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Zu der Ausgabe “Gesammelte Werke” von Jack London beim Anaconda Verlag


Die gesammelten Werkausgaben von Anaconda sind ja manchmal kleine Mogelpackungen – wo es bei Schriftstellern wie Edgar Allan Poe, William Shakespeare, Franz Kafka und Heinrich Heine durchaus möglich ist, alle Hauptwerke in einem Band zu versammeln, wird man bei Friedrich Nietzsche, E.T.A. Hoffman, Mark Twain oder Stefan Zweig eher stutzig werden, wenn ein Band ihr Hauptoeuvre fassen soll (auch wenn speziell die Ausgaben von Hoffman und Zweig dennoch sehr zu empfehlen sind). Ähnlich verhält es sich mit Jack London, der eine große Anzahl von Romanen und Kurzgeschichten geschrieben hat, die ebenfalls in einem Band schwerlich Platz finden können. Vielleicht wäre es bei solchen Autoren besser von “Ausgewählten Werken” zu sprechen.

Gerade bei Jack London wäre diese Titelwahl noch aus einem zweiten Grund angebracht. Denn dieser Schriftsteller ist nach wie vor hauptsächlich als Verfasser von Abenteuergeschichten, zu Lande und zur See, bekannt; bei seinen Figuren hat man meist Glücksritter und verwilderte Sonderlinge, Wölfe und Halunken vor Augen. An diesem Bild halten auch viele Werkzusammenstellungen fest (zum Beispiel die (dennoch empfehlenswerten) Meistererzählungen bei Diogenes oder eben diese Werkzusammenstellung bei Anacaonda), die ihre „Auswahl“ entsprechend treffen.

Dabei war Jack London ein äußerst vielschichtiger Autor. Erzählbände wie Die Geschichte vom Leopardenmann knüpfen an die phantastischen Erzählungen von Edgar Allan Poe an (und es lassen sich erste Anklänge von Science-Fiction darin finden), mit König Alkohol hat London eines der erschütterndsten Portraits eines süchtigen Menschen verfasst, sein Roman Martin Eden ist meiner Meinung nach einer der besten Entwicklungsromane überhaupt, spätere Bücher wie Die Zwangsjacke beleuchteten komplexe existenzielle Situationen (sein letzter Roman Das Mordbüro kombiniert dies wiederum mit phantastischen Elementen) und seine politischen Essays setzten sich mit den damals aktuellen Problemen der Arbeiterschaft und dem Sozialismus auseinander.

Viele dieser Aspekte werden in Werkzusammenstellungen unterschlagen und das sollte zumindest bekannt sein. Warum ich diese Werkzusammenstellung trotzdem empfehle? Zum einen, weil sie für eine Einband-Werkausgabe wirklich sehr leser*innenfreundlich ist: kein zu dünnes Papier, trotzdem nicht zu schwer und die Texte sind nicht auf die Seiten gequetscht, sondern werden in einer guten Schriftgröße und mit gutem Zeilenabstand präsentiert; auch das Wort- und Sacherklärungsregister am Ende ist hilfreich. Und zum anderen, weil sie für all denjenigen, die Jack London als Abenteuerschriftsteller schätzen, tatsächlich die besten Stücke versammelt.

Der Inhalt deckt sich dabei fast komplett mit der ebenfalls bei Anaconda erschienenen vierbändigen Schuberausgabe Jack London – Romane und Erzählungen. Enthalten sind die beiden Romane Wolfsblut und Ruf der Wildnis, in denen ein Wolf bzw. ein Wolfshund der Protagonist ist, sowie der großartige Roman Der Seewolf über den rauen, egomanischen Haudgegen Wolf Larsen (quasi ein reflektierter Captain Ahab). Dieses Buch, eine Auseinandersetzung mit der Figur des übermenschlichen, unantastbaren, nihilistischen Charakters, wird nach wie vor von vielen unterschätzt, die es nicht gelesen haben; es besitzt eine große philosophische Dimension. Zuletzt dann noch eine Auswahl von vierzehn Nordland-Storys, in denen die pure Lebensnähe, die Londons Abenteuer-Erzählungen nach wie vor lesenswert macht, an jeder Ecke spürbar wird.

Jack London war ein intelligenter Autor mit hohen ästhetischen Ansprüchen, nur verabscheute er die reine Schöngeistigkeit. Das Leben, um das Leben musste es gehen; und nicht um das Leben der Hochgeborenen oder Wohlbetuchten. Sondern um das Leben, das sich mit der Natur und mit dem Tod jederzeit auseinandersetzt. „Der Mensch ist gemacht, damit er lebt; nicht damit er existiert. Ich werde meine Tage nicht damit vergeuden, daß ich sie zu verlängern suche. Ich werde meine Zeit gebrauchen“, schrieb London. Seine Werke sind ein Versuch, das Leben in die Literatur zu bringen, vom Unbarmherzigen und Menschlichen zu erzählen. Das gelang ihm des öfteren und es gelingt ihm auch in den Werken dieser Ausgabe. Und auch die Unterhaltung wird dabei nicht zu kurz kommen.

Eine letzte Empfehlung noch zu Jack London: wer sich mit dem Autor etwas auseinandersetzen will, der sollte sich Wilde Dichter: Die größten Abenteurer der Weltliteratur zulegen.

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Kurz zu David Foster Wallace “This is water”


  Dieses kleine Buch, diese Rede, kann schwerlich als eines der Hauptwerke von David Foster Wallace bezeichnet werden; es wäre aber auch falsch, es als reines Nebenprodukt abzutun, als nettes Beiwerk. Es ist ein wichtiges Buch, meiner Ansicht nach sogar ein bedeutendes. Und das hat etwas mit der Tragweite der darin geäußerten Überlegungen zu tun (die ich hier jetzt nicht rekapitulieren werde) und mit der Schlichtheit, in der sie vorgetragen werden. Es ist ein Buch, das sich der Dürftigkeit seines Wesens in Bezug auf Virtuosität und – vermeintlich – Originalität bewusst ist und dennoch geradeheraus in das Angesicht der leichthändigen Ignoranz blickt und spricht. Sagt, was es zu sagen hat.

Vielen Leser*innen mag das Büchlein dennoch belanglos erscheinen und ich will ihnen nicht mal widersprechen, denn es steckt eine große Belanglosigkeit darin, vielleicht auch eine belanglose Größe. Und doch würde ich mir wünsche, dass mehr Leute verstehen, warum ich Foster Wallace behutsamen Anschauungen nur zustimmen kann; warum ich denke, dass sein einfach geäußertes “Obacht!” bis in viele Hinterköpfe vordringen sollte. Vielleicht, weil unser Zusammenleben viel weniger selbstverständlich sein sollte und gleichsam selbstverständlicher. Aber alles, was dazu zu sagen wäre, steht in diesem Buch. Was ich – ganz abgesehen davon, was ich mir als Reaktion wünschen würde – nur empfehlen kann, ist: es zu lesen.

Es geht um Verständnis.

Zu Sylvia Plaths: Die Glasglocke


  „Ich schloß die Augen.
Es trat eine kurze Stille ein, wie ein Atemanhalten.
Dann kam etwas über mich, packe und schüttelte mich, als ginge die Welt unter. Wii-ii-ii-ii-ii schrillte es durch blau flackerndes Licht, und bei jedem Blitz durchfuhr mich ein gewaltiger Ruck, bis ich glaubte, mir würden die Knochen brechen und das Mark würde mir herausgequetscht wie aus einer zerfaserten Pflanze.
Ich fragte mich, was ich Schreckliches getan hatte.“

So erlebt Sylvia Plaths Protagonistin Esther Greenwood ihre erste Elektroschocktherapie in einer besseren Irrenanstalt. Sie ist vom Leben abgeschnitten und war es schon vorher, als sie noch im Getümmel von New York als Stipendiatin lebte. Schon dort fühlt sie sich wie unter einer Glasglocke gefangen, die in einem eintönigen Leben vor sich hin schaukelt, ohne einen echten, tiefen Ton hervorzubringen. Ehe oder Karriere als Dichterin? Esther ist begabt, sie ist klug und eigentlich auch rebellisch. Aber sie leidet unter den Verunsicherungen, die die moderne Welt für uns alle bereithält, sie leidet an den Fragen und Meinungen, zwischen denen sie aufgerieben wird; sie ist wie der Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert, weil er vor dem Fressen herausfinden will, unter welchem Haufen jenes Ding namens Glück liegt.

Sylvia Plaths einziger Roman ist die Geschichte einer fortschreitenden Entfremdung, eines Gefangenseins und des Kampfes dagegen. Die Protagonistin ahnt, dass sie in der Welt und den gesellschaftlichen Konventionen gefangen ist, aber sie ist sich nicht ganz sicher, ob sie nicht doch in ihrer Persönlichkeit, ihrem Körper gefangen ist. Befreiung? Kommt die mit der Liebe, dem Sex, der Selbstverantwortung, dem Zerschlagen der Illusionen, der zynischen Weltsicht, dem Verweigern, dem erhaben sein über die Dinge und Menschen? Esther probiert alles aus, halbherzig meist. Die Rückschläge verstärken die Entfremdung. Es ist, als wäre die Welt nicht für sie gebaut. Oder sie nicht für die Welt. Wo liegt die Dysfunktion: im Apparat oder in dem, der ihn bedient?

„Ich wusste genau, dass die Autos Geräusche machten, auch die Menschen in ihnen und hinter den erleuchteten Fenstern in den Häusern machten Geräusche, und der Fluß machte Geräusche, aber ich konnte nichts hören. Flach wie ein Plakat hing die Welt in meinem Fenster, glitzernd und funkelnd, aber was ihren Nutzen für mich anging, so hätte sie nicht da zu sein brauchen.“

Plaths Roman ist eine schwer zu verdauende Wucht; sprachlich kann er immer wieder mit sehr gelungenen Bildern aufwarten, die oft einen bestimmten Moment (und die Schatten, Gedanken, die er aufwirft) perfekt einfangen. Als Lesende/r ist man wie gefangen in Esthers Gedanken und Versuchen, man wird Teil der um sich kreisenden Psyche.

Und doch: streng genommen fehlt dem Roman etwas: eine Story. Schnell merkt man beim Lesen, dass es der Autorin um die Auslotung und Vervollständigung von Esthers Unsicherheit, ihres Lebensleides, ihres euphorischen Überdrusses ging und nicht darum, eine Geschichte über sie zu erzählen. Das macht das Buch sprachlich nicht weniger eindrucksvoll und die Erfahrungen darin nicht weniger zwingend und in ihren Zuspitzungen epiphanisch und erschreckend. Esther kreist um sich selbst, sie kann gar nichts anderes sein als eine Protagonistin ihres eigenen Kummers, ihrer eigenen Weltgeworfenheit. Denn diese Weltgeworfenheit ist das Thema des Buches und sie ist kaum irgendwo so deutlich geschildert und verdichtet worden.

Obwohl ich selten ein Buch so bewerben würde, es ist tatsächlich die beste Art, seine Bedeutung hervorzuheben: es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte. Um Gefühlswelten besser zu verstehen. Um zu begreifen, dass Enge vorherrscht, wo man sie nicht vermutet. Dass Wahnsinn nicht unbedingt im Geist des einen, sondern im Leben der vielen liegen kann. Und Angst zwar etwas Irrationales ist, aber wie einen Unterschied machen, wenn auch die Welt – und was sie für einen bereithält – einem irrational erscheint?

„Mir fiel auch ein, wie Buddy Willard einmal in düster wissendem Ton gesagt hatte, wenn ich erst Kinder hätte, würde ich anders denken, dann würde ich keine Gedichte mehr schreiben wollen. Deshalb überlegte ich mir, dass es vielleicht wahr sei, dass Heiraten und Kinderkriegen wie eine Gehirnwäsche war und dass man nachher nur noch benebelt herumlief, wie ein Sklave in einem totalitären Privatstaat.“

Zu Tomas Espedals Buch “Wider die Natur”


“In dem Augenblick, als er sie sah, hatte er sein eigenes Alter vergessen.”

Lebensgeschichten sind meist auch Liebesgeschichten. Beide handeln zwangsläufig von Ewigkeit und Vergänglichkeit. In der Liebe wie im Leben kann der Mensch sich unsterblich fühlen mit dem, was er erlebt hat und glaubt erreicht zu haben. Und wie der Tod das Leben beendet, so endet auch die Liebe unvorhergesehen oder erwartet und reißt alles ein, was man erlangt hat; öffnet darunter eine tiefe Verletzlichkeit. Denn die weiche Stelle, an der eben noch die Liebe lag, ist plötzlich der Vergänglichkeit ausgesetzt, die kalt ist und gleichzeitig diese weiche Stelle verbrennt mit dem Gedanken an alles, was nun entbehrt muss. Eigentlich bleibt viel, nämlich alle Liebe, die bereits war; aber plötzlich wirft dieses helle Licht der Vergangenheit tiefe Schatten auf die Gegenwart.

Das Ende der Liebe ist ein kleiner Tod, nur, dass man danach weitermachen muss. Vom Lieben und vom Weitermachen, vom Glücksversuch und vom Schmerz, handelt dieses Buch. Es ist eine Geschichte von der Unsicherheit, die man irgendwann als in der Liebe beheimatet erkennt; der Ferne, die alle Menschen um sich haben und die überbrückbar scheint, eine Durchquerung wert, wenn wir lieben. Es ist eine Lebensgeschichte, eine Biographie, die bei der frühen Liebe einsetzt, weitergeht zu Frau und Kind, und endet bei der großen Liebe zu einer jüngeren Frau. Nichts davon löst das Versprechen ein, hier geschehe etwas “Wider die Natur”. Wenn überhaupt geht es darum, dass in der Natur, die wir sind, diese seltsame Einrichtung der Liebe ganz unumgänglich und trotzdem unmöglich ist, was sich verändert von Lebensabschnitt zu Lebensabschnitt.

“Begriff ich, was für ein Glück darin bestand, dass sie auf dem Sofa lag und las? Dass wir zusammen Abendessen würden? Ich dachte nicht darüber nach; ich war glücklich?”

Es ist auch ein Buch über das Glück. Und als solches hab ich es gelesen. Die Frage danach wird in Espedals Buch selten so offen gestellt wie in diesem Zitat, schwingt aber hinter allen Geschichten mit, weil es ja letztlich darum geht, wenn man die Hollywoodliebe beiseitelässt: darum, wie man Partnerschaften und Liebe in sein Leben integrieren kann, wie diese Beziehungen unseren Lebenswege unverhofft kreuzen und bestimmen. Und wie wir darauf aus sind, aus diesem Umstand Glück zu münzen, was aber immer wieder eine frustrierende Angelegenheit ist, denn da sind zwei Menschen, zwei Vorstellungen vom Glück, und man kann nie wissen, ob sich diese Vorstellungen aufeinander zu bewegen oder schon wieder am Auseinanderdriften sind.

Es ist ein poetisches, gesetztes Buch. Es ist fast durchgängig tiefgreifend geschrieben, was es in gewissem Sinne besonders macht. Aber dieser Stil kreiert auch eine Oberfläche, die ein bisschen wie eine eingehaltene Sorgfalt wirkt und mich daher nicht ganz mitgerissen hat. Ich konnte an dem Buch viel gewinnen, aber viel erlebt habe ich bei der Lektüre nicht und auch über die Liebe hat das Buch zwar viel zu sagen, auch viel Greifbares, aber bleibt trotzdem vor vielen Schwellen stehen, statt sie zu übertreten.

Ein Buch, das einen schnell neugierig macht, das man schnell mit Erwartung liest. Diese Erwartung wird gleichsam eingelöst und gleichsam nicht. Wie in der Liebe.

Der totale Roman – zu André Gides “Die Falschmünzer”


“Nichts, was sich der Seele bietet, ist eindeutig, und vieldeutig bietet sich die Seele dar.”
Blaise Pascal

“Mensch sein, heißt Mensch WERDEN.”
André Gide

Romanen ist die Möglichkeit eingegeben, in den Räumen menschlichen Lebens jede Art von Erleben und Erfahren durchzuspielen, dabei zutage zu fördern, zu verdichten, zu reflektieren und zu versinnbildlichen – zusammengegossen durch Stil und gerührt durch das Erzählen. Jeder einzelne Roman bewältigt eine Fülle und Einheit von Offenbarungen, die er selbst in Gang gesetzt hat. Ein Roman ist nicht einfach eine Erzählung – er ist auch ein Ausschnitt des Blickes, denn das gesamte Bewusstsein der Menschheit je auf seine Umgebung, seine Existenz, sein Schicksal, seine Möglichkeiten geworfen hat.

“Die Falschmünzer” sind ein beeindruckendes Beispiel dafür; ein beinahe schlichtes, aber auf vollkommene Art und Weise arrangiertes Kaleidoskop menschlicher Typen, Sehnsüchte und Ansichten, durch welches das Licht einiger weniger Ereignisse fällt und vielfältig gebrochen wird; während der Erzählung wird des Öfteren die Perspektive gewechselt, Tagebucheinträge und Briefe spielen eine ebenso wichtige Rolle wie Gespräche und innere Analysen der Figuren. Es wird Theorie gemacht, es werden Überlegungen eingeflochten.

Dennoch wird alles, was bestimmend wirken könnte, dosiert und nicht überreizt. Man merkt es dem Roman auf jeder Seite an, dass er erforschen und nicht klarstellen will, dass seine Figuren ins Lebendige hineingeschrieben sein sollen und nicht nur Stoffbahnen sind, die zu einer guten Erzählung geschneidert werden können; denn dieser Stoff, so legt uns Gide mit viel Sensibilität und Gespür für menschliche Stimmungen, Missverständnisse, Ängste und Schwächen dar, aus dem wir sind, ist seinem Muster und seiner Art unterworfen, nicht aber einer Verwendung – diese Verwendung, von außen prophezeit, begünstigt, befohlen, ist die Krux, die wirkliche Aufgabe, die schwierigste.

Und so gilt: Errare humanum est, irren ist menschlich, und Gide zeigt uns seine Figuren nicht nur zerrissen in ihren Vorstellungen, Obsessionen und Absichten, sondern auch wankelmütig und stets von neuen Entwicklungen und neuen Stimmungen aufgenommen und umgetrieben. Diese Dynamik macht den Roman so lesenswert und nahezu alterslos.

Und noch mehr: es macht Gides Buch zum totalen Roman. Jede Variation zieht uns auf neue Weise ins Geschehen und fügt sich doch ein als weiterer kreisender Ring um den Kern, der immer wieder anvisiert wird: was treibt uns Menschen um, vorder- und hintergründig, was lassen wir außer Acht, was wird uns (plötzlich, aber als hieße das schon ewig) klar, was lernen wir zu verstehen, was bleibt uns zu entscheiden und warum sind so viel Entscheidungen unbewusst.

(„Haben sie noch nicht bemerkt“, kommentierte Hildebrant, „dass die entscheidenden Handlungen in unserem Leben, ich meine: jene, die geeignet sind, über unsere ganze Zukunft zu entscheiden, sehr oft unbedachte Handlungen sind?“
„Das glaube ich gerne“, erwiderte Audibert. „Es ist als stiege man in einen Zug, ohne nachzudenken und ohne sich gefragt zu haben, wohin er fährt. Ja, in den meisten Fällen begreift man erst, dass der Zug losgefahren ist, wenn es zum Aussteigen schon zu spät ist.“ (Seite 321))

Ich will “Die Falschmünzer” nicht zu hoch in den Himmel heben. Auch sie haben potenzielle Schwächen, wie etwa denn allzu glatten Ton, den Rahmen des Stils, der trotz seiner vielen Feinheiten und Stufungen eine gewisse Strenge in sich trägt und letztlich die Entscheidung, das Hauptaugenmerk schwer auf den Situations- und Figurenfacetten ruhen zu lassen und nur mit knapper Präzision die Handlung anzusprechen.

Aber eigentlich sind das alles keine Makel, denn man merkt, dass es Gide, dem wunderbaren Humanisten und Individualisten, bis in die kleinsten Spitzen seiner Erzählhaltung um das Wesentliche seiner Kunst, seiner Mitteilung geht. Er will uns immer wieder in den Figuren fixieren, in ihren Gefühls- und Entscheidungswelten, ihrer Ungeklärtheit. Er will nicht nur erzählen, er will uns konfrontieren, aus uns soll ein Teil dessen werden, was verhandelt wird, was eine Rolle spielt, in seinem Buch und im menschlichen Leben. So finden wir in vieles hinein und von dort in unser eigenes Leben zurück und haben einen vagen Moment der Begegnung (oder Wiederbegegnung) erlebt. Wir wurden aufgebrochen vom Kaleidoskop und fügen uns wieder zusammen. Und bleiben zurück mit einem Eindruck von all den Farben, die wir in uns gesehen haben. Und schließen den Deckel eines Romans, eines reichen Buches.

“Es kostet nicht die Welt, die Welt zu retten.”


Es ist eine traurige Wahrheit, dass die Wahrheit nur dann die Chance auf eine echt Wirkung hat, wenn sie mit der Beschleunigung der Lüge operiert, mit den Mitteln der Sensation. Nur haben Wahrheiten, wenn sie mit Lügen konkurrieren eben selten etwas Sensationelles, meist eher etwas Beängstigens. Und noch mehr: da bestimmte Wahrheiten für alle gelten, kann man sie leicht auf alle anderen Menschen abwälzen. So auch die Wahrheit über die Klimaerwärmung.

Ich gebe zu, ich bin ein Mensch der Worte. Taten liegen mir meist nicht. Ebenso bin ich niemand der weint, sondern vielmehr über den Schmerz reflektiert. Doch warum standen mir dann urplötzlich Tränen in den Augen, als die Nachrichtensprecherin, kurz und knapp sagte: “Es kostet nicht die Welt, die Welt zu retten. Aber wenn wir es nicht tun, kostet es uns die Welt”? Die Geburtsstunde eines Zitates, dass unsere Enkel vielleicht nicht mehr in ihre Poesiealben schreiben, das sich nicht einreiht zu den wichtigen Aphorismen, zum Indianerlied “Wir haben die Welt nicht von unserern Vorfahren geerbt, sondern von den Kindern geliehen”, zu “Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist gezwungen sie zu wiederholen” oder “Stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin.”

Warum diese Tränen der Rührung? Es ist eine simple Wahrheit, sie gilt für mich, sie gilt für alle. Ich verbrauche Strom, ich kaufe Plastikflaschen, ich bin nicht geizig, möcht aber selbst entscheiden, wo ich großzügig bin und nicht der Staat. Ein Mensch unter vielen. Unter 7 Milliarden um genau zu sein. Und ich sehe mich schon in der langen Kette derer, die sich zwar für etwas einsetzen, dass dann entweder durch die Ausdehnung zerfasert, oder, sehr viel wahrscheinlicher, einfach hier bleibt, eine Notiz ohne Wirkung, im Geschreibe der tausend Blogs, die sich alle nicht widersprechen, nur kommunzieren tun sie nicht.

Die lange Kette, die Stationen wie Live Aid hatte oder Al Gore’s Film “Eine umbequeme Wahrheit”. Wir haben diese Filme gesehen, wir haben von diesen “Aufständen”, diesem Gewissen gehört. Berührt es uns gar nicht, wollen wir denn nichts tun? Glauben wir, andere müssten etwas tun? Wenn heute Abend die Bundeskanzlerin sich im Fernsehen an das Volk wenden würde und sagen würde: Wir können den Planeten retten. Aber dazu brauche ich ihre Hilfe. Drehen sie das Licht aus, wenn sie aus dem Zimmer gehen. Stellen sie sich nicht gegen erneuerbare Energien. Glauben sie nicht denen, die sagen, der Klimawandel sein ein Schwindel. Setzen sie sich, ganz ohne Greenpeace, und ohne finanzielle Abgabe, für dieses große Projekt ein. Denken sie um. Halten sie ein, widerstehen sie einmal am Tag der Bequemlichkeit. Es kostet nicht die Welt, die Welt zu retten. – Würde es etwas bringen? Der Mensch hat doch die Freiheit, auf niemanden zu hören, außer sich selbst, oder. Ist das nicht Freiheit? Rousseau sagte: “Ich habe nie behauptet, dass Freiheit sei, dass man alles tun kann, was man will. Freiheit ist, nicht das tun zu müssen, was man nicht tun will.” Rousseau ist also bei diesem Problem keine große Hilfe.

Und wer kann was ändern? Die Reichen. Die Männer in Peking, die Herren in Berlin. Vor wem muss ich auf die Knie fallen, wer kann mich verstehen. Ich will, das jemand zuhört, aber die meisten hören nicht zu. Hat jemand anders geweint, oder nachgedacht, als er die Tagesschau sah. Oder hat er zwar den Fernseher eingeschaltet, das Fernsehen aber nicht.

Es ist alles nicht so einfach. Das denke ich immer, wenn manche Sachen nicht so schnell laufen, wenn manches sich verzögert. Und auch Demokratie ist ja eine langsame Sache, das schönste Kleid unter den Staatsformen, aber mit vielen Flicken und wer in dem Kleid steckt, das ist in ihrem System nicht vorgesehen, immerhin gewährleistet die Demokratie ja nur, dass wir nicht besser regiert werden als wir es verdienen – ja, lasst uns doch einfach drüber lachen. Sehen wir Kabarett und Grinsen wir über die Spaßmacher, die hinter die Probleme und Verarschungen der Regierungen und Banken gekommen sind. Lachen wir uns tot. Wer zuletzt lacht, ist der Klügste. Und die Dummen regieren vielleicht deshalb die Welt, denn sie haben verstanden: wer zuletzt lacht, dem ist es nur noch ein Witz und nicht das, was am Anfang war: Betrug und Verbrechen.

Die anderen werden es schon regeln. Ist eigentlich den meisten Menschen klar, dass das auch die anderen Menschen denken könnten. Dass die Herren ganz oben vielleicht jetzt gerade denken: solange die da unten nicht meinen, dass es was zu regeln gibt, okay, dann warten wir. Ich kann mein Geschäft weiterwachen, ohne das zu regeln.

Wir warten also lieber auf die Leute die dann sagen, dass das sowieso alles ganz anders ist. Wir warten den Meinungsflow ab, er wird ganz bestimmt kommen, dann ist sowieso wieder alles ganz anders, das beruhigt. Gibt ja keine Wahrheit, Wahrheit ist ein unerschöpflches Gut. Eisberge zwar nicht, ebenso wie Honigbienen oder Süßwasser, aber Gott war ja auch schön blöd z.B. das Süßwasser im Überfluss denen zu geben, die etwas daran ändern könnten, dass es auf der Welt zu wenig gibt. Und es ist schon anstrengend genug, diese Welt die auf den Abgrund zusteuert am Laufen zu halten, oder nicht? Warum sich anstrengen, zusätzlich, um einen anderen Kurst zu berechnen. Kursberechnungen sich schwierig. Man muss so viel tun, es wäre so viel tun. So viel wollen wir noch im Leben machen – ja und unsere Enkel wollen vielleicht noch irgendwas machen, die Dinge erleben, die wir schon erlebt haben und doch eigentlich ziemlich cool fangen. Wir haben zwar immer noch nicht Thomas Manns “Zauberberg” gelesen, würden wir gern mal, aber unsere Enkel und unsere Zeitgenossen würden überhaupt gerne lesen lernen. Das was wir können, einfach so. Was uns eine riesige Welt eröffnet. So toll, aber das haben wir schon gemacht. Kam eben in der Schule dran. Müssen wir nicht dankbar für sein, haben wir ja gelernt. Von Möglichkeiten spricht keiner.

Meine Tränen sind albern. Die Welt wird sich nicht ändern, sei lieber Pessimist. All die Hoffnungen, die du dir machst, weil so viel Gutes und Wahres schon gesagt wurde, sind doch überflüssig. Was hilft dir Brecht und sein “Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, der hat schon verloren”, wenn der Einsatz vielen Leuten so hoch erscheint, dass sie den Gewinn gar nicht sehen und sagen beides sei verlieren und mit weniger Mühe zu verlieren, sei dann doch schon ein Sieg.

Überall der Schlendrian der gegenseitigen Vorwürfe. Man macht den andern schlecht, man macht die gute Idee schlecht, damit sie genauso zweifelhaft wird wie die schlechte. Wir suchen keine Ausreden mehr für unser Tun, wir suchen Ausreden für unsere Ausreden.

“Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice. ”

Verzweiflung, damit kann der größte Teil der Menschen angeblich nichts anfangen. Dabei ist unsere Welt tief verzweifelt, voll uneingestandener Verzweiflungen, die wir kompensieren, mit Macht und mit Geld. Selbst die kleinste Macht lindert die eigene Verzweiflung – und Geld kann alles kaufen und irgendwo unter dem Alles, ist bestimmt das, was gegen Verzweiflung hilft. Also nicht auf die alle hören, ist ganz egal, Geld verdienen, auch wenn sie es noch so gut darstellen, das Geld nicht glücklich macht, wenn man alles haben kann und Geld kann das doch oder, dann hilft es, ganz bestimmt! … Wissen die, die alles wissen, eigentlich um die Seligkeit der Unwissenheit? Wer im Kreis geht, ist der ans Ende gekommen oder an den Anfang?

Hoffnung. Und jeden Tag so kleine Dinge die unser Dasein schön finden und uns davon erzählen. Aber Schönheit wird die Welt nicht retten, denken wir. Nein, wird sie auch nicht.  Doch: was wäre wenn sie der Schlüssel wäre, wären wir bereit die Tür zu suchen, auch wenn der Schlüssel aus purem Gold wäre und wir ihn leicht verkaufen könnten oder ausstellen könnten oder damit prahlen könnten, als Anhänger um den Hals oder ihn vielfach anderen geben könnten, ohne uns selbst je auf die Suche nach der Tür zu machen.

Meine Damen und Herren und alle die mir zuhören wollen, ich bin ein Idiot und liebe diese Welt. Es gibt genug auf dieser Welt. Nehmen sie alle Liebe dieser Welt die Mütter für ihre Kinder empfinden und alle Partner und wir haben genug Liebe. Nehmen sie all das Essen, das wir wegschmeißen und wir haben genug zu essen. Nehmen sie alles Geld, was gerade irgendwo liegt und wir haben genug Geld. Es geht nur darum, zu teilen. Es kostet uns nicht unser Wesen, ab und zu das Wesen eines anderen zu berühren. Aber es wird uns unser Wesen kosten, wenn wir es nicht tun.

 

Zu Klaus Manns letztem Buch: “André Gide und die Krise des modernen Denkens”


“Menschsein, das heißt Mensch WERDEN.”
André Gide

Klaus Mann, Sohn von Thomas Mann und vor allem bekannt als glühender Antifaschist, gehört, wenn auch nicht zu den größten, so zumindest zu den am meisten unterschätzten deutschen Schriftstellern des (frühen) 20. Jahrhunderts. Sein letztes Buch, eine Biographie von André Gide, ist ihm stilistisch und auch inhaltlich famos gelungen; er schafft es, einen äußerst beeindruckenden und sehr individuellen Geist sorgsam vor uns auszubreiten; seine Kenntnis des gideschen Werkes ist beeindruckend und teilweise fast schon intim, sodass es fast auf natürliche Weise zum Fixpunkt seiner Studie wird. Über den Menschen Gide erfahren wir daher eher viel im (Gegen-)Bezug zu seinem Werk.

Leider ist das Werk des frz. Nobelpreisträgers heute größtenteils in Vergessenheit geraten. Mal abgesehen von Die Falschmünzer, einem Roman der zweifellos zu den großen Errungenschaften in diesem Genre gehört und vielleicht noch Die Verliese des Vatikans ist kaum mehr etwas bekannt; kaum mehr gelesen werden solch wunderschöne kleine Bücher wie Der Liebesversuch, Die enge Pforte, ja, allgemein die kleineren Erzählungen Gides.

Und auch vergessen scheint ihr individueller Schöpfer, der Mann, der wie kaum ein anderer die Dialektik und Problematik der Moderne durchlebte, das Moralische ergründete, das freie Leben jenseits von Gut und Böse pries (Les Nourritures terrestres) den Kolonialismus erforschte, nur kurze Zeit dem Kommunismus angehörte und der trotz seiner langen Odyssee nie aufhörte nach Vollkommenheit zu streben: Le Paradis es toujours à refaire…
und der sein Leben lang trotz seines Kampfes gegen Institutionen wie die Kirche, seinem christlichen Glauben nie ganz entsagte und sein Leitmotiv in einem der wichtigsten Bibelzitate fand: “Den wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert, der wird es erhalten.”

“Wie reich man wird, wenn man sich verschwendet!”
Klaus Mann

Dieses Buch ist nicht nur eine Gideeinführung, es ist auch Konfrontation mit vielen Themen, die Mann, seine und Gides Generation beschäftigten, eine Reise durch ein Leben und eine Geistesgeschichte, die sich abseits der Moderne und doch in sie hinein entwickelte. Wer diese Reise im vollen Genuss erleben will, sollte vielleicht ein paar französisch Kenntnisse mitbringen, da das Buch viele Originalzitate, die nicht übersetzt sind, enthält. Trotzdem würde ich dieses Buch empfehlen, allein schon auf Grund der beiden Persönlichkeiten denen wir hier begegnen und die uns beide einiges über das allgemeine Leben und Werden und über die menschliche Botschaft, aber auch über ihre Epoche zu berichten haben, die diese Botschaft nicht “ensemble” getragen hat.

Gide war ein großer Mann, nach seiner eigenen Definition:
“Ein großer Mann hat nur einen Wunsch: So menschlich wie möglich – sei es selbst auf die Gefahr hin, oft gewöhnlich zu erscheinen. Gerade indem er dies tut, wird er – wie bewunderungswürdig! – auch seine Persönlichkeit durchaus entfalten. Wer sich aber vom allgemein Menschlichen auf die Enge des eigenen Ich zurückzieht, der verkümmert in grillenhafter Vereinsamung…

Als Humanist, als Denker, als Exzentriker, war Gide eine Ausnahmeentscheidung, eine Verfechter des Individuums und ein Denker, der sich gern von dem ablöste, was andere für selbstverständliche Bahnen in ihrem Leben hielten. Am Ende war er vor allem jemand, der die Kunst als ein Wesen zur Vermenschlichung empfand – und den Menschen als ein Wesen, das eine große Schönheit und Kraft bewahrt: das Leben.

“Und um wenn sollte man sich die Mühe geben, wenn nicht um den Menschen. Er hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist bereits in Teilen auf Amazon.de erschienen.