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Zu “Das Duell” von Volker Weidermann


Das Duell Die Geschichte vieler Autor*innenbiographien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist mit seinem Namen verwoben, manchmal nur in ein-zwei Fädchen, manchmal elementar: Marcel Reich-Ranicki, Kritikerpapst, Chef des literarischen Quartetts, selbsternannter Kanon-Verwalter, Urteilssprecher über die deutsche Literatur von einst bis in die Gegenwart. Mit einem Autor hat er sich ganz besonders gebalgt, hat viele seiner Bücher verrissen und doch unermüdlich den Glauben an sein Talent beteuert: Günter Grass.

Ich war sehr erpicht darauf, dieses Buch von Volker Weidermann zu lesen: gab es da noch unerzählte pikante Details, konnte die Beziehung zwischen den beiden denn sonst überhaupt genug Material für ein ganzes Buch liefern? Meine Hoffnung auf Enthüllungen wurde jedoch größtenteils enttäuscht, denn das Buch ist, was die Beziehung Grass-Reich-Ranicki betrifft, mehr ein Revue-passieren-Lassen der bekanntesten Geschichten und Zerwürfnisse, ergänzt um die Kenntnis und Erkenntnisse aus Briefverkehr und Aufzeichnungen aller Art, die jedoch zumeist nichts Spektakuläres an sich haben.

Dass das Buch dennoch sehr lesenswert ist liegt zum einen daran, dass es gut geschrieben ist, mit dem gerade richtigen, noch nicht überzogenen Gespür für Spannung und Dramatik, die Weidermann an den richtigen Stellen einstreut, als hätte noch niemand vor ihm diese Geschichte erzählt. Zum anderen ist das Buch gelungen, weil letztlich tatsächlich niemand die Geschichte der beiden Größen in der deutschen Nachkriegsliteratur so erzählt hat, wie Weidermann es tut.

Statt sich nämlich nur und von Anfang an auf die konkreten Überschneidungen und Berührungspunkte zu konzentrieren, ist das Buch eine Doppelbiographie vor dem Panorama einer Zeit, eines Jahrhunderts, das beide Protagonisten prägte (und das sie prägten, sowie sich gegenseitig). Die ersten hundertdreißig Seiten werden ihre Lebenswege getrennt voneinander und in unterschiedlichen Kapiteln geschildert: Grass Jugend in Danzig, Kriegszeit, Soldatenzeit, dann Anfänge als Schriftsteller – Reich-Ranickis Jugend in Polen und Berlin, dann Krieg, Warschauer Ghetto, Flucht und Überleben in einem Keller, Intermezzo beim polnischen Geheimdienst und später Rückkehr nach Deutschland, Anfänge als Kritiker.

Erst mit dem ersten Zusammentreffen führt Weidermann die Stränge zusammen und erzählt von da an ihre jeweiligen Lebensgeschichten nebeneinander, immer auch vor dem Hintergrund ihres Verhältnisses zueinander. Natürlich ist das eine kluge Entscheidung, denn in beiden Fällen ist die biographische Vorgeschichte wichtig für das Verständnis der Persönlichkeit, ihres Schaffens und ihrer jeweiligen wunden Punkte, liefert das Dekor für den Raum, in dem sich viele zentrale Szenen abspielen werden.

Der Titel allerdings erscheint dadurch zunächst etwas reißerisch und klingt auch am Ende noch etwas überzogen (in meinen Ohren – obgleich ich verstehe, warum er seine Berechtigung hat). Meiner Ansicht nach beschreibt der Untertitel des Buches viel besser, worum es vor allem geht: nicht um das Freund-Feind-Verhältnis und die Frage nach dem Sieger des Duells, beides sorgt lediglich dann und wann für die Ausschläge auf dem Spannungsbarometer, sondern um die beiden Persönlichkeiten.

Zu kurz kommt ihre affaire compliquée, ihre nicht zu scheidende Ehe dennoch nicht. Jedoch sollte jedem/r potenziellen Lesenden klar sein, dass es sich bei diesem Buch nicht vorrangig um einen Bericht über literarischen Klatsch handelt (auch wenn er durchaus vorkommt) , auch nicht um einen bestechenden literaturhistorischen Essay, der Werke und Meinungen unmittelbar ins Visier nimmt und/oder ausführlich kommentiert (vielmehr bezieht Weidermann sehr dezent, dafür umso souveräner, Stellung zu einzelnen Ereignissen, Disputen). Sondern eine Doppelbiographie, die sich im zweiten Teil auf eine besondere Verflechtung konzentriert.

Wer ein gut lesbares Stück deutscher Literaturgeschichte erwartet, mit Fokus auf die Biographie der beiden Figuren, wird nicht enttäuscht werden. „Das Duell“ ist gut geschrieben, mitunter hat es etwas Mitreißendes, geschickt abgeschöpft, Längen hat es eher nicht.

Zu “Meine deutsche Literatur seit 1945” von Marcel Reich-Ranicki


Meine deutsche Literatur nach Er war nicht nur einer der einflussreichsten, sondern auch einer der strengsten und launigsten Kritiker der BRD, das wird in diesen gesammelten Essays & Rezensionen zur deutschen Nachkriegsliteratur deutlich. Neben exzellenten Darlegungen der Stärken von Wolfgang Koeppen, Max Frisch, Wolfdietrich Schnurre, Thomas Bernhard u.a., finden sich hier auch einige Beispiele für die überspitze Zunge des Maestros M.R.R. – nicht nur verreißt er ziemlich zwanglos Günter Grass Debüt “Die Blechtrommel” und mäkelt an Uwe Johnson herum, auch manch andere Bemerkung, die durchaus kühn gewesen sein mag, wirkt heute etwas rückständig, etwas spitzfindig.

Man muss nicht Franz Josef Czernins “Marcel Reich-Ranicki, eine Kritik” gelesen haben, um den Doyen der Literaturkritik nach 1945 kritisch zu sehen. Er war ein Meister der Selbstinszenierung und in mancherlei Hinsicht schlicht verbohrt. Dennoch war auch ein sehr bedeutender und aufmerksamer Zeitzeuge und ein in weiten Teilen gewissenhafter Essayist und Kritiker, der sich vielen (nicht selten heute sonst gänzlich vergessenen) Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur widmete und denen hier in diesem Band so noch ein letztes Echo verschafft wird.

Was bleiben wird von der Literatur zwischen 1945-2000, das wird sich in mancherlei Hinsicht erst noch zeigen. Ebenso wird sich zeigen, ob Reich-Ranickis Plädoyers den Widerhall finden, den seine teilweise unnötigen Verrisse fanden, die er spätestens in manchen Momenten im Literarischen Quartett und bei Grass’ “Ein weites Feld” zu genüsslich und spektakulär inszenierte. Er bleibt eine umstrittene Figur – und strittige Dokumente, mit viel Glanz und Genuss, mit viel Tadel und Servilität, Ermunterung und Evokation, sind auch diese gesammelten Schriften, von denen auch beim strengen Aussieben einige Goldkörnchen zurückbleiben.

Zu den Porträts in “Über Geist und Macht” von Wilhelm von Sternburg


QU_Sternburg_U1_Entwurf.indd Dieser schöne Band versammelt biographische Studien, Abrisse und Essays von Wilhelm von Sternburg, die zwischen 1993-2017 in verschiedenen Publikationen (hauptsächlich der Frankfurter Rundschau) erschienen. Unter den Protagonist*innen finden sich ein paar der üblichen Verdächtigen (Schiller, Heinrich Böll, Stefan Zweig, Günter Grass, bei den Politikern Bismarck, Churchill und Willy Brandt), aber auch unbekanntere oder vergessene Namen wie Gustav Freytag, Bruno Frank, Elisabeth Langgässer und wenig thematisierte wie Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Golo Mann oder Herbert Wehner.

Mit Ausnahme von Lessing und Schiller waren alle Persönlichkeiten des Buches auf die eine oder andere Weise Zeitgenossen und Akteur*innen während der Entwicklungen und Verwerfungen der deutschen Nationalgeschichte zwischen 1848 und den Zeiten der Bonner Republik. Und obgleich Sternburg auch ein feinsinniger literarischer Rezipient ist – die Texte dieses Bandes (wie auch schon der Titel „Über Geist und Macht“ andeutet) richten ihr Hauptaugenmerk auf die zeitgeschichtlichen Aspekte des Werks, den Charakter und die Integrität, die Verwicklungen und Positionen der jeweiligen Geistes- und Machtgrößen.

Bei einigen Namen bleiben die Texte eher so etwas wie ein gut ausbalanciertes summa summarum (wobei es auch dann an interessanten Einblicken nicht fehlt). Zu Schiller beispielsweise gibt es selbstverständlich tiefere, mannigfaltigere Arbeiten (z.B. von Thomas Mann oder Rüdiger Safranski). Bei solchen Namen spürt man, das Sternburg klug gesammelt hat und mehr das bekräftigt, was zu Schiller bereits gesagt wurde und weniger eine eigene Deutung anstrebt (wenn er sie auch, hier und da, einfließen lässt). Auch bei Joseph Roth, dem ein längerer Text gewidmet ist, bewegt sich Sternburg etwas im Kreis, verdeutlicht und untermalt, stößt aber nicht wirklich in eine eigene Schilderung vor.

Sehr verdienstvoll sind hingegen die Beiträge zu den Unbekannteren – und das Highlight sind ein paar mutige Klarstellungen. Sehr fasziniert hat mich der längere Text zu Gustav Freytag, in dem Sternburg nicht nur die Geschichte des damals sehr erfolgreichen Literaten und Feuilletonisten erzählt, sondern auch ein nachvollziehbares Bild des Antisemitismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts zeichnet und beides in der Entwicklungsgeschichte des Publizisten Freytag zusammenbringt. Seine Texte zu Bismarck und zu fast allen anderen politischen Personen, die er portraitiert, haben eine Schonungslosigkeit, die sich stets ohne Verdammnis artikuliert – was oft ausgewogen wirkt, nur selten zu friedfertig und versöhnlich. Insgesamt legt er eine beeindruckende Differenziertheit an den Tag und bei den Publizisten und Politikern deckt er deren Schwächungen und Verfehlungen mitunter so konsequent auf, das man sie in in einem neuen, unspektakuläreren Licht sieht.

Nur Lob habe ich auch für seine Texte zu Böll und Grass. Bei Böll macht Sternburg klar, welch engagierten Geist und wichtigen (sicher auch großen, aber vor allem wichtigen) Künstler die Bonner Republik mit dieser Persönlichkeit hatte und wie erschreckend Boulevardpresse, Feuilleton und Regierung diesen Menschen teilweise behandelt haben. Aber er stellt ihn eben nicht als Opfer dar, sondern als den agierenden Humanisten, Vertreter der Entrechteten und eigenwilligen Zeitgenossen, den seine eigenen Schriften auch widerspiegeln. Und ich fühle mich Böll durch Sternburgs Darstellung wieder genauso verbunden, wie zu der Zeit, als ich vieles seiner Romane und Kurzgeschichten las.

Bei Grass wird Sternburg noch entschiedener zum Verteidiger und beklagt offen die verheerende Dimension der Verrisse und den Unbill, den man Grass Werk und dem geistesgegenwärtigen Prinzip darin über Jahrzehnte entgegenbrachte und -bringt. Obwohl schon ein älterer Text, ist er wohl nach wie vor aktuell. Natürlich hat Grass sich mit seinem Gedicht über Israel und seinen schwierigen Memoiren „Beim Häuten der Zwiebel“ weiter in Verruf gebracht, bevor er starb. Aber sein episches Werk ist zu großen Teilen nach wie vor seltsam verpönt, viele Dimensionen darin werden verkannt und falsch oder missgünstig oder nur autobiographisch gedeutet.

Andere Beiträge, bspw. zu Stefan Zweig und Lion Feuchtwanger, sind schön zu lesen, manchmal etwas unordentlich strukturiert, was mir persönlich aber sympathisch ist. So wirkt es, als Reise man kreuz und quer durch den Geist und das Leben der Person. „Über Geist und Macht“ ist letztlich eine tolle Kombination aus Schmöker und Geistesgut – etwas, das man auf dem Feld der Essays leider allzu selten antrifft. Lesenswert!

Frisch rausgekommen: Ein launig-literarisches Buch über “Bestseller” von Jörg Magenau


Bestseller „Im Phänomen der Bestseller aber wird aus unseren einsamen Lektüren ein gemeinschaftlicher Vorgang: Derselbe Prozess, dieselbe Verschmelzung ereignen sich vielfach.“

Seit jeher liegt er zwischen Schund und schöner Kunst: der Bestseller. Manches Buch, das sich rasend verkauft, wird zwar auch von der Kritik gefeiert (oder durch sie erst zum Bestseller gemacht), aber letztlich sind die Hauptverdächtigen dieser Absatzkategorie (Krimis, Biographien, Selbsthilfe- und reißerische bis esoterische Sachbücher) meist gerade das, was man nicht als Hochliteratur bezeichnen würde. Manche Nobelpreisträger*innen waren Bestsellerautor*innen – aber viele auch nicht. Der Geschmack der Masse, das ist schon lange klar, ist keine Garantie für ästhetische Qualität – aber für irgendeine Qualität ja doch, oder? Aber worin besteht diese – und was sagt sie über uns aus?

In seinem Buch „Bestseller“ hat der Autor und Literaturkritiker Jörg Magenau den Versuch unternommen, sich dem Phänomen des vielverkauften, manchmal sogar Epoche machenden oder Zeitgeist beeinflussenden Buches, in den verschiedenen Gewändern, in denen es auftreten kann, anzunähern – und unternimmt dabei gleichzeitig eine Reise durch 60 Jahre deutschsprachiger und internationaler Geistes- und Literaturgeschichte.

Im Zentrum seiner Erörterungen steht dabei u.a. die These, dass das Phänomen des Bestsellers oft Symptom eines aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnisses ist. Magenau weiß durchaus gute Argumente für seine Einschätzungen vorzubringen und passagenweise ist die Präzision und Feinfühligkeit seiner Darstellung und seiner Ideen ein Hochgenuss. Es gibt durchaus auch Kapitel, die stellenweise ein bisschen seichter dahingleiten, aber alles in allem ist der Mix aus Launigkeit und Sensibilität, den Magenau bei seinen Analysen und Beschreibungen an den Tag legt, erfreulich und mitunter inspirierend.

Von der Blechtrommel bis zum geheimen Leben der Bäume, von Sarrazin bis Hildegard Knef: besonders schön ist, dass Magenau, trotz seines übergreifenden Themas, jedem Kosmos an Büchern, ob nun Ratgeber oder DDR-Roman, eine eigene Behandlung angedeihen lässt und sich mal mehr mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen, mal mehr mit dem Erfolgsrezept, mal mehr mit den Verwandtschaften der einzelnen Titel auseinandersetzt. Sodass am Ende gilt: Über manches Buch mag man weiterhin den Kopf schütteln, aber nach Magenaus Ausführungen wird man zumindest verstehen, wie oder warum dieses Buch zum Bestseller werden konnte und was es trotz aller Abneigung, die wir ihm entgegenbringen mögen, über uns und unsere Mitmenschen aussagt. Und nebenbei lernt man noch ein bisschen was über die innere Mechanik der Bestsellerei – und wird außerdem aufs Wunderbarste zum Lesen animiert.

Kurzum: Ein lesenswertes, wenig belehrendes, dafür aber lehrreiches Buch, bei dem Unterhaltung und Faszination nicht zu kurz kommen!

„Lesen heißt fliehen, um verwandelt zurückzukehren. Auch Träumen ist erlaubt. Darin liegt die subversive Kraft der Bücher.“

 

Zu “Empirisch belegte Brötchen” von Marco Tschirpke


Empirisch belegte Brötchen „Auf einer Bogenlampe,
Vertieft in ihr Gefieder,
saß gurrend eine Taube
Und schiss auf dich hernieder.“

Am Anfang war ich schlicht unterwältigt. Ein paar Schenkelklopfer, ein paar Schmunzeleien. Aber Marco Tschirpke vermochte nicht, mich wirklich in Erstaunen zu versetzen, mit seinen Geschichten und gereimten Pointen. Das wirkte doch alles sehr brav, sehr glatt und wenig hintersinnig. Nett, aber nicht spaßig.

Wäre es dabei geblieben, hätte ich sagen können: gut, ist halt nicht mein Humor, funktioniert vielleicht auf der Bühne irgendwie besser und man sollte ja auch bedenken: dem Kleinkünstler Tschirpke dürfte der Erfolg seines letzten Buches im Nacken gesessen haben (und der Verlag war sicher auch an einer schnell folgenden Publikation interessiert). Und immerhin: einige Einzeiler und Kürzestgeschichten schloss ich dann doch ins Herz. Wie etwa eine kurze Geschichte der 68er Bewegung, die noch auf eine angenehme Weise respektlos und hämisch daherkommt.

„Sie wollten die Vereinigung aller Proletarier. Sie erreichten die Mülltrennung.“

Bereits zu Anfang ging mir allerdings Tschirpkes immer wieder eingestreute, geradezu aufgesetzte Selbstironie auf den Senkel. Die sollte zwar erste Wahl des Kabarettisten und Spaßmachers sein, sonst kann man ihn irgendwann nicht mehr ernst nehmen, aber bei Tschirpke wirkt sie manchmal dermaßen aufgesetzt und fadenscheinig, dass man nur die Augenbraue hebt und nicht die Mundwinkel.

Groteske Züge nimmt dieses Thema in einem, im Buch abgedruckten, Briefwechsel an, bei der die Direktorin des August Macke Hauses Bonn ein in der ZEIT veröffentlichtes Gedicht von Tschirpke wegen des laschen und fahrlässigen Umgangs mit historischen Fakten, betreffend die Person August Mackes, kritisiert (völlig zurecht, meiner Meinung nach).

Es ist schon sehr frech, wie Tschirpke darauf reagiert und z.B. als einzige Quelle Wikipedia nennt. Bei einem schon ziemlich diffamierenden Gedicht ist so ein laxes Vorgehen einfach nur daneben. Aber dass er diesen Briefwechsel hier abdrucken lässt, als wäre er eine Geste der Selbstironie oder als hätte das Ganze Unterhaltungscharakter, das schmeckt schon sehr nach übereifriger Selbstinszenierung. Nach schlechter, heuchlerischer.

„Heute an einem Spiegel vorbeigelaufen und festgestellt, dass ich überhaupt nicht meinem Schönheitsideal entspreche.“

Es ist leicht zu verurteilen und gerade über Humor lässt sich streiten: Was ist Anecken, was Beleidigen? Was ist Satire, was Schmiererei? Was ist unbequeme Parodie mit Entlarvungscharakter und was ist plakative Tumbheit? Das sieht sicher jeder anders. Und eigentlich darf die Komik ja vieles, fast alles – sie ist das anarchische Ventil einer Gesellschaft.

Was mich bei Tschirpke aber aufregt, ist, dass seine (nicht unbedingt zahlreichen, aber dennoch vorhandenen) Geschmacklosigkeiten eben nicht anecken oder entlarven, sondern es sich schlicht und einfach: einfach machen. Und oft sind sie darüber hinaus unnötig. Wie zum Beispiel das Gedicht „Im Eifer des Geschlechts“:

„Goethe hatte Mitarbeiter:
Männer gut und ganz bei Sinnen.

Brecht, als Liebhaber gescheiter,
Hatte Mitarbeiterinnen.“

Das ist, pardon, einfach nur chauvinistisch. Ein Schnellschuss mit einem ungelenken Reim, der wirklich wehtut. Schenkelklopfer finde ich okay, sogar Groschenhumor mag noch angehen und so mancher Witz über Männer und Frauen gehört nun mal dazu (ich mag sie nicht, aber ich will auch nicht von der Moral zum Moralisieren übergehen, wenn es um ein Späßchen geht). Aber so ein Gedicht, das ist schlicht sexistisch und unnötig.

Genauso daneben und billig, auch nach dem Motto „leicht gemacht“, dieses Gedicht:

„Heute fielen von den Bäumen
Lolitas ohne Zahl.
Jetzt lümmeln sie im Rasen
Und stecken ihre Nasen
In Bücher ihrer Wahl.

Die eine liest Nabokov,
Die andere Christoph Hein,
Die dritte Grass-Gedichte.
Ach, guck ma, jetzt erbricht se
Sich in das Buch hinein.“

Es ist fraglich, ob Herr Tschirpke viele Grass-Gedichte gelesen hat. Es gibt da sicher einige problematische, aber auch einige sehr schöne. Pauschalurteile sind hier in jedem Fall fehl am Platze.
An dieser Stelle muss ich mir natürlich an die eigene Nase fassen: Warum reite ich auf diesen wenigen Beispielen so herum, wo doch ein ganzes Buch mit teilweise ganz netten Texten vor mir liegt?

Ganz klar: meine vernichtend anmutende Kritik an diesem Buch ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich habe meinen Fokus auf das Problematische gelegt und bin diesem Ansatz gefolgt. Es wird ohnehin genug (berechtigte) Lobeshymnen geben.

Humor hat meiner Meinung nach, gerade weil er eigentlich alles darf und weil Witze eben nicht nur mit Unerwartetem, sondern auch mit Bekanntem, mit Vorurteilen etc. arbeiten, eine moralische Verantwortung. Nicht in dem Sinne, dass er nicht anecken darf. Er darf sogar politisch unkorrekt sein, wenn er diese Position reflektiert, wenn er um den doppelten Boden weiß – man lacht manchmal, weil ein Reflex bedient wird und manchmal, weil man Zusammenhänge erkennt. Diesen doppelten Boden vermisse ich bei Tschirpke. Seine Texte wirken zumeist eindimensional.

Es gibt einiges in diesem Buch, das dennoch gelungen ist, keine Frage; einer meiner Lieblingstexte ist zum Beispiel ein kurzer Essay über Techno; dessen süffisant-kritische Einstellung fand ich sehr erfrischend. Und auch die einfache Häme kann, wenn man ihrer Meinung ist, ja durchaus anziehend sein, wie ich bei diesem Gedicht feststellen musste:

„Ihr, die ihr Revolverblätter
Herstellt: Lob will ich euch singen
Wollte ihr vom Springer-Hochhaus
Endlich auch mal runterspringen.“

Ich habe das Meinige gesagt; es ist nicht das Alleinige, was es hier zu sagen gäbe. Ich hoffe, diese Kritik wird als das wahrgenommen, was sie ist: eine Kritik und nicht der Wunsch, sich auf dem Rücken eines Werkes moralisch zu profilieren.

Was mir von Grass gefällt – Vier Gedichtbände


I – Die Vorzüge der Windhühner (1956)

“Brüder, Brüder, alle ihr Magenkranken,
die ihr da salzlos und von Gedichten lebt,
niemand, kein Uhrmacher will mehr die Sanftmut,
eine törichte Spieluhr reparieren.”

Günter Grass erste Publikation überhaupt war eine lyrische und er hat immer wieder betont von der Lyrik gekommen zu sein – was man ja in der Prosa auch deutlich spüren kann; er ist ein Poet, manchmal ein allzu bemühter und brachialer, doch seine besten Werke halten sich die Waage zwischen Prosa und Lyrik.

So sind natürlich auch diese ersten Gedichte, sozusagen im Gegenzug, voller Prosaelemente und tragen erzählerische Züge. Gottfried Benn, so erfuhr Grass später (berichtet in dem bei Suhrkamp erschienenen Interviewband “Das erste Buch“), hatte in den Gedichten bereits einen Erzähler erkannt, als Grass mit seinem Blechtrommelmanuskript noch in den Anfängen steckte.

“Die Tage schrumpfen, Äpfel auf dem Schrank,
die Freiheit fror, jetzt brennt sie in den Öfen,
kocht Kindern Brei und malt die Knöchel rot.”

Ist Grass ein guter Lyriker? Ein eindeutiges Ja. Doch leider einer, der nicht immer gute Gedichte schreibt. Denn ist ein gutes Gedicht ein Gedicht voller Kontraste, voller Bilder- und Wortschöpfungen, jedoch auch voller Blendwerk und Hermetik? Wenn ja, dann gelängen Grass fast nur hervorragende Gedichte. Sollte die Definition von einem guten lyrischen Werk allerdings ein halbwegs verständliches und trotzdem tiefsinniges/stimmiges/philosophisches Gedicht bedeuten, dann gelingt ihm ein solches zwar in regelmäßigen Abständen, aber eindeutig nicht immer.

Grass Credo scheint gewesen zu sein, sich ganz seiner Idee von einem Gedicht, von Poesie hinzugeben, was mal positive, mal negative Aspekte hat. Bei vielen Texten wirken die Zeilen wie einzelne, lyrische Windstöße:

“Versuche mit Tinte,
Niederschriften mit Rauch
halb erwacht
im Dickicht süßer Gardinen.
Die Straße, den Notverband wieder aufgerollt,
weil die Wunde juckt,
weil die Erinnerung sich stückeln lässt und längen,
so eine Katze unterm Streicheln.”

“Spiegel üben laut Natur”

“Vorsicht, der Wind schläft in Tüten.”

Was ja nicht schlecht ist, und auch nicht frei von poetischem Entzücken. Und natürlich ist auch nicht jedes Gedicht so lyrisch-schwirrend. Aber die Texte dieser Art überwiegen doch.

“Kinder, noch nicht, oder schon, oder fast, wenn nicht zuvor
– viele werden gezeugt, ein Teil geboren,
können nicht mehr zurück, es sei denn,
sie finden das Streichholz oder ein einsilbig Messer. –
Anna, Anna, Anna, eben trankst du noch Milch,
jetzt fließt du rot und davon.”

Es gibt bereits ein paar gute Gedichte, es gibt ein paar perfekte Zeilen. Mehr können die meisten Dichter nicht liefern und mehr sollte man auch wohl nicht von ihnen verlangen. Sprachlich ist Grass immer noch, und war es schon zu Anfang, ein eigenwilliger Virtuose. Wer diese Virtuosität in der Lyrik schätzt, kann sich heranwagen; wem diese (angebliche) Bedeutsamkeitshudelei immer schon gestunken hat, der wird sich hier nur bestätigt finden und die kleinen Geniestreiche vermutlich übersehen.

“Wir warten den Regen ab,
obgleich wir uns daran gewöhnt haben,
hinter der Gardine zu stehen, unsichtbar zu sein.”

II – Ausgefragt (1967)

“Ohnmacht, dein Nadelöhr ist der Gesang.”

“Mein großes Ja bildet Sätze mit kleinem Nein.”

“Ohne Kehrseite
doch rückversichert,
immer ein bisschen ich.”
[…]
“Ein leeres Haus im Rücken
und die Gewissheit trocknender Strümpfe;
draußen mühen sich altbekannte Gewitter ab.”

Günter Grass dritter Gedichband ist ein wahres Meisterwerk der virtuosen Sprachbilder; über weite Flächen kann man der Kraft seiner Bilder, dem Fluss seiner Kontraste kaum widerstehen oder entgehen.

“Und deine Hoffnung? – Log die Wüste grün.
Und deine Wut? – Sie klirrt als Eis im Glas.
Die Scham? – Wir grüßen uns von fern.
Dein großer Plan? – Zahlt sich zur Hälfte aus.
Hast du vergessen? – Neuerdings, mein Kopf.
Und die Natur? – Oft fahr ich dran vorbei.
Und die Menschen? – Seh ich gern im Film.
Sie sterben wieder. – Ja, ich las davon…”

Man kann auf viele verschieden Arten gute Gedichte schreiben und bis zu diesem Gedichtband dachte ich, Grass Stärke liege in kurzen, komprimierten Gedichten; nach der Lektüre von “Ausgefragt” bin ich bereit zu glauben, dass die Stärke seiner besten Dichtungen aus der Kombination seiner im eigenen (in der Prosa oft lyrischen, in der Lyrik eher epischen) Virtuosität und dem Einfallsreichtum seiner Sprach- und Bildassoziationen erwächst. Grass hat, dass muss man nach der Lektüre dieses Bandes absolut eingestehen, ein Händchen für lyrische Intonationen – hier kombiniert er sie dann und wann zusätzlich noch mit dem Aspekt des Wort- und Formspiels, was den Texten eine nicht ganz so bitter ernste oder verkopfte Note gibt, wie sich bei Grass sonst oft einschleichen kann.

“Neue Standpunkte fassen Beschlüsse
und bestehen auf Vorfahrt.
Regelwidrig geparkt, winzig,
vom Frost übersprungen,
nistet die Armut.
Ihr ist es Mühsal, Beruf,
die Symmetrie zu zerlächeln:
Alles Schöne ist schief.
Uns verbinden, tröste Dich,
ansteckende Krankheiten.
Ruhig atmen – so –
und die Flucht einschläfern.
Jeder Colt sagt entwederoder…”

In diesem Band taucht des weiteren auch erstmals eine andere Seite des Dichters Grass stark und unverhüllt auf: sein schriftstellerisches Engagement, das stark auf seine Lyrik übergreift; so nehmen sich manche Zeilen aus, als könnten sie von Brecht oder auch von Erich Fried stammen:

“Wir lesen Napalm und stellen und Napalm vor.
Da wir uns Napalm nicht vorstellen können,
lesen wir über Napalm, bis wir uns mehr
über Napalm vorstellen können.
Jetzt protestieren wir gegen Napalm.
[…]
Aber es gibt, so lesen wir,
Schlimmeres als Napalm.
Schnell protestieren wir gegen Schlimmeres.”

Die Zahl der enthaltenen Gedichte ist allerdings nicht besonders groß, doch immerhin hat der größte Teil davon etwas Zeitloses und wirkt, trotzdessen jeder der Texte schon ca. 45 Jahre alt ist, sehr unverbraucht. Viele könnten auch heute geschrieben werden und viele sind es wert wieder gelesen zu werden und nicht in Vergessenheit zu geraten.

“Schreib keinen Brief,
Brief kommt ins Archiv.
Wer den Brief schreibt,
unterschreibt,
was von ihm einst überbleibt.”

Ich empfehle den Lyriker Grass mit diesem Band kennen zu lernen. Viel von diesem Schriftsteller kann man getrost zum Teufel jagen – umso wichtiger nicht in eine Verallgemeinerung zu verfallen und sich zu greifen, was an Gutem zu haben ist.

“wenn um den Fußball Urlauber zelten
und der Nation verspielter Blick
große Entscheidungen spiegelt,

wenn Zahlenkolonnen den Schlaf erzwingen
und durch die Träume getarnter Feinde
atmet, auf Ellbogen robbt,

wenn in Gesprächen immer das gleiche Wort
aufgespart in der Hinterhand bleibt
und ein Zündhölzlein Mittel zum Schreck wird,

wenn sich beim Schwimmen in Rückenlage
himmelwärts nur der Himmel türmt,
suchen die Ängstlichsten rasch das Ufer,

liegt plötzlich Angst in der Luft.”

III – Fundsachen für Nichtleser (1997)

“Das Glück, so heißt es, ist eine Fundsache.”

“Alles, was abseits der Buchstaben

wie von Sinnen ins Auge fällt:
dieses Dingsda,
krumme Nägel oder Krümel,
die ein Radiergummi hinterließ.”

Gedichte und Aquarelle enthält dieser Band, der zu Grass 60tem Geburtstag erschien.

Nur Gedichte in den Größenordnungen von 3-10 Zeilen, dazu Buntes bis Graues. An der kurzen Leine hält Grass hier seine Worte, ebenso wie den Anspruch und es hat im Gut getan, nicht um Bedeutung zu ringen.
Ich hatte schon während der Lektüre vorheriger Gedichtbände den Verdacht, dass Grass ein Meister der kurzen Form sein könnte. Und wahrlich er ist es. Diese netten kleinen Streifzüge durch Gedanken-, Phantasie- und echte (erinnerte) Welten, sind schön, manchmal geistreich, sowohl lyrisch, als auch erzählend, und auf einzigartige, verschrobene Weise sogar subtil.

“-Jeden Morgen-

begegnet mir, auf dem Weg zur Heide,
ein Ameisenberg, dem ich nicht begegne,
denn er setzt seinen Betrieb fort
und hört nicht auf mein Krisengerede.”

Ich kann nur jedem raten seine Begegnung mit dieser beschaulichen Sammlung von Kurzgedichten nicht länger herauszuschieben; egal ob sie nun alle wahr sind oder doch gelogen.

“-Meine alte Olivetti-

ist Zeuge, wie fleißig ich lüge
und von Fassung zu Fassung
der Wahrheit
um einen Tippfehler näher bin.”

Kurz und knapp: Zusammen mit “Ausgefragt” die beste lyrische Arbeit von Grass. Zum Blättern, Vertiefen, Überfliegen und Zitieren. Eine wirklich gute, irgendwie auch erstaunliche Sammlung!

“-Für dich-

Meine leeren Schuhe
sind voller Reisepläne
und wissen Umwege,
die alle zu dir führen.”

IV – Letzte Tänze (2003)

Die letzte gute lyrische Arbeit von Grass – seine Hommage an die Symbiose des Tanzes mit eigenwilligen Einschlägen. Teilweise fast zärtlich.

“Der Herr knickt die Dame,
nein, biegt sie, so beugsam die Dame,
der Herr gibt sich steif.

Zwei Körper, die eins sind, doch nichts
von sich wissen, geschieden in Treue,
in Treue vereint.

Die Hand in der Beuge, gedehnt tropft die Zeit,
bis plötzlich die Uhr schlägt:
fünf eilige Schritte.
[…]
Das ist der Tango, die Diagonale.
Aus Fallsucht zum Stillstand.
Ich höre dein Herz.”

Ich denke dieser Teil aus Tango Nocturne kann sehr gut die Feinheiten der grassschen Lyrik anklingen lassen. Sie liebt das Bildhafte, scheut aber stets das Offensichtliche; sie hemmt das Begreifen ab und gibt doch jede Zeile ein bisschen mehr davon in die lyrische Aufnahme.

“Erklären lässt sich vieles, doch das Ohr will Fakten,
der Priester nuschelt was von nackten
und solchen, die sich modisch kostümieren,
will hören, ob mit Menschen, ob mit Tieren,
was sonst noch ruchbar ist in staubergrauten Akten.”

Klar, Grass wäre nicht Grass wenn er nicht immer wieder provozieren und anecken würde, mit Spott, mit in der Kollekte der Zeit nachhallenden Metaphoriken, übertrieben hier, ungenau dort, auch mit dem Drang sich zu profilieren, aber ebenso mit einer Idee von Wahrheit, die man ihm nicht absprechen kann; die aber wiederum mehr in den feineren Zügen liegt, als in den grob gekachelten Anklagen – wobei auch die manchmal den Nagel treffen, der uns lange vor dem Haupte saß.

“Altes Europa! Nach so viel Walzer- und Waffenexport,
schaust du tränenblind zu.”

Und Grass wäre nun mal auch kein großer Lyriker und Erzähler, wenn er nicht seinen ganz eigenen Ton hervorgebracht hätte. Seine lyrischen Werke sind eigenwillig und dabei  vielfältig, von den genialkurzen Gedichten in Fundsachen für Nichtleser, über die bestechende Sammlung Ausgefragt, bis hin zu Anfang, dem Debüt, mit dem man vielleicht beginnen sollte, um Grass Metaphorik und Lyrik zu erreichen: Die Vorzüge der Windhühner. Keine dieser Sammlungen ist veraltet, was für lyrische Werke aus dieser deutschen Periode schon eine Seltenheit ist.

Letzte Tänze ist ein rein künstlerisches Produkt, eine Symbiose aus Zeichnung und Vers, ein wunderbares Buch und Werk, um es immer wieder hervor zu nehmen und die unterschiedlichsten Texte darin zu lesen. Würde man dieses Buch in hundert Jahren in einem Antiquariat finden, ich wette man wäre als Leser und Betrachter gleichermaßen angetan. Warum aber so lange warten?