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Zu “Die Macht der Schrift” von Martin Puchner


Die Macht der Schrift Schon immer war die Schrift ein Machtinstrument – man könnte allerdings darüber streiten, wann sie mächtiger war: heute, wo sie in aller Munde (pardon: auf allen Bildschirmen) ist und jede/r sich ihr bedienen kann, um Informationen festzuhalten und Geschehnisse darzustellen, aufzurufen, zu schmähen, zu schmücken, oder einst, ganz am Anfang, als sie noch vom Nimbus des Magischen umgeben war, geradezu einem Zaubertrick glich (ein Zustand, den jede gute Literatur möglicherweise wieder zu erlangen sucht …)

Denn so beginnt die Geschichte der Schrift: der Sage nach soll sich der erste Herrscher, der von einem anderen Herrscher eine in Keilschrift abgefasste Drohung erhielt, sofort diesem unterworfen haben, als er hörte, diese seltsamen Zeichen seien das in Ton gepresste Sprechen seines Widersachers.

Geschichten (und auch Drohungen) begleiten die Menschheit, seit sie komplexere Formen der Kommunikation besitzt, aber der Übergang von der mündlichen Tradition zu schriftlichen Werken markiert einen Wendepunkt und führt eine Entwicklung an, die immer noch andauert und mit dem Internet und der digitalen Verschriftlichung einen neuen Höhepunkt erreicht hat.

Martin Puchner erzählt in seinem Buch die Geschichte dieser Entwicklung und wie die Literatur, also das verschriftliche Erzählen, die Geschicke der Menschheit bedingt und geprägt hat. Er beginnt mit den Grundlagentexten (Ilias, Gilgamesch-Epos und Bibel) und arbeitet sich von dort bis in die Moderne vor, selbst Geschichten erzählend und dabei die realen Kontexte und Folgen offenbarend.

Herausgekommen ist ein prächtiges, gewissenhaftes Werk, das gelehrig und mitunter auch spannend ist, in jedem Fall aber genau das einlöst, was es verspricht: es erzählt von der Macht der Schrift, für uns ein Alltagsphänomen, in Wirklichkeit bis heute aber eine unerhörte Erscheinung, in der sich große Kräfte bündeln, wenn auch diese Kräfte oft verschlungene Wege gehen. Wer bspw. ein Fan der Bücher von Alberto Manguel ist, wird auch hier eine ähnlich anregende, verständlich geschriebene, wenn auch vielleicht nicht ganz so geschickte Darstellung vorfinden.

Zu den Reden von Michael Köhlmeier


erwarten sie nicht

Es war eines der wenigen Ereignisse, die mir in den letzten Jahren wirklich Mut gemacht haben: Michael Köhlmeiers Rede in der Wiener Hofburg am 04. Mai 2018. Da sprach ein Schriftsteller – kein/e politische/r Kabarettist/in im Gewand der Ironie, kein/e NGO-Vertreter/in aus der Opposition, sondern ein Künstler aus der Mitte der Gesellschaft – offen gegen die Verhältnisse, gegen die politische – und indirekt auch gegen deren Verlängerungen in der gesellschaftlichen – Kultur. Und fast noch wichtiger als das Thema seiner Rede (die Geschichtsvergessenheit der aktuellen österreichischen Regierung, ihre fragwürdigen Verlautbarungen und jüngsten Maßnahmen) war ein Satz, der nun dieser Sammlung mit neun Reden als Titel dient.

„Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“, sagt Köhlmeier in der Rede. Dieser Satz war an die Regierenden gerichtet, aber er ist deswegen so schneidend, weil er sich darüber hinaus auch an die Regierten richten konnte. Dummstellen (auch als Synonym für Wegschauen) hat in unserem Informationszeitalter und in unseren Wohlstandsgesellschaften Hochkonjunktur – oft ist der Grund Ignoranz, manchmal auch Überforderung, Kapitulation. Wer sich dumm gibt, seine Dummheit schützt und pflegt, der kommt mit bestimmten Debatten nicht in Berührung und kann glauben, er hätte mit vielen Dingen nichts zu tun. Kenntnis zieht die Frage des Verhaltens, der Position nach sich, keiner kann sich dieser Konsequenz entziehen (und es wird oft versucht, meist durch Leugnung oder Verdrehung der Kenntnis).

Köhlmeier ergriff die Gelegenheit zu zeigen, wie das ist, wenn man sich in der Öffentlichkeit, bei einem offiziellen Anlass, nicht dumm stellt, sich nicht servil gibt. Es war Stefan Zweig, der einmal gesagt hat: „Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“ Ob er damit nun recht hatte oder nicht, Köhlmeiers Rede entsprang eben nicht der Geltungssucht, sondern der Gelegenheit. Er nutzte sie und mahnte.

„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung.“

Seine Rede war dennoch keine Kampfansage und auch die übrigen Reden sind es nicht. Es sind Lektionen in Aufmerksamkeit, Menschlichkeit, Lehrstücke gegen das Vergessen, Elegien der Dialektik – und natürlich ein Stück weit das, was gute Literatur immer ist: Mittel gegen die Scheuklappen und die Ausreden der Ignoranz, gegen die Einseitigkeit.

Zum Beispiel jene Rede, die er 2014 bei der Verleihung des Humanismus-Preis hielt. Eine eher kurze Rede, in der er nach der Grundlage für humanistisches Verhalten fragt und auf den letzten Gesang der Ilias von Homer zu sprechen kommt. Dort schleicht sich Priamos, der König von Troja, in das Lager der Griechen, ins Zelt des Achilles, um ihn um den Leichnam seines Sohnes Hector zu bitten, den Achilles vor kurzem erschlagen hat. Der trauert noch um seinen Freund Patroklos, der wiederum von Hector erschlagen wurde. Als sie sich begegnen, erkennen sie, dass gerade sie den Schmerz des jeweils anderen am besten verstehen können.

„Sich des anderen zu erbarmen heißt, das gemeinsame Los aller Sterblichen an sich selbst zu erfahren“

Auch als Redner hält Köhlmeier an den Werten und der Aufgabe des Schriftstellers, des Erzählers fest. Was u.a. heißt: nicht nur den Spiegel vorhalten, sondern auch in ihn hineinschauen; den Spiegel nicht aus Eitelkeit ergreifen, sondern weil er etwas birgt, was wir normalerweise nicht zu Gesicht bekommen, mit dem wir selten konfrontiert werden. In einigen Reden spricht Köhlmeier über das Erbe des 20. Jahrhunderts, darüber wie sich Apathie und Schrecken angenähert haben, verschmolzen sind – so fest mittlerweile, dass sie kaum noch zu trennen sind.

„Wir sind begriffslos, seit wir das Böse nicht mehr von dem unterscheiden können, das uns ansieht, wenn wir in den Spiegel schauen.“

Köhlmeier erzählt von seiner Mutter und von dem Gegensatzpaar Leben und Historie. Er spricht über Toleranz und Individualität, über Empathie und Verdrängung. Er redet über Verbrechen und er redet über die Schönheit. Und alle seine Reden weisen uns, unter der Hand, an, uns nicht nur unserer Feinde zu vergewissern, sondern vor allem dem, was wir bewahren und bewirken wollen. Thomas de Quincey schrieb: „Feinde glauben, einander zu kennen. Es besteht die Gefahr, dass sie diesen Kenntnissen irgendwann mehr Bedeutung beimessen als den eigenen Erfahrungen.“ Sich nicht dummstellen will gelernt sein, aber ebenso, zu erkennen, dass die Wirklichkeit komplexer ist als der eigene Einblick in den Verlauf der Dinge.

Und gegen wen wir kämpfen darf nie verdrängen wofür wir kämpfen. Hier hat Köhlmeier in einer Rede eine schöne Anekdote parat:

„Mitten im Krieg gegen Hitler wurde im britischen Unterhaus der Antrag gestellt, das Kulturbudget zu kürzen. Churchill, Premierminister und Verteidigungsminister, empörte sich dagegen: „Wofür kämpfen wir denn?“, soll er ausgerufen haben. Und der Antrag war vom Tisch.“

Eine meiner Entdeckungen des Jahres! Alice Oswalds Lyrikband “46 Minuten im Leben der Dämmerung”


46 Minuten  besprochen beim Signaturen-Magazin