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Fulminantes Debüt


9783835337305l Wann ist ihnen das das letzte Mal passiert: dass sie das Gefühl hatten, ein Buch bringt ihnen das Lesen ganz neu bei, zeigt ihnen ohne Unterlass, dass Sprache nicht nur ein Informationsmedium, sondern ein Gefüge, eine Komposition, ein Spielplatz, kurzum: eine gänzlich eigenständige Erfahrung ist. Falls eine solche Begegnung ein Weilchen her sein sollte, empfehle ich sehr, dass sie sich Leander Fischers Debütroman „Die Forelle“ zulegen.

In diesem Roman geht es, auf der Handlungseben, um zwei große Fs: Fliegenfischen und Freundschaft (bzw. Feindschaft). Aber es ist auch ein (Anti-)Provinzroman und eine Auseinandersetzung mit österreichischer Geschichte vom 2. Weltkrieg bis in die frühen 90er Jahre (und einer Darstellung der Mentalitäten, die aus diesen beiden Schauplätzen ergeben). Es ist eine Erzählung über das unerfüllte Leben, Intrigen und die Distanz (sowie Nähe) zwischen Mensch(engeschaffenem) und der Natur.

Das Fliegenfischen, also die Praxis, den Fisch mithilfe von naturgetreuen Nachbildungen von Beuteinsekten zu fangen, ohne ihn jedoch durch einen Widerhaken zu verletzten (stattdessen wird er wieder freigelassen) und die Freundschaft, die Praxis des Menschen, sich im Bestreben nach Gemeinschaft/Harmonie mit Menschen zu umgeben, die einen verstehen und mit denen man etwas teilen kann, wodurch eine Nähe entsteht, die einen wiederum anfällig macht für Verletzungen und in der man dem freien Willen des anderen ein Stück weit mehr ausgeliefert ist – vor dem Hintergrund dieser beiden Komplexe und ihrer breiten Potenziale, bewegt sich Fischers Werk.

Es sollte natürlich ehrlicher Weise gesagt werden, dass „Die Forelle“ kein handelsüblicher Page-Turner ist. Fischer entspinnt ein Narrativ, das die Leser*innen in die Leerräume zwischen die Zeilen schickt, damit sie als verbindendes Element agieren. Seine Prosa schweift ab, verliebt sich in Bilder, Anklänge, ergeht sich hier und da in Wortspielen, macht Sprünge, bewegt sich auf mehreren Ebenen – seine Art des Erzählens fügt nicht alles zusammen, sondern muss aktiv nachvollzogen, interpretiert werden, an manchen Stellen fast wie ein Gedicht. Wer sich den Akt der Partizipation, des Mitspielens, zu eigen macht, wird allerdings belohnt mit einer schier unerschöpflichen Lektüre.

Viele Referenzen könnten an dieser Stelle genannt werden, bei wenigen belasse ich es: im Bezug aufs Fliegenfischen (man denke an Robert Redfords Film „In der Mitte entspringt der Fluss“, aber auch Paulus Hochgatters Novelle „Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen“ oder Ernest Hemingways schwebende Erzählung „Großer doppelherziger Strom I+II), aber auch im Bezug auf Fischers Stil und Ästhetik, die beeinflusst sind von den Werken Thomas Pynchons, William Faulkners, Claude Simons, Valeria Luisellis und anderer moderner bis postmoderner Autor*innen.

Fazit: Sie werden vielleicht ein bisschen brauchen, um in den Roman hineinzufinden. Aber dann werden sie kaum wieder herausfinden – schnappend nach jedem Glänzen in den Strömungen, Kreiseln und Wellen von Fischers Sprache, und kaum, dass sie etwas zu fassen bekommen, werden sie wiederrum hineingeworfen, tauchen wieder ein in den Strom dieser erstaunlichen, widerspenstigen, genüsslichen und überbordenden Prosa, die für mich zu den großen Entdeckungen des Jahres gehört.

Zu Paulus Hochgatterers “Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen”


In den frühen Morgenstunden des 11. September begeben sich drei Männer, alle Psychoanalytiker, auf einen Trip zum Fliegenfischen. Es gibt einen Hünen mit schlagfertig-trockener Souveränität, einen Ich-Erzähler, der uns seine Wahrnehmungswelt ungefiltert aufdrückt und einen neurotischen “Besserwisserlangweiler”. Ein Hauptteil der Handlung ist die Autofahrt und das Gespräch währenddessen, der andere das Fliegenfischen und die Ereignisse und Gespräche währenddessen, alles auf 112 in großer Schrift bedruckten Seiten.

Hochgatterer arbeitet vor allem mit zwei Motiven: Gesprächskultur unter Männern und den Wahrnehmungsabdrücken seines Protagonisten. Ersteres trägt das Buch ganz gut. Die Figuren haben schnell eine eingespielte Gesprächsdynamik, man kommt im Rahmen von Lebenswelt und Berufsfeld von Hölzchen auf Stöckchen, es werden Behauptungen aufgestellt, die mit Mixturen aus fabulierenden Irrwitz und metaphysischer Aufwertung eingefärbt werden; es gibt subtile Anklänge ans Innenleben und kleinen Fetzen von Alltag schieben sich zwischen die losgelöste Stimmung des Ausflugs. Zwar wirkt das Personalsetting mit den drei Psychoanalytikern ein wenig aufgesetzt, aber letztlich greift dank der Unaufgeregtheit, mit der die Konstellation interagiert und ihre Themen findet, eine geradezu natürliche Authentizität. Die Figuren fangen an zu einem freieren Wesen zu finden, nicht nur eine Konstruktion des Autors zum Zweck einer Geschichte zu sein.

Die Wahrnehmungsabdrücke des Ich-Erzählers stellen sich wiederum als sehr problematisch dar. Während sie als Kommentar und weiterentwickelte Gedanken zu den Gesprächen noch funktionieren können, aber auch oftmals plump eine Tiefe in der Figur wachzurufen versuchen, so sind seine Eindrücke während des zweiten Fliegenfischen-Teils nicht nur sonderbar und schwer einzuordnen, sondern vor allem so gut wie überflüssig. Da wird Obsession gespielt, mit verborgenen Sehnsüchten, aber so asthmatisch, einförmig, direkt, dass bei mir keinerlei Zugang entstehen konnte.

Insgesamt ist die unterschwellige Bedeutungsebene in Hochgatterers Buch mir ein kleines Rätsel geblieben. Man vermutet eine solche Ebene, immerhin haben wir hier Psychoanalytiker, wir haben ein bedeutsames Datum, wir haben existenzialistische Backcovertexte am Buch und geradezu archaische Anknüpfungen darin, aber das alles geht für mich nicht ganz auf, der Unterbau wird nicht sichtbar. Richtig gut ist die Erzählung an den Stellen, wo die drei Figuren in einer nicht unweigerlich zu transzendierende Situation miteinander reden. Dann gelingt vor dem Hintergrund eines Konfliktes, einer Aussage, der Blick in die Fassadenwelt des Menschen und seinen Wunsch, weite Wege darin zu finden, die man problemlos gehen kann. Mehr hätte dieses Buch nicht gebraucht, um gut zu sein. Die verschiedenen sonstigen Ansätze drängen das Buch in die Kategorie der gebärdigen, auf Bedeutsamkeit pochenden Bachmannpreisprosa-Attitüde, die oftmals nur manierlich wirkt und nicht elementar oder gelungen. Vielleicht müsste man die Geschichte mehrmals lesen um auf den bedeutungsschwangeren Kern zu stoßen. Aber Lust auf diese Arbeit macht einem die Auswärtigkeit dieses möglichen Kerns nicht.