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Eine gut geschilderte Hauptfigur in einem nicht ganz ausgereiften Roman


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Die 15jährige Paola fühlt sich in ihrer Haut nicht sehr wohl: sie findet sie ist zu groß, zu unansehnlich, monströs geradezu; ein Erlebnis in der Schule hat sie vor kurzem noch mehr davon überzeugt, dass sie mit ihrer Statur und ihrem Wesen nirgendwo hineinpasst. Am liebsten verbringt sie Zeit mit ihrem körperlich beeinträchtigten Bruder Richie, mit dem sie das soziale Wohnviertel durchstreift, das an ihr eigenes gut betuchtes Viertel angrenzt. Paolas Familie ist nämlich reich – ihr Großvater hat viele Gebäude in der Stadt gebaut, unter anderem auch das soziale Wohnviertel.  

Eines Tages ergibt sich dort eine Begegnung und ihr eigener Bruder freundet sich mit dem jüngeren Bruder eines Klassenkameraden an, die beiden beginnen Schach gegeneinander zu spielen. Auch zwischen ihr und dem Klassenkameraden bahnt sich eine neue, verwirrende Vertrautheit an, doch Paola will nach den letzten Erlebnissen in der Schule niemandem mehr vertrauen, auch wenn sie spürt, dass im Wohnviertel und der Gestalt Antonios ein ganz neues Leben auf sie wartet …

Gleich vorweg muss man sagen, dass Raffaella Romagnolo in ihrem Buch einen ungewöhnlichen Drahtseilakt wagt. „Dieses ganze Leben“ ist über weite Strecken ein Coming-of-Age-Jugendroman, in dem manche Beziehungen ein bisschen zu non-ambivalent dargestellt sind. Womit ich meine: die Charaktere zeigen wenig Entwicklung und Variation in ihrem Verhalten, sie bleiben ihrer Ausrichtung verhaftet. Manche Konflikte werden während der Handlung intensiviert, andere nur im passenden Moment mal aufgerufen, aber gar nicht wirklich thematisiert.

In manch anderen Punkten ist das Buch aber ambitionierter. So schildert die Autorin mitunter bewundernswert anschaulich das Innenleben der Protagonistin und man hat am Ende das Gefühl, das zwar vieles unbefriedigend offen/unverhandelt bleibt, aber die Entwicklung Paolas durchaus sehr stimmig und gelungen ist.

Der Knackpunkt ist halt, dass dadurch viele andere Figuren und Handlungselement zum Ornament verkommen. Man hat das Gefühl, alle Elemente der Story schlagen sich vor allem in Paola nieder und sind abseits davon oft relativ eindimensional. Jetzt kann man argumentieren, dass das doch das Verhältnis einer Teenagerin zur Welt gut wiedergibt: was sich nicht direkt auf sie bezieht (und sie erzählt ja die Geschichte) ist nun mal Beiwerk.

Das mag sein und ich glaube, dass es Leute gibt, die mit dieser Leseerfahrung dann auch zurecht sehr zufrieden sind. Mich hat es ziemlich genervt (auch das passt aber eigentlich zum Teenager-Tunnelblick), wie sehr die anderen Charaktere streckenweise ernstgenommen werden, aber trotzdem nie aus ihren Rollen ausbrechen, sondern immer schön der Definition der Protagonistin verhaftet bleiben, so als würde sie letztendlich alles durchschauen und immer Bescheid wissen.

„Dieses ganze Leben“ ist ein teilweise starker, teilweise aber auch ziemlich luftiger Roman. Als Geschichte schön und teilweise schlimm, als Roman zu wenig ausgearbeitet.