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Zu “Das entehrte Geschlecht” von Ralf Bönt


Entehrte Geschlecht “Trotz noch immer ungleichem Lohn für gleiche Arbeit und der Niederlage Hillary Clintons gegen Barack Obama: Frauen sind auf ihrem Weg der Gleichberechtigung sehr weit. Statt daran zu erinnern, dass manch schwarzer Mann seit 1869 sein Wahlrecht vor manch weißer Frau bekam, und zu mutmaßen, dass Clinton eine solche Niederlage nun wiederholte, sollte man bedenken, wie feminin Obama wirkt. In manchem durchaus femininer als Hillary Clinton.“

Es hätte sich wohl niemand beschweren können, wenn ich dieses Buch nach einer solchen Passage an die Wand geworfen oder einfach nur weggelegt hätte. Es ist unstrukturiert, sprunghaft und mäandert vor sich hin, immer wieder in Argumentationen geradezu verfallend wie in einen tranceähnlichen Zustand.

Aber ich habe weitergelesen, dies jedoch auch nicht selten bereut. Denn es geht unausgegoren weiter, immer wieder mit argen Turns und der Text wird mit einer Wut oder Frustration betrieben, die sich zwar als schlichte Klarstellung ausgibt, aber doch eher in der Mitte zwischen Pöbeln und Polarisieren stattfindet. Man bekommt auch nie ganz genau zu fassen, worauf Bönt hinauswill, weshalb sich manche Passagen wie Verschwörungstheorien lesen und selbst die nachvollziehbaren Elemente ohne Kontext oder mit fragwürdigem Kontext dastehen.

Ja, Herr Bönt, es braucht durchaus ein neues Männerbild und ja, es gibt Dinge, über die noch gesprochen werden muss, nach dem Ende des Patriachats und ja, Männer sollten nicht verdammt, ihnen sollte auch geholfen werden und ja, die Abschaffung des Sexismus beseitigt nicht die Probleme des Kapitalismus und der sozialen Gefälle. Aber man kann das nicht alles durcheinanderwerfen und manches kleinreden und manches mit Empörung versehen und als Sorge verkaufen oder gar als Manifest.

Sie haben nicht ganz Unrecht, wenn sie sagen: „Das Problem ist immer noch das alte: Der Mann. Er macht bei der ganzen Sache nicht richtig mit.“ Aber erstens ergehen sie sich in solchen Pauschalien bis man es nicht mehr ertragen kann und zweitens ist ihr Appell an die Männer, ihre gesellschaftliche Rolle selbstständig zu überdenken und zu korrigieren zwar löblich und im Kern auch willkommen, nur würzen sie diesen Aufruf mit derart viel herbeiphilosophierten Schwachsinn, Halbfakten und Beobachtungen zweifelhafter Natur, dass sich die Spielräume des Manifests sehr schnell auf das übliche Kleinkarierte minimieren.

Ja, Sexismus ist das Problem von Männern und Frauen, meistens in der Konstellation Mann=Täter und Frau=Opfer. Und ja, es wäre schön, wenn nicht nur Frauen ihre Opferrolle hinter sich lassen wollen, sondern Männer selbstständig vom Täterprofil zurücktreten wollen, sich von den Strukturen zu ihrem eigen Wohl verabschieden. Das tun auch viele. Und es wäre auch schön, wenn sie das mit Selbstbewusstsein machen würden, welches aber nicht in Stolz umschlagen sollte. Gegen diese Position hat niemand was, aber warum das Ganze pflastern mit Seitenhieben und pseudohistorischen Gesichtspunkten?

Fazit bleibt: unausgegoren, oft weit am eigenen Thema vorbei.

Zu Virginie Despentes “King-Kong-Theorie”


King Kong Theorie Virginie Despentes war schon 2006, als dieser Essayband zum ersten Mal erschien, kein unbeschriebenes Blatt. Sie hatte mit „Baise-Moi“ einen Bestselleroman (und Film) vorgelegt, in dem es u.a. um sexuelle Gewalt, abnorme Gelüste und brutale Rache ging und galt auch ansonsten als skandalumwobene Figur. „King-Kong Theorie“ schlug noch einmal in diese Kerbe, bevor es still um Despentes wurde, was sich erst nach der Veröffentlichung der großartigen Roman-Trilogie über Vernon Subutex, die ihr Preise und viel Anerkennung einbrachte, wieder änderte.

Schon die ersten Seiten dieser manifestartigen Essayaneinanderreihung haben es in sich. Despenstes nimmt von Anfang an kein Blatt vor den Mund und sagt, dass sie für die Hässlichen, die Ungeliebten, die Uninteressanten, die Durchgeknallten und Hysterischen sprechen wird. Vor allem geht es ihr aber darum, einer an den Rockzipfeln verquerer sexueller Vorstellungen hängenden Gesellschaft mal kräftig die Leviten zu lesen. Die erste Salve richtet sich gegen die Festlegung der Frau als universelles Objekt der Begierde.

es macht mich rasend, wenn man mir ständig zu verstehen gibt, dass ich als Frau, die die Männer kaum interessiert, gar nicht da sein sollte. […] Sogar heute, wo viele Romane von Frauen geschrieben werden, triffst du darin nur selten Frauenfiguren, die unscheinbar oder durchschnittlich aussehen und nicht imstande sind, die Männer zu lieben oder sich von ihnen lieben zu lassen. […] Es ist mir Wurst, ob ich Männer geil mache, die mich nicht zum Träumen bringen. […] Ich bin zufrieden mit mir, wie ich bin, eher begehrlich als begehrenswert.

Um Weiblichkeit geht es dann im Weiteren und warum diese immer noch ein Korsett ist, das (auch „ausgelebt“) so sehr mit Vorstellungen und Erwartungen zugepflastert ist, dass man darin keine echten eigenen Wege gehen kann. Weiblich sein, das wird heute zwar gerühmt, aber noch im Rühmen ist es eine Fessel, mit der nur fröhlicher gerasselt wird. Despentes sieht im Weiblichen das ewige Ausbleiben von echtem Selbstbewusstsein auf Seiten der Frauen, die mit einem falschen, als dynamisch dargestellten, weiblichen Selbstbewusstsein abgespeist werden, das mehr ein Selbstbild denn ein Selbstbewusstsein ist.

Denn um zu kämpfen und in der Politik Erfolg zu haben, müssen wir tatsächlich bereit sein, unsere Weiblichkeit zu opfern, weil wir bereit sein müssen, uns zu schlagen, zu triumphieren, unsere Macht auszuspielen. Wir müssen aufhören sanft, freundlich, diensteifrig zu sein, wir müssen uns erlauben, den anderen öffentlich zu dominieren.

Die anderen, das sind die Männer, die partout selbst die schönsten, besten, progressivsten Diskurse und Ideen an sich reißen, einfach weil sie andere dominieren, wenn es ihnen in den Kram passt, wenn sie es können. Bei Frauen dagegen wird solches Verhalten als hysterisch, hyperbolisch, keifend, kalt, unverhältnismäßig etc. wahrgenommen.

Frauen genießen sozusagen den Vorzug, edle Wesen zu sein, nur, dass dieser Titel keine echten und jede Menge Scheinvorteile bietet. Frauen werden idealisiert (die schönsten, mächtigsten, intelligentesten von ihnen, die Schatten auf alle anderen werfen) und sie werden mit lauter Zuschreibungen versehen und davon abweichendes Streben wird entweder verharmlost oder verurteilt. Die hohen Ansprüche, die an Frauen in der Gesellschaft gelegt werden, lassen jeden Fehltritt oder jede Eigenheit zu einem Fehler, einer „Sünde“ werden. Die „edlen Wesen“ sind nicht ausgezeichnet durch, sondern gefangen, gebannt in den hohen Standards, die ihnen als Identität verkauft werden.

Männer verurteilen die Vergewaltigung. Deswegen ist das, was sie tun, immer etwas anderes. […] Hört endlich auf, uns einzureden, die sexuelle Gewalt gegen Frauen sei ein neues oder irgendeiner bestimmten Gruppe eigenes Phänomen.

Im nächsten Kapitel geht es um noch härteren Tobak. Hier spricht Despentes, teilweise aufbauend auf dem ersten Teil, über Vergewaltigungen: warum man nicht darüber spricht, warum sie ein Tabu sind, warum Frauen bis heute größtenteils damit alleingelassen werden – und schildert dann eine Vergewaltigung, die sie selbst erlebt hat. Schildert, warum sie sich nicht wehrte, und wie sie in diesem Moment Teil eines gesellschaftlichen Konstruktes, einer gesellschaftlichen Gewalt wurde, die sie, zusätzlich zu den Ereignissen, überwältigte.

Von dem Augenblick an, da ich kapierte, was uns geschah, war ich überzeugt, dass sie die Stärkeren waren. Eine mentale Sache. Inzwischen bin ich überzeugt, dass ich anders reagiert hätte, wenn sie uns unsere Jacken hätten klauen wollen. Ich war nicht tollkühn, aber oft leichtsinnig. Doch in dem Moment fühlte ich mich als Frau, widerwärtig als Frau, wie ich mich nie gefühlt hatte, wie ich mich nie mehr gefühlt habe. […] Ich bin wütend auf eine Gesellschaft, die mich erzogen hat, ohne mir je beizubringen, einen Mann zu verletzen, der mir mit Gewalt die Beine spreizt, während die gleiche Gesellschaft mir eingetrichtert hat, dass es sein Verbrechen sei, von dem ich mich nie wieder erholen dürfe.

Despentes beschreibt die Vergewaltigung als beides: als furchtbare Erfahrung, aber auch als eine, über die sie hinwegkommt; die sie zwar immer wieder einholt, die aber nie bestimmt, wie sie mit Sexualität und Macht und Ängsten umgeht. Sie verharmlost das Erlebnis nicht, fädelt es minutiös auf – und gerade dadurch bekommt es etwas gleichsam Gewöhnliches UND Schreckliches. Was genau die Dimension ist, die Vergewaltigungen in den meisten Gesellschaften immer noch haben. Sie geschehen nämlich täglich, in jedem Krieg, in der Ehe, unter Bekanntschaften, unter Liebenden, in Arbeits- und Geschäftsverhältnissen. Und sind doch eine der schlimmsten Gewalttaten, die man sich vorstellen kann. Weswegen sie ja auch verurteilt werden. Nur reden sich Männer halt sehr viel zurecht, wenn es um den Willen oder die Wünsche der Frau zum/beim Sex geht.

Kurz überlegt Despentes, warum es nicht schon längst ein Gerät gibt, das eine Frau sich in die Vagina einsetzen kann und das jeden unerlaubt eindringen Penis zerfetzt.

Aber vielleicht ist es ja gar nicht wünschenswert, das weibliche Geschlecht für gewaltsames Eindringen unerreichbar zu machen. Eine Frau muss offen bleiben und ängstlich. Wie sonst sollte sich Männlichkeit definieren? […] Die Vergewaltigung, diese verdammte Tat, von der niemand sprechen darf, vereint in sich eine ganze Reihe grundlegender Glaubenssätze über die Männlichkeit.

Am schlimmsten, so sagt sie, ist, dass sie manchmal Vergewaltigungsphantasieren hat, für die sie sich schämt, die sie aber verfolgen. Sie sieht darin keinen wirklichen Wunsch nach dem Akt der Vergewaltigung, sondern einen gesteigerten Ausdruck ihres Wunsches nach Dominanz, den ihr die Gesellschaft, die sexuellen Normen, eingetrichtert haben; ihre Lust muss immer in der Ohnmacht, im Genommenwerden, im passiven Aufnehmen liegen.

Auch in den folgenden Kapiteln tut sich Despentes weiter in brisanten und heiklen Themen um. Oft sind ihre Thesen steil, aber nie ohne Biss, voller Ecken und Kanten, an denen man sich stößt. Zur Sex-Arbeit, die sie eine ganze Weile ausgeübt hat, berichtet sie vor allem Positives und spricht über die Faszination, sich selbst und seinen Körper als Objekt zu begreifen – also nicht objektifiziert zu werden, sondern diesem Prozess sozusagen zuvorzukommen, selbstbestimmt.

Ich war die Hüterin eines wild begehrten Schatzes […] der Zugang zu meinem Körper erhielt eine extreme Bedeutung […] Mein Körper war ein riesiges Spielzeug geworden.

Despentes macht klar, dass sie nicht versteht, warum Frauen nach wie vor stigmatisiert werden, wenn sie ihren Körper verkaufen, während Männer, die Körper kaufen, kein bisschen stigmatisiert werden. Sex soll also etwas sein, dass Männer wollen, Frauen aber ungern geben, oder nur aus Liebe, nicht gegen so etwas Niederes wie Geld (das erst wieder zu einem hohen Gut wird, wenn der Mann es nach Hause bringt)?

Keine Frau darf aus sexuellen Diensten außerhalb der Ehe Gewinn ziehen. Sie ist keinesfalls erwachsen genug für die Entscheidung, ihre Reize feilzubieten. […] Sie sind immer Opfer.

Auch auf Pornographie kommt sie zu sprechen und bietet hier ebenfalls einen eigenwilligen Blickwinkel. Pornographie ist für sie einerseits ein wichtiges Ventil für unsere Phantasien, andererseits liegt in ihr dasselbe Problem, wie in allen Fiktionen: wenn man anfängt, sie eins zu eins für voll zu nehmen, auf die Wirklichkeit zu übertragen (vor allem die Fiktionen, die unterhalten wollen), dann werden daraus Illusionen, falsche Vorstellungen, gefährliche und hartnäckige.

Man verlangt zu oft vom Porno, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein. Als wäre er kein Kino mehr. Man wirft zum Beispiel den Schauspielerinnen vor, ihre Lust nur zu spielen. Aber gerade dafür sind sie da, dafür werden sie bezahlt, das haben sie gelernt.

Natürlich ist Pornographie ein sehr heikles Thema und die teilweise horriblen Arbeitsbedingungen hat Despentes etwas zu wenig im Blick. Despentes plädiert für einen aufgeklärten Umgang mit Pornographie wie auch schon vorher mit Sexarbeit und Vergewaltigung. Die Stigmatisierung und das Tabu sind ihrer Ansicht nach dafür verantwortlich, dass es bei diesen Themen zu wenig Bewegung gibt, sich zu wenig ändert, zu wenig debattiert und gefordert wird, zu viel Misstrauen und Vorurteile herrschen.

Sex, Sex, Sex. In Despentes Buch geht es viel darum und doch ist kaum ein Deut davon erfreulich und damit stellt sie sich, sehr erfolgreich und bemerkenswert, wie ich finde, gegen den ewigen Strom der positivistischen Sexualbücher, Filme, und sonstigen sexualisierten Medien. Natürlich ist Sexualität, einvernehmlich und mit entsprechender Rücksichtnahme und Vorsicht gelebt, etwas sehr Schönes. Aber es wird zu wenig gesprochen über die Versäumnisse und Tabus, die es hier immer noch gibt. Und das sind eben nicht Analsex oder Fisting, Gang-Bangs, etc.

Nein, vielmehr wird zu wenig darüber gesprochen, dass Sexualität noch immer und oft viel mit Gewalt zu tun haben kann. Dass Sexualität immer noch ein Machtinstrument ist, nach dem Geld sicher das Einflussreichste. Und dass die Darstellung von Sexualität bei aller Aufgeklärtheit noch immer fadenscheinig und sehr monokulturistisch sein kann.

Despentes, um nur ein Beispiel zu nennen, spricht zum Beispiel über den weiblichen Orgasmus, der als Errungenschaft gepriesen, aber längst nicht so gelebt wird, werden kann. Denn:

Von einer Möglichkeit wurde der [weibliche] Orgasmus in einen Imperativ verkehrt.

Für eine Frau muss der Orgasmus plötzlich ein Ziel sein und sie muss zum Orgasmus kommen können, muss sich auf den Mann soweit einlassen, damit er sie zum Orgasmus bringen kann. Zwang statt Freiheit.

Despentes Buch ist ein Sammelsurium, ein Schwall, eine Tirade voller Traktate; eine vielleicht nicht immer ausgewogene, aber dennoch großartige Auseinandersetzung mit den blinden Flecken des sexualisierten Zeitalters. Wen einige der angedeuteten Themen interessieren, dem kann ich nur empfehlen, sich mit Virginie Despentes Essays auseinanderzusetzen und sich geistig mit ihnen zu messen; sie vermag es, einiges vom Kopf auf die Füße zu stellen. Sie hat sicher nicht immer Recht, aber sie zwingt die Leser*innen unerbittlich, sich mit der Fragilität von Sexualität auseinanderzusetzen. Denn das ist Sexualität auch: nicht nur kraftstrotzend, vital, hedonistisch, glänzend und eruptiv, sondern auch fragil, widersprüchlich, hässlich, schwierig, eigensinnig. Davor die Augen zu verschließen bringt nichts. Wir müssen miteinander darüber reden, egal wie sehr versucht wird, Normen wie Gräben zwischen uns zu ziehen.

Traditionell sollen sich Frauen und Männer nicht verstehen, verständigen und miteinander aufrichtig sein. Diese Möglichkeit ist offenbar beängstigend.

Zu Margarete Stokowskis “Untenrum frei”


Untenrum frei

Haben wir die Fesseln der Unterdrückung längst gesprengt, oder haben wir nur gelernt, in ihnen shoppen zu gehen?

Man könnte das ganze Buch von Margarete Stokowski – das in 7 Kapitel unterteilt ist, von denen jedes in sich abgeschlossen ist und als Einzeltext gelesen werden kann – als eine lange, ausführliche, von verschiedenen Seiten beleuchtete Antwort auf eine einzige Frage lesen: Warum Feminismus?

Das wäre selbstverständlich eine stark verknappte Zusammenfassung. Natürlich schleift diese Frage einen Rattenschwanz von weiteren Fragen hinter sich her: Was ist Feminismus? Wie wirken sich feministische Positionen auf das eigene Leben aus, wie stellt sich eine unter feministischen Gesichtspunkten betrachtete Wirklichkeit dar? Inwiefern hängen Feminismus und Gendertheorie zusammen? Ist Feminismus grundsätzlich solidarisch mit allen anderen Anti-Diskriminierungsbewegungen? Was will der Feminismus erreichen?

All diese Fragen bindet Stokowski ein und es wird schnell ersichtlich, dass es ihr nicht um einen Feminismus spezieller Prägung, sondern um Feminismus als Ausdruck und Sammelbegriff einer generellen Unzufriedenheit mit den hierarchischen, determinierten, unverhältnismäßigen & ungerechten Gesellschaftsverhältnissen, Normen und Vorstellungen geht, dessen Hauptanliegen und Ziel die Freiheit beim Ausleben der eigenen Persönlichkeit und der Ausformung der eigenen Identität ist (solange dies nicht die Freiheit eines anderen Individuums oder einer Gruppe einschränkt).

Es geht um die kleinen, schmutzigen Dinge, über die man lieber nicht redet, weil sie peinlich werden könnten, und um die großen Machtfragen, über die man lieber auch nicht redet, weil vieles so unveränderlich scheint. Es geht darum, wie die Freiheit im Kleinen mit der Freiheit im Großen zusammenhängt, und am Ende wird sich zeigen: Es ist dieselbe.

Ich werde nicht müde, Camus zu zitieren, der einmal in seinen Cahiers angemerkt hat, dass alle größeren Konflikte der Menschheit letztlich Kämpfe um Privilegien waren und sind. Noch immer sind die Privilegien auf dem Planeten ungleich verteilt, in jeglicher Hinsicht. Hauptsächlich, weil die Menschen die mehr Privilegien haben nicht bereit sind, einen Teil davon abzugeben, damit irgendwann alle dieselben Privilegien genießen können.

Rebecca Solnit hat in ihrem Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eindrucksvoll geschildert, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung immer noch vom anderen Teil unterdrückt wird. Frauen (und als Frauen definierte oder so wahrgenommene Personen jedweden/r Geschlechts/Genderbezeichnung) üben lediglich 10% der Gewalttaten aus, sind aber selbst häufig Opfer von Gewalt, speziell von sexueller Gewalt. Auch in Deutschland hat mindestens jede vierte Frau einmal sexuelle Gewalt erfahren.

Es gibt in Deutschland und generell in Westeuropa vielleicht keine Zwangsheiraten mehr und keine gesetzlich verankerte sexuelle Repression. Aber immer noch sind unsere Systeme und Vorstellungen von repressiven und problematischen Geschlechterbildern durchdrungen. Das beginnt schon in den banalsten alltäglichen Wortverwendungen, wird deutlich in der pornogeprägten Sexualsprache (z.B.: wenn man in vielen Kontexten bei Frauen von schmutzigen, statt schlicht von sexuellen Phantasien spricht), aber letztlich springt uns diese Problematik überall entgegen. Stokowski spricht in einem Kapitel von einer Studie, bei der den Testpersonen Aussagen vorgelegt wurden, die entweder aus Männermagazinen entnommen waren oder von verurteilten Vergewaltigern stammten.

Die Testpersonen waren nicht fähig zu unterscheiden, welche Sätze aus Männermagazinen stammen und welche von Vergewaltigern. Ja, sie fanden sogar die Aussagen aus den Magazinen tendenziell herabwürdigender.

Stokowskis Buch ist aber nicht bloß eine gute Darstellung solcher systemimmanenter Diskriminierungen und Idiotien, sondern auch das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit der eigenen Entwicklungsgeschichte, von der Bravolektüre bis zum Beziehungsalltag als Erwachsene. Die Kapitel beginnen fast immer mit einem Erlebnis aus ihrer eigenen Biographie und sind von solchen Selbstausleuchtungen mal mehr, mal weniger durchzogen. Klug und überzeugend knüpft sie mit Biographischem an größere Zusammenhängen an. Ihre Prosa hat eine coole Dynamik, ist eine bestechende Mischung aus fachlich Gediegenem und genauestens Durchdachtem, tiefergehenden Selbstzeugnissen und hingerotzten und herbeizitierten Klarstellungen. Sie nimmt letztlich keine hohe Warte ein, doziert nicht, sondern begegnet ihren Leser*innen auf Gesprächsniveau, verständnisvoll und unversöhnlich zugleich.

Stokowski spricht davon, wie sie selbst lange nicht glaubte, dass Feminismus wichtig ist oder sich zumindest nicht genauer mit ihm auseinandersetzte. Bis sie begriff, was das mit uns macht, wenn wir die gesellschaftlichen Rollen, in die wir gesteckt werden (auch wenn wir nicht glauben, dass wir uns in ihnen durch die Welt bewegen), nicht hinterfragen. Wenn wir uns nicht mit ihnen auseinandersetzen. Dann gibt es sie trotzdem, dann machen sie trotzdem etwas mit uns.

Wir stecken viel Energie in die Rollen, die wir spielen, weil wir glauben, dass alles eine Ordnung haben muss und so viel anders auch gar nicht geht. Wir geben uns Mühe, die wir oft kaum bemerken, weil sie so alltäglich geworden ist. Und auch, weil es leichter ist, sich an vorhandene Muster zu halten.

Sie spricht über ihre eigenen Erfahrungen mit Sex, Bildung, Sozialgefügen, etc. und schafft es, dabei sowohl die menschliche als auch theoretische Ebene konkret herauszuarbeiten, hervorstechen zu lassen – ein bemerkenswerter Balanceakt, den man ihr als Unentschlossenheit, als Makel ankreiden könnte. Doch dann würde man ignorieren, wie nachdrücklich dieses Buch Dinge auf den Punkt bringt, wie versiert und uneitel es sich innerhalb dieser komplexen Themen bewegt und wie weit es sich an manchen Stellen den Leser*innen öffnet.

Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen wirkt manchmal so, als wolle man die Gräben zwischen ihnen vertiefen, obwohl man sie auf Dauer abschaffen will: Ein nerviges Dilemma, aus dem man nicht rauskommt, solange man Probleme beheben will.
Wir müssen zeigen, nach welchen Kriterien sich Reichtum und Erfolg, Gesundheit und Lebensdauer, Gewalt und Leid verteilen, wenn wir wollen, dass alle dieselben Chancen auf ein glückliches Leben haben – auch wenn oder gerade weil diese Kriterien das sind, was wir auf Dauer abzuschaffen versuchen.

Ja, wir müssen, im Interesse aller, daran arbeiten, dass eine Gesellschaft, in der Gleichberechtigung nicht nur ein Vorsatz, sondern eine verwirklichte, gelebte Realität ist, entstehen kann und das heißt, dass einiges planiert, einiges platt gemacht werden muss. Dass einige Privilegien verschwinden und letztlich alle.

Denn es gibt keine neutrale Sicht auf das Leben, und wir brauchen sie nicht. Wir brauchen Vielfalt – Vielfalt lehrt uns Freiheit.

Margarete Stokowskis Buch hat mir seit langem mal wieder Mut gemacht; etwas in mir angefacht, dass an dieser Welt arbeiten, sie auf positive Weise mitgestalten will. Es ist ein Buch mit vielen Facetten und ich hoffe, ich habe keine von ihnen allzu sehr in der Mittelpunkt gerückt oder unter den Tisch fallenlassen.

Manches hat mich tief berührt, manches schockiert, manches hat meinen Horizont erweitert, manches meine eigenen Gedanken bestärkt. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: am meisten hat mich beeindruckt, wie dieses Buch aufklärerlisch argumentiert, auf theoretischen Ebenen arbeitet und doch durch seine Direktheit, seine Sprache, eben nicht belehrt, sondern kommuniziert, ein Aufruf zum Dialog ist. Aufmerksamkeit erzeugt und nicht nur Wissen.

Solche Bücher braucht es. Bücher, in denen das Abstrakte und das Lebendige zusammenfallen. Die uns Zusammenhänge aufzeigen, Tatsachen vermitteln, die uns aber auch auffordern, in denen wir nicht einfach nur sichere und schweigsame Teilnehmer sein können, sondern die uns mit uns selbst, mit dem Schönen und Schlimmen in uns und um uns, konfrontieren. Bücher, die uns inspirieren.

Sie sagen, dass wir von Hass getrieben sind, weil sie sich wundern, dass da Frauen mal keine Harmonie und Liebe versprühen, sondern Forderungen haben. Aber Wut ist nicht dasselbe wie Hass. Hass will Zerstörung. Wut will Veränderung. Hass ist destruktiv, Wut ist produktiv.

Stokowski zitiert Susan Sontag mit den Worten: „Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“ Ich glaube, dass Literatur eine Schule des Sehens, des Zuhörens, des Hinhörens und Fühlens sein kann – „Untenrum frei“ hat es mir mal wieder gezeigt, mich darin bestärkt. Genauso wie Stokowski glaube ich daran, dass es wichtig ist

hinter Sätze, die in Stein gemeißelt sind, ein Fragezeichen [zu] setzen.

Dieses Buch setzt ein paar fette Fragezeichen und fügt meist noch ein fettes Ausrufezeichen hinzu.

Ein Pappmachevogel, Sado-Maso und ein paar Jungs, die für ihre Trophäen morden – Richard Brautigans “Willard und seine Bowlingtrophäen”


Willard und seine Bowlingtrophäen „Sie lagen eng aneinandergeschmiegt im Bett, und sie waren sehr traurig. Sie waren immer traurig, wenn sie miteinander geschlafen hatten, aber sie waren ja jetzt die meiste Zeit traurig, so dass es eigentlich soviel auch wieder nicht ausmachte, außer dass sie jetzt warum und unbekleidet beieinanderlagen und dass die Leidenschaft auf ihre eigentümliche Art ihre Körper gestreift hatte wie ein Schwarm seltsamer Vögel oder wie der Flug eines einzigen dunklen Vogels.“

Während die zwei traurigen Liebenden auf dem Bett liegen (gleich daneben die Green Anthology mit den Fragmenten von zweitausend Jahre alten Gedichten), hockt ein Stockwerk tiefer Willard, der große Pappmachevogel, zusammen mit seinen Bowlingtrophäen, während im Zimmer nebenan seine Besitzer, John und Pat, sich noch die Johnny Carson-Show ansehen und Sandwiches futtern. Das eine Paar hat einen unbefriedigenden Geschlechtsakt hinter sich, mit Sado-Maso, Kondomekel und Entfremdung gespickt, das andere einen befriedigenden, geradezu idyllischen. Eine traurig bis heitere Wohnhaus-Melancholie mit american Flair, mit Feinschliff dargestellt – oder?

Leider gehören Willard die Bowlingtrophäen nicht (auch wenn sie nun zusammengehören, Pokale und Vogel), sie gehören den Logan-Brüdern, die seit mehreren Jahren auf der Suche nach ihnen sind und durch die Staaten touren. Einstmals nette Jungs, deren ganzer Stolz ihre Trophäen waren, drehen sie krumme Dinger und überfallen Tankstellen, immer nur auf der Suche nach den Dieben, die ihnen eines Abends ihre ganzen Trophäen geklaut haben. Gerade warten sie in einem Hotel auf einen mysteriösen Anruf, der ihnen endlich verraten soll, WO IHRE VERDAMMTEN TROPHÄEN SIND.

Schon irritiert? Die Lektüre von „Willard und seine Bowlingtrophäen“ wird diese Irritation nicht auflösen, sondern eher noch sanft-süffisant verstärken. Denn Richard Brautigans 1975 erstmals veröffentlichter „perverser Kriminalroman“ ist kein Krimi und auch kein Roman, sondern ein komisch-krudes Kabinettstück. Während wir einiges über Warzen am Geschlechtsteil hören, erleben wir den traurigen Verlauf, den die Liebe manchmal nimmt und sehen gleichzeitig ein Stockwerk tiefer ein zufriedenes Liebesglück. Und dazwischen braut sich langsam die Geschichte über den schleichenden Wahnsinn, die Gewalt, die aus der Verhinderung der höchsten wie einfachsten Lebenswünsche entspringt zusammen.

Brautigans kurze, aber nicht beiläufige Farce ist skurril, absurd, albern fast. Aber sie hat trotzdem wie immer einen Haufen doppelter Böden, die oft in Nischen und innerhalb der banalsten Momente angebracht sind und sich nur kurz auftun, während die Handlung fast schon behäbig und gleichwohl beschwingt dahinfließt. Seine Bücher kreisen immer wieder um Motive, denen eine absurde, kaum angemessene, aber doch sehr lebensnahe, vertraute Tragik innewohnt – und diese Tragik rettet seine obskure, lang hingezogene Dramatisierung vor dem Abgrund der Mühsamkeit.

Es ist nicht Brautigans bestes Buch, aber es ist eine kurze und lesenswerte Comedy-Melancholie, ohne Gewieftheit, schlicht und mitunter in ihrer Sanftheit und Unausweichlichkeit poetisch.

Zu Rebecca Solnits “Wenn Männer mir die Welt erklären”.


Wenn Männer mir die Welt erklären „das Syndrom, von dem ich spreche, ist ein Krieg, dem sich fast jede Frau Tag für Tag ausgesetzt sieht, ein Krieg, der auch in ihrem Innern stattfindet, die Überzeugung, überflüssig zu sein, die Verlockung zu schweigen, und selbst eine Karriere als Schriftstellerin (die ausgiebig recherchiert und korrekte Fakten liefert) hat mich von all dem nicht gänzlich befreien können.“

Es beginnt mit einer Geschichte, die mittlerweile vermutlich hinlänglich bekannt ist, zumal sie auch anekdotischen Charakter hat: auf einer relativ unspektakulären Dinner-Party fragt ein älterer Herr Rebecca Solnit nach ihren Büchern. Sie will gerade anfangen von ihrem neusten Buch über Eadweard Muybridge zu erzählen, da fällt er ihr auch schon, kaum dass sie den Namen erwähnt, ins Wort und beginnt, selbst von einem Buch über Muybridge zu erzählen, das im selben Jahr erschienen ist.

Schnell wird Rebecca Solnit klar, dass es ihr Buch ist – eine Möglichkeit, die dem Gastgeber nicht in den Sinn zu kommen scheint und auch Hinweise bringen ihn zunächst nicht aus dem Konzept, er doziert frohgemut weiter. Als die Information dann doch zu ihm durchdringt, kommt heraus: er hat das Buch gar nicht gelesen, sondern nur eine Besprechung im New York Review.
Eine hübsche Gegebenheit mit einer guten Pointe, wäre da nicht der symptomatische Kern – ein Kern, der sogar noch ein bisschen über das hinausgeht, was in den letzten Jahren, anhand von Begriffen wie „mansplaining“, kritisch verhandelt wurde.

„Falls ich es in meinem Essay nicht klar genug zum Ausdruck gebracht habe: Ich finde es wunderbar, wenn mir jemand etwas erklärt, was mich interessiert und womit er oder sie sich auskennt, ich mich hingegen nicht; die Unterhaltung gerät erst dann in eine Schieflage, wenn man mir etwas erklärt, womit ich mich auskenne, der oder die Erklärende jedoch nicht.“
(Aus dem Nachsatz, vier Jahre nach dem Essay entstanden)

Mansplaining klingt nämlich zunächst einmal nervig, unnötig, arrogant, ignorant und paternalistisch, aber nicht unbedingt schwerwiegend. Das Problem reicht aber noch tiefer, wie Solnit im Verlauf des Essays und im Verlauf des ganzen Buches, in verschiedenen Texten, ausführt; es ist im Prinzip dasselbe Problem, das Ingeborg Bachmann in der Erzählung „Simultan“, Karen Blixen in ihren Briefen oder Virigina Woolf in ihrem Essay „A room of one‘s one“ beschreiben: die Schwierigkeit, als Frau ernstgenommen, und, noch grundsätzlicher, als selbstbestimmt wahrgenommen zu werden.

„es muss auf diesem Planeten mit seinen sieben Milliarden Bewohnern Milliarden von Frauen geben, denen immer wieder erzählt wird, dass sie keine verlässlichen Zeuginnen ihres eigenen Lebens seien, dass ihnen die Wahrheit nicht gehöre, weder jetzt noch jemals sonst.“

Die Anekdote verdeutlicht also nicht nur das Problem des bevormundenden Mannes, es verdeutlicht einen Teil, wenn nicht sogar die ganze Struktur des Patriachats. Und das besteht nicht nur aus erklärungswütigen Männern. Es besteht aus Männern, die meinen, sie könnten entscheiden, was Frauen mit ihrem Körper tun sollten und was nicht; es besteht aus Männern, die meinen, sie hätten das Recht, an Frauen sexuelle Handlungen zu vollziehen oder mit ihnen in eine sexuelle Beziehung zu treten, ohne vorher ihr Einverständnis eingeholt zu haben; es besteht aus Männern, die Frauen zum Schweigen bringen, wenn sie gegen sie aufbegehren, mit Mitteln wie Verleumdung, Banalisierung, Hysterie-Vorwürfen etc., aber auch mit Mitteln der Gewalt bis hin zu Demütigung und Mord.

„gibt es ein weitverbreitetes, tiefgreifendes, schreckliches Muster der Gewalt gegen Frauen, das permanent übersehen wird. Hin und wieder erfahren Fälle, an denen prominente Persönlichkeiten beteiligt sind, oder die schauerlichen Einzelheiten eines Geschehens ein großes Medienecho, doch diese Fälle werden als Anomalien behandelt, während die Flut beiläufiger Pressemeldungen über Gewalt gegen Frauen hier bei uns wie in jedem anderen Land der Erde […] eine Art Hintergrundtapete für die Nachrichten darstellt.“

Und darum geht es in diesem Buch. Es wäre schade, würde man dieses Buch mit einem Nicken und dem Gedanken abtun: ja, kenne die Anekdote, kenne das Problem. Denn Solnit fächert hier in mehreren Essays eine ganze Palette von Problemen auf, die mit patriarchalen Strukturen und dem Rollenbild der Frau in unseren Gesellschaften zu tun haben.

Der zweite Text beispielsweise beschäftigt sich mit dem Themenkomplex Gewalt und Männlichkeit.

„Gewalt hat keine Rasse und keine Klasse, keine Religion und keine Nationalität, aber sie hat ein Geschlecht.
An dieser Stelle möchte ich eines betonen: Auch wenn so gut wie alle diese Verbrechen von Männern begangen werden, bedeutet das nicht, dass alle Männer gewalttätig wären. Die meisten sind es nicht. Zudem erfahren offenkundig auch Männer Gewalt, zum großen Teil durch andere Männer, und jeder gewaltsame Tod, jeder Angriff ist schrecklich.“

Natürlich ist es den meisten Menschen irgendwie klar. Man muss ja nur in die Geschichtsbücher schauen: die meisten Kriege wurden von männlichen Anführern mithilfe der männlichen Bevölkerung ausgefochten (wobei natürlich nicht nur die männlichen Bevölkerungsmitglieder unter Kriegen zu leiden hatten!). Die meisten Mörder, die die Geschichtsbücher nennen, sind Männer.
Aber auch ein Blick in die Zeitung von heute reicht aus: die Anzahl der Verbrechen gegen Frauen ist gewaltig. Nur wird jedes Verbrechen als Einzelfall behandelt und mit allem möglichen in Verbindung gebracht, nur nicht mit dem generellen Problem, dass es auch in unseren Gesellschaften nicht selten vorkommt, dass ein Geschlecht dem anderen in vielen Situationen ausgeliefert ist – und das nicht, weil Frauen hilflose Wesen sind, sondern weil Männer öfter gewalttätig sind und ihre Gewaltbereitschaft sie zu einer ständigen Gefahr macht.

Auch Frauen begehen Verbrechen. Auch Frauen üben Gewalt in Beziehungen aus – aber das endet erstens selten tödlich und zweitens sind diese Taten in einem hohen Prozentsatz der Fälle Akte der Notwehr oder der Angst oder der Verzweiflung.

„Die Verfügbarkeit von Waffen ist in den Vereinigten Staaten offenkundig ein Problem. Dennoch werden neunzig Prozent der Morde an Männer begangen, obwohl Waffen für alle verfügbar sind. […] Alle neun Sekunden wird in unserem Land eine Frau geschlagen. […] Die Haupttodesursache von schwangeren Frauen sind in den USA die Ehemänner. […] Unter den amerikanischen Ureinwohnerinnen wird jede dritte Frau vergewaltigt, wobei achtundachtzig Prozent der Täter in den Reservaten nicht-indianischer Herkunft sind […] Nach Informationen des Theaterprojekts Ferite a morte der Schauspielerin Serena Dandini und ihrer Kolleginnen werden weltweit jedes Jahr rund sechsundsechzigtausend Frauen von Männern unter bestimmten Umständen getötet, für die die Gruppe den Begriff femminicidio, Feminizid, geprägt hat. Meist werden diese Frauen von Liebhabern, Ehemännern, ehemaligen Partnern umgebracht, die damit die extremste Form von Beherrschung ausüben, die endgültige Form der Auslöschens, des Zum-Schweigen-Bringens, des Verschwindenlassens. […] Die üblichen Ratschläge [für die Verhinderung von Vergewaltigungen beispielsweise] bürden die gesamte Last der Prävention den potenziellen Opfern auf, während sie die Gewalt als gegeben voraussetzen.“

Nicht nur die Gewalt, was schlimm genug ist, sondern auch die damit verbundene Idee von Männlichkeit wird als gegeben hingenommen. Unterbewusst scheint unser System andauernd zu verkünden: Männer sind halt so, Frauen sind halt so. Die Phrase schwingt mit: wenn der Präsident im Fernsehen eine selbstgefällige Rede hält; wenn sich ein Freund aus Frustration in eine misogyne Bemerkung versteigt; wenn der eigene Vater beim Weihnachtsessen eine witzig gemeinte sexistische Bemerkung macht und die eigene Mutter nur müde lächelt; oder wenn man mal wieder auf fadenscheinige Art ein sexueller Übergriff kleingeredet wird.

„Wenn wir über Verbrechen wie diese reden würden und darüber, warum sie so häufig geschehen, müssten wir auch darüber reden, welche tiefgreifenden Veränderungen unsere Gesellschaft, dieses Land und so gut wie alle anderen Länder brauchen. Täten wir es, müssten wir über Männlichkeit oder männliche Rollenbilder reden und vielleicht auch über das Patriachat, und darüber reden wir nicht gerade oft.“

Das Problem ist: wenn sich dieses Denken nicht ändert, sehe ich nicht nur ein Problem für unsere Gesellschaften, sondern überhaupt für unsere Welt. Denn sehen wir uns doch mal um: wenn es stimmt, dass diese Welt lange Zeit eine „man’s world“ war, dann (bei allen großartigen Erfindungen und Errungenschaften, Erfolgen und Ideen, die auch nicht ohne die unsichtbare Mitarbeit, Hilfe und Unterstützung des weiblichen Teils der Bevölkerung möglich gewesen wären) sollte sie es in Zukunft nicht mehr sein, denn dann hat sie keine Zukunft. Vielleicht bin ich da pessimistisch, sogar hysterisch, aber ich glaube, dass es schon einen (wenn auch nicht alleinigen) Zusammenhang gibt zwischen überholten Männlichkeitsbildern und den Kriegen und sonstigen Konflikten, mit denen die Welt von jeher überzogen wird. Und da hilft es nicht zu sagen: Männer sind halt so. Es existiert in unseren Gesellschaften die Idee eines Menschen, der sich aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten zu seinen eigenen tierischen Instinkten und auch zu seinen eigenen bisherigen geistigen Erzeugnissen und Wahrheiten verhalten und sie reflektieren kann. Ohne diese Idee keine Zivilisation. Und diese Idee sollte nicht vor veralteten Geschlechterrollen halt machen.

Als ich mich anhand dieses Buches (und anderer Bücher) und natürlich auch in Gesprächen mit Freund*innen mit der Problematik des Patriachats auseinanderzusetzen begann, war ich anfangs oft erschüttert, verunsichert, wie ich mich nun positionieren sollte; diese Verunsicherung hat sich bisher nicht geklärt und mittlerweile glaube ich, dass diese Verunsicherung eine Form von Achtsamkeit/Aufmerksamkeit/Bewusstsein ist, die ich nicht überwinden, sondern erstmal beibehalten sollte.
Natürlich werde ich die ganze Wucht der Problematik nie nachvollziehen können, denn mir fehlt das Gefühl unmittelbar betroffen zu sein; ich habe nie die Konsequenz erfahren, mit der eine so geartete Wirklichkeit mein Handeln bedingt, bedrängt und einschränkt; ich kann nicht wissen, was das mit einem macht, körperlich, psychisch. Ich kann es nur erahnen, aber diese Ahnung reicht mir, um zu wissen, dass etwas grundlegend falsch läuft.

„Oder wie eine gewisse Jenny Chiu twitterte: »Klar, #NichtAlleMänner sind Vergewaltiger und Frauenfeinde. Aber darum geht es nicht. Der springende Punkt ist: #JaAlleFrauen leben in der Angst vor denjenigen, die es sind.«“

Ich muss zugeben, seitdem ich Rebecca Solnits Buch gelesen habe, habe auch ich Angst. Nicht vor anderen Menschen, aber vor mir selbst. Ich denke nicht, dass ich dazu in der Lage wäre jemandem Gewalt anzutun, jemanden sexuell zu nötigen. Ich will es nicht und ich bin außerdem überzeugt davon (auch wenn das abgeschmackt pathetisch klingt), dass ich damit einen unermesslichen Schaden in meiner eigenen Seele anrichten würde. Aber ich habe Angst davor, jemandem Angst zu machen.

Ich lief einmal mit einem Freund spätnachts durch die Wien. An einer Ampel fragte er eine junge Frau, die uns allein entgegenkam, nach einer Zigarette und Feuer. Wir gingen weiter und nach einer Weile sagte er (in etwa): „Dieser Ausdruck der Erleichterung auf ihrem Gesicht, als sie merkte, dass ich nur nach einer Zigarette fragen wollte.“ Auch ich hatte den Ausdruck gesehen. Erst den kurzen Schreck, als er sie ansprach, und dann die Veränderung in ihrem Gesicht, das erleichterte Lächeln, als er etwas ungelenk und entschuldigend seine Bitte vorbrachte: Er wisse, Schnorren sei irgendwie uncool, aber wir hätten noch einen langen Heimweg, etc.

Ich kenne meinen Freund und weiß, er ist nett und keineswegs gefährlich. Aber allein die Tatsache, dass er ein Mann ist und sie nachts auf offener Straße anspricht, während nur ein anderer Mann anwesend ist, bringt diese Frau kurz aus dem Gleichgewicht. Nicht, weil wir über die Maßen bedrohlich wirkten und vermutlich auch nicht, weil sie eine schreckhafte Person ist. Sondern weil wir in einer Welt leben, in der Frauen ständig Angst vor sexuellen Übergriffen und Gewalt haben müssen – sie wachsen in dieser Gewissheit auf, sie erleben es immer wieder, die permanente Möglichkeit wird ihnen eingetrichtert.

„Die Vorstellung, Frauen schuldeten Männern Sex, existiert praktisch überall. Genau wie mir damals, wird vielen Frauen schon im Mädchenalter eingeredet, dass wir mit Dingen, die wir getan, gesagt oder getragen hätten, oder einfach nur durch unser Aussehen beziehungsweise durch die Tatsache, dass wir Frauen sind, Begierden ausgelöst hätten, daher seien wir vertraglich verpflichtet, diese zu befriedigen. Wir seien es ihnen schuldig. Sie hätten ein Recht darauf. Auf uns.“

Ich glaube nicht, dass irgendein vernünftiger, emotional ausgeglichener Mensch laut sagen würde, dass sexuelle Gewalt eine prima Sache sei, die in unseren modernen Gesellschaften noch einen Platz haben sollte (dieser Glaube ist zugegebenermaßen schon oft erschüttert worden, wenn mir Freund*innen von ihren Erlebnissen berichtet haben oder auch durch dieses Buch von Solnit; im Moment halte ich noch an diesem Glauben, an dieser Hoffnung fest, zumindest, was unsere Generation betrifft.).

Dass sexuelle Gewalt schon bei einfachsten Übergriffen, physischer und psychischer Natur, beginnt, ist leider ein Aspekt, der noch nicht bei allen Leuten, die diese Aussage treffen würden, angekommen ist. Und selbst wenn doch: es ist leider immer noch gang und gäbe, dass zu wenig getan wird, um den Mechanismen und Rollenbildern, die dieses Verhalten bestärken, entgegenzuwirken. Wenn wir eine Gesellschaft ohne diese Form der Gewalt, der Unterdrückung haben wollen, müssen wir dieser Gewalt jeden Zentimeter Boden nehmen, den wir ihr nehmen können! Denn, wie Solnit scheibt, es ist klar,

„dass Gewalt in erster Linie autoritär ist. Ihre Ausgangsprämisse lautet: Ich habe das Recht, über dich zu bestimmen. […] Jeder sexuelle Übergriff ist ein Akt der Gewalt – die Weigerung, jemanden als Menschen zu behandeln, die Verletzung eines der grundlegendsten Menschenrechte, nämlich des Rechts auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung.“

Auch mit dem Themenkomplex Männlichkeit/sexuelle Gewalt ist die Bandbreite dieser Essaysammlung noch nicht ausgereizt. Es gibt z.B. noch Kapitel über das Kassandra-Syndrom (das systematische Untergraben weiblicher Glaubwürdigkeit) und auch einen sehr gelungenen Text über das Denken und Schreiben von Virginia Woolf. Darin zitiert sie unter anderem aus Woolfs Essay „Die Berufe der Frauen“, in welchem Woolf sinnbildlich den „Engel im Haus“ (und mit ihm die Vorstellung, die jahrhundertelange mit der Rolle der Frau verbunden war) umbringt und schreibt:

„Mit anderen Worten, nun, da sie sich von der Verlogenheit befreit hatte, brauchte sie nur noch sie selbst zu sein. Ah, aber was ist »sie selbst«? Ich meine, was ist eine Frau? Ich versichere ihnen, ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass Sie es wissen.“

Die meisten Männer begreifen glaube ich immer noch nicht, dass ihre Geschlechtsgenossen diese Frage nach der weiblichen Identität, dem weiblichen Selbst und dessen Entfaltung, über Jahrhunderte, bis nah an unsere Gegenwart heran, bestimmt, unterdrückt, übervorteilt, verdrängt, enggezogen, kleingeredet etc. haben. Geradezu systematisch.

Man kann die Augen davor wirklich nicht mehr verschließen, unsere eigenen (vor allem männlich geprägten) Geschichtsbücher erzählen davon, wie auch unsere literarischen Kanons, in jeder Faser. In „a room of one’s own“ schreibt Virginia Woolf über all die Professoren, die ich im viktorianischen England zum Wesen der Frau geäußert haben, in zig Publikationen – eine Obsession, die furchtbare Stilblüten und noch furchtbarere Vorstellungen und Klischees des Weiblichen zur Folge hatten. Es sind Werke, die Frauen nahezu alles absprachen (und teilweise immer noch absprechen, es gibt diese Bücher ja immer noch): Integrität, Verstand, Talent, Eignung, Objektivität, Vorstellungskraft und, ja, sogar schlicht Bewusstsein in Bezug auf das eigene Wesen.

„Ich habe eine Freundin, deren Familienstammbaum über tausend Jahre zurückreicht, doch er umfasst keine Frauen. Sie musste feststellen, dass sie, im Gegensatz zu ihren Brüdern, nicht existiert. Auch ihre Mutter existiert nicht, genauso wenig wie die Mutter ihres Vaters. Oder auch der Vater ihrer Mutter.“

Rebecca Solnit erzählt in diesen Essays, geschrieben im Zeitraum zwischen 2008 und 2014, alles in allem nicht viel Neues – aber nicht davon ist alt, weil nichts davon vorbei ist, nichts davon erledigt. Und allein die schiere Ansammlung an Problematiken rund um die Themen Patriachat und Geschlechterrollen, systematische Unterdrückung und Benachteiligung, etc. ist schon bemerkenswert. Keiner der Texte ist ein großer theoretischer Wurf, aber sie sind alle ungeheuer bewusstseinsbildend – und genau das braucht es meiner Ansicht nach: dass ein Bewusstsein in die Gesellschaft getragen wird, geschmissen meinetwegen. Ein Bewusstsein bzgl. der Dimensionen, der Ausmaße, der Mechanismen, der schieren Tatsachen. Ein Bewusstsein dahingehend, dass wir es hier mit einem grundsätzlichen und richtungsweisenden Problem zu tun haben, genauso wichtige wie jene, die den Postkolonialismus oder dem Klimawandel betreffen.

Also, bitte, auch wenn es zunächst so klingt, als könnte man dieses Buch auch subsummieren und müsste es nicht lesen: lest es! Leiht es euch aus. Redet mit jemandem, der es gelesen hat. Lest zumindest einen der anderen Essays. Kritisiert sie, überholt sie! Führt die Diskussionen, die sich aus diesen Texten ergeben. Es wäre so, so, so wichtig.

„Wie soll ich diese Geschichte erzählen, die wir schon allzu gut kennen? Ihr Name war Afrika. Sein Name war Frankreich. Er kolonisierte sie, beutete sie aus, brachte sie zum Schweigen, und noch Jahrzehnte nachdem das angeblich vorbei war, griff er willkürlich in ihre Angelegenheiten ein, an Orten wie der Elfenbeinküste, die ihren Namen nicht ihrer Identität, sondern ihren Exportgütern zu verdanken hat.
Ihr Name war Asien. Seiner war Europa. Ihr Name war Schweigen. Seiner war Macht. Ihr Name war Armut. Seiner war Reichtum. Ihr Name war SIE, aber was gehörte ihr? Sein Name war ER, und er ging davon aus, dass alles ihm gehörte und er sie nehmen konnte, ohne zu fragen und ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.“