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Zu Vonneguts großartigem “Galapagos”


“Die Erde war ein sehr unschuldiger Planet, abgesehen von diesen großen Gehirnen.”

Diesen großen Gehirnen, die immer nur Ärger und ihre Besitzer immer wahnsinnig machen – Diese These hat keiner (fiktiv) so verfochten, bitterbös untermalt und zynisch auf den Haupt-, Nebensatz und Punkt gebracht wie Kurt Vonnegut, der pessimistischste und zugleich lebendigste Querschläger der amerikanischen Literatur.
In Galapagos verbindet er gleich zwei seiner liebsten Plots miteinander: den Wahnsinn der Gegenwart einerseits, mit einer utopisch-dystopischen Vorrauschau auf die Entwicklung der Menschheit andererseits.

Ein Luxusliner soll die Galapagos-Inseln von Ecuador aus besuchen; es ist eine legendäre Fahrt, an der auch Mick Jagger, Henry Kissinger und andere Prominenz teilnehmen sollen. Doch dann bricht eine weltweite Finanzkrise aus und es werden Entwicklungen in Gang gesetzt an dessen Ende Abenteuer, Exodus und Evolution ebenso zusammenfallen, wie die Galapagos Inseln und der Geist eines Werftarbeiters aus Schweden.

Immer wieder nutzt Vonnegut während dieses irren, aber kein bisschen aberwitzigen Plots, die Gelegenheit, um sich über die Menschheit im Allgemeinen auf meta-sarkastische Weise auszulassen, was Teil des wunderbaren Drives ist, den das Buch mit sich bringt. So zum Beispiel bei der Weltwirtschaftskrise:

“Bloße Meinungen bestimmten die Handlungen der Leute mindestens genauso wie beweisbare Tatsachen, und sie waren immer wieder Gegenstand heftiger Umschwünge, wie sie bei Tatsachen niemals auftreten konnten. […]
Es gab immer noch genug Nahrungsmittel und Brennstoff für alle Menschen auf dem Planeten, so zahlreich sie waren, trotzdem waren Millionen und Abermillionen jetzt dabei zu verhungern.
Und diese Hungersnot war, ebenso wie Beethovens Neunte, ein reines Produkt der überdimensionalen Gehirne. Es war alles in den Köpfen der Leute. Die Leute hatten lediglich ihre Meinung über das Papiergeld geändert, aber die Ergebnisse waren nicht weniger katastrophal, als hätte ein Meteor von der Größe Luxemburgs den Planeten getroffen.”

Anhand von Kurt Vonnegut kann man sich gut die Frage stellen, ob ein Zyniker immer auch ein Pessimist sein muss, zumal wenn er Autor von Romanen ist. Eigentlich besteht nämlich ein Unterschied. Ein Zyniker sieht die derzeitigen Verhältnisse auf die denkbar schlechteste Weise, ein Pessimist ist vor allem nicht davon überzeugt, dass sie besser werden können oder könnten.

Vonnegut ist einer der gründlichsten und vollendeten Zyniker, der jemals eine Feder zur Hand genommen hat, aber ob man ihn einen Pessimisten nennen kann, in dieser Frage deutet sich die Ambivalenz seines Werkes an, auch und vor allem in Galapagos. Ein Werk, das immerhin ein Zitat von Anne Frank voranstellt: “Denn ich glaube, trotz allem, noch stets an das Gute im Menschen.” Ebenfalls ein sehr ambivalentes Zitat.

Vonneguts Schreiben ist zutiefst geprägt von der Utopie, die allerdings immer einen Gegenentwurf zu der als Utopie bezeichneten und als Wahnsinn entlarvten gegenwärtigen Lage der Menschheit darstellt. Die Dystopie, das sind für Vonnegut die derzeitigen gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse und der Mensch als eine Erscheinung in dessen Handeln viel Widersinn steckt. Anders gesagt: Die Dystopie ist die Gegenwart.

Es gelingt Vonnegut immer leicht diese Gegenwart und ihre Bewohner als wahnhaft, als seltsame Gestalten mit eitlen, komischen und sinnlosen Bestrebungen hinzustellen – man beobachtet ihn dabei wie er die ganze Welt mit seinen eingeschobenen Diagnosen, meist einem Außenseiter in den Mund gelegt, in die Tasche steckt und sich aufschwingt, einen überfälligen Niedergang der Menschheit anzukündigen und einzuleiten und nebenbei seine Ideen für ein besseres Miteinander oder einen besseren Weg für die Evolution des Menschen zu einem friedlicheren Wesen anzubringen.

In seinen grotesken und phantastischen Zukunftsentwürfen fehlt es nicht an allerhand faszinierenden Ideen, die wie Selbstverständlichkeiten auftauchen. Seine Figurenkabinette gehören immer noch zu den schrägsten, besten, von den man lesen kann.

“Von allen Worten, die ich kenn,
das traurigste ist immer: wenn …!”

Galapagos ist ein irres Buch und zugleich wunderbar leicht zu lesen, der Sarkasmus lädt zum mitschmunzeln ein, die Story kann sich am Ende sehen lassen, so nebensächlich sie auch daherkommt und im Ganzen ist das Buch ein wunderbares Epos über die Dummheit des Menschen und ebenso: seiner Menschlichkeit.

Für und wider dem Wahnsinn – Vonneguts Kultbuch “Frühstück für Champions”


Wenn ich dazu ansetze Kurt Vonneguts Buch “Breakfast of Champions” als eine Kreuzung zwischen Douglas Adams, Richard Brautigan und Michael Moore (mit einem Schuss Mounty Python) zu bezeichnen, laufe ich natürlich Gefahr, mit einem dieser Namen potenzielle Leser zu vergrämen oder überdosierte Erwartungen zu wecken, die das Buch dann doch nicht im Sinne seiner Vergleichsobjekte erfüllen kann. Dennoch scheint es mir die angemessenste Art zu sein, dieses Buch gleichzeitig zu empfehlen und meine Wertschätzung dafür auszudrücken.

In seinen besten Momenten hat es die brillant Eigenheit und den Zug zum Sinnbildhaften wie eine von den Geschichten aus “Per Anhalter durch die Galaxis”, es hat in seiner Form und seiner Manier eine große, unterhaltsame Eigenheit, die daherkommt als wäre sie Nachlässigkeit, den Leser aber die ganze Zeit wunderbar in seinen Bann zieht, und einen wohl ausgerichteten Zynismus, der fast immer in Schwarze trifft.

Worum es in diesem Buch geht? Nun, Friedrich Dürrenmatt schrieb einmal, das Rationale am Menschen seien seine Einsichten, das Irrationale, dass er nicht danach handelt. In Vonneguts Kultbuch tut man sich allerdings schon schwer, rationale Einsicht zu finden. Oberflächlich gesehen und aufs Gröbste zusammengefasst ist das Buch eine böse Satire auf den Konsumwahn des Menschen und seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber den Zerstörungen und Auswirkungen, die seine Taten mit sich bringen.

Etwas konkreter und ohne Interpretation formuliert, ist es schlcht ein aberwitziger, geradezu elegant zwischen Kritik und Parodie balancierender Romanspaß, mit einer schmalen Handlung, vielen gelungenen Abschweifungen und einem großen Lesevergnügen – wollen Sie also dem Irrsinn der Normalität begegnen oder der Normalität des Irrsinns, so lesen sie dieses Buch! Es ist eine satirische Posse voller Anarchie und Weisheit, ein Meilenstein des unterhaltsamen und zugleich ernsten Scherzes – eine wunderbare schräges Plädoyer gegen den Irrsinn.

Gedichtband “Die Uhr” von Kurt Aebli


die-uhr_kurt-aebli  “Presslufthämmer
Bruchteile der
Welt auf den
Punkt gebracht”

Als eine ganz kleine, unscheinbare Sache hat die Poesie sicherlich einmal begonnen. Und noch heute lebt sie mehrheitlich von (und aus) den kleinen Bildern, Momenten, Eindrücken, die die Lektüre unwiderruflich machen – als etwas, dass einem widerfährt, in den vielen Erinnerungspunktierungen und zweideutigen Schlaufen, die das Gedicht bereithält.

Kurt Aebli, ein schweizer Autor, der sich auf die kurze Form in Prosa und Lyrik spezialisiert hat, legte 2000 mit dem schmalen Band „Die Uhr“ sein Lyrikdebüt vor. Er ist voller knapper, poetischer Aussichten und konzentrierter Einsichten.

“Ich bewege mich
als Windstille
verkleidet”

“Kirchenglocken bearbeiten die Luft
bis ihnen der Atem ausgeht”

Wenn man Lyrik liest, ergibt es sich immer wieder, dass man weniger zu den Gedichten sagen kann, als einem lieb ist. Man kann natürlich bloße Fakten aufzählen; hier könnte man dann über die Gedichte Aeblis sagen, dass sie selten länger als eine halbe Seite sind und meistens nicht über 4,5 Zeilen hinauskommen. Es sind Sekunden, Momente, noch einmal gestaucht durch die szenische Verlangsamung von Geschehen, von Innen und Außen. Die poetische Nuance ergibt sich manchmal aus der Tiefe der Wortzusammenspiele, manchmal (wie bei den oberen Beispielen) aus einem plötzlichen Gewahr werden der Wirklichkeit in den Ziffern der Sprache. Meist führt Aebli auf die eine oder andere Weise den Leser mit Nähe & Ferne von Welt und Eindruck zusammen.

“Der Tag drückt ab
ich erwache ausgelöscht”

Eindringlich ist vielleicht das beste Wort, um Aeblis sehr eigenwillige, beinahe stumpfe und doch unglaublich intensive Lyrik zu beschreiben. Sie könnte Verschwinden, das Verschwinden ist ihr fast eingeschrieben, eine bloße, schwarze Idee auf leicht gebräuntem Papier. Und doch scheint jedes seiner Gedichte so trefflich, nicht von der Hand zu weisen, unwillkürlich, als schreibe man es gerade selbst mit dem eigenen Blick, dem eigenen, gelüfteten Eindruck nieder.

Sicherlich gibt der Band zum Ende nicht so viel her – er enthält zwar eine starke, aber äußerst schmale Erfahrung, mit einer leisen Spur von Melancholie und Wahrheit. Ein paar kleine Momente der Unwiederbringlichkeit, aber auch diese und jene Lichtblicke:

“Die Straße
die sich unter meinen Schritten
duckt
wird von einem Humpelnden
getröstet”

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