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Zu den wunderbaren Galgenliedern


“Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. Man weiß, was ein mulus ist. Die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Schulbank und Universität. Nun wohl: ein Galgenbruder ist die bemerkenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als Andre.”
Aus: -Wie die Galgenlieder entstanden-

“Blödem Volke unverständlich,
treiben wir des Lebens Spiel.
Gerade das, was unabwendlich,
fruchtet unserm Spott als Ziel.

Magst es Kinder-Rache nennen,
an des Daseins tiefem Ernst;
wirst das Leben besser kennen,
wenn du uns verstehen lernst.”

Schon lange jammert man, dass die Deutschen kaum Werke von Humor haben und langsam ist diese sehr absurde Behauptung selbst zum Witz geworden, haben wir doch unzählige komische Autoren und sind mit witzig-wunderbaren Dichtern mehr als nur gesegnet. Robert Gernhardt, Joachim Ringelnatz, Günter Nehm, Heinz Erhardt, F.W. Bernstein, nicht mitgezählt unzählige Musikkabarettisten, sowie Dichter, die teilweise komisch-bissige Verse schrieben wie Tucholsky oder Erich Kästner, etc. Viele dieser Dichter sind einzigartig, auch weil Humor oft etwas Einzigartiges hat. Aber keiner ist so einzigartig, wie der deutsche Dichter Christan Morgenstern mit seinen Galgenliedern.

“Nacht ist’s und die Sterne funkeln.
Palmström musiziert im Dunkeln ”

Schönheit, Weisheit, Genialität, dass alles braucht eine komische Dichtung nicht unbedingt – doch in Morgensterns Unsinnsversen ist alles drei immer wieder immanent vorhanden. Allen voran natürlich die Genialität der Sprach- und Wortspiele, gefolgt von der Weisheit, die sich aus vielen Zeilen ergibt, bis zur Schönheit die hier und dort der gelungene Reim oder die Possierlichkeit des Inhalts entstehen lässt.

Wovon handeln die Galgenlieder? Nun, dazu kann es nicht schaden einen kurzen Blick auf die Entstehungsumstände zu werfen.
Morgenstern selbst nämlich, hielt stets die andere Seite seines dichterischen Werkes, seine tiefsinnigen Verse der Innerlichkeit, für wichtiger und bedeutender. Leider sind die meisten dieser Verse so tief sentimental und ausdrucksschwanger, dass man ihnen bei aller Hochachtung für ihre Versuche, doch kein Pardon in Sachen Bedeutung geben kann, welche verschwindend gering ist. Die Galgenlieder, von Morgenstern als nebenbei gedichtete Nonsensgedichte als Spaß an der Freude gesehen, werden allgemein als gelungene Mischung aus diesem leichten Ansatz und der Sublimierung seiner misslungen mystischen Ansätze gesehen. Auf viele Galgenlieder trifft daher zu, was Tucholsky über sie schrieb: “Man lacht sich krumm, bewundert hinterher, ernster geworden, eine tiefe Lyrik, die nur im letzten Augenblick ins Spaßhafte abgedreht ist – und merkt zum Schluss, dass man einen philosophischen Satz gelernt hat.”

“Ein Hase sitzt auf einer Wiese,
des Glaubens niemand sähe diese.

Doch im Besitze eines Zeißes,
betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-a-vis gelegenen Berg
ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum
ein Gott von fern an, mild und stumm.”

Diese Art von “metaphysischem Nonsens” mag nicht das Richtige für jeden Sein, aber wer gerne eine Dichtung zwischen Anarchie und Zärtlichkeit lesen will, der wird mit Morgenstern und seinen Galgenliedern doch einige schöne Stunden verbringen. Gewiss: Nicht jedes Gedicht geht über den Nonsens hinaus, aber auf jeder Doppelseite reicht es doch für ein Lächeln, oder auch für das anerkennende Kopfschütteln zu einer weiteren grotesken Idee.

Inhalt:

Ich besitze die Edition von Manesse im dtv Verlag, ein Taschenbuch in Reclam Größe (ISBN 978-3423240079, identisch mit der gebundenen Manessefassung), die ich wegen der Vollständigkeit und des Nachworts, außerdem wegen der ebenfalls enthaltenen “Travestien” auf Horaz (von Morgenstern verfasste, angeblich aus dem Nachlass des Altgriechischen Horaz stammende Gedichte), die eigentlich nicht zu den Galgenliedern zählen, empfehlen kann. Was “Alle Galgenlieder” sind ist seit jeher schwer zu fassen, da Morgenstern die einzelnen Sammlungen beständig erweitert, umgeschrieben, einzelne Gedicht herausgenommen und wieder eingefügt hat. In meiner Edition wurden alle aufgenommen, die sich jemals in einer Edition der Galgenlieder befunden haben, natürlich auch mit den nachgelassenen Gedichten.

Der Inhalt meiner Edition:
-Sämtliche Galgenlieder-
Galgenlieder
Palmström
Palma Kunkel
Der Gingganz
Nachgelesenes
-Über die Galgenlieder- (enthält von Morgenstern unter dem Pseudonym Jeremias Müller verfasste (Pseudo-)Anmerkungen und Ausführungen über die Galgenlieder insgesamt und einzelne Gedichte.)
-Horatius Travestitus- (Die oben angesprochenen Gedichte über/nach Horaz)
Außerdem ein Nachwort von Leonard Forster, editorische Notiz und Anmerkungen zu jedem Gedicht mit dem Jahr, in dem es vermutlich geschrieben wurde oder zuerst auftaucht, manchmal mit weiteren Informationen. Natürlich auch ein Index mit Gedichttiteln und -anfängen.

Empfehlung: Als mögliche Einstiege in die Galgenlieder bieten sich die beiden Sammlungen von Anaconda (1. Mitternachtsmaus, 2.Galgenlieder) an. Des Weiteren gibt es auch eine ganz gute Auswahl als E-Book (Galgenlieder nebst dem ‘Gingganz’). Da Morgenstern auch ein guter Aphoristiker war, lohnt sich möglicherweise auch die Anschaffung einer Werkausgabe Gesammelte Werke in einem Band.

Zuletzt noch ein Gedicht bei dem ich meine alle drei der oben genannten Attribute (Schönheit, Genialität und Weisheit) vorzufinden. Und hoffentlich auch die Erkenntnis, dass man einige dieser Gedichte wirklich kennen muss:

“Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt sich nicht hineinzuschneuzen, –
er gehört zu jenen Käuzen,
die oft, unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
wenn er ungeschneuzt entschreitet.”

Link zum Buch