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Zu “Die drei Leben der Hannah Arendt” von Ken Krimstein


Die drei leben der Hannah Arendt

Sie war ein unabhängiger Geist und daran hat sie immer festgehalten, sich festgehalten. Bis heute sind ihr Werk und ihre Person umstritten. Sie war eine Philosophin, die die Philosophie hinter sich lassen wollte, Essayistin mit einem Hang zur Epik und eine jüdische Intellektuelle, die es sich mit den meisten anderen jüdischen Intellektuellen ihrer Zeit verscherzte. “Am Leben zu sein und zu denken ist ein und dasselbe”, so lautete ihre Überzeugung und sie hat viele Gedankengebäude in ihrem Leben ent- und verworfen, immer auf der Suche nach einer Wahrheit, aber letztlich mehr auf der Suche nach den Konsequenzen, die zu ziehen sind, aus dem, was geschieht – ohne falsche Scheu, ohne metaphysischen Über- oder Unterbau.

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In seiner Graphic Novel “Die drei Leben der Hannah Arendt” zeichnet Ken Krimstein den Weg der großen Denkerin nach, von der Jugend bis zu ihrem Tod. Im Prinzip ist das Buch eine bebilderte Biographie, gespickt mit einigen komischen bis faszinierenden Eigenheiten. Aufgebaut ist es sogar wie eine Autobiographie, denn erzählt wird immer aus der Perspektive von Arendt.

Der Stil des Comics ist der einer schnellen und doch ausgefeilten Bleistiftskizze. Die einzige Farbe, die dann und wann vorkommt, ist Grün; meist als Farbe des Kleidungsstücks von Arendt. Krimstein arbeitet viel mit Zitaten und inszeniert Arendt gerne im Zwiegespräch. Er hat außerdem einen Faible für Namedropping und immer wieder wird Arendt als Teil einer Runde von großen Namen dargestellt.

Darüber hinaus gelingt es ihm, ein sehr anschauliches und einfühlsames Bild von Arendts Leben und Denken zu zeichnen, mit allen Zweifeln und Fragwürdigkeiten. Ihre Obsession für Heidegger ist natürlich bspw. ein nicht ganz unwichtiges Motiv.

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Es wird aber vor allem deutlich, was für eine herausragende Gestalt Arendt tatsächlich war: eine der zentralen Wahrheitssuchenden ihres Zeitalters. Ein Zeitalter des Traditionsverfalls, in dem sich viele noch fester an Traditionen klammerten, während sie nach neuen Wegen suchte, nach neuen Ansätzen, neuem Umgang.

So lässt Krimstein sie am Tag des Kriegsendes, als alle anderen feiern, sagen: “In der Welt ist etwas im Gang, das die Menschen veranlasst, ihre eigene Freiheit zu kannibalisieren, und während sie dies tun, verwandeln sie andere Menschen in eine Deponie.”

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Sehr viel Raum gibt Krimstein der Darstellung ihrer Theorien zu Pluralität und Natalität, zu privatem und öffentlichem Raums. Eichmann und “Die Banalität des Bösen” lässt er, obgleich dieser Punkt natürlich behandelt wird, ein bisschen außen vor. Trotzdem hat man das Gefühl, zum Kern von Arendts Denken vorzustoßen.

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Letztlich ist es ein bemerkenswertes Buch, weil Krimstein ein fesselndes und doch sehr auf Arendts Philosophie eingehendes Portrait gelingt. Wo mancher Biograph vielleicht der Versuchung erlegen wäre, Arendts Leben vor allem entlang der Skandale und vor dem Hintergrund der Shoa und der Liason mit Heidegger zu inszenieren, setzt Krimstein lieber auf eine ausbalancierte und vielseitige Darstellung, die dem Denken ebenso viel Platz einräumt wie dem Leben.

“Aus dem Jenseits spricht Hannah Arendt zu uns: Obgleich das Leben in der Welt der Pluralität und Natalität kein Spaziergang ist, haben wir, wenn wir Auschwitz oder den Gulag oder die Mauer oder Pol Pot oder Gefängnisrevolten wie die von Attica oder der Isis vermeiden wollen, als Gattung keine Wahl, dieses anzunehmen und auszuhalten.

Mit anderen Worten: es gibt keine einzige Wahrheit. Keinen Königsweg des Verstandes, nur einen gloriosen, nie enden wollenden Schlamassel. Der nie enden wollende Schlamassel echter menschlicher Freiheit.”

Zu “Jennifer Blood I – Selbst ist die Frau”


Jennifer Blood I Wäre Jennifer Blood ein Film, würde er wohl niemanden hinter dem Ofen hervorlocken, schließlich gibt es schon einige von dieser Machart: Frau/Mann rächt den Tod von Liebsten/nahen Verwandten, in dem sie nach und nach alle Killer*innen und Mitverschwörer*innen umbringt, schön der Reihe nach, möglichst erbarmungslos und rücksichtslos, unbeirrt, manchmal mit ihren eigenen Waffen, in ihren eigenen Umgebungen, dabei stets die Souveränität in Person. Uma Thurman lässt grüßen. Garth Ennis zieht das Ganze nicht wirklich neu auf und liefert solide Kost, mit vielen kleinen Bösartigkeiten und Gags.

Zusätzlich zu ihrem Rachefeldzug führt Jen (alias Jennifer Blood) noch ein Doppelleben: sie hat einen braven, vogelverrückten Mann und zwei Kinder im Grundschulalter, die allerdings im Verlauf der Ausgaben #1-6, die in dieser deutschen Edition zusammengefasst sind, nur als idyllische Kontrapunkte zu ihren nächtlichen Racheakten eine Rolle spielen, wirklich viel Persönlichkeit haben sie nicht. Jen will ihnen eine liebende Mutter/verlässliche Frau sein, doch in der Woche, in der wir sie begleiten dürfen (der Off-Text ist in großen Teilen ein Tagebuch, das Jen über den Fortgang ihre Racheakte führt) ist sie trotzdem jede Nacht unterwegs, um einen weiteren ihrer “Onkel” zu töten …

Wieso es Onkel sind und warum sie es auf sie abgesehen hat, erfahren wir Stück für Stück und erst ganz am Ende ergibt sich ein vollständiges Bild. Es ist zwar nicht direkt raffiniert, aber schon ordentlich, wie Ennis die einzelnen Kapitel und gleichsam den größeren Bogen inszeniert (er greift dabei auf manch altbewährte Schnörkel zurück, so haben bspw. die einzelnen Tage jeweils einen Songnamen als Motto). Er nimmt sich, wie bereits erwähnt, immer wieder Zeit für ein paar morbide Späße oder erschafft Gelegenheiten, in denen Jen ihre toughness einmal mehr unter Beweis stellen kann.

Psychologisch können der Charakter Jennifer Blood und der Verlauf der Handlung nicht wirklich überzeugen, dafür wirkt alles zu aalglatt, für Ambivalenzen bleibt zu wenig Raum. Dafür steigert sich die Serie, fachgerecht, mit jedem neuen Heft in Sachen Explosivität und Gewaltpotenzial – spätestens ab #3 ist es nichts mehr für schwache Nerven.

Graphisch sind die ersten drei Hefte mit Adriano Batista gelungen, gut schattiert und kantig, Marco Marz vierten Teil mit feineren Linien finde ich allerdings am besten, Kewber Baals Teile #5 und #6 sind eine Art Kompromiss aus den Stilen seiner beiden Vorgänger.

Alles in allem: wer eine fetzige, stylische und vor Kugeln und Blut nur so knallende Serie mit einer Powerfrau in der Hauptrolle sucht (die einen Fetisch für Waffen und coole Outfits und keine Scheu vor jeder Art von Gewaltanwendung hat), dem kann man Jennifer Blood wohl bedenkenlos empfehlen. Abgesehen von dieser soliden Kost und einem guten Aufbau bietet die Story allerdings wenig Eigenständiges, die Heldin hat keinen Knacks, es gibt keine Höhepunkte, hauptsächlich Prozedere, auch keine spannenden oder interessanten Wendungen. Graphisch ist alles gut bis sehr gut.

Fazit:

Lesenswert:
🌟 🌟 🌟
Grafik:
🌟 🌟 🌟 🌟
Story:
🌟 🌟 🌟
Aufmachung:
🌟 🌟 🌟 🌟 (leider löste sich bei mir sehr früh ein Teil der Seiten vom Einband)

“Watchmen” – Eines der großen Werke der Moderne


WatchmenQuis custodiet ipsos custodes? ” (Wer wacht über die Wächter?)
Juvenal

Einen Kanon, eine Liste der “lesenswerten” oder “wichtigen” Büchern feszutlegen, mag vermessen sein und auch unter vielen Gesichtspunkten stets misslingen, erst recht in Größenkategorien von 100 oder 50, dennoch scheinen einen besimmte Werke förmlich dazu aufzufordern, sie auf solche Listen zu setzen – sei es wegen der Ausprägungen der Figuren oder der gelungenen Umsetzung der führenden Motive, die weit über sich hinausweisen.

Die Kette solcher Bücher, Comics, Filme zieht sich wohl durch das gesamte Leben; eine Liste von bewegenden, aufwühlenden, prägenden Erlebnissen, die in endlosen Diskussionen mit Freunden und Bekannten immer wieder zelebriert werden.

Einige sind darunter, die einer Art Erweckung gleichen, aus der eine ganze Welt oder Vorstellung erwächst. So wird für manche z.B. der Disneyfilm die erste Berührung mit der romantischen Liebe gewesen sein, andere werden die Rede eines bestimmten Bürgerrechtlers oder Humanisten als erste Form integerer Kraft erlebt haben und für viele sind die Qualitäten der Literatur und ihre Möglichkeiten mit ganz bestimmten Büchern verbunden. “Watchmen” von Alan Moore gehört für mich zu diesen Werken, ist einer der Fixsterne in meinem Universum fiktionaler Faszination.

In jedem Fall ist dieses über 400 Seiten schwere Werk eine frühe Sternstunde der Graphic Novel. Nicht (allein), weil Optik und Spannung hier besonders ausgeprägt sind, sondern vielmehr, weil genial konzipiert ist, auf allen Ebenen und bis ins letzte Detail. Man kann “Watchmen” immer wieder lesen und jedes Mal sticht ein anderer Aspekt  hervor, jedes Mal wird ein andere Handlungsebene besonders faszinierend erscheinen; das Buch bietet die vielschichtige, facettenreiche Erfahrung, die normalerweise ein sehr gelungener Roman bietet.

Es ist, nicht zuletzt, ein unwiderstehlicher Mix aus mythologischem Hauch, apokalyptischem Wind, mit dem Fleisch zwischenmenschlicher Beziehung und einem klaren philosophischen Timbre, dem Rotz und der Gewalt des Antiheldentums und das Zwielicht einer Film-Noire-Geschichte, garniert mit historisch-sarkastisch-zynischen Seitenhieben und strukturiert durch narrative Abwechslung. Die Charaktere sind einzigartig, auf ihre Weise zwar besonders, aber dennoch tief verwurzelt in dieser schwer zu wiegenden menschlichen Existenz, die stets sich selbst bedroht.

Was sicherlich aus all dem hervorgehen dürfte: “Watchmen” ist ein großartiges Werks, das sich den meisten Kategorien erfolgreich entzieht, ohne die wichtigen Zutaten für jedes Comicerlebnis zu schmähen. Sicher, “Wachtmen” hat auch etwas Monströses an sich, oft muss man sich dem Tempo des Werkes anpassen, den Wechseln in der Dynamik. Aber es lohnt sich. Moore versteht es das Medium Comic und die Errungenschaften der literarischen Narration gleichsam für sich zu nutzen, von wieder auftretenden Motiven bis zu Geschehnissen, die der Interpretation der Leser*innen überlassen werden. Er hinterfragt zusammen mit dem Zeichner Dave Gibbons die Perspektive, die einzelne Panels in Comics liefern, er revolutionierte sein eigenes Genre, ohne es zu sprengen oder zu übersteigern.

Die Handlung von “Watchmen” zu erläutern, zusammenzufassen, übergeht in meinen Augen zu viele Feinheiten, weshalb ich vor einer Inhaltsangabe zurückschrecke. Natürlich dreht sich viel darin letztlich um Begriffe wie “Gerechtigkeit”, “Frieden”, “Freiheit”, aber Moores Ansatz ist eben nicht der konventionelle SuperHero-Ansatz und dementsprechend ist sein Werk um einiges pathosärmer und hintergründiger als viele andere Werke, selbst wenn diese die Modalitäten ihres Genres mitreflektieren. Moores Welt ist eine Welt der Zerrütung, eine Welt des Kalten Krieges, des Exodus. Am wichtigsten ist vielleicht, dass Moore seine Figuren nicht vor die Karren der oben erläuterten “großen” Ideen spannt. Sie sind eben keine Wächter, keine Beschützer im eigentlichen Sinne. Sie leben in der Postmoderne des Superheldentums, alles ist Karikatur oder Ironie, kein hehres Ideal kann mehr verdecken, dass Gewalt Gewalt erzeugt, dass Helden oft nur Spielfiguren auf den Brettern von den Mächtigen sind oder selbst zu machtgierigen Personen werden – in jedem Fall werden sie zu Karikaturen ihrer selbst oder werden wahnsinnig, zu Außenseitern. Gut & Böse, die Vorstellung eine solche Einteilung sei möglich, wird in “Watchmen” mehr als einmal auf die Probe gestellt, entkernt.

“Watchmen” bündelt und zerschlägt Ideen. Es ist wirklich eines dieser Werke für die Insel. Eines dieser Meister*innenwerke.

Nachtrag zur deutschen Version: Einige Übersetzungen aus dem Englischen sind auf Deutsch in der Tat, wie schon oft von Fans angemerkt, etwas schwerfällig und in vielen Szenen ist die englische Ausdrucksdichte einfach die bessere Wahl; auch sprachliche Kniffe und Doppeldeutigkeiten verlieren im Deutschen oft ihren Sinn, so spielt bspw. eine große Uhr eine wichtige Rolle (“watch” kann im Englischen ja sowohl ein Verb als auch ein Nomen sein) und auch einige Anspielungen bzgl. der Namen der Charaktere (etwa: Comedian), kommen viel besser rüber; der Schliff und die ambivalente Seite der Charaktere allgemein. Im Anhang der neuen deutsche Ausgabe wird immerhin auf einige dieser Probleme hingewiesen und sie werden gut erläutert.

Fazit:

Wichtig zu kennen:
🌟 🌟 🌟 🌟 🌟
Grafik:
🌟 🌟 🌟 🌟 🌟
Story:
🌟 🌟 🌟 🌟 🌟
Aufmachung (deutsche Übersetzung ist teilweise nicht top; englische Ausgabe bekommt 5 Sterne, obwohl diese Graphic Novel mit ihren 400 Seiten sehr wuchtig ist):
🌟 🌟 🌟 🌟