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Ein bisschen was auf Brecht


I – Die Hauspostille

“O Himmel, strahlender Azur!
Enormer Wind, die Segel bläh!
Laßt Wind und Himmel fahren! Nur
Laßt uns um Sankt Marie die See!”

Die Hauspostille war der erste bedeutende Gedichtband den Brecht veröffentlichte (1927). Größtenteils besteht er aus Liedern – im wahrsten Sinne des Wortes, denn Brecht hat den Vertonungen seiner Gedichte immer viel Bedeutung beigemessen – mit zahlreichen Strophen und oft auch Refrains (im Folgenden sind z.B. die letzten vier Zeilen der Refrain):

“Kein Kleid war arm, wie das ihre war
und es gab keinen Sonntag für sie,
keinen Ausflug zu dritt in die Kirschtortenbar
und keinen Weizenfladen im Kar
und keine Mundharmonie.
Und war jeder Tag, wie alle sind
und gab’s kein Sonnenlicht:
Es hatte die Hanna Cash, mein Kind
die Sonn stets im Gesicht.”

Viele der längeren Gedichte haben die üblichen Balladenthemen; Seeräuber oder Abenteuer, Tunichtgute und Säufer, und häufig trübes Menschenschicksal, verdammt, das alles steht im Mittelpunkt; vielfach kommt auch der Tod vor, allerdings wird Brecht dann meistens sehr lyrisch. Die wenigen Gedichte zum Zeitgeschehen, die vor allem im ersten Teil -Bittgänge- stehen, sind dagegen von frontaler Sachlichkeit (So hier am Ende eines Gedichts über eine Kindermörderin):

“Ihr, die ihr gut gebärt in sauberen Wochenbetten
und nennt gesegnet euren schwangeren Schoß
wollt nicht verdammen die verworfnen Schwachen,
denn ihre Sünd war schwer, doch ihr Leid war groß.”

Das Schöne an den Gedichten ist, dass sie tatsächlich eingängig sind, man kann sie tatsächlich fast mitsingen, allein deswegen fühlte ich mich, auch wenn thematisch keine Verbindung besteht, doch an Heinrich Heines Das Buch der Lieder erinnert, ebenfalls ein Debüt. In beiden findet sich die einfache Form, eine Form von erzählender Lyrik, zusammengefügt mit einfachen, sich wiederholenden Klängen und Motiven, lesegenüsslich schnell zu konsumieren.

“Schlendernd durch Höllen und gepeitscht durch Paradiese
still und grinsend vergehenden Gesichts
träumt er gelegentlich von einer kleinen Wiese
mit blauem Himmel drüber und sonst nichts.”

Sicherlich ist dieser Gedichtband mehr ein schöner Sing-Sang als ein großes, lyrisches Meisterwerk. Aber wie in vielen Dingen, ist auch in der Einfachheit der Zeilen hier eine karge Schönheit aufbewahrt worden.
Schließen tue ich mit einem Gedicht, einem Liebesgedicht, dass viele von Brecht vielleicht kennen und das eine der wenigen feinsinnigen Ausnahmen in diesem Band darstellt:

Erinnerung an die Marie A.

An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheur oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär’
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumebäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

II – Svendborger Gedichte

“Die Regierung
schreibt Nichtangriffspakte.
Kleiner Mann
schreibe dein Testament.”

1933 floh Bertolt Brecht mit seiner Familie ins dänische Svendborg, wo, in relativer Nähe zu Deutschland, dieser 6teilige Gedichtband entstand. Hauptsächlich sind es Widerstandsgedichte, die die deutschen Geschehnisse kommentieren, parodieren und untersuchen. Natürlich ist mit dem Anstreicher, der häufig vorkommt (und wie Brecht ihn nicht nur in seinen Satiren nannte) Hitler gemeint.
Brecht sah sich auch nach der Aberkennung der Staatsbürgerschaft 1935 noch als Deutscher, weshalb er auch stets von “unserem Land” spricht.

“Es ist möglich, dass in unserem Land nicht alles so geht, wie es gehen sollte.
Aber niemand kann bezweifeln, dass die Propaganda gut ist.
Selbst Hungernde müssen zugeben,
dass der Minister für Ernährung gut redet.
[…]
Und noch etwas macht ein wenig bedenklich
über den Zweck der Propaganda: je mehr es in unserem Land Propaganda gibt,
desto weniger gibt es sonst.”

Obwohl Emigrant, versuchte Brecht die Verbindung zum deutschen Volk nicht zu verlieren, zu wahren, zu kritisieren und vor allem, mit ihnen zu leiden, was vor allem im zweiten Teil deutlich wird, der vor allem Gedichte über das Schicksal von Juden und von Deutschen im neufaschistischen Klima enthält. Im sechsten Teil dieses Bandes setzt er sich mit dem Emigrantendasein selbst auseinander und schreibt:

“Schlage keinen Nagel in die Wand,
wirf den Rock auf den Stuhl!
Warum für vier Tage vorsorgen?
Du kehrst morgen zurück!”

Diese Bestimmtheit verlor er wohl erst mit Anfang des Krieges, von dem er weiter weg, erst nach Schweden, dann nach Finnland flüchtete; ein Krieg, vor dem er schon viel früher zu warnen begann:

“Auf der Mauer stand mit Kreide:
Sie wollen den Krieg.
Der es geschrieben hat
ist schon gefallen.”

Diese Gedichte sind zwar hauptsächlich vom zeithistorischem Interesse und verraten viel über Brechts Persönlichkeit (der vierte Band z.B. besteht aus Gedichten, die sich mit dem Kommunismus und dem sozialistischen System auseinandersetzen, sehr intensiv und anschaulich), aber so manches Gedanke und manches Gedicht mag sich hier auch finden, welche ihre Überlegungen, Schlüsse und Bilder über die Zeit hinaus zu schicken vermögen. Sei es eine einfach Lehre gegen Krieg:

“Wenn es zum Marschieren kommt, wissen viele nicht,
dass ihr Feind, an ihrer Spitze marschiert.
Die Stimme, die sie kommandiert
ist die Stimme ihres Feindes.
Der da vom Feind spricht
ist selber der Feind.”

oder eine der frei gereimten Chroniken aus dem dritten Teil, aus dem auch das bekanntere Gedicht “Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration” stammt und in welchem sich noch so manch andere gute Geschichte findet.

Ein vielseitiger Gedichtband, auch heute immer noch interessant und lehrreich.

III – Gedichte aus dem Widerstand (Chinesische Gedichte + Studien + Steffinische Sammlung)

“Mein Bruder war ein Flieger
Eines Tages bekam er eine Kart’
Er hat seine Kiste eingepackt
Und Südwärts ging die Fahrt.

Mein Bruder ist ein Eroberer
Unserm Volke fehlt’s an Raum
Und Grund und Boden zu kriegen ist
Bei uns ein alter Traum.

Der Raum, den mein Bruder eroberte
Liegt im Quadaramamassiv
Er ist lang einen Meter achtzig
Und einen Meter fünfzig tief.”

Die Studien und die chinesischen Gedichte sind sehr kleine Sammlung. In den Studien geht es um Werke anderer Dichter, Shakespeare, Dante, Kant, Schiller, Goethe, die in Sonetten abgehandelt, kommentiert oder zusammengefasst werden, manchmal auch alles gleichzeitig. Die Chinesischen Gedichte behandeln allgemeine Themen vor dem Hintergrund der chinesischen Mentalität und Geschichte.

Die “Steffinische Sammlung” ist ein Dokument von Brechts Exilreise, seinem Aufenthalt in Schweden und Finnland und enthält auch Chroniken und Satiren auf die Geschehnisse vor und im Krieg.
Die “Gedichte aus dem Messingkauf” sind Gedichte über das richtige Theater (ebenso wie die Dialoge aus dem Messingkauf)

-Gedenktafel für 4000, die im Krieg des Hitler gegen Norwegen versenkt wurden-

“Wir liegen allesamt im Kattegat.
Viehdampfer haben uns mitgenommen.
Fischer, wenn dein Netzt hier viele Fische gefangen hat
Gedenke unser und lass einen entkommen!”

IV – Buckower Elegien

“Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?”

Die Buckower Elegien, immer als Reaktion auf den 17. Juni 1953 verstanden, sind die letzte Gedichtsammlung Brechts. Bedeutend sind sie vor allem wegen ihrer komprimierten Konzeption und ihrem allegorischen Charakter. Wie zum Beispiel “Der Radwechsel”(oben) oder dieses:

“In der Frühe
Sind die Tannen kupfern.
So sah ich sie
vor einem halben Jahrhundert
vor zwei Weltkriegen
mit jungen Augen.”

Am schönsten empfinde ich gerade bei diesen Gedichten die freie Form. Sie sagen so viel mehr und ihre Melodie ergibt sich bei jedem Gedicht, am Schluss, rückwirkend. Ein Eindruck manifestiert sich mit ihnen, gerade groß genug für ihre kleine, meditative Gestalt.

Der zweite Teil dieses Bandes sind die “Gedichte im Exil”, sehr wenige kurze Gedichte (plus eine Erweiterung der Satiren aus den Svendborger Gedichten), die während der späten Phase des Krieges und danach entstanden. Fast jedes von ihnen ist ein kleines Meisterwerk und zugleich sehr persönliche Erschütterungen, wie dieses Gedicht -Ich, der Überlebende-:

“Ich weiß natürlich: einzig durch Glück
Habe ich so viele Freunde überlebt. Aber heute Nacht im Traum
Hörte ich diese Freunde von mir sagen: “Die Stärkeren überleben.”
Und ich hasste mich.”

Über alle Zeit werden diese Gedichte lesenswert bleiben.
Zum Abschluss, ein letztes Brechtgedicht, das ihn ganz umreißen kann: gewitzt, kaltschnäuzig, herablassend und demütig:

“Ich benötige keinen Grabstein, aber
Wenn ihr einen für mich benötigt
Wünschte ich, es stünde darauf:
Er hat Vorschläge gemacht. Wir
Haben sie angenommen.
Durch eine solche Inschrift wären
Wir alle geehrt.”

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Unser blauer Planet: Was er leistet und kann – wie er wurde, was er ist


Da sind wir nun, auf diesem kleinen, blauen Planeten, in einem unendlichen Universum, das uns voller Rätsel präsentiert wurde und dessen Lebensraum für uns zum größten Teil als lebensfeindlich einzuordnen ist und mit dem Leben wahrscheinlich auch nicht viel am Hut hat. Dieses uns zugefallene Wunder, das Leben, entstanden aus Zusammenspielen von Kohlenstoffen, Wasser und einigen zirkulierenden Prozessen, ist für uns bisher gesichert nur auf der Erde vorhanden. Und trotzdem gehen wir mit der einzigen Heimat, dieser unserer Grundlage, nicht gerade sorgsam um und haben ihre uns freundlich gesonnene Art bereits so stark belastet, dass sie sich einst oder bald zu unseren Ungunsten entwicklen könnte – und das, obwohl wir gerade mal einen winzigen Bruchteil seiner Geschichte miterlebt haben. Denn dieses blaue Kugel hatte schon mehrere Milliarden Jahre an Veränderungen hinter sich als wir die Bildfläche betraten und uns unsererseits daran machten, die Dinge zu verändern.

Dieses Buch ist gewiss keine Liebeserklärung oder Ermahnung, wie man jetzt nach dieser Einleitung denken könnte. Aber gerade weil es in diesem Werk schlicht um die Ursachen, Auswirkungen und Abläufe in den verschiedenen geologischen, atmosphärischen und sonstigen Zonen unseres Planeten geht und dadurch ein Portrait unseres Planeten entsteht, habe ich es als eine Bewusstseinerweiterung empfunden, die auch die Ehrfurcht und die Sympathie für unseren Planeten wieder stärkte. Selbstverständlich muss man für die Schönheit der vielfältigen Prozesse im Erdinneren, für Vulkan- und Entwicklungsfragen und die Geschichten über die Lebensweise der Erde empfänglich sein, um es so sehen zu können.

Für alle anderen Leser bietet sich ein kompakter erster Einblick in die Architektur unseres Planeten, von Aufbau & Inhalt, über Plattentektonik, Sedimentschichten und Magnetfelder, bis zu Vulkanen und Erdbeben. Martin Redfern ist dabei zwar dann und wann etwas fachlich, aber stets informativ – mehr als einen hier und da vertieften Abriss kann natürlich auch er auf knapp 190 Seiten nicht leisten, doch auf diesen 190 Seiten findet sich wenig Uninteressantes oder Unmaterielles, nur ein-zwei Wiederholungen schleichen sich ein. Es ist, das sei klar gesagt, kein Text zum einfach drüber hinweg lesen. Gerade zu Anfang der einzelnen Kapitel, wenn ein neuer Bereich erschlossen und die zentralen Begriffe für die nachfolgenden Erklärungen geprägt werden, muss man schon aufpassen und sich in die Vergleiche und Ideen einlesen, mit denen der Autor die Systeme erklärt und die den Fokus für ansonsten sehr komplexe Themen bilden.

Das Buch ist mittlerweile über zehn Jahre alt – sicher gibt es einige neue Erkenntnisse, andere von Redforn angesprochene Themen haben sich noch verschärft oder es wurden neue Wege zur Erforschung entwickelt. Die klimatische Erwärmung, die er bereits mit ein paar Worten am Rande erwähnt, verliert ein wenig ihren Schrecken, wenn man die riesigen Zeitläufe bedenkt, in denen die Erde existiert. Allerdings führt Redforn seine Ausführungen auch immer wieder auf den Menschen und die Auswirkungen der Erdprozesse auf seine Existenz zurück; obgleich also vieles in diesem Buch sich den Dimensionen des menschlichen Zeitempfindens und Verstehens enthebt, macht er klar, dass keiner dieser Prozesse uns wenig angeht, und bringt gute Beispiele dafür, die nachhaltig zu Denken geben.

Als Einführung ist dieses Buch für vielseitig Interessierte und Neugierige sehr zu empfehlen. Man sollte keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, denn so etwas kann ein solches Buch einfach nicht leisten. Doch in seinen Grenzen leistet es Erstaunliches.

 

Link zum Buch

“1089 oder das Wunder der Zahlen” von David Acheson


“Die Mathematik als Fachgebiet ist so ernst, dass man keine Gelegenheit versäumen sollte, dieses Fachgebiet unterhaltsamer zu gestalten.”
Blaise Pascal

Mathematik und Physik spielerisch nahezubringen ist ein ehrenwertes und wichtiges Unterfangen und welch großartiges und (phantastisches) Potential noch in den Geheimnissen dieser Disziplinen schlummert, ist wohl spätestens ein großes Thema, seitdem immer mehr TV-Serien, Filme und Bücher auf deren Möglichkeiten und Anomalien basieren (und dabei hat sich wiederum verstärkt der philosophische Aspekt des Themas herauskristallisiert – so schön kanns laufen!)
Jedoch: Was Enzensberger mit seinem Zahlenteufel virtuos, klar und gewitzt zu tun verstand, es wird beim Akademiker David Acheson zu einer zweischneidigen Angelegenheit.

Oder anders gesagt: Wer ein unterhaltsames Buch sucht, dass die faszinierenden Möglichkeiten der Mathematik darstellt und aufzeigt, ist hier schon richtig, wer aber ein spielerisch-leichtes Buch sucht, dass diese Phänomene in gänzlicher Klarheit und (vor allem) Schlichtheit offenbart, eher nicht. Dafür werden dann hier und da doch zu viele Rechnungen verkürzt und hier und da auch mal gerne ein oder zwei komplexere Bereiche angetastet; auch geht es nicht nur um Mathematik, sondern auch oft um Physik, Mechanik und sogar um neuste Ansätze, wie die Chaostheorie. Und auch wenn Achesons Sprache angenehm und ohne große Fremdwörterquote daherkommt, vergisst sein Erklärungsfluss hier und da den direkten Blickkontakt zwischen Leser und Thema zu halten; seine Begeisterung, die einem oft die Türen zum Thema öffnet, verleitet ihn manchmal auch dazu, sein Publikum hintenan zu stellen und den Ball nicht ganz so flach zu halten, wie man es gern hätte

“In der Mathematik gibt es keine Autoritäten. Das einzige Argument für die Wahrheit ist der Beweis.”
K. Urbanik

Was man ihm jedoch anrechnen muss, er kehrt auch immer wieder zum Grundtakt zurück und lustige Grafiken unterstützen die legere Aufmachung der Kapitel (als reiner Text hätte das Buch vielleicht 100, statt der tatsächlichen Dicke von 189 Seiten als Umfang), die in ihrer Kürze mehr Ausblicke als Einblicke gewähren. Letztlich ist dieses Buch tatsächlich nur eine Reise in die Welt der Mathematik und nicht deren Kartographisierung oder eine mehr als oberflächliche Behandlung der Themen.

“Die Mathematik ist mehr ein Tun als eine Lehre.”
L. E. J. Brouwer

Brouwer hat sicherlich Recht. Und so sollte man dies Buch als Anreiz nehmen, sich selbst mit den abstrakten Phänomenen der Zahlen und ihrer Idee zu beschäftigen; vielleicht tut er das dann nur, um auf sehr seltsame Zusammenhänge zu stoßen – wie etwa diesen hier, der in dem Buch selbst nicht vorkommt, der mich persönlich aber immer sehr verblüfft hat:
“Ich wenigstens kenne keine voll befriedigende Erklärung dafür, warum jede ungerade Zahl (von 3 ab), mit sich selbst multipliziert, stets ein Vielfaches von 8 mit 1 als Rest ergibt. (Erich Bischoff, Erforscher der Kabbala)

Zusammenhänge, das ist es, was auch Archeson so an der Mathematik fasziniert; das bestimmte Zahlen immer wieder auftauchen, dass sie quasi universell sind, ohne das man es ihnen ansieht, oder es aus ihrer Stellung ablesbar wäre; aber immer wieder erscheinen sie an den unterschiedlichsten Grenzen aller math. Disziplinen. (Pie, die eulerische Zahl, die Wurzel von -1).

“Eine mathematische Wahrheit ist an sich weder einfach noch kompliziert, sie ist.”
Émile Lemoine

Fazit: Man kann dieses Buch als Werk an sich nicht tadeln, höchstens in seiner Ausrichtung auf maximale Klarheit beim Leser. Denn die stellt sich des Öfteren dann doch nur am Ende ein, bei der Lösung, während man manche Rechnung doch arg und mehrmals nachvollziehen muss. Wen das nicht stört und wer gerne ein paar der elementarsten Wahrheiten und Kuriositäten des mathematischen Kosmos in einem Buch vereint haben und kennenlernen will, dem sei das Buch “1089 oder das Wunder der Zahlen” ans Herz gelegt.
Und wer es trotz Zweifeln kauft und dann doch entnervt aufgeben muss, dem sei mit Jules Verne gesagt:

“Du wolltest doch Algebra,
da hast du den Salat.”

Noch ein paar Zitate zum Abschluss:

“Unter allen menschlichen Entdeckungen sollte die Entdeckung der Fehler die wichtigste sein.”
St. J. Lec

“Gott existiert, weil die Mathematik widerspruchsfrei ist, und der Teufel existiert, weil wir das nicht beweisen können.”
Andre Weil

“Man darf nicht das, was uns unwahrscheinlich und unnatürlich erscheint, mit dem verwechseln, was absolut unmöglich ist.”
Carl Friedrich Gauß

“Seit man begonnen hat, die einfachsten Behauptungen zu beweisen, erwiesen sich viele von ihnen als falsch.”
Bertrand Russell

“Manche Menschen haben einen Gesichtskreis vom Radius Null und nennen ihn ihren Standpunkt.”
David Hilbert

“Das entscheidende Kriterium ist Schönheit; für häßliche Mathematik ist auf dieser Welt kein beständiger Platz.”
Godfrey Harold Hardy

 

Ich denke, aber bin ich? Wer bin ich – und warum gerade ich? Was geht ab und was bleibt dran?


“Jede Ethik, die, um den Notwendigkeiten des Lebens gerecht zu werden, den Kompromiss sucht und verteidigt, vermischt das genuin Ethische mit rein pragmatischen Überlegungen und trägt so dazu bei, die Begriffe zu verwirren und unser Bewusstsein, was gut und was böse ist, zu schwächen. Die wahre Ethik kommt nicht gebrauchsfertig daher: Sie sagt uns nicht, wie wir sie in unser Leben einbauen können. Sie gibt uns keine Antwort auf die Frage, was wir im Einzelfall tun dürfen und was nicht. So ist jeder einzelne von uns ganz allein mit seiner Verantwortung.”

Was in dieser Ausführung zum Buch “Ich denke, aber bin ich – Phantastische Reisen durch die Philosophie” über die Ethik gesagt wird – man kann es fast eins zu eins auf das Wesen der Philosophie an sich übertragen (wenn man nur ein paar Vokabeln ändert). Denn Philosophie ist die Kunst den Dingen auf den Grund zu gehen und sie möglicherweise auch zu kartographisieren, aber nicht sie in Besitz zu nehmen. Egal welches philosophische System wir letztendlich vertreten, in seiner Absolutheit ist es nicht möglich es zu “leben”, genauso wenig wie es einen wirklichen Kreis geben kann, der genau die Prämisse eines Kreises (alle Punkte auf der Oberfläche sind gleichweit vom Mittelpunkt entfernt) erfüllt. Es ist nur möglich, zwischen Philosophie und Leben eine fruchtbare Verbindung herzustellen. Doch dazu muss man erstmal herausfinden, was das Leben ist, wie es ist und was es braucht.

Michael Hauskeller hat ein sehr gutes Buch über Kunst geschrieben (Was ist Kunst?) in dem er knapp und informativ auf die verschiedensten (philosophiehistorischen) Ideen zum/über Wesen des Ästhetischen eingegangen ist und dieses Buch war es, was meine anfängliche Neugier für die Phänomene des Denkens begründete und mich zur Philosophie brachte. Jetzt, sehr viel später, habe ich dieses Buch von ihm gelesen und bin überrascht und auch teilweise überwältigt von der Faszination, die große philosophische Errungenschaften und Probleme noch immer auf mich ausüben. Auch Hauskellers herangehensweise hat mir wieder einmal sehr gut gefallen und imponiert.

Das Buch ist eine Art Einführung in die Materie des Philosophischen – also in Ethik, Logik und Erkenntnistheorie – allerdings weniger in praktische Philosophie; die muss man letztendlich selbst bemühen, genügend Anstöße hat man nach der Lektüre in jedem Fall.
Des Weiteren ist Hauskellers Werk aber auch noch eine Reise in die Problemküche des Denkens. Fast jedes Paradoxon, angefangen vom Paradoxon der Folgerung (2+3=5 – woher wissen wir das?) bis hin zum Paradoxon der Bewegung (Warum kann Achilles die Schildkröte von Zenon von Elea nicht einholen?) wird betrachtet, eine Gegenerklärung wird versucht oder eine Idee der Einordnung in die Zusammenhänge mit anderen philosophischen Theorien angeregt. Dabei geht Hauskeller nicht historisch-chronologisch vor und erzählt auch keine konzentrische philosophische Geschichte, sondern er springt von Thema zu Thema, wobei sich der Inhalt des neuen Textes oft aus dem vorherigen ergibt. Die Reise geht in kurzen Kapiteln über existenzielle Fragen zum Phänomen Tod, über Sein und Vorstellung, bis zu Fragen über Verantwortung und Wahrheit.

Die einzelnen Texte sind jeweils etwas 5 Seiten lang; insgesamt sind es 24 Texte. Einige Themen dürften Philosophieinteressierten schon begegnet sein, manche werden beinahe jedem neu sein, der sich nicht intensiv mit der Thematik befasst hat.

“Ich denke, aber bin ich?”, eignet sich, ebenso wie Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? von Rüdiger Safranski, gut, um in sich die Begeisterung für die Philosophie zu entdecken und zu schüren und einige ihrer Grundstrukturen kennenzulernen (Auch Hauskellers Buch über Kunst und Safranskis Buch über das Böse sind hier zu empfehlen). Hauptzusammenhalt dieser Bände ist die Faszination für die Materie und nicht die systematische Verwertung oder chronologische Einordnung ihrer Wege – wer ein Buch über letzteres sucht, wird mit Prechts Buch Wer bin ich – und wenn ja wie viele? oder mit dem Werk Meilensteine der Philosophie. Die großen Denker und ihre Ideen gut beraten sein. Ich persönlich bin der Ansicht, dass nur die Faszination in der Philosophie anfänglich hilfreich ist, um selbst zu denken und zu verstehen und nicht die geplante Einteilung von Ideen in Zeiträume und Schulen.

Wie sagte Russell so schön: Die Chance zur Existenz führt über das Leben; das Verständnis dieser Existenz führt über die Philosophie!