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Zu Joan Didions Essays in “Sentimentale Reisen”


Sentimentale Reisen Joan Didion ist neben Susan Sontag wohl die bekannteste amerikanische Essayistin des 20. Jahrhunderts. Oft ist sogar von einem besonderen Didion-Stil die Rede, dessen Abklatsche sich in vielen amerikanischen und europäischen Zeitungsbeilagen, Blogs und anderswo finden.

Auf ihre Essays trifft tatsächlich die Wendung „par excellence“ zu. Über lange Strecken gelingen ihnen umfassende Darstellungen und doch sind sie auf kleinster Ebene noch Auslotungen, freie Radikale, sie fügen viele Dinge zusammen und brechen sie unverhofft wieder auf. Es sind denkende Gebilde, die nicht nur um ein bestimmtes Thema kreisen, sondern die Darstellung Zeile für Zeile erweitern, zu einem neuen Aspekt vorstoßen, viele Töne anschlagen.

In „Sentimentale Reisen“ sind Texte versammelt, die zwischen 1982 und 1992 geschrieben wurden. Den Reagan-Jahren (und den Jahren seines Vize-Präsidenten Bush sen.), eine Zeit des Kapitalbooms, der deregulierten Märkte, des neuen Aufflammens der US-amerikanischen Interventionspolitik. Jahre, in die das Ende des kalten Krieges fällt, aber von denen auch die starke Prägung der letzten Verschärfungen dieses Konflikts geblieben ist.

Warum sollte man, wenn man von einem Interesse am Historischen absieht, diese Essays im Jahre 2018 noch lesen? Aus zwei einfachen Gründen: zum einen, weil die Texte eine wichtige Lehrstunde in Diversität sind, im Aufbrechen von Oberflächen, in Vielschichtigkeit. Didions Sprache ist ein Prisma, das den schönen Schein – zusammengesetzt aus Hörensagen, vereinfachter Darstellung und schematischem Denken, Zeitungsgebrüll und bequemen Versatzstücken – bricht und auffächert, das Farbspektrum dekodiert.

Zum anderen, weil das heutige Amerika in vielerlei Hinsicht ein Produkt jener Zeit ist, die Didion beschreibt. Ihre Berichte aus Washington (das Buch ist in drei Teile unterteilt, die „Washington“, „Kalifornien“ und „New York“ heißen) über die Mentalität der Leute in Reagans Weißem Haus, die Inszenierung einer Reise von Bush sen. in den Nahen Osten und den Parteitag der Demokraten, auf dem Bill Clinton zum demokratischen Kandidaten gekürt wurde, gewähren einen guten Einblick in das gleichsam vital-glänzende und innen marodiert-chaotische, hyperbolische Räderwerk des US-amerikanischen Politik- und Gesellschaftsverständnisses und dessen Praxis.

Ihre Essays über Ereignisse und Themen aus Kalifornien (die am meisten Platz einnehmen), präsentieren sehr anschaulich die Westküstenmentalität und veranschaulichen überdies, fast nebenbei, die Diskrepanz zwischen den Staaten/Gebieten in den USA, auf zu weit voneinander entfernt Formen von Lebenswirklichkeit (die letztlich auf eine Vereinzelung der Staaten hinausläuft). Mit scharfer Feder legt sie offen, wie sehr die Vorstellungen der US-amerikanischen Gesellschaft von unbewusst mitgetragenen Legenden und Mythen, betonierten Mentalitäten und medialen Schablonen geprägt sind. Natürlich trifft letzteres auf viele nationale Gesellschaften zu, aber bei der US-amerikanischen im hohen Maß, was das Angesicht dieses Landes (und seiner Probleme) nach wie vor entscheidend prägt, ebenso die Haltung seiner (weißen) Bevölkerung.

Eine sentimentale oder falsche Legende über die disparate und oft zufällige Erfahrung zu stülpen, die das Leben einer Stadt oder eines Landes ausmacht, bedeutet notwendigerweise, dass vieles von dem, was in dieser Stadt oder in diesem Land geschieht, lediglich illustrierend wiedergegeben wird, als eine Reihe von Versatzstücken oder Gelegenheiten zur Selbstdarstellung.

Das wird noch einmal sehr deutlich im letzten Text „Sentimentale Reisen“, dem einzigen Text im Kapitel „New York“. Ausgehend von einem Überfall im Central Park, bei dem eine Joggerin vergewaltigt und fast totgeschlagen wurde, sowie dem anschließenden Prozess, entwirft sie Stück für Stück ein Panorama der New Yorker Wirklichkeit und zeigt die Stadt als misslungenen Schmelztiegel, in dem weder von Aufstiegschancen, noch von kultureller Durchdringung die Rede sein kann. Es ist eine Stadt mit klaren Hierarchien, deren (fast ausschließlich weiße) Bildungs- und Wirtschaftselite immer wieder das Lied von der widerständigen und einzigartigen Bevölkerung der Stadt anstimmt, damit aber eine bestimmte Gemeinschaft meint und bestimmte Viertel, die schon vor Jahren quasi aufgegeben wurden, gar nicht miteinbezieht.

Dieser letzte Text zeigt eine Gesellschaft, die hinter ihrem selbstdarstellerischen Pathos von immer größer werdenden gesellschaftlichen Gräben auseinandergerissen wird; die eine glorreiche Oberfläche pflegt, die schon nach wenigen Schritten zu knacken beginnt, wenn man darüber geht. Didion knackt diese Oberfläche, zerbricht sie, bis aus den einzelnen Splittern Spiegel werden. Darin und darunter kommen Mentalitäten und Realitäten zum Vorschein, die die Vorläufer von Trumps-Amerika und ein paar der Grundursachen für die Probleme der Vereinigten Staaten sind.

Trotzdem bleiben es natürlich 25-35 Jahre alte Texte. Sie bilden sehr viel ab, aber sie können dadurch ihr Alter nicht gänzlich verstecken. Sie sind lesenswert, als literarische Werke und historische Dokumente. Die Aktualität, die darin liegt, ist subtiler Natur.

Zu Joan Didions “Süden und Westen”


Süden und Westen „Alles entlang des Golfes scheint zu vergammeln: Wände werden fleckig, Fenster rosten. Gardinen schimmeln. Holz verzieht sich. Die Klimaanlagen funktionieren nicht mehr.“

Golfküstenregion: Wildnis, Abgeschiedenheit, Riten, Rauheit, Zivilisationsabhang. Die drei Staaten zwischen dem weitläufig-erzkonservativen, cowboygeprägten Texas und dem sonnig-paradiesischen Florida, namentlich Louisiana, Mississippi und Alabama, gelten in vielerlei Hinsicht als spezielle US-amerikanische Bundestaaten.

Große Teile der Bevölkerung von dort müssen regelmäßig (wie der Süden von Amerika im Allgemeinen) als Blaupause für jenes Klischees vom hinterwäldlerischen, immer leicht soziopathischen Amerikaner herhalten, stur und allem Fremden gegenüber skeptisch, dabei oft brutal und abgestumpft.

Die Atmosphären in diesen Gegenden, mit denen Schriftsteller und Filmemacher immer wieder gearbeitet habe (zuletzt zum Beispiel in der Staffel 1 der Serie „True Detective“), sind geprägt von einer Mischung aus verquerem Lokalstolz, einfachen Traditionen, Mystik und einem tiefsitzenden Fatalismus (nicht umsonst ist diese Region die Quelle des Blues), der sich aus den zermürbenden klimatischen Bedingungen und der Abgeschiedenheit der Region ergeben.

„Das war ein Fatalismus, der, wie ich feststellte, zu diesem bestimmten Sound des Lebens von New Orleans gehörte. Bananen verfaulten und beherbergten Vogelspinnen. Das Wetter kam über das Radar herein und war schlecht. Kinder bekamen Fieber und starben, häusliche Streits endeten in Messerstechereien […]
der Fatalismus ist der einer Kultur, die von der Wildnis bestimmt wird.“

Joan Didion ist 1970 in diesen Staaten unterwegs gewesen. Zusammen mit ihrem Mann, der aber in den Notizen kaum auftaucht – in den wesentlichen Szenen ihrer Notizen wirkt es so, als wäre Didion allein in den Gespräche, bei den Begegnungen, mit ihren Überlegungen. Eine Frau aus Kalifornien im Kontakt mit Menschen vor Ort.

Die Notizen, die einmal zu einem Artikel über diese Staaten des Südens werden sollten (aber nie wurden), sind in Kapitel eingeteilt, die jeweils Abschnitte der Reise markieren, sodass man allein anhand der Kapitelüberschriften Didions Route auf der Karte verfolgen kann.

Während ihrer Reise kommt sie ins Gespräch mit Menschen, beschreibt die örtlichen Gegebenheiten, ihr eigenes Herausstechen (als einzige Frau, die Bikini trägt, die selber Auto fährt, die so weit weg von ihrer Heimat angetroffen wird), ihren Versuch die Lebenswelt der Menschen zu begreifen.

„Die Abgeschnittenheit dieser Menschen von den Strömungen des amerikanischen Lebens der siebziger Jahre war erschreckend und verblüffend anzusehen. Alle ihre Informationen kamen aus fünfter Hand und waren im Weitergeben mythisiert worden. Spielt es überhaupt eine Rolle, wo XY liegt, wenn XY nicht in Mississippi liegt?“

Trotz der Chronologie wirkt „Süden und Westen“ eher unsortiert, weil die Themen und die Art der Darstellung stark variieren und Zusammenhänge nicht immer erkennbar sind und auch nicht immer geliefert werden. Didion gibt schon am Anfang zu, dass das Buch ein Skizzenbuch ist und des Weiteren vor allem fasst, was ihr unverhofft passierte – sie recherchierte selten bewusst.

„Ich versäumte es, die Menschen anzurufen, deren Namen ich hatte, und hielt mich stattdessen in Drogerien auf. In einem wörtlichen Sinne war ich unter Wasser, diesen ganzen Monat.“

Gerade weil es nur eine Art Notizbuch ist, verblüffen allerdings die Klarheit und der Stil der meisten Schilderungen. Zwar variiert die Darstellung, aber der Fokus in der jeweiligen Darstellung ist immer gestochen scharf und die jeweiligen Überlegungen wirken zwar manchmal willkürlich, sind aber in sich geschlossen.

„Süden und Westen“ ist ein Reisebuch und gut, geradezu angenehm zu lesen. Es streift einen konsequent, aber oft auf eindringliche Art. Manche Abschnitte, wie etwa die Suche nach dem Grab William Faulkners, des Schriftstellers, der diese Regionen so gut beschrieb und doch (oder: deswegen) von den meisten Südstaatlern gehasst wird, bleiben im Gedächtnis.

Alles in allem ist das Buch natürlich auch eine minimale Sozialstudie – inwiefern noch immer gültig, lässt sich schwer sagen. Aber wenn man „True Detective“ sieht oder Bücher wie „Fremd in ihrem eigenen Land“ liest, bekommt man den Eindruck, Didion würde heute, 45 Jahre später, nicht wirklich eine andere Region bereisen.

Nachtrag: Es gibt auch noch ein kleines Kapitel über Kalifornien, in dem es u.a. um den Patty Hearst-Fall geht. Es ist allerdings mehr ein beigegebener Schnipsel und als eigenständiger Text eher nicht ernstzunehmen.

Zu Joan Didions Essays in “Im Land Gottes”


Joan Didion, die grande dame der amerikanischen Essayistik, begegnet einem in dieser Sammlung von sieben Essays als ein Teppichmesser, das den Vorhang vor politischen Persönlichkeiten und Ereignissen zertrennt und sie nicht als Schattenspiele, sondern als reale Vorgänge beleuchtet.

“Sie widersetzte sich diesem Impuls der Öffentlichkeit, Unzusammenhängendes zusammenzubringen, der Beruhigung wegen, der Zuflucht zur einfachen Lösung. Zur kollektiven Phantasie, in der sich Ereignisse verflüchtigen. The insistent sentimentalization of experience, die hartnäckige Sentimentalisierung von Erfahrung, wie Didion sagen würde. Die Reduktion von Ereignissen zu Erzähltem. Denn dieses Denken hat etwas Wesentliches verloren: die eigene Bedeutung.” (Aus dem Vorwort von Antje Rávic Strubel)

Vier der Essays sind allerdings sehr auf amerikanisch-innerländische Politikverhältnisse zentriert und nur für die zu empfehlen, die zu dieser Thematik einen Bezug wollen oder glauben, leicht einen aufbauen zu können. Diese Essays beschäftigen sich mit der Lewinsky-Affäre, Patricia Campell Hearst, Nancy Reagan, der religiösen Färbung der Bush-Rhetorik und Regierung und dem republikanischen Politiker Newt Gingrich.

Die anderen zwei Essays wiederum lassen sich sehr leicht in Bezug auf die Gegenwart lesen und viele Gedanken darin sind immer noch hochaktuell. In einer Zeit, in der die USA anfangen sich aus dem Nahen Osten zurückzuziehen und nach über 10 Jahren intensivster Einmischungen ein Trümmerfeld zurückzulassen, lohnt es sich, Didion Essay über den 11. September und die darauffolgende Stimmung im Land zu lesen, ebenso wie den kurzen Text über “Shoorters Inc” und den Aufenthalt von Georg Bush sen. im mittleren Osten.

In dem Essay über 9/11 wird nämlich sehr gut auf eine Problematik hingewiesen, die lange Zeit nicht genug in den Fokus gerückt wurde, aber endlich mal zur Sprache kommen müsste: dass die Anschläge auch eine Gelegenheit gewesen wären die amerikanische Nah-Ost Politik (oder direkt die ganze Außenpolitik) einmal zu hinterfragen, statt in einen kriegs- und racheversessenen Hurrapatriotismus zu verfallen. Didion weist wunderbar nach, dass hier eine Chance vertan wurde.

“Sie geht nicht davon aus, dass etwas ist, wie es scheint. Sie fragt danach, wie es ist. Wie es wurde, was es ist. […] Didion interessiert das Zustandekommen und Verblassen der Muster, in denen sich Menschen bewegen.” (Aus dem Vorwort von Antje Rávic Strubel)

Überhaupt beschäftigt sich ihr Schreiben viel mit vertanen Chancen, mit repressiven, alogischen und unnötigen Mechanismen und der Scheinheiligkeit von Taktiken und Präsentationsverfahren. Ihre Essays erwehren sich nicht der zahlreichen von ihr bemerkten himmelschreienden Verführungen, Entstellungen, Verfremdungen, Vereinfachungen und Dummheiten, sondern stellen sie nüchtern dar und schälen sie mit rationalsten Argumenten solange, bis sie nackt dastehen, ohne Mythos, Erzählhaltung und Glaubenshauch. Es ist immer wieder beeindruckend wie unverfänglich sie dem Leser auf diese Weise etwas “klarmachen” kann. Diese Unpersönlichkeit führt leider dann und wann auch zu einer übergroßen Distanz zwischen Leser und Geschriebenem, aber im Großen und Ganzen liegt eine Akkuratesse darin, die besonders und sehr lehrreich ist.