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Boom-Effekt und Luminous-Effekt – zu Leif Randts “Planet Magnon”


„In den Dekaden zuvor mussten auf jedem Planeten unzählige Wahlen stattfinden. Es wurde immerzu über Neuformulierungen gestritten, zu denen es aber oft gar nicht kam.“

Ich habe mich zunächst mitreißen lassen, mich dann ergötzt an all den schönen Facetten, bald habe ich – im Sinne des Buches, behaupte ich mal – am Sinn seiner Bewegung gezweifelt, schlussendlich bin ich unschlüssig, aber auf angenehme Art und Weise. Und auch etwas bezaubert.

Und das ist eine mehr als unzureichende Zusammenfassung meines Leseerlebnisses. Zwar würde ich nicht so weit gehen „Planet Magnon“ als literarisches Halluzinogen zu beschreiben, denn Randts Sprache tut eben gerade das nicht: sich aufblähen oder malerisch werden, vielmehr setzt sie Akzente, punktgenau, und dominiert ihre eigene Schöpfung mit fast schon problematischer Überlegenheit (worin sich aber wiederum die Problematik des Inhalts sehr gut wiederspiegelt.) Aber über weite Strecken hat mich die Erzählart des Buches sehr für sich eingenommen, ich bin geradezu hindurchgerauscht und immer wieder überrascht worden von der filigranen Glattheit der Darstellung.

Wir befinden uns in diesem Buch in einem von Menschen bewohnten Sonnensystem, die Erde ist allerdings nicht mit von der Partie, dafür 6 andere Planeten, die unterschiedlichste Bedingungen aufweisen. Seit ca. 40 Jahren werden alle Belange der Bewohner von einer Computerintelligenz namens ActualSanity (kurz AS) bearbeitet: sie verteilt das Geld, regelt Wohnraum, Müllabtransport. Sie ist kein Big Brother, sondern eine unaufdringliche, hinter den Kulissen strukturierende Instanz, die anscheinend keine eigenen Machtansprüche verfolgt – die Problematisierung der künstlichen Intelligenz ist kein Thema dieses Buches.

Einige Menschen haben sich zu friedlich miteinander konkurrierenden Kollektiven zusammengeschlossen, die alle ihre Art mit der Wirklichkeit umzugehen propagieren und eigene Techniken und Ideen für ein ideales Zusammenleben entwickelt haben. Der Protagonist ist Mitglied im Dolphin-Kollektiv, denen es vor allem um postprogrammatische, vernünftig-maßvolle und zugleich lebensbejahende Lebens- und Bewältigungskonzepte geht. Vor allem was sexuelle und romantische Beziehungen angeht, pflegen die Dolphins eine um entspannte, lose Beschaffenheit bemühte Vorstellung von Zweisamkeit.

Wir werden nicht wirklich in diese Welten eingeführt, sondern in sie hineingeworfen; über das ganze Buch verteilt und noch auf den letzten Seiten erfahren wir neue Details über die Aspekte des Lebens und Denkens in dem imaginären Kosmos; diese Art der Informationsvermittlung wirkt wunderbar ungezwungen und glaubwürdig. Überhaupt geht es ja auch nicht um die Attribute dieser neuen Schöpfung, auch wenn man merkt, dass der Autor Spaß an jedem Detail hatte (und die meisten von ihnen tragen nicht nur zur Atmosphäre, sondern auch zu Verdichtung des Konfliktes bei.)

Der Konflikt materialisiert sich zunächst sehr still, in kleineren Momenten des Unbehagens, der Verlockungen, des abwegigen Gedankens, in den Reflektionen der Hauptfigur. Doch schon bald macht ein neues Kollektiv von sich reden: das Kollektiv der gebrochenen Herzen. Wie soll man deren neuem Konzept umgehen, wo es doch die Ordnung gefährdet. Aber steckt nicht etwas zutiefst Wichtiges in der Idee ihres Konzepts? Oder nur etwas zutiefst Gefährliches?

Es geht also nicht um Science-Fiction, nicht nur, es geht um die Frage nach der menschlichen Utopie. Was wäre, wenn wir schon da wären, wo wir hingelangen wollen? Was bliebe dann noch, was bleibt dann noch zu sagen, zu tun? Diese Frage ist natürlich schon in unzähligen Geschichten verhandelt worden, die sich thematisch vom profanen Eheleben bis zu den großen Anti-Bewegungen in der modernen Kunst erstrecken, in ihrem Feld war der Groschenroman tätig, aber auch die Odyssee. Es sind ja gerade die epischen Geschichten, die dieses Problem ausklammern, denn in ihnen gibt es immer ein fernes/schwieriges Ziel, das noch erreicht werden muss, sei es der Frieden in der Galaxis oder in Mittelerde, die Rettung der Welt oder der Kampf mit einer übermächtigen Macht.

Randts Roman stellt sich stattdessen der Problematik, und bricht sie in Facetten auf. Dieses Aufbrechen ist wichtig, denn so gerät sein Roman nicht zum Plädoyer oder wird bloßes Anschauungsmaterial, sondern bleibt ein Roman, der auch immer das Ausloten einer individuellen Figur sein kann und im Fall von „Planet Magnon“ auch ist.

Ein Buch, das einen eine Weile beschäftigen wird, intelligent, subversiv, sprachlich vielleicht etwas zu beherrscht, aber darin auch konsequent, gekonnt. Irgendwie ist es wie ein Urknall und gleichsam nur wie ein sanftes Nachglühen, ein Spannungsraum, in dem Unerhebliches und Essentielles herumschwirren und immer wieder zusammenstoßen, funkenschlagend, zischend.