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Zu Pascal Richmann “Über Deutschland, über alles”


  besprochen auf fixpoetry.com

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Rezension zu “Ein Apfel, der weiß, dass er nichts weiß?” des ägyptischen Lyrikers Girgis Shoukry


Auf signaturen-magazin.de

Mit Ingeborg Bachmann in Bildern reden – Die Sämtlichen Gedichte


“Ich bin ein Strom,
mit Wellen, die Ufer suchen.
[…]
Ich bin satt von der Zeit
und hungere nach ihr.
[…]
Tief im Grund verlang ich immer
alles restlos zu erzählen,
in Akkorden auszuwählen,
was an Klängen mich umspielt.
[…]
Ich weiß die Welt näher und still.”

Die besten Dichter lassen uns ständig auf- und untertauchen. Sie heben uns zur Sonne ihrer größten Gedanken und werfen uns in die Wasser der tiefsten Empfindungen. In den besten Gedichten, so finde ich, wandeln sich Stimmungen in etwas um, das man erzählen kann. Zumindest in den besten Gedichten von Ingeborg Bachmann.

“Die Axt der Nacht fällt in das morsche Licht.”

Ingeborg Bachmann, die früh verstorbene Galionsgestalt der Nachkriegspoesie, gehört mit ihrem recht schmalen Werk zu den größten lyrischen Stimmen des 20. Jahrhunderts. In einem manchmal übermächtigen Sturm aus Anbrechendem und Bildern gefangen, gleichzeitig einschneidend mit jedem ihrer Worte, und oft in eine zusammenfaltende Instanz ablaufend, die alles stillt, hat dieses Werk, zärtlich bis suggestiv, kaum einen Punkt, an dem es nicht ungreifbar und rätselhaft wäre, doch an jedem dieser Punkte kann man ebenso in eine tiefe Pupille geraten, eine weitführende Aussage, gebogen, gleich den Krümmungen in den Aussichten des Ich – oder der Sprache?

“Ich bin mit Gott und seiner Welt zerfallen,
Und habe selbst im Knien nie gefühlt,
dass es den Demutfrieden gibt,
den alle anderen sich so leicht erdienen.”

Woher geschieht die Tragik in diesem Werk, die Tragik, die Bachmann umgibt wie eine Kerze die Finsternis und nicht das Licht. Teils ist sie wohl dem biographischen Meißel zu verdanken, der seine Vertiefungen in das Gestein der Texte geschlagen hat. Mit einer scheinbar als permanent zu begreifenden Schwebe tritt Gedicht um Gedicht auf – aber eigentlich fällt alles hier in eine große Tiefe, dem Fallen fast noch mehr als dem Aufprall überlassen; es ist die Fallhöhe, die Bachmann schmiedet, in fast all ihren Texten.

„Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,
wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch daß wir sprechen und uns nicht verstehen
und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,

zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.
Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,
und das Verlangen, tief uns anzusehen,
durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen.“

In einer Bewegung, zwischen Ansage, Beschwörung und dem Schreiben des Umtosenden, entsteht die Fliehkraft, die Bachmanns Werk oft einer genauen Bestimmung entzieht. Aus dieser Tatsache entsteht wiederum eine andere Bestimmung, ja, sogar eine Kraft, jene Bedeutung, die Bachmanns Dichtung immer noch innehat, jene einzigartige Komponente, die in ihr enthalten ist wie eine Essenz. Was sie uns sehen lässt, das findet sich nicht dort, wo es zu sehen ist, sondern nur in einem abgewandten Sinn, von dem die Worte ihre Form erhalten, ihre Sprache, ihr Wesen.

Verzweiflung und Ungewissheit, dominante Themen, aber sie schmälern nicht, dass Bachmann eine der poetischsten Lyrikerinnen überhaupt ist, gerade weil sie es „zwischen die Dinge“ schafft; es ist, als würde sie in ihren eigenen Worten erwildern und doch teilt sie ununterbrochen eine Sprache mit uns, eine Wirklichkeit, wie von der Nadel einer Spritze tropfend, die gerade noch in denen Venen allen Geschehens steckte. Bachmann ist weder abstrakt noch klar, sondern schlicht poetisch; manchmal reimt sie, manchmal nicht; es ist schwierig eine überflüssige Zeile zu finden.

Thematik und Erfolg sind natürlich auch von der Zeit bestimmt. Ihre beiden Gedichtbände erschienen 1953 (Gestundete Zeit) und 1956 (Anrufung des großen Bären), also nicht sehr lange nach dem Krieg, wo diese vage ausholende Dichtung, die Motive aufgriff, ohne sie zu plakatieren, verarbeitete, aber nicht aufbereitete, den Zeitgeist traf. Dennoch läge man völlig falsch, wollte man ihre Lyrik als ausschließlich historisch-relevant einsortieren. Bachmann wurde vielleicht -auch- berühmt, weil sie in ihren Gedichte Zeilen niederschrieb wie:

“Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht ein enthaupteter Engel ein Grab für den Hass
und reicht dir die Schüssel des Herzens.”

aber der größte Teil ihrer Verse ist von einer großen Universalität; der Universalität einer Welt, gespiegelt in der Ungewissheit eines einzelnen Individuum, eines einzelnen Wesens.

“In der Dämonen Gelächter gebrannt,
bodenlos, sind die Schalen
dieses glücklosen Lebens,
das bis zum Rand uns bedenkt.”

Bachmann ist, meiner Meinung nach, keine Dichterin, die man rundum verstehen kann, sondern vielmehr eine, die einen immer wieder versucht.
Lassen wir ihr das letzte Wort und diesen vier Zeilen, in denen sie uns Schicksal des Dichters lesen lässt:

“Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein…
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.”

Appell ohne Appell – zu Ralf Rothmanns zweitem Lyrikband “Gebet in Ruinen”


“Verehrte Akademie für Dichtung und Maschinenbau,
das Leben ist schon so lange zu kurz.”

Ralf Rothmann hat bisher zwei Lyrikbände veröffentlicht. Der erste, [[ASIN:3518383248 Kratzer und andere Gedichte]], setzte sich vor allem mit Jugendthemen, Adoleszenz und Hoffnungslosigkeit auseinander. Der Ton dieser ersten Gedichte wird in diesem Band nahtlos weiterentwickelt und fortgeführt, wenn auch auf eine etwas virtuosere, nichtsdestotrotz auch teilweise etwas sprach verlorene, indirekte Art und Weise. Hoffnungslosigkeit steht weiterhin im Mittelpunkt und wird in vielschichtigen Momenten und Nuancen durchdekliniert.

“Wo Raben krächzen hat der Himmel Halsweh.”

Wie schon in den “Kratzern” ist Rothmanns große Stärke sein Gespür für eine Bildpoesie, die zwischen elegisch und profan hin und her pendelt und dabei unvorhergesehene mit nachzuempfindenden Betrachtungen kombiniert, die entrückte Zelebrierung von Tristesse mit nahe gehenden Symptomen von Sehnsucht, deren Farbe sich verschließen hat, verbindet. Es entsteht daraus eine unsichere Begegnung mit dem Leser – er bewundert Rothmanns poetische Einlassungen und ist doch leicht irritiert von der grundsätzlich radierenden, im Verschwinden begriffenen Programmatik in der Ausrichtung seiner Gedicht.

“Zu spät für das Licht
und die langen Schatten,
die unsere kurzen Sternstunden hatten.
Zu spät für die Frage wie’s weitergeht,
zu spät für jede Love Parade,
für Spott und Hohn und Religion,
zu spät für Tränen am Telefon.
Zeit war nie golden, Hoffnung nicht blau.
Die Tauben leben von ihrem Grau.”

Man bleibt seltsam unberührt im Banne der Schönheit. Ein seltenes Kunststück und eines, das sehr gut die moderne Überschaulichkeit unserer Empfindungen imitiert und andeutet. Rothmann versteht, dass der Gesellschaft etwas vorzuwerfen die Möglichkeit der Reflektion ausschließt, weil der Leser sich gemeinsam mit dem Autor von der Gesellschaft distanzieren kann; stattdessen führt er dem Leser seine Regungen und Bilder vor, spricht vom “Gott als einer Creditcard”, bringt Harmonie in seine Gedichte und kontrastiert diese mit absinkenden Verlorenheitspsalmen und macht den Leser so auf die Fassung der Wirklichkeit aufmerksam, in der wir derzeit existieren; eine Fassung in der die Sehnsucht, der Glanz eine Randerscheinung sind, mehr der Erinnerung als dem Erlebnis und dem Dasein verpflichtet.

“Einst sah ich Flieder im Fieber blühn,
den Mädchen fiel das Schreiten ein,
jeder Sternstrahl klang wie Wind.
Einst trugen wir nichts als Kleider aus Schweiß
und sammelten Süße in den Zimmern,
in denen Mondlicht die Betten verschob,
Süße, als wären die Ziegel aus Zimt.”

“und der Himmel wie immer, blaue Seite,
Innenfutter von Nichts.”

Dies ist sicherlich nur eine Art, wie man diesen schmalen, sehr filigranen und doch manchmal sehr von sich selbst entleerten Gedichtband lesen kann. Sprachlich ist Rothmann im Idealfall exzellent, ansonsten auf jeden Fall eingängig, anziehend. Seine Dichtung hat kaum Ausläufer, aber dafür den Charakter einer Leinwand der Regung, auf der fast immer etwas geschieht. Seine Gedichte stimmen nicht selten nachdenklich und oft haben sie eine Botschaft, die sich den Rahmen einer gewöhnlichen, zu propagierenden Botschaft, sprengt. Das ist etwas Wesentliches in Gedichten – das GILT für Gedichte:

“In jedem -Wo bist du?-
sind hundert
-Hier-.”

Zu Rudolf Hartungs sämtlichen Gedichten, erschienen bei Rimbaud unter dem Titel “Vor grünen Kulissen”


“…umrandet
von dunklen Tannen
rauscht die Aare zu Tal:
ein aufgebrachter Zeuge
der seine Aussage
ohne Unterbrechung
den Felsen im Flussbett macht.”

Rudolf Hartung (19154-1985) war Hauptberuflich Journalist, Lektor und Literaturkritiker, sowie lange Zeit Herausgeber der “Neuen Rundschau”. Das hier gesammelte dichterische Werk (gerade mal an die 40 Gedichte) wird im Nachwort als sein Hauptwerk propagiert, was wohl eher berechnende Gründe hatte. Denn auch wenn dieses lyrische Werk keinesfalls schlecht ist und weiterhin Leser verdienen würde, ist es doch etwas zu seicht und seinen Selbst-Räumen nicht ganz entwachsen, sodass man es nicht große Dichtung nennen kann.

“Farnkraut am Weg – Erinnerung der Welt”

Es sind Momente der Naturverbundenheit, des Herüberlangens von Gewissheit in naturverorteten Ausformungen, in denen Hartungs Lyrik am stärksten ist, wenn er sich in die Naturschauspiele hineinbegibt und ihnen eine allgemeine Idee, eine Entsprechung entlockt; kurzum: wenn er Atmosphären beschreibt und ihnen eine einfache Beschreibung angedeihen lässt, eine schlichte Idee.

“ich will zurückkehren in die
[…]
Brunnenkühle des Anfangs wo die weißen
Wolken durch die Pfützen der Radspuren
ziehn.”

Wie jedes dichterische Werk enthält auch Hartungs starke und schwache Gedichte, große Eindrücke und viele vorbeischwappende Ausdrücke. Doch im Gegensatz zu vielen erstklassigen Dichtern hat man bei Hartung das Gefühl (ohne die gelungenen Passagen zu vergessen, die ich hier auch mehrheitlich zitiere), dass sehr viel Potential verschenkt wird, sehr viel Gedichte zu einem Selbstgänger werden und die Bequemlichkeit und der zufriedene Ausdruck über die Filigranität und Sinn gebende Verdichtung siegen.

So z.B. diese, doch schon sehr gelungene Passage, mit einer schon gut anberauntem Idee, einem Nachspüren des Morgens, des Wechsels von Schlaf in Erwachen, von den vielen Traumperspektiven in die eine Perspektive der Realität:

“Du hörst mich hörst mich nicht
Ohr der Morgenröte das meinen Namen empfangen soll
nach so viel Nacht durchfurcht von Schiffen
die an fremden Ufern landen und nicht zurückkehren
oder zerschellen auf unbekanntem Meer
salzdurchtränktes Treibgut an meinen Tag gespült”

Wie hätte hier die Einlassung “salzdurchtränktes Treibgut -aus dem Auge gewischt- an meinen Tag gespült” oder eine ähnliche unvorhergesehene Wendung, das Gedicht noch unmittelbarer, realer gemacht; wie gesagt, es geht nicht darum, dass nicht schon einiges in diesen Zeilen enthalten ist, aber noch etwas mehr konkretes, etwas bei der Hand nehmendes, nicht so dahin treibendes, sodass die Metaphorik auch die Realität anschaulich einholt (darum geht es ja schließlich im Gedicht) wäre wünschenswert gewesen und auch möglich.

“Erinnerung an eine Seite von Proust:
die Woge des Künstlers
netzt nicht,
sie dauert.”

Hartung ist groß in den Gesten, aber von Dauer ist bei ihm zu wenig. Seine Gedichte mögen voller Eindrücke sein, aber sie sind nicht eindrucksvoll; sie mischen Farben und Metaphorik, werden dicht, aber es ist nicht immer eine Dichte, von der man auch automatisch angezogen wird.

Seine Gedichte wirken etwas unausdrücklich. Wenn er reimt erinnert er dann und wann an Benn, z.B. in diesen Zeilen:

“Und immer Worte: dieses Ungefähre
aus Lärm und Schweigen vor dem dunklen Rand
wirklichen Schicksals-Fährten ins Leere.
Nur manchmal legt sich leise eine Hand

an deine -: die weißen Barken stehen
auf hoher Flut und ziehen still hinaus.
Du offenes Meer, wer kann dich je bestehen?
Denn jede Sehnsucht führt uns noch nach Haus.”

und sie weisen eine gewisse Summe an Aussage aus, eine gewisse Kraft und einen Einklang, der aus dem schönen Bild des Meeres in der zweiten Strophe besteht. Aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass sich leichte Anzeichen von Beliebigkeit hier und da finden lassen und man doch noch ein paar Mal dein Schlüssel seiner Gedanken im Schloss des Gedichtes umdrehen muss, bis man zur Aussage, zum Kern der Verse kommt. Zuviel perlt an einem ab, zuviel setzt sich nicht fest, sondern bleibt Konstellation.

“Kleine Nacht unter den bunten Lampions des Cafés –
[…]
Abendgötter der Milchstraße, oleandergesäumt.
Es knirscht im Kies.”

Schön bleibt trotzdem die stete Gegenwärtigkeit, das umstandslose Färben von Moment und Welt, in dem Hartungs Poesie aufgeht und wo immer wieder kleine Spuren von Leben, getreu der Wirklichkeit, aufleuchten. Keine filigrane Pracht, aber doch für einige Momente eine kleine Schattierung, die sich in den Spiegeln der Schönheit zeigt. Mehr sollte man von so einem schmalen, eher nebenbei entstandenen Gedichtwerk vielleicht auch nicht erwarten.

“An diesem rosafarbenen Abend,
als in den verlassenen Wäldern
die Ankerketten schon um die Stämme geschlungen wurden,
der bittere Geruch der Nadeln
die leeren Laderäume der Schiffe ganz erfüllte -“

Link zum Buch

“Engel im Herbst mit Orangen” und “Die Sekunden vor Augenaufschlag”


Wer Titel wie “Die Dunkelheit knistert wie Kandis” oder “Engel im Herbst mit Orangen” verwendet, könnte von manchen als ein sehr blumiger und sehr banaler Dichter vorverurteilt werden. Dass Hellmuth Opitz in seiner sprachlich-vielfältigen Kombinatorik und seiner überbordenden Individualität beim Finden von Metaphern und Gesten, dennoch zu den schönsten und interessantesten Dichtern Deutschlands gezählt werden kann, möchte ich kurz anhand zweiter Gedichtbände andeuten.

Um ebenfalls seine feine Bewandertheit in Stimmungen und sprachlichen Gefühlseindrücken zu erfahren, empfehle ich die Lesung auf Youtoub von seinem Gedicht “Isarbrücken” http://www.youtube.com/watch?v=tvXQnmVbdj8

1. “Engel im Herbst mit Orangen”

“PSST! Es ist Herbst,
Madame.
Die Nacht spielt schon ein
kühles Saxophon.”

Hellmuth Opitz, Bielefelder Dichter und Autor, gehört zu der Art Poeten, die man sich in Lederjacke und mit Zigarette im Mund vorstellt; ein lockerer Spieler in seinem Metier, der das Leben + einen Sprung Fantasie in seinen Gedichten einfangen will. Seine Sprache, durchaus gezeichnet von der Havarie der modernen Poesie, ist größtenteils sehr eigenständig und aufrichtig gewählt und vor allem auf verdichtende Sprachbilder fixiert/ausgerichtet.

“Mit Blaulicht kommen die Tage,
zerschellen an der kühlen Küste
weißer Villen. Von dort tropft
Langeweile ins Warten, das bebildert
ist mit Palmen, Pools, Terrassen,
den blauen Scherben eines anderen Himmels.”

“Ich
war ein schlechter Vorname in diesen Tagen:
Zu groß. Hallte wie ein Treppenhaus, wenn man ihn
rief.”

Verschiedene Sammlungen von Gedichten wurden in diesem Buch zusammengefasst. Mit “Der 88. Januar”, einer sehr poetischen Sammlung beginnt es und es endet mit den melancholisch-verdrießlichen “Abenden aus dem Ärmel”. Fast alle Gedichte sind nicht länger als eine Seite. Besonders hervorzuheben ist noch der Abschnitt mit Gedichten über die Liebe, der besonders verspielte und deswegen in ihrer Betrachtung nicht weniger eindrückliche Zeilen enthält .

“Springtime sagen die Engländer
springt an und schon hängen der Stadt
hellblonde Strähnen in die Stirn aus frühem Licht.

Dann blüht ein Kaufrausch
und Farben trachten Frauen nach dem Leben.”

Opitz ist auf jeden Fall ein begnadeter Erfinder, einer, der sich in der Sprache wohl fühlt, wenn sie etwas mit all ihren ausdrücklichen Möglichkeiten erschließt. Seine Kombinatorik hat, mir zumindest, immer sehr viel Freude bereitet.

“sogar die Traurigkeit ist ganz aus
Schrott gemacht.”

“Auf den Schultern der Bäume saß ein großer
Sommer.”

Opitz ist ein wirklich lesenswerter Dichter. Ich empfehle ihn und hoffe, dass seine Leserschaft weiter wächst.

“Ein Kirchturm wirft eine Tonleiter herab
zu den keltischen Gräbern. Hier sind im Laufe
der Jahre der Trauer Kreuze gewachsen,
Hortensiengebüsch, zutiefst blaßblau
zu Sehnsucht verwilderter Tod.”

2. “Die Sekunden vor Augenaufschlag”

Hoffentlich zum Ausdruck bringend, wie bereichernd Lyrik doch sein kann, beginne ich:

“Auf einen Wink erhob sich der Wind,
sein Komplize, die Steppdecke der Wolken
weit von sich wirbelnd fuhr er in die
Fahnen. Alle Masten machten einen Knicks
vor ihm, als er sich den Himmel unter den
Nagel riss, den Mond, der wie ein Scheibchen
Zitrone in einem dunklen Drink versank.”

Sinnbildlich ist die Art wie Opitz nahezu alle seine Gedichte angeht. Mit visuellen Querschlägern, anschaulich-innovativen Metaphern, Vergleichen und Allegorien und einem stets halb prägnanten, halb sinnlichen Ton, schafft er es immer wieder einen in die Bilder seiner Gedichte hineinzuziehen – nicht nur einzuladen, sondern sie einem wirklich ins Blut gehen zu lassen, für einige Herzschläge.

“Wenn es stimmt
was geschrieben steht
dass wir den Frauen
die wir geliebt haben
nie wieder begegnen
können, weil sie nicht
im Raum gelebt haben
sondern in der Zeit,
was mach ich dann hier?”

Herzschläge, das ist auch, metaphorisch, die Hauptthematik in Opitz Lyrik und auch vielfach im Band “Sekunden vor Augenaufschlag”. Herzschläge der tiefen Empfindung, der Liebe, aber auch der Aufregung und der leisen Verzweiflung – ich glaube, er ist einer der wenigen heutigen Dichter, der so gekonnt und gefühlsecht alle Seiten des Liebens (das starre Lieben, das plötzlich, das tiefe, das tröstliche, das nagende, das unbeschwerte, das veruntreute etc.) darstellen kann und dabei die Konfrontation mit dem letztlich schon sehr oft beschriebenen Thema nicht scheut, mit der Überzeugung, dass jede wahrhaftige, präzise Beschreibung eines Glücks- oder Unglücksmomentes aus diesem Gebiet, zugleich einzigartig und sinnbildlich für das Phänomen in ganzen stehen kann. Zumindest erscheint dieses Buch im Ganzen immer wieder auch eine Art Querschnitt durch die verschiedenen Arten von Liebe zu sein, wie sie sich im Leben des Menschen bewegt, geht, kommt und wie sie sich anfühlen kann, in den verschiedensten Situationen und Stimmungen.

“Doch nichts hilft
[…]
Ja, nicht einmal die Kellnerin, die gerade
Kaffee serviert und mir mit den Augen
ein lächeln zusteckt, mir und dem Japaner
am Tisch nebenan. Ein Lächeln wie aus
dem Gesicht geschnitten, ihrem Gesicht,
der benutzerfreundlichen Oberfläche für
jeden hergelaufenen Blick.”

Nun soll keineswegs der Eindruck entstehen, Opitz schreibe nur Liebesgedichte (auch wenn ich diese oftmals für seine besten halte). Nein, es gibt auch hier kritische, spielerische Gedichte, Naturgedichte, Gedichte über das Schreiben; außerdem ein Kapitel dichter Kurzprosa.

Wer nach visueller, schlichter, naher Poesie sucht, der ist in diesem Band gut aufgehoben und wird sich von dem einen oder anderen Vers mitreißen lassen.

“Allein der Rest von Morgenlicht
heut morgen hätte ein Gedicht
gebraucht und nicht dies
Gebrauchtgedicht, das schon
erschrocken innehält und lauscht,
wenn ein Bikiniträger von
irgendeiner Schulter fällt und
durch die Brandung deiner
Blicke rauscht. Die Hitze tauscht
doch jeden deiner Sätze in
kräftigere Farben um.”