptraum doch ein Ende findet? Umsiedlung und Exil, beide Aspekte werden in Facetten aufgefächert und, was besonders gut gelungen ist, die Figuren, die sie durchleben, werden auf sehr behutsame, aber dennoch nachdrückliche Weise gezeichnet, was sie zu authentischen Gestalten macht. Das Buch, obgleich ein Roman, hat so streckenweise beides: die Qualitäten eines Roman und die Qualitäten einer auf Tatsachen basierenden Story.

Das Schicksal der Chagossianer*innen, die nach wie vor für eine Rückkehr kämpfen (verschiedene internationale und britische Instanzen haben Ihnen dieses Recht in den Jahren zwischen 1980-2016 immer wieder zu- und abgesprochen; mittlerweile wurde der Pachtvertrag verlängert und den Chagossianer wurde lediglich die Möglichkeit gegeben, ihre Heimat auf Kosten der britischen Regierung zu “besuchen”), mag nur ein kleines sein, in einer Welt voller Unrecht und Verbrechen gegen Völker und Individuen. Aber es ist ein symptomatisches, ein beispielhaftes. Und als solches sensibilisiert es für das allgemeine Unrecht, das im Namen der US-amerikanischen oder europäischen Vormachtstellung in vielen Ländern Afrikas, Süd- und Mittelamerikas und in anderen Regionen begangen wurde und weiterhin begangen wird. Und deshalb lohnt allein schon die Lektüre.