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Zu Michael Endes “Das Gauklermärchen”


Gauklermärchen “WILMA:
Die Leut’ sind abgebrüht durch größ’re Sensationen.
Wer bei uns lacht, lacht uns im Grund nur aus.
LOLA:
Wo alles nützlich sein muss und sich lohnen,
Gibt’s für bescheid’ne Wunder nicht Applaus.”

Die Reste einer Zirkustruppe, auf einem Feld vor einer Chemiefabrik, umgeben von Baggern und Kränen, die morgen hier eine neue Fabrikhalle errichten sollen, ganz egal, was dann noch im Weg steht.

Der Clown der Truppe kommt mit einem Angebot der Chemiefirma: sie werden angestellt als Werbeattraktion, müssen sich aber dafür von dem kleinen Mädchen Eli trennen, das sie einst nach einem Chemieunfall in einer anderen Stadt aufgelesen und aufgepäppelt haben. Die Truppe hadert: Sollen sie den Vertrag unterschreiben? Während das Angebot, das zugleich ein Ultimatum ist, überdacht wird, erzählt der Clown Jojo Eli ein Märchen, in dem sowohl sie als auch er und am Ende die ganze Zirkustruppe vorkommen …

1982 hat Michael Ende dieses kleine Märchenspiel zum ersten Mal veröffentlicht, also bald vor 40 Jahren. Die Motive der Gaukler- und Traumerzählung haben über die Zeit nichts von ihrer Bedeutsamkeit verloren. Geschickt beschwört Ende die Nostalgie der harmlos-freudigen Zirkusunterhaltung, um dann Bild für Bild eine noch größere Geschichte über die Macht der Phantasie und das Glück des Einanderfindens und -habens aufzuziehen.

Ich muss zugeben, dass mir Endes Märchen bei aller Begeisterung in einigen Momenten etwas plakativ vorkam, vielleicht wegen der Kürze, aber wohl auch, weil die Botschaft zwar wichtig und schön ist, aber sehr einfach dargestellt wird; andererseits: es ist ja immer so eine Frage, ob man einen Theatertext liest oder ihn aufgeführt sieht. Gelungen finde ich, wie die Dialoge, sobald in die Traumwelt gewechselt wird, nur noch aus Reimen bestehen, das bringt immer wieder einen guten Schwung in den Text und stellenweise hat er dadurch einen angenehmen Witz.

Letztlich ist dies ein Stück, das jeder/m, der/die gerne träumt und an bessere Zeiten und Welten glaubt, etwas bedeuten wird. Es ist kein Plädoyer, hat aber durchaus etwas von einem Aufruf zu Solidarität, Vorstellungsvermögen und Widerstand. Im Kern ist es weniger große Literatur als vielmehr eine gelungene Herzensangelegenheit – was manchmal vielleicht noch wichtiger ist als große Literatur (das eine schließt das andere selbstverständlich auch nicht aus).

“Was du nicht kennst, das, meinst du, soll nicht gelten?
Du meinst, dass Phantasie nicht wirklich sei?
Aus ihr allein erwachsen künftige Welten:
In dem, was wir erschaffen, sind wir frei.
[…]
Weißt du dich selber nur von Zwang getrieben?
Nur wo wir frei sind, können wir auch lieben!”

Zu “Sechs Stücke” von Dea Loher


Sechs Stücke Seit beinahe zwanzig Jahren gilt Dea Loher (neben Felicia Zeller, Kerstin Specht, Nino Haratischwili, der Altmeisterin Elfriede Jelinek u.a.) als eine der wichtigsten Theaterautorinnen des deutschsprachigen Raums; 2017 bekam sie den hochdotierten Joseph-Breitbach-Preis.

Der Wallstein Verlag, bei dem die Romane und Erzählungen von Loher erscheinen, hat nun einen Sammelband mit ihren Stücken herausgebracht. Namentlich vereint dieser die Stücke „Adams Geist“, „Blaubart – Hoffnung der Frauen“, „Unschuld“, „Das Leben auf der Praca Roosevelt“, „Das letzte Feuer“ und „Diebe“. Nicht vertreten sind also die ganz frühen Stücke, die aber in einem Band beim Verlag der Autoren verfügbar sind („Olgas Raum / Tätowierung / Leviathan“) und die Aktuellsten, was ebenfalls verständlich ist.

Theaterstücke sind leider selten eine gern genommene Lektüre, was vielerlei Ursachen hat. Zum einen sicherlich die landläufige Meinung, der Text sei zum Aufführen und nicht zum Lesen geschrieben worden; auch die Erinnerungen aus der Schulzeit werden vielen im Weg stehen und sie daran hindern, freiwillig zu dieser Form von Literatur zu greifen.

Dabei haben Theatertexte oft so viel zu bieten. Die sprachliche Gewandtheit, Komplexität und Tiefe eines William Shakespeare erreicht kaum eine Lyrik, so amüsant und gleichsam hintersinnig wie Dürrenmatts Dramen sind wenige Gesellschaftsromane, beim Abklopfen des Zeitgeistes mit Sprache haben Jelineks Stücke dem Feuilleton oft einiges voraus. Um zu Dea Loher zu kommen: Ihre Stücke wiederum schildern das zerbrechliche Dasein in manchen Momenten besser als eine oscarreife Darbietung im Film.

Es ist ein bisschen schade, dass das Vorwort nicht darlegt, warum genau diese Stückauswahl getroffen wurde. Die Palette beeindruckt und besticht jedoch trotzdem. Loher arbeitet gut mit dem chorischen Aspekt der dramatischen Gattung, ihre Sprache ist dabei ungeheuer wandelbar, zerfasert im einen Moment und rafft im anderen. Behände betreibt sie immer wieder den Einbruch der Wirklichkeit in die Traumlandschaften des Theaters. Als Figuren hat sie gern Außenseiter*innen, geprellte und verhärmte Existenzen. Sie verleiht ihnen eine Stimme, hebt sie aber auch nicht auf ein zu hohes Podest, sondern hält sie dort, wo sie wirklich über sich und ihre Lage sprechen können. Die Konflikte und Schicksale ihrer Figuren wirken absehbar und doch wird ihre Schilderung zum eindrücklich-stimmigen Erlebnis. Impression und Expression verschmelzen in ihren Texten (wie in vielen guten Theatertext), fließen ineinander.

Man müsste jedes Stück einzeln unter die Lupe nehmen, um noch mehr zu sagen. Wer auf der Suche nach zeitgenössischen, teilweise gekonnt, aber nicht militant progressiven Theatertexten ist, der sollte einen Blick auf Dea Loher werfen.

“Zwei Frauen” – ein Roman über das Drama der Liebe


Vor nun beinahe drei Jahren ist Harry Mulisch, einer der großen Schriftsteller Hollands, gestorben. Hinterlassen hat er ein sehr vielschichtiges, fast schon klassisches Werk, in dem er sich mit sehr vielen Themen – mit sehr vielen “Plots” – beschäftigt hat. Schon sein Erstling war, perspektivisch und erzählerisch, eine gewagte Arbeit: in Archibald Strohalm erzählt er die Geschichte aus der Sicht eines Mannes, der allmählich den Sinn für Realität verliert.

In seinen weiteren Erzählungen und Romanen ist Mulisch seinem Credo treu geblieben, ungewöhnliche Bücher schreiben und darin einfache, aber ungewöhnliche Schicksale zu bevorzugen. Ungewöhnlich jedoch nicht im Sinne von exzentrisch oder außergewöhnlich. Mehr liegt dieses -ungewöhnlich- in der Art begründet wie Mulisch seine Konzepte verfolgt, wie er nie ausweichend abschweift oder partielle Erklärungen einschiebt, wie alles in seinen Sätzen eine stete Nähe zu seinen Protagonisten und seiner Geschichte hält. Wie gesagt: ein fast schon klassischer, sehr unmoderner Zug. Dies verbunden mit den wiederum nicht unbedingt besonderen Geschichten, die er erzählt, Geschichten, wie sie wirklich nur als Fiktion zum Leben entstehen können – dieses Zusammenspiel, es hat einfach etwas ganz eigenes, erzählerisch wertvolles.

Was seine Romane immer wieder zusammenhält, ist seine wunderbar unverschnittene Sprache, die oftmals, wenn es ums Beschreiben geht, genau die richtigen Vorstellungsmuskeln trifft: “…plötzlich überkam mich die Müdigkeit, wie ein gelandeter Fallschirmspringer, der unter seinem Schirm begraben wird.”

Sein Roman “Zwei Frauen” (entstanden 1975) ist eine Liebesgeschichte – eine klassische Liebesgeschichte, die Mulisch aber zugleich mit dem noch klassischeren griechischen Drama verknüpft. Dies beides prallt am Ende des Buches aufeinander und mag einige Leser, die das Buch bis dahin gut fanden, ein wenig abstoßen oder etwas zu abrupt entlassen; denn obgleich es folgerichtig ist und absolut konsequent, hat es etwas formalistisch. Es erscheint beinahe zu einfach. Doch ist zu einfach nicht genau das, was passieren muss?

Inhaltlich geht es zwar um eine sexuelle Beziehung zwischen zwei Frauen, aber das Sexuelle und die damit verbundenen Möglichkeiten für Erotikpassagen spart Mulisch aus, soweit es keinen Bezug zur Handlung oder zu gesellschaftlichen Folgen hat. Somit ist dieser Roman kein Roman der Tabus brechen, Reize ausrollen oder das Drama zweier homosexueller Frauen in den Mittelpunkt stellen soll. Nun ist es für die Geschichte auch nicht unwichtig, dass es zwei Frauen sind, die sich lieben, aber es ist nur die Bühne und das Stilmittel, die Idee und nicht der Plot.

Der Plot selbst ist ebenso schlicht, wie grandios erzählt, jedoch auch schwierig zusammenzufassen. Es ist ja so, dass man eine Geschichte zusammenfassen kann, eine kleine Beschreibung geben kann und bei der späteren Lektüre ist das Buch selbst dann quasi eine Variante zu der “Umstandbeschreibungen”. Aber hier, bei diesem Buch, ist die Kluft zwischen dem, was man über die Geschichte zusammenfassend sagen könnte und der Form, in dem dieses Buch diese Geschichte erzählt, einfach zu groß, um auf diese Weise dem Leser das Buch nahezubringen. Es geht um zwei Frauen, es geht um Liebe, es geht um eine Dreierkonstellation und es geht um die Idee der gleichgeschlechtlichen Liebe. Soweit kann man es sagen. Der Rest ist vor allem Form und Sprache, eine einfache Geschichte, vollkommen erzählt.

Ich kann kaum glauben, dass noch niemandem aufgefallen ist, wie vollkommen Mulischs Roman geraten ist (wieder ein klassischer Zug), wie man sich von einzelnen Beschreibungen und Kapiteln hinreißen lassen kann und wie rund der Roman am Ende wirkt. Klar, es ist kein Roman, der bei einem am Ende noch viele Stränge und Fetzten in der Hand zurücklässt, nichts, wovon man sagen kann, man hätte viel von ihm erhalten. Aber es ist ein Roman, der einen wirklich in seinen Bann zieht, der auf der ersten Seite beginnt und auf der letzten endet. Eine abgeschlossene Form, wie ein plastisches Kunstwerk.

Darin eine Liebesgeschichte, die wohl hauptsächlich wegen der angenehmen Sprache so gut zu lesen ist. Aber auch der Rest, die ganze, begrenzte Materie der Geschichte und der Hauptperson ist so filigran und durchkomponiert, dass es einfach großartig ist, dieser Komposition zu folgen. Kein Stutzen, kein plötzliches, zu weites Driften in die eine oder andere Richtung. Jeder kleine Erzählabschnitt hat seinen Platz und seine Richtigkeit auf diesen 200 Seiten. Und ich nehme lieber diese zweihundert wunderbaren Seiten, als alle 400 auf denen das Thema ausgequetscht, aber niemals diese unnachahmliche Präzision erreichen würde. Das ganze Buch ist voller kleinster Genussmomente, voller Passagen, die so einfach und authentisch und darstellend daherkommen und einen fesseln, wie es die ganze Geschichte letztendlich tut.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen

Kleine Empfehlung in Richtung Shakespeares “Romeo und Julia” in der Übersetzung Schlegel und Tieck


“Zwei Häuser, beid im Ansehen gleich, im schönen
Verona, unserm Schauplatz, feindlich wecken
Verjährten Hass in stolzgemuten Söhnen,
Die ihre Hand mit Bürgerblut beflecken.
Aus den zwei Feindeshäusern sehn wir sprießen,
Ein liebend Paar, das glühend sich erstrebt,
Um sternlos jung sein Leben zu beschließen,
Das seiner Väter Hass mit sich begräbt.
Des jungen Paars Liebesglück und Not,
Der Eltern grimmen Hass und schwere Sühne,
Die nichts versöhnte als der Kinder Tod,
Entrollt nun in zwei Stunden unsre Bühne.
Wollt ihr ein hold geduldig Ohr uns leihn,
Soll, was noch mangelhaft, bald besser sein.
(Nichts von dem Spiele sei euch eitler Schein:
Ein Werdender wird immer dankbar sein).”
-Prolog, der Satz in Klammern stammt aus dem Faust von Goethe-


William Shakespeare, der englische Poet, der die Dichtung universell machte, der sie schön klingen ließ und ihr dennoch vollkommene Gedanken eingab, der sie zur Dramatik, zum Erzählen und zum Lyrischen nutzte und der Literatur ewige Symbole sowie ewige Verse eingab – Ihn zu rühmen ist fast schon so etwas wie eine Tautologie; aber eine schöne Tautologie.

-Benvolio: “Beschwor sie der Enthaltsamkeit Gesetze?”
Romeo: “Sie tat’s und dieser Geiz vergeudet Schätze.
Denn Schönheit, die der Lust sich streng enthält,
Bringt um ihr Erb die ungeborne Welt
[…]
Sie schwor zu lieben ab und dies Gelübd
Ist Tod für den, der lebt, nur weil er liebt.”-

So finden wir Romeo vor, Sohn des Hauses Montague – der junge liebende Mensch schlechthin. Und wie jeder junge Mann seines Alters voller Verlangen nach Liebelust und voller Angst sie nicht zu erleben. Und wankelmütig ist sein Sehnen; liebt er am Anfang noch Rosalinde, ist er dann mit einem Mal, nur wegen eines Blick durch den Saal, von Julia bezaubert: “Liebt ich wohl je? Nein, schwör es ab, Gesicht!/ Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht.”
Julia ist ebenso angetan; wie Romeo erfährt sie jedoch bald, sie, die Tochter seines Vaters Erzfeindes Capulet, wem ihre Liebe gilt: “So ein’ge Lieb aus großem Hass entbrannt!/ Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt./ O Wunderwerk! ich fühle mich getrieben,/ Den ärgsten Feind aufs Zärtlichste zu lieben.”

Kann uns ein Stück das wahre Wesen der Liebe zeigen? Wohl kaum, denn wäre sie nicht unbestimmt, wäre sie nicht immer neu.
Aber es kann uns dennoch zeigen wie wirr und schön und schrecklich die Liebe in den Menschen walten kann und wie im Anfang viel in jeder einzelnen Liebe der großen Idee der Liebe gleicht. Sprache, gerade ältere, steht immer in Verdacht das gleiche zu meinen, wenn es auch anders gekleidet wird. Das dem einerseits so ist, aber andererseits dies gerade das ist, was Herz und Verstand zum Erinnern, Verstehen und Fassen brauchen, das kann man vielleicht nirgendwo so trefflich erkennen und begreifen wie bei “Romeo und Julia“. Wer kennt nicht Trennung und spürt was gemeint ist, wenn Julia sagt: “Nun gute Nacht. So süß ist Trennungswehe,/ Ich rief wohl gute Nacht, bis ich den Morgen sähe.”
oder wenn sie am Morgen, um den Liebsten zu halten spricht:
“Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.”

Das Stück ist von August Wilhelm von Schlegel, dem zumindest ich ewig dafür dankbar bin, wunderbar ins Deutsche übersetzt worden, mit Reim, Bildern, ja sogar mit etwas Witz. Niemand sollte sich schämen oder scheuen, Shakespeare ruhig, wenn er will, in (dieser) Übersetzung zu lesen. Der großartige Emerson schrieb auf einer Seite seiner Beobachtungen (Von der Schönheit des Guten): “Ich nehme gar keinen Anstand, alle guten Bücher in Übersetzungen zu lesen. Alles, was an einem Buch wirklich hervorragend ist, das ist auch übersetzbar: – jede tiefe Einsicht, jedes menschliche Gefühl.”

Dies alles zusammen, es ergibt ein wunderbares Leseerlebnis – und fern jeder modernen Furcht, Vernunft oder Vorbehalte kann man es auch lesen, einfach um der Schönheit, der Tragik und der Geschichte willen; dann ist es nicht mal eine schwere Lektüre, man muss nur einfach für sich die Schönheit bergen und nicht lesen, was man glaubt lesen zu sollen. Wie sagte Mercutio doch (und dies sei gleichsam Maxime für das Stück und diese kleine Hommage, wie auch das Schlusswort):

“Nehmt meine Meinung nach dem guten Sinn,
Und sucht nicht Spiele des Verstandes drin.”

Letztlich zählt nur das menschliche Selbst, der menschliche Geist – Jean Anouilh und sein Stück “Jeanne oder Die Lerche”


In Jean Anouilhs über 50 Jahre altem Stück findet sich – neben Schillers Die Jungfrau von Orleans und Georg Bernhard Shaws Die heilige Johanna – eine der bekanntesten (dramatischen) Auseinandersetzungen mit dem Leben der Jean de Arc. Während Schiller (1801) die Geschichte als Drama mit historischer Glorie aufzog und Shaw (1925), im Gegensatz zu dieser romantischen Variante, eine menschlich psychologische Ausrichtung wählte, nutzt Jean Anouilhs in seinem Stück den Mythos Johanna, um sich insgesamt mit dem Problem des Göttlich(menschlich)en und der Erdenhoheit der Kirche auseinanderzusetzen.

Dafür lässt er die ganze Szenerie um die Märtyrerin zwischen Farce und Wirklichkeit verschwimmen; statt die Geschichte linear zu erzählen ist das ganze ein Stück im Stück; Johanna ist bereits gefangen genommen und den Engeländern ausgeliefert worden; der Bischof, einer der Drei Prozessleiter, besteht darauf, dass sie ihren Weg noch einmal “nachspielt”. So treten einige Charaktere auf und Johanna erzählt ihre Geschichte bis zu dem Moment, wo sie dem Dauphin begegnet und ihn bittet, Frankreichs Heer übernehmen zu dürfen. Das ist der erste Teil. Eine frechfromme Johanna und Figuren und Handlungen die eindeutig mit dem Aberwitz kokettieren, machen diesen Teil zu einem ergötzenden Vergnügen.
(Sehr schön zum Beispiel die Szene, in der Johanna berichtet, wie ihr der Erzengel Michael erschien und sie zur Rettung Frankreichs kürt. Sie bittet ihn um Gnade, da sie fürchtet den Krieg und die Toten nicht zu ertragen, doch: “Aber was! Keine Spur von Mitleid! Er war längst fort, und ich hatte Frankreich am Hals…”)

Im zweiten Teil des Stücks verlagert sich das Geschehen auf den Prozess. Die drei sehr unterschiedlichen kirchlichen Ankläger sind der Bischof aus Frankreich, ein Inquisitor und noch ein Mönch, der quasi als Staatsanwalt fungiert, doch eigentlich am wenigsten zu sagen hat. Während er nämlich versucht in jeder von Johannas Äußerungen den Teufel zu finden und der Bischof Johanna argumentativ und geduldig ihre Fehler nachweisen und sie zurück in die Obhut der Kirche führen will, sieht der Inquisitor in Johanna etwas Schlimmeres, als eine gesandte des Teufels, sondern eine Humanistin, die in den menschlich-irdischen Mitteln das Heil sieht, im Menschen das höchste, größte Maß und im menschlichen Mitleid und im menschlichen Selbst die größte Tugend – denn Gott hat ihn “gerade für den Gegensatz aus Gut und Böse geschaffen”; dies alles ist für den Kardinal weit gefährlicher als Teufelswerk (man könnte diese Angst gut auf die Angst vor dem Lachen in Umberto Ecos Buch Der Name der Rose vergleichen). So entspinnt sich ein sehr interessanter Dialog über das göttliche, seine Ausläufer auf Erden und -am wichtigsten- über die letzte Instanz. Ist es die Kirche? Ist es das Selbst?

Für Johanna ist es das Selbst, denn nichts kann über ihm stehen. Wie Martin Luther 90 Jahre später spricht sie Worte, die zwar etwas von denen des Kirchenmannes abweichen, aber im tiefsten die Quelle ein und desselben Glaubens und Gewissens sind: “Von meinen Handlungen und Taten, werde ich mich niemals lossagen.”
Und wie Simone de Beauvoir in ihrem Buch Alle Menschen sind sterblich einen Beobachter von Luthers “Widerrufen kann ich nicht” sagen lässt: “Ich erbebte innerlich;[…]Dieser Mann wagte zu behaupten, dass sein Gewissen schwerer wiege als das Interesse des Reiches und der ganzen Welt”, können natürlich auch die Ankläger dieses trotzig Festhalten nicht verstehen; können nicht begreifen wie der Gott in einem selbst wichtiger sein soll, als ihr großes Versprechen von einem allmächtigen Gott.

Es steckt eine Menge Witz und viel interessante Thematik in diesem Buch, von dem ich hier nur die Oberfläche angekratzt habe. Die Gestalt der hier dargestellten Johanna wird mich wohl noch eine ganze Weile begleiten. Ich kann dieses Stück also nur jedem empfehlen.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Jeanne-oder-Lerche-Jean-Anouilh/dp/3150089700/ref=sr_1_sc_1?s=books&ie=UTF8&qid=1379070026&sr=1-1-spell&keywords=jeanne+oder+die+lerceh

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen