Tag Archives: Düster

Eine Übersetzung des Gedichtes “Blacktop” von Robert Beveridge, übertragen von Cornelia Hülmbauer und mir


erschienen beim Signaturen-Magazin.de als Zeitzünder

Advertisements

Impression Zu Sebalds “Die Ringe des Saturn”


Die Ringe des SaturnsW.G. Sebald begibt sich auf eine (fiktive) Wanderung in zehn Kapiteln durch die englische Grafschaft Suffolk – eine Gegend, die scheinbar genauso gut auf dem Mond liegen könnte. Die Orte, die er dabei passiert und aufsucht, haben stets einen leichten Anstrich des Wunderlichen und Verhärmten. Ständig werden die Asche und der Staub in den Dingen evoziert, und durch die Weite der Perspektive, auf die Vergänglichkeit hinter allem gerichtet, könnte man meinen, Sebald beschreite die Umlaufbahn eines verwaisten Planeten. Geschildert wird das Anwesende nur im Kontrast zu seinem Verfall, seiner Leere; das Entschwundene türmt sich und wirft hohe Schatten auf alles.

Heiden, Felder, Wälder, gleichförmig und -farbig fast, in denen einst dann und wann die Herrenhäuser der Neureichen und Altadeligen standen und über deren Bewohner es viele wundersame Geschichten zu erzählen gibt, die alle aus den erstaunlichsten Kompendien stammen, von denen man kaum weiß, ob man an ihre Existenz glauben soll. Eine Landschaft aus Papier und Vergangenheit.

Menschenleere, anberaumt. Ferne Zeiten, der Landschaft noch geläufig in ihrer abgewandten Seite, aber bereits abgezogen von den Wänden der Geschichte, überholt, verstorben schließlich. Gab es die Welt, die abgezogen wurde, wirklich; ist sie vielleicht sogar wirklicher als die Wirklichkeit, die, aggressiv und unübersichtlich, keine Landschaften erschafft, sondern sie bloß verenden lässt und zerstört? Aber dieses Zerstörungswerk begann schon früher und Sebalds Buch ist eine Chronik dieser Zerstörung, an deren Endpunkt wir noch nicht angekommen sind. Und vielleicht sind diese Landschaften, für sich belassen, die einzigen Orte, die der sonstigen weltweiten Zerstörung irgendwie trotzen, in ihrer Abgewandtheit, und weiter existieren, in Starre.

Sebalds Sprache ist wie ein Tiefdruckgebiet, das einen Wind mit sich bringt, der alles entschleunigt und bis auf ein absolutes Minimum an Lebendigkeit drückt, dafür alles Einstige als aufragende Gestalt hervortreten lässt – auf diese Gestalten fällt ein Regen voller unsentimentaler Wehmut und die Welt, die Landschaft, ist unwirtlich, entropisch und wird sich immer tiefer in eine sanfte Unmöglichkeit begeben, so fühlt es sich an.

Ein großartiges Buch, besinnlich, meditativ, einzigartig, eine literarische Erfahrung der besonderen, fast extraterrestrischen Art.

Kleine Replik zu Kafkas “Amerika”


Der 15 jährige Karl Rossmann wird von seiner Familie nach Amerika geschickt, da er von einem Dienstmädchen verführt worden war, welche darauf ein Kind von ihm bekommen hatte. Dieser Romananfang ist trügerisch – es könnte auch der Anfang eines schelmischen, bürgerlichen Werks sein. Dabei ist es der Beginn einer der vertracktesten, düstersten Aufenthalt in imaginären Welten, dabei aber nicht offensichtlich grässlich oder grausam, schrecklich oder grotesk, nein, all dies wurde nur minimal eingerührt und ergibt eine trübe, fast melancholische Suite aus Hoffnung und Abgesang.

Kaum legt Karls Schiff in New York an, ist Karl bereits mit dem Heizer des Schiffes bekannt, für den er sich einsetzt, da der Heizer versichert, schlecht behandelt worden zu sein. Bei der anschließenden Debatte mit dem Kapitän und einigen anderen, stellt sich heraus, dass einer von ihnen Karls Onkel ist. Dieser nimmt ihn sofort mit sich und lässt in bei sich wohnen. Der talentierte Karl lernt Englisch und Reiten und unternimmt eines Abends einen Ausflug auf ein Landhaus, welches dem Freund seines Onkels gehört. Dort erfährt er, dass sein Onkel nicht will, dass er zurückkommt, wieder haben die Gründe etwas Endgültiges, Absichtliches und doch Nebulöses. Karl ergibt sich in sein Schicksal und ist entschlossen selbst voranzukommen, auch wenn alle Welt, alle Heimat für ihn nun endgültig unerreichbar scheint.

Er wird von zwei Gesellen namens Delamarche und Robinson aufgenommen, die hoffen im Westen Arbeit zu finden. Karl begleitet sie auf ihrem Marsch, verlässt sie allerdings, als er in einem Hotel Arbeit als Liftjunge bekommt und in der Oberköchin dort eine Verbündete und Freundin findet. Eines Tages taucht jedoch Robinson auf, betrunken und in schlechtem Zustand. Nach diesem Skandal, wird Karl schließlich entlassen und begleitet Robinson zu einer Wohnung, wo auch Delamarche zusammen mit der übergewichtigen, hysterischen und grässlichen Frau Brunelda, deren Liebhaber er ist, wohnt. Karl wird widerwillig Diener der ekelhaften Frau und reißt schließlich aus, um sich einem Wandertheater anzuschließen. Im letzten Kapitel fahren er und ein Freund als Angestellte des in Richtung eines unbekannten Ziels.

Amerika ist der erste Roman Franz Kafkas und auch sein labilster. Neben dem fast schon naiven Ausdruck der Sprache und der Detailgetreue der Schilderung, auch Ansätze und Motive wieder die an ‘Den Prozeß’ oder ‘Das Schloss’ erinnern. An erster Stelle steht die Hoffnung, mit der Kafka in seinen Roman immer wieder bewusst spielt, in dem er sie zuerst aufzeigt und dann meist ohne Gnade zunichte macht. Egal wie sehr Karl Rossmann auch versucht Fuß zu fassen, egal wie Positiv es sich für ihn wendet und egal wie klar er selbst beteuert einfach nur arbeiten zu wollen, immer gibt es Missverständnisse oder eine unglückliche Verknüpfung von Geschehnissen und Aussagen und der arme Karl muss von vorne beginnen. Wie schon im ‘Schloss’ erscheinen die Ereignisse und Menschen gleichsam von einem brutalen Aufklärungswillen getrieben und sind doch in unübersichtliche Grenzen gebunden. Wie im Prozeß ringt man mit dem ständigen Pech und der Willkür der Umstände und will Kafka um Nachsicht mit seinen Helden bitten – dennoch ist es gerade die fehlende Nachsicht, die diesen phantastischen Roman letztlich perfekt zu einem Sinnbild werden lässt.

Auch an den Frauen lässt Kafka nur einige gute Haare, angefangen beim Dienstmädchen, über Klara, die Tochter des Freundes seines Onkels, bis zu Brunelda, obwohl in diesem Roman wenigstens einige ‘gute’ Frauen vorkommen (eine Köchin und eine Magd im Hotel).
Ein weiteres Motiv, ist die enorm unterschwellige, fast schon negierte Kritik und der schwer erkennbare, geradezu sich selbst abhanden kommende Humor die Kafkas Welten nicht wirklich ausmachen, aber immer wieder eine Ahnung von der Präsenz des Lächerlichen geben. Die Kritik, wenn man sie denn überhaupt so auffassen kann, ist auch nur aufzeigend, nicht anzeigend; sie etwas unausweichliches und doch ist sie flüchtig.

Was aber wohl bei allem auch sehr faszinierend ist, sind die Personen die Kafka erdenkt. Sie scheinen normal, manchmal auch klischeehaft und doch sind sie wahrlich einzigartig in der Literaturwelt. Es liegt wohl an ihrer, leicht überzogenen, Machart – sie wirken wie aus Steinen gehauen, in die sie exakt passen, und über die sie nicht mehr hinauswachsen können – alle von Kafkas Charakeren bleiben immanent wer sie sind. Die Faszination so unwandelbaren Figuren dabei zuzusehen, wie sie sich offenbaren und der Wandlung einer Geschichte unterworfen werden, dies macht eine Kafkalektüre weiterhin einzigartig. dass diese Figuren einen Faszinieren, sogar wenn man es nicht merkt.

Man kann gewiss noch viele Loblieder auf diesen Roman dichten, aber ein letztes sollte man noch singen, nämlich eins, auf die einzelnen Sätze Kafkas, die es steht’s alle schaffen bedeutungsvielschichtig und einprägend zu sein.

Kurz: zu Austers Gedichten in “Disappearances/Vom Verschwinden”


“Hier
wirst du schlafen, eine
am Stein vertäute Stimme, die sich durch
dies leere Haus bewegt, das dem Brand lauscht,
der es zerstört hat. Du
wirst anfangen. Deinen Leib
aus der Asche zu ziehen.”

Paul Celan, John Ashbery, Giuseppe Ungaretti (und unzählige französische Poeten des 20. Jahrhundert) – über diese Dichter schrieb Paul Auster in seinen frühen literarischen Essays (Die Kunst des Hungers), bevor er sich ganz der erzählenden Prosa widmete und als Romancier bekannt wurde. Die meiste Zeit sah er sich mehr als Dichter, denn als Prosaautor (und seine in Paris verbrachte Zeit nutzte er fast nur, um Gedichte zu schreiben).

“Schriftrollen deiner zweiten Erde, enträtselt
von meinen langen brandstiftenden Händen.
Der Himmel in deinem Namen – er gleitet
Böschungen aus Blau hinab: der Himmel
überschreitet den Weizen.”

“Fluch überschäumt

Prophezeiung: Die Gletscherrose
vermacht ihre Dornen dem Atem,
der mühsam nach Blick und
Vergessen strebt.”

Wie man an den lyrischen Beispielen schon sieht, haben Ungaretti und Celan Auster wohl am meisten beeinflusst, wobei er schnell zu jener Art undurchdringlicher Bildprägnanzpoesie gelangte, die fast schon mehr an de Bouchet erinnert. Die meisten Texte sind in einen endgültigen Ton gekleidet, voller kontrastierender Metaphernkonturen und aufgebrachter Unnahbarkeit. Und vor allem: voller Verschwinden.

“Schulter
an Schulter mit dem Staub, vor
der Klinge und hinter
dem hohen dürren Gras,
das mit mir schwankt, bin ich der Luft
gestammeltes Relikt.”

Sicherlich ist Auster kein schlechter Lyriker, auch wenn die hermetischen und düsteren Spielereien mir selbst weniger zusagen, da sie seltener Eindrücke verfestigen und auch weniger Emotionale Ideen zulassen.

Der Vorteil an dieser Art von Lyrik ist wiederum, dass man sie wahrscheinlich hundertmal lesen kann und dabei fast immer mit einem neuen Bild, einer neuen Zusammensetzung der Eindrücke konfrontiert wird.

“als ob auf der Strecke zwischen
Abend und Morgen
eine Hand
deine Seele genommen
und mit den Steinen
in den Sauerteig der Erde
eingeknetet hätte.”

Sprachlich ist Auster ein erbarmungsloser Dichter, was seiner Lyrik aber auch einen Nachdruck verleiht, der sie von bloßen Gelegenheitsdichtungen abhebt. Es gereicht ihm zu Vorteil, dass die Dichtungen aus vielen Jahren erst so spät zur Veröffentlichung kamen – so kannte er vieles aussortieren und nur den Kernbereich behalten, die Texte, die er heute noch für gut hielt und gelten lassen konnte. Schade ist, dass der Band keinen Kommentar von Auster zu seinen Gedichten enthält oder sonst irgendwelche Anmerkungen. Erfreulich ist dagegen, dass die Ausgabe Engl./Deutsch ist.

Wer diese Textbeispiele liest (ich habe ganz unten noch reichlich zusätzliche hinzugefügt) kann, denke ich, bereits selbst entscheiden, ob er das unwirtliche und faszinierende “Land der letzten Lyrik-Dinge” von Auster betreten will. Sprachgewaltig wird er hier empfangen werden. Und was er findet, wird verschwinden; je mehr er findet, desto mehr wird verschwinden.

“Es gibt keine Grenzen
im Licht. Und die Erde
lässt und kein Wort für
unser Lied.
[…]
Die Welt,
die in mir schreitet,
ist nicht zu erreichen.”

“Der Stift
fährt über die Erde: er weiß nicht mehr,
was geschehen wird, und die Hand, die ihn hält,
ist verschwunden.”

“Herbst: Licht verzehrt
ein einzelnes Blatt: und auf uns ruht
der grüne Blick des Grüns.”

“Der Sommer
hält sein Versprechen,
indem er es bricht.”

“indes die ganze Luft,
ununterbrochen
in den grünen Augenblick
unserer selbst eingeht.”

“Als könnte
das Auge
mit dem Begriff des Regens
die Sprache jedes Augenblicks
auf der Erde
beherrschen”

Link zum Buch

Kleine Impression zu Cocteaus “Kinder der Nacht”


“Ich will nicht schlafen. Das lässt sich nicht träumen.”
Aus einem Gedicht von Günter Grass

“Ob ich schreibe, ob ich filme, ob ich male – ich errege Anstoß.”
Jean Cocteau

Cocteau ist einer dieser Dichter (denn als Dichter bezeichnete er sich sein Leben lang, auch wenn er vor allem Filme machte und Prosa schrieb) die einem durch den Verstand wirbeln, weil sie so originell und doch im Ganzen so natürlich und nah sind. Seine somnialen, geschmückten Gedichte, seine fassende Art zu erzählen und seine klar ausgerichtete künstlerische Freiheit, die ohne Diktum Phantasie mit Beschwörungen des Realen vereint, machen ihn und auch dieses wundervolle Buch zu Lichtgestalten in einer in der Literatur vorherrschenden Grautönigkeit. Kinder der Nacht ist zwar ein Abgesang, aber auch ein Loblied und diese beiden Dinge in einem Buch zu verbinden, gelingt sehr selten und ist meist ein berauschendes, einmaliges Erlebnis.

Dabei ist an diesem Buch vom Inhalt her nichts Lichtes. Die ganze Zeit schwankt es in einer zwie-bedrohlichen Dämmerung umher; der Hauptteil der vielen, lebendigen Gefühlsoffenbarungen spielt sich in der Nacht ab, denn die beiden Geschwister Elisabeth und Paul sind nun mal “Kinder der Nacht”. In der Dunkelheit erscheinen ihre Obskuritäten, ihre Weltverlassen und -vergessenheit wiederum nicht zwingend als etwas Abnormales, nicht als abwegig, sondern geradezu unausweichlich, richtig und geradezu wahrhaftig, wenn auch immer noch leicht märchenhaft, leicht überirdisch, wie eine Szene aus einer flüchtigen, tieferen Welt.

Ich zögere genaure Angaben über den Inhalt zu machen, denn jede Festlegung scheint mir bei diesem Buch wie eine Ausfahrt, wie ein Ablenken von diesem wunderbaren, ganz in sich stimmigen Wunsch nach einer reinen Geschichte, den man während des Lesens als Ahnung ins Blut geimpft bekommt. Weder ist dieses Buch ein surrealistisches Buch, noch kann man es einen realistischen Roman nennen; auf wunderliche Weise bezieht es aus beidem sein Nötigstes und lebt zwischen beidem wie im Schwebezustand, der die eigentliche Fülle des Buches erst möglich macht, verdichtet. Jeder Satz, jeder Absatz ist wie ein kleiner Atemzug; das Buch als Ganzes eine eingefasste Welt aus Luft, durch die der Schnee von Träumen, Phantasien, Schraffuren von Sehnsucht und Verlangen, ein Eindruck aus Wünschen und Verliebtsein fällt; dann und wann liest man hinter dem Gestöber die Keilschrift der Wirklichkeit.

Eigentlich ist das Buch eine einzigartige Liebesgeschichte; aber auch eine sensible Studie zu den Emotionen der Kindheit, eine Elegie von der Furcht und dem Versuch sie zu vertreiben oder ein Versteck vor ihr zu finden, ein Traum von überlebendigen Regungen und ein Kunststück traurigbizarrer Atmosphäre. Jeder sollte dieses Buch auf seine Weise erfahren, denn es steckt darin ein Urbild unser selbst, die wir, der Kindheit entwachsen, immer noch glauben, dass unsere innere strömende Welt mehr zählt, als jene sich verzahnende dort draußen.
Cocteau hatte also Recht: Er erregt Anstoß. Aber nicht irgendwo draußen in der rohen Materie, sondern ganz tief drinnen, vielleicht bei etwas ganz Vergessenem …

 

 

Link zu Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de