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Neue Gedichte von mir zu lesen


Unter diesem Link kann man ab Seite 136 meine Beiträge für den Publikumspreis der Wiener Werkstätten nachlesen!

Außerdem kann man hier einen Text auf dem Blog des ProsaNova 17 lesen.

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Poesie.Meditationen


Seit gestern kann man die neuste Kolumne meiner Poesie.Meditationen auf dasgedichtblog.de lesen:

http://www.dasgedichtblog.de/category/kritik/poesie-meditationen/

Diese neuste Kolumbe beschäftigt sich mit Ted Hughes und Sylvia Plath, der Liebe, den Birthday-Letters, Beziehungen u.a.

Auch alle drei alten Kolumnen kann man dort weiterhin lesen.

Ein lyrischer, komplexer Roman – Borns “Die Fälschung”


“Es ging um Kontraste, immer noch, immer noch um Gut und Böse, obwohl beides nichts mehr bedeutete, da alle nur noch verrückt in den Kategorien der Verrücktheit staken.”

Nicolas Born, gestorben 1979, hätte mit Sicherheit noch ein bedeutendes Werk verfasst, denn schon allein das, was er bis zu seinem Tod geschrieben hat, ist beeindruckend, Gedichte und Vorträge, und (nicht) zuletzt dieser Roman, der von einem Kriegsberichterstatter, Georg Laschen, handelt, den die Entgrenzungen von Sinn und Realität, die Divergenz von Darstellung und Wirklichkeit, umtreiben. (Ort des Geschehens ist der Libanon, während des Bürgerkriegs in den späten 70ern, zwischen christlichen und muslimischen Glaubensanhängern.)

Ledig-Rowohlt der Inhaber des Rowohlt Verlages, sagte auf Borns Grabfeier trefflich, er wäre “auf dem besten Weg gewesen, ein deutscher Camus zu werden”. In der Tat lässt sich dieser Roman in seiner Stimmung, seiner leicht apathischen, dann wieder leicht engagierten Art, durchaus mit Camus Roman “Die Pest” vergleichen.

Man könnte sehr viel über “Die Fälschung” schreiben, denn es ist ein sehr verdichteter Text, eine Prosa, die ständig die Schwerpunkte verschiebt und den inneren Stimmungen des Protagonisten folgt; der Roman spielt zwar hauptsächlich im Libanon und die eine Seite des Buches ist natürlich auch diesem Umstand gewidmet: Aussagen von verschiedenen Beteiligten, die Besuche dieses und jenes Frontabschnittes, die Berichte über Siege und Niederlangen.

“…Recht und Unrecht waren bis zur Unkenntlichkeit vertauscht worden, gab es nicht, schien es nie gegeben zu haben. Nur Räume und Zeiten sollten siegen über Räume und Zeiten, eine Behauptung sollte die andere besiegen, eine Geschichte die andere. Der Tod in Fortsetzungen sollte geschehen, damit eine einzige Wahrheit am Leben bleiben konnte, eine einzige Wahrheit und ihre Darstellung.”

Der Krieg der beiden Parteien, deren Mitglieder Georg Laschen ungehindert aufsuchen kann und die sich dennoch bekriegen – alles, was er darüber schreibt, ist letztlich eine “Fälschung”. Denn wenn er für niemanden eintreten kann, so gibt es auch keine echte Perspektive. Wer nur beobachtet ist eigentlich nicht dabei. (“Obwohl viele starben, starb man selbst doch nie.”) Darin gipfelt Borns Werk immer wieder, unter der Oberfläche, in dieser Empfindung, dass alle Grundlagen des Rechts für einen Beobachter, der nicht auch Akteur ist, obsolet sind, nicht greifbar, nicht erkennbar. Es ist als lebe und berichte er von einem anderen Planeten. Und außerdem ist die berichtete Wirklichkeit stets auch die Vergangenheit…

“Einmal hatte er ihr von seinen Schwierigkeiten erzählt, seine Schwierigkeit sei es oft, das Geschriebene anzuerkennen angesichts der immer ungeschriebenen Realität der Ereignisse.”[…]

Zu erwähnen ist auch noch die andere Seite des Romans, die Person Laschen selbst und ihre Verstrickung zwischen zwei Frauen. Diese eingewobene Geschichte stellt auf wunderbar ehrliche Weise die Kompliziertheit menschlicher Beziehungen dar; sie ist das klarere Highlight des Romans. Überhaupt ist Born ein hervorragender Charakterdarsteller und -nuancier.
So ist dieses Werk demnach auch kein wirkliches Buch -über- den Krieg im Libanon. Jener ist mehr (wie bei Camus die Pest) ein Mittel, um die Unübersichtlichkeit und Ferne der Realität darzustellen und die Handlung in eine Ausnahmesituation zu versetzten; er ist eine Metapher für die -Fälschung- des Lebens selbst. Born hat gewiss sehr gut recherchiert und bestimmt stimmt alles historisch, aber das verfällt neben der Geschichte des Individuums zur Nebensache. Auch das eine Botschaft, die der Roman langsam an sich selbst koppelt: das neben dem Individuum alle Realität eine Wirklichkeit ist, die nicht an ihm haften kann, also nur über Bezüge zu ihm aufschließen, ihn erreichen kann. Was ist der Bezug zu einem weitentfernten Krieg?

Insgesamt ist das Buch jedoch tatsächlich zu komplex um es einfach als Kategoriendiskussion abzuhandeln. Es ist ein Epos, aber ein lyrisches und deshalb knappes. So wie Born hauptsächlich Dichter war, so hat er auch diesen dichten Roman, in der Form und in der Sprache lyrisch inszeniert. Sein Stil ist von einer bildreichen Schroff- und Erhabenheit (“Die Granaten hörte er über den Dächern surren, sie flatterten, meinte er, wie einsame, eine Beute suchende Nachtvögel”) (“In Richtung des Platzes fuhr ein Panzer, das Turmgeschütz geradeaus gerichtet. Bei jedem Schuss rumste der ganze Stahlkörper, als hätte er sich aus einen Eingeweiden befreit”), die Handlungsführung lebt von einer sich stets halb entziehenden Schnelligkeit und Kargheit, die auf frequenzartige Weise in die Tiefe geht.

Es ist ganz ohne Zweifel ein großer Roman, einer dieser Romane, bei dem man stets im hier und jetzt, auf der gerade aufgeschlagenen Seite ist – eine Komposition von bestechender Intelligenz und Vieldeutigkeit.

Und um mit einem sehr wahren, wieder an Camus erinnernden Satz zu enden:
“Laschen kehrte zu einem schon oft gedachten, also vertrauten Gedanken zurück, nichts sei ein Menschenleben wert, täglich gebe es dafür Beweise, aber der Anspruch, Wert zu sein, müsse zeitlebens gestellt werden, verurteilt aber der, der Gegenbeweise liefere.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen.

Kleine Ode auf Kehlmanns Erstling “Beerholmes Vorstellung”


“Die ganze sichtbare Welt in ihrer Vielfalt und Verschlungenheit mit ihrem ungeheuren Inventar an Menschen, Tieren, Hunden, Versicherungsagenten, Krokodilen, Blumen, Ozeanen, Sonnen, Planeten und Galaxien ruht auf einem Geflecht von Zahlen. Die Winkelsumme eines Dreieckes ist der zweier rechter gleich; ein Satz ist wahr oder sein Widerspruch, nicht aber ein Dritter; ein Körper verharrt in einem Zustand, solange keine Kraft auf ihn wirkt. […] Allen Dingen schreibt ein unerbittlich klarer Geist seine Gesetzte vor.
Nun, was also bedeutet die Wiederkehr der Karte? Was bedeutet Magie? Sie bedeutet schlicht, dass der Geist den Stoff vorschreiben kann, wie er sich zu verhalten hat, dass dieser gehorchen muss, wo jener befiehlt.
Das glaubte ich damals.”

Ich habe erst als letztes Kehlmanns Erstling zur Hand genommen, nachdem ich den Rest seines Werkes schon gelesen hatte; manches gefiel mir, manches macht es mir schwer. Die Gründe von Ablehnung und Zuspruch sind natürlich vielfältig; oft hatte es mit der inneren Atmosphäre oder den Charakteren zu tun oder wohl auch mit meiner ganz persönlichen Aversion gegen zu unterkühlte oder abwertend wirkende Prosa.
Ganz ohne Zweifel ist Kehlmann ein genialer Schriftsteller und ein großartiger Stilist. Das muss man bei jedem seiner Bücher betonen. Doch hier, in seinem Erstling, hat er wirklich und wahrhaftig das geschrieben, was man einen Roman nennen kann (So kann man Mahlers Zeit, wie ich finde, zum Beispiel nicht bezeichnen); hier erwartet einen eine fesselnde und sich selbst wandelnde Geschichte, hier entwickelt sich ein Charakter, der wirklich Brüche, Leben und Identität aufweist und dessen Lebensschilderung und Lebensfrage weit über die üblichen Kehlmannspielereien hinausgeht.

Es geht um einen Waisenjungen namens Beerholm, der bei Pflegeeltern unterkommt. Seine Geschichte erzählt er von der ersten bis zur letzten Seite selbst, weswegen die Wahrheit auch manchmal zwischen Realität und Einbildung, zwischen Schein und Sein nicht mehr ganz auszumachen ist; zumal Beerholm ja auch eine magische Begabung hat und die Tricks mit der Illusion quasi zu seinem Wesen gehören – ein Wesen, dass er vielleicht nicht kontrollieren kann? das er sich einbildet? Doch seine Lebensreise hält noch viel mehr bereit, als bloß einige Zaubertricks. Seine Faszination für die Unendlichkeit der Mathematik und sein Wille, etwas Sicheres und Unantastbares zu finden oder zu schaffen, finden sich in seinem Leben immer wieder aufs Seltsamste zusammen und bringen ihn schlussendlich zu jenem Zweifel am eigenen Selbst, der in Kehlmanns Werk eine so zentrale Rolle spielt, aber nirgendwo so gut manifestiert ist, wie in seinen Erzählungen und diesem Roman.

“Seltsam: Ist unser Gedächtnis so löchrig, dass es nur einige Augenblicke aus der davonfließenden Zeit filtern kann; oder besitzen wir tatsächlich nur selten und kurz die volle Kraft unserer Wahrnehmung?”

Wenn man Romane liest, dann zählt auch, was am Ende zurückbleibt, was für ein Gefühl. Ob man sich glücklich fühlt, angefüllt von der Geschichte oder nur mit Appetit auf das Glück über die letzte Seite hinaus allein gelassen wird. In diesem Buch, in welchem sich eine nie ganz auszumachende Lebenswirklichkeit mit stilistischen Feinheiten und Schönheiten (“… und stell es dir vor: Das farbige Glas in der dunklen dämonenbesetzten Wand einer Kathedrale. Ein Sonnenstrahl berührt es und auf einmal glänzt die darin eingefrorene Helligkeit auf.”) verbindet, wird man romangemäß entlassen: man ist begeistert und fühlt sich er- und auch etwas beklommen.

“Die Langeweile breitete sich aus wie Tinte, geträufelt in Wasser.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen

Ja, “Ich ist kein anderer” – Robert Fischers “Römische Abschweifungen”


“Flug über die Alpen, der Nebel lichtet sich: blauer Himmel und gleißendes Licht. Unter dir liegt eine faszinierend aufgefaltete Welt mit frischem Schnee über grauem Fels, die Täler von Straßen und Flüssen durchzogen, wie Lebensadern in einem fast menschenleeren Gebiet.”

Max Frisch hat Recht: “Das menschliche Leben vollzieht oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst”. Aber dieser These literarisch zu folgen ist sehr schwierig. Denn dann kann man keine ausufernden Geschichten erzählen, sondern nur die eigene; kann nichts imaginieren und erfinden, außer der Sprache für das Selbst-Erlebte.

Diese Prämissen haben etwas von Lyrik und in der Tat könnte “Römische Abschweifungen” auch ein langes erzählendes Gedicht sein, ein ungereimter Versfluss, immer wieder unterbrochen durch Prosaabschnitte die die Randgeschichte fortführen. Aber gerade die Tatsache, dass es reine Prosa ist, macht dies schmale Werk poetisch noch umso wertvoller und verleiht ihm eine unnachahmliche Tiefe, einen Zug der eingefangenen Wirklichkeit.

Inhaltlich geht es um einen Lebensweg, den Blick darauf zurück und die während der Retroperspektive erlebte Gegenwart. Kindheit, Liebe, Sexualität, Vertrauen – alle Problemzonen des Lebens geben sich hier und da zu erkennen, während der Ich-Erzähler gleichzeitig von seiner Beziehung, seinen Gedanken und seiner Romreise berichtet. Letzteres immer wieder auf sehr anschauliche, lebensnahe Weise:

“Dann spazierst du um die Piazza Navona und setzt dich zum Lesen auf eine Bank vor Berninis Fontana dei Fiumi. Gegen halb sieben Uhr gehen die Lichter an, und die Kulisse rund um den oval angelegten Platz bekommt einen surreal anmutenden Glanz. Eine bunt gekleidete Frau tanzt Flamenco zu einer Musik aus dem mitgebrachten Ghettoblaster, während ihre Tochter nicht recht zu wissen scheint, ob sie sich darüber genieren oder Geld einsammeln soll. Junge Zigeunerinnen halten dir ihre Pappschilder unter die Nase und versuchen dich mit einem Lächeln auszurauben.”

Weiterhin kann man zum Inhalt wenig sagen, was in diesem Fall für das Buch spricht. Es ist keine auf einen Nenner zu bringende Geschichte, sondern 1zu1 ein Erlebnis des Lesens; kein Name, sondern ein langer Gedankenfluss, den man “open mind” durchschwimmen sollte.

Robert Fischer versteht zu schreiben, nuanciert zu erzählen und es ist fast schon egal worüber, zumindest zu Anfang. Dann, immer mehr, schleicht sich die Weisheit seiner Prosa in die Randbezirke der eigenen Wahrnehmung, bevor sie ganz am Ende wie die Sonne über der Landschaft des Gelesenen aufgeht.
Er schafft es das Bewusstsein des Lesers ständig im Fluss zu halten, hier und da mit erotischen Anklängen anzuecken, dann wieder mit seiner bewusstseinsklaren Sprache, dann wieder mit seiner rätselhaften Erzählstruktur. Bewundernswert, schön, mehr fällt einem wieder und wieder nicht dazu ein.

“…doch wie soll man auf ein Leben vertrauen, indem nichts gewiss ist außer dem Tod?” – eine einfache Frage, die inmitten seiner Prosa wie der schwere Stein wirkt, der Augenaufschlag, der sie ja auch ist. Thomas Mann schrieb einmal über den Steppenwolf an Hermann Hesse: “Der Steppenwolf hat mich seit langem wieder gelehrt, was Lesen heißt.” Das kann ich, für mich, auch über dies kleine Buch sagen. Es ist ein Leseerlebnis, eines, das ich jedem in dem Maße wünsche, indem es mir zuteil wurde.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/R%C3%B6mische-Abschweifungen-Erz%C3%A4hlung-suhrkamp-taschenbuch/dp/3518395300/ref=cm_cr_pr_pb_t

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen