Tag Archives: Holocaust

“Das Brandopfer” von Albrecht Goes


“Niemand trägt sein Laster im Gesicht, immer nur das, was man ihm angetan.”                 Franz Werfel

“Geschehenes beschwören: aber zu welchem Ende? Nicht, damit der Hass dauere. Nur ein Zeichen gilt es aufzurichten im Gehorsam gegen das Zeichen der Ewigen, das lautet: -Bis hierher und nicht weiter.-”
Anfang des Erzähltextes

                                                             –

Es hat in Deutschland viele eindrucksvolle Erzähler gegeben, die ihre Prosa weder den aktuellen Hypes der Sprache angepasst, noch sonderliche Modifizierungen an ihr vorgenommen haben und auch mit ihrem Stil nicht unter ihresgleichen zu dominieren versuchten – Erzähler, Romanciers und Novellisten, deren Texte in jeder Zeile schlicht sprechen und die doch im Ganzen eine Art von Vollkommenheit erreichen. Die große Stärke ihrer Werke, liegt oft in ihrer natürlichen, nachvollziehbaren Tiefe.

Albrecht Goes, geboren 1908, gestorben im Jahr 2000, gehörte zu den unscheinbarsten Vertretern dieser Tradition. Er war protestantischer Theologe und ansonsten schriftstellerisch vor allem durch seine Gedichte und die Erzählung “Unruhige Nacht” bekannt.

Ebenso wie jene ist auch “Das Brandopfer” eine Erzählung aus der Zeit des 2. Weltkriegs; diesmal allerdings spielt sie in Deutschland. (Unruhige Nacht spielt unter Soldaten in der Ukraine, und es geht um die Nacht vor einer Hinrichtung.)
Beim Lesen und Folgen der Geschichte bemerkt man, wenn man es nicht weiß, gar nicht, dass ein Theologe sie geschrieben hat – erst im Rückblick mag es einem sehr klar erscheinen, wenn man hört, dass sie auch unter den Gesichtspunkten der religiösen Verständigung und Versöhnung verfasst wurde.

Der Text ist in einfacher, unverfänglicher Sprache geschrieben. Es ist eine Fiktion; aber genauso wie bei Stefan Zweigs sensationeller “Schachnovelle” ist auch hier die Darstellung des nationalsozialistischen Deutschlands, aufgrund des ganz eigenen Blickwinkels, weder unauthentisch, noch spielt es eine wirkliche Rolle wieviel an den Geschehnissen wahr und wieviel sehr gut erfunden ist, weil sie einfach versucht ein glaubwürdiges, menschliches Beispiel mit einem wichtigen, nicht wegzuredenden historischen Kontext zu verbinden.

                                                                      –

Gleichwohl wird die Handlung der Erzählung wie eine Erinnerung/ ein realistisches Bekenntnis aufgezogen. Frau Walker, die Frau eines Fleischers und Vermieterin des Erzählers, eines Professors, ist eine nette und etwas undurchschaubare Person von einem gewissen Zauber. Die Brandnarben in ihrem Gesicht und ihr wacher, leicht fragiler Verstand erregen die Neugier des Mieters, denn er vermutet, vor allem hinter den Narben, eine wichtige Geschichte. Die alte Frau ist bereit zu berichten, nur dann und wann legt sich Pausen ein oder zögert.

“Solange sie schwieg, hörte man die Uhr, die verrinnende Zeit. Zeit: Gnade und Gericht. Schon Gericht. Noch Gnade.”

Frau Walker und ihr Mann betrieben in den ersten Jahren der Hitlerzeit und dann auch im Krieg eine Metzgerei. Die Regierung ordnet 1938 an, dass ihr Laden zwischen 5 und 7 am Freitag den jüdischen Teil der Bevölkerung bedienen soll. So wird die walkerische Metzgerei zum Brennpunkt der neuen Ordnung. Da die Juden sich ansonsten nicht mehr versammeln dürfen, werden dieser Ort und diese Gelegenheit, welche wegen der Sabbatregeln absichtlich auf diese Zeit gelegt wurde, zum Fixpunkt für den Rest der jüdischen Gemeinde. Frau Walker beobachtet, passiv, doch langsam knüpft sie ein zartes Vertrauensband zu ihren besonderen Kunden. Oft kommen SS-Trupps herein und schikanieren diese. Doch mit der Zeit geschieht auch noch Schlimmeres… und dann…

“Wenn das mit dem Kinderwagen nicht dazugekommen wäre, hätte ich’s wohl nicht getan…”

Der Rest der Geschichte sei hier ausgespart. Nur soviel: Es gibt noch eine Verknüpfung zu einer anderen Lebens- und Kriegsgeschichte und natürlich noch ein paar kleinere Stücke innerhalb der Rahmenhandlung. Die ganze Konstruktion der Erzählung ist sehr darauf bedacht, nicht einseitig oder komprimiert zu wirken oder auf etwas Bestimmtes hinauszuwollen und dies gelingt ihr auch vorzüglich. Daher besitzt sie eine ganz eigene innere Schlüssigkeit und Stimmigkeit, eine konsequente Wahrheit in ihrem Verlauf und ihrer Diktion, ihrer Art und ihrer Atmosphäre.

Mich hat sie, nicht allein deswegen, tief berührt. Es gibt einige Stellen in ihr, die fast zum Weinen sind. Und es gibt welche, die spannend sind. Und es gibt welche, die beeindruckend sind.

Auch ohne viel sprachliche Virtuosität kann man hier doch von einer sprachlich wahrhaft gekonnten und schönen Erzählung sprechen; sie weist mehrere Formulierungen auf, die mir so klar und mündig noch nicht begegnet sind und deren Brillanz sich ihrer kleinen, bodenständigen Art nicht zu schämen braucht. Denn so zerbrechen sie nicht die Gesamtheit der Erzählung, sondern sind darin aufzufinden wie etwas aus dem Leben resultierendes.

“Lieber Herr Doktor, Sie sagen nicht: die Frau Walker phantasiert. Ich phantasiere nicht, ich sehe nur. Ich sehe sie vor meiner Auslage stehen, ihrer acht und zehn und zwölf. Frauen und Kinder und Greise, dir jüngeren Männer sind ganz selten geworden, ich lerne ihre Namen, und aus ihren Gesichtern lese ich; ob ich das richtige lese, weiß ich nicht, aber wer lange liest, lernt ja wohl lesen.”

Mitten drin spricht Goes einmal von dem “namenlosen Ernst, mit dem fremdes Leben an eigenes Leben sich lehnt”. Dieser Ernst, er liegt in dieser Geschichte, über allem, und die Geschichte selbst liegt ein wenig (ganz, ganz wenig) in allem, was im Dritten Reich an Verbrechen gegenüber der Menschlichkeit geschehen ist. Sehr ambivalent, präsent und doch vage, dringt das Grauen in die Welt der Metzgerei ein und gerade deshalb bekommt man einen Eindruck von der fatalen Hilflosigkeit, in der sich manch einfacher Mensch damals und noch heute dem Grauen gegenüber wiederfand.

Erich Fried schrieb: “Wenn handeln nicht hilft/ was soll man dann denken?/ Was soll man sprechen?/ Was soll man lassen? Nur eines nicht:/ sollst nicht vergessen.”
Ich halte diese Novelle für eines der wichtigsten Dokumente, dass uns beides lehrt, was im Umgang mit der Vergangenheit wichtig ist: Sie nicht zu vergessen – und stattdessen Menschlichkeit aus ihr zu lernen.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

Betrifft: Eva Menasses Buch “Der Holocaust vor Gericht”


“Meinung muss auf Fakten gegründet sein, andernfalls ist Meinung an sich eine Farce.”
Hannah Arendt

Wie soll man objektiv bleiben, als einzelner Mensch, wenn es um das Schicksal von Millionen geht und darum, wie die Geschichte sie sehen wird? Die Verantwortung ist groß. Nicht das Ausmaß der Katastrophe und ihrer Folgen bewegt die Leute heute, sondern die Ranglistenplatzeinschätzung unter verschiedenen Gesichtspunkten. Was ist der Holocaust? Symbol oder Ideologie? Dogma, Präzedenzfall oder der einzig wahre Höhepunkt des Grauens?

“Was geschehen ist, steht als Tatsache nicht zur Diskussion.”
Eva Menasse

2000 fand der von Eva Menasse im Buch „Der Holocaust vor Gericht“ von allen Seiten eher schwach beleuchtete Prozess statt.
Der Ausgangspunkt: David Irving, Historiker und Buchautor, verklagte die Autorin Deborah Lipstadt und ihren Verlag Penguinbooks wegen Verleumdung. Lipstadt hatte Irving in ihrem Buch Betrifft: Leugnen des Holocaust einen der “gefährlichsten Holocaustleugner” und einen “Geschichtsfälscher” genannt. Eigentlich hatte Irving gehofft, dass Verlag und Autorin – wegen der schwierigen Rechtlage von Verleumdungsklage in Großbritannien (der Kläger muss nicht beweisen, dass die Beklagten falsch liegen, sondern die Beklagten müssen beweisen, dass sie richtig liegen) – einer außergerichtlichen Einigung zustimmen würden, wie schon manche vor ihnen. Aber er täuschte sich (besser: verkalkulierte sich) – und einer der prestigereichsten und kontroversesten Prozesse des neuen Jahrtausends wurde angesetzt.

Um es direkt zu sagen: Obwohl ich das Buch sehr interessant fand und auch der Aufbau mir gut gefallen hat (Erst Einleitung, dann Portrait-Abrisse von Irving und Lipstadt, dann Vorgeschichte des Prozesses, Tagebuch des Prozesses und zuletzt einige epilogische Zusammenfassungen), ist es bei allem Verständnis für die Schwierigkeiten der Thematik doch ziemlich unerträglich Menasses Ton der Darstellung zu ertragen (wie berechtigt eine bezogene Wut auch sein mag, literarisch ist sie in non-fiktiven Werken immer Gift). Ebenso wie Hannah Arendt 1961 in Jerusalem versucht sie zwar Irving zu definieren, aber da wo Arendt Fragen stellt und betrachtet, schlägt sie eiserne Plaketten an, immer nur fixiert auf den nächsten Nagel – Irving wird so nur teilweise zur anschaulichen Figur, und eher zum Zerrbild verschiedenster Stiche, Einsichten und Bezüge. Das macht das ganze Buch mit seiner wichtigen und interessanten Thematik vom objektiven Standpunkt aus leider nicht in Gänze glaubhaft.

Übrigens und zur Anmerkung für den potenziellen Leser: In dem Prozess ging es nicht um die historische Wahrheit des Holocaust (Weswegen auch der Titel ein wenig daneben ist), sondern darum, Irvings historisch-fachliche Qualifikation zu überprüfen, sowie die Richtigkeit und Authentizität der Fakten in seinen Werken.

Irving ist ein Holocaustleugner und ein Geschichtsfälscher. Das muss nicht erwiesen werden, er selbst hat es des Öfteren zugegeben. Und der Zweifel, den er und andere in die Welt tragen, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Gerechtigkeit und Andenken mittlerweile zwischen dem Verrücken der Stühle zerquetscht werden. Die Holocaustleugner hantieren mit völlig unhaltbaren Zahlen, dass muss man einsehen. Aber ebenso hat die andere Seite sich Faux-pas geleistet (im Buch wird ein Fall falscher Zeugenaussage erwähnt und verschiedene andere Faktoren wurden verallgemeinert und überschätzt). Im Bemühen beider Seiten, aus den kleinen Fehlern der anderen Seite Kapital für die eigene Sicht der Dinge zu schlagen, ist kaum mehr Raum für die Protagonisten und Opfer dieses schrecklichen Ereignisses geblieben (und für das einzige, was wir noch für sie tun können: Nicht zu zögern, die Umstände ihres Todes für immer durch Klarheit unmöglich zu machen.) Das ist das traurige und beschämende – und Menasse hat es im Buch erwähnt, was immerhin ein Anfang ist. Und was dieses Buch am Ende doch zu einer nicht unlohnenden Lektüre macht, wenn man weiß, wie man vor einem Buch selbst Beobachter bleibt, wie man seine eigene Meinung bildet und nicht entnimmt, was einem passt, sondern entnimmt, was wichtig ist.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Holocaust-vor-Gericht-Eva-Menasse/dp/3886807134/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1379068606&sr=1-1&keywords=der+holocaust+vor+gericht

*diese Rezension ist schon teilweise auf Amazon.de erschienen

Eine kleine Hymne auf Roberto Benignis “Das Leben ist schön”


“He who binds to himself a joy
Does the winged life destroy;
But he who kisses the joy as it flies
Lives in eternity’s sun rise.”
William Blake

Diese Zeilen sprach Roberto Benigni, nachdem er, über die Sitzreihen hinweg springend, auf die Oscartribüne gestiegen war, um 1999 den Preis für den besten ausländischen Film entgegenzunehmen – ein Bild, das, genau wie dieser Film, zu Herzen geht. Er sprach sie inmitten eines großen, freudigen Redeschwalls aus, in dem er sich überschwänglich bei allem und jedem bedankte und so sind sie in dieser abschließenden, wunderbaren Rede, die beinahe als ein Epilog zu seinem großartigen Film getaugt hätte, leider untergegangen, obwohl sie die die Leichtigkeit und Tragik dieses Film so gut einfangen könnten.

Das Leben ist schön – nur wenige Filme könnten einem solchen Titel gerecht werden und es wäre vielleicht schon genug, zu sagen, dass dieser Film diesem Titel wirklich gerecht wird. Denn obwohl es in diesem Film letztendlich um das schlimmste Ereignis des 20. Jahrhunderts geht und daneben fast jedes Glück und jede Leichtigkeit verblassen muss zu einer kopfschüttelnden Traurigkeit, schafft es der Film, am Ende die Tränen hervorzuholen, die trotz allem sagen: Ja, das Leben ist schön. Denn die Liebe vermag es, das Scheitern mancher Welten, jederzeit zu überwinden. Eine einfache Erkenntnis, die aber selten so gut und tief(er)greifend dargestellt wurde, wie in diesem Film.

Zum Inhalt: (ACHTUNG SPOILER)

Zwei Freunde auf dem Weg mit dem Auto in die Stadt, um dort ihr Glück zu machen; der eine, Ferruccio, ein Dichter, der andere, Guido, will einen Buchladen aufmachen. Mit Slapstick, Witz und Charme kommt der Film daher, und nur wenige kleine Nuancen verraten etwas über die Zeit und die Atmosphäre, in der er spielt. Denn man befindet sich etwa in der Mitte der dreißiger Jahre, Italien ist schon lange ein faschistisches Land und schlägt allmählich einen noch gefährlicheren Weg ein. Während der Film einzigartig und wunderbar klamaukig und märchenhaft voranschreitet und sich daraus eine wundervolle Liebesgeschichte entspinnt, ziehen die Schatten herauf – Guido und der Onkel bei dem er arbeitet, sind nämlich Juden und obwohl in Italien lebend, nicht den Auswirkungen des schlimmsten Verbrechens des zwanzigsten Jahrhundert entzogen…

“Das Leben ist schön” ist ein vielschichtiger und, in jedem Abschnitt auf neue/andere Weise, guter Film. Sehr gut zeigt er – neben viel Unterhaltung – zum Beispiel die Schwierigkeit, als einzelner Mensch zu erfassen, was wirklich historisch geschieht, da jeder es ja nur anhand von Ereignissen erahnen kann, die ihm selbst widerfahren. Das Böse ist sehr langsam und gleichsam sehr schnell. Und doch hat dieser Film mehr Geschichten und Augenblicke in seiner Bandbreite zu bieten, als man hier mit einer Allgemeinbeschreibung einfassen könnte, denn er ist wahrhaft, bei aller Schwierigkeit des Themas, ein unglaublich unfestlegbarer Film, der seine Geschichte mit der Selbstverständlichkeit einer lebendigen Wahrheit erzählt. Einer Wahrheit von großer Schönheit.

“Das Leben ist schön” – jeder sollte diesen Film einmal gesehen haben. Sprichwörtlich wird einem danach der Filmtitel immer wieder durch den Kopf gehen, einen Rühren, Verzaubern und Erfreuen, mit der ganzen Kraft seiner kleinen Geschichten und unvergesslichen Momente – und seinem übergreifenden, letztlich im Titel aufgefangenen Anliegen: zu sagen, dass das Leben kostbar ist, in all seiner Einfachheit, wie nichts anderes, das wir kennen, keine Idee, kein Glaube, kein Stolz, keine Richtung. Denn das, was uns verbindet, sollte uns nicht trennen.

Link zum Film: http://www.amazon.de/Das-Leben-sch%C3%B6n-Nicoletta-Braschi/dp/B0054I1IKE/ref=cm_cr_pr_pb_t

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.