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Zu Sylvia Plaths: Die Glasglocke


  „Ich schloß die Augen.
Es trat eine kurze Stille ein, wie ein Atemanhalten.
Dann kam etwas über mich, packe und schüttelte mich, als ginge die Welt unter. Wii-ii-ii-ii-ii schrillte es durch blau flackerndes Licht, und bei jedem Blitz durchfuhr mich ein gewaltiger Ruck, bis ich glaubte, mir würden die Knochen brechen und das Mark würde mir herausgequetscht wie aus einer zerfaserten Pflanze.
Ich fragte mich, was ich Schreckliches getan hatte.“

So erlebt Sylvia Plaths Protagonistin Esther Greenwood ihre erste Elektroschocktherapie in einer besseren Irrenanstalt. Sie ist vom Leben abgeschnitten und war es schon vorher, als sie noch im Getümmel von New York als Stipendiatin lebte. Schon dort fühlt sie sich wie unter einer Glasglocke gefangen, die in einem eintönigen Leben vor sich hin schaukelt, ohne einen echten, tiefen Ton hervorzubringen. Ehe oder Karriere als Dichterin? Esther ist begabt, sie ist klug und eigentlich auch rebellisch. Aber sie leidet unter den Verunsicherungen, die die moderne Welt für uns alle bereithält, sie leidet an den Fragen und Meinungen, zwischen denen sie aufgerieben wird; sie ist wie der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er vor dem Fressen herausfinden will, unter welchem Haufen jenes Ding namens Glück liegt.

Sylvia Plaths einziger Roman ist die Geschichte einer fortschreitenden Entfremdung, eines Gefangenseins und des Kampfes dagegen. Die Protagonistin ahnt, dass sie in der Welt und den gesellschaftlichen Konventionen gefangen ist, aber sie ist sich nicht ganz sicher, ob sie nicht doch in ihrer Persönlichkeit, ihrem Körper gefangen ist. Befreiung? Kommt die mit der Liebe, dem Sex, der Selbstverantwortung, dem Zerschlagen der Illusionen, der zynischen Weltsicht, dem Verweigern, dem erhaben sein über die Dinge und Menschen? Esther probiert alles aus, halbherzig meist. Die Rückschläge verstärken die Entfremdung. Es ist, als wäre die Welt nicht für sie gebaut. Oder sie nicht für die Welt. Wo liegt die Dysfunktion: im Apparat oder in dem, der ihn bedient?

„Ich wusste genau, dass die Autos Geräusche machten, auch die Menschen in ihnen und hinter den erleuchteten Fenstern in den Häusern machten Geräusche, und der Fluß machte Geräusche, aber ich konnte nichts hören. Flach wie ein Plakat hing die Welt in meinem Fenster, glitzernd und funkelnd, aber was ihren Nutzen für mich anging, so hätte sie nicht da zu sein brauchen.“

Plaths Roman ist eine schwer zu verdauende Wucht; sprachlich kann er immer wieder mit sehr gelungenen Bildern aufwarten, die oft einen bestimmten Moment (und die Schatten, Gedanken, die er aufwirft) perfekt einfangen. Als Lesende/r ist man wie gefangen in Esthers Gedanken und Versuchen, man wird Teil der um sich kreisenden Psyche.

Und doch: streng genommen fehlt dem Roman etwas: eine Story. Schnell merkt man beim Lesen, dass es der Autorin um die Auslotung und Vervollständigung von Esthers Unsicherheit, ihres Lebensleides, ihres euphorischen Überdrusses ging und nicht darum, eine Geschichte über sie zu erzählen. Das macht das Buch sprachlich nicht weniger eindrucksvoll und die Erfahrungen darin nicht weniger zwingend und in ihren Zuspitzungen epiphanisch und erschreckend. Esther kreist um sich selbst, sie kann gar nichts anderes sein als eine Protagonistin ihres eigenen Kummers, ihrer eigenen Weltgeworfenheit. Denn diese Weltgeworfenheit ist das Thema des Buches und sie ist kaum irgendwo so deutlich geschildert und verdichtet worden.

Obwohl ich selten ein Buch so bewerben würde, es ist tatsächlich die beste Art, seine Bedeutung hervorzuheben: es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte. Um Gefühlswelten besser zu verstehen. Um zu begreifen, dass Enge vorherrscht, wo man sie nicht vermutet. Dass Wahnsinn nicht unbedingt im Geist des einen, sondern im Leben der vielen liegen kann. Und Angst zwar etwas Irrationales ist, aber wie einen Unterschied machen, wenn auch die Welt – und was sie für einen bereithält – einem irrational erscheint?

„Mir fiel auch ein, wie Buddy Willard einmal in düster wissendem Ton gesagt hatte, wenn ich erst Kinder hätte, würde ich anders denken, dann würde ich keine Gedichte mehr schreiben wollen. Deshalb überlegte ich mir, dass es vielleicht wahr sei, dass Heiraten und Kinderkriegen wie eine Gehirnwäsche war und dass man nachher nur noch benebelt herumlief, wie ein Sklave in einem totalitären Privatstaat.“

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Ein Volltreffer: Dagrun Hintzes Fußballbuch “Ballbesitz”


  “Die Feststellung, dass Fußball eine größere Nähe zu den Dionysien der griechischen Antike aufweist als die meisten Theateraufführungen, die ich besuche, mag eine Plattitüde sein, zutreffend ist sie dennoch. An der Ekstase teilhaben zu können setzt allerdings zwei Dinge voraus: Wissen und Berührtsein. […] Man muss sich schon emotional und intellektuell darauf einlassen, will man etwas erfahren. Eine Meinung zu entwickeln, die eine echte Meinung ist und nicht nur Gedöns, setzt Kenntnis und Vertiefung voraus.“

Bisher gab es für mich zwei Bücher, die das Gefühl der Begeisterung für den Fußball perfekt eingefangen haben. Zum einen ist da der Klassiker des Genres, Nick Hornbys wunderbares Meisterwerk „Feverpitch“, dem ich wunderbare Stunden des Lesens und Wiederlesens verdanke und außerdem die Erkenntnis, dass man anhand verschiedenster Narrative eine Entwicklungs- und Lebensgeschichte erzählen kann und dass auch der Fußball ein solches Narrativ ist. Das zweite Buch sind die Fußballgeschichten von Frank Goosen in „Weil Samstag ist“, ein paar wunderbare Szenen und Paradebeispiele, schnoddrig und geerdet, mit einem ganz eigenen Charme.

In letzter Zeit sind mir einige weitere Bücher zu dem Thema begegnet, zum Beispiel Eduardo Galeanos „Der Ball ist rund“ und „Alle unsere frühen Schlachten“ von Javier Marías, die beide mit guten Geschichten aufwarten konnten (u.a. gibt es bei Marías ein wunderbares Kapitel über Eric Cantona, das über den Fußball hinaus eine großartige Analyse des Außenseiters entwickelt). Aber Dagrun Hintze hat es mit ihrem schmalen Buch geschafft in den Olymp meiner Fußballlektüren aufzusteigen. Unbändigkeit, Ironie und eine gewisse Sinnlichkeit und emotionale Verwicklung – alles, was man braucht, um über Fußball gut zu schreiben, hat dieses Buch. Den Rest erledigt die Sportart selbst.

Denn wie Hintze richtig hervorhebt, ist Fußball ein mehr oder weniger globales Kulturphänomen, dem es gelingt, sehr schnell zwischen Menschen eine vertrautere Verbundenheit zu gewährleisten, einen gemeinsamen Bezugspunkt zu erschaffen (was nicht heißt, dass man die Schattenseiten nicht kennt; auch Hintze kennt sie, thematisiert sie und bringt ihre ganz eigenen, klugen Spitzen an). Diese Verbundenheit überwindet dabei nicht nur politische und ethnische Grenzen, sondern längst auch geschlechtliche.
Womit wir bei einem wichtigen Punkt angelangt sind: dieses Buch ist keines dieser furchtbar zart-jovialen „Fußball für die Frau-Bücher“, die in ihrer scheinbaren Aufklärungsarbeit eine (ungewollte) Verfestigung der Stigmatisierungen vornehmen; es erteilt diesen Machwerken sogar mehr als einmal eine scharfkantige, fast schon rotzige Absage. Nein, dieses Buch löst sich in seiner schlagfertigen, intelligenten Art und Weise von den meisten Klischees des weiblichen Fußballzugangs und muss sich, meiner Einschätzung nach, bei einem echten Fußballfan auch gar nicht groß behaupten, denn der wird von der gekonnten Art, mit der Hintze das bewährt-beliebte Fußball-Narrativ der Anekdoten, Zitate, Jahreszahlen-Erlebnisse und Stadionerfahrungen aufgreift, eh sofort in Bann geschlagen und, zum Umstand der Autor*innenschaft befragt, würde er wohl sagen: ist doch egal, ob es ein Mann oder eine Frau geschrieben hat, es geht um Fußball, so wie ich ihn verstehe, liebe, erleide. Es steht da. Da geht es jemandem um Fußball.

Das Narrativ des Fußballs, das viele erwachsene Menschen zu bestimmten Anlässen zu potentiellen Trainer*innen, Schiedsrichter- und Taktikspezialist*innen und wahrhaftigen Geschichtenerzähler*innen und Leidensgenoss*innen macht, es wird oft von Außenstehenden belächelt. Aber wie Hintze richtig im Zitat am Anfang dieses Textes sagt: Unkenntnis ist hier die Ursache. Fußball ist nicht nur ein Spiel, ist nicht nur ein gepushtes Ereignis, ein Vorwand für Bier- und Fernsehkonsum. Fußball ist eine faszinierende Erfahrung, durch und durch. Über diese Erfahrung kann man in diesem Buch, in seinen Geschichten, Anleihen und seinen kritischen Wortmeldungen einiges erfahren.

Das Kritische in den Texten will ich nicht unter den Kunstrasen kehren, ich ahne nur, dass die Begeisterung, die dieses Buch versammelt, viel essentieller ist. Aber es geht in dem Buch auch um den teilweise problematischen Stand, den weibliche Fans, Akteurinnen und Berichterstatterinnen in dem Berufs- und Sozialfeld Fußball haben. Diese Probleme, obgleich angesprochen, kommen nicht ganz so stark zur Geltung, weil ihre Autorin sich so resolut und selbstverständlich und mit einem häufigen Verweis auf manche ihrer eigenen, positiveren Erfahrungen in der Materie bewegt, dass man die Bedenken, die sie streut, nicht komplett übernehmen kann. Außerdem sind diese Einlassungen nicht nur kritische in Bezug auf das männliche Verhalten, sondern machen einen individuellen Standpunkt abseits der Geschlechterrollen deutlich (der sich unter anderem darin äußert, dass die Autorin für Frauenfußball nicht viel übrig hat – was sie aber nicht als Widerspruch zu ihrem sonstigen Einsatz für mehr weibliche Begeisterung sieht, sondern sehr genau und glaubwürdig auf die derzeitigen Kontexte zurückführen kann, in den Frauenfußball erlebt und rezipiert wird.)

Ansonsten bietet dieses Buch eine unterhaltsame Geschichte von Hintzes Fußballbegeisterung, die sich zentral über die Jahre 2002-2016 erstreckt (eine Vorgeschichte liefern ein Kuss und eine BVB-Bettwäsche). In unterschiedlichen Kapiteln nähert sie sich Welt- und Europameisterschaften, der Philosophie und Realität des Sports, den persönlichen Dilemmas und Verstrickungen und den erfreulichen Zufallsbekanntschaften und Erlebnissen unter dem Dach der gemeinsamen Fußballbegeisterung. Die Autorin hat eine wunderbare Art sich keinen Kommentar zu verkneifen, ist angenehm direkt und auf Dauer lässt sich für ihren Stil und ihre Person schwerlich ein anderes Adjektiv finden als „sympathisch“.

Die Geschichte des Fußballs, aus der dieses Buch einen Teil seiner Vitalität bezieht und in die es sich wiederum einreiht und die es bereichert, wird weitergehen, denn wie Marías richtig sagte (frei zitiert): das Schöne und gleichsam Zerrissene am Fußball liegt begründet in der Ambivalenz des Sportgedankens: es gibt viele glorreiche Siege und Niederlagen und Geschichten in der Vergangenheit, die den Kontext und Kosmos der Sportart zusammen auf wunderbare Weise anreichern und aufladen, aber eigentlich zählt immer nur das nächste Spiel, die Geschichte muss weitergehen, mit all den bewegenden, profanen und euphorischen Zügen, die sie von jeher trägt. Zum Schluss hin eine Anekdote, dem Buch entnommen, in der Literatur und Fußball zusammenkommen:

„Vom irischen Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett ist überliefert, dass er den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und seinen Kollegen Peter Handke einst in einem Pariser Café sitzen ließ, weil er unbedingt vor den Fernseher musste, um ein Fußballspiel zu sehen. (Was vor allem Handke völlig fassungslos machte.)“

3. Band von Henry Millers Erinnerungsrhapsodie: “Joey”


Ein Freund stattet einen mit tausend Augen aus. Durch seine Freunde lebt man ungezählte Leben.”
Henry Miller

Es gibt nur wenige Schriftsteller, denen man ehrliche und interessante Erinnerungen zutraut und ich denke Henry Miller ist einer dieser wenigen. Nicht (nur), weil er viele Frauen hatte und ein unsteter Mensch war, sondern einfach, weil er ein wirklich interessantes und vielseitiges Leben geführt hat und ein Autor ist, der jede Erfahrung sprachlich verdichten kann, mit sehr einfachen Mitteln.

Ingesamt hat Miller mich mit diesem Buch noch mal überrascht. Es findet sich wenig Frivoles darin und viel zarte und einsichtige Darstellung, nicht nur von der Liebe, sondern auch über das Künstlerdasein und auch über das eigene frühere Selbst (Miller schriebt die beiden Teile des Buches, als er bereits über 80 war.) Miller hat eben diese eine Eigenschaft, die man nur bewundern kann und das in allen Sprachen: seine Ehrlichkeit und damit meine ich nicht eine vulgäre oder idealistische Ehrlichkeit, sondern eine menschliche, bezeichnende Ehrlichkeit. Er sagt die Dinge so, wie sie für ihn sind und verfährt mit sich selbst nicht anders, als mit dem Rest der Welt. Das gibt selbst den schlichtesten Episoden immer wieder lesenswerte Züge.

Der erste Teil über seinen Freud Alfred Perles, könnte auch eine Geschichte sein: Sie ist durchweg geprägt von zahllosen Episoden aus Millers Bohemienzeit und ist gleichsam anrührend und unterhaltend, ein bisschen nostalgisch.
Der zweite Teil hat mich dann wirklich berührt. So wie Miller hier über all die Frauen schreibt, die ihm viel bedeutet haben (in fast alle war er verliebt, aber mit ungefähr der Hälfte ist nie etwas Intimes passiert), muss ich ihm große Hochachtung zollen. Nur selten gelingen so menschliche und doch magische Portraits der Begegnungen eines Lebenswegs.

“Woher kamen diese Figuren, denen zu begegnen uns für gewöhnlich nur einmal im Leben beschieden ist? Gleich jenen unbekannten und absolut unsichtbaren Wesen, die überall um uns sind, und die wir nicht spüren, gibt es diese irdisch-himmlischen Wesen, die unser Leben beeinflussen, ohne das wir ihr Wirken erkennen”…

Die “Geständnisse eines ungeübten Sünders” von Charles Simmons


“Die Volkshochschule bestand aus einer unendlichen Serie von Verboten. Nimm die Hände aus den Hosentaschen, beeil dich, wenn du in der Badewanne sitzt, halt dich von schmutzigen Filmen fern. schmutzigen Magazinen, schmutzigen Büchern, schmutzigen Witzen und vor allem von Mädchen, die dich verführen wollen. Aber wo zum Teufel steckten die Mädchen bloß, die uns verführen wollten?”

Charles Simmons, geb. 1924, hat nur 5 Romane geschrieben, wobei dies hier sein erster ist. Obwohl jedes seiner Werke einzigartig ist und weit über der Norm liegt, hat es, mit Ausnahme einiger lobender Rezensionen zu Salzwasser, bis heute nur wenige Auseinandersetzungen mit seinem Werk gegeben; vielleicht weil die Zeitabstände zwischen seinen Romanen (1964 dieses Buch, 1978 Lebensfalten, 1987 Belles Lettres, 1998 Salzwasser, 2002 Das Venus-Spiel) meistens ungewöhnlich hoch sind. Aber Simmons besitzt eine ganz eigene Art von Subtilität, die eigentlich nicht ungewürdigt bleiben dürfte.

“Der Weg zum Herzen eines Mannes führt durch seine Genitalien, aber wer wusste denn damals schon, dass der Weg zu den Genitalien einer Frau durch ihr Herz führt?”

1964 löste dies Debüt einen kleinen Skandal aus. Selten zuvor hatte sich ein Schriftsteller in einem Roman so vulgär, heftig und konträr zu Amerika, Kirche und Sexualität geäußert; das dies etwas mit Authentizität und nichts mit Provokation oder der inneren Ausrichtung der Geschichte zu tun hatte, wurde aber Gott sei dank schon damals bemerkt.
Ebenfalls relativ neu für damalige amerikanische Verhältnisse war die Konzeption des Buches: Alles wird durch Briefe, die der Protagonist einem anderen schreibt, erzählt, wobei jeder Brief überlang ist (das Buch besteht aus ca. 25-30 dieser Briefe). Gleichzeitig schreibt der Autor auch noch einen Roman, den er in den Briefen ausführt und mit dessen Figur er sich immer wieder (neu) identifiziert. Durch die Briefform wird der Blickwinkel auf die einzelnen Geschichten, die das Leben des Protagonisten ausmachen, natürlich auch modifiziert.

“Unter Katholiken gibt es das geheime Einverständnis, das Nichtkatholiken zwar nicht gerade verdorben oder fehlgläubig oder böswillig sind, aber doch schrecklich irregeleitet. Besonders Protestanten. Und was die Heiden angeht, asiatische Babys und so: die sind alle nur Kanonenfutter. Ich glaube, in dieser Hinsicht sind die Katholiken wie Kommunisten, mal abgesehen davon, dass sie in letzter Zeit nicht ganz so erfolgreich sind.”

Beinahe 50 Jahre haben diesem Roman sicher einiges an gesellschaftlicher und politischer Sprengkraft genommen, jedoch finde ich, dass Dynamik und Stil, also das, was jede Geschichte authentisch machen kann, kaum einen Tag gealtert sind; die Originalität und die leicht schräge Art mancher Stellen haben den Roman vor dem Verfall bewahrt.

Ebenso natürlich, fernab aller sprachlichen Qualitäten, seine wunderbar ehrlich gestaltete Hauptfigur, ein junger Mann, der (Zitat: “Liege ich falsch, wenn ich versuche, das zu sein, was ich sein will, und tue, was ich tue, um es zu werden?) mit 21 Jahren noch immer an der Startlinie des Lebens steht, der in Sachen Frauen und Beruf immer weniger durchzublicken glaubt und den Simmons mit erstaunlicher Sensibilität im Auf und Ab seiner Stimmungen gefangen hält, nur um ihn gleichzeitig ganz unmerklich zu sich selbst zu führen. Vielleicht wegen der Form, doch auch wegen dieser Ungetrübtheit der Beziehung zwischen Leser und Protagonist, ist man über die Dauer des Lesens sehr stark in das Buch integriert.

Wer kleinere Romane mag, wird in Charles Simmons einen der Meister dieser Gattung finden. “Belles Lettres”, eine wunderbar Fiktion über eine Literaturzeitschrift, und “Salzwasser” sind am meisten zu empfehlen.

“Geflogen bin ich mit der Alitalia. Ich dachte, wenn ich schon in ein fremdes Land reise, ohne die Sprache zu verstehen, kann ich auch gleich bei Null anfangen, und als ich beim Einsteigen durchs Gate ging, wusste ich, dass nun in meinem Leben etwas wichtiges passierte. Seit meiner Kindheit verband mich ein unsichtbares Gummiband mit irgend etwas, mit meinem Bett, meiner Mutter, mit irgend etwas eben. Allzuviel Zug hielt das Gummiband aber nicht aus. Ich wollte immer dahin zurück, zu diesem Etwas, was auch immer es gewesen sein mochte. Aber als ich vorgestern das Flugzeug bestieg, gab es das Gummiband nicht mehr.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen.

“Zwei Frauen” – ein Roman über das Drama der Liebe


Vor nun beinahe drei Jahren ist Harry Mulisch, einer der großen Schriftsteller Hollands, gestorben. Hinterlassen hat er ein sehr vielschichtiges, fast schon klassisches Werk, in dem er sich mit sehr vielen Themen – mit sehr vielen “Plots” – beschäftigt hat. Schon sein Erstling war, perspektivisch und erzählerisch, eine gewagte Arbeit: in Archibald Strohalm erzählt er die Geschichte aus der Sicht eines Mannes, der allmählich den Sinn für Realität verliert.

In seinen weiteren Erzählungen und Romanen ist Mulisch seinem Credo treu geblieben, ungewöhnliche Bücher schreiben und darin einfache, aber ungewöhnliche Schicksale zu bevorzugen. Ungewöhnlich jedoch nicht im Sinne von exzentrisch oder außergewöhnlich. Mehr liegt dieses -ungewöhnlich- in der Art begründet wie Mulisch seine Konzepte verfolgt, wie er nie ausweichend abschweift oder partielle Erklärungen einschiebt, wie alles in seinen Sätzen eine stete Nähe zu seinen Protagonisten und seiner Geschichte hält. Wie gesagt: ein fast schon klassischer, sehr unmoderner Zug. Dies verbunden mit den wiederum nicht unbedingt besonderen Geschichten, die er erzählt, Geschichten, wie sie wirklich nur als Fiktion zum Leben entstehen können – dieses Zusammenspiel, es hat einfach etwas ganz eigenes, erzählerisch wertvolles.

Was seine Romane immer wieder zusammenhält, ist seine wunderbar unverschnittene Sprache, die oftmals, wenn es ums Beschreiben geht, genau die richtigen Vorstellungsmuskeln trifft: “…plötzlich überkam mich die Müdigkeit, wie ein gelandeter Fallschirmspringer, der unter seinem Schirm begraben wird.”

Sein Roman “Zwei Frauen” (entstanden 1975) ist eine Liebesgeschichte – eine klassische Liebesgeschichte, die Mulisch aber zugleich mit dem noch klassischeren griechischen Drama verknüpft. Dies beides prallt am Ende des Buches aufeinander und mag einige Leser, die das Buch bis dahin gut fanden, ein wenig abstoßen oder etwas zu abrupt entlassen; denn obgleich es folgerichtig ist und absolut konsequent, hat es etwas formalistisch. Es erscheint beinahe zu einfach. Doch ist zu einfach nicht genau das, was passieren muss?

Inhaltlich geht es zwar um eine sexuelle Beziehung zwischen zwei Frauen, aber das Sexuelle und die damit verbundenen Möglichkeiten für Erotikpassagen spart Mulisch aus, soweit es keinen Bezug zur Handlung oder zu gesellschaftlichen Folgen hat. Somit ist dieser Roman kein Roman der Tabus brechen, Reize ausrollen oder das Drama zweier homosexueller Frauen in den Mittelpunkt stellen soll. Nun ist es für die Geschichte auch nicht unwichtig, dass es zwei Frauen sind, die sich lieben, aber es ist nur die Bühne und das Stilmittel, die Idee und nicht der Plot.

Der Plot selbst ist ebenso schlicht, wie grandios erzählt, jedoch auch schwierig zusammenzufassen. Es ist ja so, dass man eine Geschichte zusammenfassen kann, eine kleine Beschreibung geben kann und bei der späteren Lektüre ist das Buch selbst dann quasi eine Variante zu der “Umstandbeschreibungen”. Aber hier, bei diesem Buch, ist die Kluft zwischen dem, was man über die Geschichte zusammenfassend sagen könnte und der Form, in dem dieses Buch diese Geschichte erzählt, einfach zu groß, um auf diese Weise dem Leser das Buch nahezubringen. Es geht um zwei Frauen, es geht um Liebe, es geht um eine Dreierkonstellation und es geht um die Idee der gleichgeschlechtlichen Liebe. Soweit kann man es sagen. Der Rest ist vor allem Form und Sprache, eine einfache Geschichte, vollkommen erzählt.

Ich kann kaum glauben, dass noch niemandem aufgefallen ist, wie vollkommen Mulischs Roman geraten ist (wieder ein klassischer Zug), wie man sich von einzelnen Beschreibungen und Kapiteln hinreißen lassen kann und wie rund der Roman am Ende wirkt. Klar, es ist kein Roman, der bei einem am Ende noch viele Stränge und Fetzten in der Hand zurücklässt, nichts, wovon man sagen kann, man hätte viel von ihm erhalten. Aber es ist ein Roman, der einen wirklich in seinen Bann zieht, der auf der ersten Seite beginnt und auf der letzten endet. Eine abgeschlossene Form, wie ein plastisches Kunstwerk.

Darin eine Liebesgeschichte, die wohl hauptsächlich wegen der angenehmen Sprache so gut zu lesen ist. Aber auch der Rest, die ganze, begrenzte Materie der Geschichte und der Hauptperson ist so filigran und durchkomponiert, dass es einfach großartig ist, dieser Komposition zu folgen. Kein Stutzen, kein plötzliches, zu weites Driften in die eine oder andere Richtung. Jeder kleine Erzählabschnitt hat seinen Platz und seine Richtigkeit auf diesen 200 Seiten. Und ich nehme lieber diese zweihundert wunderbaren Seiten, als alle 400 auf denen das Thema ausgequetscht, aber niemals diese unnachahmliche Präzision erreichen würde. Das ganze Buch ist voller kleinster Genussmomente, voller Passagen, die so einfach und authentisch und darstellend daherkommen und einen fesseln, wie es die ganze Geschichte letztendlich tut.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen