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Alben, die ich sehr schätze – Zweiter Eintrag: Greatest Hits von Joan Jett & the Blackhearts


Greatest Hits Joan Jett war die Heldin meiner frühen Jugend. Und ist es bis heute geblieben. Ich trete ihr mit derselben naiven Bewunderung gegenüber wie damals, als ich 13 Jahre alt war.
In einer Buchhandlung stieß ich vor kurzem auf das Buch „Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen“. Ich öffnete es – genau auf der Seite mit Joan Jett. Und hätte es beinah sofort gekauft. (Es steht jetzt auf meinem Weihnachtswunschzettel)

Albern ist es, sagen manche, sich mit Menschen verbunden zu fühlen, die man überhaupt nicht kennt. Von denen man nur Aussagen oder Werke kennt. Aber irgendwie glaube ich daran, dass es nicht nur Schwärmerei und Idealisierung sind, die mich zu Joan Jetts Musik hinziehen, sondern dass darin etwas Echtes, durch und durch Aufrichtiges liegt, das Jett in ihre Songs gelegt hat und auf das ich zugreifen kann, wenn ich sie höre.

In der Wahrnehmung der meisten (behaupte ich) wird Joan Jett hauptsächlich mit Bombast-Rock und dem Song „I love Rock’n’Roll“ in Verbindung gebracht; einige werden noch wissen, dass sie vor ihrer Solokarriere Gründungsmitglied der Band „The Runaways“ war (da war sie siebzehn Jahre alt. Als sie 1982 zu einem Weltstar wurde, war sie erst 24.)

Was den Menschen Joan Jett betrifft, kann ich nur empfehlen, sich für den Anfang das Video von der Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame anzuschauen (Laudatio: Miley Cyrus), in dem auch auf viele ihrer caritativen Projekte und ihre besondere Rolle in der weiblichen Emanzipationsgeschichte innerhalb des Rock’n’Roll und des Musikbusiness eingegangen wird.

“You’re on my mind always my one desire
And let’s get together and build us a fire
Make me tremble and make me shake
Pleasin’ each other rockin’ till daybreak”

Die ersten drei Lieder auf der (wie ich finde besten) Greatest Hits Zusammenstellung (2010 erschienen) sind Neuauflagen von Songs, die Jett noch für die Runaways schrieb. Gerade die ersten beiden – das Kult-Lied „Cherry Bomb“ und „You drive me wild“ (der erste Song, den Joan Jett je schrieb) – sind scharfkantige, sexuelle Emanzipationsexplosionen, mit viel Freude an der Provokation. Diese Lust an der Provokation ist für Joan Jetts Werk essentiell und nach eigener Aussage war sie zeitlebens ein wichtiger Antrieb für das Schreiben neuer Songs. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die sexuelle Selbstbestimmung, ganz gleich, ob sie als Freude an der Dominanz oder als Genuss durch Unterwerfung auftritt (oder als ein Mix aus beidem).

Diese ersten drei Songs sind der Tritt auf das Gaspedal, die jubelnde Beschleunigung, mit der der Rest des Albums durch die Gegend cruised. Die Runaways waren eine Anarchogruppe, fast schon eine Punkband, Jett zog es jedoch (wie ihre Bandkollegin Lita Ford, ebenfalls eine empfehlenswerte Musikern – wenn man kein Problem mit ein bisschen Glam- vor dem Rock hat) mehr zum Hardrock; zu langsameren, volldröhnenden Gitarrenriffs, nicht zu den schnellen, vorantreibenden Akkorden, die in den meisten Songs der Runaways dominieren.

Doch sie strich den Punk nie ganz, er taucht immer wieder auf, witziger Weise in den meisten ihrer größeren Hits (folgerichtig wurde sie bereits als „Godmother of punk“ UND „Queen of Rock’n’Roll“ bezeichnet)

“I don’t give a damn
‘Bout my reputation
I’ve never been afraid of any deviation
An’ I don’t really care
If ya think I’m strange
I ain’t gonna change
An’ I’m never gonna care
‘Bout my bad reputation
Oh no, not me
Oh no, not me”

Ein Beispiel für die Verbindung zwischen Hardrock und Punk stellt auf jeden Fall „Bad Reputation“ da, ein Song mit kurzen, rotzigen Punkversen, in dem die Gitarre sowohl schnell als auch hart klingt. Ein Song, zu dem man auf Tischen tanzen kann, den man mit 14 Jahren laut aufdreht, um gegen jeder Form von Autorität zu pöbeln, dessen Revolutionsenergie aber auch darüber hinaus greifbar und hörbar bleibt. Eine Hymne des Individuums, das sich zu seinen Mitmenschen nicht mehr als nötig positionieren will (und doch oft muss). „I am my space not everyone else’s“, so hat Jett es einmal treffend formuliert, und diese Aussage fast das Lied ganz gut zusammen.

Der vierte Track, den ich aus Anknüpfungsgründen zunächst unterschlagen habe, ist „Love ist pain“. Er ist, trotz des Titels, nicht ganz so saturnalisch wie Jetts andere Mitsinglieder, aber ein schönes Bekenntnis: Ja, Liebe tut weh, aber davor haben wir keine Angst und wir werden es wieder tun. Und wieder. Denn die Angst vor dem Schmerz und der Ungewissheit sollte uns nicht daran hindern, das Verbindende zu wagen.

Manchen mag das wie eine ziemlich beliebige Botschaft erscheinen oder zumindest keine besonders innovative. Aber ich bin froh, dass es solche Lieder gibt und nicht nur die „es schmerzt so sehr“ und „vermiss dich“ und „komm zurück“-Songs oder die „ich hasse dich“, „du wirst schon noch sehen“-Songs. „I love pain“ konzentriert sich auf das Eigene, nicht auf die Gefühlsbestätigung durch andere. Hier zeigt sich, was Jetts Musik IMMER ist: widerständig, Widerstand. Daraus bezieht sie ihre lebendige, unverwüstliche Art.

“He smiled so I got up and’ asked for his name
That don’t matter, he said
‘Cause it’s all the same
Said can I take you home where we can be alone
An’ next we were movin’ on
He was with me, yeah me
Next we were movin’ on
He was with me, yeah me singin’
I love rock n’ roll
So put another dime in the jukebox, baby
I love rock n’ roll
So come an’ take your time an’ dance with me”

Die nächsten beiden Tracks sind „You don’t know that you’ve got“ und „I want you“. Ersterer stammt noch von Jetts Debutalbum und ist etwas glattgebügelt, hat eigentlich zu wenige Kanten, geht aber dadurch schnell ins Ohr; „I want you“ gehört dagegen zu jenen kleinen-feinen, kopflos erscheinenden Exzessen (wie bspw. „I want to be your dog“ oder „Just Lust“), die eine Spezialität von Jett sind und die ich persönlich sehr cool finde, bei denen ich aber verstehen kann, wenn sie nicht jedermanns Sache sind.

Joan Jetts Hits sind häufig Covers und auch ihr größter ist eine solche Neuinterpretation; sie hat ein Händchen fürs Neuinterpretieren und mein liebstes Standalone-Album von ihr (über das ich vielleicht auch noch schreiben werde) heißt „Hitlist“ und besteht nur aus Cover-Songs; allesamt Würdigungen ihrer Vorbilder und Inspirationsquellen.

„I love Rock’n’Roll“ überflügelte als Cover die ursprüngliche Version von den Arrows und war ein Welthit. Joan Jett ist nicht wegen dieses Songs eine Ikone geworden, aber wer nur flüchtig hinguckt, für den wird es so aussehen. Dabei ist diese Hymne, bei aller Coolness und Eingängigkeit, nicht unbedingt einer ihrer besten Songs. Gutes Live- oder Partymaterial – in diesem Sinne vergleichbar mit den Stadionhymnen von Queen – aber für sonstigen Genuss etwas zu einförmig.

“I can’t take it
This is gettin’ silly
Can’t find me no tranquility
Anymore, I just can’t get through to you

We’re fakin’ it, it’s time to admit it
You make me feel like an idiot
All the time, there’s nothin’ left for me to do
No, so

I’m gonna run away
I’m never comin’ back to you
Yeah yeah, I’m gonna run away
I’m never comin’ back to you”

Zwei entschieden bessere Songs von dem zweiten Album „I love Rock’n’Roll“ sind mit „I’m gonna runaway“ und „Crimson and Clover“ vertreten. Ersteres ein wunderbares Schlussmachlied und ein Musterbeispiel für schnörkellosen Rock’n’Roll, ohne viel Pomp, ohne Schnickschnack. Die Gitarren umzüngeln die Stimme wie ein gutgehendes, funkensprühendes Lagerfeuer, verschlingen sie aber nicht. Und am Ende bricht der Song noch mal aus, fällt schwungvoll in sich zusammen.

„Cimson and Clover“ ist dagegen ein Lied, das eine ganz eigene Stimmung hat, eine eigenwillige Präsenz – chorisch ist, dann wieder dynamisch –, mit einem banalen Text, der aber großartig inszeniert wird. Es ist ein Cover, mal wieder, von einer Band aus den 60ern (denen Jett immer wieder ihren Respekt und ihre Reverenz zollte) namens Tommy James & The Shondells. Etwas eigentümlich Schönes liegt in seinem Wechselspiel von Behutsamkeit und Chaos, etwas Einnehmendes, als würde das Lied seine Quelle aus einer unbekannten Faszination, einem unbekannten Widerspruch beziehen; es gehört zu meinen absoluten Jett-Favoriten.

“We’ve been here too long tryin’ to get along
Pretending that you’re oh so shy
I’m a natural man doin’ all I can
My temp’rature is runnin’ high
Friday night no one in sight and we got so much to share
Talkin’s fine if you got the time, I ain’t got the time to spare

Do you wanna touch? Yeah! Do you wanna touch? Yeah!
Do you wanna touch me there? Yeah!“

Die zweite CD der Greatest Hits startet mit dem Gary Glitter-Cover „Do you wanna touch me“, wiederum ein Mitsing- und Mitklatschlied, das wie „I love Rock’n’Roll“ etwas einförmig erscheint und vor allem als Live- oder Partymaterial taugt. Oder als Dröhnung, die auch noch einen sexy Touch hat. Man kann das Lied als subtilen Soundtrack einsetzen: Wenn man mit jemandem auf der Couch zuhause sitzt und er oder sie kommt nicht richtig in die Gänge, dann kann man auch einfach diesen Song anmachen – besser und weniger übergriffig als das gähnende Arm um die Schulter-Legen.

“Don’t you be nervous baby
I didn’t come to bring you down
This is so natural baby
Just let my love turn you around

This twisted love affair
Could really take us somewhere

J’aime faire I’amour sur tout a trois
J’aime faire I’amour sur tout a trois

Don’t you feel guilty baby
I won’t take long to understand
Don’t waste time arguing
We’ll make the most with what’s at hand
I have to laugh out loud
When you say three’s a crowd

I know what I am, I am what I am
I know what I am
I know…”

Es folgt “The French Song”, einer meiner Favoriten, mit dem wir uns zum ersten Mal aus Jetts erfolgreichster Zeit herausbewegen, denn der Track stammt, wie die zwei folgenden, vom „Album“ von 1983.

„The French Song“ zu hören fühlt sich in etwa so an, als hätte man ein Fell und eine Hand würde stark und gleichsam zärtlich hindurchfahren. Ich habe nie ganz verstanden, worum es in dem Text geht. Wohl um eine Nacht zu dritt, die irgendjemanden verunsichert, das lyrische Ich aber eindeutig nicht. Geht es um einen Mann, der plötzlich mit seinem erotischen Interesse für einen anderen Mann konfrontiert wird (wie ich insgeheim hoffe)? Nun, dieses Geheimnis, diese Unklarheit muss ich dem Song wohl lassen – oder ich frage irgendwann mal jemanden, der Französisch kann, was er davon hält …

“Sometimes I’m right and I can be wrong
My own beliefs are in my song
The butcher, the banker, the drummer and then
Makes no difference what group I’m in

I am everyday people, yeah yeah

There is a blue one who can’t accept the green one
For living with a fat one trying to be a skinny one
And different strokes for different folks
And so on and so on and scooby dooby doo”

Nächster Track: “Everyday people”, Jetts smoothstes Cover (das lässige Original stammt von Sly & The Family Stone). Jett machte daraus einen, simple unterlegten, Mitsinghit, mit genau der richtigen Dosis Süffisanz. Ein Song, zu dem man wunderbar beschwingt durch die Stadt schlendern kann. Ein Song, der sagt: man muss nicht Jemand sein, man kann einfach man selbst sein – eine schnörkellose Joan Jett-Weisheit.

“When you were down, they were never there
When you’re all alone, you really get to learn
If you get back up, they gonna come around
All the sycophants, they love to make romance
To the ugly sound of ’em tellin you
What you wanna hear and you pretend

‘Cause they all agree you’re supposed to have a better life
But you’re feelin worse, and they build you up
‘Til you fool yourself that you’re something else
And it’s like a curse
[…]
You got nothin’ to lose
You don’t lose when you lose fake friends”

Ähnlich weise, befreiend und gallig schön ist auch “Fake Friends”, eines dieser Lieder, von denen man wünschte, man hätte sie schon in der Schulzeit gehört und verstanden – und beherzigt. Ein cooles Lied, mit der Power, die es für solche Themen braucht (damit es nicht bloß gefühlsduselig zugeht).

“I hate myself for loving you
Can’t break free from the the things that you do
I want to walk but I run back to you, that’s why
I hate myself for loving you”

“Light of Day”, der nächste Track, wurde von niemand geringerem als Bruce Springsteen geschrieben, für einen Film, in dem Joan Jett an der Seite von Michael J. Fox spielte (der Film hat denselben Titel wie das Lied). Jett performte den Song im Film und er ist dem Soundtrack entnommen. Es ist nicht einer ihrer besten Songs, hat aber Drive und man kann die kleinen Anleihen bei Springsteen durchhören.

„I hate myself for loving you“ war Jetts letzter großer Hit und einer jener Songs, die ihr Kultstatus bescherten. Er stammt von dem Album „Up your alley“, von dem leider keine weiteren Tracks übernommen wurden, obwohl es eines ihrer stärksten ist (mit Liedern wie „You want in, I want out“, „Desire“ und das schon erwähnte Stooges-Cover „I want to be your dog“).

„I hate myself for loving you“ ist ein Song über eine unglückliche Beziehung – ja geradezu den Archetyp der unglücklichen Beziehung, in dem man nicht von jemandem loskommt, der einem nicht guttut, der einen schlecht behandelt und den man doch zu brauchen, zu lieben glaubt. Bei Jett wird aus der Klage darüber, trotz des eindeutigen Textes, ein lustvolles und gleichsam widerständiges Hadern, bei dem nicht klar ist, ob sich da jemand eines Banns entledigt oder ihm noch unterliegt.

“Your time ain’t long you don’t belong
Maybe so but you hope that they’re wrong
Thin skin gets thick it happens quick
Like a baby turn her very first trick
Hold tight (hold tight) hold tight for the ride of your life
And the lovers go by so fast
Here it comes, here it comes feel it comin’
Backlash, backlash, backlash”

Es folgen zwei Songs von den Alben der 90er Jahre “Notorious“ bzw. „Pure and Simple“. Als erstes „Backlash“, wiederum einer meiner persönlichen Favoriten, irgendwo zwischen Siebzigerrock und 80‘s-Sound. Auch der Text ist schön, verhandelt die eigene Ungläubigkeit oder Ignoranz, jenes Nichtsehenwollen, welche sich plötzlich gegen einen kehren können – mit einem Mal ist man allein, ohne jenen Halt, auf den man sich bisher verlassen hat und von dem man nicht glaubte, dass er einen verlassen könnte. Aber man hat ihn nicht genug wertgeschätzt.

Der Song von „Pure und Simple“ heißt „Activity Grrrl“ und setzt genauso ein, wie der Titel sich anhört, mit fast schon unangenehmen Gitarrenkrakeleien und Joan, die schreit: „Yay ah yai“. Es ist ein kraftvoller, kompromisslos wirkender Song – gleichsam ein Selbstporträt und eine feministische Vision. Dem Schnörkellosen, Drängenden dieses Songs kann man sich schwer entziehen.

“Here comes Dick
He’s wearing a skirt
Here comes Jane
You know she’s sporting a chain
Same hair revolution
Same build evolution
Tomorrow who’s going to fuss
And they love each other so
Androgynous
Closer than you know
Love each other so
Androgynous
[…]
Now something meets boy
And something meets girl
They both are the same
They’re overjoyed in this world
Same hair revolution, unisex, evolution
Tomorrow who’s gonna fuss”

“She got girls
Girls all over the world
She got men
Every now and then
But she can’t make up her mind
On just how to fill her time
An’ the only way she can wind

A.C.D.C.
She got some other lover as well as me
A.C.D.C.
She got some other fella as well as me
She got some other lover as well as me “

Wir nähern uns dem Ende – diese Greatest Hits-Disc Nummer Zwei geht, nach meinem Empfinden, immer viel zu schnell vorbei.

„Love is all around“ ist ein Sonny Curtis-Cover, eine ein-minütige, geballte Ladung Rock’n’Roll-Hoffnung, ohne Kitsch, aber doch: Frontalknutschen mit Gitarren.

Das The Replacements-Cover „Androgynous“ liebe ich sehr. Nicht nur wegen des Inhalts, wegen des emanzipatorischen Kontextes, sondern auch wegen der Lässigkeit, leicht liebevoll angehaucht, mit der es von Joan Jett inszeniert wird. Hier beweist sie noch einmal, dass sie nicht einfach die Bombastrocklady ist, die I love Rock’n’Roll geschrieben hat – sie ist eine Künstlerin mit einem guten Gespür. Oft gibt sie der klaren Auseinandersetzung den Vorzug, einer Dosis Dröhnung, aber ihre Musik kann auch auf andere Weise kommunizieren, eindrücklich sein.

Last but not least: „A.C.D.C.“. Nicht etwa eine Anspielung auf die Hardrockband aus Australien, sondern ein Cover der Band Sweet (einige Leute kennen vielleicht ihr „Fox on the run“). Energiegeladen, kritisch, mitreißend, formal auf unprätentiöse Weise ein bisschen verspielt, ist es ein schöner Schlussakkord zu diesem Greatest Hits-Album.

Ein paar Mal scheint es so, als würde das Lied aufhören, fade out, dann geht es doch noch einmal weiter. Ein herausgezögertes Finale, Symbol für den Genuss, Symbol für die Freude. Hört Joan Jett, Leute! Lasst euch mitreißen. Sie liefert nach wie vor einen sauberen, starken, coolen Sound.

Auch live: https://www.youtube.com/watch?v=9kBnRQwVzdM

Zu David Foster Wallace gesammelten Essays in “Der Spaß an der Sache”


Der Spaß an der Sache zu Wallace 10tem Todestag besprochen bei Fixpoetry

Zu den Schriften von Olympe de Gouges in “Die Rechte der Frau und andere Texte”


Die Rechte der Frau Olympe de Gouges (mit bürgerlichem Namen Marie Gouze) war eine Theaterautorin der Aufklärung und Feministin der ersten Stunde, die sich in den bewegten Zeiten vor und während der französischen Revolution für die Gleichheit aller Menschen (sowohl in Bezug auf Frauen als auch auf afroamerikanische Sklaven) einsetzte.

In dieser kleinen Edition ihrer Texte im Reclam Verlag wurden vier Texte versammelt. Den Anfang machen die „Réflexions sur les hommes Nègres“. Darin setzt sich de Gouges mit der Kritik an ihrem Theaterstück „Zamore et Miza“ (ein Stück über die Konsequenzen der Sklaverei am Beispiel zweier Sklaven) auseinander, begründet ihre Aversionen gegenüber der Sklaverei und verleiht ihrer Überzeugung Ausdruck, dass eine Befreiung und Gleichberechtigung der Sklaven*innen die einzig vernünftige und richtige Handlung darstellt.

Sie beschreibt, wie sie schon früh an der Sklaverei zu zweifeln begann und wie ihr die Verdammung aufgrund der Hautfarbe stets unsinnig erschien; ihre Mitmenschen beantworteten ihre Zweifel mit pauschaler Rassenlogik.

Doch als ich älter wurde, erkannte ich sehr deutlich, dass es Gewalt und Vorurteil waren, die sie zu dieser schrecklichen Sklaverei verdammt hatten, dass die Natur hieran keinen Anteil hatte, und alles nur auf das ungerechte und mächtige Interesse der Weißen zurückzuführen war. […] Ein Handel mit Menschen! … Gütiger Gott! Dass die Natur nicht erzittert! Wenn sie Tiere sind, sind wir es nicht ebenso wie sie?

Der zweite Text „Ein nützliches und heilsames Projekt“ beschäftigt sich mit dem Theater in der Revolutionszeit und ist außerdem ein Aufruf zur Einrichtung von Frauenhäusern. De Gouges beklagt, dass, obgleich es zahlreiche Einrichtungen für Kriegsversehrte und andere Gruppen gibt, keine Einrichtungen allein für Frauen, vor allem für Schwangere, zur Verfügung stehen, in denen Sauberkeit und professionelle Betreuung eine Geburt ermöglichen, die für die Frau nicht das hohe Risiko des Kindbetttods bereithält. Es ist, über diesen konkreten Vorschlag hinaus, generell ein Aufruf zur Würdigung des gesellschaftlichen Beitrags der Frau und zur Beschäftigung mit ihrer Lage.

Oh, Bürger! Oh, Monarch! Oh, meine Nation! Möge meine schwache Stimme im Grunde eurer Herzen wiederhallen! Möge sie euch dazu bewegen, das bedauerliche Schicksal der Frauen anzuerkennen. […] Welche zahllosen Schmerzen erleiden die jungen Damen, bis sie heiratsfähig sind? Welche furchtbaren Qualen empfinden die Frauen, wenn sie Mütter werden? Und wie viele von ihnen verlieren dabei ihr Leben […] oft sieht man junge Frauen, die, nachdem sie Tag und Nacht unter heftigen Schmerzen gelitten haben, in den Armen ihrer Geburtshelfer verscheiden, um im Sterben Männern das Leben zu schenken, von denen sich bis zu diesem Augenblick niemand ernsthaft darum bemüht hat, auch nur das geringste Interesse an diesem allzu unglücklichen Geschlecht zu bekunden, für all die Qualen, die sie ihm verursacht haben.

Der zentrale und längste Text der Sammlung ist die Schrift „Die Rechte der Frau“, der ein Brief an Marie Antoinette vorangestellt ist (mit der Bitte, nicht gegen das französische Volk zu konspirieren und sich lieber für die Rechte der Frauen einzusetzen) und die sowohl einen Rechtekatalog, als auch den Entwurf eines Gesellschaftsvertrages zwischen Mann und Frau beinhaltet.

In den Rechten heißt im Artikel 1:

Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten. Die gesellschaftlichen Unterschiede können nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.

Abschließender Text ist de Gouges politisches Testament, in dem sie ihre wichtigsten Überzeugungen noch einmal festhält, geschrieben im Juli 1793, wenige Monate vor ihrem Tod durch die Guillotine.

Es fehlt mir schwer, das Buch zu bewerten. Natürlich ist es ungemein wichtig, eine Vorläuferin und Initiatorin wie Olympe de Gouges zu ehren und ihrem Namen und ihren Schriften den Platz in der Geschichte zu geben, der ihnen gebührt. Und sieht man sie in ihrer Zeit, sind diese Schriften allesamt auf gewisse Weise bahnbrechend.

Trotzdem möchte ich eine Warnung an jene Leute aussprechen, die sich von diesen Texten möglicherweise zu viel erhoffen. Es sind wichtige Dokumente, die starke Gedanken enthalten, sie sind aber ansonsten nicht ganz so gut gealtert. Das mag allerdings auch daran liegen, dass sie innerhalb von historisch-brisanten Kontexten entstanden sind und sowohl das Zeitgeschehen, als auch allgemeine Themen in einem Zusammenhang verhandeln wollten. Diese Verbindung hat ja durchaus etwas Reizvolles, aber die Leser*innen unserer Tage müssen sich das Allgemeine halt aus dem Historischen herauspicken.

Das Nachwort von Margarete Stokowski ist hier eine Hilfe, denn es bringt das Wesentliche und Wichtige in De Gouges Biographie und Werken auf den Punkt, ohne falschen Flair. Als Denkerin sollte De Gouges in jedem Fall allen ein Begriff sein und es schadet sicher nicht, sich mit ihr und ihren Schriften auseinanderzusetzen. Einige ihrer Rufe hallen nach bis in unsere Tage.

Mann, bist du fähig, gerecht zu sein? Es ist eine Frau, die dir diese Frage stellt; du wirst ihr wenigstens dieses Recht nicht nehmen. Sag mir, wer hat dir die souveräne Herrschaft verliehen, mein Geschlecht zu unterdrücken?

Alben, die ich sehr schätze – Erster Eintrag: “Blood on the tracks”


Bob Dylan - Blood on the tracks

Ich habe in meiner Schulzeit zu den Leuten gehört, die viele CDs hatten (und LPs, allerdings nur ein paar wenige) und in dieser Zeit habe ich sie rauf und runter gehört. Es gibt nicht viele Alben, die man mehr als einmal vom Anfang bis zum Ende hören kann. Alben, die (für das eigene Ohr) fast ohne Schwächen sind, die genügend Abwechslung haben oder eine gelungene Sturktur.1 Alben, bei denen es reizvoll ist, sie immer wieder anzuhören; sie sind wie ein Gedicht oder ein Buch, das man immer wieder liest. Eine Galerie von Klängen, die man immer wieder betreten mag.

Beim letzten Durchsehen meiner Sammlung wurde ich mit der Tatsache konfrontiert, dass ich viele CDs eigentlich weggeben könnte, weil die entscheidenden Lieder längst digital gesichert sind und ich die CDs – sei es zum Hören oder einfach als eine Art Schatz, als Münze oder Juwel in meinem Drachenhort – nicht wirklich haben will; dafür sagen sie zu weniger über das aus, was ich bin(/sein will) und mag(/mögen will?).

Also sortierte ich aus, schmiss weg, verschenkte. Einige Alben überlebten diesen Prozess natürlich und irgendwie habe ich das Bedürfnis, diese Alben zu teilen. Wie meine Lieblingsbücher haben sie mich schon eine Weile begleitet und werden mich weiterbegleiten.

Den Anfang macht direkt ein Album, das ich tatsächlich für perfekt halte. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass es unter Bob Dylan-Fans einen Streit gibt, welches Album das beste sei und sich ungefähr gleichviele Fürsprecher*innen für „Blonde on Blonde“, „Highway 61 revisited“ und „Blood on the tracks“ finden lassen (während andere sich noch darüber streiten, ob er singen kann). Trotz großer Sympathie für „Blonde on Blonde“ – „Blood on the tracks“ hätte immer meine Stimme.

Bob Dylan hat in Interviews oft gesagt, dass dieses Album ihm aus einer Schaffenskrise geholfen habe – oder besser gesagt: das Resultat einer beendeten Schaffenskrise ist. Ich muss zugeben, dass mich herzlich wenig interessiert, welche Bedeutung dieses Album in seinem Schaffen einnimmt – die besten Kunstwerke überwinden ihre Kontexte vollends oder gehen ganz und gar in ihnen auf und bei „Blood on the tracks“ trifft ersteres zu. Reporter*innen haben sich den Mund fusselig gefragt, ob er in diesem Album die Trennung von seiner Frau verarbeitet habe und noch jede Menge anderes Zeug.

Aber kein Label – egal ob „Trennungsalbum“ oder „Symbol neuer Schaffenskraft“ – vermögen in meinen Augen dieses Album zu definieren, zu vereinnahmen. Es ist unbeugsam, wüst, es ist fabulierend, es ist zärtlich, rotzig, euphorisch, bitter, aberwitzig, blitzgescheit und noch einiges mehr; vor allem aber kann es für sich selbst stehen.

And everyone of them words rang true
And glowed like burnin’ coal
Pourin’ off of every page
Like it was written in my soul
From me to you
Tangled up in blue

Schon beim ersten Lied „Tangled up in blue“, diesem Gedicht auf das Leben – das Abenteuer, in dem jeder von uns ein/e Protagonist*innen ist – ist alles da: die Heftigkeit und Zartheit, die in Begegnungen liegen. Die herantretende Unvermeidlichkeit und wie es nach ihr doch weiter geht, mit einer neuen Kerbe am Bootsrumpf, die sich wie ein Leck anfühlt.

„Tangled up in blue“ ist ein wunderbarer Startschuss. Der Song fächert auf, worum es in dem Album noch gehen wird, nimmt aber nicht zu viel vorweg; springt von einer Strophe in die nächste, während einem beim Zuhören das Gefühl beschleicht, es gehe Großes, Wichtigeres vor sich, das einem das Lied gleichsam offeriert und entzieht.

Am Ende steht man bei diesem Auftakt wieder vor dem nichts, obwohl so viel aufgefächert wurde. Wie ein Teaser, der die besten Momente des Films einfängt, ist „Tangled up in blue“ ein Portrait des ganzen Albums – und sein Spiegel.

People tell me it’s a sin
To know and feel too much within
I still believe she was my twin
But I lost the ring
She was born in spring
But I was born too late
Blame it on a simple twist of fate

Musik kann auf viele Arten mitreißend sein: Weil sie einen zum Tanzen animiert. Zum Mitsingen. Weil sie eine Lebensweise ausdrückt, eine Haltung, eine Meinung. Weil sie ausgeklügelt ist, ein Ohrenschmaus für Kenner. Oder weil die Melodien mit den Worten zusammen ein Netz weben, in dem, gezogen durch einen riesigen Ozean, sich plötzlich dein Herz befindet, schlagend, zappelnd.

Der zweite Track „Simple twist of fate“ ist so ein Netz für mich. Eine Art Soft-Blues, nicht zu eingängig, nicht zu beschwingt, mit viel Lakonie gewürzt – wenn er ein Gericht wäre, wäre er angenehm scharf. Keine Bitterkeit weit und breit und diese Abwesenheit von Bitterkeit ist beeindruckend, weil doch in diesem Lied alles nur auseinanderbricht. Doch kein Widerstand, nur Abfinden.

Dabei spricht so viel Kleines darin für sich, der Song liest es auf, wie von den Bäumen gefallene Blätter, die sagen: es war Zeit. Das muss akzeptiert werden, dass es Zeit war (oder nicht die Zeit war). Aber über Jahre hinweg bleibt dieser Stich: war es ein simple twist of fate, war es NUR ein simple twist of fate? Solche Gedanken fängt das Lied ein, webt sie in das dünne Leinen, unter dem es sich hin- und herzwälzt. Sanft, bedächtig, geradezu beschaulich, erzählt Dylan die allertraurigste Geschichte: Über das „es hat nicht sollen sein“, in dem sich spiegelt „ich wüsste zu gern, ich hätte gern, ich hab dich gern.“

Time is a jet plane, it moves too fast
Oh, but what a shame if all we’ve shared can’t last
I can change, I swear, oh
See what you can do
I can make it through
You can make it too

“You’re a big girl know” ist eine Zwischenstufe, bedächtig auch, noch nicht wirklich bitter, aber zuckend hier und da, sich zusammenreißend, ins Langen und ins Appellieren driftend, gefangen zwischen Klimpern und vielem, das in der Stimme anschwillt, aus den Worten tropft. Ein Lied, das nicht loslassen will (und für einen Dylan-Song auch ungewöhnlich lange nach dem Ende des Textes noch weiterläuft.)

Gäbe es ein Lied, das man einer Person, mit der man Ähnliches wie in „Simple twist of fate“ erlebt hat, hinterher- oder zuschicken würde, so wäre es wohl dieses. Es ist ein Epilog zum vorangegangenen Track und im Prinzip ein Prolog zu „Idiot wind“. Die Reihenfolge folgt dem Muster jeder unerwünschten Trennung: Zuerst will man nicht weg, dann will man zurück, und wenn man merkt, dass man nicht zurück kann, will man nur noch weiter, will der Vergangenheit, die einen nicht mehr aufnimmt, möglichst demonstrativ den Rücken kehren.

„You’re a big girl now“ ist das Mauerblümchen des Albums und trotzdem ein großartiges Lied, in all seiner Schlichtheit. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie es Dylan in diesem Album gelingt, für jeden seiner Songs den richtigen Umfang, die richtige Art des Kreisens um ein Thema zu finden. Fast scheint es, als würde dieser Song, der weniger ambitioniert und konzipiert daherkommt als „Simple twist of fate“ und „Idiot wind“, weniger geschlossen, ins Banale ragen, zu sehr verankert sein in einer bestimmten Emotion. Aber gerade diese verwaschene Schmalheit macht dieses Lied schön. Es nimmt sich die Freiheit, zwischen den Stühlen zu singen.

I ran into the fortune-teller
Who said beware of lightning that might strike
I haven’t known peace and quiet
For so long I can’t remember what it’s like
There’s a lone soldier on the cross
Smoke pourin’ out of a boxcar door
You didn’t know it, you didn’t think it could be done
In the final end he won the wars
After losin’ every battle

I woke up on the roadside
Daydreamin’ ’bout the way things sometimes are
Visions of your chestnut mare
Shoot through my head and are makin’ me see stars
You hurt the ones that I love best
And cover up the truth with lies
One day you’ll be in the ditch
Flies buzzin’ around your eyes
Blood on your saddle

Es gibt viele bittere Lieder, viele von ihnen sind gleichzeitig auch melancholisch, andere schrill. „Idiot Wind“ ist nicht melancholisch und nicht wirklich schrill. Es ist eine Ballade reiner Bitterkeit, musikalisch großartig arrangiert und von einer Stimme getragen, die sich die Seele aus dem Leib zu singen scheint, weil sie sonst anfangen müsste zu brüllen. Das Lied lädt seine Bitterkeit aber nicht einfach ab, sondern schneidet mit ihr, zerreißt, schmeißt sie. Es ist Befreiung und Verurteilung, torture und cure in einem.

Schlicht eine Wucht. Ein Song, bei dem das Wort „großartig“ auf jeder Ebene zutrifft. Mitreißend. Und am Ende, in genau dem richtigen Moment, einsichtig, wenn man es gar nicht mehr erwartet.

Was kann auf so eine bittere, tosende Stafette folgen?

I’ve seen love go by my door
It’s never been this close before
Never been so easy or so slow.
Been shooting in the dark too long
When somethin’s not right it’s wrong
Yer gonna make me lonesome when you go.
[…]
Situations have ended sad,
Relationships have all been bad.
Mine’ve been like Verlaine’s and Rimbaud.
But there’s no way I can compare
All those scenes to this affair,
Yer gonna make me lonesome when you go.

Mundharmonika und sanfte Fröhlichkeit. Der Wind hat sich gedreht, Ring frei für eines der schönsten Liebeslieder überhaupt. Ein Text voller einfachster, funkelnder Sätze und ein Refrain, der ein schlichtes Bekenntnis ist, leichter als Luft, und doch so schwer, wie einem das Herz werden kann: „You’re gonna make me lonesome when you go“.

Ein Satz, der ein Ruf ist, eine Narbe, ein Nagel, ein Winken, eine Inschrift, ein Fluch. Was da alles drinsteckt, wie viele Emotionen dieser einzelne Satz (und erst das ganze Lied) transportiert: Einsamkeit, Zuneigung, Angst, Hoffnung, Melancholie, Dankbarkeit, etc.

Und das alles haut uns Dylan mit einem beschwingten Lied von unter drei Minuten um die Ohren, tänzelnd auf einem dünnen Seil, auf sechs dünnen Saiten, süßlich, ohne ein Spur von Klebrigkeit. Kurzweilig, wie etwas Unverhofftes, begegnet uns dieses Lied. Auf gewisse Weise ist es das Schönste des ganzen Albums.

Look at the sun
Sinkin’ like a ship
Look at the sun
Sinkin’ like a ship
Ain’t that just like my heart, babe
When you kissed my lips?

Wenn das Album ein Schulhof wäre, dann wäre “Meet me in the morning” der Typ, der auf cool macht, cool rüberkommt, aber eigentlich gar nicht so cool ist. Ich mag die Lässigkeit dieses Stücks und auch die Seltsamkeit des Textes, den leichten Aberwitz. Trotzdem ist diese dubiose Hymne sicher der schwächste Song. Er zwinkert einem zu, sieht gut aus, aber man hat nicht das Gefühl, dass da wirklich „blood on the track“ ist.

Trotzdem – wenn „Meet me in the morning“ nicht da wäre, würde es fehlen. Es ist die staubige Straßenkreuzung, der Moment im Nirgendwo, den das Album braucht. Etwas Übliches, unverfängliches. „Meet me in the morning“ verschafft den Zuhörer*innen eine kurze Pause und liefert außerdem ein ordentliches Pausenprogramm. Man kann sich anschauen, was war und sich auf das freuen, was noch kommt, während man nebenbei der Lässigkeit des Stückes lauscht.

Backstage the girls were playin’ five-card stud by the stairs
Lily had two queens, she was hopin’ for a third to match her pair
Outside the streets were fillin’ up, the window was open wide
A gentle breeze was blowin’, you could feel it from inside
Lily called another bet and drew up the Jack of Hearts

Das längste Stück, platziert an siebter Stelle: “Lily, Rosemary and the jack of hearts”. Eine rasante Ballade, ein Narren- und Schurkenstück, eine Wild-West-Erzählung mit viel Couleur. Fast beiläufig beginnt es, steigert sich mit jeder Strophe, unbarmherzig und fabulierend, in der Intensität, in welcher viele kleine Pointen und Wendungen funkeln.

Der „jack of hearts“ ist einerseits der Herzbube im herkömmlichen Kartenspiel, andererseits auch der gutaussehende Verführer, der gerissene, sympathische, aber skrupellose Jüngling (und, btw: eine Marvelfigur).

Obwohl es nicht mein liebstes Stück ist, habe ich es öfter gehört als alle anderen (außer vielleicht „Tangled up in blue“). Es lässt einem kaum Zeit zum Luftholen und am Anfang hörte ich es vor allem deshalb mal um mal, um den Text Stück für Stück nachzuvollziehen, herauszuhören. Auch heute entdecke ich noch neue Kleinigkeiten oder erfreue mich an alten Lieblingsstellen.

We had a falling-out
Like lovers often will
And to think of how she left that night
It still brings me a chill
And though our separation
It pierced me to the heart
She still lives inside of me
We’ve never been apart
[…]
If she’s passin’ back this way
I’m not that hard to find
Tell her she can look me up
If she’s got the time

Manchmal werden Menschen unerreichbar für uns. Gäbe es nur jemanden, der ihnen Hallo von uns sagen könnte oder: Wie geht es dir? fragen könnte. Vielleicht sogar ein „Vermisst du mich?“ überbringen könnte, ganz unproblematisch. „If you see her, say hello“ ist ein Lied des Haderns, schafft es aber, dieses Hadern von seiner liebevollsten Seite zu präsentieren, auch wenn der ganze Umfang seiner Problematik durchscheint. Es steht an der Schwelle zum Verzagen, blickt aber fast die ganze Zeit über die Schulter.

Die Stimme versucht stark zu sein, fliegt sich aber selbst davon. Es ist das haltloseste Stück des Albums. Mit Gitarrenklängen, die klingen, als würde jemand mit baren Händen etwas ausgraben, während die Stimme versucht ruhig zu bleiben, unverfänglich, sich nicht zu verhaken in den Nachfragen, der verlassenen Hoffnung, in der sie immer noch steht, ohne zu warten, ohne zu wissen warum, aber noch nicht bereit, wegzugehen.

I’ve heard newborn babies wailin’ like a mournin’ dove
And old men with broken teeth stranded without love
Do I understand your question, man, is it hopeless and forlorn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Popsongs are cheesy or corny. Eine solche Bemerkung fegt “Shelter from the storm” einfach vom Tisch. Ich bin verliebt in dieses Lied (in die Studio-Version und die Live-Version vom Album „Hard Rain“ gleichermaßen), seinen zärtlich-lapidaren Stil, seine Fülle, seine Offenheit. Wäre der Song eine Person, ich würde sie wunderschön finden – nicht im begehrlichen Sinne, sondern unverfänglich – ihre Art, ihre Ausstrahlung. Gut, diese Liebeserklärung ist jetzt schon etwas corny.

Um es noch schlimmer, aber auch eindeutiger zu machen: In einem Gedicht von W. H. Auden heißt es: „life remains a blessing/although you cannot bless“. Ich kann und will sagen: This song blessed me and blesses me.

Mehr kann ich auch gar nicht sagen. Hört ihn euch an. Lasst euch einspinnen. Lasst euch wiegen von diesem Lied, in dem Grausamkeit und Seligkeit, Heimatlosigkeit und tiefe Zuneigung vorbeiziehen wie Autos auf einer Straße vor der Tür, unterlegt vom Klang einer Gitarre, die sagt: „Es wird nicht alles gut, aber es wird alles und geht wieder vorbei.“ Und: “Lass zu, was dich liebt.”

Buckets of rain
Buckets of tears
Got all them buckets comin’ out of my ears
Buckets of moonbeams in my hand
You got all the love
Honey baby, I can stand

I’ve been meek
And hard like an oak
I’ve seen pretty people disappear like smoke
Friends will arrive, friends will disappear
If you want me
Honey baby, I’ll be here

Nachdem am Ende von “Shelter from the storm”, in den letzten Tönen, die Hand von der Gitarre abzurutschen scheint, könnte das Album eigentlich zu Ende sein. Es ist doch alles gesagt, geschrien, geflüstert, gebeichtet. Aber nein.

Die Gitarre setzt noch mal ein. Sehr bestimmt, mit einem Hauch Verspieltem. Und direkt das erste Bild wirft seinen Schatten über das ganze Lied: Eimer voller Regen, die eigentlich Eimer voller Tränen sind. Tränen, die einem „zu den Ohren wieder rauskommen“.

„Buckets of rain“ summiert noch einmal die vielen Emotionen des Albums in wenigen, fastschon kargen Strophen. Bitterkeit, Verlassenheit, Zuneigung und Hoffnung dämmern in den Versen, die wie Wassertropfen von den Saiten der Gitarre perlen. Unfertig wirkt der Song, verstreut alle Erkenntnisse des Albums, anstatt sie zu bündeln.

Ich denke, dass das meine ganz persönliche, nicht im Text oder in der Musik zu verortende Phantasie ist – aber sobald das Lied beginnt, sehe ich eine Person, die Eimer eine Treppe hinauf oder eine Straße entlang trägt. Über den Rand schwappen die Tränen, laufen herunter. Er trägt diese Eimer überall mit sich herum, alle anderen tragen auch welche mit sich herum, aber niemand kann die Eimer der anderen sehen. Nur wenn sie übervoll sind oder etwas über den Rand schwappt, sieht man die Tropfen, die über die Wangen gleiten.

Schön, traurig, meditativ. Der letzte Track bleibt hinter den meisten anderen zurück, macht nicht viel her. Aber mit seiner rustikalen Art bleibt er einem fast am längsten in Erinnerung. Sein Klang erstreckt sich auf die nächsten Stunden, wie ein Zauber. Eine Tür die ins Schloss fällt. Ein würdiger Schluss.

Zu “How to … travel” von Thorsten Krämer


How to travel “Vergessen Sie nie: Reisen sind ein Privileg! Daher reisen Sie nie nur für sich selbst, sondern auch für die Daheimgebliebenen. Schon immer haben Reisende Wege gefunden, andere an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Cäsar schrieb ein dickes Buch über seinen Aufenthalt in Germanien, später kamen die berühmt-berüchtigten Dia-Abende im Familienkreis dazu.”

Reisen, das ist Utopie, Luxus, Stress und langes Schauen aus dem Fenster. Im Reisen beginnt eine besondere Freiheit – aber was wäre heutzutage irgendeine irdische Freiheit ohne die dazugehörige Anleitung! Doch statt eines dicken Reiseführers, der auch noch das letzte bisschen Erkundungsdrang in ein rudimentäres Abklappern und jede Stadt in ein Museum verwandelt, könnte Sie dieses Büchlein von Thorsten Krämer begleiten.

Es hat zwei große Vorteile: erstens ist es schmaler, leichter und wohl auch ein bisschen billiger und zweitens ist auf seiner Rückseite eine weiße Fläche, auf die Sie mit Filzstift die Worte „Keine Panik“ schreiben können.

Darüber hinaus enthält es, alphabetisch sortiert, Tipps für alle Abschnitte Ihrer Reise, von der Vorbereitung über den Aufenthalt bis zur Rückkehr, humoristisch aufgemacht, aber ohne all die kleinen Wahrheiten des Verreisens aus den Augen zu verlieren. Als reisender Person wird einem, trotz aller Kurzweil, häufig der Spiegel vorgehalten (wenn auch kein Riegel vorgeschoben), von B wie Blumengießen, über N wie noverbale Kommunikation (“Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man fuchteln”) bis zu S wie Soundtracks – wenn sie zu einem Stichwort nichts finden, dann ist hinten Raum für eigene Notizen.

Also: ziehen Sie dieses Buch bei der Planung Ihrer nächsten Reise in Erwägung! Wenn Sie einen Posten im Budget brauchen, den Sie für diese Anschaffung streichen können, wäre mein Vorschlag, die Reiserücktrittsversicherung wegzulassen. Wie schreibt Thorsten Krämer so schön:

“Man braucht sie nicht. Außer man braucht sie. Aber dann hat man keine.”

 

Zu Ta-Nehisi Coates “We were eight years in power – Eine amerikanische Tragödie”


Eine amerikanische Tragödie besprochen bei Fixpoetry