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Zu Felix Fénéons makabren Kürzestnews in “In drei Zeilen”


In drei Zeilen „Ein Tellerwäscher aus Nancy namens Vital Frérotte, der auf immer von einer Tuberkulose geheilt aus Lourdes zurückkam, ist am Sonntag irrtümlich verstorben.“

Vermischte Nachrichten, ein bisschen Klatsch, ein bisschen Anthropologie, viel scharrender Witz und eine nicht ganz einzuordnende Direktheit – sie sind schwer einzuordnen, diese Dreizeilennovellen, diese Alltagscapriccios. Was natürlich eher für sich spricht, ihren Reiz ausmacht.

Felix Fénéon – seines Zeichens Poet, Anarchist und Publizist in der allzu heilen Zeit der Belle Epoque – schrieb diese kurzen Neuigkeiten und Begebenheitsnuancen anonym für die Pariser Zeitung Le Matin. Er war schon vorher vielfach journalistisch-literarisch tätig (das gelungene Nachwort von Jürgen Ritte gibt darüber Aufschluss) und diese Kleinstgeschichten bilden quasi den Höhepunkt und gleichsam das Ende seiner journalistischen Tätigkeit.

„Catherine Rosello aus Toulon, Mutter von vier Kindern, wollte einem Güterzug ausweichen. Sie wurde erfasst von einem Personenzug.“

Grotesk, tragisch, komisch, oder, wie es auf dem Klappendeckel heißt: eine Enzyklopädie menschlicher Zu- und Unfälle. Dem möchte man noch hinzufügen: und menschlicher Schicksale. Mindestens die Hälfte der Nachrichten setzt sich mit Todesfällen auseinander, viele davon Morde, Selbstmorde und Unfalltode.

„Selbst für Trinker gibt es keinen lieben Gott mehr: Kersilie aus Saint-Germain, der die Tür mit dem Fenster verwechselt hat, ist tot.“

Nun ist es nicht so, dass diese Kleinode grundsätzlich eine ironische, sarkastische, zynische oder makabre Ausrichtung hätten, wobei schwer zu leugnen ist, dass sie nicht selten mit der humoristischen Dimension ihrer Information spielen. Sie zeigen sich dem Leser, kurz und auf den Punkt, wie jede Zeitungsmeldung, verdeutlichen aber noch mehr als andere Nachrichten ihren Mitteilungs- und Informationscharakter – und brechen dadurch die Trennwand auf, die Nachrichten zwischen uns und der Welt hochziehen.

Ihre aggressive Passivität weist nicht nur über die übliche Formel einer Meldung hinaus, sondern schafft einen Abgrund in den konformen Oberflächen. Diese kurzen Abrisse bauen Fenster, durch die wir in die Welt schauen können, die Gesellschaft und ihren grotesken Verschleiß, die Menschenseele und ihre unbekümmerte oder bekümmerte Tragik.

„Orangen (260.000 Kilo) warten auf dem Bahnhofskai von Cerbère darauf, dass Händler und Rücken sich einig werden.“

„Angezündet von ihrem fünfjährigen Sohn ist eine Leuchtrakete in den Röcken von Madame Roger in Clichy explodiert: die dort entstandenen Verwüstungen sind beträchtlich.“

Der hochintelligente Fénéon nahm eine alltägliche Maske und kratze solange daran herum, bis sie als Maske erkennbar wurde – und stellte dann menschliche Schicksal dar, in dem er sich alltäglichen Leuten aufsetzte und ihre Handlungen zu makabren Auftritten formte.

Die 127 Dramolette dieses Bandes bilden ungefähr nur ein Zehntel der in der Zeitung veröffentlichten Texte, die Fénéon täglich schrieb und nie aufbewahrte und die nur dank seiner Geliebten, Camille Plateel, überlebten, die sie täglich aus der Zeitung ausschnitt.

Lesen lassen sie sich bis heute mit nachdenklichem Ansatz, aber auch zum Vergnügen.

„Harold Bauer und Casales geben heute, in San Sebastian, ein Konzert. Außerdem werden sie sich vielleicht auch noch duellieren.“