Tag Archives: Juden

Zu Nicole Krauss “Waldesdunkel”


Waldesdunkel besprochen bei Fixpoetry

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Zu den Porträts in “Über Geist und Macht” von Wilhelm von Sternburg


QU_Sternburg_U1_Entwurf.indd Dieser schöne Band versammelt biographische Studien, Abrisse und Essays von Wilhelm von Sternburg, die zwischen 1993-2017 in verschiedenen Publikationen (hauptsächlich der Frankfurter Rundschau) erschienen. Unter den Protagonist*innen finden sich ein paar der üblichen Verdächtigen (Schiller, Heinrich Böll, Stefan Zweig, Günter Grass, bei den Politikern Bismarck, Churchill und Willy Brandt), aber auch unbekanntere oder vergessene Namen wie Gustav Freytag, Bruno Frank, Elisabeth Langgässer und wenig thematisierte wie Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger, Golo Mann oder Herbert Wehner.

Mit Ausnahme von Lessing und Schiller waren alle Persönlichkeiten des Buches auf die eine oder andere Weise Zeitgenossen und Akteur*innen während der Entwicklungen und Verwerfungen der deutschen Nationalgeschichte zwischen 1848 und den Zeiten der Bonner Republik. Und obgleich Sternburg auch ein feinsinniger literarischer Rezipient ist – die Texte dieses Bandes (wie auch schon der Titel „Über Geist und Macht“ andeutet) richten ihr Hauptaugenmerk auf die zeitgeschichtlichen Aspekte des Werks, den Charakter und die Integrität, die Verwicklungen und Positionen der jeweiligen Geistes- und Machtgrößen.

Bei einigen Namen bleiben die Texte eher so etwas wie ein gut ausbalanciertes summa summarum (wobei es auch dann an interessanten Einblicken nicht fehlt). Zu Schiller beispielsweise gibt es selbstverständlich tiefere, mannigfaltigere Arbeiten (z.B. von Thomas Mann oder Rüdiger Safranski). Bei solchen Namen spürt man, das Sternburg klug gesammelt hat und mehr das bekräftigt, was zu Schiller bereits gesagt wurde und weniger eine eigene Deutung anstrebt (wenn er sie auch, hier und da, einfließen lässt). Auch bei Joseph Roth, dem ein längerer Text gewidmet ist, bewegt sich Sternburg etwas im Kreis, verdeutlicht und untermalt, stößt aber nicht wirklich in eine eigene Schilderung vor.

Sehr verdienstvoll sind hingegen die Beiträge zu den Unbekannteren – und das Highlight sind ein paar mutige Klarstellungen. Sehr fasziniert hat mich der längere Text zu Gustav Freytag, in dem Sternburg nicht nur die Geschichte des damals sehr erfolgreichen Literaten und Feuilletonisten erzählt, sondern auch ein nachvollziehbares Bild des Antisemitismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts zeichnet und beides in der Entwicklungsgeschichte des Publizisten Freytag zusammenbringt. Seine Texte zu Bismarck und zu fast allen anderen politischen Personen, die er portraitiert, haben eine Schonungslosigkeit, die sich stets ohne Verdammnis artikuliert – was oft ausgewogen wirkt, nur selten zu friedfertig und versöhnlich. Insgesamt legt er eine beeindruckende Differenziertheit an den Tag und bei den Publizisten und Politikern deckt er deren Schwächungen und Verfehlungen mitunter so konsequent auf, das man sie in in einem neuen, unspektakuläreren Licht sieht.

Nur Lob habe ich auch für seine Texte zu Böll und Grass. Bei Böll macht Sternburg klar, welch engagierten Geist und wichtigen (sicher auch großen, aber vor allem wichtigen) Künstler die Bonner Republik mit dieser Persönlichkeit hatte und wie erschreckend Boulevardpresse, Feuilleton und Regierung diesen Menschen teilweise behandelt haben. Aber er stellt ihn eben nicht als Opfer dar, sondern als den agierenden Humanisten, Vertreter der Entrechteten und eigenwilligen Zeitgenossen, den seine eigenen Schriften auch widerspiegeln. Und ich fühle mich Böll durch Sternburgs Darstellung wieder genauso verbunden, wie zu der Zeit, als ich vieles seiner Romane und Kurzgeschichten las.

Bei Grass wird Sternburg noch entschiedener zum Verteidiger und beklagt offen die verheerende Dimension der Verrisse und den Unbill, den man Grass Werk und dem geistesgegenwärtigen Prinzip darin über Jahrzehnte entgegenbrachte und -bringt. Obwohl schon ein älterer Text, ist er wohl nach wie vor aktuell. Natürlich hat Grass sich mit seinem Gedicht über Israel und seinen schwierigen Memoiren „Beim Häuten der Zwiebel“ weiter in Verruf gebracht, bevor er starb. Aber sein episches Werk ist zu großen Teilen nach wie vor seltsam verpönt, viele Dimensionen darin werden verkannt und falsch oder missgünstig oder nur autobiographisch gedeutet.

Andere Beiträge, bspw. zu Stefan Zweig und Lion Feuchtwanger, sind schön zu lesen, manchmal etwas unordentlich strukturiert, was mir persönlich aber sympathisch ist. So wirkt es, als Reise man kreuz und quer durch den Geist und das Leben der Person. „Über Geist und Macht“ ist letztlich eine tolle Kombination aus Schmöker und Geistesgut – etwas, das man auf dem Feld der Essays leider allzu selten antrifft. Lesenswert!

Zu Marcel Reich-Ranickis “Der Fall Heine”


Für viele ist er ein Euphemismus, ein überschätzter Kandidat auf den Posten eines großen deutschen Dichters. Die Ignoranz, sie ist schnell bei der Hand, wenn der Name Heinrich Heine in Literatenkreisen fällt. Dann wird gemäkelt: zu geringer Wortschatz, zu parfümiert, zu heiter, zu einfach, zu sehr Sing-Sang und die schrägsten Reime.

Marcel Reich-Ranicki gelingt es bereits in den ersten Sätzen seines Einleitungsessays den wahren Charakter, die wahre Schönheit und Vortrefflichkeit, die Einzigartigkeit und umfassende Pionierleistung von Heine hervorzuheben, was nicht einmal ein Kunststück ist, denn dieser Dichter war ein Unikum, ein widersprüchliches und leuchtendes. Die einzelnen Verdienste und Qualitäten von Heine werden in den vier Aufsätzen dieses Bandes immer wieder erwähnt, betont und veranschaulicht und auch wenn das Büchlein nicht als „Einführung“ in das Werk von Heine taugt, machen sie Lust darauf, die verschiedenen Teile seines Werks zu erforschen.

Gerade die drei letzten Texte werfen aber auch noch ein weiteres Kapitel der Person Heines auf und forschen nach den Wurzeln, den Antrieben seines Wirkens als Weltliterat, Kritiker und erotisch-sinnlicher Dichter. Eine große Rolle spricht Reich-Ranicki hier Heines emanzipiertem Judentum zu, ja macht es sogar zum Dreh- und Angelpunkt seiner geistigen Biographie. Im Zuge dieser Theorie gelingen viele Einblicke in Heines Persönlichkeit und es scheint am Ende gar nicht mehr so verwegen, Heine als Dichter der nie gefundenen Heimat, als ewig Unassimilierten zu sehen, der die Abweisung der Gesellschaft in seinen Liebesgedichten verarbeitet hat.

Um von Heine begeistert zu sein, muss man ihn selbst lesen. Aber um eine Ahnung dieser Begeisterung zu bekommen und auch ein bisschen mehr Background zu haben, lohnt es sich, diese gesammelten Aufsätze von Reich-Ranicki zu lesen.

Friedrich Christian Delius, “Die Flatterzunge” und der lange Schatten von AH


Ein Mann, der im Orchester die Posaune spielt, ein Polsterzungeninstrument, riskiert eine dicke Lippe: in Israel unterschreibt er die Getränkequittung im Hotel mit dem schändlichsten aller deutschen Namen. Es folgt ein flotter Rauswurf und die gesellschaftliche Ächtung.
Wie noch irgendwie ankommen gegen das Todschlagargument seiner Tat? Kann es da noch Erklärungen und Entschuldigungen geben? Und wieso wird er so scharf verurteilt, wo er doch nur eine simple Dummheit begangen hat, statt Panzer an den Iran oder Saudi-Arabien zu liefern?

Sich mit der Relevanz von gesellschaftlichen und politischen Erscheinungen, mit Positionen und Debatten auseinanderzusetzen und die Instanzen der modernen Realität, vor allem der deutschen, zu hinterfragen, ist das große Thema im Werk des deutschen Schriftstellers Friedrich Christian Delius, ein Thema, um dass er sich bereits sehr verdient gemacht hat. Mit dem Blick auf das Aktuelle wie auch das Historische – zwei Elemente, die in seinen Büchern meist gekonnt zusammenfallen – verzeichnet er die Grundlinien in der Architektur des deutschen Selbstverständnisses, leuchtet aber auch die Ecken aus, in die dieses Selbstverständnis gerade nicht dringt.

In “Die Flatterzunge” stellt uns Delius einen durch die Verhältnisse veruteilten vor, einen Buhmann. Eine interessante Entscheidung ist es, dass er das Hauptaugenmerk der Handlung dabei nicht so sehr auf die mediale Ausschlachtung des Fehltrittes legt, sondern stattdessen in tagebuchartigen Skizzen des Protagonisten die persönliche Seite der Geschichte erzählt. Hannes, der Durchschnittsmensch und Musikversessene, wirkt dabei weder besonders souverän, noch besonders engstirnig; Delius gelingt eine sehr authentische Gestalt, die weder zu einer Zerrbild noch zu einem Symbol für das selbstbestimmte Individuum verkommt, sondern ebenso reflektiert wie uneinsichtig mit seinem Schicksal hauszuhalten versucht und sowohl in die Gründe seiner eigenen Geschichte und Seele hinabsteigt als auch an der Oberfläche der heuchlerisch-gesellschaftlichen Kehrseite kratzt.

Wo muss man ein Bewusstsein für Geschichte und Bedeutungen haben und wo nicht? Wofür darf man Menschen verdammen und was ist erlaubt, was ist zu Unrecht eine Tabu und was zu Recht? Fragen, die aus den Kreuzungen der Gedanken entstehen, die der Protagonist wie kopflos und doch sehr klar in seinen Stimmungsbildern und Rechtfertigungsansätzen niederschreibt. “Die Flatterzunge” ist letztlich nur eine sehr schmale Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit des Dritte-Reich-Erbes. Aber die direkte, unsouveräne Gangart des Buches macht es wieder zu einer Erfahrung, die die Wichtigkeit des Themas unterstreicht.

Philip Roths first Storys: “Goodbye, Columbus”


Achtung: Wem dieser Text zu lang oder zu umfangreich ist, der findet eine Zusammenfassung/ein Fazit am Ende des Textes.

Im Jahr 1959 erschien das Debüt eines damals gerade 26 Jahre alten Amerikaners namens Philip Roth. Der Autor, ein 1933 in Newark geborener Jude, hatte die im Buch versammelten Erzählungen in den letzten 4 Jahren verfasst, neben zahlreichen anderen, die unveröffentlicht blieben; danach sollte er nie wieder eine Erzählung schreiben, sondern sich ganz dem beharrlichen Schreiben von kurzen oder umfassenden Romanen widmen, wobei er schnell als einer der größten Könner seines Fachs galt. Ist dieses erste Werk nur die Probe, die Übung vor der Meisterschaft, das Vorwort auf die Kunst, die folgt? Ja und Nein – es ist das Expose und gleichzeitig das Training, es ist ein früher Glanz, mit kleinern Schwächen.

Zwei Sachen haben diese frühsten Geschichten schon mit den späteren Romanen, bis zu Empörung, gemein: Es geht (erstens) um Juden und es geht (zweitens, wie so oft in der Prosa) um Immanuel Kants 4. Frage, die Philip Roth auf verschiedenen Ebenen (Bevorzugt Sexualität und Alter, aber auch Schreiben, Ethik, Glauben, Arbeit und mehr) immer wieder mit dem ersten Punkt verbindet und diese Verbindung meisterhaft zu variieren weiß: Was ist der Mensch?
Jedoch – er wäre kein großer Schriftsteller, wenn er neben dieser großen Frage, die all seine Werke durchzieht, seine Figuren nicht auch andauernd Gegenfragen ließe: Warum ist der Mensch?

“Diesmal blieb ich sehr lange unter Wasser, und als ich auftauchte, waren meine Lungen fast dem Platzen nahe. Ich schnappte nach Luft, warf dabei den Kopf zurück und sah den Himmel über mir, tief wie eine herabstoßende Hand, und ich begann zu schwimmen, als wollte ich mich diesem Zugriff entziehen.”

“Juden waren in den 50er Jahren in Amerika gleichsam eine Tatsache und ein Phänomen” – so ein Zitat aus Arthur Millers Buch Zeitkurven. So stellt sich auch für Philip Roth die Lage der Juden dar: Sie sind gleichsam Teile des amerikanischen Wesens und doch eine Art Sonderfall innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Juden sind sozusagen Gemeinschaft und Individuum zugleich, und man kann schwer sagen, wann sie die eine Rolle und wann sie die andere annehmen (sollen). Der Zwiespalt dieser Erfahrung macht weite Teile dieser ersten Erzählungen aus und war sicherlich auch nachher Teil des Antriebs, das Jüdische nie aus seinem Repertoire zu streichen.

Die längste und beste Erzählung des Bandes, “Goodbye Columbus”, von Philip Roth als Kurzroman bezeichnet, dreht sich um die (erste) Liebe eines jüdischen Jungerwachsenen aus Newark, zu der Tochter einer neureichen jüdischen Familie, die auch einst in Newark wohnte, jetzt aber in ein besseres Viertel umgezogen ist. Die Liebe der beiden scheint – wie es oft bei erster Liebe ist – plötzlich und unerwartet zu gelingen und eine Zeit lang fühlt der Junge wie sich sein Leben ungeheuer erweitert. Doch: “Denn was Verantwortung in der Liebe ist/ das lernst du erst, wenn es soweit ist” – nach diesem Spruch von Jacobsen kommen dem Protagonisten mit der Freude an Liebe und Lustbarkeiten schnell auch Zweifel und Gewissensbisse… es ist ja alles nie so einfach…

Sprachlich gibt es an den anderen Erzählungen auch nichts auszusetzen, bei vieren ist auch der erzählerische Fluss, der einem in Roths Werken so großes Vergnügen bereitet,  gewährleistet. Juwel der kürzeren Texte ist wohl die Geschichte “Verteidiger des Glaubens”, eine Erzählung, mit der Roth im Nachkriegsamerika einige Proteste beschwor. Auch wenn ihm, selbst ein Jude, sicherlich nicht an Polemik gegen seine Glaubensrichtung gelegen war, so ist doch die mögliche Ausdeutung der Aussage der Geschichte recht heikel.
Es geht um einen, aus dem Krieg in Europa heimkehrenden, Veteran, der als Sergeant in eine Ausbildungskaserne versetzt wird. Als ein jüdischer Rekrut bemerkt, dass sein neuer Vorgesetzter ebenfalls jüdisch ist, versucht er ihm allerlei Gefallen abzupressen und seine Einsatzbereitschaft für die drei jüdischen Soldaten der Truppe zu fordern. Der Sergeant, hin und her gerissen zwischen Pflicht und Pflichtgefühl, Gerechtigkeit und Gemeinschaftssinn, versuchte in beide Richtungen seine Integrität zu wahren, doch es scheint als müsse ihm dieser Balanceakt misslingen, als sei das unvermeidliche Scheitern dieser Situation in seinem jüdischen Blut, der Zerrissenheit, die es bedeutet, einprogrammiert …

“In allen Ländern und zu allen Zeiten ist der Schriftsteller sowohl den Harmlosen preisgegeben, die instinktiv missverstehen, als auch den Böswilligen, die bewusst missverstehen;”, schrieb Roth im Vorwort zu dem Band und er wird wohl hauptsächlich auf diese Geschichte angespielt haben.

Die anderen 4 Erzählungen sind gleichsam kurzweilig und zeigen einen soliden Erzähler in seinen Anfängen: Eine einfache Ehebrechergeschichte, die Erinnerungserzählung eines Schülers, eine kleine Phantasie über Glauben und Macht und schließlich eine – interpretativ – sehr interessante Erzählung, über einen amerikanischen Juden, Eli, der sich auf sehr mystischer Ebene vom Schicksal seines Volkes angezogen fühlt.

Zusammenfassung/Fazit:

Philip Roths erste Erzählungen sind in Geschichten verpackte Analysen zur Lage der Juden im Amerika der Nachkriegszeit. Der große Zwiespalt ergibt sich für die handelnden Figuren aus ihrer Stellung in der Gesellschaft, die auf der einen Seite die geschuldete Integrität mit den anderen Juden und der jüdischen Lebensweise zu wahren versucht, auf der anderen Seite in die Gesellschaft der vereinigten Staaten integriert werden will, welche ebenfalls eine umfassende nationale Gemeinschaftshaltung bei gleichzeitigem individuellen Bewusstsein fordert. Die Schwierigkeit, jahrhundertealte Tradition mit einer modernen und liberalen neuen Lebensweise zu vereinen, ist Dreh- und Angelpunkt der Handlungskonzepte, die von der ersten Liebe, einem Seitensprung, einer religiösen Auflehnung oder einer, vor dem Hintergrund einer US-Militärkaserne ausgetragenen, Konfliktsituation in Sachen Gerechtigkeit handeln. Sprachlich sehr gekonnt, weil unglaublich klar, sind die ersten Versuche Philip Roth vielleicht nicht genial oder meisterhaft, aber doch auf jeden Fall lesenswert.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Goodbye-Columbus-Kurzroman-f%C3%BCnf-Stories/dp/3499238772/ref=cm_rdp_product

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen