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Walt Whitmans großartige Grashalme


“Bleibe nur diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du
sollst den Ursprung aller Gedichte erfassen!
Du sollst das Gut der Erde und der Sonne haben (Millionen
von Sonnen sind noch übrig),
du sollst die Dinge nicht mehr aus zweiter oder dritter
Hand nehmen, auch nicht durch die Augen der
Toten sehen und dich nicht nähren von den
Gespenstern in Büchern;
Du sollst auch nicht mit meinen Augen sehen, noch die
Dinge von mir empfangen,
Du sollst Horchen nach allen Seiten und sie alle durch dich selbst filtrieren!”

Ein Freund von mir (danke Holger!) brachte mich dazu noch einmal nach langer Zeit zu diesem Werk zu greifen.

Borges meinte einmal, dass jeder große Schriftsteller ein Symbol geprägt habe und auch prägen müsse, weil es ansonsten ganz unerheblich sei, ob er gut schriebe oder nicht, er würde dann die Zeit nicht überdauern: Kafkas Labyrinthe; Cervantes Gestalt Don Quijote, mitsamt Gefährte Sancho Pansa und den Windmühlen; Melvilles weißer Wal Moby Dick. Doch Borges nennt stets auch ein Ausnahme: Wald Whitman, der kein Symbol geprägt habe (außer vielleicht das Bild der Grashalme), sondern selbst zu einem geworden sei.

“Ochsen, die ihr mit dem Joch und der Kette rasselt oder
unter schattigem Blätterdach haltet, was ist es, das
ihr in euren Augen ausdrückt?
Es scheint mir weit mehr als alles Gedruckte, das ich in
meinem Leben gelesen.”

Whitman ist ein Rufer des Lebens. Dies, was uns durchpulst, unser Maß, doch aus der Aufmerksamkeit geputzt, oft verbannt aus unserer Mitte, benutzt, analysiert, systematisiert und verbogen, will er uns wieder nahebringen. “Das Alles” ruft er uns aus seinen Zeilen zu, ist das Leben, alles was an Wunderbarem zu greifen ist, in unser Nähe geschieht, jedes noch so kleine Wunder, das uns kurz umgibt, jede noch so einfache oder schwierige Tätigkeit, jeder Name, jede Periode unseres Lebens und der Ewigkeit. Whitman steht außerhalb jeder literarischen Tradition, weil er in der Tradition des Lebens wandelt.

“Alle Wahrheiten harren in allen Dingen,
sie haben’s nicht eilig mit ihrer Befreiung, noch
widerstehen sie ihr,
Sie bedürfen nicht der Zange des Geburtenhelfers.
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendetwas.
(Was ist weniger oder was ist mehr als eine Berührung?)”

Die Grashalme sind Musik, sind Hymne, aber auch philosophischer Sturm, in dessen Wind das Flüstern der kleinen Wahrheiten und die große Potenz der Wirklichkeit an unser Ohr schwebt: “Die Uhr zeigt die Minute – aber was zeigt die Ewigkeit?”
Pathos ist bei solchen Gesängen ja eigentlich schwer zu umgehen; aber, o Wunder, gerade das würde man nie über die Grashalme sagen, dass sie pathetisch seien, zu sehr erkennt man sich selbst in der einen oder anderen Liebe, in dem ein oder anderen Halm. Es bleibt das Gefühl einer natürlichen, nie zu schnellen, nie zu langsamen Bewegung, die immer in die eigene Erweckung schreitet, hierhin zeigt, dies aufdeckt, jenes nacherzählt.

“Meinst du, ich möchte Erstaunen erregen?
Erregt denn das Tageslicht Erstaunen? Oder der
frühmuntere Rotschwanz, der durch die Wälder
zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als diese?”

Die von mir zuletzt gelesene Ausgabe beim Anaconda Verlag umfasst einige Gedichte aus den “Trommelschlägen” (dies Impressionen aus den Jahren des Bürgerkriegs, z.B. ein in Worten gemaltes Bild von Kavallerie, die ein Furt durchquert); dann, über 60 Seiten, also ein Drittel des Buches, einen Ausschnitt aus dem gewaltigen “Gesang von mir”, einem Text, halb Gesang, halb Erzählung, voller Ansichten und Verherrlichungen, voller Schönheit und immer wieder sinnlich-geistreich; des Weiteren noch viele andere, auch kleine Gedichte, meist ein-zwei Seiten lang, aus dem Spätwerk, die meist neben dem “Gesang von mir” entstanden.

“Hier oder fortan, mir ist es gleich, ich vertraue der Zeit unbedingt.
Sie allein ist ohne Unterbrechung, sie allein rundet und
vollendet alles,
Dies Mystisch verwirrende Wunder allein vollendet alles.”

Vielleicht ist dies die letzte Botschaft Whitmans: Alles vollendet sich von selbst, es hat keinen Sinn Krieg zu führen, zu hetzten, sich von irgendetwas auffressen zu lassen. Letztendlich geht das Leben seine Wege und man sollte ihnen folgen, man sollte sein Glück machen, die Augenblicke haben – seine Stimme flüstert: Das Leben ist dies alles, was versuchte außerhalb zu sein, sich davor zu retten, sich darin zu verstecken, es gibt nur dies und das ist das Großartige! Es gibt die Welt, die Welt als das Ding, dass sie ist, Geheimnis ist sie und doch so wach, so wach ist das Geheimnis, das sollten wir erkennen: und wir gehören dazu.

“Seht ihr, o meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos oder Tod, es ist Form, Einheit,
Bestimmung, ist ewiges Leben – ist Glückseligkeit.”

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Das wenige, was ich zu den erstaunlichen Gedichten von Dylan Thomas sagen kann


“Never to reach the oblivious dark
And not to know
Any man’s troubles nor your own -”

Dylan Thomas, Poet und Trinker, Leisetreter und Furorebrecher – bis heute einer jener wenigen Dichter, die mit ihrer Poesie weit über das übliche Maß hinaus eine Kerbe in die Welt schlagen konnten, zumindest in der englischsprachigen Welt. Er ist ein Meister der gegensätzlichen und doch vereinenden Bilder und Wendungen, ein Beeindrucker der Worte, ein Waghalsiger, der so langsam und kraftvoll waghalsig ist, dass man das Wort ganz neu im Kopf herumwälzt; es gibt keinen Dichter wie ihn, vielleicht ist es sogar legitim zu sagen, er sei der größte Dichter, den die englische Sprache je gehabt hat – zumindest wenn Dichten als eine ganz und gar schöpferische Tätigkeit verstanden wird, als das Einschwemmen von Sprache in die tiefsten Lücken zwischen den Bedeutungsflächen, wo Ausformung und Inhalt noch erstaunlich und erstmalig sind. Hier ist er nah dran, Shakespeare ebenwürdig zu sein.

“The carved mouths in the rock are wind swept strings.
[…]
For love, the long ago she bird rises. Look.
[…]
Children of Darkness got no wings
This we know we got no wings,
Stay, dramatic figures, tethered down
By weight of cloth and fact,
Crystal or funeral, got no hope
For us that knows misventure
Only as wrong;”

Ihn zu übersetzten ist eine Kunst oder eine Unmöglichkeit – und beides gleicht sich in diesem Fall. Und auch wenn der Band „Windabgeworfenes Licht“ zweisprachig ist, wird man als deutschsprachiger Leser wohl dazu verführt eher und zuerst die deutsche Fassung zu lesen. Doch, wenn man kann, wenn es irgendgeht, ist davon abzuraten. Nicht weil die deutschen Übertragungen wirklich “schlecht” sind oder abweichend, sondern weil sie nicht fassen und finden, was jede Zeile von Thomas findet, diesen verstürmten, sich einschneidenden Gang, dieses Erkennen der einzelnen Bilder, Worte, als eine Stimme formende Gestalt, Gestalt formende Stimme.

“Upon your held-out hand
Count the endless days until they end,
Feel, as the pulse grows tired,
The angels’ wings beating about your head
Unsounding, they beat so soft.”

1 Stunde, zwei Zeilen. So war Dylan Thomas Arbeitsrhythmus, wenn er ein neues Gedicht schrieb; nur selten ging es schneller. Diese Arbeitsweise spürt man aber auch fast in jeder Zeile – sie steht für sich und ist doch im großen Ganzen nur ein kleines, wenn auch wichtiges Indiz für die Strömung, die Robustheit seiner Natur. Verlieben kann man sich in die Worte dieses Mannes, der in seinem Leben, so sagt die Legende, kein einziges Buch gelesen haben soll, außer der Bibel …

Ist er ein schöner Dichter, ein hoffnungsreicher, ein verneinender, ein religiöser, ein offenbarender, ein verschließender… eigentlich geht er weit über diese Kategorien hinaus, was wiederum an Shakespeare denken lässt. Sagen, was gesagt, und was unmöglich keine Zeichen hinterlassen kann, ist seine Dichtung, sein Inhalt, sein oft verspiegelter Hochglanz, darin er wunderbare Lichtschatten zu werfen versteht. Seine Metaphoriken eröffnen Wege zu Instrumenten in uns, auf denen wir noch nie gespielt haben; Gedanken werden gewürfelt und in Stimmungen und Mythen geworfen, um auf kräftiger Sprachflamme zu kochen.
Thomas war kein großer Intellektueller, aber er war ein Schaffer jenseits aller gesteckten Gedankenfähnchen und Prämissen. Er war das lebendige, suchende Wort, das reift und schwer fällt wie ein Apfel.

“Warum die Seide weich ist und der Stein verletzt
Fragt sich das Kind solang es lebt…
[…]
Lift up your head, let
comfort come through the devil’s clouds,
The Nightmare’s mist
Suspended from the devil’s precipice,
Let comfort come slowley, lift
Up your hand to stroke the light,
Its honeyed cheek, soft-talking mouth,
Lift up the blinds over the blind eyes.”

Jedoch, man darf nicht verhehlen, dass er kein besonders einfacher Dichter ist, zumindest augenscheinlich. Seine oft abstrakten Allegorien und Anspielungen (in seinen späteren Gedichten) können einen fast transzendental erblinden lassen; seine Reimschemas lassen einen langsam werden. Aber genau das muss man bei Thomas: langsam werden – und mit dem Takt der Gedichte „werden“. Man muss das Gedicht sein. Die Stimme, die es herspricht. Man muss sich darüber klar sein, dass sich Thomas allmählich von der Sprache entfernt und auf die Dinge zugeht.

“Und das ist wahr: Kein Mensch lebt,
Der nicht Gott in einem tiefen Grab verscharrt
Und dann wiederauferstehen lässt als Skelett,
Kein Mensch, der nicht zerbricht und schafft,
Der in den Gebeinen keinen neuen Glauben findet,
Kein Fleisch den Rippen um den Hals verleiht,
Der nicht zerbricht und seine letzte Ruheb findet.”

Vielleicht ist er der größte, kryptischste und schönste Dichter der Welt. Auf jeden Fall hat er eines der reichsten, poetischsten Werke geschaffen. Manche Gedichte sind fast so schön, dass sie undenkbar sind, nur lesbar; und bei manchen ist es leider wohl auch umgekehrt.
Man lese Dylan Thomas, höre nicht auf Zweifler oder auf ihn selbst, wenn er über seine Zeilen sagt: “Dies sind nur Träumende. Atem verweht sie” und gebe nicht auf, wenn man seine Zeilen abgeht, ohne etwas zu sehen, denn irgendwann liest man Zeilen wie “der Schlaf befährt der Zeit Gezeiten” oder sieht sich plötzlich “unter dem tanzenden Huf des Blätterdachs”…

Und am Ende ist es bei Thomas immer, als ob “ein Feuerwind die Kerze löscht” – ein wunderbares Gefühl.

“We have the fairy tales by heart
[…]
Wenn Logik stirbt,
Tritt das Geheimnis der Erde durch das Auge,
Und Blut pulsiert in der Sonne.”

Über das epische Erzählen, Weben, Singen des Jannis Ritsos, “Unter den Augen der Wächter”


“Ich weiß,
die Dichter beflecken nicht
mit ihren Tränen
die gläsernen Städte.
Sie wachen mit
ihrem reinen und ungetrübten Blick,
um das Frösteln des Lichts
und die Handflächen des Weltalls zu zählen.”

Jannis Ritsos gehörte, um es gleich im Voraus zu sagen, zu den epischsten und produktivsten Dichtern des zwanzigsten Jahrhunderts. Wo die Werke von Kavafis oder Odysseas Elytis nur eine vergleichsweise kleine Zahl von Gedichten umfassen, die in eine Einbandgesamtausgabe passen, würde das gesamte dichterische Werke von Ritsos gleich mehrere Bände füllen. Sie sind auch lange nicht so formidable wie die Werke seiner griechischen Zeitgenossen, dafür aber sehr natürlich-universell, ehrlich und kraftvoll.

Neben klassischen Gedichten und längeren Zyklen hat er auch für sich eine neue Art von Lyrik, in Verbindung mit der Dramatik, geschaffen, die in dieser Auswahl leider nur in sehr kleinen Auszügen zugänglich ist.

“Ein wirkliches Gedicht hält sich niemals in der Ecke der Träumerei auf.
Es ist stets zur erforderlichen Stunde da wie der bewusste, bereitwillige Arbeiter,
es ist ein entschlossener Soldat, der “hier” ruft beim ersten Appell seiner Zeit.”

Ritsos lebte in bewegten Zeiten (1909-1990). Seine Heimat Griechenland machte in schneller Folge sehr viele tief greifende Veränderungen durch, angefangen bei dem Einsturz des feudalen Systems vor und im ersten Weltkrieg, dann die Okkupation im Zweiten Weltkrieg durch die Achsenmächte, dann die Nachkriegswirren, Militärdiktatur und Wirtschaftskrisen.

Ritsos war sowohl im Krieg, als auch während der Militärdiktatur in Gefangenschaft und in Arbeits-/Verbannungslagern, weil er sich für eine sozialistischorientierte Demokratie stark machte.
In seiner Lyrik bewegt er sich gleichsam abseits und in den Erfahrungen seines Lebens. Er dichtet keine politischen Gedichte, aber einige seiner Gedichte sind nicht ganz unpolitisch. Er ist kein Gesellschaftskritiker, sondern ein lyrischer Erzähler und Antaster, aber trotzdem erzählt er eben auch von der Gesellschaft und dem Guten und dem Bösen darin.

“Schön waren jene Tage auf den Plätzen der Viertel,
und barfüßige Kinder in geflickten Kleidern
riefen Worte aus – sprachen über die Zukunft,
öffneten mit ihren erregten Fingern große Fenster in den Himmel.”

Vor allem ist Ritsos ein Dichter der Hoffnung und des Einklangs. In allem, was er schreibt ist das Sonnenuntergangsgefühl enthalten, mal offensichtlich, mal unterschwellig, mal melancholisch, mal beschwörend, mal nur gefühlt in Stil und Takt. Oft kann man geradezu sängerische Passagen in seinen Texten finden, die klassischen griechischen Volksliedformen oder epischen Gesängen ähneln (viele seiner Gedichte wurden später auch tatsächlich vertont, was ihn erst in seiner Heimat und darüber hinaus richtig bekannt machte). Doch zu schlichten Gedichten werden sie wieder durch ihre Natürlichkeit, ihren aufblitzenden, unpathetischen Streifungen.

“Freude, Freude, Freude –
Wir haben das große Unabsichtliche berührt,
das keine Absicht erfordert.
Gott selbst verwirklicht sich
in unserem Kuss.
Stolz erfüllen wir den Auftrag
des Unendlichen.”

Man sollte Ritsos lesen wenn man viel für die unwillkürliche und einfache Schönheit übrig hat, die eine Erzählung im Gewand von Dichtung und Darreichung bieten kann; dennoch sollte man auch ein bisschen Konzentration und Aufmerksamkeit mitbringen, denn wie immer zeigt sich die wahre Größe auch dieses Lyrikers in den beinahe wie unabsichtlich daherkommenden Zeilen, in denen er an uns selbst heranzutreten scheint und kurz für uns das Buch des Lebens auf einer uns bekannten Seite aufschlägt und uns aufzeigt, wie wir sie noch nie gelesen haben. Wir ahnten es und diese Ahnung erfährt in der Textzeile eine neue Form von Wirklichkeit.

“Viele Gedichte sind wie silberne Fäden,
an die Glöckchen der Sterne gebunden –
wenn man dran zieht, lässt ein silberheller Glockenschlag den Horizont erschüttern.”

“Der Tag brach an.
Eine Katze spielt auf dem Feld
mit den Zitronenbechern des Mondes.”

Gedichte sind da, um sich der Schönheit der Welt nicht nur zu vergewissern, sondern sie auch noch öfter zu erleben, als es gemeinhin vielleicht möglich wäre; also auch um sie anders zu erfahren. Viele von Ritsos Gedichten schaffen das, mit einfachen lyrischen Worten und schlichter, doch einfallsreicher Metaphorik, die im Ganzen über sich hinauswächst.

Ihm selbst sei das letzte Wort gegeben:

“In diesen Tagen jagt uns der Wind.
Rings um jeden Blick der Stacheldraht,
um unser Herz der Stacheldraht,
rings um die Hoffnung Stacheldraht. Sehr kalt dies Jahr.
Näher. Noch näher. Kilometerweit Wasser um dich herum.”

“Die anderen werden lächelnd sagen: “solche Gedichte
schreiben wir allemal”. Das wollen wir auch.
Denn wir singen nicht Bruder, um die Welt zu unterscheiden,
wir singen, damit die Welt sich vereint.”

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