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Franzens Essaysammlung “Anleitung zum Alleinsein”


“Das Buch muss dem Leser etwas geben, nicht der Leser dem Buch.”

Jonathan Franzen ist einer dieser Romanciers, bei denen ich mir schon immer gut vorstellen konnte, dass sie nicht nur gute Erfinder, sondern im Allgemeinen sehr intelligente Menschen sind. In den Texten aus “Anleitung zum Alleinsein” begegnet mir dann genau das: eine intelligente Stimme, mit ein klein wenig intellektueller Abgeklärtheit, aber auch einer differenziert-ambivalenten Menschlichkeit.

Egal ob ich die Einschätzungen teile, die Franzen in vielen seiner Essays doch sehr deutlich vertritt, oder nicht – wenn ein Schriftsteller glaubwürdig und einzigartig seine Argumente und Ideen präsentiert, dann muss man sich nicht zwischen Annahme und Ablehnung entscheiden, sondern man kann auch die Zwischenstufe der Anerkennung betreten, eigentlich die angenehmste von allen dreien.

In diesen Essays, entstanden in den 5 Jahren vor der Wahl George W. Bushs zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, hat Franzen viele unterschiedliche Aspekte Amerikas, seiner Kultur, seines Werdegangs und seiner (möglichen) Zukunft offen gelegt und behandelt. Einige von ihnen kann man als philosophisch-globale lesen, andere verraten gerade dem Nichtamerikaner einiges über die Systemprobleme und -eigenheiten der amerikanischen Gesellschaft; auf jeden Fall bekommt man einen kleinen Ausblick darauf, was es heißt, Amerikaner in den Gefilden nahe New York und Chicago zu sein – ohne das explizit darüber geredet wird.

Franzen ist ein eindrucksvoller und trotzdem angenehmer Essayist. Er ist ehrlich und menschlich und doch erblickt man deutlich den Schriftsteller, den subtilen Former und gekonnten Erzähler. Egal ob er über so persönliche Themen wie seinen Vater schreibt oder eine Haftanstalt in Colorado: er schafft es fast immer die richtige Distanz oder Nähe zum Objekt einzunehmen, mal ist er uns als Person gegenwärtig, dann erleben wir seinen Text als Reportage, hinter der er immer wieder durchscheint, wenn er es für angemessen hält. Und ich glaube, dass ist die große Stärke all dieser Schriften: dass sie weder persönlich, noch rein sachlich sind, sondern stets eine menschliche Schweben zwischen Schreiben und Berichten, Leben und Reportage halten.

Kleine Übersicht über den Inhalt
Das Gehirn meines Vaters (Über die Alzheimererkrankung von Franzens Vater)
Riesenschlafzimmer (großartiger Essay über die problematische Beziehung zwischen Öffentlichkeit und Privatem)
Wozu der Aufwand? (Der berühmte “Harper’s Essay. Halb biographische, halb essayistische Analyse über Romane und Romanautoren)
Auf dem Postweg verloren (Essay über die desaströsen Zustände bei der New-Yorker Post – interessanter als man denkt)
Erika Imports (kleine autobiographische Skizze)
Aschelese (Über die Zigarette und das Rauchen)
Der Leser im Exil (über Cyberspace und moderne Unterhaltungskultur)
Die erste Stadt (interessanter, kleiner Essay über die historische Entwicklung von Amerikas Städten)
Verwertet (halb persönliches Bekenntnis, halb Betrachtung der modernen Konsumgesellschaft)
Kontrolleinheiten (über das ADX Florence, ein Hochsicherheitsgefängnis für die “schlimmsten der Schlimmsten”)
Mr. Schwierig (sehr interessanter Text über die schwierige Beziehung zwischen Kunst und Betrachter am Beispiel von William Gaddis und seinen Romanen, insbesondere dem Roman The Recognitions)
Im Bett mit Büchern (über Sex-Ratgeber und deren zweifelhafte Transparenzvorstellungen)
Bis dann in St.Louis (sehr persönlicher Text; es geht um Filmaufnahmen für eine Sendung, gemacht in der Stadt, wo Franzen seine Kindheit verlebte)
Tag der Amtseinführung 2001 (Kleine Anekdoten über einen Protestausflug, anlässlich der Wahl von George W. Bush zum Präsidenten)

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.