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George Orwells Bericht “Mein Katalonien”


“Ich war nach Spanien gekommen, um Zeitungsartikel zu schreiben. Aber ich war fast sofort in die Miliz eingetreten, denn bei der damaligen Lage schien es das einzig Denkbare zu sein, was man tun konnte. […] Man hatte den Japanern erlaubt, in der Mandschurei zu tun, was sie wollten. Hitler war zur Macht gekommen und fuhr fort, die politischen Gegner aller Schattierungen zu massakrieren. Mussolini hatte die Abessinier bombardiert, während dreiundfünfzig Nationen abseits standen und fromme Sprüche von sich gaben. Aber als Franco versuchte, eine gemäßigt links orientierte Regierung zu stürzen, lehnten sich entgegen allen Erwartungen die spanischen Menschen gegen ihn auf. Es schien die Wende der Flut.”

Fast vier Monate lang blieb George Orwell in der katalonischen Miliz, bei einer Abteilung der anarchistisch-sozialistischen Arbeiterbewegung, erlebte die Front, das Lazarett und zuletzt die Straßenkämpfe, politischen Verwicklungen und Propagandaschlachten in Barcelona. Seine Schilderungen und Analysen zu letzterem bilden das wirkliche Kernstück dieses Buches und sind sein großer Verdienst, bis heute.

“Es war nämlich vor allen Dingen ein politischer Krieg. Kein Ereignis, besonders aus den ersten Jahren, ist verständlich, ohne eine Gewisse Kenntnis von dem Kampf zwischen den Parteien, der sich hinter der Frontlinie der Regierungsseite abspielte.”

Der spanische Bürgerkrieg wird in der historischen Betrachtung meist leichtfertig zusammengefasst als Kampf von Demokratie gegen Faschismus, als ein Aufbegehren von liberalen, kommunistischen, sozialistischen, demokratischen Elementen gegen die Flut des Totalitarismus. Aber gerade der ideologische Kampf auf Seiten der republikanischen Seite, der (zumindest in Katalonien) einen Bürgerkrieg in sich darstellt, wird dabei gerne verschwiegen; es wird gerne ausgespart, dass im republikanischen Spanien der Jahre 1937-38 eine der größten kommunistischen Säuberungsaktionen des 20. Jahrhunderts stattfand und einige anarchistische Arbeiterschaft-Verbände mit Terror und Willkür unterdrückt wurden.

Orwell kam im Dezember 1936 nach Barcelona, das Buch erschien 1938, noch bevor der Krieg beendet war. Es ist daher kein umfangreicher Bericht über den Bürgerkrieg selbst und auch keine Analyse des Kriegsverlaufes. Es ist ein persönlicher Erlebnisbericht aus dem Räderwerk des Bürgerkriegs, nicht nur des Fronteinsatzes, sondern vor allen Dingen der politischen Prozesse, die währenddessen abliefen.

Als Orwell nach Barcelona kommt, hat die Arbeiterschaft dort eine fast perfekte sozialistische Utopie umgesetzt. Es gibt keine Unterschiede in Sold und Gehalt mehr, alles liegt in den Händen der Arbeiter. Er tritt der anarchistischen Arbeitermiliz P.O.U.M. bei und geht an die Front. Als er ein paar Monate später zurückkehrt, haben sich sowohl die realpolitischen Verhältnisse geändert, wie auch die gesellschaftlichen. Alles war wieder zum bourgeoisen Standard zurückgekehrt. Orwell zog die richtigen Schlüsse und erkannte früh, was ein Problem des 20. Jahrhunderts war und ein Erbe geworden ist, das das 21. Jahrhundert weiterhin mitträgt:

“Im Namen der Demokratie gegen den Faschismus zu kämpfen, heißt, im Namen einer Form des Kapitalismus gegen eine andere zu kämpfen, die sich zu jeder Zeit in die erste verwandeln kann. Die einzig wirkliche Alternative zum Faschismus ist die Kontrolle durch die Arbeiter. Wer sich irgendein kleineres Ziel als dieses setzt, wird entweder Franco den Sieg aushändigen oder im besten Falle den Faschismus durch die Hintertür hereinlassen.”

Der Kapitalismus und die staatliche Gewalt sind, wie Orwell aufzeigt, die wesentlichen Probleme und die wesentliche Unterdrückung der menschlichen Gesellschaft. Später wurden die Arbeiterverbände nicht nur aus der Regierung gedrängt, sondern vollständig aufgerieben, verhaftet, in Kerkern zum dahinvegetieren verdammt oder insgeheim erschossen. Die linke Presse in aller Welt druckte damals munter die kommunistische Propagandalüge, dass alle Mitglieder der Anarchisten geheime Handlanger Francos sein – eine Behauptung die nicht falscher sein konnte, lagen doch zum größten Teil Mitglieder der anarchistischen Miliz zu der Zeit an der Front und hielten sie.

“Als eine der traurigsten Wirkungen dieses Krieges erkannte ich, dass die Presse der Linken bis ins kleinste genauso falsch und unehrlich ist wie die der Rechten. […] Das ist in allen Kriegen immer dasselbe. Die Soldaten kämpfen, die Journalisten schreiben. […] In Wirklichkeit unterliegt jeder Krieg mit jedem Monat, den er länger dauert, einer gewissen sich steigernden Entartung. Begriffe wie individuelle Freiheit und wahrhaftige Presse können einfach nicht mit dem militärischen Nutzeffekt konkurrieren.”

Orwells Buch ist ein verdammt wichtiges Dokument und eine Lektion in Antipropaganda und wider der historischen Geschichtsschreibung, die sich der Wirkungen verpflichtet sieht und nicht der Ursprünge und der Schicksale, Tatsachen und Ideen, die auf der Strecke bleiben. Es ist kein besonders spannendes Werk, teilweise auch nicht gerade großartig geschrieben, aber in seiner unaufgeregten und völlig unheischenden Dimension gewinnt es einen Grad an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit für sich, der mich sehr beeindruckt hat. Orwell schreibt am Ende, dass man seine Ausführungen kritisch hinterfragen soll und er meint es völlig Ernst. Und doch öffnet er einem mit dem Buch eine Sicht auf ein völlig verstelltes Kapitel des spanischen Bürgerkriegs und des zivilen und gesellschaftlichen Kampfes im 20. Jahrhundert. Und legt den Finger auf eine Frage, dessen Antwort weiterhin auf sich warten lässt: Wie kann man gewährleisten, dass die Interessen von allen in einem staatlichen Konzept gehört und bedacht werden?

Dichter mit der Virtuosität des Himmels – Einblick in Federico Garcia Lorcas Gedichte in drei Kapiteln


I – Dichtung vom Cante Jondo

“In dem gelben
Turm der Kirche
läutet eine Glocke.

Auf dem gelben
Winde öffnen
sich weit die Glockentöne.

In dem gelben
Turm der Kirche
höret auf die Glocke.

Der Wind macht aus dem Staube
verwehnde Silberbüge.”

Federico Garcia Lorca gehörte zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Überschattet werden seine beinah universellen Kompetenzen auf den Gebieten des Dramas und der Lyrik (man könnte ihn von ungefähr mit Bertolt Brecht vergleichen, suchte man ein deutsches Äquivalent) jedoch bis heute durch seinen dramatischen Tod (1936, ermordet durch die Guardia Zivil von Franco) und die Fixierung der Nachwelt auf einige wenige Werke – im Drama seine sehr späten sozial-kritischen Stücke, in der Lyrik seine surrealen Exzesse aus Dichter in New York.

Dabei gehört meiner Meinung nach Garcia Lorcas lyrisches Gesamtwerk, von den frühen Romanzen, bis zu den New York-Gedichten, zu den schönsten und innovativsten Poesie-Werken überhaupt. Es ist von magischer Vollkommenheit und verbindet Romantik, Avantgarde und Symbolismus auf ganz eigene, zwischen Melancholie und Erhebung, Glanz und Gloria zerrissene, Weise.

“Die Nacht verdichtet sich wie hundertjähriger Wein. Im Morgengrauen öffnet die große Schlange des Südens ihre Augen, und die Schläfer haben ein unendliches Verlangen…”

“Dichtung von Cante Jondo” gehört zu den frühen Gedichtwerken. Unmittelbarkeit, Minimalismus und manifestierende Metaphern (siehe oben: Hundertjähriger Wein) prägen das ruhige Bild dieser Verse; auch das dieser Rezension vorrangstellte Gedicht wurde von Lorca mit der Anmerkung “im tiefsten Gitarrenbass” versehen.

II – Dichter in New York

“Auf der Terrasse kämpft’ ich mit dem Monde.
Schwärme von Fenstern durchlöcherten einen Schenkel der Nacht.
Aus meinen Augen tranken des Himmels sanft Kühe.
Und an des Broadways Fensterscheiben, grau wie Asche, klopften
die Brisen mit sehr langen Schwingen.”

Viele Facetten hat das Werk „Dichter in New York“ und ich möchte nicht zu weit ausholen, auch wenn es viel zu diesem Werk zu sagen gäbe, da die Verstörung und Begeisterung, die es wie einen Schmetterling, der einen Orkan beschwört, erscheinen lässt, letztlich verraucht, schwer mittelbar ist.

Surreale und paradierende Gänge sind es, die Garcia Lorca, gleich einem rollenden Augenapfel in einem Ungeheuer von Stadt (dem Big apple) niederschreibt, ausufernd und doch immer so nah an einem festen Eindruck, dass surreal schon fast wieder zu einfach gegriffen ist. Es sind Poetisierungen, aber voller Winkel, in denen sich viel wirklicher Schmutz ansammelt und verschmiert.

Der wichtigste Punkt, zu dem Ich hier noch etwas mit einbringen will, ist der der Übersetzung. Wer also gerne inhaltlich beraten werden will, den verweise ich auf die gesetzten Textbeispiele.

“Ich.
Es gibt kein neues Zeitalter, kein neues Licht.
Nur ein azurnes Pferd und einen Morgenanbruch.”

Ich habe “Dichter in New York” in der alten Übertragung von Enrique Becks gelesen (so noch zu finden in der hervorragenden Werkausgabe in drei Bänden und der handlichen Insel-Ausgabe der Gedichte, außerdem natürlich in der Suhrkamp-Bibliothekfassung von Dichter in New York. Da ich des Spanischen nicht mächtig bin, mag meine Stimme wahrscheinlich (zu Recht) kaum Gewicht in dieser Debatte haben, doch möchte ich trotzdem hier einmal leise gegen die Kritik an Becks Übersetzung protestieren.
Schon immer sind Neuübersetzungen großer Werke mit abschätzigen Bemerkungen gegen die alten Übersetzungen einhergegangen. Bei Hemingway, bei Dostojewski, bei Rimbaud, Baudelaire undundnund… vielleicht nicht immer zu Unrecht. Doch man sollte mittlerweile vorsichtig sein, es pauschal zu tun.

“Das Heulen
ist eine lange violette Zunge, welche hinterlässt
Entsetzensameisen und Liliensaft.”

Im Mittelpunkt steht beim Übersetzen/Übertragen immer die gleiche Problematik: Wortgetreu und stil-nah übersetzen oder versuchen Intention und Aussage des Künstlers in die eigene Sprache zu transferieren – was nicht das Gleiche ist, wenn auch manchmal beides geht, ohne eines zu vernachlässigen!

Viele Übersetzer wählen den Mittelweg und fahren gut damit. Wenn der Übersetzer selber ein Dichter ist, wird er zwangsläufig versuchen, die poetische Nuance, das besondere Fluidum des Gedichts zu retten, ganz egal, ob das durch die erste oder zweite Variante geschieht.
Übersetzen ist auch eine eigene Kunstform und fast schon die Schaffung eines neuen Werkes. Deswegen ist es auch bei diesem Genre oft so wichtig zwischen Übertragung und Übersetzung zu unterscheiden. Was Enrique Beck gemacht hat, ist sicherlich eine Übertragung (so steht’s auch in meinem Band), die sich auch noch etwas an seiner Vorstellung von “poetisch” orientiert haben wird, die zugegeben etwas zu sehr an diesem Wort hängen mag und deren heute als zu erhaben angesehene Geste. Aber: zu behaupten die neue Übersetzung sei garantiert mehr im Sinne von Lorca gewesen, dass halte ich für sehr vermessen (die Toten zu rekrutieren ist an sich fragwürdig). Lorca hätte nie auf Deutsch geschrieben, von daher ist es wider dem Sinn, dass irgendeine deutsche Fassung von sich behaupten kann, die einzig getreue Übersetzung zu sein. Übersetzen ist interpretieren. Lyrik ist Spiegel. Zu behaupten in einen Spiegel müsse man so sehen, dass das richtige heraussieht …

Jedoch: Natürlich muss die Übersetzung mit der Zeit gehen und neue Übersetzungen will ich daher auch nicht hinter die alten stellen, ganz im Gegenteil. Solange aber Becks Dichtungen mir das Gefühl geben, die Schreie zu bemerken und die Klagen dieses Werkes zu verstehen, kann ich sie nicht als unzureichend oder ungemäß ansehen – und ob die nüchterne, neue Version jetzt so sehr der spanischen Sprachwirksamkeit entgegenkommt, wo die deutsche Sprache eine ganz andere hat, will ich auch noch mal still bezweifeln.

“Gleich sah man, dass der Mond
ein Pferdeschädel und die Luft
ein dunkler Apfel war.”

“Die Nacht hat’ einen Spalt
und ruhige Salamander, elfenbeinern.
Es trugen die amerikanischen Mädchen
Kinder im Bauch und Münzen…”

Soviel zu der Übersetzung. Hiernach kann ich nur noch mal sagen, dass, ganz egal in welcher Übersetzung, dieses Buch eine surreale, kantige, buntblutige Freude ist, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie ist die Krönung eines großen dichterischen Werkes und als solche schon von unermesslichem Reichtum, aber durch ihre unnachahmliche Kraft und Schönheit, weiß sie das auch jedem einzugeben.

“Ich strauchle schwankend durch die harte, feste Ewigkeit
und Liebe endlich ohne Morgengrauen. Liebe. Sichtbare Liebe!”

“und wer den Tod da fürchtet, trägt ihn auf den Schultern”

III – Diwan des Tamarit

“Niemand hatte je den Duft erfahren
von deines Bauches dunkler Magnolie.
Niemand wusste, dass ein Liebeskolibri
du zwischen deinen Zähnen hast gemartert.”

Die letzten Dichtungen Federico Garcia Lorcas weisen ihn noch einmal als einen großen Sprachmagier und elementaren Dichter aus. Bedrückende Verse, doch voller Schönheit.

Diwan des Tamarit musste postum veröffentlicht werden, ebenso wie die über Jahre nicht vollendeten Sonette der dunklen Liebe, zu denen der Diwan quasi gehört.

“Tausend kleine Perserpferdchen schliefen
auf dem Mondesplatz deiner Stirne.
während ich vier Nächte deine Hüften,
Feindinnen des Schnees, umschlungen habe.”

Unerklärliche Trauer, Lust und nahe Dunkelheit – der Einband in Lila und Schwarz von Suhrkamp wirft es voraus – sind die zentralen Themen dieser Gesänge und Betrachtungen, die scheinbar von Lorca teilweise nach altindischer Form geplant waren; zumindest tragen einige der Werke Titel wie “Gasel von der unvermuteten Liebe” oder “Kasside von der Wehklage”, beides altindische Gedichtformen.

“Ich habe meinen Balkon geschlossen,
weil ich nicht hören will die Klage,
doch hinter dem grauen Gemäuer
hört man nichts anderes als die Klage.”

Lorca lyrisches Gesamtwerk ist beeindruckend, aber wie bei Brecht und seinen Buckower Elegien, ist dies letzte Werk auch bei Lorca, dieser letzte Federstrich, das Anrührenste unter allen, obwohl die Thematik manchmal eher abgründig und abweisend wirken kann. Sprachlich ist dies Werk jedoch so vollkommen, so mündend wie ein Fluss, dass vielleicht der Inhalt sogar letztlich zurückstehen muss, hinter so viel unbedachter Schönheit.

“Ich will, dass das Wasser bleibt ohne Flussbett.
Ich will, dass der Wind bleibt ohne Täler.”

“Nada”


“Die ersten Straßenbahnen nahmen ihre Fahrt durch die Stadt auf, ihr Gebimmel drang gedämpft durch die geschlossenen Fenster zu mir, wie damals im Sommer, als ich sieben war und zum letzten Mal zu Besuch bei den Großeltern. Eindrücke stellten sich ein, zwar schemenhaft, doch so lebendig, als brächte sie der Duft von einer frisch gepflückten Frucht. Eindrücke aus dem Barcelona meiner Erinnerung.”

Carmen Laforet gehört sicherlich zu den weniger spektakulären Autoren des 20. Jahrhunderts, in Spanien allerdings ist sie bis heute eine der wichtigsten Erzählerinnen in und nach der Franco-Diktatur. Nada, geschrieben im Alter von 19 Jahren, ist ihr Debütroman und erschien 1944, am Ende des zweiten Weltkriegs. In ihm hat sie, sagen manche, die drückende Atmosphäre des spanischen Lebens unter Franco beschrieben, andere wiederum schreiben dem Roman alleinige autobiographische Intentionen zu.

Aber, wie der Titel schon sagt, das ist Nada, “Nichts”, das sind Schemata, wie sie jeder Roman alleine schon für einen Klappentext oder einen kritischen Ansatz, über sich ergehen lassen muss. Romanleser wissen dagegen, dass man keinen (guten) Roman letztendlich festlegen kann, auf keine einzelne Thematik und kein theoretisches Resümee. Ein guter Roman ist ein vielschichtiger Roman, der auf jeder neuen Seite Einblicke bietet und seine Geschichte nie einseitig werden lässt (Ausnahmen bestätigen die Regel) – was wären all die großen Romane, wenn man aus Ihnen nur ziehen könnte, was man auch allgemein über sie sagen kann.

Gerade wenn wir etwas nicht definieren können, bemerkte Borges klug, wissen wir sehr viel darüber, weil wir dann die Facetten bemerken und mit der Zeit bei der Lektüre etwas entstehen kann, ein Verhältnis zwischen Leser und Buch, das größer ist, als alle seine plastischen Elemente. Und wegen dieser Momente, wegen der kleinen sprachlichen Verblüffungen und Einzigartigkeiten, wegen der einzelnen, tiefgreifenden Szenen und eben dem Gemälde, dass sich geradezu unnachgiebig und ungreifbar in den Stimmungen ergibt, sollte man Romane lesen, die großen Romane der Weltliteratur.

Nada ist ein Roman, der dazugezählt werden kann. Es passiert nicht viel darin, eigentlich passiert sogar fast schon extrem wenig darin, oder doch zumindest wenig, was das Anfangssetting noch sprengt, das nach 40 Seiten bereits aufgebaut ist.

Im Zentrum des Buches steht das Mädchen Andrea und eine Wohnung in der Calle de Aribau, die Andreas Großmutter einst kaufte, als diese noch mitsamt der Straße in den Randbezirken von Barcelona lag und die jetzt, 50 Jahre danach, mittendrin in der Stadt liegt. Andrea, 18 Jahre alt, kommt aus den ländlichen Gegenden Nordspaniens in die Stadt, um in Barcelona Literatur zu studieren.

Als sie 7 war ist sie zuletzt dort und alles hat sich sehr verändert. Die Großmutter ist senil geworden, die Wohnung quillt über von alten Möbeln im muffigem Stadium des Verschleißes und die beiden schwierigen Onkel von Andrea, Román und Juan, leben wieder bei ihrer Mutter: Juan zusammen mit seiner scheinbar lasterhaften Frau und Román in einer Mansarde über der Wohnung.
Die beiden sind sich spinnefeind – warum, das ist ein ewiges, unverständliches Geheimnis.

Einer der Kernsätze des Buches (“Zum ersten Mal überkam mich das dunkle Gefühl, das Interesse und Wertschätzung für jemanden nicht immer zusammengehören”) gibt ganz gut vor in welchen Welten die Konflikte der Familie und auch der anderen Figuren angesiedelt sind: In der Welt zwischen versuchter Zuneigung und der Faszination, der menschlichen Schwäche für das Andere, das Dunkle, Aufregende..

Andrea, die mit Hoffnungen auf Freiheit, Liebe, Selbstbestimmung und Glück nach Barcelona aufgebrochen war, bemerkt schnell, dass es in einem solchen Umfeld in ihrer Zeit in der Calle de Aribau nicht darum gehen wird, endlich über das Leben und ihr eigenes Mauerblümchenwesen zu triumphieren – nein, sie muss diese Zeit, die für sie auch wegen ihres Eintritts ins Erwachsenenalter eine eh schon schwierige und ambivalente ist, einfach nur überstehen – es gelten die Zeilen, die eines der bekanntesten Rilke-Gedichte beenden: “Wer spricht von Siegen/ Übersteh’n ist alles.”

“Oft muss ich an die Nächte in der Calle de Aribau denken zurückdenken. Diese Nächte, die wie ein schwarzer Fluss unter den Brücken der Tage vorüber zogen und faulen, gespenstischen Dunst verströmten.
Ich erinnere mich an die ersten Herbstnächte, die ersten Vorboten der Unrast, die sie entfachten. An die Winternächte mit ihrer klammen Schwermut: das Ächzen eines Stuhls, das mich aus dem Schlaf aufschreckte, und der Schauer, wenn sich zwei leuchtende Augen – die der Katze – in meine bohrten. In diesen eisigen Stunden gab es Augenblicke, in denen das Leben seine Scham abgelegte und ganz nackt vor mir stand, um sich eine Herzensqual von der Seele zu schreien, die für mich nur entsetzlich war. Eine Qual, die der Morgen schnell wegwischte, als hätte sie nie existiert. Dann kamen die Sommernächte. Laue, behäbige Mittelmeernächte über Barcelona, schwer vom goldenen Saft des Mondes und dem feuchten Duft der Meerjungfrauen, die sich ihre Wasserhaare über den weißen Rücken und dem goldenen Schuppenschwanz kämmten. In manchen warmen Nächten steigerte der Hunger, die Traurigkeit und die Energie der Jugend die Ohnmacht meiner Gefühle bis hin zu einem körperlichen Bedürfnis nach Zärtlichkeit, wie es gierig und staubig die ausgedörrte Erde fühlt, die ein Gewitter nahen spürt.”

Auf dem Buchrücken steht, dass das Buch existenzialistisch sei und in gewissem Sinne stimmt das auch. Es ist ein Roman, der mehr durch die Existenz- und Augenblicksängste und durch die vielen Stimmungen von Andrea lebt, als durch die Handlung. Die Handlung ist die Welt und die ist so wie sie ist, voller Vergeblichkeit, Alltag und minderguten/minderschlechten Überraschungen, in scheinbar immer gleichen Kreisen. Aber das wirkliche Chaos, der wirkliche Kampf des Lebens findet in Andrea und findet in der Sprache des Buches statt, in den kleinen Ausbrüchen von inneren Gefühlen und darin getränkten Beschreibungen. Im Kern zeigt uns der Roman eine existenzielle Erfahrung, wie sie eines Camus würdig gewesen wäre: die Erkenntnis, dass das eigene Leben ein Zirkel ist, den wir nicht aus seiner Verankerung reißen könne, so heftig wir auch ziehen, träumen, leben, soweit wir uns auch spannen. Wir bestimmen die Form und Größe unserer Kreise, aber nicht den Ausgangspunkt, der wir einfach sind, in einer Welt, die wir begehen müssen, weil sie unseren Weg enthält – weil sie unsere Existenz, wie sie ist, enthält. Eine Existenz voller Angst, Wünsche, Freuden und Glück enthält. Unsere einzige Existenz, fern aller anderen.

“Ich sah zu, wie der böige Wind dicht über die Erde fegte und den Staub und das Laub in einer Art Totentanz der Dinge aufwirbeln ließ.”

Nada ist ein außergewöhnlicher Roman, ein Kunstwerk der kargen, dann wieder der überwältigenden Sprache. Gerade weil man immer direkt beim Geschehen ist, möchte man das Buch am liebsten in einem Ruck durchlesen; es entsteht ein ungeheuer, lebensechter Sog. Viele Romane sind gewiss umfangreicher, detaillierter, versierter als dieser, aber diesen Sog, diesen ständigen Puls von echtem Leben – ihn findet man selten.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.