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Walt Whitmans großartige Grashalme


“Bleibe nur diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du
sollst den Ursprung aller Gedichte erfassen!
Du sollst das Gut der Erde und der Sonne haben (Millionen
von Sonnen sind noch übrig),
du sollst die Dinge nicht mehr aus zweiter oder dritter
Hand nehmen, auch nicht durch die Augen der
Toten sehen und dich nicht nähren von den
Gespenstern in Büchern;
Du sollst auch nicht mit meinen Augen sehen, noch die
Dinge von mir empfangen,
Du sollst Horchen nach allen Seiten und sie alle durch dich selbst filtrieren!”

Ein Freund von mir (danke Holger!) brachte mich dazu noch einmal nach langer Zeit zu diesem Werk zu greifen.

Borges meinte einmal, dass jeder große Schriftsteller ein Symbol geprägt habe und auch prägen müsse, weil es ansonsten ganz unerheblich sei, ob er gut schriebe oder nicht, er würde dann die Zeit nicht überdauern: Kafkas Labyrinthe; Cervantes Gestalt Don Quijote, mitsamt Gefährte Sancho Pansa und den Windmühlen; Melvilles weißer Wal Moby Dick. Doch Borges nennt stets auch ein Ausnahme: Wald Whitman, der kein Symbol geprägt habe (außer vielleicht das Bild der Grashalme), sondern selbst zu einem geworden sei.

“Ochsen, die ihr mit dem Joch und der Kette rasselt oder
unter schattigem Blätterdach haltet, was ist es, das
ihr in euren Augen ausdrückt?
Es scheint mir weit mehr als alles Gedruckte, das ich in
meinem Leben gelesen.”

Whitman ist ein Rufer des Lebens. Dies, was uns durchpulst, unser Maß, doch aus der Aufmerksamkeit geputzt, oft verbannt aus unserer Mitte, benutzt, analysiert, systematisiert und verbogen, will er uns wieder nahebringen. “Das Alles” ruft er uns aus seinen Zeilen zu, ist das Leben, alles was an Wunderbarem zu greifen ist, in unser Nähe geschieht, jedes noch so kleine Wunder, das uns kurz umgibt, jede noch so einfache oder schwierige Tätigkeit, jeder Name, jede Periode unseres Lebens und der Ewigkeit. Whitman steht außerhalb jeder literarischen Tradition, weil er in der Tradition des Lebens wandelt.

“Alle Wahrheiten harren in allen Dingen,
sie haben’s nicht eilig mit ihrer Befreiung, noch
widerstehen sie ihr,
Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtenhelfers.
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendetwas.
(Was ist weniger oder was ist mehr als eine Berührung?)”

Die Grashalme sind Musik, sind Hymne, aber auch philosophischer Sturm, in dessen Wind das Flüstern der kleinen Wahrheiten und die große Potenz der Wirklichkeit an unser Ohr schwebt: “Die Uhr zeigt die Minute – aber was zeigt die Ewigkeit?”
Pathos ist bei solchen Gesängen ja eigentlich schwer zu umgehen; aber, o Wunder, gerade das würde man nie über die Grashalme sagen, dass sie pathetisch seien, zu sehr erkennt man sich selbst in der einen oder anderen Liebe, in dem ein oder anderen Halm. Es bleibt das Gefühl einer natürlichen, nie zu schnellen, nie zu langsamen Bewegung, die immer in die eigene Erweckung schreitet, hierhin zeigt, dies aufdeckt, jenes nacherzählt.

“Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?
Erregt denn das Tageslicht Erstaunen? Oder der
frühmuntere Rotschwanz, der durch die Wälder
zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als diese?”

Die von mir zuletzt gelesene Ausgabe beim Anaconda Verlag umfasst einige Gedichte aus den “Trommelschlägen” (dies Impressionen aus den Jahren des Bürgerkriegs, z.B. ein in Worten gemaltes Bild von Kavallerie, die ein Furt durchquert); dann, über 60 Seiten, also ein Drittel des Buches, einen Ausschnitt aus dem gewaltigen “Gesang von mir”, einem Text, halb Gesang, halb Erzählung, voller Ansichten und Verherrlichungen, voller Schönheit und immer wieder sinnlich-geistreich; des Weiteren noch viele andere, auch kleine Gedichte, meist ein-zwei Seiten lang, aus dem Spätwerk, die meist neben dem “Gesang von mir” entstanden.

“Hier oder fortan, mir ist es gleich, ich vertraue der Zeit unbedingt.
Sie allein ist ohne Unterbrechung, sie allein rundet und
vollendet alles,
Dies Mystisch verwirrende Wunder allein vollendet alles.”

Vielleicht ist dies die letzte Botschaft Whitmans: Alles vollendet sich von selbst, es hat keinen Sinn Krieg zu führen, zu hetzten, sich von irgendetwas auffressen zu lassen. Letztendlich geht das Leben seine Wege und man sollte ihnen folgen, man sollte sein Glück machen, die Augenblicke haben – seine Stimme flüstert: Das Leben ist dies alles, was versuchte außerhalb zu sein, sich davor zu retten, sich darin zu verstecken, es gibt nur dies und das ist das Großartige! Es gibt die Welt, die Welt als das Ding, dass sie ist, Geheimnis ist sie und doch so wach, so wach ist das Geheimnis, das sollten wir erkennen: und wir gehören dazu.

“Seht ihr, o meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos oder Tod, es ist Form, Einheit,
Bestimmung, ist ewiges Leben – ist Glückseligkeit.”

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Don Paterson und sein Band “Weiß wie der Mond”


“Gedichte übersetzen das Schweigen und finden Worte, wofür es keine Worte gibt. Sie füllen Lücken mit… Liedern, die wir eigentlich nicht hören dürfen.”
Don Paterson

“Remember, brother soul, that day spent cleaving,
nothing from nothing, like a thrown knife?
Then there was no arriving and no leaving,
just a dream of a disintricated life –
crucified and free, the still man moving,
the balancing his work, the wind his wife.”
(Aus: Schlittschuhlaufen auf Loch Ogil)

Ausgerechnet der vielleicht größte amerikanische Dichter unserer Zeit, Charles Simic, sagte über dieses Buch: “Wenn sie mich fragen, ob große Gedichte überhaupt noch geschrieben werden, dann müssen sie nur die Gedichte von Don Paterson lesen.”
Denn eine so vielgestaltige und vielschichtige, in gleichen Teilen klassische, antagonistische und moderne Dichtung, die sich wegen ihrer Bandbreite allein schon dem Begriff der Größe nähert, gibt es in diesen Zeiten selten – eine Dichtung, die Wahrheit nicht zwanghaft mit Schönheit verbindet (aber sie doch oft zusammenbringt und wieder auseinandersprengt), nicht Reim mit Gesang, sondern ganz eigen und auf virtuose Weise radikal, stets ihren eigenen Diktionen folgt.

“Die Gegenwart ist eine Scheibe,
an die ihr die Stirn lehnt, wobei ihr heimlich
das Wörtchen >jetzt< schreit. Vielleicht
ist die Gegenwart eine Zimmerwand,
durch die ihr die Geister stoßt, die ihr sofort
wieder zu euch zurückholt. Die Gegenwart
ist eine Wand, vor der ihr zwischen Nichts
und Etwas patrouilliert. Sie hält nicht dicht.
Die Gegenwart ist eine Wand, die sich
vor euch aufbaut, während ihr euch bemüht,
sie zu erklimmen, bis ihr abrutscht und stürzt.
[…]
There is no wall. Pick your bed. Walk through it.
Last chance friend. So do it or don’t do it.”

Verse der Analyse, des Bohrenden und Offenbarenden, in endlosen Gedichtverquerungen, wird man hier finden, genauso wie kleine, sich in Reimen die Hände reichende Lyrik. Paterson wendet die Metapher und sogar die Metaphorik als ganzes Gedicht an, aber weiß auch in ganz einfachen Worten das Orchester der Welt einen Bogenstrich lang auf einen einzelnen Ton zu minimieren.

“Stehe ich zwischen der Sonne selbst,
gesegnete Mutter, und dem, was sie erhellt,
dann verwandele mich in Glas.”

Ein solches, immer wieder seine Ausrichtungen änderndes Werk, ist natürlich kein homogenes Lesevergnügen. Es sind z.B. auch zwei Rilke-Übersetzungen enthalten, die ich ziemlich schlecht finde und auch das sehr lange, in seinen scheinbar erderschütternden Parabeln des Worte-auf-den-Kopfstellens und -ausschüttens gefangene Gedicht-Black-Box, welches sicherlich Hochphilosophisches enthält, mir war es eher ein Gräuel. Aber was man eben anerkennen muss ist, dass Paterson einfach dichten/schreiben kann und das dabei immer auch etwas Tiefes zustande kommt, etwas Magisches.

Don Paterson ist ein starker Dichter, der sowohl Moll als auch Dur, sowohl Angriff als auch Beobachtung beherrscht. Dieses kleine Büchlein wird, denke ich, für jeden eine andere Erfahrung sein; es ist ein Kaleidoskop von “Weiß wie der Mond” bis zu “black box”, darin viele Stufen von hell und dunkel, Kontraste einer Welterfahrung, fein definiert. Aber jeder wird von seiner Position aus ein paar für ihn vortreffliche Verse entdecken, denn hier wurde nichts ausgespart, vom Prosagedicht bis zur lyrischen Einfassung.

“Was ich euch nun überbringe,
ist das Geheimnis der Bruderschaft der Dinge,
und nur der Dinge, die es lang schon bewahren.”

“Kein Sänger von Nacht- und Tageszeit
ist glücklicher als ich,
denn mein Schallraum ist die Dunkelheit,
mein Vortragssaal das Licht.”

Der totale Roman – zu André Gides “Die Falschmünzer”


“Nichts, was sich der Seele bietet, ist eindeutig, und vieldeutig bietet sich die Seele dar.”
Blaise Pascal

“Mensch sein, heißt Mensch WERDEN.”
André Gide

Romanen ist die Möglichkeit eingegeben, in den Räumen menschlichen Lebens jede Art von Erleben und Erfahren durchzuspielen, dabei zutage zu fördern, zu verdichten, zu reflektieren und zu versinnbildlichen – zusammengegossen durch Stil und gerührt durch das Erzählen. Jeder einzelne Roman bewältigt eine Fülle und Einheit von Offenbarungen, die er selbst in Gang gesetzt hat. Ein Roman ist nicht einfach eine Erzählung – er ist auch ein Ausschnitt des Blickes, denn das gesamte Bewusstsein der Menschheit je auf seine Umgebung, seine Existenz, sein Schicksal, seine Möglichkeiten geworfen hat.

“Die Falschmünzer” sind ein beeindruckendes Beispiel dafür; ein beinahe schlichtes, aber auf vollkommene Art und Weise arrangiertes Kaleidoskop menschlicher Typen, Sehnsüchte und Ansichten, durch welches das Licht einiger weniger Ereignisse fällt und vielfältig gebrochen wird; während der Erzählung wird des Öfteren die Perspektive gewechselt, Tagebucheinträge und Briefe spielen eine ebenso wichtige Rolle wie Gespräche und innere Analysen der Figuren. Es wird Theorie gemacht, es werden Überlegungen eingeflochten.

Dennoch wird alles, was bestimmend wirken könnte, dosiert und nicht überreizt. Man merkt es dem Roman auf jeder Seite an, dass er erforschen und nicht klarstellen will, dass seine Figuren ins Lebendige hineingeschrieben sein sollen und nicht nur Stoffbahnen sind, die zu einer guten Erzählung geschneidert werden können; denn dieser Stoff, so legt uns Gide mit viel Sensibilität und Gespür für menschliche Stimmungen, Missverständnisse, Ängste und Schwächen dar, aus dem wir sind, ist seinem Muster und seiner Art unterworfen, nicht aber einer Verwendung – diese Verwendung, von außen prophezeit, begünstigt, befohlen, ist die Krux, die wirkliche Aufgabe, die schwierigste.

Und so gilt: Errare humanum est, irren ist menschlich, und Gide zeigt uns seine Figuren nicht nur zerrissen in ihren Vorstellungen, Obsessionen und Absichten, sondern auch wankelmütig und stets von neuen Entwicklungen und neuen Stimmungen aufgenommen und umgetrieben. Diese Dynamik macht den Roman so lesenswert und nahezu alterslos.

Und noch mehr: es macht Gides Buch zum totalen Roman. Jede Variation zieht uns auf neue Weise ins Geschehen und fügt sich doch ein als weiterer kreisender Ring um den Kern, der immer wieder anvisiert wird: was treibt uns Menschen um, vorder- und hintergründig, was lassen wir außer Acht, was wird uns (plötzlich, aber als hieße das schon ewig) klar, was lernen wir zu verstehen, was bleibt uns zu entscheiden und warum sind so viel Entscheidungen unbewusst.

(„Haben sie noch nicht bemerkt“, kommentierte Hildebrant, „dass die entscheidenden Handlungen in unserem Leben, ich meine: jene, die geeignet sind, über unsere ganze Zukunft zu entscheiden, sehr oft unbedachte Handlungen sind?“
„Das glaube ich gerne“, erwiderte Audibert. „Es ist als stiege man in einen Zug, ohne nachzudenken und ohne sich gefragt zu haben, wohin er fährt. Ja, in den meisten Fällen begreift man erst, dass der Zug losgefahren ist, wenn es zum Aussteigen schon zu spät ist.“ (Seite 321))

Ich will “Die Falschmünzer” nicht zu hoch in den Himmel heben. Auch sie haben potenzielle Schwächen, wie etwa denn allzu glatten Ton, den Rahmen des Stils, der trotz seiner vielen Feinheiten und Stufungen eine gewisse Strenge in sich trägt und letztlich die Entscheidung, das Hauptaugenmerk schwer auf den Situations- und Figurenfacetten ruhen zu lassen und nur mit knapper Präzision die Handlung anzusprechen.

Aber eigentlich sind das alles keine Makel, denn man merkt, dass es Gide, dem wunderbaren Humanisten und Individualisten, bis in die kleinsten Spitzen seiner Erzählhaltung um das Wesentliche seiner Kunst, seiner Mitteilung geht. Er will uns immer wieder in den Figuren fixieren, in ihren Gefühls- und Entscheidungswelten, ihrer Ungeklärtheit. Er will nicht nur erzählen, er will uns konfrontieren, aus uns soll ein Teil dessen werden, was verhandelt wird, was eine Rolle spielt, in seinem Buch und im menschlichen Leben. So finden wir in vieles hinein und von dort in unser eigenes Leben zurück und haben einen vagen Moment der Begegnung (oder Wiederbegegnung) erlebt. Wir wurden aufgebrochen vom Kaleidoskop und fügen uns wieder zusammen. Und bleiben zurück mit einem Eindruck von all den Farben, die wir in uns gesehen haben. Und schließen den Deckel eines Romans, eines reichen Buches.

Silke Scheuermanns Lyrik, 2001-2008, in “Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen”


Ich finde, dass Silke Scheuermann eine der bedeutendsten Lyrikerinnen deutscher Sprache ist – doch zu erklären aus welcher Gewissheit diese Empfindung entspringt, fällt mir schwer. Vermutlich, weil ihre Gedichte so wunderbar zu wirken verstehen, ohne dabei für Erklärungen verfügbar zu sein; es gibt kaum Ansätze in diesen Texten, es gibt bloß die Gedichte, die für sich selber stehen. Scheuermanns Lyrik ist etwas besonderes und sehr lesenswert. Eine Lyrik, die mir sehr am Herzen liegt.

“Du stehst in einem Winter aus sehr kleinen Stimmen
die sagen da ist kein Begehren mehr
nicht mehr
obwohl wir jetzt die Zeit dazu hätten.”

Eine der einfachsten Assoziationen zu Lyrik ist die von Licht, das nicht auf, sondern in dich scheint, das wahrhaftig die Armaturen deiner Gefühle, die Gewölbe deiner Seele auszuleuchten versteht und eine bisher ausgelassene Sicht auf die Wirklicht andeuten kann, wie ein Streif Mondlicht, der durch den engen Spalt eines verdunkelten Fensters fällt.

Dieses verdunkelte Fenster ist die Sprache: Als Fenster gebaut, zur Kommunikation gedacht, ist sie gerade im Gedicht oftmals ein Ort des Zwielichts. Dass jedoch das Licht draußen nicht nur da ist, sondern dass wir es auch sehen können, ohne das Zimmer zu verlassen, ist der Glaube hinter beinahe jedem Gedicht.

“Obwohl unsere Städte ständig versuchen
uns den Himmel vertrauter zu machen
indem sie Aussichtspunkte
Balkone Terrassen bereitstellen
Obwohl sie behaupten man sehe von oben
den womöglich zärtlichsten
Punkt im All
[…]
hören wir manchmal das Flüstern der Dörfer
und manchmal glauben wir etwas davon.”

Sprache als das zu begreifen (und zu erfassen), was Wirkliches, Erfahrenes, Erinnertes aus einem neuen Impuls heraus abbildet und erweitert, gehört zu den Dingen, die man lernen muss, wenn anfängt Gedichte zu lesen. Ich bin der Meinung, dass es sich sehr schnell ergibt, doch kann oft schon das bloße Überfliegen eines lyrischen Textes einem den Mut nehmen, wenn man versinkt in den mannigfaltigen Ansätzen zeitgenössischer Lyrik, aufeinander aufbauenden Kombinationen von Elementen, die ein Thema über eine bestimmte Form von fremdem, hermetischen Ausdruck zu erreichen versuchen.

Gedichte werden ja zumeist wegen den Momenten geschätzt in denen sie in der Erlangung von flüchtiger Schönheit oder Erkenntnis brillieren – doch der Sinn mancher Gedicht hat mehr mit dem Erreichen eines breiteren Zustands zu tun, einem fremden Seinskonsens, buchstabiert oder zusammengebaut aus sprachlichen Ausläufern; ein Moment, eine Regung, die vom Kern bis zur letzten, ausgleitenden Welle abgebildet wird, bis hinab zur Konsequenz, gedanklich und sprachlich. In diesen Gedichten wird nicht Verständnis zelebriert, sondern ein Treffen von Sprache und Ideen, bei dem das Augenmerk auf der Dehnungsabstraktion der Sprache liegt, um die Ideen möglichst komplex fächern und abbilden zu können und nicht nur zu komprimieren; als würde ein Maler nicht wissen, was am Ende auf der Leinwand ist, sondern Stück für Stück malen, was noch fehlt, was noch zu ergänzen ist – weil eben die Aspekte ungeheuer wichtig sind und nicht allein das Abbilden eines bestimmten Gefühls. Die Aspekte sind es, die Lyrik so bemerkenswert machen.

“uns dran erinnern dass wir Helden sind
das heißt bewohnt von vielen Wunden”

Zärtlichkeit. Sie fällt mir immer, beinahe unbedacht ein, wenn ich an Scheuermanns Gedichte denke. Es ist nicht die Zärtlichkeit der rosaroten Liebe, nicht die Zärtlichkeit des Windes, auch wenn dies beides unter ihren Zeilen schlummert, versteckt im Verlassenen ihrer Landschaft.

Die Gedichte haben eher etwas von der Zärtlichkeit jener Momente, in denen wir versagen und das Versagen in diesem Moment akzeptieren können (dies soll in keiner Weise eine Relation zu den thematischen Gründen von Scheuermanns Gedichten herstellen; es geht dabei nur um die Stimmung, die Abwärme in der Art der Sprache). Eine Zärtlichkeit, beinahe ohne Stimme, aber unglaublich heilsam, in ihrer unaufgeregten, vielfältigen Kommunikation.

Neben dieser Zärtlichkeit steht die (vor allem in den Gedichten des ersten Bandes Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen vorherrschende) Kraft der Bilderwelten im Zentrum. Eine Kraft, die man auf den ersten Blick eine enigmatische Distanz nennen würde, als hätte jemand einige persönliche Geschichten geschrieben und sie dann mit verschiedenen Metaphern-Code-Schlüsseln chiffriert.

Aber da irrt, wer hier bereits in seinem Kopf die “Print”-Taste zum Drucken eines Urteils drückt. Denn wirft man einen zweiten Blick in diese Sprache hinein, lässt den Ereignissen und Ausdrücken Zeit, zusammenzukommen, nimmt man bald die Gedichte nicht mehr als sprachliche Kohorten wahr, die einfach über die Seiten marschieren, sondern als einen ganz eigene Art des Urbarmachens, eine Art sich einen sprachlichen Weg entlang einer abgelegenen Route zu suchen, wo die Realität einer Empfindung nicht bloß in etwas Erhebendes eingeschlagen wird, sondern wo sie sich wahrhaft ausleben kann, interstellar, mythologisch, abstrakt, wahrgenommen als ein Notenblatt voller Begriffe, eine Melodie, die wir lernen können zu spielen.

“Mit allem, was vom Indikativ in den Konjunktiv wechselt, legt die Nacht sich auf den Tag und kettet seine Hände oben ans Bett.”

Sicher ist, dass die Gedichte von Silke Scheuermann in keinem der hier eingefügten Zitate oder Anleitungen meinerseits wirklich einen Ansatz ihrer Poesie finden würden, oder dieser Hinweise bedürften, um sich beim Leser zu entfalten. Da ihre Kosmologie bar jeder Illusion ist und sie dennoch nie den Traumhänden des Wortes Lyrik zu entgleiten scheinen und weil ihr Abstand zum Leser stets groß ist und doch dieser Abstand auf beeindruckende Weise immer wieder plötzlich überwunden wird, ist es schwer eine Definition dieser Poesie auch nur in Betracht zu ziehen.

Sie lebt, wie im Nachwort richtig angesprochen wird, viel aus den Metaphoriken, die in jedem Gedicht einen neuen Fixstern haben, aber wenn man hinter diese Strömungen gelangt, lässt sie diese Spielchen weit hinter sich und man erkennt ihr sehr aufrichtigere Stimme, die nicht in Rätseln, sondern eben in Ausdrücken spricht, die wir zunächst für Rätsel halten, die uns aber ein höheres Verständnis geben wollen und nicht ein solches voraussetzen – ein besonderes Geschenk der Lyrik, das kaum einer so aufgefächert beherrscht wie Silke Scheuermann.

“Als hätten wir ewig die Hände von
Kindern oder halbblinde Augen die immer
nur schwach gezimmerte Rahmen
um alles ziehn
reflexartig”

Ich kann wohl nicht bis ins letzte bewusst erklären, warum ich Scheuermanns Gedichte so sehr schätze, obwohl es mir unbewusst in jedem zweiten Gedicht, dass ich von ihr lese, passiert, dass ich genau das tue, dass ich mir etwas halb gewohntes, halb vertrautes besser erklären kann, es mehr spüren kann, als ginge ich hindurch.

Über einen Museumsbesuch schreibt sie, wie immer leicht zu- und abgewandt:

“Nur die Besucher sind noch schlechter dran
nachdem sie solange Schlange gestanden
haben tragen sie bloß eine Erkenntnis fort
dass sie das Museum verlassen ohne Spuren
genauso wie sie auch die Welt verlassen werden.”

Klarheit, die das Fatalistische mit dem Verbinden, was Brodsky als eine der Definitionen von Schönheit ansah: nämlich etwas, das uns nicht gehört, uns nie eigen sein wird, aber dessen wir Gewahr sind, allein schon weil wir leben, existieren. Als wären sie ganz dünnes Glas vor diesen Dingen, das man kaum berühren kann, weil sonst nicht nur das Glas, sondern auch die Dinge zerbrechen (stehen wir vor Fenstern oder vor Spiegeln?) – dieses Gefühl durchfiebert viele von Scheuermanns Gedichten, macht sie einzigartig.

Brodsky war es auch, der von einem Gedicht als dem besten Mittel zur geistigen Beschleunigung sprach. Bei Silke Scheuermann müsste man eher von einer geistigen Aufrichtung sprechen, einem Stück für Stück-Annehmen, das die innere Zusammensetzung der Gedichte langsam offenlegt, zu einer Sprache werden lässt, auf die sich etwas in dir am Ende sehr gut verständigen kann.

Aber zuletzt noch: Zärtlichkeit. Lässt man alles außer Acht, was ich mit dilettantischer Hand über diese Lyrik hier und da vielleicht angestoßen habe, damit es irgendwann die Richtige Erkenntnis erreicht, bleibt sie: diese unnachahmliche Zärtlichkeit, die, abseits der inneren Kreise, die die Gedichte im Leser ziehen, ihren Namenszug schon allein mit dem Stil im Gedächtnis hinterlassen hat. Zeilen, die sich nicht zitieren lassen, die man zögert aufzusagen, die man monatelang nicht ansieht – und doch sind sie da. Als zärtlichste Punkte im All. Für sie lohnt sich alles. Es gäbe noch sehr viel mehr zu sagen, aber irgendwann hintert das viele Reden ja am Lesen.

“Schlaf nie mit einem Fotografen/ sie haben schon zu viel gesehen”

Diese Sammlung, die den gleichen Titel wie Scheuermanns erster Gedichtband trägt, enthält selbigen, zusammen mit den Gedichten aus “Der zärtlichste Punkt im All”, außerdem die nie als Einzelband veröffentlichten “Vogelflüge”, eine Abfolge von sonettähnlichen Gedichten, wobei das nächste immer mit dem Endsatz des letzten anfängt. Außerdem ein paar unveröffentlichte Gedichte. “Über Nacht ist es Winter” ein Buch mit Prosagedichten, ist nicht enthalten. Ihr allerneuster Gedichtband, “Skizze vom Gras”, erscheint am 5. August und sie wurde, unter anderem für diesen Band wie auch für ihr Gesamtwerk, vor kurzem mit dem Hölty-Preis ausgezeichnet.

“Aber was kommt wenn wir uns alle Geschichten erzählt
haben zehntausend heiße Geschichten

das Lexikon unserer Luftschlösser durchbuchstabiert
ist und wir unseren Stern durchgesessen haben wie das Sofa

auf dem wir uns sehr genau kennenlernten
wenn wir da stumm am Fenster sitzen und rauchen”

Hier noch ein Ausschnitt aus einem ihrer Kurzprosastücke:

“Wer jetzt nicht mehr schläft, dem näht das Licht Perlen auf die Stirn, zum Schutz, denn japsisfarben im Licht des Türspalts kommen die Fratzen mit dem ewigen, bösen Lächeln der Sieger. Es könnte die Katze sein, die Kommode, der Fernseher, irgendetwas Bekanntes, das sich Sekunden später wieder in seine Bestandteile löst.
Es versetzt dich, für Sekunden, im Übergang, in einen frei schwebenden Raum, von außen bewachsen mit winzigen Blüten, gemacht aus diesem Licht, das es nur zwischen fünf und sechs Uhr in der Frühe gibt.
Für diesen Raum lohnt sich alles.”

“Vielleicht lieber Morgen” – der seltene Glücksfall eines wunderbar echten Buches


 “Sind wir nicht alle ein bisschen verliebt in das Leben?” (John Steinbeck)

Man muss nichts von Literatur verstehen um manche Bücher zu lieben. Und gerade diese Bücher erfüllen uns im Nachhinein mit einem Zauberbann; mit der durch sie einsetzenden Erinnerung beginn etwas in unserem Leben kurzzeitig noch einmal, mit ihrer unglaublichen Nähe zu uns an irgendeiner unbekannte Stelle, die nur sie berühren und stimulieren können. Ohne Frage ist “Vielleicht lieber Morgen” von Stephen Chbosky (der erst vor kurzem sein Buch selbst verfilmt hat) so ein Buch. Ein Buch, das beinahe jeder von uns in mancher stillen, aufgewühlten Stunde seiner Jugend, selber im Herzen schon geschrieben hat.

“Aber ich schätze, ich mache mir eine Menge Sorgen. Ich seh mir die Leute an, die Händchen halten und frage mich, was da so alles dahinter steckt. Auf Schulpartys sitze ich im Hintergrund, wippe mit dem Fuß und überlege, wie viele Paare wohl zu -ihrem Lied- tanzen. Ich sehe die Mädchen im Flur die Jacken von den Jungs tragen und denke in diesem Zusammenhang über das Besitzen nach. Und ich frage mich, ob die Leute wirklich glücklich sind. Ich hoffe, sie sind es. Ich kann es wirklich nur hoffen.”

Charlie ist 15 und lebt eigentlich in sehr normalen Verhältnissen. Seine Mutter liebt ihn und ist bodenständig, sein Vater ist ein eher in sich zurückgezogener, einfacher Mensch, der aber stark sein kann, wenn es sein muss. Sein älterer Bruder geht schon aufs College, seine ältere Schwester geht ihm oft auf die Nerven. Seine Familie weist, wie die meisten, einige schwarze Flecken auf der weißen Weste und ein paar tote Winkel auf, es gibt einige Probleme und Umbrüche, aber eigentlich ist alles in Ordnung.
In der Schule ist Charlie eher ein Außenseiter (im Original heißt dieses Buch “The Perks of Being a Wallflower“), obwohl er begabt ist und von seinem Englischlehrer sogar außerhalb des Unterrichts Bücher bekommt, über die er nach der Lektüre Aufsätze schreiben soll.
Zwei Todesfälle haben sein Leben gezeichnet: Der seiner Tante Helen vor ein paar Jahren und der seines Freundes Michael, der erst vor kurzem durch Freitod starb. Doch diese Geister der gerade erst abgeschlossenen Vergangenheit, sind nicht so akut wie die Achterbahn von Pubertät, Freundschaft, Leben und Liebe, die ihm in diesem Jahr bevorsteht. Gefangen zwischen Adoleszenz und gerade erst ausklingender Kindheit, beschreibt und verarbeitet Charlie sein Lebensgefühl und seine Erlebnisse in Briefen an einen unbekannten Freund. Und der Leser liest mit…

“Ich ging zu dem Hügel, wo wir früher immer Schlitten gefahren sind. Es waren viele kleine Kinder da. Ich guckte ihnen eine Weile zu. Wie sie mit den Schlitten über Hindernisse flogen und Rennen fuhren. Und ich musste daran denken, dass all die Kleinen irgendwann erwachsen sein würden. Und all die Kleinen tun irgendwann Dinge, die wir auch tun. Und alle werden irgendwann jemanden küssen. Aber im Moment reicht ihnen Schlittenfahren. Ich fände es schön, wenn Schlittenfahren immer genug sein könnte, aber so ist das eben nicht.”

Chbosky hält sich wenig an literarische Stilmittel und Schematisches kann man in seinem Buch beinahe nirgends finden. Stattdessen erzählt er frei und mit einem Hang zur Abschweifung, mit Neuansätzen und mal mit mehr, mal mit weniger Gedankenschwere – es entsteht so ein sehr variables, authentisches Bild.. Die ganze Geschichte und jedes Detail wirken unaufgesetzt, vom Normalen bis zum Besonderen und auch die Chancen der Briefromanperspektive nutzt Chbosky sehr gut und bringt einen dazu, sich als (Brief-)Leser auch etwas zu dem zu denken, was Charlie schreibt; man fühlt sich doch öfters wie in einen tatsächlichen Dialog versetzt – allerdings eher in einen Dialog zwischen dem eigenen jugendlichen Ich und Charlie, ein Dialog, der mehr Resümee und Nostalgie ist, aber nicht ohne Spannung und Bewegtheit .
Es ist, bei all dem, augenscheinlich kein spektakuläres Buch. Das Spektakuläre liegt wohl behütet in den Zwischentönen und der unglaublichen Erlebnisnähe, die einige von Charlies Beobachtungen und Geschichten für einen selber haben; manche Szene wirkt fast wie ein Sinnbild jugendlicher Erfahrung.

Es fällt mir schwer darüber hinaus meine Empfindungen zu dem Buch aufzuschreiben, weil vieles von dem, was man mit diesem Buch erlebt, einem ganz allein gehört, was als Kompliment zu verstehen ist. Ich hoffe, dass noch viele Leute dieses Buch lesen, einfach weil es etwas an sich hat, das “wichtig” ist, echt und tiefenwirksam. Als wäre es eine Jacke, die man anzieht und schon streift man wieder durch Teile seiner eigenen Jugend – viele Gefühle, ähnliche Situationen, Freunde, Geschichten, Legenden begegnen einem, zu denen man sofort die eigenen Pedanten parat hat. Und das baut wiederum eine Verbindung auf, ein leises Gefühl: Dass vielleicht alle Menschen irgendwo doch einander verstehen und spüren können und ähnliche Zusammenhänge uns alle bestimmen und begreifen – und sei es nur durch das, was uns alle irgendwann mal streift, bildet, umhaut: die nahste und stürmischste Zeit des Lebens.

Man lese dieses Buch. Ich schwöre, in einigen Momenten ist man darin unendlich…

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*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen.