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Eine meiner Entdeckungen des Jahres! Alice Oswalds Lyrikband “46 Minuten im Leben der Dämmerung”


46 Minuten  besprochen beim Signaturen-Magazin

Zu “Fahles Feuer” von Vladimir Nabokov


Fahles Feuer „Fahles Feuer“ gehört bereits zu den späten Romanen Nabokovs (es ist der erste Roman nach den bekannten Werken „Lolita“ und „Pnin“). Während andere „Lolita“ oder „Ada oder Das Verlangen“ als sein Opus magnum ansehen, finde ich, dass dieser Titel am ehesten diesem Roman zusteht. Denn hier kommt alles zusammen, was Nabokov in seinen besten Momenten ausmacht: Intensität und sprachliche Finesse, die Stärke des erzählerischen Bogens, aber eben auch Verspieltheit, die Einbringung von Haltlosigkeiten und Ungewissheiten, die durch die jeweilige Form perfekt zur Geltung kommen.

Allein die Plot-Idee von „Fahles Feuer“ ist schon ein Kuriosum und klingt eher so, als habe Stanislaw Lem seine Sammlung fiktiver Buchrezensionen (in „Die vollkommene Leere“) auf die Spitze treiben wollen. Denn das ganze Buch ist ein einziger Kommentar zu einem 999 Zeilen langen Gedicht namens „Fahles Feuer“. Der Herausgeber Charles Kinbote erklärt, dass sein Freund, der Verfasser John Shade, erschossen wurde, bevor er die tausendste Zeile niederschreiben konnte. Nach und nach kommentiert er das Werk und offenbart nicht nur die Untiefen des Gedichtes, sondern auch seine eigenen …

Das ganze Buch ist durchzogen von Ungewissheiten, spielt mit ihnen: Existiert John Shade überhaupt? Ist der Inhalt des Gedichtes, von dem Kinbote immer weiter abkommt, nur ein Vorwand? Was hat es mit Kinbotes Vision eines märchenhaften Königreiches im Osten auf sich: ist das Ganze eine Phantasie, eine Parabel, melancholische Erinnerung oder bitterböse Satire? Hat am Ende Kinbote John Shade getötet oder ist er selbst nur eine Erfindung von Shade? Nabokov spinnt die Lesenden mit ein paar schöne Fäden ein, die sich verschiedentlich verknoten, sich umeinander winden, dann wieder auseinanderlaufen.

Die Lesenden werden so selbst zu Deuter*innen des Gedichtes, zu Ermittler*innen im Mordfall Shade, zu Bewerter*innen von Kinbotes Glaubwürdigkeit und zu Erforscher*innen von Zembla (dem Königreich). Der Titel „Fahles Feuer“ ist Programm: man sieht nicht sehr weit in diesem Roman und was man sieht, das erscheint unheimlich und schon bei kleineren Entfernungen ungenau, schemenhaft. In jedem Fall stellt „Fahles Feuer“ eine literarische tour de force dar, die ebenso brillant wie unterhaltsam ist. Ein Meisterwerk, ein sehr lesenswertes Erlebnis für alle homme/femme de lettres.

Zu Reiner Kunze neuem Gedichtband “die stunde mit dir selbst”



die stunde mit dir selbst besprochen beim Signaturen-Magazin

Zu den “Sämtlichen Gedichten” von Matthias Politycki


Sämtliche Gedichte Politicky “In jedem Mond steht steil ein Stöckelschuh.
Aus jedem U-Bahn-Schacht rülpst ein Gedicht.
Durch jede Zeile, da fließt du und du und du –
ein grüner Tintentext: mehr nicht.

In jeder Pfanne brät ein Kruzifix.
Aus jedem Pflasterstein grinst ein Gesicht.
Mit jedem Wort schweigst du und du und du –
ein schwarzgedruckter Text: mehr nicht.”

Wenn Bruce Springsteen ein dichtender Automechaniker ist, dann ist Matthias Politycki ein dichtender Tresentyp, ein Großstadtbewältiger, ein Alltagsheld, ein Austeiler und Einstecker par excellence. Seine schnoddrigen und immer etwas gegen den Strich gebürsteten Gedichte sind sicher nicht die besten Beispiele für hohe Lyrik, aber ein Beweis für die breiten Möglichkeiten, die sich für die Lyrik abseits des hohen Tons auftun; und in diesem Abseits entwickeln sie manchmal ungeahnte Kräfte, Verve und eine knittrige Eleganz.

Mit diesem Band kann man sich in der ganzen Bandbreite von Polityckis Lyrik suhlen, sie entlangschlendern, sich hier und da einen tiefen Schluck aus dem Versfass genehmigen. Man wird auf viel Bier, Bockigkeit, feine Ressentiments, scharfe Zärtlichkeiten, gedruckste und missmutige Leidenschaften und manchen Stilbruch stoßen. Schön ist, dass sich viele dieser Gedichte etwas Unerwartetes bewahrt haben, sie ziehen schnell, sie treffen die Lesenden unvorbereitet, sie überrumpeln und entrümpeln die Vorstellungen.

Wem Lyrik oft zu heilig ist, der wird seine Freude an Polityckis teilweise anarchischen, teilweise innovativen, oftmals gerade heraus gehenden, manchmal fast pöbelnden, streitbaren, dann wieder leuchtenden Gedichten finden. Hier gibt sich einer nicht mit Geläufigkeiten zufrieden, ist aber auch nicht bloß ein Krawallfürst. Polityckis Lyrik fühlt sich zwischen den Stühlen wohl, geerdet, aber doch immer wieder virtuos über sich hinauswachsend. Seine Verse erschließen das Verquerte, Verquaste, Verkehrte des Daseins und finden dennoch Platz für poetische Säume, die sie oft raffen, oft durch den Schmutz des Lebens schleifen. Manchmal werden sie aber auch einfach in diesem Saumsein belassen.

“Fels fügt an Fels sich,
Gedankeninseln im Meer:
im Dort und im Dann.
Das Paradies wartet stets,
so wie ich, traurig, auf nichts.”