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Hans-Ulrich Treichels gesammelte Gedichte in “Gespräch unter Bäumen”


“Noch ist alles möglich.
Wir haben uns flüchtig gestreift.
Der Rest: wahrscheinlich tödlich.
Die Kunst: Das man es begreift.

Wir sollten es dabei belassen.
Ein Hauch ist fast wie ein Kuss.
Sich lieben heißt auch sich verpassen.
Auf andere Art. Und Schluß.”

Wenn man die Auslese aus dem lyrischen Gesamtwerk von Hans-Ulrich Treichel zum ersten Mal liest, könnte man auf die Idee kommen, hier habe sich ein sehr stummer, ein schweigsamer zu Wort gemeldet. Viele Gedichte erscheinen nur als Nuancen viel größerer Bilder; wirken wie das Ende größerer Aufzüge; sind Ausgangspunkte viel umfangreicherer Gefühle, wie einzelne Szenen aus einem längeren Film, voller Eindruck.

Gerade deswegen sind es gute Gedichte, sehr gute. Aber auch Gedichte, die man öfter lesen muss, um ihre innere Brisanz und Magie zu begreifen, zu erreichen. Es ist eine Lyrik, die das Verstehen zurückerlangt wie ein entfallenes Wort, eine entfallene Idee – oder anders: wie etwas, das es wirklich will.

“So viel vergessen, die
schreiende Lust. Mein Herz in
den Wolken und ein Stein
in der Brust.”

Aber es gibt auch Verse, die ganz schlicht und einfach und von offensichtlicher Qualität sind, von einer beiläufigen Dichte und Klarheit, gepaart mit einem Schuss Tucholsky oder Fried oder Brecht. Es entsteht Lyrik, wie man sie sich leise auch nach dem Lesen noch aufsagt, in Gedanken, immer wieder.

“Schlimmstenfalls wird aufgeräumt
In Herz und Seele, Aug und Ohren

Schlimmstenfalls ist ausgeträumt
Was wir wollten längst verloren

Schlimmstenfalls geht alles schneller
Auf jeden Biss ein leerer Teller

Schlimmstenfalls fehlt uns der Mut
Schlimmstenfalls wird alles gut”

Auch diese scheinbar einfach gereimten Verse habe eine schwere Leichtigkeit, darin man die einzelnen Aussagen der Sätze und deren Stimmhöhe noch erkennen kann. Treichel heischt nirgends in diesen Gedichten um Aufmerksamkeit und es bleibt dem Leser überlassen, das potenzielle Wahrheitsverhältnis seiner Reime und Gedanken in ihren Wendungen zu erkennen.

Es wird viel erinnert in diesen Gedichten, viel kreist um die Diskrepanz aller Welt zum eigenen Ich. Während die Gedichtauswahl des ersten Bandes Ein Restposten Zukunft noch sehr fixiert ist auf eine offensichtliche Wirkung, zeichnet sich von beim zweiten Band Tarantella ab, dass Treichel die Wirkung losgelassen hat. Sie treibt von da an in seinen Versen wie ein weißes Blatt auf dunklem Wasser; sie ist das, was ist und nicht das, was wir mit Worten hinzufügen, das, worum die Worte kreisen, ohne sich jemals zu nähern. Man kann es von hier aus sehen, aber es ist nicht direkt da.

In den Gedichten aus Liebe Not provoziert er dann noch mal stärker den Unmut, so wie er es immer ein bisschen tut. Den vorletzten “Seit Tagen kein Wunder” und den letzten Band “Der einzige Gast” halte ich für seine gelungensten Einzelbände. Hier betreibt er eine Form des Auslassens und Anreicherns, die mir einzigartig scheint in ihrer Kürze und Stille; manche dieser Gedichte wirken wie knappe Kohlezeichnungen auf einem großen Blatt Papier:

“-Vaterbild-

Dieser stumme
und schwere Mann,
der mit Hut
und Mantel
durch meine
Kindheit ging,
wie über ein
schneegraues Feld.”

Diese kleine Poesie, die sich fast immer im Schatten hält, die auch nicht singt, sondern summt, die auch nicht winkt, sondern einfach nur hinsieht. Nicht immer gelingt es Treichel, eine lyrische Präsenz in den Worten aufzubauen, doch wenn es dann doch geschieht, haben die Wörter und Verse in ihrer Kürze und Einfachheit etwas Eindrückliches, etwas Unantastbares. Diese, ihnen eigene, Filigranität, macht die Lektüre dieser Gedichte geradezu unverzichtbar.

“Blätter vor unseren Füßen
Wir nannten sie Blätter
Als die Wälder noch standen
Als der Wind noch hindurchfuhr
Was für Umwege wir machten
Wie viele Worte es gab”

Insgesamt bleibt Treichels Lyrik in einem schmalen Kreis, aber sein Repertoire ist deswegen nicht klein. Es liegt vielmehr in jedem Gedicht eine letzte Zurückhaltung, die verschiedene Themen unterschiedlich wirken lässt. Ein Liebesgedicht zum Beispiel kleidet dieser Stil ganz wunderbar und unnachahmlich.

“Mit der Ich Mozzarella aß
Ihr Federbett war grün wie Gras
Die in der großen Stadt verschwand
Die Schuhe trug sie in der Hand
Der Mond fiel in den grauen Fluß
An die ich immer denken muss”

6 Zeilen voller schneller Rückblicke, voller Sehnsucht.

Treichel ist ein moderner Lyriker und doch ist er ein Lyriker der zeitlos ist. Denn seine Worte sprechen für sich, sind wenig an Konventionen oder ästhetische Prinzipien geknüpft, sie verbindet das das Einfassen eines schlichten Aspekts, der lyrisch intoniert wird, aber nur bis zu einer Frequenzhöhe, die sich der Musik erinnert und sie noch nicht hören kann. Sie sprechen für einen Schweigenden, der das Schweigen als wichtigen Teil des Erlebens kennt, den im Schweige kann sich innerlich ausbreiten, was im Außen oft untergeht, wenn man es weitläufig aufzeigen, sagen, fassen will.

“Zuerst gehen die Väter
aus ihrem gewalttätigen Leben,
aus ihren jagenden Geschäften,
und lassen uns die steifen Hemden
und die Salzränder über
dem Herzen”

“Am Robbenkap” mit Robin Robertson


“Regen, sagtest du, ist verstärkte Stille.
Seit Tagen regnet es,
und selbst wenn es aufhört,
ist da noch immer ein Geräusch
von Regenwasser, das sich müht
auf irgendeinem Weg ins Erdreich zu dringen.”

Schottische und irische Dichtungen enthalten stets eine leichte Heimatverbundenheit; dieses Gefühl, oder besser: diese Regung ist nicht unbedingt zentrales Thema ihrer Gedichte, aber wo sie es nicht ist, hat ihre Lyrik dennoch einen Schatten dieser Verbundenheit inne, eine Art mit der Umgebung umzugehen und ihre Thematiken zu gestalten; kurz gesagt: sie bleibt als Einfluss auf der Ebene des Schreibens selbst. Das kann man in vielen Gedichten von Seamus Heany oder Paul Muldoon und auch bei Don Paterson, Robin Fulton oder John Burnside sehen. Und eben auch bei Robin Robertson.

“Stell dir mich als Wind vor – die Kraft,
von der Tiere und Vögel wissen,
dass es sie gibt, aber nicht bedrohlich ist:
Teil ihrer Welt, doch fremd.
Der Gott, der kommt; die Gottheit, die verschwindet.”

Beinahe die ganze große Dichtung der Moderne, von Ingeborg Bachmann über Robert Frost, Borges, Neruda, Hughes, Brodsky, Heany, Gustafsson, bis Tranströmer und Simic, bewegt sich zwischen dem fragilen Persönlichen, dem Erinnerten und Erlebten, und der allumfassenden Wirklichkeit (oder Unwirlichkeit) des Augenblicks und kreist um die Eindringlichkeit, mit der das eine um das jeweils andere wirbt; dabei wird, im Gegensatz zur deutschen Gegenwartspoesie, die ihr Heil allzu oft in einem funktionellen Reduktionsoverflow, mit Anklängen an englische Sprachmodalität sucht, weniger mit den definierten, als mit dem assoziativen Aspekt der Sprache (als Deuter, Kenner, Überbringer oder Überträger) experimentiert (wobei experimentiert hier ein allzu hartes Wort ist; vielleicht wäre “gearbeitet”, hätte es nicht einen allzu einfachen Terminus, fast besser). Ausdruck geht dabei nicht immer simultan mit dem einzelnen Begriff, dem einzelnen Wort einher, sondern mit einem langsam herausgebildeten Überbegriff, der sich aus allen Sätzen und Wörtern durch ihr Ineinandergreifen zu einer herauskristallisierten Botschaft verdichtet.

“Was der Schnee mit Pelz verbrämt hat bis hin
zu Stille und Gleichförmigkeit,
hebt der Frost heraus, macht es einzigartig;
gibt jeder Form einen Klang,
eine Umgrenzung,
als wollte Frost wissen
was Schnee zu vergessen sucht.”

Im Großen und Ganzen stehen Robertsons Gedichte auf den ersten Blick, wie die vieler moderner Dichter, außerhalb jeder Tradition, mal abgesehen von dem inhärenten Versuch, poetische Kontemplation zu betreiben. Und doch ist natürlich eine Tradition vorhanden – sie ist wie das Grundwasser für allerlei Arten von Pflanzen und Bäumen, die scheinbar unbeeinflusst von ihr aus der Erde sprießen.
Die moderne Poesie hat sich stärker auf einen Punkt konzentriert (und ihn erstmals vollständig erreicht), der eine der großen Möglichkeiten der Lyrik seit jeher darstellt: den persönlichen Ausdruck einer Existenz im Angesicht der aus allen Wortschöpfungen und ihrer Bedeutung zusammensetzbaren Abbildung von Abläufen, Beobachtungen, Zusammenhängen der Welt auf einem Blatt Papier, auf dem die Linien einiger Augenblicke, seien sie nun Geschehen oder Denken, seien sie oberflächlich, transzendental, wissend, unwägbar, hintergründig, inhärent, in- oder deduktiv, geistig oder physisch, aufeinandertreffen und, wenn das Gedicht gut ist, sich sofort wieder in alle Richtungen entfernen, ohne das man ihre Überschneidung vergessen kann.

Von diesem zentralen Punkt aus, schlugen die modernen Dichter dann verschiedene Wege ein. Manche vollzogen den Weg zu einem eigenen Sprachsatz, einer Chiffrierung ihres Seins in Buchstabenform (Celan, Bachmann, Sachs) andere machten sich die Präzision oder die Schwere und Leichtigkeit zu nutze (Neruda, Frost) und wieder andere verschmolzen ihr Wissen und ihr mythologisches oder mystisches Interesse mit ihrem eigenen Wesen und ihren Versen (Borges, Brodsky, Hughes) und natürlich gab es noch die, die aus der reinen Natürlichkeit ihrer Erfahrung kombiniert mit signifikanter Vorstellungskraft dichte(te)n (Simic, Gustafsson, Zagajewski). Und eine der wesentlichen, fast noch traditionellsten, Strömungen verband wiederum ihre persönlichen Erfahrungen, Gedanken und Interessen um die Komponente der zärtlich-ästhetischen Sprachblüten und, dies weiterentwickelt, der rein sprachlichen Illumination. (all diese Bestimmungen sind rein konstruktiver Art und nicht als Eingrenzungen oder alleinige Aussage über das Werk der Dichter zu verstehen, da eigentlich viele von ihnen mehreren Gruppen angehören müssten und diese Aussagen sich, wenn überhaupt, auch auf die Physis der Werke beschränken müssen und nicht ihren Gehalt oder ihre innere Ausrichtung.) Zu diesen gehören Zbigniew Herbert, aber auch Tomas Tranströmer und, um endlich zu diesem Band überzuleiten, die Gedichte von Robin Robertson.

“Der wilde Wein hat seine Kirche
im Apfelbaum errichtet: Scharlachrote
Spitzenarbeit, Wimpel, Ranken
aus Purpur und Bernstein,
hingen wie Adern in ihrem Wirt.
Funklend, jaspisfarben, von Rot durchschossen,
ist der sonnendurchflutete Baum eine Glasmalerei:
Kathedrale von Blut und Gold.”

All das, was ich zwischendurch über die Einschätzung dieser Gedichte angemerkt habe, also das sie eine heimatverbundene Unterströmung haben und eine durch Sprachblüten vorangebrachte Art (als ginge hinter jedem Gedicht die Sonne auf wie über einer Kathedrale — um Gutes und Schlechtes zu bescheinen), mag als EIN Ausgangspunkt für eine Beschäftigung mit Robertsons Poesie herhalten. Denn letztlich sind diese Gedichte als Wesenheiten schwer zu fassen, weswegen ich auch den sehr langen Umweg genommen habe.
Beim Lesen des Bandes habe ich mich oft gefüllt, als ginge ich durch ein Bilderlabyrinth in dem viele der Bilder ebenfalls Labyrinthe sind – nicht, weil sie wirklich verschachtelt sind oder formal diesen Eindruck erwecken, sondern weil man oft das Gefühl hat, dass sie einen in die Irre führen, trotz all ihrer aufblitzenden Schönheit und ihren offenkundigen Verweisen auf eine Freude, ein Dilemma, einen Moment oder einen Anschein. Geometrisch dargestellt würde man sagen, dass man es für inhärent logisch hält, dass ein Gedicht sich normalerweise in einem rechten Winkel vollzieht oder zumindest einer anderen geometrischen Figur, die seinem Wesen entspricht, sei es auch ein Parallelogramm, ein 10²²eck oder ein Kegel, gleicht. Aber die Linien in Robertsons Gedichten halten oft plötzlich inne und es bleibt ein halbgezeichnetes Dreieck. Dieses Dreieck ist jedoch wiederum von einer Perfektion, als hätte jemand genau bis hierhin gezeichnet, filigran und sauber und dann mit einem Lächeln vorsichtig Stift und Lineal beiseite gelegt. Anders gesagt: die Perfektion liegt nicht in der Vollendung der Form, sondern in der Unverwischtheit der Linien, der klaren Art des Fragments auf dem Papier.

“Das Sonnenscharnier am verbrannte Horizont
hat den versiegelten See geweckt,
einen Schlauch aus Klang geschaffen. Kein Wind
nur gewölbte Platten aus Luft,
die sich unterm Falleneis verformen,
nachgeben wollen; ein Ächzen und Grollen,
als würden weit unten schwere Tische geschoben.”

Wie soll man solche Gedichte empfehlen, wenn man doch nicht mal selber weiß, ob ihre Erweckung möglich oder lediglich ansatzweise möglich ist? Man könnte umständlich sagen: Für jeden, der Kunst nicht als Vollendung, sondern als Wunsch, als Kunstansatz, als eine Ahnung von Kunst schätzen kann, die dem Leben in ihrer Form und Ausrichtung gleichzuziehen versucht, sind diese Gedichte sicherlich eine Wahl. Aber wem wäre mit so einem Satz geholfen, der ja irgendwie zwischen den Stühlen sitzt.

Also sage ich einfach, dass diese Gedichte im hohen Maße ein poetisches “Gespür” beweisen. In wie fern dies ein Gedicht zu einem “brauchbaren” Erlebnis macht, ist sehr ungewiss – ich bilde mir ein, dass es trotzdem in diesem Buch sehr viel auf (und unter) der Oberfläche zu entdecken gibt (was wiederum vielleicht allzu leicht als Tarnung für Unterschwelliges gedeutet wird). Oder noch und noch mal anders gesagt: Wer mal eine richtige poetische Nuss knacken will, wer ein Buch einmal gegen Morgen, dann gegen Mittag, Abends und Nachts lesen will, um es wieder und wieder zu in einem anderen Licht zu sehen, weil man spürt, dass irgendwie in diesem Buch mehr als die Seiten zweier Münzen schlummern, dem sei “Am Robbenkap” sofort als ein Begleiter ans Herz gelegt. Es ist eine tröstliche Vorstellung, dass in all dieser Zeit noch Bücher existieren, die sowohl geistiges, ästhetisches, als auch, kurzweilig, ein metaphysisches Potential besitzen – wahre Objekte der Faszination.

Link zum Buch

Impressionen zu Michael Krügers Gedichten, gesammelt in “Archive des Zweifels”


“Stimmenverluste, Tanz der Gesten,
wenn die Antwort sich nicht mehren
will”

Übersetzer, Romancier, Herausgeber, Lyriker, Anthologist – Michael Krüger hat in seinem Leben das erreicht, was mancher Literat wohl trotz breiten, tapferen Lächelns nicht mit dem kleinen fiesen Zahnschmerz des Neids betrachten kann.
“Mein Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, dass ein Tag ohne die Lektüre eines Gedichts ein verlorener Tag ist”, sagte er einmal in der Zeitung “Welt” und wenn man sich die umfangreiche Arbeit, die der Carl-Hanser Verlag (bei dem er bis vor kurzem Leiter und Geschäftsführer war) auf dem Gebiet der Lyrik unter ihm geleistet hat, ansieht, kann man diesen Wunsch wohl als teilweise erfüllt betrachten.

“Das Auge der Sehnsucht vereiste,
ein Gedicht begann sich zu schreiben.”

Und dann sind da seine eigenen Gedichte. 1976 erschien der erste Band, “Reginapoly”, 2010 der neuste: “Ins Reine”. Der Umfang dieser Sammlung erstreckt sich von der Anfangszeit in den 1970er Jahren bis 2001.

Gleich zu Anfang kann (und muss) man sagen, dass es nicht leicht ist, sich den Gedichten Krügers wirklich anzunähern, da sie oftmals diese parabolische Note der Gegenwartslyrik haben, die den Sinn der eigenen Konstruktion nicht unmittelbar eingesteht, sondern dem Leser überlässt wie eine Entdeckung, die er selbst deuten muss, eine Aussage, deren Bezug er finden muss. Es gibt Dichter, die errichten mit jedem Wort, das sie schreiben, eine Art Halbblende zwischen sich und dem Leser; diese Dichter gehen zumeist in die Sprache hinein, bewegen sich lange auf möglichst engen Pfaden darin herum, bis die langsame Andeutung einer großen Zentrifugalkraft entsteht. Seltsamerweise ist Michael Krüger zwar in erster Instanz durchaus ein Dichter, der hier und da eine Halbblende errichtet, aber andererseits in der zweiten Instanz einer, der sich nicht in die Sprache hineinbegibt, sondern sich von ihr entfernt.

“Es ist wieder die Stunde des Abschieds
der Bilder: jetzt wollen wir sichtbar werden.”

Manche Gedichte sind kostbar wegen des Augenblicks, in dem einem bewusst wird, wie nah sie einer Wesenheit gekommen sind, ja das eigentlich nichts mehr zwischen ihnen und dem realen Abschein der Dinge steht. Ein Moment für den wir Gedichte lieben, Augenblicke, da sich zwischen das Eigene und das Andere das Gemeinsame schiebt, von der Erinnerung bis zum Bild.
Andere Gedichte sind kostbar, weil wir sie als zweiten Raum, als zweite Wirklichkeit betreten können. Sie blitzen nicht von der anderen Seite der Wirklichkeit herüber, sondern holen uns zu sich, in eine eigene, sprachgebaute Vorstellung einer Reflexion auf die Wirklichkeit.

Michael Krüger schreibt (größtenteils) Gedichte der zweiten Kategorie. Der Nachteil an dieser Art von Gedichte ist, dass sie uns nicht finden, sondern dass wir in ihnen suchen müssen, als wären wir selbst eine Art zweiter Autor, der die Zeilen absucht wie ein Dichter die Welt nach Material. Wir müssen nachempfinden, die Worte abschreiten, erreichen, was der Dichter uns zutraut zu verstehen, wie er es wahrscheinlich selber treppenstufenartig begriff, in der Niederschrift, und es dann noch so lange schliff, bis es nicht mehr bloß die Wiedergabe, sondern der vielfältige Ausdruck des Momentes wurde.

“Nichts hält den Tag besser zusammen
als dieser eine lange Blick aus dem Fenster.
Man lernt mit den Augen, wie Empfindungen
zu Worte kommen, wie die Wörter heilen
und wir mit den Wörtern.”

Das alles klingt jetzt vielleicht als wären Krügers Verse furchtbar kompliziert, was nicht zutrifft. Sie sind bezeichnend für eine bestimmte Art von Poesie, eine Poesie, die jemand zu schreiben scheint, der nicht schweigen kann und doch nur in eigenen Formel sprechen will, in Fugen vom Auseinanderdriften des Ichs in der Landschaft Leben. Und all das ist natürlich nicht einfach zu erfassen. Aber wenn man anfängt zu begreifen, dass die Schönheit nicht selten hinter den Spiegeln liegt, sondern darin, lernt man auch diese neue Art von Lyrik für sich zu entdecken.

“bis sich ein Wort ergibt, dem du vertrauen kannst.
Es bringt dich zurück in den Satz.”

Natur und die immense Intimität des Schweigens breiten sich in Krügers Gedichten aus. Thematisch kann man ihn letztlich jedoch nicht festlegen. Er schreibt Tiergedichte, die an die von Ted Hughes erinnern, kann impliziert schreiben oder sich ganz vom implizierten Schreiben abwenden, als wäre es im Sinn plötzlich windstill geworden. Hier und da ist seine Poesie sehr am Wesenhaften interessiert, z.B. wenn er schreibt:

“Nur das Gedächtnis
ist nicht zu erkennen. Schwer liegt es
hinter den Augen und zischt
wie heruntergebranntes Feuer,
wenn eine Träne hineinfällt.”

dann wieder ist da eine großes Desinteresse am Wesentlichen, das sich zerstreuen lässt durch die Sprache, was Krüger immer wieder gerne demonstriert. Und doch ist, vom Thematischen abgesehen, all das wie ein riesiges Manuskript der Gedankengänge, in dem wir nur hier und da auf eines der Zeichen stoßen, die sagen, dass alles ein Labyrinth ist – hier und da dann wiederum eine Ahnung, dass alles ein Ausgang ist und oft, gegen Ende, die Erfahrung, dass möglicherweise die Wände das Ende der Dinge sind, in ihrer ganzen frei verfügbaren Fläche.

“Resignative Theorien,
dachte ich, haben auch ihr Gutes:
Sie werfen lange Schatten, in denen
man sich ausruhen kann.”

Letztlich hat alles was Krüger schreibt etwas von einer Chronik, der Chronik einer (un)beherrschten Seele, die sich ihre Wege und Momente nicht aussuchen kann und doch in Worten eine Auswahl trifft, eine Perspektive, die ihr allein gehört. Innerlichkeiten, Historie, Wege, was wir waren & sind – aber darin findet sich trotzdem immer eine Frage, die weg von all dem weist, als wäre das Leben tatsächlich “immer anderswo”.

“wie schwer es ist,
seine Erfahrungen in Sicherheit zu bringen”

schreibt er. Vielleicht ist es unmöglich. Aber das Gedicht ist trotzdem ein Versuch die Hülle der Momente gegen ihr Innerstes zu tauschen. Und mehr als Versuche kann man nicht bieten – von diesem Punkt aus gesehen ist Michael Krüger einer der ehrlichsten Dichter, die ich je gelesen habe. Und auch wenn ich auch gerne die offensichtliche Schönheit manch anderer Dichter der etwas leerstehenden, filigranen Resignation vorziehe, die gegen das perfekte Doppelpassspiel der milden Verzweiflung so oft nicht ankommt, findet man sich nach der Lektüre dieser Gedichte doch irgendwie mit einer gewissen Wehmut an einem anderen Fleck in sich selbst wieder, einem Fleck großen Bewusstseins für viele kleine Eigenheiten des Denkens, Lebens, Fühlens, Sagens. Der große Fluss einer dunklen Poesie hat einen mitgezogen und alles blieb stehen, außer dem eigenen Atem, dem eigenen Blick und im Nachhinein hat diese ganze Erfahrung mehr etwas von einem Gewinn als von einem Verlust – wie ich finde, noch eines der besten Dinge, die man nach dem Lesen über Gedichte sagen kann.

“Nur langsam frisst sich die Zeit
durch die Bilder;
und wir kostbar.”

Alles in allem: Michael Krügers Gedichte mögen unter dem Titel “Archive des Zweifels” versammelt sein, aber wie er selber sagt:

“Das Puppengesicht der Zeit schreit
nach teilnahmsloser Beschreibung.
Und keiner da,
der ohne Wärme sprechen könnte.”

So sind auch seine Gedichte dem Zweifel zwar sehr zugetan, aber wohin führt der Zweifel schließlich: Entweder zu Resignation, Stillstand – oder zu einem neuen Glauben. Er ist schmal dieser Glaube, weitet sich aus unter den Ästen, Vögeln, Minuten und Stunden, die Krüger so verdammt gut beschreibt; den Wellen des Sees, den Ärgernissen und Kompromissen, dem Vergessenen und Betrachteten – aber verloren gehen kann er nicht. Das ist letztendlich die Essenz aller Krügergedichte, in eine Geste gebunden oder darüber gestreut oder sogar mit Witz oder Hermetik angegangen: Verloren gehen kann er nicht, der Glaube an das nächste Wort, die nächste lyrische Episode. Sie findet sich zwischen den Resten von dem, was bleibt, als etwas noch kleineres, aber nicht als etwas Ungreifbares.

“Nein,
du kannst dich nicht schützen, das Vergessen
ist unbegrenzt haltbar.”

“Irgendwie werden wir überleben, trotz aller
fertigen Sätze, die vor Ungeduld zittern.”

Großer, kunstvoller Resonanzboden, das ist Krügers Lyrik in Summe. Eine Riesenraum voller Ideen – was auch sonst? Vielleicht wollte Michael Krüger auch dieses “sonst” erreichen und es steckt wohl auch ein wenig darin. Ich habe aber, ehrlich gesagt, nicht danach gesucht. Es gibt genug anderes hier zu finden.

“Geh mit dem Wind, dem letzten
Erzähler, der dir nichts zu sagen hat.”

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Karl Krolow 1966-1970 – ein Ausschnitt


Wer sich mit Lyrik beschäftigt, stößt oft auf Extreme; er wird Einsichten erhalten in den Kern und gleichsam einen Ausblick auf die Grenzen der Sprache. Er wird viele Autoren treffen, die eine ganz neue Perspektive für die Wirklichkeit haben und andere, die einer alten Perspektive neue poetische Möglichkeiten einhauchen.
Nur wenige Werke haben sich dabei auf einem so breiten Terrain bewegt, wie das des Dichters Karl Krolow. Es ist eines der wichtigsten poetischen Werke der deutschen Moderne und eines der schönsten und zugleich wandelbarsten Erlebnisse in Sachen Dichtung.

Diese Zusammenfassung beleuchtet drei Gedichtbände Krolows aus den Jahren (1966-1970).

Teil 1: „Landschaften für mich“ (1966)

“Alles ist Augenschein.

Die Bäume haben
einen grünen Atem. ”

“Ein herabstürzender Ast
beginnt zu blühen. ”

Krolow durchmisst in diesem Band das Jahr. Er beginnt mit dem Licht, der zaghaften Helligkeit, die den Übergang zwischen Winter und Frühjahr weist. Dies Licht, das noch zu ermessen versucht, was hier beginnt, genau wie man selbst. Das Licht das aufbricht und das uns gleichzeitig erreicht.

Erste Anzeichen für Frühjahr. Eine zum Abheben bereite Sprache, tändelnd, schwebend. Ein Klopfen auf die Dinge, ohne das ein Herzschlag in der Natur schon deutlich antworten würde. Aber man spürt ihn schon.

“Es gibt noch kein Gras
zu besingen.
[…]
Nur in der Hand gesammelt:
Blau.

Weidenhaar einiger Mädchen.

Die Helligkeit ist frei
von Schatten.
Unruhige Freiheit
der Perspektive:

Frühjahr. ”

Ein Gedichtband der Elemente. Und so sind auch die Formen: knapp, elementhaltig, stellen sie die Erscheinung, die Wahrheit ihrer Überschriften, ihrer Jahreszeiten dar. Es sind Miniaturen, bedacht, fast unbewegt, nur ganz leicht im Ausdehnen.

“Aufplatzendes Laub –
tropische Ästhetik.

Die sinnliche Blätterrede
im haltlosen Regen.”

“Romanische Tugend des Lichtes:

Lotrecht fällt es auf den Scheitel
einer Laubpyramide.

Segmente blauen Wassers
zu ihren Füßen.

Über eine Baumleiter
in den Himmel steigen! ”

Es ist ein spürbares Paradies, das Krolow in den Naturimpressionen betritt. Ein Paradies in dem die Farben und die Eindrücke wie zärtliche Stärkungen der Wirklichkeit erscheinen. Sie alle beginnen wieder und wieder die Entzifferung des sachtgroßen Gefühls am Leben zu sein, mit den Dingen um sich herum – da zu sein.

Die Bewegung durch die verschienen Stufen der Naturzustände geschieht unbedacht und doch vollendet. Jedes Gedicht ist ein kleines Puzzlestück, egal ob es die Hitze in einem Garten, die innere Zusammensetzung einer sommerlichen Luft, die windige Seele von Meer gemischt mit frühem Herbst oder eine Prise vom Verfall und Aufbruch des Winters, wie einen nur knarrenden Sender im Radio, lauter gedreht, schildert.

“Azur: blaues Geräusch
des unerklärlichen
Horizonts.”

“Ermüdete Zeit
ruht sich aus
im Blühen von Gräsern. ”

“Ein gurrender Baum
fliegt als Taube davon. ”

Die Bilder sind so klein und doch so konzentriert, so folgerichtig und inhärent mit ihrem Wirkungsgemälde verschmolzen; egal, was die kleinen Impressionen schildern, sie bringen es nah heran, greifen es aus der Wirklichkeit, legen die Tektonik des Naturmomentes offen. Sehr gut zu sehen an diesem Stück aus dem Gedicht “Im Boot”:

“Die mit Weidenruten
geschlagene Windstille
seufzt:
Poesie
nachgiebiger Atmosphäre”

Es ist hier eine heile und bewegte Welt, die Krolow aufzieht, fernab der Problematiken des Lebens. Aber interessiert das die Jahreszeiten? Die gespiegelten Bäume, das teils dürre, teils strahlende, teils durch die Blätter tauchende Licht?

Landschaften ohne Aufmachung, dafür voller spielerischer Glanzleistungen und wahrhaftiger Augenblicksnotate erwarten den Leser. Keine Eindämmung der ankommenden Naturberührungen – nur eine Komprimierung durch Vergewisserung, durch das simple in Worte fassen; ein Klarwerden innerhalb der Begegnung, der Betrachtung, um das Auftreten all dieser Dinge noch fasslicher und unwillkürlicher zu machen – wie es ja auch im Auge, im Blut, geschieht.

“Alle Pflanzen wachsen
gotisch in den reglosen Himmel.

Die summenden Nerven
der Hochspannungsdrähte. ”

“Luftiger September,
wie bei Vivaldi
gebündelte Mandolinen.”

Es ist ein Buch über Frühjahr, Sommer, Hitze, Kühle, Spätsommer und schließlich den Herbst, den Winter. Ein Buch über den aufkommenden Rausch und das Schleichen der Jahreszyklen, -zeiten. Im Einzelnen fast schon wieder markant, aber immer irgendwie enthoben, in den kleinen, meist sehr weit geöffneten Bildern.

“Herbstlicher Kupferstich –
Walzerschritte eines Windes,
der Blätter von den Bäumen
reißt. ”

“Gefechte zwischen
Wind und Wind.”

“In den Medaillons
frieren die Verstorbenen
vor Liebeskälte. ”

Krolows ganze Stärke ist im ganzen Werk immer wieder das Ausrichten des ganzen Gedichts auf eine kleine Gewissheit, die daran bewegt wird, ruht oder wandert. Eine Gewissheit, die wohlweißlich unangetastet bleibt, aber eine Idee herausbildet, die verinnerlicht werden kann, um genauso tief zu wirken als wäre man selbst in ihr anwesend.

“Wie lange fällt
man noch durch weiße Kissen
Langsam tiefer
durch den Schnee mit
weißen Augen überall
die Luft entlang,
die Beine weiß, die Herzen
weiße Kissen. Immer mehr
schneit es die Hand entlang
und in den Mund und taut
ein bisschen nass auf Lippen”

Man kann wenig in diesen Gedichten suchen, wird aber einiges finden. Sie beherrschen die wahre Kunst des Gedichts: Augenblicke der Natur auf Pupillengröße zu verkleinern und doch nahezu unendlich weit zu fächern.

“Die begabte Jahreszeit
fällt mit Schnee und Birnen
durch Luftschlösser
zwischen Januar und Januar.
[…]
Ein verdutzter Mund
schweigt vor Gewissheit.”

Teil 2: „Alltägliche Gedichte“ (1968)

“Es regnet Leben
aus offenen Körpern.”

Und nun: Die Vergänglichkeit.

“Verstaubte Reisebilder –
gestern fuhren wir durch sie
ohne Atem. ”

Die alltäglichen Gedichte enthalten stärker als die “Landschaften” einen milden Fatalismus, sorgsam durch Poesie gekrümmt. Einige Zyklen über Liebe, Alter, die Stunden, alles im Zeitraffer der Worte, Zeilen, beginnen den Band, machen ein paar Pfeiler des Lebens aus und sammeln sorgsam einige Details, ohne etwas festzuhalten.

“In Wirklichkeit ist alles
ganz einfach: Gerüche,
Kastanien, Eicheln oder
ein Sack voller Obst. ”

Ein inhärenter Stopp, in jedem ausgeklapptem, ausgefahrenen Fernrohr aus Worten, gerichtet in die Dinge hinein, auf die in ihrem luftigen Raum kreisenden Mythologien, ihre Eigenschaften der Schönheit und Vergeblichkeit.

Immer mal wieder unnachahmliche kleine Gesten, so leicht, fast ein Witz, fast eine Idee.

“Zündhölzer stecken
die Köpfe zusammen.
[…]
Jedes Mal im Herbst
die Feuersnot
eines Blätterhauses.
Sturm warf die Lunte
nach ihm aus.”

Im späteren Verlauf, häufig: Die Natur. Natur als ein Auffangbecken für alle Eindrücklichkeit, jede Schönheit, die Sprache mit einer leichten Windung aufnehmen, einnehmen kann:

“Ausgelaufene Malkästen:
farbiges Idyll
vom Frühling.”

Alles in allem, erneut: Meditationen von Augenblicken, zurück in ihre Erscheinung geführt. Unsicher, aber nicht diffus, wie es lange Gedankengänge sind, in denen man sich gar nicht verlieren kann, weil sie eine eigene Form von Wirklichkeit abbilden, ja: die Wirklichkeit, in einer eigenen Fassung, sind.

“Ich gehe über die Straße.
Das macht die Gegend nicht anders,
ob ich meine Schritte zähle
oder nicht aufpasse und unterwegs
vergesse, wohin ich will.”

“Die Landschaft ist als Überzeugung
bequem zur Hand,
belaubt im Sommer, später kahl,
nur manchmal immergrün.”

Krolow war ein Poet. Seine Bücher sind Bücher in denen alles Poesie ist – beinahe wortwörtlich, jedoch nicht durch Typographie, sondern durch reine, komprimierte Leuchtkraft, die die Kürze und das schmale Timbre seiner Verse abgeben, wie volle, klare Kammermusik in einem spartanischen, winzigen Zimmer. Alle Gesten, alle Wörter – verdichtet zu sinngemäßen Eindrücken. Nichts geht hier heraus, alles geht hinein.

“Die Welt der Kunst besteht
aus zu schönen Augen. ”

Auch wieder Winter und Herbst, einfache Wahrheiten:

“Malergedanken
drücken den November
mit zwei oder drei Farben
aus.
[…]
Die eingesunkenen Straßen
erinnern sich
der Spiele im Freien. ”

“Die Kälte kommt aus der Luft,
die von keinem Blatt versteckt wird.
[…]
Jede Fläche wird größer,
wenn sie weiß wird. ”

Dann und wann hat es auch etwas von einer leichten Erotik der Natur, wenn Krolow nach einer komprimierten Ode auf Kirschen und den Kirschbaum schreibt:

“Der Tod kommt
Als Möbeltischler”

So klar in diesem Schlusssatz der Glanz des Tisches aus dem Baum, der einst rote, volle Kirschen trug, die der Wind noch näher heranbrachte, noch höher hinauf – das alles jetzt geerdet, auf vier Beine gestellt, glänzend, glatt, im Licht.

Die “Alltäglichen Gedicht” sind vielgestaltiger als viele von Krolows Bänden, eher unbestimmt und ein bisschen mit Lesebuchcharakter. Eine angenehme, zwischen Sachlage und Möglichkeit pendelnde Atmosphäre umgibt die Verse; ein von den Erfahrungen des Leben aufgeschwemmtes Gespür für die Dinge.

“Eine schlafende Möwe – die Luft. ”

Was bei Krolow auch hier wieder besticht, ist das landschaftliche, nun oftmals verknüpft mit dem Alteingessenen, Sehnsüchtigen, im Hintergrund, in den Objekten und Symbolen:

“Die grüne Hecke ist ein Zitat
aus einem unbekannten Dichter ”

Eine leichte Art nach Schatten (Schatten wie sie die Verschwiegenheit bei Kerzenschein wirft) liegt über dem Band, in dem es um viel geht – aber viel davon hat mit Gedanken und Betrachtungen, rückwärtsgewandt, zu tun. Mit flüchtigen Federungen der Gefühle, ohne festen Boden.

“Die vielen Namen im Fahrplan
verwirren mich.
Ich reise durch eine Landschaft
wie durch ein angefangenes
Bild.
Der bekannte Maler
verlor die Lust an ihm. ”

“Ich habe ein Abkommen
mit gestohlenen Tagen getroffen.
Dann füllen Sterbenswörtchen
das Papier. ”

Manchmal fliegen die Blicke über und durch diese Gedichte, als lese man eine Blindenschrift für die Augen. Oft nah an der Idylle, entschwinden sie ihr durch das Wesen des Flüchtigen, Alltäglichen.

“Gelegentlich habe ich
beschrieben gefunden,
wie es ist, wenn etwas
übrig bleibt –
von einem Nelkenstrauß
eine Nelke,
von einem mächtigen
ein toter Mann,
von einem Nachtessen
die Tagesordnung,
von der Liebe
ein Kind. ”

Am Ende ist es ein Band voller Bekenntnisse, die schon wieder vom abklingen der Klarheit sprechen, dem Ende der Gewissheit, dem Anfang neuer, bald alter, vielleicht letzter, Gelegenheiten, von Wegen & Bestimmungen. Hier fußt alles auf der gemessenen Tragweite von Krolows Idee der verdichteten Gedanken, verschmolzen mit dem, was an einem Punkt des Lebens zum anderen eine Verbindung aufbaut – nur durch Wörter, Poesie, wirklich abzubilden, wie darin etwas seine Abstände aufgibt und dich durchdringt.

“Ich bin da. Meine
rechte Hand fällt mir
nicht durch die Tasche.
Ich führe sie über Papier
um aufzuschreiben,
dass ich lebe. ”

Teil 3: „Nichts weiter als Leben“ (1970)

“Ohne Vorwurf vergeht
die Zeit.
Sie ist eine vollkommene
Geschichte ohne
Fluchtpunkt,
auf den man zugehen könnte,
um etwas zu finden. ”

Ein geruhsamerer, langsamerer Band erwartet den Leser in diesem 1970 erschienen Sammlung. Sie ist stark auf das Leben fixiert, das man im Umgang, im Handeln führt.

“Ich nehme mir,
was ich brauche,
als Indiz für den
Sinn der Dinge.”

Außerdem herrscht eine sehr reflexive, bedenkende Atmosphäre. Etwas zwischen Sachlichkeit und schmaler Bewunderung diktiert die zahlreichen Betrachtungen und Anmerkungen, die Krolow in seine Gedichte webt, die einem manchmal allzu unbeweglich vorkommen, trotz ihrer Weisheitsansprüche – vielleicht weil sie etwas zu verständig sprechen und etwas zu wenig mit der Krolow sonst innewohnenden leichten Verwunderung und Demut.

“Ich verschaffe mir Außenwelt
mit ein paar Sätzen –
Rundung des Blickfelds,
gleichmäßig verteilte Wärme
über der stilisierten Form
vegetativer Gebilde”

Eine andere Art von Demut hat die poetische abgelöst. Ein mehr erschließende Demut, die sich doch in einigem so sicher ist, dass sie wenig lebendige Worte findet.

“Die täglich schöne
Naturanschauung unterwegs,
wenn man zu gehen glaubt,
aber durch den stillen Fleiß
des Horizonts voran kommt,
der zurück weicht. ”

Alles wirkt etwas glatter, matter und mehr sorgfältig gezüchtet als unwillkürlich, lebendig. Dafür geschehen sehr einnehmende, tiefsinnige Momente, trist, aber nichtsdestotrotz nah an den Hügelhängen der Wirklichkeit.

“und im Westen
die Nacht kommt,
sehr einfach, mit Lichtern
überall, ein anschaulicher
Bienenkorb
und zwischen den Knieen
die verstaubte Flasche
langsam ihre Gegenständlichkeit
verliert, auf dem Tisch
zur anschaulichen Ewigkeit wird. ”

Natur spielt nur eine sehr kleine Rolle: Krolow bewegt sich nicht weit von dem weg, was er deutlicher als je im Auge hat: das Gewöhnliche mit einem unvergesslich-lyrischen Zug zu versehen. Das er es auf eher abgewendete Weise tut, bedächtig, nicht so explosiv, expressiv, schmälert gewiss nicht seine Bemühung, doch aber die Begeisterung des Lesers, der sich mit filigranen, aber etwas zu dichten und trostlosen Werk konfrontiert sieht.

“Frühjahr. Elemente
der Wiederholung.
Es gibt verschiedene
Szenen. Ein Vorhang
Wird zurückgezogen.
[…]
Das Publikum besteht
aus alten Leuten,
die aufatmen. ”

Noch mehr als in den “alltäglichen Gedichten” hat Krolow sich in diesem Buch den Betrachtungen alltäglicher Stimmungen gewidmet und so manchen sehr gewöhnlichen Moment eingefasst. Die Berührungen mit der Natur sind weniger fasslich, eher sporadisch-spontan. Dennoch: auch in diesen Gedichten ist viel an Wissen und Weisheit aufgebahrt, mancher poetische Moment und manche Brillanz.

“Man zählt sein Geld
für einen Ausflug
in den Schatten
und wünscht sich
leichten Wind.
der um die Ecke weht.

Gedichtband “Die Uhr” von Kurt Aebli


die-uhr_kurt-aebli  “Presslufthämmer
Bruchteile der
Welt auf den
Punkt gebracht”

Als eine ganz kleine, unscheinbare Sache hat die Poesie sicherlich einmal begonnen. Und noch heute lebt sie mehrheitlich von (und aus) den kleinen Bildern, Momenten, Eindrücken, die die Lektüre unwiderruflich machen – als etwas, dass einem widerfährt, in den vielen Erinnerungspunktierungen und zweideutigen Schlaufen, die das Gedicht bereithält.

Kurt Aebli, ein schweizer Autor, der sich auf die kurze Form in Prosa und Lyrik spezialisiert hat, legte 2000 mit dem schmalen Band „Die Uhr“ sein Lyrikdebüt vor. Er ist voller knapper, poetischer Aussichten und konzentrierter Einsichten.

“Ich bewege mich
als Windstille
verkleidet”

“Kirchenglocken bearbeiten die Luft
bis ihnen der Atem ausgeht”

Wenn man Lyrik liest, ergibt es sich immer wieder, dass man weniger zu den Gedichten sagen kann, als einem lieb ist. Man kann natürlich bloße Fakten aufzählen; hier könnte man dann über die Gedichte Aeblis sagen, dass sie selten länger als eine halbe Seite sind und meistens nicht über 4,5 Zeilen hinauskommen. Es sind Sekunden, Momente, noch einmal gestaucht durch die szenische Verlangsamung von Geschehen, von Innen und Außen. Die poetische Nuance ergibt sich manchmal aus der Tiefe der Wortzusammenspiele, manchmal (wie bei den oberen Beispielen) aus einem plötzlichen Gewahr werden der Wirklichkeit in den Ziffern der Sprache. Meist führt Aebli auf die eine oder andere Weise den Leser mit Nähe & Ferne von Welt und Eindruck zusammen.

“Der Tag drückt ab
ich erwache ausgelöscht”

Eindringlich ist vielleicht das beste Wort, um Aeblis sehr eigenwillige, beinahe stumpfe und doch unglaublich intensive Lyrik zu beschreiben. Sie könnte Verschwinden, das Verschwinden ist ihr fast eingeschrieben, eine bloße, schwarze Idee auf leicht gebräuntem Papier. Und doch scheint jedes seiner Gedichte so trefflich, nicht von der Hand zu weisen, unwillkürlich, als schreibe man es gerade selbst mit dem eigenen Blick, dem eigenen, gelüfteten Eindruck nieder.

Sicherlich gibt der Band zum Ende nicht so viel her – er enthält zwar eine starke, aber äußerst schmale Erfahrung, mit einer leisen Spur von Melancholie und Wahrheit. Ein paar kleine Momente der Unwiederbringlichkeit, aber auch diese und jene Lichtblicke:

“Die Straße
die sich unter meinen Schritten
duckt
wird von einem Humpelnden
getröstet”

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