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Zu “Ladies in Shorts” von Werner Morlang


Ladies in Shorts Als großer Fan von Büchern mit Schrifsteller*innen- und Werkdarstellungen, war ich sehr gespannt auf Werner Morlangs „Ladies in Shorts“, eine Reihe von Vorträgen, die Morlang am Schauspielhaus Zürich hielt, als er dort zwischen 2009 und 2015 literarische Abende gestaltete; Morlang starb Ende 2015 an Krebs und so sind diese Vorträge zu einer Art Vermächtnis geworden.

Die Vorträge sind in Gruppen unterteilt (in jeder Gruppe vier, mit Ausnahme der letzten, „Ladies in Shorts“, dort sind es fünf), die eine Art thematischen Rahmen bilden. Die erste Abteilung nimmt sich des Genres der Kriminalromane an, in drei Fällen vor allem der Hard-Boiled-Fiction der amerikanischen Paperbackindustrie, in zwei Fällen eher unbekannteren Autoren, prominent sind Dashiell Hammett und Wilkie Collins. Die zweite Abteilung hat als Titel „Die erotische Kammer“ und bringt Namen wie Anais Nin, den viel zu wenig gelesenen John Cowper Powys, das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon und Felix Salten zusammen.

Letzterer ist eine Art Vorausblick auf die dritte Abteilung, in der es um Kaffeehausliteraten geht, genauer um die vier Österreicher H.C. Artmann, den Universaldilettanten Egon Friedell, den Meister der kleinen Form Alfred Polgar und den unterschätzten Romancier Leo Perutz. Den Abschluss bilden dann die Vorträge zu Dorothy Parker, Edith Wharton, Katherine Mansfield, Maeve Brennan (deren Erzählungen erst kürzlich wieder vom Steidl Verlag neu aufgelegt wurden) und Tania Blixen.

Naturgemäß überzeugen nicht alle Texte, aber doch die Mehrzahl von ihnen. Während beispielsweise Personen (und Biographien) wie die von Katherine Mansfield schon breit erschlossen wurden und jede saloppe Fassung hier etwas zu knapp wirkt, machen vor allem Morlangs Begeisterung und sein Händchen für eine unverfängliche Darstellung viele angesprochene Werke und Autor*innen zu reizvollen Objekten. Gerade bei Friedell, Blixen und Collins wird man kaum umhinkommen, nach der Lektüre von Morlangs Texten zu einem ihrer Bücher zu greifen – oder gleich zu mehreren!

Über Katherine Mansfield und ihren Erzählband “In einer deutschen Pension”.


“Verheiratet zu sein bedeutet für mich nicht treu zu sein, denn wozu hat man einen Körper mitbekommen, wenn man ihn wie eine kostbare Geige in einen Kasten schließen muss?”
Katherine Mansfield in einem Brief

Katherine Mansfield, eine wendige Persönlichkeit, bisexuell, eine freche Frau, mit einem bravourösen Intellekt und einer spitzen, in späteren Werken abgeschliffenen, Zunge, die nur 34 Jahre alt wurde. Mit ihrem beneidenswerten Spott, der sich um ihre Liebenswürdigkeit und Sprache legte wie eine zweite Haut, ihrer Beobachtungsgabe und der zeitlosen Hilflosigkeit ihrer Charaktere, gehört sie bis heute zu den lesenswertesten Autorinnen überhaupt.

Es ist traurig, dass sie in deutschen Gefilden so sehr in Vergessenheit geraten ist; dabei hat sie doch alles, was Literatur, was Lesen, im Kern ausmacht: Witz, Charme, Aufdeckung und eine unverwechselbare Lebensnähe in jeder einzelnen ihrer kleinen Geschichten.

“In einer deutschen Pension” ist ihr erster von drei zu ihren Lebzeiten erschienenen Erzählbänden, den sie größtenteils in der Zeit welche sie in einer deutschen Kur-Pension zubrachte schrieb, nachdem sie ihre erste Fehlgeburt erlitten hatte. Viel losgelassene Bitterkeit paart sich hier mit Menschenkenntnis, Zynismus schmiegt sich an subtilen Humor, lebendige Gesten fahren in fast schon karg anmutende, unter der Oberfläche lebende Gestalten.

Mansfield kann vermutlich als die wahre Erfinderin der nüchtern-zweischneidigen Short Story, die nachher durch Hemingway und Raymond Carver ihre Berühmtheit erlangte, gesehen werden. Natürlich ist deren Stil noch karger, noch mehr nach Hemingways Theorie vom Eisberg, bei dem nur ein 5tel oben schwimmt und der Rest stets unter der Oberfläche bleibt. Bei Katherine Mansfield wäre es, in diesen frühen Erzählungen – die zwar nicht untypisch, aber ab und zu noch etwas formlos sind – vielleicht 1/3 oben und 2/3 unter der Oberfläche.

Vor allem ist dieses Buch eine amüsante, kurze Lektüre; es geht viel ums Kinderkriegen, um die Rolle von Frauen und immer wieder um die kleinen spitzen Vorurteile, die wir alle unter unseren Mänteln von Rechtschaffenheit und Bewandtnis tragen und um das Gerede, das von jedem geschwungen wird und mit jedem Charakter so verwachsen scheint, als sei nicht der Charakter der Träger von jenem, sondern das Gerede sei der Träger des Charakters.

Mansfield erzählt subtil und mit bedacht eingestreuten Höhepunkten und Flauten; sie komponiert ihre Geschichten wie Klaviersonaten, wo natürlich auch ein “Scherzo” nicht fehlen darf, wie hier im Textausschnitt:
(Zur Einleitung dieses Ausschnittes: gerade hat eine kleine bunte Truppe von Leuten mit der Ich-Erzählerin einen 8 Kilometer langen Fußmarsch zu einem Dorf zurückgelegt und sich im Wirtshaus erholt-)

>>Elsa beugte sich plötzlich zu Fritz hinüber und flüsterte ihm etwas zu, und nachdem er sie bis zum Ende angehört und sie dann gefragt hat, ob sie ihn liebe, stand er auf und hielt eine kleine Ansprache.
“Wir… wir möchten unsre Verlobung mit einer Einladung an Sie alle feiern, mit uns im Wagen des Wirtes heimzufahren – falls – falls wir alle reinpassen.”
“Oh, was für ein wunderbarer, nobler Einfall”, rief Frau Kellermann und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, der zwei ihrer Korsetthaken hörbar sprengte.<<

Ich kann diese süffisante Literatur nur jedem ans Herz legen, der lächeln, lernen, beobachten und lesen und das alles zugleich will.