Tag Archives: gesellschaftskritisch

Zu Kate Tempest: Brand New Ancients/Brandneue Klassiker


besprochen beim signaturen-magazin.de

Link zur SuhrkampSeite

Advertisements

Die Gedichte von Erich Kästner


I – Herz auf Taille

“Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt,
anstatt mit Puppen zu spielen.
Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt,
soweit wir vor Ypern nicht fielen.”

Wir schreiben das Jahr 1928. Die Weimarer Republik hat ihre beste Zeit; die anfänglichen Probleme scheinen überwunden und noch sind der schwarze Freitag und die darauffolgende Wirtschaftskrise nicht in Sicht, um der ersten deutschen Demokratie den Todesstoß zu versetzen. In Berlin, das große Zentrum des Kulturlebens der Republik, blüht die Kaffeehausliteratur; Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler, Joachim Ringelnatz, Hermann Kesten und viele andere Geistesgrößen der Zeit schreiben und diskutieren in den beliebtesten Etablissement über Politik, Kunst, Theater und Moral.
Einer, der, gerade angekommen, in diesen Kreisen überraschend schnell Anschluss findet, ist ein junger Mann von gerade 29 Jahren. Soeben hat er seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, mit Gedichten die mehrfach noch in der Zeit des Studiums in Leipzig entstanden sind. Die anschließenden 5 kurzen Jahre, die ihm noch zum produktiven Publizieren bleiben, wird er hauptsächlich in den Cafés verbringen, in denen auch weitere kritisch-bissig-geradeherausgesagte Gedichte entstehen werden. Die Rede ist von Erich Kästners, vielfach bekannt für seine wunderbaren Kinderbücher, doch nichtsdestotrotz auch einer der wichtigsten und unterhaltsamsten Dichter in deutscher Sprache.

“Du darfst dich nicht zu oft bewegen lassen,
den anderen Menschen ins Gesicht zu spein.
Meist lohnt es nicht, sich damit zu befassen.
Sie sind nicht böse. Sie sind nur gemein.”

Herz auf Taille besitzt den Schwung und manchmal auch den Unschliff erster Dichtungen, ohne deswegen je ganz zu misslingen. Ein Lyrik-Debüt, das nicht im Alter von über 35 Jahren publiziert wird, ist in der Regel immer auf die ein oder andere Art extrem und/oder in seiner Schlagrichtung überspitzt, allerdings im besten Fall auch hier und da mit einem Hang zu einer übermütigen Brillanz gesegnet. So finden sich auch in diesem Werk einige eher saloppe Gedichte, in denen die Intention hinter den manchmal bemühten Reimen etwas zurückbleibt, jedoch – es sind auffällig wenige, für ein Debüt. Dagegen findet sich so mancher Vers, der sprichwörtlich ist oder zumindest mit einer wunderbar gereimten Pointe oder Wendung daherkommt.

“Macht einen Buckel, denn die Welt ist rund.
Wir wollen leise miteinander sprechen:
Das Beste ist totaler Knochenschwund.
Das Rückgrat gilt moralisch als Verbrechen.”

Wie bereits erwähnt ist der Anteil an Dichtungen aus der Leipziger Zeit noch sehr hoch, was aber nicht besonders auffällt. Beinahe alle Gedichte haben einen kritischen, bezeichnenden Hintergrund, sind aber oft auch so etwas wie erzählte Gesellschaftsmomente. Die Mutter, die ihrem Sohn einen Brief schreibt, das Gespräch des Mannes mit der Geliebten an der Tür, das junge Liebespaar, das sich im Regen für immer verabschiedet, die Bardame, die ihre Sorgen wechselnden Zuhörern mitteilt.
Im anderen Teil der Texte wendet sich Kästner, meist nicht mehr so leichthändig, sondern mit großem Biss, direkt an den Leser (siehe Zeile über diesem Abschnitt), meist in Liedern und chansonsähnlichen Texten.

Die großen Themen der Weimarer Gesellschaft hat Kästner schon früh und vielfältig erkannt. Er, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky dürfen bis heute als die einzigen deutschen Dichter gelten, die die Instabilität der neuen Demokratie und die Gefahr, der sie sich durch äußeren Einfluss und (mehrfach) durch inneren Zerfall aussetzte, frühzeitig und umfassend erkannt und, auf ihre eigene Art, davor gewarnt zu haben. Kästner war nicht wie Brecht, der den Menschen die Wahrheit/Angst anklagend oder drohend und nach Art von Propaganda um die Ohren hauen wollte; auch Tucholskys Methode, der giftenden, meist satirischen Publizistik war nicht die seine, auch wenn er manchmal am Rande zu ihr tendierte. Nein, Kästner vertraute, auch wenn er anderes schrieb, noch so weit auf den Menschen, dass er hoffte, ihm mit Geschichten und Fingerzeigen einen Spiegel vorhalten zu können; zwar hielt er sich, was die Spiegelungen anging, mit der Wahrheit kein bisschen zurück, doch oft genug merkt man, wie er in manchen eher ruhigen und unscheinbaren Gedichtmomenten versucht, subtil ein Gefühl oder eine Beobachtung in seine Reime einzubinden, die man auch wieder herauslesen kann, um somit ein besserer, gescheiterer Mensch (oder zumindest Bürger) zu werden.

“Ich möcht es einmal nicht eilig haben.
Und morgen nicht zur Bö… zur Börse gehn.
Ich möchte wie ganz … wie ganz kleine Knaben
ganz ohne Geld vor einem Laden stehn.”

„Trefflich“ bezeichnet viele seiner Reime am besten, meisterhaft sind sie bis heute in ihrer saloppen und unterhaltsamen Lesbarkeit, die nichts Abstraktes und Geschnürtes hat.
Und: Wenn es um die (tiefgehende) Aktualität von Kästnergedichten angeht – wer daran noch zweifelt, der bekommt zuletzt noch ein vollständiges kleines Gedicht:

-Die Zeit fährt Auto-

“Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen.
Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit.
Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen.
Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken.
Der Globus dreht sich. Und wir drehen uns mit.

Die Zeit fährt Auto. Doch kein Mensch kann lenken.
Das Leben fliegt wie ein Gehöft vorbei.
Minister sprechen oft vom Steuersenken.
Wer weiß, ob sie im Ernste daran denken ?
Der Globus dreht sich und geht nicht entzwei.

Die Käufer kaufen. Und die Händler werben.
Das Geld kursiert, als sei das seine Pflicht.
Fabriken wachsen. Und Fabriken sterben.
Was gestern war, geht heute schon in Scherben.
Der Globus dreht sich. Doch man sieht es nicht.”

II – Lärm im Spiegel

“War dein Plan nicht: irgendwie
alle Menschen gut zu machen?
Morgen wirst Du drüber lachen.
Aber, bessern kann man sie.”

Unter diesem Motto hat Kästner sich lyrisch betätigt und das in einer Zeit, in der es bitter nötig war. Als Lärm im Spiegel 1929 herauskommt, kritteln bereits Wirtschaft und die gesellschaftliche Basis der Weimarer Republik und auch die politische Stabilität ist in Gefahr, extreme Gruppierungen haben großen Zulauf. Vielleicht deswegen kommt Kästners zweiter Lyrikband manchmal ein wenig überzynisch daher. Ein Jahr nach der erfolgreichen Publikation von Herz auf Taille, in dem Kästner noch klare, hellere Töne anschlug, ist er in seiner Lyrik etwas melancholischer geworden, viele seiner Figuren wirken sehr verloren, viele seiner Themen bleiben auf der ernsten Seite, jonglieren nur mit Spott. Auch sein Bild von der Rolle des Dichters hat sich nach einem Jahr im Caféhausleben von Berlin gewandelt.

“Wir spielen Harfe auf den eigenen Nerven.
Und wenn wir stöhnen, reimt sich das auch schon.
Wir lassen gern mit Steinen nach uns werfen.
Das klingt so schön. Denn Dichter sind aus Ton.”

Das Verlorensein, das Kästner zelebriert – trotz aller zynischen Heiterkeit und aller melancholischen Bedenklichkeit, wird es einem lyrisch einwandfrei serviert. Man wird von den Reimen eingefangen und gehoben und geworfen und gefangen, sie sind einfach, sachlich, aber doch immer wieder, meistens in der Endzeile, mit vielen kleinen Funken an Genialität geladen.

“Vom Fenster aus konnte man Schiffe winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.”

Es gibt die Dichter, für die ist Sprache ein Werkzeug der universellen Kreativität und bloßer Ausgangspunkt ihrer Dichtungen, nur Spielball ihrer Kräfte. Und es gibt Dichter, die sich in ihrer Sprache hervortun, weil sie einen bestimmten Aspekt dieser Sprache auf das Schönste, Genauste, Vortrefflichste für ihre Dichtung eingenommen haben; sie haben sozusagen die natürlichen Anlagen der Sprache vollendet (Schließlich ist ja auch jede Sprache eine Art Kunstwerk). Im deutschen sind Hölderlin oder Heine gute Beispiel für solche Dichter, oder auch der späte Gottfried Benn. Die Schönheit und Einzigartigkeit ihrer Dichtungen liegt in der Tiefe und/oder der Art der Möglichkeiten der deutschen Sprache selbst; sie wird bei ihnen nicht instrumentalisiert, sie wird in ihren ureigenen Möglichkeiten ausgelotet.

Auch Erich Kästner gehört zu den Dichtern, die der deutschen Sprache eine ihrer klarsten Formen und Ausprägungen geschenkt haben. Die Sachlichkeit, dem Deutschen genauso eigen wie die leichte oder schwere Musikalität, hat in der Lyrik nie eine so hohe und vollendete Spielart erreicht wie in Kästners Versen. Und natürlich ist auch die vollendete Sachlichkeit, wie alles Vollendete, nur Form, um viele verschieden Dinge zu kleiden: Wut, Trauer, Kritik, aber auch Liebe, Hoffnung und Humanität.
Zum Schluss: Auch die Poesie kommt in diesem Band nicht zu kurz und eine der Schlusszeilen die mich doch sehr angerührt hat, soll hier am Ende stehen.

“Ich hab von ihm noch ein paar Kinderschuhe.
Nun ist er groß und lässt mich so allein.
Ich sitze still und habe keine Ruhe.
Am besten wär’s, die Kinder blieben klein.”

III – Ein Mann gibt Auskunft

“Und immer wieder schickt ihr mir Briefe,
in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt:
Herr Kästner, wo bleibt das Positive?
Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt.”

Misanthrop, Menschenfreund, Aufrüttler, Resignierter, Melancholiker, kritischer Zeitgenosse und guter Beobachter – all diese Titel und vielleicht noch einige mehr könnte man Erich Kästner nach der Lektüre von “Ein Mann gibt Auskunft” umhängen; doch so klar und trefflich wie hier ist er in kaum einem seiner anderen frühen Gedichtbände aufgetreten und ich halte diesen Band für seinen Besten (gleichauf mit den genialen Epigrammen aus „Kurz und bündig“). Und das nicht nur weil viele der bekanntesten Gedichten hier versammelt sind, sondern auch weil keins unter den Durchschnitt fällt und jedes auf seine Weise ein lesenswertes, eingängiges Werk ist.

“Ich setzte mich sehr gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.”

Natürlich ist Kästners sog. Gebrauchslyrik keine Luftdarbietung, aber akrobatisch kann man sie schon nennen, es sind nicht einfach nur geklopfte Reime, aus Engagement, Kritik und Skepsis gegossen. Sie haben schon ihre eigene – eine sehr unverwüstliche – Klasse und auch in manchen Versen gekonnte Genialität. Und bei aller Kritik hat Kästner doch eigentlich Worte für Vieles:

“Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschem
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr…”

Ich empfehle diesen Gedichtband allein schon deswegen, weil es ein wunderbarer Spaß ist ihn zu lesen, weil er erheitert, unterhält und es immer wieder schön ist, interessante Themen in Reimform präsentiert zu bekommen – das hat einfach einen ganz speziellen ästethischen Genußfaktor, den man nicht auf andere Weise beschwören kann. Egal ob es dabei jetzt um die Reize der Frauen, die Dummheit der Reichen, die Spiele der Kinder, die Fragen der Gesellschaft geht. Nicht zuletzt stimmt Kästner uns natürlich auch nachdenklich, oder zumindest haut er uns das noch positiv zu machende nicht leichtfertig um die Ohren.

Man sollte Kästners Lyrik wieder lesen, allein weil seine schön gereimten Kolportagen eine wahre Freude für alle sind, die den Ton des Gereimten lieben, wenn dazu noch Pointe, Wortspiel und Trefflichkeit kommen. Auch die wunderbare Einfachheit von Kästners Ansichten und Aussichten zur Weimarer Gesellschaft und dem Leben im Allgemeinen, tut der Qualität und sich aufschwingenden Ironie dabei keinen Abbruch. Und ist das nicht eine Art von vollendeter Kunst: Die einfachste und doch virtuoseste Dichtung zu schreiben, die einem Erfreuliches, Skepsis und Herzblut serviert?

“Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln.
Ihr seid nicht gut. Auch sie sind’s nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!”

IV – Gesang zwischen den Stühlen

“Die kunstvolle Machart dieser melodischen Verse ist nie recht anerkannt worden.“
Marcel Reich-Ranicki

Das Buch Gesang zwischen den Stühlen war Kästners größter finanzieller Erfolg in der Weimarer Republik und zugleich sein letzter. Kästner selbst scherzte bitter, das Buch sei gerade Recht zur Bücherverbrennung erschienen, die sechs Monate später, im Frühling 1933 stattfand; und auch Kästners sämtliche Werke wurden verbrannt. Doch vorher gingen noch ca. 12.000 Stück des Bandes über den Tisch. Viel für einen Gedichtband und doch kein Wunder, hatte Kästner doch schon mit den drei vorherigen Gedichtwerken ins Herz der Weimarer Republik gezielt und den Nerv der Zeit getroffen.

Dem letzten “sachlichen” Gedichtband Kästners merkt man schon stark die Resignation an, die von den dunklen Wolken herrühren mag, die bereits in den Jahren 1931 und -32 in Form von Naziaufmärschen und Bankenkrisen aufzuziehen begannen. Vielleicht deshalb ist es der gleichsam kopfloseste Band der vier, was ihn nicht schlechter, aber etwas ungenießbarer macht. Hier und da wird der Fingerzeig des Zynismus auch schon mal faustgroß.

“Der eine nickt und sagt: So ist das Leben.
Der andere schüttelt seinen Kopf und weint.
Wer traurig ist, sei’s ohne Widerstreben!
Soll das ein Trost sein? So war’s nicht gemeint.”

Nichtsdestotrotz sind einige der bekanntesten Gedichte Kästners, so das Eisenbahngleichnis oder auch das Gedicht “Eine Animierdame stößt Bescheid” in diesem Band enthalten. Man sollte vielleicht nicht mit ihm beginnen, wenn man Kästner als Lyriker kennenlernen will, da sollte man eher mit „Herz auf Taille“ beginnen.
Ansonsten empfehle ich Kästner uneingeschränkt!

“Auf den Schlachtfeldern von Verdun
wachsen Leichen als Vermächtnis.
Täglich sagt der Chor der Toten:
Habt ein besseres Gedächtnis!”

V – Kurz und bündig

Wenige Bücher haben mich so durchs Leben begleitet wie dieser Band mit Aphorismen und immer wieder, seit Jahren, liegt mir dieser Spruch, fast tagtäglich, auf den Lippen:

„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich
Leben ist immer
lebensgefährlich.“

Bis heute kann ich einen Großteil der 100 Epigramme aus diesem Band in-! und auswendig. Ihre Weisheit hat etwas Universelles und doch Spezielles und vor allem sehr Reales, nicht bloß Geistiges.

Seit der Lektüre halte ich Kästner für einen unterschätzten Dichter – was er hier lieferte, war ein wunderbarer, damals hochaktueller, scharfzüngiger, philosophischer und erheiternder Gedichtband.
Immer mit einer Endzeile, die quer im Hirn stecken blieb und interessante Gedanken miteinander verdrahtete, allegorisch und gleichsam reflektiert, genial gereimt, mit viel Moral, viel Humanität.

„Der Hinz und der Kunz
sind rechte Toren
lauschen offenen Munds
statt mit offenen Ohren.“

Diese beiden zitierten und 98 weiter Epigramme sind hier versammelt. Ein Band, denn man immer wieder gerne aus dem Regal zieht.

P.S.: Und nicht vergessen!

„Was auch geschieht
nie dürft ihr so tief sinken
von dem Kakao, durch den man euch zieht
auch noch zu trinken!“

VI – Die dreizehn Monate

“Die hier gesammelten Gedichte schrieb ein Großstädter für Großstädter. Er versuchte sich zu besinnen. Denn man kann die Besinnung verlieren, aber man muss sie wieder finden. Man müsste wieder spüren: Die Zeit vergeht, und sie dauert, und beides geschieht im gleichen Atemzug. Der Flieder verwelkt um zu blühen. Und er blüht, weil er welken wird. Der Sinn der Jahreszeiten übertrifft den Sinn der Jahrhunderte.”

Erich Kästners letzter Gedichtband ist ein kurzes, aber nichtsdestotrotz wunderschönes Zeugnis seines dichterischen Könnens; eine der schönsten Poesien, die ich kenne. Und vor allem ist es ein Buch, das man immer wieder lesen kann, entweder den Text passend zur Jahreszeit, oder das ganze Büchlein, auch wenn man sich mal unglücklich oder fern jeder Magie und Lebendigkeit fühlt. Es gibt nur wenige Bücher, die einem in solch einer Situation neue Flügelschläge verleihen, neue Aufwärtswinde – “Die dreizehn Monate” sind eines dieser seltenen, ausgewogenen, Lebenskraft spendenden Werke.

“Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.

Es wird, es war. Es war, es wird.
Aus Kälbern werden Rinder
und, weil’s zur Jahreszeit gehört,
aus Küssen kleine Kinder.”
-Aus dem Gedicht ‘Der Juni’-

Man mag es bedauern und ich bedaure es sehr, dass Kästner nach 1945 nur noch zwei Gedichtbände veröffentlicht hat. Aber bedauern sollte man es ja gerade nicht, denn gerade diese zwei sind mir unersetzlich geworden, die Epigramme und die dreizehn Monate, jedes einzelne Gedicht in diesen beiden Bänden.

Ich kann also jedem nur empfehlen Kästner als Dichter zu entdecken, sowohl in diesen beiden Spätwerken, als auch in den kritischen Weimarer Republik-Bänden. Nicht nur besitzt seine Lyrik eine ganz eigene Art der Genialität, sie ist auch geradeheraus, munter und trotzdem filigran. Ein lyrischer Genuss!

“Nun hebt das Jahr die Sense hoch
und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muss mähen
und wer mäht, muss säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Doch was, nun gar,
könnten ein paar
Verse vermögen, zu sehn?
Es hatte, wieder mal und wie so oft,
das letzte Wort – ganz unverhofft
jenes kleine Wort: Trotzdem.”

Zu Joan Didions Essays in “Im Land Gottes”


Joan Didion, die grande dame der amerikanischen Essayistik, begegnet einem in dieser Sammlung von sieben Essays als ein Teppichmesser, das den Vorhang vor politischen Persönlichkeiten und Ereignissen zertrennt und sie nicht als Schattenspiele, sondern als reale Vorgänge beleuchtet.

“Sie widersetzte sich diesem Impuls der Öffentlichkeit, Unzusammenhängendes zusammenzubringen, der Beruhigung wegen, der Zuflucht zur einfachen Lösung. Zur kollektiven Phantasie, in der sich Ereignisse verflüchtigen. The insistent sentimentalization of experience, die hartnäckige Sentimentalisierung von Erfahrung, wie Didion sagen würde. Die Reduktion von Ereignissen zu Erzähltem. Denn dieses Denken hat etwas Wesentliches verloren: die eigene Bedeutung.” (Aus dem Vorwort von Antje Rávic Strubel)

Vier der Essays sind allerdings sehr auf amerikanisch-innerländische Politikverhältnisse zentriert und nur für die zu empfehlen, die zu dieser Thematik einen Bezug wollen oder glauben, leicht einen aufbauen zu können. Diese Essays beschäftigen sich mit der Lewinsky-Affäre, Patricia Campell Hearst, Nancy Reagan, der religiösen Färbung der Bush-Rhetorik und Regierung und dem republikanischen Politiker Newt Gingrich.

Die anderen zwei Essays wiederum lassen sich sehr leicht in Bezug auf die Gegenwart lesen und viele Gedanken darin sind immer noch hochaktuell. In einer Zeit, in der die USA anfangen sich aus dem Nahen Osten zurückzuziehen und nach über 10 Jahren intensivster Einmischungen ein Trümmerfeld zurückzulassen, lohnt es sich, Didion Essay über den 11. September und die darauffolgende Stimmung im Land zu lesen, ebenso wie den kurzen Text über “Shoorters Inc” und den Aufenthalt von Georg Bush sen. im mittleren Osten.

In dem Essay über 9/11 wird nämlich sehr gut auf eine Problematik hingewiesen, die lange Zeit nicht genug in den Fokus gerückt wurde, aber endlich mal zur Sprache kommen müsste: dass die Anschläge auch eine Gelegenheit gewesen wären die amerikanische Nah-Ost Politik (oder direkt die ganze Außenpolitik) einmal zu hinterfragen, statt in einen kriegs- und racheversessenen Hurrapatriotismus zu verfallen. Didion weist wunderbar nach, dass hier eine Chance vertan wurde.

“Sie geht nicht davon aus, dass etwas ist, wie es scheint. Sie fragt danach, wie es ist. Wie es wurde, was es ist. […] Didion interessiert das Zustandekommen und Verblassen der Muster, in denen sich Menschen bewegen.” (Aus dem Vorwort von Antje Rávic Strubel)

Überhaupt beschäftigt sich ihr Schreiben viel mit vertanen Chancen, mit repressiven, alogischen und unnötigen Mechanismen und der Scheinheiligkeit von Taktiken und Präsentationsverfahren. Ihre Essays erwehren sich nicht der zahlreichen von ihr bemerkten himmelschreienden Verführungen, Entstellungen, Verfremdungen, Vereinfachungen und Dummheiten, sondern stellen sie nüchtern dar und schälen sie mit rationalsten Argumenten solange, bis sie nackt dastehen, ohne Mythos, Erzählhaltung und Glaubenshauch. Es ist immer wieder beeindruckend wie unverfänglich sie dem Leser auf diese Weise etwas “klarmachen” kann. Diese Unpersönlichkeit führt leider dann und wann auch zu einer übergroßen Distanz zwischen Leser und Geschriebenem, aber im Großen und Ganzen liegt eine Akkuratesse darin, die besonders und sehr lehrreich ist.

Franzens Essaysammlung “Anleitung zum Alleinsein”


“Das Buch muss dem Leser etwas geben, nicht der Leser dem Buch.”

Jonathan Franzen ist einer dieser Romanciers, bei denen ich mir schon immer gut vorstellen konnte, dass sie nicht nur gute Erfinder, sondern im Allgemeinen sehr intelligente Menschen sind. In den Texten aus “Anleitung zum Alleinsein” begegnet mir dann genau das: eine intelligente Stimme, mit ein klein wenig intellektueller Abgeklärtheit, aber auch einer differenziert-ambivalenten Menschlichkeit.

Egal ob ich die Einschätzungen teile, die Franzen in vielen seiner Essays doch sehr deutlich vertritt, oder nicht – wenn ein Schriftsteller glaubwürdig und einzigartig seine Argumente und Ideen präsentiert, dann muss man sich nicht zwischen Annahme und Ablehnung entscheiden, sondern man kann auch die Zwischenstufe der Anerkennung betreten, eigentlich die angenehmste von allen dreien.

In diesen Essays, entstanden in den 5 Jahren vor der Wahl George W. Bushs zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, hat Franzen viele unterschiedliche Aspekte Amerikas, seiner Kultur, seines Werdegangs und seiner (möglichen) Zukunft offen gelegt und behandelt. Einige von ihnen kann man als philosophisch-globale lesen, andere verraten gerade dem Nichtamerikaner einiges über die Systemprobleme und -eigenheiten der amerikanischen Gesellschaft; auf jeden Fall bekommt man einen kleinen Ausblick darauf, was es heißt, Amerikaner in den Gefilden nahe New York und Chicago zu sein – ohne das explizit darüber geredet wird.

Franzen ist ein eindrucksvoller und trotzdem angenehmer Essayist. Er ist ehrlich und menschlich und doch erblickt man deutlich den Schriftsteller, den subtilen Former und gekonnten Erzähler. Egal ob er über so persönliche Themen wie seinen Vater schreibt oder eine Haftanstalt in Colorado: er schafft es fast immer die richtige Distanz oder Nähe zum Objekt einzunehmen, mal ist er uns als Person gegenwärtig, dann erleben wir seinen Text als Reportage, hinter der er immer wieder durchscheint, wenn er es für angemessen hält. Und ich glaube, dass ist die große Stärke all dieser Schriften: dass sie weder persönlich, noch rein sachlich sind, sondern stets eine menschliche Schweben zwischen Schreiben und Berichten, Leben und Reportage halten.

Kleine Übersicht über den Inhalt
Das Gehirn meines Vaters (Über die Alzheimererkrankung von Franzens Vater)
Riesenschlafzimmer (großartiger Essay über die problematische Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Privatem)
Wozu der Aufwand? (Der berühmte “Harper’s Essay. Halb biographische, halb essayistische Analyse über Romane und Romanautoren)
Auf dem Postweg verloren (Essay über die desaströsen Zustände bei der New-Yorker Post – interessanter als man denkt)
Erika Imports (kleine autobiographische Skizze)
Aschelese (Über die Zigarette und das Rauchen)
Der Leser im Exil (über Cyberspace und moderne Unterhaltungskultur)
Die erste Stadt (interessanter, kleiner Essay über die historische Entwicklung von Amerikas Städten)
Verwertet (halb persönliches Bekenntnis, halb Betrachtung der modernen Konsumgesellschaft)
Kontrolleinheiten (über das ADX Florence, ein Hochsicherheitsgefängnis für die “schlimmsten der Schlimmsten”)
Mr. Schwierig (sehr interessanter Text über die schwierige Beziehung zwischen Kunst und Betrachter am Beispiel von William Gaddis und seinen Romanen, insbesondere dem Roman The Recognitions)
Im Bett mit Büchern (über Sex-Ratgeber und deren zweifelhafte Transparenzvorstellungen)
Bis dann in St.Louis (sehr persönlicher Text; es geht um Filmaufnahmen für eine Sendung, gemacht in der Stadt, wo Franzen seine Kindheit verlebte)
Tag der Amtseinführung 2001 (Kleine Anekdoten über einen Protestausflug, anlässlich der Wahl von George W. Bush zum Präsidenten)

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.